Matthias Horx  Trend- und Zukunftsforscher


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Die Zukunft der Stadt

Die Zukunft der Stadt

Chancen für Städte, Regionen und Meta-Regionen im 21. Jahrhundert

In meiner Jugend galt DIE STADT als Synonym für alles Negative, das wir der Welt andichteten oder von ihr erfuhren. Anonymität, Entfremdung, Vereinsamung, Zerstörung der Natur. Die Herrschaft des Automobils, das seine Schneisen in gewachsene Wohnviertel schlug. Spekulanten ließen schöne alter Häuser abreißen, die wir vergeblich besetzten.
„Diese Stadt, ham wir satt, wie sie ist, ist sie Mist!!!” skandierten wir auf den Strassen von Frankfurt am Main, in der ich meine rebellische Jugend verbrachte. Wir wollten Indianer sein. Nur keine Großstadtbewohner. Unsere Sehnsucht galt einem idealisierten Arkadien irgendwo im Süden - einer ländlichen Idylle, die es nie gab.

In der Tat waren die Nachkriegsstädte von Hässlichkeit und sozialer Desintegration geprägt. Die Ästhetik der Betonrampe dominierte, eine Tabula-Rasa-Architektur, an deren Rändern unaufhaltsam die „Trabantenstädte” wucherten. Nach 18 Uhr waren die Innenstädte tot, gehörten den Obdachlosen, Junkies, sozial Ausgesonderten – im Weichbild der 70er-Jahre-Städte waren die Konturen von Arm und Reich ungleich schärfer gezogen als heute.

Heute leuchten die europäischen Städte in einem neuen Licht. Kreative Architektur von nie dagewesener Eleganz prägt die neuen Stadtkerne, die sich vom Diktat des Autos langsam verabschieden. Bahnhöfe sind Kathedralen moderner Mobilität, heruntergekommene Stadtteile brummen plötzlich vor Kultur und Lebendigkeit. Aus Fabrikruinen wurden Lofts und kreative Gewerbehöfe. Familien und Alte ziehen wieder in Richtung Innenstadt, sie folgen dem Ruf einer neuen Urbanität, in der Kunst, Kultur und Kulinarik, die drei großen K, die Hauptrolle spielen. Die Stadt, als Kulturform und Lebensweise, hat sich erneut auf den Weg in die Zukunft begeben. Erstaunlich, dass dies kaum jemand bemerkt!

Die Ursprünge der Zivilisation

Denn am Anfang war: Die Stadt. Als die Nomaden des Mittleren Ostens in die fruchtbaren Deltas der großen Flüsse zogen – weil sich im Klimawandel vor 8.000 Jahren die Wüsten rapide ausbreiteten - und dort mit dem Experiment der agrarischen Sesshaftigkeit begannen, wurde die Grundlage unseres heutigen Zivilisationsmodells gelegt. Aus Jägern und Sammlern wurden Bauern, die zum ersten Mal Überschüsse erwirtschaften konnten. So konnten Priester, Soldaten, Beamte bezahlt werden. So entstanden Handwerker, Händler, Herrscher und Beherrschte. Das urbane Zeitalter begann.

Jericho und Babylon sind die ersten „Metropolen”, von denen uns die Geschichte Zeugnis gibt. Beide Städte tragen schon im Namen jenes Skandalon, das mit dem Städtischen seit jeher verbunden ist: die Vermutung des Exzesses, des „Unnatürlichen”, der Völlerei und Sünde. Die Mauern Jerichos müssen fallen, der „sündige” Turm in den Himmel verwirrt die Bewohner, die in „zu vielen Sprachen sprechen müssen”– das Wesen der Stadt ist die Grenzüberschreitung, die Leugnung der natürlichen Bindungen, die Überwindung des „Identischen”.

Dennoch setzte sich schon seit der frühen Antike durch: Stadtluft macht frei. „In der Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung, auf dem Lande zur Unterhaltung der anderen!” - dieses Zitat von Oskar Wilde hätte auch von den griechischen Philosophen stammen können, die in der polis leben, um Erkenntnisse über die menschliche Natur zu gewinnen. In der Stadt werden die Würfel des Schicksals neu gemischt, sie befreit von den Fesseln durch Sippschaft und Verwandtschaft, sie erzwingt und fördert kulturelle Leistungen: die Bedingung ihrer Existenz ist eine Befriedungs- und Kommunikationsleistung, die aus Fremden Nachbarn macht.

