zurück zu Vortragsthemen
Globalisierung 4.0
Die Zukunft der Weltwirtschaft
Die globale Welt scheint eine Welt voller Krisen und Unberechenbarkeiten. 11. September, Irak, Afghanistan, Iran, Öl-Teuerung, Rohstoffknappheit und Immobilienkrise –
viele sprechen heute voreilig vom Ende des Globalisierungsprozesses und fürchten eine Weltwirtschaftskrise.
Aber man kann die Turbulenzen der Gegenwart auch als einen Lernprozess betrachten, in dem sich neue Kooperationen und Spielregeln entwickeln.
Am Horizont zeichnen sich die Konturen einer NACHHALTIGEN Globalisierungswelle ab, deren Gesetze und Möglichkeiten es zu verstehen und zu realisieren gilt.
Die vier Phasen der Globalisierung
Globalisierung 1.0: Die Menscheits-Migration
Vor 200.000 Jahren kam es zur ersten großen Auswanderungswelle aus Afrika.
In mehrere Kaskaden und Wellen hat sich die erfolgreiche Gattung SAPIENS SAPIENS über den Planeten ausgebreitet.
Globalisierung ist also ein in jeder Hinsicht alter Prozess: Die Wikinger, Kolumbus, Vasco da Gama, die Seidenstraße, die Handels-Mächte von Venedig bis zur Hanse –
all das waren Globalisierungs-Pioniere. Die erste Weltkarte stammt von dem chinesischen General Zung He, der mit einer riesigen Flotte die Gestade der Welt bereiste.
Dschingis Khan globalisierte im 12. Jahrhundert den eurasischen Kontinent – er schuf ein durchgängiges Pferde-Verkehrssystem von Polen bis Wladiwostok.
Globalisierung 2.0: Eroberung und Unterwerfung
In der zweiten Phase der Globalisierung eroberten und unterwarfen die europäischen Mächte die anderen Kontinente.
Rohstoffe wurden rücksichtslos enteignet, Menschen verschleppt und versklavt. Dies mündete in die industrielle Globalisierung,
die mit dem Aufblühen des Welthandels und der Dampfschiffahrt Ende des 19. Jahrhunderts begann. Damals war das Welthandelsaufkommen schon so stark wie erst wieder im Jahr 1960.
Globalisierung 3.0: Die Turbo-Globalisierung
Neue Technologien und der Boom der asiatischen Staaten erzeugten Ende des 20. Jahrhunderts einen gewaltigen globalen Boom.
Der amerikanische Publizist Thomas L. Friedmann bringt die heutige Situation mit der Formel „the world is flat” auf den Punkt.
Sinnvoll wird diese Metapher dann, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass China und Indien im frühen 18. Jahrhundert 40 Prozent der gesamten Welt-Wirtschaftsleistung erbrachten –
Amerika damals nur 6 Prozent. FLACH ist die Weltwirtschaft heute, weil wir uns auf einem neuen „level playing field” befinden,
auf dem wir mit anderen Nationen und Kontinenten wirtschaftlich konkurrieren. „Flach” bedeutet auch, dass sich vielerorts die Lebensbedingungen aneinander annähern.
- Die Anzahl der Demokratien auf der Welt hat sich allen autokratischen Rückschlägen zum Trotz seit Beginn der 90er Jahren mehr als verdoppelt –
heute sind mehr als zwei Drittel aller Länder auf der Erde konstitutionelle Demokratien. Vor 40 Jahren waren es gerade einmal zehn Prozent!
- 76 Prozent der Erwachsenen der Erde können heute lesen und schreiben, 1990 waren es erst 64, in den 60er Jahren nur 42 Prozent.
Die Säuglingssterblichkeit hat in praktisch allen Ländern der Erde in den letzten Jahrzehnten rapide abgenommen –
auch das ist ein Produkt der (medizinischen) Globalisierung.
- Mit Ausnahme von wenigen Ländern, die in einem Teufelskreislauf von Bürgerkriegen und Diktatur gefangen sind,
vermehrt sich der Wohlstand auf diesem Planeten kontinuierlich. Das Ziel der Welternährungsorganisation,
bis zum Jahr 2015 den Hunger auf der Welt zu halbieren, ist so unrealistisch nicht. In absoluten Zahlen sinkt die Anzahl der Armen.
