Matthias Horx  Trend- und Zukunftsforscher


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Das Zukunftsgeheimnis

Was wir über das Morgen wissen können

Es gibt keine Wissenschaft ohne Phantasie
Und keine Kunst ohne Fakten
Vladimir Nabokov

Good future forecasts are like detective work, based on three factors: means, motive and opportunity.
Bruce Sterling

Eine kleine Geschichte der Zukunft

In der menschlichen Geschichte existiert keine Kultur, die sich nicht mit der Zukunft auseinandersetzte – von den Wetterkulten der Schamanen bis zu den Großrechnern der Finanzmärkte. In der Antike, mit Beginn vor etwa 2.800 Jahren, entstehen in Griechenland die ersten komplexen ZUKUNFTS-INSTITUTIONEN – die unabhängigen ORAKEL. Ihre Aufgabe ist eine VERMITTLUNG zwischen den von den Göttern repräsentierten Mächten und Prinzipien mit den weltlichen Angelegenheiten. Delphi war ein Think Tank, wahrscheinlich der erste der Welt. Die Grundidee war eine „Komplexitäts-Spiegelung” - GNOTIS SEAUTON – erkenne Dich selbst! lautete das Motto des Orakels. Sprich: Nimm Dein Schicksal durch Erkenntnis selbst in die Hand, anstatt Dich von den Göttern steuern zu lassen!

  • Das Mittelalter (800-1350)brachte zunächst einen zyklischen Zeitbegriff zurück, in dem allein die religiöse Transzendenz den Platz der Zukunft einnahm. Zukunft blieb reiner SCHICKSALSRAUM.
  • In der Renaissance (1350-1750) entstand zum ersten Mal ein ansatzweise rationaler Zukunfts-Begriff, der Wissenschaft und Kultur beeinflusste. Das Zeitalter der Wissenschaften begann, und mit ihm entwickelte sich die Grundidee des Fortschritts. Utopische Sonnenstaaten hatten damals in den Vorstellungsräumen Konjunktur, Zukunft wurde ein MÖGLICHKEITSRAUM.
  • Die Aufklärung (1750-1900)„erfand” schließlich die Zukunft als Raum der definitiven Möglichkeiten. In den revolutionären Umbrüchen Europas nach und um die französische Revolution wurde Zukunft zum GESTALTUNGSRAUM.
  • In der Moderne wurde die Zukunft schließlich zu einem BESTIMMUNGSRAUM – der Fortschritt wurde zu einem MECHANIMUS umgedeutet, gegenüber dem es kein Entrinnen gab. Dies mündete in die Ära des HYPERFUTURISMUS, jener technizistischen Zukunfts-Euphorie, die ihr jähes Ende zwar in der Ölkrise und der Rezession der 70er Jahre fand, die bis heute jedoch reflexhafte Renaissancen erlebt. Umwelt- und Friedensbewegung dominierten von nun an den Zukunftsdiskurs mit eher APOKALYPTISCHEN Zukunftsbildern.

Die vier prophetischen Archetypen

Heute treten folgende Archetypen auf der Bühne der Zukunftsschau auf:

  • Der Zukunftsbürokrat:
    Zukunft als lineare Weiter-Rechnung. In Unternehmen, in Medien und Politik dominieren die Alltagsprognostiker, die sich mit LINEARER Vorhersage beschäftigen und meistens nur isolierte TEILSYSTEME betrachten.
  • Der Erlösungsvisionär:
    Zukunft als finale Verheißung. Auch heute gibt es noch jene „Propheten des beschleunigten Fortschritts”, die die Zukunft als tranzendenten Raum behaupten. Ray Kurzweil zum Beispiel prophezeiht uns „die Singularität” für die kommenden Jahre schon seit einigen Jahrzehnten.
  • Die Marketing-Gauklerin:
    Zukunft als gesteigerte Nachfrage. Die globale Konsumgesellschaft und der Aufstieg des Marketing zur Leitbranche hat einen weiteren Typus von Prognostiker hervorgebracht: Im Kontext der als „Trendforschung” bezeichneten Konsumbetrachtung wird Zukunft vor allem als „verschärfter Ansatzmarkt” definiert, in dem sich die Steigerungen von heute unentwegt fortschreiben.
  • Der Doomsayer:
    Zukunft als Drohgebärde. Der Verkünder der Apokalypse ist eine uralte Figur im Kontext von Religion und Machtbewahrung. Aber im Zeitalter der Massenmedien stehen ihm ungleich größere Kommunikations-Ressourcen zur Verfügung. Doomsayer haben immer Recht, denn wenn das, was sie prophezeihen, nicht eintritt, lag es daran, dass sie so gut gewarnt haben!

