Matthias Horx  Trend- und Zukunftsforscher

Meine Philosophie

1) Sie haben mal davon gesprochen, dass „die Zukunft eine neue Erzählung braucht”. Was meinten Sie damit?

Es gibt zwei fundamentale Erzählungen über die Zukunft. Eine technische, und eine apokalyptische. Die Idee der „Zukunft” ist einerseits mit der Erwartung verknüpft, Technik sollte und könne irgendwann alles Leid, alle Unlust lösen. Andererseits sind wir als Menschen auf Angst gebaut und imaginieren immer das Schlimmste.

Gegen diese beiden verkürzten, unterkomplexen Erwartungen möchte ich einen differenzierteren, intelligenteren Zukunfts-Begriff durchsetzen. Wenn man so will einen „humanoiden” Ansatz: Menschen gestalten ihre Umwelt, und sie sind durchaus lernfähig, auch wenn sie nicht alle Kräfte, die ihr Leben beeeinflussen, kontrollieren können.


2) Für welche Art der Zukunftsforschung stehen Sie?

Es geht darum, durch die Sicht nach vorne klüger im Heute zu werden. Ich sehe mich in der Tradition der Aufklärung: des Versuchs, die Welt mit rationalen Mitteln, durch Versuch, Irrtum und Frage, neu zu verstehen. Ich arbeite an einer „integrierten Prognostik”, die Ansätze aus der System- und Spieltheorie, der Soziodynamik und der Verhaltensökonomie neu kombiniert.


3) Ihre 3 wichtigsten Thesen oder Theoreme?

Erstens: Das Soziale ist wichtiger als das Technische. Die Zukunft entscheidet sich als Kooperationsfrage zwischen den Menschen.

Zweitens: Wir können unsere Zukunft besser verstehen, wenn wir die Evolution verstehen. Evolution funktioniert durch Variation, Auslese, und in Grenzen, Adaption. Das gilt auch für ökonomische, politische, soziale, technische, menschliche Systeme.

Drittens: Zukunft ist weder das „ganz Neue” noch das „völlig Andere”. Zukunft entsteht durch Rekombination des Alten mit dem Neuen. Sie ist Produkt einer Rekursion, eine Schleifen-Bewegung, nicht eines linearen Prozesses.


4) Ihnen wird öfter blauäugiger Zukunfts-Optimismus vorgeworfen. Was sagen Sie dazu?

Ich fühle mich weder als Optimist noch als Pessimist, sondern als Possibilist. „Ich bin Skeptiker, also kann ich kein Pessimist sein”, hat Milan Kundera einmal formuliert.

Als Zukunftsforscher versuche ich allerdings dazu beizutragen, dass wir von den ständigen Angst- und Befürchtungsmustern zu Imaginations- und Kooperationsfragen kommen. Die Apokalypse, der Untergang, ist letztendes eine infantile, umgekehrte Größenwahns-Phantasie, die uns jeglicher Verantwortung entledigt. Um es mit Carl Zuckmayer auszudrücken: „Die Welt ist nicht gut, aber sie kann immerhin besser werden!”


5) Wie wird man Zukunftsforscher?

Es gibt keine „Ausbildung” für diesen Beruf, wobei der Begriff „Ausbildung” eben auch etwas über unsere Vorstellung von fixiertem Wissen aussagt. Man braucht unendlich viel Neugier, Zweifel, innere Unruhe. Und eine gewisse analytische Kühle, die nicht herzlos ist.

Letztendes geht es um Mustererkennung, und Muster kann man nur aus dem „Orbit” erkennen, also in der Übersicht, die durch die Distanz zur Welt entsteht. Allerdings muss es eine liebende, zugeneigte Distanz sein.


6) Sie haben einmal von der „Irritation und Provokation” gesprochen, die gute Zukunftsforschung ausüben muss. Wie ist das zu verstehen?

Keine Angst, ich bin immer höflich und positiv zu meinen Kunden! Aber Zukunftsforschung muss die Welt aus einer neuen Perspektive zeigen, sie darf den Zuhörern nicht nach dem Mund reden! Gute Zukunfts-Arbeit besteht immer in einer produktiven Störung: sie stellt das Gewohnte und Angelernte, das Klischee darüber, wie die Welt ist und wird, in Frage. Zukunftsforschung muss, will sie nützlich sein, immer auch reflexiv, zweifelnd bleiben. Wir nennen das auch das „delphische Ethos”, nach dem Orakel von Delphi, das denjenigen, die ihm eine Frage stellten, immer auch eine kluge Rückfrage mit auf den Weg gab.


7) Wer sind ihre grössten Feinde?

Feinde gibt es nicht, aber Widersacher, mit denen ich mich gerne streite. Es sind die Angstmacher, die Alarmisten, die eitlen Vereinfacher, die Ideologen, die Nachbeter, die Wünsch-Dir-Was-Utopisten, die Zukunfts-Opportunisten, die alles nachbeten, was irgendwie mal in einer Zeitung gestanden hat, vor allem das Negative.


8) Kann man die Zukunft überhaupt voraussagen?

