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Die Politik der Zukunft
Der vierte Weg
Im Reich der Politik scheint heute vieles durcheinander zu geraten. Die Volksparteien verlieren an Integrationskraft,
neue Gruppierungen drängen in die Parlamente, das Gespenst der Unregierbarkeit steht im Raum.
Polarisierte Rhetoriken, die aus der Weimarer Republik zu stammen scheinen, sind auf dem Vormarsch.
Politik scheint an drei großen Krankheiten zu leiden: Skandalisierung, Personalisierung, Polarisierung.
Die Medien – und mit ihnen weite Teile der Öffentlichkeit – scheinen nur noch an Personalien interessiert zu sein,
an Klatsch, Tratsch, Tragödien und dramatischem Scheitern. Reale politische Inhalte gehen im populistischen Applaus der Talkshows unter,
wo alles frenetischen Beifall findet, was „betroffen” macht und „soziale Verantwortung” einfordert.
Ich möchte zeigen, dass diese Turbulenzen des Politischen ein Übergangsphänomen darstellen.
Sie haben mit neuen Bedingungen von Ökonomie und Lebenswelt zu tun, mit fundamentalen Veränderungen im Herzen unserer Sozio-Kultur.
Unser heutiges Parteiensystem wie unser ganzes Politisches DENKEN ist auf die Bedingungen der Industriegesellschaft zugeschnitten.
In der kommenden Wissens-Gesellschaft benötigen wir jedoch ein neues politisches Zukunfts-Denken.
Wir müssen das ideologische Korsett des Links-Rechts-Widerspruchs sprengen!
Das politische Paradox der Gegenwart
NEULIBERALISMUS schreien die einen, TOTALSTAAT die anderen.
Gleichzeitig nähern sich jedoch in der MITTE die politischen Verhältnisse immer mehr einander an.
LINKS und KONSERVATIV sind heute zu LINKSKONSERVATIV verschmolzen. Die alten Lager, die alten Milieus,
haben keine erkennbaren Unterschiede mehr zu bieten. Seltsame Phänomene der Lagerverwirrung greifen um sich:
- Im bayrischen Städtchen Bodenmais siegt ein bekennender Schwuler der SPD als Bürgermeister.
- In der Bundesregierung macht eine konservative Familienministerin eine skandinavisch geprägte, emanzipative Familienpolitik.
- Ältere Mitglieder der CDU wie Heiner Geissler sind plötzlich Mitglieder bei Attack - und reden so linksradikal daher wie Oskar Lafontaine.
- Die stellvertretende informelle Vorsitzende der LINKEN will die Frauen an den Herd zurückbringen.
Ein Teil dieses politischen Tohuwabohu lässt sich auf das Scheitern dreier fundamentaler politische „Großprojekte” zurückführen:
- Das erste gescheiterte Großprojekt war die konservative Re-Moralisierung des Gesellschaftlichen.
Der Grund-Diskurs lautete: Modernisierung und Wandel sind ökonomischen Bereich richtig und notwendig - in der Gesellschaft jedoch,
vor allem im Kernbereich der Familie, der Normen und Sitten, muss um jeden Preis „das Alte, Bewährte” gehalten oder wieder hergestellt werden.
- Das zweite Großprojekt ist das Scheitern des Projektes der „Sozialen Gerechtigkeit” unter den neuen Bedingungen einer globalisierten (Wissens-)Ökonomie.
Das konservative Projekt musste schon allein an seinen inneren Paradoxien scheitern. Die Sphären der Wirtschaft und der Gesellschaft sind eben NICHT voneinander zu trennen,
und das machte den konservativen Moralappell zu einem Windmühlen-Unterfangen. Man kann eben nicht die ewigen Tugenden der Treue und der Ehe einfordern,
aber gleichzeitig die Kräfte der globalen Mobilität entfesseln, die Menschen dazu bringt immer flexibler und individueller zur reagieren.
Man kann mit Moralismus keine nachhaltige Politik im globalen Zeitalter betreiben!
