Future View
07. Juli 2009
Kapitalismus 3.0
Die Krise als Upgrade-Mechanismus für ein wandelbares Wirtschafts-System
Die Stimmung bleibt düster, auch wenn viele Menschen inzwischen die Krise auch als einen Veränderungsimpuls empfinden.
Und immer häufiger wird die „Systemfrage” gestellt. Kann man dieses „Monster”, diesen „Moloch” des Kapitalismus,
wie es viele heute empfinden, überhaupt innovativ verändern?
Zunächst: Die Zukunft des Kapitalismus ist der Kapitalismus. Kein anderes System vermag es, Freiheit und Prosperität gleichzeitig zu produzieren,
Innovationen voranzutreiben, die vielfältigen Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen. Keine andere Gesellschaftsordnung ist so variabel, lernfähig und dynamisch wie die Marktwirtschaft.
Allerdings muss das Modell, wie jedes Betriebssystem, zyklisch immer wieder an neue Anforderungen angepasst werden. Etwa an die Globalisierung. An neue Technologien.
Oder die veränderten Wünsche der Menschen.
Kapitalismus 1.0
Das war im Wesentlichen die Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung Millionen von Menschen in Bewegung versetzte,
aus den ländlichen Räumen entwurzelte und in den Fabriken zum Schuften brachte. Diese Urform des Kapitalismus erzeugte nach der Diktion von Max Weber
ein „ehernes Gehäuse der Hörigkeit”. Eine Kultur der „Lohnabhängigen” entstand, in der die Ware Mensch wenig wert war:
Heerscharen billiger Arbeitskräfte verdingten sich für praktisch jeden Stundenlohn, die Arbeit in den Fabriken war monoton und brachial, der Einzelne im Reich der Maschine austauschbar.
Der Staat blieb eine Ordnungsmacht, die sich im Wesentlichen auf das Garantieren von Eigentumsrechten beschränkte, und im diesem Sinne auch schon mal Streikende niederschoss.
Dieses brachial einfache Modell können wir heute noch in den Schwellenländern beobachten, etwa in China.
Kapitalismus 2.0
Im 20. Jahrhundert wurde aus diesem groben Modell durch viele Katastrophen, Kämpfe und Einsichten der europäische (und zum Teil auch amerikanische) Sozialstaat.
Große staatliche Institutionen federten nun den Klassenkonflikt ab: Renten- und Gesundheitssystem, Arbeitsbehörden und Bildungssektor.
Aus der öden Fabrikarbeit wurde eine moderne Dienstleistungswelt, der Lohnabhängige wandelte sich zum Bürger einer Zivilgesellschaft, schließlich zum aktiven Konsumenten.
Dieses Modell war erfolgreich, hatte aber auch seine Schwächen. Es neigte dazu, dem Staat immer mehr Pflichten aufzubürden, und das Individuum „überzuverwalten”.
Die Abhängigkeiten, die die Fabrikwelt geschaffen hatte, wurden nicht aufgelöst, sondern in immer neuen Bürokratien verkleidet.
Die emanzipative Dynamik, die in manchen Phasen der Wirtschaftsentwicklung vorherrschte, erlahmte in den 80-er und 90-er Jahren.
Kapitalismus 2.1
In den letzten Jahren tauchte dann eine fatale Variante auf: Der finanzmarktgesteuerte Kapitalismus. Sein Versprechen, Geld durch Geld zu vermehren,
Reichtümer durch geniale Hebelwirkungen zu erzielen und dabei das reale Unternehmertum weitgehend abzuschaffen, stellte sich als Trugschluss heraus.
Dieses vermurxte „operating system” wurde nun gottlob vom Markt genommen. Wie aber könnte das nächste Betriebssystem aussehen?
Kapitalismus 3.0
Um im Bild des „Betriebssystems” zu bleiben: Nehmen wir den Unterschied zwischen einem Windows-Betriebssystem und einem Mac.