Heute sind es noch 800 Millionen (1,2 Milliarden im Jahr 1990, bei deutlich geringerer Weltbevölkerung),
die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen. Die 2 Milliarden Menschen im untersten Teil der Wohlstandpyramide (BOP – „Bottom-of-the-Pyramid”)
wandeln sich langsam in die „Aufwärtsmobilen Armen”, die zunächst mit bescheidenen Mitteln auf den globalen Konsum-Markt treten.
- Die Bevölkerungsexplosion der Spezies Mensch wird nicht stattfinden. Die mittlere Geburtenrate der Welt befindet sich heute nur noch knapp über der Reproduktionsrate.
Die Menschheit wird zwischen 2050 und 2060 bei etwa 9 Milliarden Menschen ihren zahlenmäßigen Zenit erreichen – und danach wieder schrumpfen.
Die Welt wird wieder runder...
„In einer Welt der dreistelligen Ölpreise kostet Entfernung Geld. Und während Handelsliberalisierung und technischer Fortschritt die Welt flacher gemacht haben,
wird sie durch steigende Transportpreise wieder runder”, schreiben Jeff Rubin und Benjamin Tal, zwei amerikanische Ökonomen. Die weitere Entwicklung lässt sich vorausahnen:
- In den letzten Jahren „outgesourcte” Jobs kehren zurück, denn es wird wieder lukrativer, im Inland zu produzieren.
- Die Löhne in China und Indien werden steigen, der teilweise bizarre Lohnwettbewerb NACH UNTEN endet.
- Die Schwellenländer beginnen nun auch mit der Produktion komplexerer Produkte und investieren in Forschung und Entwicklung
(die Verteuerung der Transportkosten macht Billigprodukte schwerer verkäuflich).
- Umwelt-Technologien erleben einen gewaltigen Boom AUCH in den Schwellenländern.
- Regionale Wirtschaftskreisläufe und trans-regionale Netzwerke spielen wieder eine wichtigere Rolle.
Megatrend GloKALisierung
In der nächsten Globalisierungsphase gewinnen die Regionen wieder an Bedeutung, ohne dass die Globalisierung dadurch widerlegt oder gestoppt würde.
Kenichi Ohmae formulierte:
Länder in Zukunft werden nicht mehr notwendigerweise florieren, weil sie große Landmassen und reiche Bodenschätze besitzen.
Kapital und Information überschreiten Staatsgrenzen. Die Schlüsselindustrien jedes x-beliebigen Landes sind essentiell grenzenlos.
Daraus erfolgt ein strategisches Novum: das Entstehen regionaler Wirtschaftsräume und ein Trend zur Formierung von Regionenbündeln für den Markt des 21. Jahrhunderts.
Die „Kraftzentren” der industriellen Gesellschaft entstanden vor allem entlang der Achsen „Rohstoffe und Schiffswege”.
Diese Kräfte haben den europäischen Kontinent geformt und die „Ballungsgebiete” vor etwa 100 Jahren festgeschrieben.
Wo finden wir jedoch die NEUEN „Hot Spots” Europas, die neuen Zentren der wirtschaftlichen Dynamik?
Zum Beispiel in Finnland, am Polarkreis, die Stadt Oulo – hier wohnen inzwischen 80.000 junge Familien, Forscher, IT-Spezialisten, eine Art Silicon Valley des Nordens.
Oder Györ in Ungarn, mit seinen High-Tech-Autofabriken. Bilbao, eine aufgelassene Industriestadt, die nach dem Bau des Guggenheim-Museums einen Boom erlebte,
oder die Region Barcelona, zeigen, wie wichtig der Standortfaktor „Kreativität und Kultur” sein kann.
Oft entstehen die neuen Power-Regionen in Randlagen der Nationalstaaten, wo Zwei- oder gar Dreisprachigkeit herrscht.
Die Boomregion Malmö-Kopenhagen verbindet Schweden und Dänemark. Die Dreiländerecks um Aachen, Basel und Bregenz weisen überdurchschnittliche Wachstumsraten auf.