Das linke Projekt scheiterte vor Allem an seiner Halbherzigkeit. Der entscheidende Punkt war die Rücknahme des „Dritten Weges” oder einer „Neuen Politik der Mitte”.
Damit sollten die Ziele der Sozialdemokratie mit den ökonomischen Tatsachen einer globalen Wirtschaft synchronisiert werden.
Doch die Betreiber des Projektes fanden nie wirklich den Mut (und die Kommunikationsmacht), herauszuarbeiten, worum es wirklich ging:
Einen neuen SOZIALKONTRAKT für die Zukunft unter den Bedingungen einer globalen Wissensökonomie.
Eine kleine Geschichte der „politischen Zivilisation”
In der Jäger- und Sammlerkultur, die 90 Prozent der Menschheitsgeschichte geprägt hat, war Politik vor allem Herdpolitik.
Die Sippen und Clans der archaischen Gesellschaft mussten sich am offenen Feuer zusammenraufen,
wenn sie keine mörderischen Konflikte riskieren wollten (was oft genug nicht vermeidbar blieb).
Dazu benötigte man eine Menge meist männlich geprägter Rituale, die bis heute in unsere politische Kultur nachzuwirken scheinen.
Das gemeinsame exzessive Essen und Trinken zum Beispiel. Das Sich-auf-die-Schulter-Schlagen, Schmeicheln und Verbrüdern.
Mit dem Beginn des zivilisatorischen Prozesses wurde Politik vor allem Machtpolitik. Mit Ausnahme der hellenistischen Kultur,
in der „spirituelle” Institutionen wie das Orakel von Delphi die Politik moderierten,
blieb das Politische über Jahrtausende eine Angelegenheit der Eliten, der Eroberungen, der Geneaologie.
In ihrem Alltag waren die Menschen mit Politik immer nur konfrontiert, wenn die jungen Männer in Kriege geführt wurden, Eroberungen gelangen oder misslangen,
Höfe, Dörfer, Städte zerstört wurden.
Mit wenigen Ausnahmen – Amerika, Frankreich, die Schweiz,Skandinavien - erreichten die Strukturen der partizipativen Demokratie das Gros der Menschen
erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert. In der frühen Industriegesellschaft blieb Politik ein Spiel der Mobilisierung von Massen,
von Fanatismus und revolutionären Stimmungen geprägt. Parlamente waren keine Orte der offenen Debatte, des Ringens um den besseren Weg,
sondern Kampfarenen, in denen stets Putsch und Diktatur drohten. In der Mischung aus ethnischer, ideologischer und nationaler politischer Mobilisierung entstanden
die großen Katastrophen der europäischen Geschichte. Politik wurde zum Schicksalsbringer, zum Menetekel.
Die Politik der Nachkriegszeit bestand deshalb zuallererst in einer Zivilisierung und ABRÜSTUNG des Politischen.
Erstmals gelang es, die zentrifugalen gesellschaftlichen Kräfte durch einen institutionellen Rahmen zu befrieden.
Die enormen Wohlstands-Gewinne des Wirtschaftswunders schufen eine Gesellschaft, in der sich die Individuen nicht allein über Klassen- Zugehörigkeiten,
sondern mehr und mehr durch Erwerbserfolg und Eigensinn definieren konnten.
Der Wohlstandsprozess zeugte Millionen von Aufstiegen, Bildungserfolgen, Emanzipations-Gewinnen, die sich in eine allgemeine gesellschaftliche Ent-Spannung umsetzten
– allen Turbulenzen á la 68 zum Trotz.
In dieser Situation konnte sich Politik auf Verwaltung, Planung und Umverteilung zurückziehen.
Sie erfüllte dann ihre Aufgaben gut, wenn sie den Akteuren der Wirtschaftsdynamik möglichst freie Hand ließ
und lediglich EINIGE Rahmenbedingungen definierte. Das viel gelobte „Erhard-Modell” war in Wirklichkeit ein „Laissez-faire mit Abschöpfung
der Überschüsse” – eine völlig richtige, aber keineswegs sehr anspruchsvolle Politik.
