Future View
27. April 2009
Die Neue Mitte
Neulich traf ich einen fröhlichen Wirt, den ich seit vielen Jahren kenne. „Ich spüre nichts von der Krise”, sagt er, und hielt mir seine joviale Fleischerpranke hin.
„Im Gegenteil. Immer ausgebucht, seit Wochen, und FÜR Wochen! Es BRUMMT!”
Gleich neben seinem Restaurant in der Innenstadt einer westeuropäischen Metropole: Krisengeschüttelte Leere, in der gelangweilte Kellner rund um die Uhr die weissen Tischdecken abstauben.
Keiner möchte mehr in Designer-Klamotten und Designer-Möbeln „Krebs-Limetten-Schaum an deliziöser Spargel-Komposition” – für 24.80 € essen. Als Vorspeise.
Was macht mein Wirt anders? Ersten betreibt er ein Gasthaus. Kein Wirtshaus, in dem der „Maitre” seine exzentrische Show betreibt, bis die TV-Kochshow ruft.
Er kommt NICHT nach geschlagener 6-Gänge-Schlacht heraus und lässt sich feiern und bewundern. Zweites versteht er etwas vom Essen, nicht nur vom Speisekarten- und Food-Design;
seine Gerichte sind „basic”, frisch, bodenständig; man weiss, woher das Essen stammt, aus welchen Quellen die Nahrungsmittel kommen.
„Soul Food” oder „Die leichte Leckerheit”. Drittens, und das ist entscheidend, ist sein Gasthaus ein durch und durch SOZIALER Ort.
Es wird unglaublich viel gequatscht, gelacht, geflirtet, debattiert. Und dabei geht es eben NICHT nur um die sozialen Rangfolgen, die schönsten Frauen,
die schnellsten Autos, das teuerste Olivenöl...
Mein Gasthaus ist ein Beispiel für jenen Prozess, den wir jetzt, in der zweiten Phase der Krise, in allen Branchen und Produktgruppen beobachten können:
Die Renaissance der Mitte. Aber Vorsicht. „Mitte” heisst eben nicht „mittelmässig”. Sondern „Essentiell”. Oder: „Reell”.
Oder „Richtig Gut!”
In Boom-Zeiten, wie wir sie in den letzten 20 Jahre fast immer hatten, entwickeln sich Märkte in diametrale Richtungen. Sie explodieren in die Extreme:
In den immer absurderen Luxus-Sektor, wo es im den Exzess geht, das Bizarre, Absonderliche. Und in einen Billig-Trash-Discount-Sektor, in dem alles wurscht ist, außer dem Preis.
Statt um Produkte, Innovationen, Services geht es eigentlich nur um Geld, das sich in symbolischem Konsum Ausdruck verleiht. Entweder im Status- oder im Angst-Konsum.
Die Boom-Gewinner feiern ihren Triumph in „Conspicious Consumption”. Diejenigen, die Angst haben, von der Dynamik abgehängt zu werden, zelebrieren ihre Angst im Schnäppchenkauf.
In der „realisierten” (also angenommenen) Krise ist das plötzlich alles vorbei. Die Dinge sind wieder „etwas wert”.
Nicht mehr das instinktive Kleinhirn entscheidet, sondern der kühl gewordene Verstand.
Doch Vorsicht: Die „neue Mitte” ist aber nicht die alte Mitte. Sie ist dynamisch und geht mit der Zeit.
Sie speist sich aus Handwerker-Stolz und Unternehmergeist, aus Kreativität und Sorgfalt – man scheue nicht das große Wort – LIEBE zum Kunden.
Ökonomie ist ein Austausch zwischen Menschen, die sich damit ihre Hochachtung erweisen können. Ökonomie ist von Menschen getrieben,
die sich mit anderen Menschen über Waren und Services verbinden. Diesen utopischen Kern des Kapitalismus legt die Krise wieder frei.
Eine Prognose sei erlaubt: Die Zeit, in der man zynisch seine Kunden auch noch fürs Klogehen zur Kasse bitten kann – wie die Trash-Airline Ryanair es gerade versucht – gehen zu Ende.
Das 280-PS-Verbrennungs-Auto erweist sich als ebensolcher Schrott wie die Billigklamotte von KIK, für die nun die gescheiterte Luxusdame Verona Feldbusch wirbt.
Das Supersonderangebot des Handyangebots enthüllt das, was es ist: raffinierter Verwirrungs-Betrug. Goldene Zeiten für Innovationen, die diesen Namen wirklich verdienen.
Wir müssen – und können – wieder über die Qualität, die Schönheit, die Sinnhaftigkeit nachdenken, die mit den Dingen und Dienstleistungen verbunden ist.
Was ist uns das wirklich wert? Allein diese Frage ist schon so etwas wie eine Revolution.
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Kommentare
Ingrid K.
Stimme Ihren Gedanken völlig zu! Ich arbeite im Bereich der Ästhetischen Erziehung und der Kunsterziehung und habe nun mit 56 Jahren noch ein berufsbegleitendes Studium begonnen –
"Innovatives Coaching" – kunst- und lösungsorient. Mir geht es um die Stärkung dieser "neuen Mitte", denn aus ihr kommt das Nachhaltige und Künftige.
Seit Jahren besitze ich Ihr Buch "Das Zukunftsmanifest" – hatte damals zufällig eine Sendung im Radio über Sie gehört –
und heute greife ich auf Grund meiner Recherche zu meiner künftigen Abschlussarbeit (Kulturentwicklung-Unternehmenskultur) darauf zurück und finde auf Ihrer Homepage diesen Artikel.
Sie haben recht, "wir müssen – und können – wieder über die Qualität, die Schönheit, die Sinnhaftigkeit nachdenken,
die mit den Dingen und Dienstleistungen verbunden ist" – und das öffentlich. Die Bereitschaft zuzuhören wird begünstigt durch die Zeit.
Gut, dass durch die Sorge um unsere Existenzsicherung "die neue Mitte" Boden gewinnt.
Sven J. (16.05.2009)
Stimme Ihnen zu.
Seit 5 Jahren organisiere ich einen sich dynamisch entwickelnden Kreis sympathischer Zeitgenossen, der sich „Traiteur-Treff” nennt.
Ein Mal im Monat 20 - 40 Freunde, interessante Menschen. Wir treffen uns jeweils in einem anderen Restaurant (oft gut bürgerlich) – so schön unterschiedlich,
diverse Berufe dabei, Selbstständige, Angestellte, Hausfrauen, Studenten.... Da gibt es keine Bedingung..... Ich würde sagen: Das ist die NEUE MITTE.
Business ist ausgeschlossen in dem Sinne, dass es kein „Netzwerktreffen” ist, sondern eine Begegnungsplattform.
Und da keinerlei Bedingung vorhanden ist – eine schöne Dynamik im Interessse aller.
Brasica V. (01.05.2009)
Mir fehlt in dieser Betrachtung, dass es Menschen gibt, die wissen was sie wollen. Es ist nicht die Mehrheit, zugegeben,
aber die neue Besonnenheit spüre ich wie Sie in Ihrem Lokal an den verschiedensten Orten. Lassen Sie uns an einer neuen Einstellung arbeiten.
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