Moderne Technologien machen es möglich, dass vormals ländliche Regionen urbanisiert werden.
Der italienische Designer Andrea Branzi nannte diese neue „urbanisierte Ländlichkeit” Agriconica –
eine Synthese aus „Agrikultur” und „Elektronik”:
Agriconica fügt sich in bereits Bestehendes ein und vervollständigt bestehende Strukturen, statt sie zu ersetzen.
Es koexistiert mit der vorhandenen Megastadt, Kleinstadt oder Dorfgemeinschaft. Mit Agriconica wird ein bisher unerforschtes Urbanisierungsmodell entwickelt.
Ein Modell, das auf einem weichen System basiert und das Überleben einer agrarischen Gesellschaft sichert, in Verbindung mit hochentwickelten städtischen Einrichtungen.
Es will als Mittler im uralten Streit zwischen städtischer und ländlicher Kultur dienen – im Bewusstsein, dass beide Phänomene zum Tode verurteilt sind.
The Beauty of Bubbles – warum Spekulationsblasen Fortschritt bringen
Unsere Angst vor der Weltwirtschaftskrise ist stark an die Entwicklungen der Finanzmärkte gebunden.
Finanzblasen lassen sich in einer offenen Weltwirtschaft nicht vermeiden, aber ihre Folgen sind nicht nur negativ.
Sie entstehen immer dann, wenn BILLIGES GELD auf SPEKTAKULÄRE TECHNIKEN trifft, oder wenn eine Knappheit zu einer „commodity” wird, an der alle mitverdienen wollen.
Daniel Gross, Autor des Buches „Finanzblasen – und warum sie so wichtig für die Wirtschaft sind” zeigt,
wie Finanzblasen Infrastrukturen schaffen, die danach gewaltige neue Märkten den Weg bahnen.
Die „Eisenbahn-Spekulation” des 18. Jahrhunderts kostete vielen Sparern das Geld, schuf aber ein üppiges Transportsystem.
Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 entstand das heutige Banken- und Sicherungssystem.
Der Zusammenbruch des „Neuen Marktes” im Jahr 2001 hinterließ den „Daten-Highway”, auf dem die Kommunikationsmärkte boomten.
Die Immobilien-Blase führte zu einer Erneuerung der amerikanischen Bau-Infrastruktur und wird auf Dauer billigen Wohn- und Gewerberaum garantieren.
- Die Zukunft der Energie
Durch die Verteuerung des Öls wird heute eine neue „Blase” erzeugt, die sich um die Frage der Alternativenergien rankt.
Auch hier wird es zu Überspekulationen kommen, die aber letztendes die Zukunftsmärkte der „anderen Energien” formen.
Bio-Treibstoffe der 3. Generation konkurrieren nicht mehr mit Nahrungsmitteln. Kernkraft wird in den nächsten Jahrzehnten neue Wege gehen –
und in Kombination mit Wasserstoff eine Renaissance erleben.
- Die Zukunft der Rohstoffe
Während sich einige knappe Rohstoffe radikal verteuern, finden Technologiesprünge in andere Bereiche statt –
so kann man heute effektive Photovoltaik-Zellen bereits ohne Silizium produzieren. Gleichzeitig verfeinern sich die Recycling-Techniken –
es gibt immer weniger Müll und immer mehr Sekundär-Rohstoffe.
- Die Zukunft der Nahrungsmittelversorgung
Die „Grüne Revolution” der 60er und 70er Jahre, die in Zeiten tiefer Nahrungsmittelpreise ins Stocken geriet, nimmt wieder Fahrt auf.
Durch die Kombination von „semigenetischen” Zuchtverfahren und neuen Anbaumethoden lässt sich die Nahrungsproduktion der Erde noch einmal verdoppeln.
Globalisierung 4.0 – ein Szenario der Welt 2050
Die „harte” Phase der Globalisierung geht in den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts zu Ende – zugunsten neuer multi-lateraler Kooperationen.
Der zentrale „Rohstoff” dieser vierten Phase wird WISSEN und KNOW HOW sein – und nicht mehr billiges Öl, wie in der Phase 3.0.
