Matthias Horx  Trend- und Zukunftsforscher


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Willkommen in der Wissensgesellschaft

Arbeit, Bildung, Menschenbild in der Ökonomie von Morgen –
Wie wir den Wandel meistern können

Menschen wandeln sich. Aber gleichzeitig haben Menschen Angst vor Wandel. Oft sehen sie in Veränderungen nur Risiken und keine Chancen. Oder verwechseln Wandel mit Verlust Manchmal sind sie verängstigt und demoralisiert, weil sie sich als Opfer einer größeren Entwicklung sehen, auf die sie keinen Einfluss haben. Daraus entstehen gefährliche Stimmungen des Populismus, die die Zukunft ganzer Gesellschaften aufs Spiel setzen. In einer solchen Situation sind wir heute!

Wie können wir gegen die Panik-Stimmung eine höhere Wandlungs-Bereitschaft entwickeln? Zunächst gilt es, die TRANSFORMATIONEN der Menschheitsgeschichte in ihrem tieferen Wesen zu verstehen. Und die Zusammenhänge zwischen ÖKONOMIE, GESELLSCHAFT und WERTSYSTEMEN tiefer zu durchleuchten.

Die drei Transformationen der Menschheit

95 Prozent der Zeit, die der Mensch auf diesem Planeten verbrachte, lebte er als Jäger und Sammler. Wenn man die Ressourcen verbraucht hatte, zog man weiter und suchte sein Glück in neuen Jagdgründen. Wenn Sie in der Vorweihnachtszeit auf die Einkaufsstraßen gehen, werden Sie merken, wie sehr wir immer noch als Jäger und Sammler agieren.

Die letzten fünftausend Jahre haben die meisten Menschen als sesshafte Bauern verbracht. Die Kulturtechniken, die die Sesshaftigkeit mit sich brachte, führten schließlich zu den Überschüssen, in denen die ersten Städte entstanden und Menschen sich in komplexeren Gesellschaften organisierten.

Vor zweihundert Jahren begann in unserem Teil der Welt die industrielle Revolution. Die Kraft der Maschinen führte dazu, dass man Produkte zu immer geringeren Kosten erzeugen konnte, und dadurch entstand ein gewaltiger, heute global gewordener Wohlstandsschub. Vier Prinzipien definieren die „Kulturform” des Industrialismus:

  • Spezialisierung
    In der Bauerngesellschaft waren viele Menschen Universalisten mit breiten handwerklichen Tätigkeiten. „Auf Einzelhöfen und in kleinen entlegen Dörfern”, schrieb Adam Smith, „muss jeder Bauer und zugleich sein eigener Metzger, Bäcker und Bauer sein.” In der Industriewelt muss(te) sich jeder auf eine stark eingegrenzte Rolle in Arbeit und Privatleben reduzieren, um erfolgreich zu sein. Die Funktionalität seiner Fähigkeiten war die Basis seines wirtschaftlichen Erfolges.
  • Synchronisierung
    Die Welt bekommt einen einzigen Zeit-Rhythmus, der von den Maschinen und den Öffnungszeiten der Fabrik strukturiert wird.
  • Standardisierung
    Gegenstände werden zu Produkten, die zunehmend NORMEN UND KONTROLLEN unterliegen. Zumindest zu Beginn der industriellen Produktion gab es nur das normierte MASSENPRODUKT. Henry Ford sagte: „Bei mir können Sie jedes Auto bekommen, Hauptsache es ist schwarz.”
  • Zentralisierung
    Die gesellschaftlichen Funktionen werden in zentralen, nationalen Bürokratien zusammengefasst. Beispiel: Gesundheits-, Renten- und Sozialversicherungssystem.

Viele Menschen glauben nun, diese industrielle Organisationsform sei das letzte Wort der Geschichte. Aber wir befinden uns derzeit mitten in einer weiteren, der Dritten Transformation. Eine Ökonomie entsteht, in der die zentrale Wertschöpfung nicht mehr aus der Herstellung vieler Produkte, sondern aus Wissen und Innovationen generiert wird.

Die Globalisierung treibt uns DIE TREPPE DER WERTSCHÖPFUNG empor. Von der Beute des tribalen Zeitalters über die Ernte der agrarischen Ära und die Produkte der Industriewelt bis zu SERVICES, DESIGNS, META-DESIGNS, PROZESSE, SYSTEME, TRANSFORMATIONEN....

