Zukunfts-Kommentare
23.09.2011
Geniale Dilettanten
Es ist wirklich rührend anzusehen, wie die Piraten den medialen Eingemeindungs-Ritualen anheimfallen, wie sie verstanden, gestreichelt, gehätschelt, befremdet und beargwöhnt werden.
Zum Beispiel in der Talkshow von Anne Will am Mittwoch. Während die ewige Hornbrille Roger Willemsen alles pirateske altherrenhaft guthieß,
der CDU-Vertreter im Zustand heiterer Selbstbeklagung verharrte („Wir haben natürlich diese Themen nicht verstanden!”),
und Bärbel Höhn von den Grünen unentwegt beleidigt wirkte, kippte die Debatte nach kaum einer halben Stunde in das übliche Kasperletheater um.
Parteienstreit. Gehacke zwischen CDU und FDP. Europa! Steuerpolitik! Medienschelte! Der nette Piraten-Nerd musste nur dasitzen und grinsen.
Sein knapper Kommentar „Wenn ihr so weitermacht, ist es doch ganz klar, dass wir immer stärker werden!”, ging im Getöse unter.
Was unterscheidet die Piraten von allen anderen politischen Bewegungen? Dilettantismus.
Stammt aus dem lateinischen delektare – sich erfreuen – und hatte früher nicht den denunziatorischen Beiklang wie heute.
Ein Dilettant konnte durchaus vollendete Kenntnisse und Fähigkeiten erlangt haben. Er hatte bloß keine formale Ausbildung, keinen „Abschluss”.
Vor zweihundert Jahren diente das Wort als Bezeichnung für eine Leidenschaftlichkeit, die sich von der Dekadenz des Adels, seiner Blasiertheit, unterschied.
Heute verändert sich die Welt schnell in Richtung Komplexität, und nun wirken die Parteien wie blasierte Adelige, die auf ihren ideologischen Fürstentümern hocken.
Die Dogmen von vorgestern, ob rot oder schwarz oder grün oder gelb, sind schlicht unterkomplex. Die Profis der Finanzmärkte, die seriösen Ökonomie-Professoren,
sind auf ihren Gewissheiten sitzengeblieben wie auf einem Haufen faulender Bananen. Nur guter Dilettantismus ist in dieser Situation in der Lage, nach vorne zu sehen.
Die Legalisierung von Drogen zum Beispiel. Ein Tabu! Offenbar hat keiner mitbekommen, dass es globale Initiativen von Wissenschaftlern und Politikern gibt,
die in Legalisierung die einzig mögliche Perspektive der Drogenbekämpfung sehen. Zum Beispiel ist Kofi Annan ein Befürworter. Oder der englische „Economist”.
Fahrscheinlose Fahrt im öffentlichen Nahverkehr? Naiv! Aber schauen wir mal genauer hin. Eine Verkehrsumlage auf alle, wie die Piraten sie skizziert haben,
würde jede Menge teure Kontrollen überflüssig machen. Könnte dies auf Dauer nicht zu einer Belebung und „Kulturisierung” der öffentlichen Räume führen,
womöglich zu einer ganz anderen urbanen Mobilitäts-Kultur? Starbucks in Straßenbahnen, Internet-Cafes in allen U-Bahnen, Galerien in Unterführungen?
Das Internet nicht nur als weiteres Marketing-Instrument, sondern als Grundlage neuer Demokratieformen?
Man könnte sich ja „einarbeiten”, wenn man davon noch keine Ahnung hat. Dilettantismus ist eine Arbeitsmethode der fragenden Neugier.
„Evidence Based Politics” nennen Systemwissenschaftler eine neue Methode, Politik nicht moralisch oder ideologisch oder „prinzipienhaft” zu verstehen,
sondern als gelenktes Experiment. Genau in dieser Phase sind wir heute: Wir müssen den Weg in die Zukunft tastend finden, wenn es eine Zukunft geben soll. In komplexeren Welten sind wir alle Dilettanten.
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Kommentare
Tom (28.09.2011)
Ich glaube die Piratenpartei steht hier nur als Synonym für eine Zeit, in der Umdenken unausweichlich ist,
will man nicht vollends den Anschluß an das „Morgen” verpassen.
Unsere politische Landschaft erscheint mir heute wie ein Stahlkoloss dem der Treibstoff ausgegangen ist.
Steif und unflexibel wird nur noch reagiert, aber nicht mehr agiert, zumindest nicht mehr was die Probleme vor der eigenen Tür angeht.
Dass die Piraten soviel Zuspruch finden, mag daher vielleicht auch an der Tatsache liegen, dass die Piraten sich mit den Problemen der Bürger befassen
und sich weniger Gedanken um Rettungsschirme oder Auslandseinsätze deutscher Soldaten machen.
Abgesehen davon kann die „U-Bahn Idee” durchaus deutschlandweit greifen und unter Umständen weitreichendere Folgen haben als man denkt.
Ebenso wie die Drogenproblematik, deren Legalisierung sicherlich ungeahnte, wünschenswerte Konsequenzen und zwar Weltweit haben würde.
Was die Frauenquote angeht denke ich nicht, dass die Piraten Frauen ausschließen. Mit den richtigen Themen werden sie auch für die Frauen eine interessante Alternative werden.
Holger (25.09.2011)
Sehr geehrter Herr Horx, als Leser ihrer Bücher ist es doch etwas verwunderlich, dass sie sich derart über eine neue Partei wie die Piratenpartei freuen.
Diese „Jungs” haben so gut wie keine Frauen mit dabei, sind vollkommen verpeilt und geben zu keine Ahnung von gar nichts zu haben.
Das kann doch gar nicht funktionieren! Wenn man sich erst nach der Wahl überlegt, was man will, ist doch der Streit vorprogrammiert.
Die fast frauenlose Partei wird sich binnen weniger Monate bei jeder etwas wichtigeren Entscheidung zerstreiten, weil dort Ansichten und Welten aufeinanderprallen werden.
Auch wenn mir die Piraten erst noch sympathisch waren und ich sie als Berliner fast gewählt hätte, wurden sie mir zunehmend unbehaglicher.
Ein Zusammenschluss von intellektuellen Frauen und Männern mit klarem Konzept und wegweisenden Zukunftsideen, das wäre doch mal was.
Ein alberner Haufen, dem die Berliner 9% hinterherwerfen, weil sie das irgendwie hip, cool und trendy finden gratis U-Bahn zu fahren und sonstiger Quatsch.
Ich kann damit nicht viel anfangen. Dann doch lieber ein Wowereit, der demnächst ein neues Buch zum Thema Integration herausbringt.
Die Berliner Probleme sind einfach zu groß und zu schwer, um einen Haufen pubertärer Männer hier Kasperletheater aufführen zu lassen (und ich sage das als 29jähriger Abiturient).
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