Doch das Ende der Industriegesellschaft bringt nun ein Ende der alten wirtschaftlichen Automatik, die ALLE Boote hob.
In der Globalisierung wandern einfache Produktions-Jobs in andere Länder ab. Die Komplexität der Lebens- und Arbeitswelt steigt.
Alte, geschützte Sektoren unterliegen nun der internationalen Konkurrenz. Die Globalisierung treibt uns die Treppe der Wertschöpfung hinauf:
Nicht mehr Produktionsarbeit oder einfache Services machen unseren Wohlstand aus, sondern Prozesse der Innovation, der Analyse,
der Kommunikation, des Teamworks, der ständigen Verbesserung.
Die Wissensgesellschaft erfordert also vom Individuum neue und komplexere Sozialtechniken. Die Fähigkeit zur Selfness,
zur bewussten Veränderung und Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten, rückt in den Vordergrund.
Dies gilt für die Arbeits- UND für die Lebenswelten: Auch im Verhältnis zwischen Mann und Frau kommen „man”
heute mit den alten Strategien nicht weiter – wenn man das neue, komplexe Geschlechter- Spiel nicht beherrscht,
landet man schneller in einer Scheidungs-Biographie mit anschließendem Privatkonkurs, als man schauen kann...
Der Vierte Weg
Tony Blair, der junge sozialdemokratische Führer, versuchte in England in den späten 90er Jahren eine neue Sozialpolitik,
in der er die alten Fronten von Links und Rechts überwinden wollte. Inspiriert von einem Pool von Intellektuellen wollte Blair den europäischen SOZIALMASOCHISMUS beenden.
(Eine Wortprägung des französischen Ökonomen Anthony des Jasay:. Er sprach vom SOZIALMASOCHISMUS,
mit dem Frankreich und Deutschland immer perfektere Sozialsysteme entwickelten, die das Problem des Sozialen jedoch immer nur verschärften).
Ausgangspunkt und Grundidee des Dritten Weges war eine schonungslose Bilanz des Sozialstaates. Dieser hatte zwar in den europäischen Wohlstandsländern von etwa 1960 bis 1980,
sein Ziel erreicht, auch schwächere Schichten am Aufschwung partizipieren zu lassen. Spätestens Mitte der 80er Jahre änderte sich jedoch die Lage.
Unter den Bedingungen der beginnenden Wissensökonomie versagte er jedoch. Durch die relativ üppigen Umverteilungen des Staates wurde die Schicht von Sozialhilfeempfängern,
Bildungsfernen, zum Teil auch Arbeitsunwilligen nicht in den Arbeitsmarkt integriert, sondern dauerhaft aus ihm herausrationalisiert.
Es entstand eine neue Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen, eine rasch wachsende Schicht von „Welfare Queens”
und „Transferprofis”.
Die Suche des „Dritten Weges” galt einer Neudefinition der sozialen Aufgabe des Staates. Nicht mehr der Mangel an Geld, so die These,
sondern Defizite in Bezug auf Bildung, auf Sozialkompetenzen, letztendes Kulturfragen, sind nun entscheidend für das soziale Schicksal des Einzelnen.
In Großbritannien definierte Blair einen neuen Kontrakt mit dem Bürger, nach dem dieser zwar das recht auf Unterstützung,
aber auch die Pflicht zu Eigen-Initiative, ja Selbstveränderung hatte. Die „Fördern-und-Fordern”- Politik in Deutschlang war ebenso Teil dieses Programms,
auch wenn sie schlecht oder gar nicht umgesetzt wurde.
Der Grund, warum der „Dritte Weg” wie eine heiße Kartoffel fallengelassen (und sein richtiger analytischer Ansatz nie wirklich weiterentwickelt) wurde,
war die regressive Tendenz des politischen Diskurses: Der alte, bequeme Rechts/Links-Rhetorik siegte über politisches Zukunftsdenken,
die Polemik „gegen” war einfacher als die Suche nach dem Neuen.