Nicht in jedem Detail, aber in vielen grundlegenden Entwicklungen. Wenn man die Daten und Gesetze eines Systems, auch eines sozialen Systems kennt, kann man eine Menge Aussagen über seine wahrscheinliche Zukunft machen. Man kann dies mit einem Scheinwerferlicht vergleichen, mit dem man ins Dunkle leuchtet: Einiges bleibt unscharf, aber auch wenn man nicht alles erfasst, gibt es doch Reflektionen, an denen man eine Menge erkennen kann.

Systemische Zukunftsforschung versucht, Zufälle von Kontinuitäten zu trennen, Koinzidenz von Kausalität zu unterscheiden. Auch Zufälle entstehen und verlaufen in bestimmten Gesetzmäßigkeiten, sie sind probabilistisch/stochastisch beschreibbar. Hegel schrieb: „Der Zufall ist die Form, in der sich das Notwendige durchsetzt.”


9) Gibt es notwendige Qualifikationen, eine Ausbildung?

Es existieren weltweit einige Studiengänge, die zu einem Bachelor oder Master in prognostischen Techniken führen (www.horx.com/Zukunftsforschung). Ich selber lehre Trend- und Zukunftsforschung als Dozent an der Zeppelin-Universität am Bodensee, im Rahmen angewandter Kulturwissenschaften.

Darüber hinaus gilt, dass, man wahnsinnig viele Bücher, Zeitschriften und Studien lesen muss. Man sollte über die wichtigsten und aktuellsten Erkenntnisse der Sozial-, Geistes- und Naturwissenschaften auf dem neuesten Stand sein. Und den Mut haben, ständig dem Vorwurf der Unseriösität ausgesetzt zu sein.


10) Wie oft haben Sie sich geirrt?

Die Aufgabe von Trend- und Zukunftsforschern besteht nicht darin, unentwegt Prognosen von sich zu geben, im Sinne von „das und das wird passieren”. Das ist eher eine Aufgabe für Propheten, die damit meistens einen bestimmten Zweck verfolgen („Folgt mir und gebt mir Euer Geld!”).

Sie hat drei Kern-Aufgaben.
Erstens muss sie Veränderungen - Trends - frühzeitig erkennen, benennen und dokumentieren. Um den Erfolg dieser Arbeit zu messen, liest man am besten mein Trendbuch 1 und Trendbuch 2 aus den 90er Jahren. Dort ist dokumentiert, welche sozio-ökonomischen Entwicklungen wir damals in den Embryonalstadien gesehen haben.

Zweitens muss Zukunftsforschung SZENARIEN entwickeln, in denen sich Wahrscheinlicheiten, aber keine Sicherheiten abbilden.

Und schließlich müssen wir Tools entwickeln, mit denen man Systeme besser verstehen kann, was dann auch zu richtigen oder falschen Prognosen führen kann. So sind wir zum Beispiel mit unserem „Technolution”-Modell in der Lage, sehr gut zu prognostizieren, ob eine neue Technik oder Technikanwendung ein Flop oder eine Nische oder ein Erfolg wird. Diese Detail-Arbeit findet allerdings eher diskret in unmittelbarer Arbeit mit unseren Kunden statt, sie ist nicht öffentlich.


11) Ist Zukunftsforschung eine Wissenschaft?

Wir sprechen eher von einer UNIVERSAL-DISZIPLIN, deren Ziel darin besteht, die verschiedenen Teil-Wissenschaften von der Soziologie und Ökonomie bis zu den Kognitions- und Systemwissenschaften zu einem ganzheitlichen Wandlungs-Diskurs zu verbinden.

Die Kognitionsforscherin Sandra Mitchell formulierte: „Die Welt ist ein reichhaltiges, vielgestaltiges, verwobenes Gefüge aus vielen Erklärungen und Erklärungsebenen, die integriert werden müssen, um zur Grundlage für effiziente Voraussagen und Handlungen zu werden.”


12) Was ist der Unterschied zwischen Trendforschung und Zukunftsforschung?

Trendforschung bezieht sich auf soziale, kulturelle, ästhetische Wandlungsprozesse, die HEUTE stattfinden. Man kann in der Trendforschung mit „journalistischen” Methoden arbeiten, mit teilnehmender Beobachtung, statistischen Methoden, aber auch mit einem trainierten „Bauchgefühl”.

Zukunftsforschung hingegen ist eine Systemwissenschaft, in der es um die Bildung von komplexen Prozess-Modellen geht. Trendforschung dient eher der kreativen Anregung von Innovationen. Zukunftsforschung richtet sich an den Strategen, der mit hoher Komplexität umgehen und langfristige Entscheidungen treffen will.


13) Müssen wir Angst vor der Zukunft haben?

Angst ist eine anthropologische Konstante. Da die Zukunft immer zu einem gewissen Teil unsicher ist, und da wir als Menschen verletzlich und sterblich sind, lautet die Antwort: Ja, wir müssen Angst haben, denn das ist unser inneres Wesen!

Die viel wichtigere Frage ist jedoch, ob wir uns von Angst blenden und bestimmen lassen müssen. Angst kann ganze Gesellschaften verdummen und in den Ruin führen, sie eignet sich zur Manipulation. Deshalb ist gelungene Zukunft immer die Moderation der Angst, ihre Umformung in handelndes Erkennen. Eugene Delacroix hat einmal gesagt: „Das Geheimnis, mit dem ich meine Ängste bekämpfe, sind Ideen!”


 



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