Matthias Horx  Trend- und Zukunftsforscher

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Future View

19.11.2010

Politik von morgen

Ich habe, als Wähler und politischer Mensch, ein Problem, oder vielleicht einen Makel. Ich bin politisch unzuverlässig. Ich schwanke. Ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist. Geschweige denn rechts und links.

Ich finde zum Beispiel, dass die CDU recht hat. Roland Koch hat sehr schön erklärt, was „konservativ” ist. Nicht an alles Neue glauben. Nicht auf jede Fortschrittspropaganda hereinfallen. An verlässliche Systeme anknüpfen. Wandeln als Tastversuch.

Denken nicht die Grünen ähnlich, nur dass sie Atomkraftwerke und zu teure Schnellbahnhöfe ganz konservativ als nicht verlässlich ansehen? Sind nicht die Grünen die konservativste Partei von allen, mit ihrem schwärmerischen Hang für „harmonische Natur”, ihrem Festhalten an Gemeinschafts-Vorstellungen, die irgendwie an Gemeinden erinnern?

Ich finde auch als einigermaßen gut Verdienender), dass die Sozialdemokraten recht haben. Eine Gesellschaft kann und muss umverteilen, einen Ausgleich finden zwischen den Reichen und Benachteiligten. Das ist christlich und anständig, wer könnte dagegen sein? Wir brauchen in einer unruhigen Welt einen starken Staat.

Und schließlich finde ich auch die FDP gut. Freiheit und Selbstverantwortung sind die wahrhaft knappe Ressource. Deshalb brauchen wir eine Gruppe, die hartnäckig darauf beharrt, dass der Staat nicht alles lösen kann – was hierzulande wirklich keine Lobby hat. (Dass die Linken recht haben, finde ich nicht. Dort pflegt man eine eifernde bis geifernde Simplifizierung).

Ich würde also, könnte ich, alle diese Parteien auf einmal wählen. Oder eine Partei, die das alles vertritt. Was mich allerdings inzwischen verlässlich davon abhält, eine bestimmte Partei zu wählen, ist die Regression der billigen Abgrenzung, des Gratis-Populismus. Wenn die CDU einen Parteitag macht – wie vor einigen Tagen – auf dem die Idee der moderaten Modernisierung mit einem Federstrich rhetorisch abgeschafft wird, dann bedeutet das für mich sensiblen Wechsel- beziehungsweise Multi-Wähler: Das war's dann. „Multikulti ist gescheitert” – „Grüne essen Bananen” – „Familie muss wieder so sein wie früher.” Quatsch von vorgestern!

Könnte es Politiker geben, die konstant und glaubwürdig mehr Unternehmertum und soziale Gerechtigkeit, mehr Bürgergesellschaft und Freiheit vertreten, mehr Fortschritt und Bewahrung, Familie und Emanzipation, Natur und Hightech, mehr Individualität und Kooperation? Die verstehen, dass all dies im 21.Jahrhundert zusammengehört, dass es einander bedingt – und dass genau diese Durchdringung das Wesen von modernen Gesellschaften ist?

Nein? Das geht nicht? Man muss „Prinzipien” haben? Ohne „Lager” geht es nicht? Nun gut. Dann sollten wir endgültig definieren, was „Politik” eigentlich meint. Politik hat dann nichts mit Zukunftsgestaltung zu tun, sondern nur mit Psychologie. Es handelt sich um ein kollektives Gesinnungsspektakel. Die Suche nach den gloriosen Wir-Gefühlen, mit denen &„wir gegen die anderen” sein können. Politisches Denken ist dann jenes Denken, das die reale, komplexe Welt nicht aushält. Mit dem tatsächlichen Morgen hat das nichts zu tun. Nur mit alten Stammes-Voodoo-Tänzen. Dann trommelt mal schön!