In der Stadt mischen sich die menschlichen Sphären der Religion, der Kultur, des Geldes. Die Stadt, das war und ist und ist der Ort der höheren Komplexität. Und immer schon blühten jene Städte besonders, in denen die Diversität am höchsten war. In denen Kulturen, Mentalitäten, Religionen, Ideen aus allen Herren Ländern zusammentrafen und zu etwas Neuem verschmolzen.

Die Stadt des Mittelalters

Im europäischen Mittelalter ändert sich die Funktion der Stadt. Waren die Städte der Antike eher Dependancen des Imperialen Zentrums, entwickeln sich nun „freie Städte”, in denen die Bewohner über ihr Gesetz zunehmend selbst entscheiden. Die mittelalterliche Stadt lässt zum ersten Mal einen modernen Menschentypus erscheinen: Den Stadtbürger. Es entstehen vielfache Formen des selbstständigen Gewerbes – Basis des ökonomischen Aufstiegs und der Verbreiterung politischer Rechte.

Arbeit wird zum Erwerb, und die Leibeigenschaft verliert langsam ihren Einfluss. Seit der Renaissance kommt es zu einer städtischen Blüte von Kunst und Kultur, schließlich zum „urbanen Mäzenatentum” der Fürsten, die in den Universitäts- und Residenzstädten des 17. Und 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht – Goethe lässt grüßen. Städte bekommen nun einen „Geist”, der in vielen Facetten wahrgenommen und gepriesen werden kann.
„Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen wie Menschen” schrieb Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften”.

Die Stadt der Industriegesellschaft

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts beginnt die Industrialisierung die Lebensrealitäten der Menschen radikal umzuformen – und den Charakter der Städte zu zertrümmern. Millionen von verarmten Bauern wandern in kurzen Zeiträumen in die europäischen Großstädte, auf der Suche nach Arbeit, Brot und Lebenschancen. Eine Stadt wie Wien verdoppelt ihre Einwohnerzahl von 1870 bis 1910 von 800.000 auf 1,7 Millionen Einwohner. Dieser Migrationsdruck führt zur völligen Überlastung der städtischen Strukturen. Elendsviertel und Slums wuchern, es entsteht jene Klassen-Polarisierung, die schließlich zum Versagen der Demokratie und den Katastrophen der Weltkriege beitragen sollte.

Die Industrialisierung fraktalisiert die Stadt in Funktionsräume: In einem Teil wuchern Fabrik-Areale, mit ihren Regimenten aus Stahl, Ruß und Eisen, in einem anderen die Wohnquartiere, in denen die Kinderzahl wächst und die hygienischen Verhältnisse prekär sind. Die Eisenbahn verbindet nun die Metropolen, und ihre Gleise zerschneiden sowohl Landschaften wie Stadtlandschaften.

Doch die Stadt versucht auch, die Wunden, die ihr die Industrialisierung schlägt, erfinderisch zu heilen. Eine neue Generation von zukunftsorientierten Stadtplanern und visionären Architekten verleiht den Großstädten um 1900 neuen Glanz. Das elektrische Licht erleuchtet die dunkelsten Gassen, Kanalisationen werden gebaut, Straßenbahn und U-Bahn schaffen neue Verbindungen, auch das viel geschmähte Automobil verbindet bald wieder Peripherie und Zentrum. Die Städte des Fin de Siecle wachsen über sich hinaus, in die neuen „bürgerlichen” Stadtquartiere mit ihrer klassizistischen oder Jugendstil-Architektur, die visionären Bauhaus-Arbeitersiedlungen der 20er Jahre. Die leuchtenden Hochhäuser der amerikanischen Metropolen zeugen von den utopischen Kräften des Urbanen. So entsteht die Vision der „Globalen Stadt”, der Welt-Metropole vom Typus New Yorks oder Londons, in der der Puls des ganzen Planeten zu fühlen ist.