Die Multipolare Welt:
Der Welthandel wird nicht mehr primär der Formel „Rohstoffe und Billigprodukte gegen Anlagen und Hightech” folgen,
sondern der ERGÄNZUNG von regionaler und globaler Produktion. Was besonders effektiv in einem Land/ einer Region erzeugt werden kann,
ist auch exportintensiv, aber immer mehr Güter werden auch wieder LOKAL produziert. Dabei verschwindet die Dominanz Amerikas und Europas.
Africa Rising: Afrika erlebt nach dem Ende seiner postkolonialen Phase einen Wirtschaftsboom.
Die Investitionen in Infrastruktur zahlen sich aus, die vielfältigen Aktivitäten für Afrika beginnen zu greifen.
Global Energy Grids: Energie wird zunehmend in transnationalen Netzwerken produziert. Die Sahara wird z.B. zum „Solarproduzenten”;
der Strom wird mit einem Gleichstromnetz in Europa und Afrika verteilt.
Weltinnenpolitik:
Entscheidend wird sein, ob die Weltgemeinschaft lernt, Bürger- und Menschenrechte in immer mehr Regionen der Erde durchzusetzen.
Es geht um die Entwicklung effektiver politisch-militärischer „Tools” zur Verhinderung von Genoziden und Stabilisierung von „Failed States”.
Die Erfahrungen von Irak und Afghanistan, der Balkankriege und im Inneren Afrikas können die Lernprozesse beschleunigen,
eine deutliche Aufwertung der UNO und anderer Weltorganisationen zeichnet sich ab.
Während die Menschen in der Zivilisation fortschreiten, und kleine Stämme in größere Einheiten verschmelzen, sagt ihnen die Vernunft,
dass sie ihre sozialen Instinkte und Sympathien auf alle Menschen ausdehnen sollten, selbst wenn sie persönlich nicht mit ihnen bekannt sind.
Dieses Zitat stammt ausgerechnet vom Entdecker des Prinzips Auslese und Anpassung, von Charles Darwin.
Darwin hat verstanden, dass globale Kooperation nicht den evolutionären Gesetzen WIDERSPRICHT, sondern ein EVOLUTIONÄRER VORTEIL ist.
Survival of the Fittest – das heißt im Kontext der Globalisierung eben nicht Sieg der Stärksten, Mächtigsten.
Sondern Kooperations- und Integrationsfähigkeit auf globaler und lokaler Ebene.
Literatur:
- C. K. Prahalad und Harvey C. Fruehauf, Fortune at the Bottom of the Pyramid: Eradicating Poverty Through Profits, Prentice Hall International, 2006
- Beinhocker, Eric D., Die Entstehung des Wohlstands, Wie Evolution die Wirtschaft antreibt, mi-Fachverlag, Landsberg/Lech, 2007
- Beck, Ulrich, Weltrisikogesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 2007
- Kennedy, Paul, Parlament der Menschheit, Die Vereinten Nationen und der Weg zur Weltregierung, C.H. Beck, München, 2007
- Lutz, Wolfgang, Warren C. Sanderson, Sergei Scherbov,
The End of World Population Growth in the 21st Century, New Challenges for Human Capital Formation & Sustainable Development, Earthscan, London, 2004
- Reichholf, Josef H., Das Rätsel der Menschwerdung, Die Entstehung des Menschen im Wechselspiel der Natur, dtv, München, 1993
- Safranski, Rüdiger, Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch?, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt/Main, 2004
- William F. Ruddiman: Plows, Plagues and Petroleum, Princeton University Press, Princeton, 2005
- Alasdair Nairn, Engines That Move Markets, Technology Investing from Railroads to the Internet and Beyond, John Wiley & Sons, New York, 2002
- Daniel Gross, Finanzblasen – warum sie so wichtig für die Weltwirtschaft sind, Finanzbuchverlag 2008
- B. Joseph Pine II, James H. Gilmore, The Experience Economy, Work is Theatre & Every Business a Stage, Harvard Business School Press, Boston, Massachusetts, 1999
- Francis Fukuyama, Der Große Aufbruch, Wie unsere Gesellschaft eine neue Ordnung erfindet, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2000
- Martin Wolf, Why Globalisation Works, The Case for the Global Market Economy, Yale University Press, London, 2004
(nach oben / zum Seitenanfang)