Future View
04.02.2011
Von LOHAS und MALOS
Vor einigen Jahren machte der Kürzel-Begriff LOHAS die Runde: Abgeleitet vom englischen „Lifestyle of Health and Sustainability”
wurden damit die aufsteigenden städtischen Bildungs-Mittelschichten bezeichnet, die ihre Kinder gerne auf alternative Schulmodelle schicken,
und aus ihrer Sorge um die Zukunft des Planeten Konsequenzen ziehen wollen – auch in Kauf- und Alltagsverhalten.
In den letzten Monaten wurde eine neue Gruppe sichtbar, die eine Art Gegenentwurf zu den Lohas bildet. Man könnte sie als MALOS bezeichnen:
Male Affluent Loosers of Security. Männliche Status-Angstverlierer.
Man begegnet dieser Gruppe überall dort, wo in den letzten Monaten die grossen gesellschaftlichen Debatten tobten.
In den Talkshows, auf den Leserbriefseiten der Zeitungen, in allen Blogs, in denen die Reizworte „Islam” oder „Erziehung” oder „Frauenquote” vorkommen.
Dort vergießen sie Kübel von Polemik „ aber mit erstaunlich gebildeten Worten.
MALOS sind keineswegs Verlierer. Ihr Einkommen und Bildungsniveau liegt über dem Durchschnitt. Aber sie fühlen sich so, als ob ihnen ständig etwas entgleitet.
Die Kinder machen nicht mehr das, was sie sollen (sollten wir da nicht von den chinesischen Erziehungs-Methoden lernen?).
Die Frauen verwirren sich in männlichen Verhaltensweisen, statt sich um das zu kümmern, was ihnen eigentlich Freude und Bestimmung bringt: Familie.
Nichts ist mehr, wie es früher war. Oder eigentlich sein sollte.
Im MALO-Dasein verbindet sich die ständig in den Medien wiederholte Wertezerfall- und Apokalypsevermutung mit dem subjektiven Verlust der kulturellen Deutungsmacht.
Der Malo ist keineswegs rechts. Gott bewahre! Es geht um Anstand, um Moral, um Haltungen. Obwohl er gebildet genug wäre, zu verstehen,
wie Thilo Sarrazin sich die Welt in Zahlen zurechtgebogen hat, wird er auf jedem abendlichen Essen sagen: „Aber Sarrazin hat ja am Ende DOCH recht!”.
Begründen wird es das zur Not mit dem Argument, dass es ja „Zeitgeist” sei, gegenSarrazin zu sein. Der Malo ist ein umgedrehter Opportunist, ein Rebell ohne coming out.
Man darf die MALOS nicht mit dem „Wutbürger” verwechseln. Die Empörung des Wutbürgers stammt aus der reichlich pauschalen Empörung gegen „die da oben”.
Der Wutbürger lässt seinen Zorn ungefiltert heraus. Der MALO kocht dagegen an seinem Schreibtisch. Der Wutbürger will zeigen, dass er dagegen ist –
auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen. Der MALO will oben dazugehören. Aber er hat das Gefühl , dass er das auf Dauer nicht schafft. Dass ihm unentwegt die Kontrolle entgleitet.
Knapp 70 Prozent von Sarrazins Lesern, so zeigt eine entsprechende Studie, sind männlich. Sie sind eher überdurchschnittlich ehrgeizig,
aber gleichzeitig sehr ordnungs- und sicherheitsbetont. Sie reisen nicht so gerne, vor allem nicht fern. Sie sind häuslich, risikoscheu,
und geben in der Mehrheit an, dass sie das „Lustprinzip” nicht mögen.
Ich fürchte, über unsere gesellschaftliche Zukunft entscheiden weniger die LOHAS als die MALOS. Das war, auf fatale Weise, besonders in Deutschland schon immer so:
Die verdrängten und verdrucksten Ängste machen die eigentliche Politik. Die Verklemmungen derer, denen der Mut zur jener Selbstveränderung fehlt, die die Zukunft braucht, verhindern die Zukunft.
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Kommentare
Thomas F. (17.04.2012)
Es gibt noch eine andere Erklärung: Die von Ihnen verspotteten Menschen machen sich ernsthaft Sorgen.