Spiky World

„Globalisierung und Technologie haben das globale Spielfeld eingeebnet. In einer flachen Welt, so ein Zitat von Thomas Friedmann, dem amerikanischen Globalisierungs-Publizisten, kann man innovieren ohne zu emigrieren. Ich möchte hier die Gegenthese vertreten: in praktisch allen Belangen, von der Wirtschaftskraft über die Bildung bis zum Wohlstand, ist die Welt heute so „stachelig” wie niemals zuvor. Nur sehr wenige Regionen, Städte und Länder konzentrieren den gesamten Output an Wirtschaftskraft UND Kreativität.”

Diese Worte stammen von Richard Florida, dem amerikanischen Soziologen, der die „Kreative Klasse” erfand und sich seit vielen Jahren intensiv mit der Entwicklung von Kreativ-Städten und Metropol-Regionen beschäftigt. Florida widerlegt die These der „Neuen Ortlosigkeit”, die in den 90er Jahren die Urbanitäts-Debatten nahezu zum Erliegen brachte. In der Zukunft so hieß es, werden es keinen Unterschied zwischen Stadt und Land, Peripherie und Zentrum mehr geben, die Informationstechnologien würden dafür sorgen, dass man überall auf der Welt, leben, lieben und erfolgreich arbeiten könnte!

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. „Place Matters!” – und zwar mehr als jemals zuvor! Informations- und Kommunikationstechnologien nivellieren die Unterschiede nicht, sie verstärken sie sogar! München boomt. Hamburg leuchtet, Berlin brummt. Die Internet-Generation der Kreativen, Dynamischen, Innovativen ziehen dorthin, wo schon viele Junge, Kreative, Dynamische wohnen! Alle Indikatoren zeigen immer wieder auf Hamburg, nicht nach Erfurt. Alles drängt nach Kern-Bayern, nicht in die Oberlausitz, wo es doch genug Platz und günstige Preise und schöne Natur gäbe. Wer diesen Polarisierungs-Prozess in seinem Wesen verstehen will, muss die Kreative Ökonomie der Zukunft verstehen.

Die Kreative Klasse

Die Kultur der europäischen Stadt wurde seit dem 18. Jahrhundert entscheidend vom städtischen Bürgertum geprägt, einer Schicht, deren ökonomische Tätigkeit sich mit sozialer Verantwortung und kulturellem Interessen verband. Bildung, Kultur und Ökonomie waren für den „Citoyen” gleichermaßen wichtig und erstrebenswert. Das städtische Bürgertum (vor allem auch in seiner jüdischen Variante) wurde in den europäischen Großstädten Garant und Avantgarde jenes städtischen Gesellschaftsvertrages, der in den Wirren der Weltkriege zerbrach.

Welche soziale Schicht könnte im 21. Jahrhundert diese integrative Funktion des Bürgertums übernehmen? In welchen sozialen Segmenten finden heute noch soziale Aufstiege und Einkommensgewinne statt, die kulturelle und geistige Überschüsse produzieren (die dann für das Gemeinwohl umverteilt werden können)? Wer prägt, wie weiland das Bürgertum, den Lebensstil, die Werte, Designs und Moden der Zukunft?

Die Antwort ist eindeutig. Die kreative Klasse bildet heute die Avantgarde des neuen Urbanismus. Wo die Bourgeoisie das zur industriellen Entwicklung nötige Kapital akkumulierte, „hält” die Kreative Klasse die für die Wissens-Ökonomie entscheidende Ressource: Kreativität.

Richard Florida teilt die Kreative Klasse in zwei große Gruppen ein: Dem „Superkreativen Kern” gehören diejenigen an, deren Profession und Hauptaufgabe es ist, Innovationen zu erschaffen und Neues zu produzieren: Wissenschaftler, Werber, Berater, Künstler, Professoren, Lehrende, Designer, zum Teil auch Unternehmer. Die zweite Gruppe besteht aus den klassischen „Wissensarbeitern”, die in ihrem Beruf eigenständiges Denken und kreative Problemlösungen anwenden müssen, auch wenn Innovation nicht zu ihrem täglichen Brot gehört. Anwälte, Manager, Facharbeiter, Ärzte, Ingenieure und so fort.

