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Die Kreative Klasse
Ein Gespenst geht um in Europa und Amerika...
Welche sozialen Schichten prägen die Kultur der Zukunft? Darüber ist viel spekuliert worden,
von „Yuppies” und „Bohos” und „Neuen Eliten” war die Rede. Doch jetzt zeichnet sich eine solide Antwort ab.
In der Wissens-Ökonomie wird die KREATIVE KLASSE die Führungsfunktion übernehmen.
Dabei handelt es sich keineswegs um ein Häuflein von Künstlern, Spinnern und Sonderlingen.
Sondern um diejenigen, die die Wertesysteme, Lebensformen und Lebenswelten der Zukunft gestalten.
Wer die Zukunft verstehen will – von der Ökonomie über die Politik bis zu den Konsummärkten – muss verstehen,
wie diese Klasse „tickt” – und was zu ihrem Erstarken führte.
Die Geschichte, sagt Marx, ist eine Geschichte von Klassenkämpfen. Sie handelt vom Aufstieg und Fall von Klassen wie Proletariat oder Bourgeoisie.
Es sind jeweils die Produktionsbedingungen, die den Erfolg einer neuen Klasse ausmachen.
Und diese ändern sich in der globalisierten Welt deutlich: Immer mehr Wissensarbeit statt Produktionsarbeit,
immer mehr Kommunikation statt Kommando, immer mehr Kreativität statt Statik.
Mit seinem Werk „The Rise of the Creative Class” hat Richard Florida, ein amerikanischer Soziologe,
eine neue Klassen-Debatte eröffnet, die nun langsam auch in den deutschsprachigen Ländern ankommt.
In den modernen Gesellschaften westlichen Typs, so Floridas These, entwickelt sich seit einigen Jahren eine neue, dominante Klasse.
Zitat: Heute arbeiten in den hoch entwickelten Industrienationen zwischen 25 und 30 Prozent aller Werktätigen im Kreativsektor –
das heißt in Wissenschaft und Technik, Forschung und Entwicklung, in technologiebasierten Industriezweigen, in Kunst, Musik, Kultur,
Ästhetik und Design sowie in den wissensbasierten Berufen der Bereiche Medizin, Finanzwesen und Recht.
Floridas Team berechnete mit aufwändigen Zahlenwerken, dass die Kreative Klasse in Belgien, Finnland und den Niederlanden
bereits 28 bis 29 Prozent der Erwerbstätigen ausmacht. In England und Irland 26 Prozent. In Schweden und Dänemark 21 Prozent.
Und Deutschland und Österreich zwischen 17 und 18 Prozent.
Maßlos übertrieben? Allein im deutschen Kultursektor arbeiten mehr als 1,2 Millionen Menschen – und das sind nur die offiziell registrierten.
Das statistische Bundesamt meldete im vorigen Jahr 322.000 Beschäftigte in „künstlerischen und zugeordneten Berufen”,
sowie noch einmal 221.000 in „publizistischen, Übersetzungs- und verwandten Berufen”.
In NRW hat sich der Kulturumsatz in 16 Jahren verdreifacht. Dort arbeiteten im Jahr 2000 280.000 Menschen im Kulturbereich, dreimal so viel wie im Bergbau.
Bei den Selbständigen wuchs die Zahl der „Arbeitsplätze” um 31 Prozent bei den Freien Autoren und um 84 Prozent bei den Malern und Bildhauern.
Je nach Schätzung gibt es heute in der Bundesrepublik zwischen 250.000 und einer Million Berater,
wobei „Beratung” inzwischen ein nach allen Seiten unbegrenztes Terrain zu sein scheint.
Wie aber setzt sich die „kreative Klasse” zusammen?
- Den Nukleus der Kreativen Klasse, den „superkreativen Kern”, bilden die klassischen Künstlerberufe:
Autoren, Schauspieler, Redakteure, Regisseure, Maler, Architekten, Fotografen, Moderatoren, Kabarettisten, Comiczeichner, Musiker.
- RATIONALE INNOVATEURE sind Forscher, Wissenschaftler, Software-Gestalter, Technologie-Spezialisten.