Sie merken, daß in der Politik Kompetenzen vom Bundestag in ein fernes Gremium in Brüssel hergegeben werden,
sie merken, daß eine abenteuerliche Aktion namens "Energiewende" gefahren wird, ohne die elementarsten Grundlagen des Projektmanagements zu beherzigen.
Und sie merken, daß die Bergpredigt und die Aufklärung peut a peut durch frühmittelalterliche Visionen ersetzt werden.
All das lassen die vergnügten ewig Gestrigen, die noch heute den Muff von Tausend Jahren beseitigen wollen, geschehen.
Auf ihren Flachbildschirmen laufen dreidiemensionale Filme. Was in der Wirklichkeit passiert – wen juckts, das sind doch alles bloß "MALOs".
Jörg B. (27.08.2011)
Volltreffer! Genau die Sorte, die sich seit Jahren auf Schritt und Tritt in den Leserkommentarrubriken so ziemlich aller Online-Zeitungen auskotzt,
am ekelhaftesten sicherlich auf Welt Online, aber Zeit, taz, SZ und sogar der „Spiegel” holen in letzter Zeit merklich auf, was den MALO-Koeffizienten angeht.
Nein, natürlich ist der MALO nicht rechts in der Art wie knobelbecherbolzende Nazi-Skins rechts sind, nein, er betont ja auch auf Schritt und Tritt seine US- und Israelfreundlichkeit
(wohinter sich bei näherer Betrachtung hauptsächlich Bush- und Netanjahufreundlichkeit verbirgt), und in seinem Weltbild sind Nazis ja auch nur Linke,
weil National-Sozialisten und davon abgesehen sowieso alles Unterschicht-Loser, etc. pp. ad nauseam. Nein, er sehnt sich einfach nur zurück in die heile Welt vor 1968,
als Vatter noch bestimmte, wo es lang ging, die Tanzschulen voll waren, der Kuppeleiparagraph unnachsichtig durchgesetzt wurde,
niemand den hart arbeitenden (tm) Normalbürger nach Feierabend mit penetranter Hinterfragerei von allem und jedem nervten,
„Asoziale” in KZ-ähnlichen Barackenghettos untergebracht waren und man in jedem Tante-Emma-Laden Rohrstöcke kaufen konnte.
Es würde mich wirklich mal interessieren, welcher Generation der typische MALO eigentlich entstammt (in den Kommentarspalten erfährt man ja normalerweise nichts darüber)...
ist das die vielgeschmähte „Generation Golf” (also meine Altersgenossen), biedere Popper, die nie eine andere Utopie als „Lebenslänglich Playmobil!” hatten,
mit 25 schon an ihre Rente dachten und jetzt allmählich Muffensausen bekommen? Sind das alt gewordene 70er-Jahre-Politfreaks aus der zweiten Reihe,
die irgendwann einfach reumütig in den Mief ihrer Herkunftsmilieus zurückgekrochen sind (vgl. Unterkapitel „Die aufrechte Rückkehr” aus „Aufstand im Schlaraffenland”)?
Oder sind es fanatisierte focuslesende BWL-Bachelors auf der Überholspur mit Kokainantrieb, die heimlich vom Prolocaust träumen?
Holger (05.02.2011)
Danke Herr Horx, besser hätte man es nicht beschreiben können. Mein ehemals bester Freund hat sich auch zu einem MALO entwickelt.
Seitdem er trotz Abitur, abgeschlossener Berufsausbildung und erfolgreicher Selbsständigkeit plötzlich glaubt, dass Sarrazin,
Geert Wilders und Oskar Freysinger die Retter der Nation(en) sind kann ich mit ihm nicht mehr das Geringste anfangen.
PI News stellt er gleich mit Spiegel.de. Sein Lieblingsreizwort ist „Islam”, welches er mit „Islamismus” verwechselt.
Wenn er bei mir in Berlin zu Besuch war ist er nur mit Schlagstock rausgegangen, denn die Gefahren lauern schließlich überall.
Und dann war er völlig perplex, als ihm der Wahlomat vor der letzten Bundestagswahl zuerst CDU und gleich danach NPD vorgeschlagen hat.
(Er hat dann FDP gewählt, weil er Guido Westerwelle mal in einer Talkshow gesehen hatte und toll fand) MALO ist eine schöne Bezeichnung, es gibt dem ganzen eine Greifbarkeit.
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