Auch, wenn die Kreative Klasse (ähnlich wie die Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts) aus vielen diversen Gruppen besteht, wird sie doch durch ein gemeinsames „Klasseninteresse” vereint. Kreativität, Innovation und Wissensproduktion benötigen einen ganz bestimmten „soziokulturellen Humus”. Sie gedeihen nur, wo Vielfalt, Differenzierung, Abwechslung, Anregung dominieren! In lebendigen Städten!

Die Kreative Stadt der Zukunft

Wie sieht sie nun aus, die Stadt der Zukunft, die nichts anderes ist als die „Werkbank” von Kreativitäts-Prozessen? Entscheidend sind die „Drei T´s”, - Toleranz, Technologie, Talente. Florida definierte vier Mess-Indikatoren für die urbanen Räume, die Auskunft über den „kreativen Index” einer Stadt oder Region geben können:

  • Der Melting-Pot-Index:
    Wie viele Menschen aus diversen Kulturen leben in einer Stadt/Region, die nicht dort geboren sind?
  • Der Integration-Index:
    Der Grad der ethnischen und kulturellen Integration all dieser Minderheiten einer Stadt/Region.
  • Der Schwulen-Index:
    Weil Homosexuelle besonders gern in toleranten Milieus leben gelten sie als „Indikatoren” für Creative Cities.
  • Der Boho-Index:
    Der „Bohemien-Faktor”, gemessen in der Anzahl von z.B. Galerien, Cafes, Restaurants, Designläden, kultureller Infrastruktur.

Integration ist in der Stadt der Zukunft nicht einfach nur ein Nebenprodukt von Toleranz. Toleranz allein, ohne den Willen zur Integration, führt zur Gettobildung. Kreative Städte betrachten ihre „Minorities” nicht als soziales Problemfeld, sondern als soziales Kapital! Sie verlangen von ihnen nicht einfach nur Anpassung, sondern sind bereit, sich im Integrationsprozess selbst zu verändern. Hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied zwischen – zum Beispiel - den angelsächsischen und den deutschen Großstädten: In der Hautfarbe der Polizisten und der Stadtpolitiker!

Die Renaissance des Zentrums

Italienische Städte sind bis heute „zentrumsvital”; ihr soziales Leben spielt sich wie in den antiken Städten, rund um die PIAZZA (das Forum) ab. Soziale Beziehungen, ökonomische Verknüpfungen, Service-Funktionen, sind an diesem Ort eng miteinander verknüpft. Das Zentrum einer Kreativen Stadt traut sich zu aufregender SIGNAL-ARCHITEKTUR, die neue öffentliche Räume schafft. Die URBAN LANDMARKS zeugen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Stadt; sie verleihen den Visionen eine Gestalt. In diesen Großprojekten zeigt sich der Mut der Bürger, das Risiko Zukunft zu wagen. Das Guggenheim-Museum in Bilbao, die Elb-Philharmonie in Hamburg, die neue Nationalbibliothek in Prag oder das KKL in Luzern demonstrieren den Willen dieser Städte, sich in die Zukunft zu entwickeln. Duisburg, eine vom Industrialismus schwer geschlagene Stadt, wagt derzeit mit Norman Foster einen spektakulären Neuentwurf der gesamten Stadtlandschaft – unter Einbeziehung seiner Bürger.

Während das Zentrum der industriellen Stadt von Verwaltung und Konsum dominiert wird, widmen sich die Zentren Kreativer Städte primär den Themen BILDUNG, KULTUR und WISSEN. Bahnhöfe werden im 21. Jahrhundert zu neuen vitalen Zentren. Universitäten öffnen ihren Campus in die Stadtlandschaft hinein. Das Zentrum einer Kreativen Stadt ist 24 Stunden geöffnet, und es bietet nun (wieder) vielfältige Wohn- und Lebensmöglichkeiten für diejenigen, die den Puls der Zeit in einer Großstadt erleben wollen.