Es sind im Wesentlichen DREI Produktiv-Faktoren, die die Wertschöpfung der Zukunft bestimmen – und gleichzeitig die Wichtigkeit von NEUEN SOZIALTECHNIKEN deutlich machen:

  • Kooperation
    Die Fähigkeit, die eigenen Kenntnisse „durch Teilung zu vermehren”, also konstruktiv und aktiv im Team mit anderen zusammenzuarbeiten.
  • Individualität
    Wissensarbeit basiert auf INDIVIDUELLEM Wissen, dass sich im Team zu komplexen Prozessen verbindet.
  • Diversität
    Komplexe Probleme lassen sich nur AUS VERSCHIEDENEN SICHTWINKELN in ihrer Ganzheit erfassen, verstehen und weiterentwickeln. Deshalb benötigt Wissensarbeit die Integration unterschiedlicher Menschen in einen kognitiven Kontext.

Der Aufstieg der Kreativen Klasse

Die Geschichte, sagt Marx, ist eine Geschichte von Klassenkämpfen. Sie handelt vom Aufstieg und Fall von  Klassen wie Proletariat oder Bourgeoisie. In seinem Werk „The Rise of the Creative Class” versucht sich Richard Florida, ein amerikanischer Soziologe,  an einer neuen Klassentheorie. In den modernen Gesellschaften westlichen Typs, so Floridas These, entwickelt sich seit einigen Jahren eine neue, durchaus zur Dominanz fähige Klasse.

Heute arbeiten in den hoch entwickelten Industrienationen zwischen 25 und 30 Prozent aller Werktätigen im Kreativsektor – das heißt in Wissenschaft und Technik, Forschung und Entwicklung, in technologiebasierten Industriezweigen, in Kunst, Musik, Kultur, Ästhetik und Design sowie in den wissensbasierten Berufen der Bereiche Medizin, Finanzwesen und Recht.

Floridas Team berechnete mit aufwändigen Zahlenwerken, dass die Kreative Klasse in Belgien, Finnland und den Niederlanden bereits 28 bis 29 Prozent der Erwerbstätigen ausmacht. In England und Irland 26 Prozent. In Schweden und Dänemark 21 Prozent. Und Deutschland und Österreich zwischen 17 und 18 Prozent. Wie aber setzt sich die „kreative Klasse” zusammen?

  • Den Nukleus der KREATIVEN KLASSE, den „superkreativen Kern”,  bilden die klassischen Künstlerberufe: Autoren, Schauspieler, Redakteure, Regisseure, Maler, Architekten, Fotografen, Moderatoren, Kabarettisten, Comiczeichner, Musiker.
  • Dazu gesellen sich die „erweiterten Kreativberufe”, die in den letzten Jahrzehnten meist im Kontext von Wirtschaft und Kommunikation entstanden sind: Werber, Texter, Berater, Analysten, Animateure, Caterer, Coaches, Models, Modeberater, Caster, Kommunikationsspezialisten, Lebensberater, Ernährungsberater, Masseure, Medientrainer, Moderatoren, Mediatoren, Motivatoren, Models, Modeberater, Keramikkünstler, Praxisphilosophen, Redenschreiber, Stilberater, Event-Agenten.
  • Als dritte Gruppe lassen sich die neuen „Syntheseberufe” orten: Waldkindergärtnerin, Kulturvermittlerin, Duftgestalter, Trauer-Ritualisten, Selfness-Coach, Holistic Health Manager, Mentaltrainer,  Artconnector, Outplacement-Berater, Interkulturberater, Cultural Coach, Systemiktouristiker.
  • Und schließlich die „Kreativen in konventionellen Berufen” oder auch die KREATIVEN KÖNNER: Innovative Rechtsanwälte, Schräge Köche, Findige Ärzte, Artifizielle Architekten, Fantastische Fotographen, Radikale Redakteure, Weiterdenkende Journalisten, Kreative Steuerberater, Wirbelige Winzer, Begnadete Schreiner, Geniale Fleischhauer, Visionäre Sportler.

Wie soll dieses ausgefranste Milieu, in dem Lebens-, Ökonomie- und Berufslagen völlig unterschiedlich sind, eine Klasse bilden? Das „Klasseninteresse” besteht in einem bestimmten, die Kreativität und Lebens-Vielfalt anregenden Milieu. Dabei spielen die „drei T” – TOLERANCE, TALENT und TECHNOLOGY – eine wichtige Rolle.

  • Technologie
    Voraussetzung  und Begleiterscheinung für ein kreatives Milieu ist stets der überdurchschnittliche Umgang mit Technik.
  • Toleranz
    Am besten arbeiten Kreative in einem „Milieu der Unterschiede”, in dem verschiedene kulturelle Impulse und interessante Minderheiten aufeinander treffen und sich gegenseitig befruchten.
  • Talente
    Wie viele gut ausgebildete Menschen gibt es in einer Stadt oder einer Region? Das hängt nicht zuletzt von den Bildungsmilieus ab, von der Existenz einer guten, besser herausragenden Universität, von privaten Investitionen im Bildungsbereich.