„Dritter Weg” klingt zudem immer noch nach KOMPROMISS, nach Mittelweg. Aber so einfach ist es eben nicht.
Es geht um nichts Geringeres als um den Sprung auf eine komplexere Ebene des Politischen!
NIEMALS RÜCKWÄRTS; IMMER VORWÄRTS! Diese Parole von Erich Honnecker gilt auch für das politische Denken.
Und deshalb sollten wir noch einen Schritt weitergehen.
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die vier Säulen, die „Gesellschaft” ausmachen:
- Der Staat
- Die Zivilgesellschaft
- Das Individuum
- Die Wirtschaft / der Markt
Im alten, ideologisch getränkten Denken geht es immer nur um (falsche) Alternativen: MEHR (Sozial)Staat ODER weniger STAAT.
Unter den Bedingungen moderner, globaler Individualgesellschaften müssen wir jedoch das VERHÄLTNIS zwischen Staat, Bürger,
Gemeinschaft und Individuum neu konfigurieren.
- Starker Staat
Die Schwächung des Staates zu fordern, ist aus mehreren Gründen unsinnig. In der Sicherheits- und Bildungspolitik verlangen wir zu Recht MEHR von Staat als früher.
Zweitens müssen wir die kollektive Mentalität der Bevölkerung berücksichtigen. Wir leben in einem Sozialstaat. Und das wird auch so bleiben.
Die Crux mit diesem Sozialstaat ist allerdings, dass er seine EIGENEN Ansprüche nicht erfüllt. Statt sozialen Ausgleich zu schaffen,
VERSCHÄRFT er die sozialen Widersprüche, indem er Opfer-Identitäten züchtet und falsche Anreize setzt.
An einigen Punkten mischt er sich sinnlos in die Angelegenheit des Bürgers ein, an anderen übt er pures laissez faire.
Abzusehen ist, dass die BILDUNGSPOLITIK im Zentrum der neuen Sozialpolitik stehen muss.
- Starker Markt
Markt ist nicht überall die beste Lösung, aber ohne Marktelemente funktionieren auch die öffentlichen Sektoren schlecht.
GERADE starke Sozialstaaten wie die skandinavischen Länder haben einen starken Markt. Dort rufen die Unternehmen, anders als bei uns,
nicht unentwegt nach niedrigeren Steuern. Der Ruf nach Steuerfreiheit ist oft eine Kompensation für mangelnde Innovationsfähigkeit.
Andererseits gilt: Je stärker die Wirtschaft, desto mehr kann sie am „Projekt Chancen für alle” mitarbeiten,
durch Transfers in Bildung und Weiterbildung zum Beispiel. Dieses Projekt ist für die neue Wirtschaft keine Nebensache mehr,
sondern liegt im Zentrum ihres eigenen Interesses. Denn das zentrale Kapital der Zukunft ist das Humankapital!
- Starke Zivilgesellschaft
Keine Gesellschaft, keine Kultur kann ohne jenes Geflecht der alltäglichen Unterstützungen auskommen, wie sie sich in Familien, Kommunen,
freiwilligen Initiativen, Nachbarschaften zeigen. Allerdings verändern sich diese auch die Strukturen der Zivilgesellschaft:
Aus Zwangsmitgliedschaften werden freiwillige Engagements. Aus Kernfamilien werden erweiterte Wahlfamilien, aus Dorfgemeinschaften werden urbane Nachbarschafts-Milieus.
Nicht mehr nur die freiwillige Feuerwehr allein und die kirchliche Gemeinde bilden die Basis der Zivilgesellschaft, auch die Sportinitiative der schwulen Handballer spielt eine wichtige Rolle!
- Starke Individuen
Individualität hat in Deutschland einen negativen hautgout. „Individualismus” klingt nach Egoismus und erinnert irgendwie an „unsozial”.
Aber wir haben nicht ZUVIEL Individualität, sondern viel ZU WENIG reife, entwickelte, selbst-gewisse Individualität!