Die neuen Wohnformen

Vier soziale Megatrends verändern die Wohnstrukturen der Städte:

  1. Unsere Gesellschaft altert.
  2. Die Frauen brechen aus ihren alten Rollen aus.
  3. Die ehemals starren Grenzen zwischen Arbeit und Leben, Freizeit und Erwerb werden durchlässiger.
  4. Die Lebens-Mobilität steigt.
    Wir wechseln mehrmals im Laufe unseres Lebens den Beruf, den Wohnort, die Familienform.

Neo-urbane Wohn-Architektur kann und muss auf diese Trends andere Antworten finden als der Planungs-Bürokratismus der Vergangenheit. Auf die Alterung reagierten Stadtplaner bislang eher mit einer „Gerontisierung” der Städte: Alles wird behindertengerecht ausgebaut, Altengettos entstehen, Pflegeheime werden hochgezogen. Dies ignoriert jedoch völlig den Trend zur neuen MULTI-GENERATIVITÄT. Die „Neuen Alten” genießen kulturelle und soziale Aktivitäten bis ins hohe Alter. Sie verhalten sich ungleich jünger und „urbaner” als die Alten der Vergangenheit. Und sie haben nicht die geringste Lust auf Alten-Gettos!

Die steigende Erwerbstätigkeit und kulturelle Dominanz der Frauen führt zu einer „Singelisierung”, aber auch einer „Feminisierung” der Stadt. Frauen wollen sich überall sicher und entspannt bewegen können. Feminisierte Städte transformieren ihre öffentlichen Räume auch ästhetisch: Lichte, offene, einsehbare Räume der Begegnung statt der „Dunklen männlichen Areale” von Gewalt und Prostitution.

Der Wandel der Arbeitswelt zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft bedeutet eine massive Zunahme der Selbständigen-Quote. Der tradierte „lebenslange Arbeitsplatz” verschwindet mit der klassischen Fabrik aus den Städten und auch der „Organisation Man”, der männliche Dauer-Angestellte, verliert seine prägende Dominanz. Die „Third Places” dominieren nun den öffentlichen Raum; jene Orte, in denen gleichzeitig gelernt, gearbeitet, kommuniziert und entspannt wird. Dies bringt gleichzeitig eine Menge mobiler Lebensstil-Services mit sich: Vom Catering über Babysitting bis zum Concierge-, Hunde- und Wellness-Service rund um die Uhr.

Dies also sind die „Hot Spots” der Kreativen Stadt:

  • Multiflexible Lebens-Arbeits-Areale:
    Gewerbehöfe für die neue „Work-Life-Balance”, mit guten gastronomischen Angeboten, Kindergärten und Service-Einrichtungen, bilden die neuen ökono-mischen Kraftwerke. Gleichzeitig öffnen sich die Verwaltungs- und Firmenzentralen nach außen, sie wirken einladend statt ausschließend. Bankzentralen werden Kulturzentren, Verwaltungsgebäude zu modernen Service-Zentren, in denen soziales Lebens stattfindet.
  • Neue Nachbarschafts-Siedlungen:
    In kreativen Groß-Städten bilden sich derzeit eine inter-generative, ökologisch geprägte, multikulturelle, familienfreundliche neue Siedlungsbewegung. In den angelsächsischen Ländern heißt dies „Co-Housing” oder „Kooperativen Wohnen”. Autofreie Öko-Siedlungen sind heute bereits der Hit am Wohnungsmarkt; ganze „Grüne” Stadtviertel wie das Vauban-Viertel in Freiburg zeigen, dass die Geschichte des Wohnbaus mit den Blöcken der Nachkriegszeit nicht zu Ende ist. So entstehen „urbane Dörfer in der Stadt”, Siedlungs-Wohngemeinschaften mit starkem Bürger-Engagement. In den zentrumsnahen Gürteln, auf ehemaligen Industrie-Arealen oder an den sanierten städtischen Wasserstrassen, wächst eine neue, design-orientierte urbane Wohn-Architektur, in der sich besonders die „Latte Macchiato - Familien” ansiedeln – individualisierte Kleinfamilien, die das innerstädtische, verdichtete Leben dem Wohnen in „Suburbia” vorziehen.
  • „Hometels”:
    Für die wohlhabenden Mobilen und urbanen Nomaden entwickeln sich derweil neue Angebote des „Convenience-Wohnens”: Appartements mit Full-Service, Hotel mit längeren Aufenthaltsdauern, Refugien für Multimobile Singles und arbeitssame Legionäre der Wissensökonomie.