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Kommentare

Arthur T. (24.11.2010)
Es geht wohl um ein Machtspiel und da sind alle Mittel recht. Die Entwicklung der Mediation ist ein gutes Beispiel dafür. Man will den Menschen ein Streitlösungsmodell als Friedenskonzept verkaufen. Die Verkäufer (damit meine ich alle „Stakeholder”) nutzen es selbst aber nicht. Das könnte ja einen Machtverlust bedeuten. Da könnte man sich ja in Frage stellen. Oh Gott. Das können wir nicht riskieren. Aber die anderen, die keine Macht zu verlieren haben, die sollen es doch bitteschön benutzen, und wenn es ihnen mit Zwang auferlegt wird. Schließlich wollen wir doch den Frieden. Verrückte Welt. Man kann das humoristisch sehen oder dran verzweifeln. Oder gibt es sonst noch eine Stratregie, wie man damit umgehen soll? Auf die Barrikaden gehen? Laut schreien, resignieren, ignorieren? Seine Meinung kund tun? Letzteres wird geflissentlich überhört – passt ja nicht in den Mainstream. Aber: steter Tropfen höhlt den Stein. Und es gibt Bewegung. Der Rechtsstaat geht dem Ende entgegen und je mehr die Politiker ihn retten wollen, desto schneller läuft der Prozess ab. Denn sie wollen nicht den Rechtsstaat, sondern sich selbt retten. Warum den Prozess also nicht beschleunigen? Es wird immer deutlicher, dass die Menschen ihre Belange durchaus selbst in die Hand nehmen können. Wenn sie bemerken, dass die Macht im Staat nur noch der Konsument hat und wenn sie beginnen, sich als Konsumenten zusammenzuschließen. Dann wird die Politik machtlos – sie ist es ja jetzt schon. Aber dann werden sie es merken. Erste Anzeichen für diesen Trend gibt es bereits. Es sollten mehr werden.

Tom (23.11.2010)
Politik ist wie ein Gummiband mit vielen Enden. An jedem Ende sitzt jemand anderes und zieht, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Unterstützung in seine Richtung was das Zeug hält. Politik heute scheint also kein bürgerlich-gemeinschaftliches Anliegen mehr zu sein, sondern ein, eher prinzipienloses Gerangel um den größten Topf, die fettesten Gehälter, Diäten und Pensionen und natürlich um Macht. Viele junge Politikinteressierte opfern ihren anfänglichen Enthusiasmus schnell dem der am lautesten schreit und das schnellste Vorankommen sichert. Ursprüngliche Visionen und Ziele bleiben dabei leider fast immer auf der Strecke. Einmal in einen höheren Posten gehoben wird anschließend mehr Energie darauf verwendet dort oben zu bleiben und unliebsame Konkurrenz zu umschiffen, als aufzufallen und Positives zu bewirken. Politik ist mittlerweile ein undurchdringliches Dickicht an Menschen und Meinungen, von denen der Bürger meist gar nicht mehr weiß ob das eigentlich gut, oder schlecht für ihn ist. Selbst ein "Multiwähler" dürfte inzwischen arge Probleme haben zu erkennen wer da in welche Richtung zieht, wie Ihr Beitrag ja zeigt. Genau dieser Umstand gibt den Neidern und stets alles negativ sehenden Marktschreiern das Futter, das sie brauchen um unser Land und unsere Zukunft in einem noch schlechteren Licht dastehen zu lassen. Tja, und die Politik selbst tut leider wenig bis gar nichts, um ihr schlechtes Image gerade zu rücken. Ganz im Gegenteil erweckt sie den Eindruck die Zukunft ausbremsen und auf Teufel komm raus an alten Zöpfen festhalten zu wollen. Ihr Hauptanliegen besteht momentan darin, den Bürgern weiszumachen, das unsere alten Strukturen nur mit immer neuen Kürzungen, Steuererhöhungen, Überwachung und Misstrauen allem Fremden gegenüber weiter funktionieren werden, anstatt zusammen mit den Menschen neue Wege zu beschreiten und Mut zur Veränderung zu zeigen. So, genug getrommelt :-)

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