Individualität und Sozialität durchdringen und bedingen einander. Ohne eine Kultur der Starken Individuen, die sich selbst verantworten und verändern können,
ist Gesellschaft nicht nachhaltig gestaltbar! Hier zeigt sich vor allem das genuine Defizit unseres Bildungssystems, dass Menschen immer noch nicht genug dabei hilft,
„sie selbst” zu werden!
Eine POLITIK DES VIERTEN WEGES bestünde also darin, die Schnittstellen zwischen den Sektoren zu aktivieren, WIN-WIN-Situationen zu schaffen!
Gute Politik im 21. Jahrhundert heißt, dass Reformen ALLE Teilnehmer am gesellschaftlichen Spiel einbinden! Das, was der Wirtschaft nutzt, stärkt auch das Individuum.
Zivilgesellschaftliche Initiativen sind TEIL des Wohlstands- und Wirtschaftsprozesses! Es geht darum, die Anreize so zu setzen,
dass die verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen und Institutionen miteinander ein aktives Netzwerk bilden.
Ein Netzwerk, das Menschen hält, entlastet und empowert!
Der Neue „Onkel-Staat”
Der Staat der Zukunft ähnelt eher, so drückte es neulich der ECONOMIST aus, einem AVUNCULAR STATE, einem Onkelstaat, oder auch einen „Sanften Paternalismus”.
Verabschieden müssen wir uns in der Tat vom Nanny-Staat, der sich um alle Lebenslagen kümmert. Der Onkel-Staat hat nicht zum Ziel seine Bürger möglichst
perfekt zu „ver-sorgen” – im Wortsinn - sondern sie zur Eigeninitiative anregen. Wie ein richtiger Onkel nicht immer „da” ist -
und sich nicht ständig um alles kümmern kann und will – geht der neue Staat von einer „unterstützten Autonomie” des Einzelnen aus.
Nicht der OPFERstatus – wie im klassischen Sozialstaat – bildet die Grundlage staatlicher Handlungen, sondern das EMPOWERMENT des Einzelnen,
seine EMANZIPATION aus unmündigen Verhältnissen. Der „Economist” formulierte:
Ziel dieser neuen Paternalisten ist nicht das 'Kindermädchen Staat', ein schimpfender Spielverderber, der seine Schützlinge dazu zwingt,
brav sein Gemüse zu essen und seine Medizin zu nehmen. Stattdessen haben sie das vor Augen, was man den 'Onkel Staat' nennen könnte:
einen welterfahrenen Staat, der uns einen Schubs in die richtige Richtung gibt und womöglich die Fäden zu unseren Gunsten zieht, ohne dass wir dies überhaupt bemerken”.
Evidence Based Politics
In der Politik des 21. Jahrhunderts wird der Versuch, mit politischen Maßnahmen hehre Ideale zu verwirklichen, zugunsten eines funktionalen Pragmatismus aufgegeben:
Politik ist dann gut, wenn sie bestimmte Ziele erreicht!
„Evidence based Politics” nennt sich dieser Weg in der angelsächsischen Politikdebatte. Elemente der Innovations-Generierung von modernen Unternehmen werden dabei
auf die politische Methodik übertragen. Erstens werden Fallbeispiele aus anderen Ländern herangezogen und evaluiert.
Welches Schulsystem funktioniert auf der Welt? Welche Integrationspolitik zeigt die besten Ergebnisse?
Welche Arbeitsmarktmaßnahmen in Skandinavien, England, Kanada, bewähren sich?
Mit welchen Methoden wurde Kriminalität am besten reduziert, wurden soziale Problemlagen tatsächlich verringert?
Einige Beispiele:
- Finnlands Gesundheitspolitik
In einigen Regionen Finnlands, in denen die Herzinfarkt- und Schlaganfallraten aufgrund von Fehlernährung und mangelndem Bewegungsverhalten katastrophal waren,
ist es gelungen, durch eine konsequente Public-Private-Partnership-Kampagne diese gesundheitliche Situation radikal zu verbessern.