Meta-Regionen und „Urbane Cluster”

Wie groß muss eine Stadt sein, um als „echte Großstadt” zu gelten? Diese Frage war früher leicht zu beantworten: Großstädte sind Millionenstädte, alles andere gilt als „provinziell”. In den verdichteten Siedlungsräumen des neuen Europa fallen jedoch die Einwohnerzahlen zunehmend weniger ins Gewicht. Mittelgrosse Städte können ihren urbanen Charakter steigern, wenn sie sich neu positionieren. Sie können sich in Netzwerken organisieren, um vitale Infrastrukturen zu teilen und gegenseitig zu ergänzen. So entstehen „Urbane Cluster” als Alternative zur zentralisierten Ballungs-Metropole.

Eine Stadt wie Frankfurt ist innerhalb ihrer Stadtgrenzen „klein”; im Kontext des Rhein-Main-Ballungsgebietes wohnen hier jedoch 3 Millionen Menschen. Die Region Mannheim-Heidelberg-Ludwigshafen wandelt sich zur Metropol-Region. Mittlere Städte können sich, durch geschickte Kooperations- Kultur- und Bildungspolitik, zu urbanen Subzentren mit erheblicher Wirtschaftsdynamik entwickeln.

Die Hooliganisierung der Provinz

„Die Natur reicht uns die Hand der Freundschaft, sie lädt uns ein, damit wir uns an ihrer Schönheit erfreuen; doch wir fürchten ihre Stille und fliehen in die Städte, wo wir uns zusammendrängen wie eine Herde Lämmer beim Anblick des Wolfes.”

So beschreibt der arabische Dichter Khalil Gibran die unheimliche Sogwirkung der Stadt. Viele ländliche Regionen leiden heute verstärkt unter der Auszehrung der Abwanderung. Dörfer veröden, Kleinstädte verlieren an Infrastruktur, die Bevölkerung schrumpft. Die Jungen, die Aktiven, die Frauen und Gebildeten, ziehen in die Ballungsgebiete, um ihr berufliches Glück zu suchen und der provinziellen Öde zu entkommen. Zurück bleibt nicht selten eine frustrierte, zu Regression und Fremdenfeindlichkeit neigende Rest-Bevölkerung. Inklusive eines jugendlich-männlichen Gewaltpotentials der Arbeitslosigkeit, das zur Radikalisierung neigt. So kommt es zur Hooliganisierung der Provinz.

Im Zuge der GLOKALSIERUNG – eines der Globalisierung als „Retro” innewohnenden Trends – erleben manche ländlichen Regionen jedoch auch neue Blüte. Es entstehen „Powerregionen”, in denen die kulturelle Urbanisierung das Land erfasst.

Agriconica – das „elektronisierte Land”

Der italienische Designer Andrea Branzi erfand dafür den Namen Agriconica – eine Synthese aus „Agrikultur” und „Elektronik”:
„Agriconica fügt sich in bereits Bestehendes ein und vervollständigt bestehende Strukturen, statt sie zu ersetzen. Es koexistiert mit der vorhandenen Megastadt, Kleinstadt oder Dorfgemeinschaft. Mit Agriconica wird ein bisher unerforschtes Urbanisierungsmodell entwickelt. Ein Modell, das auf einem weichen System basiert und das Überleben einer agrarischen Gesellschaft sichert, in Verbindung mit hochentwickelten städtischen Einrichtungen. Es will als Mittler im uralten Streit zwischen städtischer und ländlicher Kultur dienen – im Bewusstsein, dass beide Phänomene zum Tode verurteilt sind.”