Die Kreative Klasse ist nichts anderes als die Avantgarde eines neuen Lebens- und Arbeitsmodells, das prototypisch für die Wissensgesellschaft ist. In diesem Modell bezieht der Einzelne seine Sicherheit nicht mehr aus der Teilnahme in einer einzigen Organisation, sondern aus seinen „experience assets”.

Robert B. Reich, der Ex-Arbeitsminister der USA, hat das so ausgedrückt:
Die größte Herausforderung für die Führung der Zukunft besteht darin, talentierte Mitarbeiter zu finden, anzuziehen und zu halten... Der Arbeitsmarkt  wird ein Nachfragemarkt nach Talenten. Leute mit der richtigen Kombination von Fähigkeiten und Ambition können sich erlauben, gelassen auf die Suche nach dem richtigen Boss, den richtigen Kollegen, der richtigen Atmosphäre zu gehen.

Bildung im 21. Jahrhundert – das Neue Lernen

Eine kleine Geschichte der Schule
Die Geschichte der Volksbildung beginnt mit der Festigung des Christentums im frühen Mittelalter. Die Kirche gründet die ersten Schulen. Das Volk soll die Bibel lesen können, ein Grundgedanke, der im Zuge des Protestantismus teilweise sogar rebellischen Charakter einzunehmen beginnt.

Nach der französischen Revolution diffundiert der Bildungsgedanke langsam in die zentralstaatlichen Institutionen. Bildung wird zur Staatsbildung. Dabei werden die ORGANISATIONSFORMEN DER SCHULE weitgehend nach dem militärischen Prinzip entwickelt.

Karl Scholz:  Das Schulwesen trägt bis heute paramilitärische Züge. Das Prinzip der Jahrgangs-Unterrichtung – ein militärisches Einberufungsprinzip. Das Portionieren der Übungen, 50 Minuten Lernen, 10 Minuten Pause – das Prinzip militärischen Exerzierens. Dass die Karrieren der Lehrer sich nicht dadurch entscheiden, wie sie mit Schülern und Eltern umgehen, sondern im Arrangement mit der Obrigkeit – ein typisch militärisches Prinzip.

Im weiteren Verlauf entwickeln die pädagogischen Institutionen ihre für die Industriegesellschaft typische Dreiteilung. Die „Volksschule” dient primär der Verbreitung jener Kulturtechniken, die man für das Fabrikarbeiter-Leben benötigt: Fleiß, Ausdauer, Aushalten von Monotonie. Die Mittel- oder Realschulen für die Kinder der Handwerker und Händler, den „Mittelstand”, vermitteln vor allem Mathematik und handwerkliche Fähigkeiten. Die höheren Bildungsinstitutionen, die Universitäten, sind Schulen des Staates, in denen die kommende Funktionselite ausgebildet wird: Beamte und Akademiker.

Unsere Schulen sind also in hohem Maße Produkte der alten Stände- und Klassengesellschaft. Doch was sind sind die wichtigsten EIGENSCHAFTEN, die SKILLS, die wir oder unsere Kinder in der Wissensgesellschaft brauchen?

  • Eigenständigkeit
  • Selbstkompetenz
  • Teamfähigkeit
  • Emotionale Intelligenz
  • Kreativität.

Die Gretchen-Fragen des 21. Jahrhunderts lauten: Wie viele Menschen kann man in einer Gesellschaft hochbilden? Und was verstehen wir in Zukunft unter „Hochbildung”? Finnland hat 95 Prozent Abiturienten, 95 Prozent der 20jährigen haben eine Hochschulberechtigung. „Hochgebildet” in der Zukunft heißt jedoch nicht mehr „Bildungs-Status”, sondern „Anschlussbildung” – die Fähigkeit, sich selbstbestimmt und selbst-verantwortet lebenslang weiter zu bilden. Auf diese Weise entstehen Hochbildungs-Gesellschaften neuen Typs, in denen es nicht um „immer mehr Akademiker” geht, sondern um immer mehr KOGNITIVE KOMPETENZ in der Gesamtbevölkerung. In diesem Sinne gilt es, unser Bildungssystem UMZUCODIEREN!

