Matthias Horx  Trend- und Zukunftsforscher

Future Blog

04. Mai 2009

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Malen mit Zahlen

Das menschliche Hirn ist von der Evolution dafür ausgestattet, zu vergleichen. Wir vergleichen unentwegt (oder bislang) die Auto-PS des Nachbarn mit unseren eigenen. Wir wägen unseren Kontostand gegen den des Chefs, die Schönheit unserer Partner zu der anderer Leute. Wir vergleichen unentwegt Äpfel mit Birnen. Aus den kollektiven Gedächtnisspeichern holen wir Angstbilder und „kleben” sie an heutige Phänomene. Wir können gar nicht anders.

Auch Krähen und Gorillas, so hat die Wissenschaft herausgefunden, können zählen. Aber Zahlen machen uns sapiens sapiens eine ganz besondere Angst, wenn sie in bestimmten Kontexten einherkommen. Zum Beispiel 6 PROZENT. SECHS!!!!! Soviel soll unsere Wirtschaft in diesem Jahr abstürzen/ abbleiern/ zusammenschrumpfen/ niedergehen/ kollabieren! Und schon starren wir auf die Titelseiten der Zeitungen, die das verkünden, hängen an den Mündern der „Wirtschaftsweisen” (die das berechnet haben).

Und fürchten uns.

Was bedeutet diese Zahl? Dass wird sechs Prozent weniger Wohlstand haben werden? Sechs Prozent weniger Nudeln auf dem Teller? Soziale Aufstände, Unruhen, Kriege?

Sechs Prozent weniger Sozialprodukt würde uns auf den Wohlstands-Level von 2005-2006 bringen. Bei deutlich geringeren sozialen Unterschieden. Denn am meisten bluten in der Krise die Reichen und Superreichen. Von Verona Feldbusch bis zu den Managern – dort oben verdienen alle deutlich weniger.

Finnland hatte im Jahr 1993 eine heftige Wirtschaftskrise, verursacht durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und den Niedergang der Stahl- und Holzindustrie. Das Land verlor 16 (SECHZEHN!) Prozent Bruttosozialprodukt IN EINEM JAHR! Die Finnen reagierten aber weder mit Panik noch mit Weltuntergangs-Inszenierungen. Durch eine nüchterne Analyse der Lage und eine gemeinsame Anstrengung von Staat, Bürgern und Gemeinschaft schafften sie einen weiten Schritt in die Wissensgesellschaft. Heute haben fast 90 Prozent der jungen Finnen eine Hochschulberechtigung. Die finnische Wirtschaft ist robust, zumal die Frauen im Norden deutlich mehr verdienen (und mehr Kinder haben) als hierzulande.

Hierzulande bellt Franz Müntefering in die Mikrophone: „Wir müssen alles tun, um die Industriegesellschaft zu retten!!!!”

Die Spiegel-Titelgeschichte von letzter Woche ist ein wunderbares Beispiel, wie man mit Vergleichen und Zahlenspielen arbeiten kann, um Leute am Nasenring der Angst-Aufmerksamkeit herumzuführen. Im Hintergrund  verblasste Arbeiter. Ein gesichtloser Mann mit Hut trägt ein Schild: Ich suche Arbeit jeder Art!

Die Schlagzeile: Wiederholt sich die Geschichte doch?

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Kommentare

H.-J. Hennig (17.05.2009)
Wirtschaftsweisen: Die überbieten sich derzeit ja mit Negativ-Szenarien. Aus meiner Sicht eine totale Vernebelungstaktik. Eigentlich müssten sie diskreditiert sein: Hätten sie die „Finanzkrise” nicht vorhersehen können/müssen?
Thema Wachstum: Da geht es leider immer noch um Quantität, nicht um Qualität. Gab es nicht mal eine Debatte „Grenzen des Wachstums”? Aus meiner Sicht wäre das Paradigma „Nachhaltigkeit” in vielen Kontexten eine hilfreiche Orientierung.

R. Pinter (08.05.2009)
Habe im Kommunikationsseminar gelernt: Bad News are Good News (aus Sicht der Journalisten). Sorry aber der Satz stimmt! (leider)

P. Erlebach (06.05.2009)
Intelligente Systeme kaufen und verkaufen Aktien automatisch. Mehr als 10% plus: Verkaufen und Erlöse mitnehmen. Kurs geht runter: automatischer Kauf setzt ein. Wir hören nur Negativscenarien und halten das Geld zurück, man kann ja auch nicht so tun als wäre nichts. Irgendwie müssen wir es schaffen mit Informationstechnologien in Zukunft anders umgehen zu lernen.

P. Erlebach (06.05.2009)
Es ist der Fluch der hochgelobten Kommunikationsgesellschaft in der wir uns ja jetzt befinden. Jedes Medium ist durch Newsletter, Newsfeed, RSS Feed und Twitterchannels verpflichtet unentwegt irgend was zu produzieren. Möglichst eine griffige Headline. „Blaue Augen statt roter Nasen”, „Grenze zwischen Glück und Weh ist nah” oder sinnvolle Headlines wie „Massnahmen der Österreichischen Regierung oder Amerikas wirken nicht”. Jeden Tag 10 Statements zur Krise. Als würden sich Investitionen die geplant, finanziert und verabschiedet sind sofort auswirken müssen. Gesteinigt werden die Positivdenker, wenn das Positive nicht eintritt. Der Negativ-Denker wird immer mehr gehört – wenn er nicht recht hat, dann Gottseidank!

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