Erreicht wurde das durch eine Einbeziehung ALLER Kräfte: Der Schulen und ihrer Schulkantinen, der Supermärkte und ihres Angebotes, der Medien,
der Vereine, der Haushalte, die von Ernährungsberatern besucht wurden.
- Dänemarks Arbeitspolitik
In Dänemark ist die Arbeitslosigkeit extrem gering, die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, liegt bei nahezu null. Wobei die Dänen recht häufig den Arbeitsplatz wechseln!
Es gibt praktisch KEINEN Kündigungsschutz, bis zu 80 Prozent vom Gehalt werden bis zu 5 Jahren weitergezahlt, allerdings muss jeder so gut wie JEDE Arbeit annehmen.
Jeder Bürger hat gleichzeitig verbrieften Anspruch auf ein individuelles „Job Coaching”.
- Kanadas Schulpolitik
Noch erfolgreicher – und vor allem vergleichbarer – als das finnische Bildungsmodell ist das kanadische. Kanada wird die erste Nation sein,
in deren GESAMTBEVÖLKERUNG mehr als 50 Prozent Tertiär-Bildungsabschlüsse existieren, d.h,. Examen, Meister etc.
Erreicht wird dies durch ein konsequentes Gesamt- und Ganztagsschulmodell, hohe Autonomie der einzelnen Schulen, intensive Lehrerfortbildung und ein besonders Augenmerk auf die
Integration bildungsschwacher Schichten und Immigranten.
- Das Rentensystem der Schweiz
Die Schweiz hat bereits seit 30 Jahren ein „Cappucino”-Rentenmodell entwickelt, das dem demographischen Wandel standhalten kann.
Zur staatlichen Grundsicherung kommt eine staatlich geförderte Privatversicherung, dazu noch eine steuerlich entlastete Privat-Lebensversicherung.
Die Schweizer bleiben deutlich länger im Beruf – und sind, was die Demographie-Effekte angeht, viel gelassener.
Da Politik nicht ohne Weiteres von einem Land in ein anderes übertragbar ist, benötigt Evidence Based Politics Experimentellen Reformismus als operatives Prinzip.
In verschiedenen Regionen oder Städten eines Landes werden Varianten eines möglichen Reformprozesses ausprobiert.
So könnte man zum Beispiel in einer Stadt Heroin an Drogensüchtige ausgeben, in einer weiteren Ersatzstoffe, in einer dritten die Anzahl der Sozial- und Steetworker erhöhen,
plus den repressiven Druck auf die Drogensüchtigen. Die Resultate werden dann miteinander vergleichen und evaluiert.
So entsteht ein nüchterner Wettbewerb des Reformerischen, der einer Markttest-Situation ähnelt.
Damit wird dem populistischen und volatilen Charakter von Politik entgegengewirkt. Wie die Pisa-Studie die Bildungsdebatte erst in Gang brachte,
weil es erstmals MESSWERTE gab, muss sich Moderne Politik nun entlang von Management-Kriterien bewähren: Zielsetzung, Messung, Überprüfung, Korrektur...
Die vier wichtigsten Stichpunkte für Politik in der Wissens-Ökonomie des 21. Jahrhunderts lauten:
- INKLUSIVITÄT
Politische Maßnahmen müssen stets dazu führen, dass Bürger besseren Zugang zu Rechten UND Pflichten der Gemeinschaft bekommen.
- EMPLOYABILITY
Die Zielsetzung von Arbeitspolitik in UND außerhalb der Unternehmen ist nicht mehr die Erhaltung des ArbeitsPLATZES,
sondern die kontinuierliche Steigerung der ArbeitsKOMPETENZ des Einzelnen:
Wir betrachten unser Unternehmen als einen Ort, wo Mitarbeiter in verschiedensten Lebenssituationen hart arbeiten, sich freundschaftlich verbinden und dann
reifer und bereichert woanders eine weitere berufliche Station in ihrem Leben anpacken.
