Future Blog
09. Februar 2009
Vom Segen der Krise
In Rezessionszeiten werden Menschen gesünder und innovativer.
Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Mitten in der Krise, als die Börsenkurse in den Abgrund rasten und alle Zeichen auf Sturm standen,
entwickelte sich plötzlich eine seltsam entspannte Heiterkeit. Menschen, die früher nie Zeit hatten und ständig zur Arbeit drängten, zeigten plötzlich Humor.
Freunde, die heftig Geld an den Börsen verloren hatten, entspannten sich auf selten erlebte Weise.
„Sei´s drum”, sagten sie – „eigentlich geht’s uns gut! Lasst uns intensiver genießen.
Und herausfinden, was wirklich wichtig ist im Leben!”
Der Grund für diesen scheinbar paradoxen Effekt ist im Grunde einfach.
Krisen entlasten uns von der Mühle des „Immer-Weiter-immer-Mehr”, das in Boomzeiten herrscht, und uns alle in einen hypnotischen Dauerstress versetzt.
Die Krise wirkt wie eine Art „reset”, wie ein Stopp-Impuls, ein Entschleunigungs-Impuls.
Plötzlich beginnen wir, intensiv über Ziele, Werte, Pläne nachzudenken, die wir in der Hektik der Boomphase verdrängt hatten.
Wir entdecken unsere sozialen Bindungen wieder. Unsere versteckten Träume. Unsere „Plan B´s” und „Plan C´s”.
In Rezessionen, so fand der Ökonomieprofessor Christopher J. Ruhm (University of North Carolina) heraus, verbessert sich die Gesundheit.
In den amerikanischen Rezessionen von 1974 und 1982 VERRINGERTE sich die Todesrate in den USA um volle 8 Prozent.
Die Menschen ernährten sich gesünder, bewegten sich mehr, und zeigten ein weniger riskantes Verhalten zum Beispiel im Autoverkehr.
In Boom-Zeiten ist die Zeit knapp, viele Menschen kümmern sich weniger um ihren Körper, um die Familie, um Stressabbau.
Ernährung wird oft exzessiv und zwischendurch betrieben, Sport und soziale Beziehungen vernachlässigt.
Der vielleicht längste globale Wirtschafts-Boom der Nachkriegsgeschichte, er dauerte von 1983 bis Anfang 2008, ist zu Ende.
Die Finanzkrise ist nur der Auslöser für einen unvermeidlichen Prozess der Neuorientierung.
Viele Branchen haben im vergangenen Boom gut verdient – zu gut, als dass sie zu echten Innovationen gezwungen gewesen wären.
Die Autobranche, die Energiebranche, die Medienbranche, die Pharmabranche, die Bankenbranche –
in diesen Kern-Sektoren unserer Wirtschaft hat man in den letzten Jahren einfach immer nur MEHR produziert.
Mehr dicke Autos, mehr Kraftwerke, mehr Zeitschriften, mehr Medikamente, mehr faule Finanzprodukte.
So kann es irgendwann nicht mehr weitergehen. Und dieses irgendwann ist jetzt.
Wann die Krise denn vorbei sein wird, werde ich jetzt oft gefragt. Die Antwort ist so einfach wie schwierig.
Wenn das alte Prinzip der „fetten Märkte” einer echten Innovationskultur weicht.
Wenn sich Banken im Sinne ihrer Kunden neu erfinden.
Wenn weltweit neue regenerative Energie-Netzwerke entstehen, die Medizinindustrien nicht mehr nur Reparatur, sondern Gesundheit anbieten.
Wenn Autofirmen neue Antworten auf die Mobilitätsfrage geben, und Medien nicht mehr nur Werbezeit, sondern authentische Inhalte verkaufen.
Wenn die Weltmärkte fair werden und die Menschen in den Schwellenländern nicht nur die Brosamen unseres Wohlstandes abbekommen.
Das wird ein langer, steiniger, aber spannender Weg werden, der uns in die nächste Phase des Aufschwungs bringt.
Aber manchmal ist Zukunft eben nicht bequem zu haben.
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Kommentare
Ulrike Oertel (am 22. März 2009)
Schön, dass die Menschen wenigstens in der Krise an ihre Gesundheit denken. Wünschen würde ich mir aber ein dauerhaftes Umdenken
der Menschheit hin zu mehr Miteinander, Gelassenheit und reduziertem Anspruchsdenken. Aber man hört immer nur, wann ist die Krise zu Ende,
wann geht es wieder AUFWÄRTS, auf dass man so schnell wie möglich wieder Unmassen an überflüssigen Produkten produzieren kann
und die ganze Maschinerie von vorn losgeht, ob nun in der gleichen Branche oder einer anderen ... bis es wieder kracht.
Ich bin wahrlich keine "alternative Romantikerin", aber das Heil nur im Wirtschaftswachstum zu sehen und zu suchen,
halte ich nicht mehr für angemessen und für gefährlich für die Menschheit.
Jeremias (am 22. April 2009)
Tatsächlich kann Krise normalisierend wirken – darauf hoffen wir nun, daß im Endeffekt eine „Neue Zeit” aus den Wirren des Umbruchs entsteht.
Mit faireren Bedingungen des Zusammenlebens, mehr Nachhaltigkeit, ökologischer Praxis..., etc.
Vor allem: Ein Neues DENKEN und Wahrnehmen ! (+ Durchbrüche der Wissenschaft betr. „Bild der Realität”, etc.)
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