Die Utopie Wissensgesellschaft

Die Zukunft könnte einer hoffnungsvollen Epoche ähneln, die wir aus der Geschichte kennen: Der Renaissance. Denn in der Wissens-Gesellschaft kann sich das humanistische Menschen-Ideal auch ökonomisch Raum verschaffen. Es geht in unserer Wirtschaft zunehmend nicht mehr um „Kapital und Maschinen”, sondern um die menschlichen Talente. Der Mensch wird aus den Fesseln der Lohnarbeit befreit, aber er muss auch lernen, ohne die Krücken des verwalteten Industriesystems zu laufen. Für diese neue Wissens-Kultur benötigen wir neue Sozial- und Kulturtechniken – und Werte-Systeme:

  • Das Netzwerk-Prinzip
    Die Organisationsform der Zukunft ist das Netzwerk. Das gilt sowohl im privaten Bereich als auch in den Firmenorganisationen: Wer sein Netzwerk hegt und pflegt und zu steuern vermag, der bewältigt sein Leben.
  • Kooperativer Individualismus
    Wir müssen aufhören, Individualität IM WIDERSPRUCH zur Kooperation zu sehen. In der Wissenskultur brauchen wir im hohen Maße SELFNESS, also Selbst-Kenntnis, Andersartigkeit UND Kooperationsfähigkeit. Eines bedingt das Andere und findet im DIVERSITY-Prinzip seinen produktiven Ausdruck.
  • Mentaler Universalismus
    Schließlich bedingt die Kultur der Wissensökonomie eine GANZHEITLICHES DENKEN. Die Welt in Zusammenhängen verstehen. In Win-Win-Konfigurationen, Synthesen und Prozessen, statt in linearen Abläufen.
  • Trans-materialistische Werte
    Die Zeiten, in denen Konsum und Materialität das Leben ausschließlich bestimmten, neigen sich dem Ende zu. Die Wachstumsraten in Europa werden sich nicht mehr in jenem Ausmaß steigern lassen, wie dies im Hochindustrialismus der Fall war. Das bedeutet: Wir entwickeln einen neuen Begriff von LEBENSQUALITÄT, der sich nicht mehr parallel zum physischen Wohlstand entwickeln muss.

Wäre eine solche Gesellschaft nicht eine sinnvolle Utopie, die unserer Zukunftsdebatte eine Perspektive, eine Richtung verleihen könnte, die sowohl die Herausforderungen der Globalisierung, als auch das alte Glücksversprechen der Aufklärung wieder aufnimmt?

Wie sagte John Cage so schön:
„Keine Ahnung, warum Menschen so viel Angst vor neuen Ideen haben. Ich jedenfalls fürchte mich vor den alten!”

Literatur

  • Alvin Toffler, Der Zukunftsschock, Scherz Verlag, Bern/München/Wien, 1970
  • Frans Johannsson, The Medici-Effect, Breakthrough Insights at the Intersection of Ideas, Concepts and Cultures, Harvard Business School Press, Boston, Massachusetts, 2004
  • Mihaly Csikszentmihalyi, Dem Sinn des Lebens eine Zukunft geben, Eine Psychologie für das 3. Jahrtausend, Klett-Cotta, Stuttgart, 1995
  • Steve Olson, Mapping Human History - Genes, Race, and Our Common Origins, Mariner Books, New York, 2003
  • Ulrich Beck, Anthony Giddens, Scott Lash, Reflexive Modernisierung, Eine Kontroverse, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1996
  • Stephen Carter, Renaissance Management, The Rebirth of Energy and Innovation in People and Organizations, Cogan Page Ltd, London, 1999
  • Richard Florida, The Rise of the Creative Class, ..and how it's transforming work, leisure, community & everyday life, Basic Books, USA, 2002
  • Lester Thurow, Creating Wealth, The New Rules For Individuals, Companies And Countries In A Knowledge-Based Economy, Nicholas Brealey Publishing, London, 1999
  • Kimberly Seltzer and Tom Bentley, The Creative Age, Knowledge and skills for the new economy, Demos Panton House, London, 1999
  • James Surowiecki, The Wisdom of Crowds, Why the Many Are Smarter than the Few and How Collective Wisdom Shapes Business.
  • Francis Fukuyama, Der Große Aufbruch, Wie unsere Gesellschaft eine neue Ordnung erfindet, Paul Zsolnay Verlag, Wien,2000
  • Daniel Goleman, Emotionale Intelligenz, Deutscher Taschenbuch Verlag, München ,1995
  • Gerhard Schulze, Die beste aller Welten, Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert, Hanser, München, 2003
  • Daniel Pink, A Whole New Mind, Moving from the Information Age to the Conceptual Age, Riverhead Books, New York, 2005

 

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