Während man beim Bill-Gates-Modell immer warten muss, bis etwas hochfährt, mühsam nach den Funktionen sucht und dabei inständig hofft,
dass nicht gleich wieder alles abstürzt, ist ein Apple-Betriebssystem von einer gewissen selbsterklärenden Eleganz durchdrungen.
Seine Funktionen sind vom Nutzer aus gedacht, nicht vom Anbieter. Es erklärt sich weitgehend selbst. Es synchronisiert die verschiedenen Plattformen.
Und es evolutioniert ständig weiter, wobei es alte, bewährte Elemente mit echten Innovationen re-kombiniert.
Um einen neuen Modus zwischen Markt, Individuum, Staat und Zivilgesellschaft zu finden – also einen neuen Sozialkontrakt – sollten wir uns zunächst rückbesinnen.
Bereits im Kapitalismus 1.0, im Verlauf des 18. Jahrhunderts, entwickelten sich viele brauchbare Elemente eines Zukunfts-Kapitalismus.
Die Genossenschaftsbewegung zum Beispiel schuf Organisationsmodelle, in der die Wirtschafts-Subjekte zugleich Inhaber und Teilhaber waren.
Noch weiter zurückliegend, im Mittelalter, finden wir manche Selbst-Organisationsformen der ständischen Arbeit, wie die Gilden,
aus denen wir vielleicht auch etwas für die Zukunft lernen können.
Der Kapitalismus 3.0 wird von folgenden Parametern geprägt sein:
- Greenomics
Alle Märkte der Zukunft sind grüne Märkte. Das heisst nicht, dass jedes Unternehmen nur noch Solarpanels produzieren muss,
es heisst aber, dass der ökologische Gedanke, die Grundidee der Wechselwirkung, zum zentralen Motiv des Wirtschaftshandelns wird.
- Talentismus
Der Kapitalismus 3.0 stellt die Humanressource in den Mittelpunkt. Dabei begreift er Bildung nicht mehr nur aus „Ausbildung” im Sinne einer betrieblichen Notwendigkeit,
oder als Erwerb eines Status-Anrechts durch „Hochbildung”. In der Wissensökonomie zählt mehr und mehr der Charakter einer Menschen, seine „Soft Skills”.
Deshalb gilt es, unser Schulsystem gründlich umzubauen. Nicht mehr „Abschlüsse” sind wichtig, sondern Anschlüsse, Offenheiten, Neu-gierden.
JEDER Mensch hat ein Talent, auf dem sich eine Hochbildung aufbauen lässt. JEDER! Es gilt, die individuellen Talente in den Menschen frühzeitig zu erkennen und zu fördern.
- Womenomics
Alle Varianten des Kapitalismus bezogen sich bislang primär auf Männer. Männer waren Bosse, Lohnempfänger, Alleinverdiener.
Wenn die Frauen sich zunehmend aktiv in die Wirtschaft einmischen, verändert sich die Zeit- und Emotionsstrukturen.
Das „eherne Gehäuse” der Lohnarbeit wird aufgebrochen, zugunsten einer neuen WorkLife-Balance-Kultur.
- Partizipatorische Unternehmen
Unternehmen haben das Ziel, Profite zu erzeugen. Doch je mehr ihre Tätigkeit aus Wissens- und Innovationsarbeit besteht,
desto weniger lässt sich die Arbeitskraft der Mitarbeiter funktionalisieren. Deshalb werden ALLE Unternehmen in Zukunft neue Teilhaberschafts-Konzepte entwickeln müssen.
Dabei geht es nicht, wie bei der alten „Mitbestimmung”, um Veto-Systeme, sondern um eine kooperative Dynamik,
bei der sich die Grenzen zwischen „Arbeitgeber” und „Arbeitsnehmer” langsam auflösen.
Neue Unternehmen sind wie Jäger- und Sammler-Stämme, die einen ordentlichen Teil der Beute zum Schluss unter sich aufteilen.
