Matthias Horx  Trend- und Zukunftsforscher

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Future View

13.08.2010

Glückskekse

Die weltweite Meinungsforschungs-Agentur Gallup hat dieser Tage wieder einmal das „Glücks-Ranking” der Welt veröffentlicht. Auf den ersten vier Plätzen (von 155) die üblichen Verdächtigen: Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland. Das „Nordische Modell” mit seiner spezifischen Mischung aus Bürgersinn, Innovations-Kultur und einem soliden, aber eben auch effektiven Sozialstaat, ist schlichtweg unschlagbar in Sachen Lebenszufriedenheit.

Auf den hintersten Plätzen wie erwartet die bitter armen Länder Afrikas. Aber auch einige Überraschungen brachte die neue Zählung der Lebenszufriedenheit (gemessen wird nicht das subjektive Glücksempfinden, sondern die Zufriedenheit mit der allgemeinen Lebenssituation – ein entscheidender Unterschied). Israel zum Beispiel kam auf Platz 8, Costa Rica auf Rang 6, selbst das bürgerkriegsgeplagte Kolumbien brachte es unter die ersten 20 Plätze, ebenso der von Öl und Hitze geplagte Wüstenstaat Turkmenistan.

Welche Zukunfts-Botschaft lässt sich hier erkennen?
Erstens: Die Idee der „glücklichen Armut” ist eine zynische Projektion. Die hierzulande oft geäußerte Meinung, nach der materielle Prosperität eher das Unglücklichsein befördert, ist ein Relikt eines mentalen Postkolonialismus, nach dem die armen Wilden doch bitte tanzen und ökologisch glücklich sein sollen (während man selbst es sich anderweitig gutgehen lässt). Man kann in schweren Lebens-Situationen bisweilen eine trotzige Euphorie empfinden, im Slum fröhlich sein, aber „Glück” in einem dauerhaften Sinn bedeutet, dass Menschen Lebenskompetenzen entwickeln, die sie auch anwenden können. Dafür braucht man berechenbare Umwelten, keine Lottogewinne.

Zweitens: Armut allein macht nicht unglücklich, wenn sie mit Hoffnungen und Perspektiven verbunden ist. Costa Rica befindet sich in einem erstaunlichen Aufschwung; ein Land, das seine Wälder wieder aufforstet, den Öko-Tourismus entwickelt, sich der Globalisierung geöffnet hat. Und – womöglich kein Zufall – im Februar diesen Jahres eine Frau als Präsidentin wählte. Eine Art hoffnungsfrohes Gegenmodell zu Haiti, dessen soziale Herkunfts-Struktur es teilt. Israel befindet sich zwar in einem chronischen Konflikt, ist aber ein Land voller Wünsche, Innovationen und Exzentriker.

Glücklich werden wir, als Menschen oder Länder oder Nationen, wenn wir Herausforderungen meistern. Wenn wir berechtigt hoffen können, uns als Persönlichkeiten weiter zu entwickeln, etwas Neues zu entdecken, aufzubrechen. Deshalb ist es kein Wunder, dass sich die muffeligen Deutschen nur auf Platz 33 wiederfinden. Wir starren immer noch wie die Kaninchen auf die Schlange auf die alten Wohlstands-Indikatoren. Wenn sich das Bruttosozialprodukt einen Millimeter nach oben oder nach unten bewegt, schreien alle Zeter oder Mordio und rufen abwechselnd nach Subventionen oder Umverteilung. Wie wäre es mit einem Glücks-Wettbewerb zwischen Sachsen, Bayern, Schleswig-Holsteinern, Berlinern etc? Wer am wenigstens grantelt, jammert, nörgelt, den Kapitalismus/ Werteverfall/ Klimawandel/ „die Politiker” für alles verantwortlich macht, hat gewonnen. Das Ausland würde sicher satt staunen, wenn wir „die glücklichsten Deutschen” wählen würden. Und wir selber auch.

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Kommentare

Martin (13.03.2010)
Ich kann gar nicht glauben, dass jemand „glücklich sein” als überwertet abtut. Selbst, wenn es kein Dauerzustand ist, sind es doch die Glücksmomente, die das Leben lebenswert machen. Glücksmomente sind meistens (immer?) Zeichen, dass uns etwas Gutes und Wertvolles gelungen/passiert ist. Das kann ein schöner Abend im Kreise guter Freunde oder der Abschluss einer schwierigen Arbeit sein. Wer sowas nicht erlebt oder schätzen kann, ist zu bemitleiden.

Tom (24.09.2010)
„Glücklich sein” wird doch total überbewertet. Schon in der Definition dieser Aussage gibt es so viele Interpretationsmöglichkeiten, dass "glücklich sein" wohl reine Ansichtssache ist und daher auch nicht repräsentativ in einer Umfrage zu einem aussagekräftigen Ergebnis führen kann. Jedenfalls ist "glücklich sein" kein natürlicher Dauerzustand, für niemanden. Es sei vielleicht man ist Autist und lebt in seiner eigenen, abgeschlossenen und friedlichen Welt. Haben die skandinavischen Bewohner also mehr Glücksmomente als wir? Oder schaffen wir Deutschen es nur schneller sie wieder zu vergessen? Hängt möglicherweise auch von der Fragestellung ab ;-)

Dietmar B. (28.08.2010)
Ahoi aus Hamburg! Ist es vielleicht auch sinnvoll, kurz die Fragestellung zu skizzieren, die zu den Ergebnissen führt? Vor acht Jahren kam die EU mit einer Studie heraus, die den nordeuropäischen Ländern das emsigste Leseverhalten bescheinigte. Die Leute, die laut Gallup in Europa am glücklichsten sind, lesen am meisten. Bedeutet das etwas? Nein. Bestimmt nicht, dass Lesen glücklich macht. Damals fanden sich Soziologen, die den Lesefleiß in der religiösen Tradition begründeten. Die Art Reformation, die in den skandinavischen Ländern die Kultur bestimmt hat, fordert Buchlektüre. Sie fordert noch etwas anderes: Glück als Beweis der Rechtschaffenheit. Wer glücklich ist, ist das demnach, weil er ein moralisch gutes und gerechtes Leben führt. Ein Mini-Schritt weiter: Wer beteuert, dass er glücklich ist, beweist damit, dass er auf dem richtigen Weg ist. Real ist daran gar nichts. Real ist der hohe Verbrauch an Anti-Depressiva in den vorgeblich glücklichen Ländern. Auch da, wie beim Glück, liegen sie an der Spitze. Können wir nachmachen...

 

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