Future View
17.06.2011
Das Angst-Gen
Warum haben Deutsche so viel Angst? Vor Ausländern, Leistungsstress, Gurken, Burnout, Mobbing,
vor Überfremdung, Aussterben, Waldsterben, Hartz vier und fünf und sechs?
Vor Feindstaub und Industrie-Food und Bio-Food (neuerdings), vor Strahlung, Bahnhöfen, Stromtrassen,
vor Komasaufen und Inflation und Deflation und dem „Griechen-Horror” (BILD).
Warum glauben 80 Prozent der Deutschen, dass die Zukunft in jedem Fall schlechter sein wird als die Gegenwart
und „alles immer schlimmer wird”, vor allem die Jugend? Und vor allem: warum reden sie so unglaublich gerne darüber?
Eine mögliche Antwort ist: weil Deutsche klüger und sensibler sind.
Anders als arrogante Franzosen, dumpfe Engländer und naive Amis verstehen sie, dass die Welt TIEFE hat,
ein einziger Gefahrenort ist, das Leben brüchig, fragil, von Wagner-Akkorden durchklungen.
Diese Sensibilitäts-These ist so alt wie die Deutsche Romantik.
Sie geht zurück auf die deutschen Übersensibilisten, die die deutsche Geschichte immer schon geprägt haben,
man nehme Rilke, Heine, Hesse, König Ludwig, Helmut Kohl und Margot Käßmann.
Eine andere Antwort hat der Molekularbiologe Peter Gruss neulich in einer Rede, bei der Angela Merkel aufmerksam zuhörte, präsentiert.
Die neue neurogenetische Forschung hat nachgewiesen, dass bestimmte „Gefühlsbereitschaften” tatsächlich vererbbar sind.
Schlüssel zu dieser Tatsache ist die Epigenetik. Ein Forschungszweig, welcher die Art und Weise analysiert, wie die Expression von Genen in Zellen stattfindet.
In ihrer Kindheit durch Gewalt oder Missbrauch traumatisierte Kinder, so sagen uns die Epigenetik-Forscher,
können ihre Angstbereitschaft tatsächlich auf genetischem Wege an ihre Nachkommen weitergeben.
Diese weisen dann eine besonders stark „ausgebaute” Amygdala (das Angstzentrum im Hirn) aus.
Millionen von Deutschen, die in den Weltkriegen Erfahrungen von Flucht, Zusammenbruch, Vermögensverlust und Krieg erleiden mussten,
haben die erlittenen Ängste auf ihre Kinder übertragen – und nun binden sich diese Ängste an aktuelle Phänomene. Griechenland ist Weimar.
Aber vielleicht braucht es noch nicht einmal die Gene. Die Memetik – auch dies eine neue Wissenschaft –
erklärt uns das Hirn selbst als einen Operationsraum von kulturellen Musterbildungen.
Wie EHEC-Infektionen pflanzen sich bestimmte Überzeugungen und Weltbilder im kollektiven Bewusstsein fort – und führen dort ein Eigenleben.
Die allgegenwärtigen Medien beschleunigen diesen Prozess, und auf diese Weise entsteht ein Super-Mem aus Befürchtungslagen.
Die simpelste Antwort hat jedoch noch niemand formuliert. Vielleicht, weil sie so profan ist.
Man nennt dies den „Negativitätsvorteil”: Wer Angst hat, genießt schlichtweg Privilegien.
Er kann nie unrecht haben, denn wenn es nicht so schlecht kommt, wie er befürchtete, lag es daran, dass er so gut gewarnt hat.
Angst adelt. Angst autorisiert. Wer Angst hat, hat für nichts Verantwortung...
Entweder die Anthropologen können uns das als ein altes Schamanen-Phänomen erklären,
wonach die „Schwarzseher” immer schon die beste Hütte und das beste Fleisch bekamen.
Oder in unserer Gesellschaft wird schlichtweg kindliche Regression belohnt.
Mit Sendezeit, Aufmerksamkeit und dem wohligen Gefühl der Schicksalsgemeinschaft.
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Kommentare
Johannes G. (28.08.2011)
Ich halte es für gar nicht so kompliziert und wissenschaftlich. Das Gegenteil von Angst ist nicht Mut, sondern ganz einfach: Liebe und Vertrauen.
Den Deutschen fehlt genau das und darüberhinaus ein Vorbild. Es fehlt ein guter akzeptierter, vertrauenswürdiger „Vater”, ein liberaler Glaube –
ein idealistisches, starkes, vertrauenswürdiges Vorbild, eine positive, echte menschenfreundliche Seele mit Geduld und Liebe. Und es fehlt ein konstruktives, positives Aushaltevermögen.
Darüberhinaus fehlt eine bessere Wahr-nehmung für die wichtigen vitalen und gesunden Dinge anstelle von unreflektiertem Konsum. Es fehlt an Verantwortungsgefühl und Reife.
Es fehlt eben Vieles, was ein guter Vater hat um das oben genannte besser zu können. Die verantwortungsbewusste Reife Liebe. Als Gegenteil von Angst.
Oliver F. (04.07.2011)
Sie erwähnen die alte These, die Deutschen seien einfach sensibler als andere Völker.
Interessanterweise scheinen Sie diese These zu teilen und lediglich die Sensibilität nicht – wie sonst häufig – positiv, sondern eben negativ zu werten.
Wie anders ist Ihre Aussage zu verstehen, die Übersensiblen hätten die deutsche Geschichte schon immer geprägt?
Hier schwingt Animosität mit und es ist nicht mehr weit zu einer ebenfalls sehr deutschen Selbstablehnung, die neidisch auf das vermeintlich optimistischere Ausland schaut.
Wissenschaftliche Erklärungsmuster für die (angeblich) stärkere Angst der Deutschen stellen übrigens keine Alternative zum Erklärungsmuster "Sensibilität" dar,
sondern liegen lediglich auf einer anderen Ebene. Sie könnten eben jene behauptete Sensibilität erklären. Wie diese dann zu bewerten ist, wäre eine andere Frage.
Und: Wenn die Deutschen ängstlicher sein sollten als andere Völker könnte man vielleicht sagen: "Aus Schaden wird man klug".
Immerhin zeigen zwei Weltkriege, wozu Menschen fähig sind. Es nützt gar nichts, das zu übersehen.
Oder wie es Kierkegaard sagte: Die Angst kann uns lehren, dass das Schrecklichste jederzeit passieren kann und
dass oberflächliche Sicherungsmaßnahmen letztlich nichts bringen, sondern nur eine andere, tiefere Einstellung zum Leben.
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