Klaus Kobjoll, Inhaber des Seminarhotels „Schindlerhof”
- FLEXICURITY
Die Verbindung von SICHERHEIT und FLEXIBILITÄT bedeutet, dass sich die biographische Sicherheit mehr auf die INDIVIDUELLEN FÄHIGKEITEN des Einzelnen konzentriert.
Sicher sind wir in gesteigerter, selbstgewollter Flexibilität!
- PUBLIC-PRIVATE-PARTNERSHIP
Politische Initiativen müssen stets auch einen bürgerschaftlichen und „emanzipativen” Effekt haben. Auch die Privatwirtschaft kann und muss sich
in bestimmten Bereichen an öffentlichen Belangen beteiligen.
Für die Zukunft der Parteien und unseres Politischen Systems bedeutet dies:
Alte ideologische, weltanschauliche Differenzen werden zunehmend unwichtiger. Die Parteien differenzieren sich innerlich aus und werden dabei „anschlussfähig”.
Immer mehr Reformbündnisse und Allianzen auf Zeit entstehen, die eher sozialen Bewegungen ähneln und „Issue-Politik” betreiben.
Neue Parteien entstehen, die um die Varianten des „Vierten Weges” konkurrieren. Zwar kommt es phasenweise zu einem Comeback alter, reaktionär-linker Weltbilder.
Aber gleichzeitig entsteht auf lange Sicht eine neue, systemische Intelligenz des Politischen.
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit” formulierte Emanuael Kant.
„Faulheit und Feigheit seien,” so Kant weiter, „die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleibe.”
Aber Faulheit und Feigheit sind keine dem Menschen inhärenten Eigenschaften, jedenfalls keine DOMINANTEN Eigenschaften.
Sie sind vielmehr das Ergebnis falscher Anreize, Produkt einer REGRESSION DES POLITISCHEN, in dem sich der politische Auftrag,
die Gesellschaft in die Zukunft zu führen, in einen reinen Versorgungs- und Klientel-Job verwandelt hat.
Auf diese Weise erleben wir eine Degeneration des Staates, und mit ihm eine Dekadenz der ganzen Gesellschaft.
Während uns das Industrie-System noch eine Menge Faulheiten und Feigheiten nicht nur erlaubte, sondern geradezu AUFDRÄNGTE –
in Form von lebenslangen Arbeitsplätzen, Milieubindungen, genormten Bildungs- und Berufsbiographien – orientiert sich die Wissensökonomie an Losgröße Eins.
Dem Individuum. Sie löst, wie Marx es einmal über den Kapitalismus generell gesagt hat „alle naturgewachsenen Bindungen und Traditionen auf”.
Aber sie sprengt auch, um Max Weber zu zitieren, das „eherne Gesetz der Hörigkeit”, das sich in der industriellen Gesellschaft breitgemacht hat.
Wir alle sind zu höherer Autonomie, zu mehr Freiheit und Selbstverantwortung GEZWUNGEN!
Höchste Zeit, dass wir uns einen guten Sparrings- und Trainingspartner dazu ausbilden. Einen vernünftigen, aufgeklärten, innovativen, zukunftssicheren Staat.
Literaturtips:
- Anthony Giddens, Jenseits von Links und Rechts
Suhrkamp Verlag, Frankfurt,1997
- Anthony Giddens, The Third Way,
Polity Press, Blackwell Publishers Ltd, Cambridge,1998
- Gösta Esping-Andersen: Social Class, Social Democracy and State Policy.
Copenhagen: New Social Science Monographs, 1980.
- Stagnation and Renewal. The Rise and Fall of Social Policy Regimes
With Lee Rainwater and Martin Rein as coeditors. Armonk, New York: M. E. Sharpe, 1987.
- The Three Worlds of Welfare Capitalism.
Cambridge: Polity Press & Princeton: Princeton University Press, 1990.
- The Avuncular State – A smarter, softer paternalism is coming into style
ECONOMIST 8. April 2006, S. 69
- Volker Gerhardt, Partizipation
C.H. Beck München 2007
- Zeitschriftenempfehlung: THINK TANK – Magazin für politische Kultur von BERLINPOLIS
www.berlinpolis.de
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