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Das Visions-Prinzip
Wie wir die Zukunft erkennen können
Wer Visionen hat soll zum Arzt gehen, heisst es. Aber Visionen haben für das menschliche Leben eine wichtige Bedeutung von Orientierung und Weltverständnis.
Dieser Vortrag erklärt die Funktion von Prognosen, Prophezeihungen, Utopien und Vorhersagen in der menschlichen Kultur.
Er führt nebenbei spielerisch in die methodischen und psychologischen Grundlagen der neuen Trend- und Zukunftsforschung ein.
Seit es Menschen gibt, fragen sie sich, was kommen wird. Menschen sind anthropologisch gewordene Zukunfts-Wesen,
die mit ihrem Vor-Wissen ihren Lebens- und Überlebenschancen erhöhen wollen. Doch das macht uns auch empfindlich gegen Missverständnisse und Fehlinterpretationen.
Mit „Zukunftsbehauptungen” kann man Angst machen, erpressen, Ohnmacht oder Ignoranz erzeugen.
Überzogene Utopien und schlechte Prophezeiungen können ganze Kulturen ins Unglück führen.
Wir brauchen eine bessere „Zukunftskultur”, die mit dem Begriff der „Vision” konstruktiv umgehen lernt –
im Sinne eines Diskurses über das Mögliche, das Machbare, und das, was vorzuziehen ist.
Angst und Erlösung
Unsere Zukunftsbilder sind von den archaischen Ängsten im Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur geprägt.
Wir fürchten uns vor den Exzessen der Natur – und fühlen uns gleichzeitig schuldig und verantwortlich für alle möglichen negativen Ereignisse.
Wir ängstigen uns vor dem Versagen kultureller und technische Systeme, die sich gegen uns selbst kehren könnten.
Deshalb sind die „Großvisionen” stets von einem Spannungsverhältnis zwischen Erlösungs- und Untergangs-Phantasien geprägt:
Utopia gegen Dystopia, Technotopia gegen Ökotopia...
Im Möglichkeitsraum
Visionen, Prognosen, Utopien, Prophezeihungen und Vorhersagen unterscheiden sich nach ihren Positionen und Intentionen im Raum der Möglichkeiten.
Voraussagen und Vorhersagen zielen auf Ergebnisse relativ vertrauter Prozesse, Prognosen handeln von wahrscheinlichen Ergebnissen komplexer Systeme.
Utopien sind hingegen immer deterministisch: Eine endgültige Lösung wird gefordert, der Weg dem Ziel untergeordnet. Am stärksten wirken Prophezeiungen:
Der Prophet möchte unmittelbar WIRKUNG erzeugen und seine Anhängerschaft zur Gleichschaltung bringen. Nur Visionen n zeichnen sich durch Ergebnisoffenheit und Vielfältigkeit aus:
Sie können Erkenntnis- Prozesse einleiten, zu neuen Sichtweisen auffordern, den Horizont öffnen.
Die fünf Propheten
Zukunftsaussagen lassen sich auf folgende prophetische ARCHETYPEN konzentrieren:
Der Zukunfts-Bürokrat verwaltet das lineare Wissen und errechnet Zukunft entlang von Vereinfachungen.
Der Erlösungs-Visionär zielt auf unsere Sehnsucht nach technischer Transzendenz.
Die Marketing-Gauklerin nutzt Trend-Aussagen als Ankerung für Verkaufsinteressen.
Der Doomsayer arbeitet mit den Ressourcen der Angst und mobilisiert so die menschlichen Aufmerksamkeits-Ressourcen.
Der Futureteller jedoch möchte ein plausible Geschichte über die Zukunft erzählen, in denen sich seine Zuhörer SPIEGELN.
Prognostische Tools
Manche Systeme lassen gute Verlaufsprognosen zu, andere nicht.
Dabei unterscheiden wir mechanische Systeme, kohärente soziale Systeme, chaotische und hyperkomplexe Systeme.
Auf diese Weise kommen wir zur Definition einer prognostischen Grenzlinie.
Treffer-Prognosen und ihre Geheimnisse
Praktisch alle grossen technischen und sozialen Veränderungen wurden vorhergesagt –
nur sind die erfolgreichen „Seher” in Vergessenheit geraten. Bei der Analyse der Treffer-Genauigkeit stellt sich heraus:
Prognosekunst ist VERKNÜPFUNGSKUNST. Die größten Erfolge im Voraus-Sehen hatten vielschichtig gebildete Universalisten mit gesundem Menschenverstand.
Partnerschafts-Heuristik
Wie man Liebe voraussagen kann.
Am Beispiel von Partnersuche und Ehe-Stabilität lässt sich verstehen, welche Faktoren menschlichen Verhalten wir prognostisch erfassen können.
So ist die Wahrscheinlichkeit, nach 12 gelebten Beziehungen eine lebenslange glückliche Lebenspartnerschaft zu führen, am höchsten.
Die wahrscheinliche Dauer eine Ehe wiederum lässt sich an bestimmten Kommunikations-Strukturen zwischen den Partnern vorhersagen.
Das Delphi-Prinzip
Der Ethos der Vision.
Gute Visionen haben folgende Elemente:
- Sie animieren zu mehr Kooperation und Vertrauen, sind also im Wesen „sozial”.
- Sie sind offen für Veränderungen durch die Teilnehmer, also im tiefsten Sinne demokratisch.
- Sie zielen nicht auf die „totale Überwindung der Verhältnisse”, sondern entwickeln die Zukunft aus der Wirklichkeit und ihrer Anerkennung heraus
(Utopien und Prophezeiungen denunzieren hingegen die Wirklichkeit als „falsche Welt”).
- Sie sind nicht nur Darstellungen von End-Zuständen, sondern entstammen einem evolutionären Denken, dass die Welt in offenen, aber beeinflussbaren Prozessen sieht.
- Sie betonen einen reflexiven Aspekt und animieren uns, auf einer komplexeren Ebene über die Welt nachzudenken.
Gute Visionen sind deshalb immer auch „produktive Irritationen”, die unsere kognitiven Fähigkeiten herausfordern.
Bücher zum Vortrag:
 Die acht Sphären der Zukunft
Einführung in die ganzheitliche Zukunftsforschung.
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Literatur-Tipps:
- Jouvenel, Bd, Die Kunst der Vorausschau, Hermann Luchterhand Verlag, 1967
- Naisbitt, J, Mind Set! Wie wir die Zukunft entschlüsseln, Carl Hanser Verlag, München, 2007
- Reading, A, Hope & Despair: How Perceptions of the Future Shape Human Behavior, The John Hopkins University Press, Baltimore, 2004
- Taleb, NN, The Black Swan: The Impact of the highly improbable, Random House, New York, 2007
- Wacker, W, & J Taylor, The Visonary’s Handbook, Harper Collins Publishers Inc, New York, 2000
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