- Libertärer Paternalismus
Ein Staat der Zukunft muss das Kunststück fertigbringen, den Bürger nicht zu bevormunden, aber trotzdem schädliches Verhalten zu minimieren.
„Nudging” nennt sich dies in der neuen Sozialforschung: Die Menschen in die richtige Richtung schubsen. Hier entwickelt sich das Bild eines neuen Vorsorge-Staates,
der von den Bürgern eine gewisse Erwachsenheit und Selbst-Kompetenz fordert, DAMIT er seinen Pflichten besser und kostengünstiger nachgehen kann.
Alles Utopie, sagen nun viele. Mag ja alles irgendwie richtig sein. Aber schauen wir uns doch die Realität an!
Es kommt allerdings darauf an, WIE man die Wirklichkeit betrachtet – aus welchem Sichtwinkel, mit welchen Prädispositionen.
Wenn man genauer hinschaut, kann man die neue Gesellschaft bereits überall ausmachen. In den Netzwerken der „Wikinomie”.
In den Programmen und Handlungen kluger Politiker, die das neue System verstanden haben – Obama lässt grüßen.
In den vielfältigen Aktivitäten der neuen Zivilgesellschaft. In der Aufbruchstimmung eines kreativen Unternehmertums, dass neue Märkte und innovative Produkte kreiert,
ohne ständig nach staatlichen Subventionen zu rufen. Und dabei Selbstverwirklichung mit Gewinnstreben mit Humanität verbindet.
Yes we can!
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Kommentare
H.P. N. (29.12.2009)
Kapitalismus 4.0? Die 5 Parameter des Kapitalismus 3.0 sind mir sehr verständlich und eingängig.
Allen voran wird natürlich "der Mensch" als Individuum und in seiner Masse entscheiden, wie sich die Parameter im Einzelnen ausprägen.
Nach wie vor wird "der Kapitalismus" aber immer noch von Profitdenken / Profit erarbeiten beeinflusst sein, wenn auch mit hoffentlich fairerer und gerechterer Verteilung.
Bei dem bevorstehenden Wandel wird eines sicher "unumgänglich" sein: Die Human-Ressourcen müssen in die Bilanzen als Anlagevermögen Eingang finden!
Sonst bleiben die besten Anstrengungen des Talentismus vielleicht auf der Strecke, weil sie "kapitalistisch nicht wirklich greifbar" werden. Ist das vielleicht schon Kapitalismus 4.0?
Tina W. (02.12.2009)
Vielleicht ist es ja gar nicht möglich, zu erkennen, wie "es" ist. Jeder nimmt die Realität mit seinem individuellen Bewusstsein und einem individuellen psychischen Erleben wahr.
Wie erlebe ich die Krise? Gibt es für mich überhaupt eine? Und wenn ja, was soll ich lernen, um sie zu bewältigen? Gibt es eine Entwicklungsmöglichkeit? Und wenn ja, wie sieht diese aus?
Welche Rolle kann und will ich spielen? Sind die Dinge unverrückbar oder beeinflusst eine Änderung meiner inneren Parameter eine politische Lage, so wie der Flügelschlag eines Schmetterlings das Wetter?
Entsteht das Chaos durch die vielen ungerichteten Gedanken einer unkonzentrierten Masse? Kann ein einzelner Gedanke dieses Chaos auf eine bestimmte Sache ausrichten? etc. Wir gestalten die Zukunft.
Fragt sich nur, welche gestaltenden Anteile in uns wirksam sind :-)
Burghard F. (20.10.2009)
Genossenschaften sind nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch heute ein spannendes Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung.
Beispielsweise das Gegensatzpaar Soziabilitätsgenossenschaften und Professionsgenossenschaften. Soziabilität bezeichnet die Fähigkeit einer Organisation,
die auf Gemeinschaft und Soziales gerichteten Fähigkeiten ihrer Mitglieder zu entwickeln. Kommunen und Lebensgemeinschaften,
die sich in einer eigenen Szene in der Bundesrepublik seit langem entwickeln, sind ein typisches Beispiel hierfür.