Varianten von „Agriconica” sind:

  • Ländliche Kulturregionen
    Am Alpenrand, in Cornwall oder Wales, in Umbrien, der Toskana, in Südfrankreich, Südschweden, Südtirol und vielen anderen landschaftlich sowie kulturell attraktiven Regionen Europas haben sich seit Jahrzehnten touristische Cluster entwickelt, die einen dauerhaft hohen Erlebnis- und Erholungswert besitzen. Diese Landstriche zogen zunächst gebildete städtische Urlauber an, die dann im weiteren Verlauf Zweitwohnungsbesitzer wurden. Nicht wenige dieser „Zweitwohner” verbringen dann ihren Lebensabend – oder Teile davon – in der Region. Im Zusammenspiel zwischen „Ansässigen” und „Zweitwohnern” bilden sich nun neue kulturelle Angebote, blühen regionale Landwirtschaft und örtliche Gastronomie.
    „Boheme & Bauerntum”: Regionen, die diesen Weg gegangen sind, konnten den Bevölkerungsverlust durch urbanen Zuzug und gestärkte Kaufkraft ausgleichen.
  • Vitale Provinz-Cluster
    Manchen kleinstädtisch geprägten Regionen mit starker mittelständischer Wirtschaft gelingen erstaunliche Positionierungen im kreativen Standort-Wettbewerb. Universi-tär geprägte Mittelstädte bilden oft den Kern solcher Cluster; hier sind die Mieten noch erträglich, die Lebensqualität besonders hoch. Durch den Bildungstransfer kommt es zu einem Zustrom junger, kaufkräftiger Schichten, die später Familien gründen und die örtliche Kreativ-Wirtschaft stärken.
  • Transnationale Schnittstellen-Regionen
    Schließlich bilden sich im neuen Europa neue „Multiregionen” mit grenzüberschreitendem Charakter. Hier herrscht weltoffene Mehrsprachigkeit, die Wirtschaftskraft speist sich aus länderübergreifenden Kooperationen und Symbiosen. Beispiele in Europa: Dreiländereck um Basel, der Bodensee, die Euro-Region Aachen, die Region Görlitz, die Achse Göteborg-Helsingborg.

Ökopolis – die global-ökologische Stadt

Die Großstädte des Industriezeitalter waren vor allem „Problemgeneratoren”. Sie verbrauchten Raum, Natur und Ressourcen, ohne ihren Bewohnern echte Lebensqualität zu bieten. Sie wucherten in die Landschaft hinein und erzeugten jenes gesichtslose „Suburbia”, in der sich die Menschen zunehmend sozial voneinander enfremdeten. Sie verschmutzten die Umwelt und hinterließen verwüstete Industrie-Areale.

Die sprichwörtlichen MEGACITIES der Schwellenländer prägen bis heute unser negatives Bild großer Städte: Der Mensch als Ameise, die Stadt als wucherndes Konglomerat des Elends. Doch die Urbanisierungsprozesse des 21. Jahrhunderts gehen auch dort anders vonstatten als zu Beginn der industriellen Revolution. Allmählich lernen die Mega-Städte, ihre Probleme in den Griff zu bekommen. In einer Megalopolis wie Seoul werden heute Stadtautobahnen rückgebaut, Parks angelegt, Freizeitmöglichkeiten ausgebaut. In den Steinwüsten von Sao Paolo, Manila oder selbst Kalkutta experimentiert eine neue Generation von global ausgebildeten Stadtplanern mit neuen Methoden der RE-Urbanisierung. Neue Technologien und neue Ansätze systemischer Sozialforschung helfen dabei, das Schicksal von Milliarden Großstadtbewohnern allmählich zu verbessern.

  • In China und den arabischen Ländern entstehen heute „Zukunfts-Städte”; die ihre Energie- und Infrastrukturversorgung autonomisieren – Dongtan bei Schanghai und Masdar City sind die bekanntesten Beispiele.
  • Städtische-öffentliche Verkehrs-Infrastrukturen stehen überall auf der Welt vor einem Innovationsschub. So bauen heute viele amerikanische Städte ein öffentliches Nahverkehrssystem auf.
  • Soziale Service-Funktionen wandern zunehmend von zentralen Organisationen in dezentrale Netzwerke. Stadtteilnahe, mobile Betreuungs-Systeme sind heute in der Altenversorgung schon state of the art.
  • Energieversorgung findet in Zukunft im „Energy Grid” statt: Jedes Gebäude, sogar ein Hochhaus, kann nicht nur Energie verbrauchen, sondern auch ERZEUGEN.
  • Nahrungsmittel können in den neuen Städten stadtnaher und versorgungs-effizienter angebaut werden – die Nahrungsmittelproduktion kehrt zurück aufs Stadtgebiet. Hydro- Aqua- und „Hinterhof-Produktion” ermöglichen neue Formen lokaler Märkte.