- Dazu gesellt sich die KREATIVE MITTE, die in den letzten Jahrzehnten meist im Kontext von Wirtschaft und Kommunikation entstanden ist:
Werber, Texter, Berater, Analysten, Medientrainer, Moderatoren, Mediatoren, Motivatoren, Stilberater, Event-Agenten...
- Als dritte Gruppe lassen sich die neuen SYNTHESEBERUFE verstehen: Waldkindergärtnerin, Kulturvermittlerin,
Duftgestalter, Trauer-Ritualisten, Selfness-Coach, Holistic Health Manager, Mentaltrainer, Artconnector, Outplacement-Berater,
Interkulturberater, Cultural Coach, Systemiktouristiker.
- Und schließlich die KREATIVEN KÖNNER; die Innovateure in Konventionellen Berufen”: Innovative Rechtsanwälte,
Schräge Köche, Findige Ärzte, Artifizielle Architekten, Fantastische Fotographen, Radikale Redakteure,
Weiterdenkende Journalisten, Kreative Steuerberater, Wirbelige Winzer, Begnadete Schreiner, Geniale Fleischhauer, Visionäre Sportler.
- Schließlich könnte man auch das NEUE PREKARIAT in das Umfeld der Kreativen Klasse zählen –
jenes weite Feld an Patchwork-Arbeitern, „Ich AGs” und „Durchwurstlern”, die mit kreativen Leistungen und Dienstleistungen
ihren Lebensunterhalt bestreiten, ohne dabei klassische Formen von Erwerbsarbeit auszuüben.
Hier bilden sich einerseits Lebenskünstler-Biographien aus, andererseits handelt es sich um das Rekrutierungs-Milieu der aufwärtsmobilen Kreativen.
Warum eine „Klasse”?
Zunächst scheinen diese verschiedenen Gruppen alles andere als homogen.
Laut Marx sind es jedoch zwei Faktoren, die eine „Klasse” definieren:
Eine gemeinsame KlassenLAGE und ein gemeinsames KlassenINTERESSE.
Während die materielle Situation Kreativer sehr verschieden sein kann – ebenso wie die Art und Weise ihrer Erwerbsarbeit,
die entweder angestellt oder selbstständig, langfristig oder „prekär” sein kann –
lässt sich sehr wohl ein gemeinsames KlassenINTERESSE ausmachen.
Das Wichtigste für Kreative ist ein anregendes, vielfältiges, multikulturelles Milieu.
Dabei spielen die „drei T” - TOLERANCE, TALENT und TECHNOLOGY – eine wichtige Rolle.
- Technologie: Voraussetzung und Begleiterscheinung eines für ein kreatives Milieu ist stets der überdurchschnittliche Umgang mit Technik.
- Toleranz: Am besten arbeiten Kreative in einem „Milieu der Unterschiede”,
in dem verschiedene kulturelle Impulse und interessante Minderheiten aufeinander treffen und sich gegenseitig befruchten.
- Talente: Wenn in einer Region viele gut gebildete Menschen wohnen, zieht dies wiederum andere Kreative an,
die sich in diesem Milieu wohlfühlen und anregen lassen.
Die ökonomische Relevanz der Kreativen Klasse
Im Wandel zur Wissensgesellschaft werden wir „die Treppe der Wertschöpfung hinaufgetrieben.
Services, Prozesse, Designs, Innovationen und Transformationen prägen nun die Wertschöpfung.
Selbst in den großen Unternehmen gilt heute: Das Wiederholende, Weisungsgebundene, das typisch war für industriell geprägte Prozesse,
verschwindet zugunsten eines Zwangs zur Neuerfindung, zum Selbst-Gestalten, zur permanenten Innovation.
In diesem neuen Produktions-Prozess des Wissens und Könnens spielen vor allem drei Faktoren bzw. Fähigkeiten eine Schlüssel-Rolle:
- Kooperation
- Individualität
- Diversität
„Wenn alle Personen in einem Raum gleich sind, gibt es weniger Argumente und eine Menge schlechter Antworten”, sagt der US-Manager Ivan Seidenberg.
Diversität, ein zentraler Wert der Kreativen Klasse, wird also zum ZENTRALEN WERTSCHÖPFUNGSFAKTOR der Zukunft.