Professionsgenossenschaften können als „Geistkapitalunternehmen” charakterisiert werden.
Besondere Verbreitung finden sie im Softwarebereich, aber auch im Beratungs- und Marketingsektor oder in der Energiebranche.
Hohe Professionalität der Arbeit und Miteigentum der Beschäftigten, begründen ihre Bezeichnung als Professionsgenossenschaften.
Beide genannten bereits vielfach existierenden Genossenschaftsformen verdeutlichen Entwicklungsstränge im Kapitalismus 3.0.
Claudia G. (18.09.2009)
Das oben beschriebene wandelbare Wirtschaftssystem ist keine Utopie, sondern der einzig richtige Weg.
Er zeichnet sich mittlerweile in so ziemlich allen Bereichen unserer Gesellschaft ab.
Nur die Dinge die für eine erfolgreiche Umsetzung dessen notwendig sind, werden – meiner Meinung nach – immer noch an der sogenannten „Wertschöpfungsrate” gemessen.
Ich denke, dass wir eine humanistische Gesellschaft haben, die den dringenden Wunsch nach Veränderung hat.
Nur kann nichts passieren, wenn unsere Gesellschaft ausschließlich an wirtschaflichen Kennzahlen gemessen wird bzw.
der Druck schnelle Erfolge zu erziehlen lässt keinen Raum für eine sozioökonomische Anpassung.
Petra N. (07.09.2009)
Die Zukunft entscheidet sich mit der Anzahl der heutigen Kinder und deren Förderung. Leider haben unsere derzeitigen Politiker immer noch nicht verstanden,
daß ein Staat nur dann eine Zukunft hat, wenn er die Kinder und deren Erzieher bestmöglich fördert. Andere Länder machen das bereits gut,
doch auch diese könnten sicher noch verbessern. Wenn wir das Demografie-Problem entschärfen wollen, müssen wir endlich damit aufhören,
Eltern, die sich Kinder leisten, zu bestrafen (finanziell) und ihre Kinder finanziell unabhängig von weiter bestehenden Ehen oder Bindungen und deren Versorgungsgrundlage zu machen.
Will meinen, Kinder sollten von uns, also dem Staat, komplett gesponsert werden, damit sie ihren individuellen Bildungs- und Entwicklungs-Weg gehen können
und später den Grundstein für eine funktionierende humanistische Gesellschaft bilden können. Ohne positive "human resources" kann es keinen positiven Kapitalismus geben.
Alexander L. (05.08.2009)
Ich denke, dass zur Zeit vor Allem der Bildungssektor Steine in den Weg einer echten Weiterentwicklung legt. Bildung wird lediglich als Kostenfaktor gesehen –
daraus resultierende langfristige Gewinne werden faktisch ignoriert. Veränderungen in diesem Bereich beschränken sich zudem auch meist auf die Kosten.
Mehr Lehrer, mehr Geld (oder in den meisten Fällen weniger). Der Nutzen ist jedoch nur stark begrenzt, wenn der Fehler im System an sich liegt und nicht nur am Geld das hineingesteckt wird.
Martin K. (02.08.2009)
Ich denke, dass Unternehmen in Zukunft nur bestehen können, wenn sie die Vielfalt der Persönlichkeiten sehen und respektieren.
Mit Persönlichkeit meine ich dabei nicht die stereotypen Persönlichkeiten die wir aus den Medien kennen, sondern wirklichen Individualismus.
Dr. Rolf S. (21.07.2009)
Die für den Kapitalismus 3.0 möglicherweise kennzeichnenden 5 Charakteristika klingen gut und sind nach wie vor wünschenswert.
Der Kapitalismus 3.0 setzt allerdings den Menschen 3.0 voraus. Da ließen sich – gerade hierzulande – Eigen- und Fremddynamik deutlich steigern.
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