Gerade die Energiekrise scheint den Ansätzen der Neuen Urbanität Rückenwind zu verleihen. Verdichtetes Leben und Wohnen, so wissen wir heute, ENTLASTET die Natur – es lässt der Wildnis wieder mehr Platz. Während sich manche Gegenden völlig entleeren und zum Schonraum auch für wilde Tiere werden, kultivieren wir den „Dschungel der Großstadt” auf einer neuen Stufe.

Der Neue Urbanismus 2.0

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten. Und täglich kommen Hunderttausende hinzu. Sie tauschen die „unentfremdete Abhängigkeit” von der Natur gegen die prekäre Unsicherheit einer städtischen Existenz, in der der Slum oft genug die einzige Lebenschance darstellt. Sie haben ihre Gründe dafür, und man wird sie nicht aufhalten können. Die unhumanen Entstädterungs-Experimente des 20sten Jahrhunderts im Stile eines Mao oder Pol Pot sind einstweilen vorbei. Auch in den islamischen Ländern ist der Sog in die Großstadt heute unabweisbar.

Während die Mega-Cities der Schwellenländer langsam lernen, mit ihrem rasanten Wachstum fertig zu werden, wird eine immer größere Anzahl von Städten von Schrumpfungs-Prozessen erfasst. Auch dies bedeutet Chancen: Rückbau von misslungener Bausubstanz, mehr Grünflächen, das bewusste Gestalten neuer Sub-Zentren, die Vernetzung der städtischen Kultur. Und vor allem: Eine neue Beteiligung der Bürger an Planungs- und Gestaltungsprozessen, eine erneuerte urbane Demokratie.

Die neue Stadt fängt hier nicht beim Punkt Null an. In der „Creative City” oder „Ideopolis” können wir auf die Erfahrungen der bürgerlichen Stadt-Kultur ebenso wie auf die Tradition antiker Städte zurückgreifen, ohne sie nur zu imitieren. Die kreative Stadt der Zukunft wird die Zerrissenheit der industriellen Kultur überwinden. Sie verheißt uns eine neue Ganzheit von Arbeit, Leben, Freizeit, Lernen, Wissen, Kommerz und Kultur. Globale Städte sind komplexe Wunder, weil sie Menschen dazu bringen, enorme kulturelle und soziale Integrationsleistungen zu vollbringen. Die kreative Stadt „entwurzelt” uns auf der einen Seite, aber sie bringt uns auf der anderen Seite neu zusammen: Als kosmopolitische Bürger und Bewohner des Planeten Erde.


Dieser Text dient als Vorwort der Städte/Regionen - Studie des Zukunftsinstituts:
Deutschland 2020
Erscheinungstermin: September 2008


Literaturtipps:

  • Rolf Lindner: Walks on the Wild Side
    Eine Geschichte der Stadtforschung, CAMPUS Verlag Frankfurt, 2004
  • Franz Oswald, Nicola Schüller: Neue Urbanität
    Das Verschmelzen von Stadt und Landschaft, GVA 2003
  • Leonardo Benevolo: Die Geschichte der Stadt
    CAMPUS, Frankfurt 2007
  • Richard Florida: Who's Your City?
    How the Creative Economy Is Making Where to Live the Most Important Decision of Your Life, Basic Books, New York, 2008
  • Richard Florida: The Flight of the Creative Class
    The New Global Competition for Talent, Collins, New York, 2006
  • Richard Florida: The World Is Spiky
    Globalization has changed the economic playing field, but hasn't leveled it
    isites.harvard.edu

 

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