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Die neuen Lebensphasen
Vom Schicksal zur Lebensphasen-Gestaltung
Schon als Kind haben mich Lebensläufe und Biographien interessiert. Wie kommt es, dass Onkel Egon „Fabrikant” wurde?
Warum starb Tante Erna schon mit 50, während Großmutter ein Methusalem-Alter erreichte – und dabei immer fröhlich blieb?
Wie gehen Menschen mit Lebenskrisen und veränderten Bedingungen um, wie finden sie sich in Wirren und Wandlungen zurecht?
Für die Zukunftsforschung ist die Frage nach den Biographien ein Schlüssel-Element...
Wie verändert sich in einer globalisierten Wissens-Gesellschaft unser Leben in seinen Abschnitten, in seiner „Komposition”?
Und wie können wir uns darauf einstellen? Folgende Trends spielen dabei eine Rolle:
- Die Erweiterung der Lebens-Spanne durch die steigende Lebenserwartung erzeugt das so genannte „Downaging” –
wir agieren in jeder Phase des Lebens JÜNGER als unsere Vorfahren.
- Die Individualisierung der Lebensläufe: „Norm-Biographien” werden immer seltener.
- Die veränderte Partnerschafts-Kultur durch den „Megatrend Frauen”: Familien- und Partnerschaftskonzepte werden differenzierter.
- Die ent-linearisierten Berufsbiographien durch die höhere Komplexität und Mobilität unserer Arbeitswelt.
Während im industriellen Zeitalter die meisten Menschen eine klassisch-dreiteilige Biographie durchlebten,
mit den rigiden Grenzen „23” und „60” (Heirat und Ruhestand),
erweitern und „fraktalisieren” sich in der Wissensgesellschaft die Lebensläufe.
Wir müssen (und können) unser Leben viel bewusster gestalten als jemals zuvor.
- Postadoleszenz
Zwischen Jugend und den „Ernst des Lebens” schiebt sich eine Experimentierphase,
in der man reist, sich selbst verwirklicht und beruflich und in Sachen Bildung mehrfach umorientiert.
Erlernt wird auch die „serielle Monogamie” als Beziehungskonzept der modernen Gesellschaft – Treue zum Partner,
aber „hintereinander weg”.
- „Rush Hour”
In der „Mitte des Lebens” kommt es zu einem massiven Konflikt zwischen Arbeits- und Familiensphäre.
Durch das steigende Bildungsniveau der Frauen muss über Rollenteilungen ganz neu verhandelt werden – auch Frauen wollen Karriere machen,
und Männer wollen sich um ihre Kinder kümmern. Damit kommt es – in einer konservativen Arbeitskultur,
die immer noch auf die „Männliche Soll-Übererfüllung” setzt, zu einem „Zeit-Notstand”.
Das können wir in Zukunft auch anders gestalten – durch bessere gesellschaftliche Kontrakte („work-life-balance”),
durch andere Arbeitsformen und eine ZEITLICHE ENTZERRUNG der Biographie (die Kinder früher oder später bekommen).
- Selfness-Phase
In einem Alter zwischen 50 und 60 kommt es zu einer Phase der Neuorientierung und Re-Positionierung.
Diese neue Phase ist ein Geschenk der Alterung an uns alle, eine Gabe der kulturellen Evolution, die uns ermöglicht,
ein Leben mit anderen Horizonten und Chancen zu leben. In dieser Phase sollten wir gefunden haben, was wir WIRKLICH GUT KÖNNEN.
Sonst droht eine soziale Abstiegs-Phase.
- Weisheit als Lebens-Ziel
Wir können (und müssen) dem verlängerten Leben eine andere Perspektive geben.
„Weisheit” wäre der sinnvolle Zentral-Wert für eine Langlebigkeitskultur,
in der wir unsere Persönlichkeiten auf ganz neue Weise entwickeln.
Es liegt auf der Hand, dass wir für die Gestaltung einer solchen komplexeren Biographie ANDERE KULTURTECHNIKEN benötigen.
Im Kern geht es dabei um eine VERLAGERUNG VON ÄUSSEREN SICHERHEITEN (Geld, Vermögen, Ehe, „fester Beruf”) zu INTRINSISCHEN Sicherheiten.
Wir leben unser Leben nicht mehr „erfolgreich”, wenn wir äußere Normen erfüllen,
sondern wenn wir unser INNERES SELBST weiterentwickeln. Die Sozialisierungstechniken” früherer Tage, die vor allem auf der Kunst der Anpassung bestanden,
werden ergänzt und erweitert durch so genannte BIOGRAPHISCHE META-KOMPETENZEN:
- Flexibilität
Die Fähigkeit, variabel und vorausschauend auf neue Lebens-Situationen zu reagieren.
- Resilienz
Die Fähigkeit, auch in Krisen und Umwälzungen weiter zu reifen.
- Selbstkompetenz
Die Fähigkeit, die eigenen Talente zu verstehen und zu entwickeln, sich selbst zu erkennen und zu verändern.
Zusammengefasst können wir die neuen Biographien als Evolution zur Multi-Mobilitäts-Kultur betrachten:
Die Mobilitätsgrade steigen in beruflicher, familiärer, räumlicher Dimension.
Eigentlich müssten wir, um das verborgene Muster der Biographien zu erkennen, sie von RÜCKWÄRTS lesen.
Donald Sutherland hat einmal formuliert:
Das Leben sollte eigentlich mit dem Tod beginnen, und nicht anders herum. Zuerst gehst Du ins Altersheim, wirst herausgeworfen,
spielst ein paar Jahre Golf, kriegst eine goldene Uhr und beginnst zu arbeiten.
Anschließend gehst Du auf die Uni und genießt das Studentenleben mit einem Haufen Lebenserfahrung.
Nach der Schule spielst Du 5, 6 Jahre, dümpelst 9 Monate in einer Gebärmutter und beendest Dein Leben als Orgasmus.
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