Damit verändern sich die ökonomischen Gewichte.
Nicht mehr die Tugenden von Fleiss, Kontinuität und „Stehvermögen” bestimmen über den Erfolg,
sondern die innere Wandlungsfähigkeit, die Offenheit für Neues und die „lebenslange Neugier”.
Die Werte der Kreativen Klasse
Während der „Industrial Man”, der in der klassischen Lohnarbeit sozialisierte Mann, seinen Lebensweg vor allen an den Kriterien der Karriere,
des Status, des Geldes, der Sicherheit ausrichtet, suchen Kreative primär nach Lebens-Qualität, Work-Life-Balance, Spielräumen, Abwechslungen und Herausforderungen.
Kreativität ist in ihrem Wesen von Mobilität geprägt.
Kreative sind kosmopolitisch orientiert, weil sie sich ihre Anregungen aus vielen Gegenden der Welt holen.
Gerade WEIL sie nicht sesshaft sind, bringen sie viele kulturelle und auch ökonomische Impulse in ihre urbane Umwelt ein –
eine Befruchtung und Bereicherung des jeweiligen Standorts. Kreative sehen sich nicht als „Heimatbewohner”, sondern als Nomaden,
die ihre Zelte für eine bestimmte Zeit an einem aufregenden Ort aufschlagen.
Sie nutzen Städte als „Hubs für die Mobilität” – und formen sie damit um.
Gleichzeitig übt die Kreative Klasse eine GESELLSCHAFTLICHE Integrations-Funktion aus.
Sie vermittelt zwischen den ALTEN ELITEN, dem NEUEN BILDUNGS-BÜRGERTUM und dem NEUEN PREKARIAT.
Kreative fungieren als „kulturelle Integratoren ökonomischer Unterschiede”.
Ihre „prekären Arbeitsmilieus” bilden eine breite ökonomische Pufferzone.
Wo viele Kreative leben und arbeiten, wachsen „Puzzle-Ökonomien” heran,
die die Menschen unabhängiger von traditionellen, „lebenslangen” Arbeitsplätzen und sozialen Transfers machen
(die es in Zukunft immer weniger geben wird).
Dabei haben sie eine gesellschaftliche Mittler-Funktion, die der des Bürgertums im 19. Jahrhundert ähnelt.
Im Kreativen Milieu verändern sich die Bedeutungen von Arbeit und Tätigkeit.
Es geht nicht mehr nur um die klassische Erwerbsarbeit, vielmehr gehen Lohnarbeit, Projekt-Arbeit, Haus-Arbeit,
Herzens-Arbeit (unbezahlte Leidenschaften) und Unterstützungs-Arbeit (Pflege, Kindererziehung) ineinander über.
Kreative sind die PIONIERE EINER NEUEN LEBENS-Balance. Arbeit ist für sie auch Welt-Gestaltung, Selbst-Expression, und Lebens-Sinn.
Sie sind Lebens-Gestalter und Biographie-Virtuosen, nie reine Hedonisten oder Bohemiens.
Sie verändern die Art und Weise, in der Menschen arbeiten, kooperieren, leben, lieben und sich entwickeln.

Fazit: In den nächsten zwanzig Jahren werden die Kreativen den „ORGANISATION MAN” des Industriezeitalters ablösen.
Dieser „Siegertyp” des Spätindustrialismus war der in großen Organisationen gebundene Angestellte.
Er war stets männlich, meist Alleinverdiener, sein Arbeitsethos basierte auf dem protestantischen Arbeitsethos und einem konservativen Kulturbegriff.
Seine Karriere war vorbestimmt und organisatiorisch abgesichert (alle zwei Jahre eine Gehalterhöhung und ein neues Auto).
Doch diese Spezies ist bedroht, denn in der vitalen globalen Wirtschaft werden die Dauer-Angestellten zu teuer, zu unproduktiv, und zu unflexibel.
In Zukunft werden Karrieren und Einkommensteigerungen vor allem im kreativen Milieu stattfinden – die Künstler von heute sind die Gewinner von Morgen.
Richard Florida und Irene Tinagly, Europa im Kreativen Zeitalter, in GDI Impulse Juli 2004, S. 29
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