Erfolge und Niederlagen der Prognostik

Dass man „die Zukunft nicht voraussehen kann”, ist heute ein gängiges Bonmot auf allen Veranstaltungen. In seinem Buch "The Next 100 Years — Then and Now" (Die nächsten 100 Jahre — Damals und Heute, Xlibris-Verlag 2002) hat der amerikanische Publizist Robert Cartmill den Versuch unternommen, die Qualität von Langfrist-Prognosen wissenschaftlich zu evaluieren. Das Ergebnis fällt für die Zunft der Zukunftsforscher nicht triumphal, aber auch nicht negativ aus. Am besten schnitt ein gewisser John E. Watkins ab, ein Museums-Kurator, der seine Prognosen im Ladies Home Journal veröffentlichte. Watkins sah im Jahr 1899 präzise die moderne Kriegsführung voraus, beschrieb Fernsehen und Fax, das Handy, die dominante Entwicklung des Automobils, Tieffrieren, Convenience-Food und Einkaufszentren.

Ähnlich pragmatisch und aus der Sichtweise des gesunden Menschenverstandes verfuhr Junius Henry Browne, ein Kaufmann, der im Jahre 1893 in einer 100-Jahres-Prognose sagte:
Die sozialen und politischen Umstände des Jahres 1993 werden meiner Meinung nach durch deutliche Verbesserungen der heutigen Verhältnisse gekennzeichnet sein... Das Leben wird mehr und mehr zur Humanität tendieren, zur Freiheit und Unabhängigkeit des Individuums. Sozialismus, der immer noch in der Luft liegen wird, wird in einer modifizierten und rationalisierten Form Anerkennung finden. Es wird mehr Gleichheit, Bildung und Glück existieren als in unserem ausgehenden Jahrhundert.

  • Kriege:
    Friedrich Engels sah den Ausbruch des 1. Weltkrieges und den Zweifronten-Grabenkrieg mit anschließender Russischer Revolution voraus. H.G. Wells den Zweiten Weltkrieg, allerdings mit einem anderen Anfangsverlauf. Hermann Hesse war schon 1920 davon überzeugt, dass ein Ausbruch bevorstand, auch wenn er sich nie auf ein Datum festlegte.
  • Feminismus:
    Elisabeth Burgoyne Corbett, französische Utopistin, beschrieb in „New Amazonia – A Foretaste of the Future”, 1889 (veröffentlicht unter dem Namen ihres Mannes), Geburtenkontrolle und 100-Jahre-Lebensspannen. Dazu sah sie die Fitness-Welle voraus (VERBOT von Aufzügen und Liften aus Fitness-Gründen!).
  • Alterung:
    H.G.Wells prognostizierte in seinem Buch „The Shape of Things to Come” 1933 exakt den demographischen Wandel und seine Auswirkungen.
  • Das Internet:
    In „Die Welt in 100 Jahren” aus dem Jahre 1912 wurde die Welt der „Ortlosen Kommunikation” genau geschildert: Die Bürger der drahtlosen Zeit werden überall mit ihrem „Empfänger” herumgehen, der irgendwo, im Hut oder anderswo angebracht, auf eine der Myriaden von Vibrationen eingestellt sein wird. Der Empfänger wird trotz seiner Kompliziertheit ein Wunder der Kleinmechanik sein. Konzerte und Direktiven, ja alle Kunstgenüsse und das Wissen der Erde werden drahtlos übertragen sein. Monarchen, Kanzler, Diplomaten, Bankiers, Beamte und Direktoren werden ihre Geschäfte erledigen und ihre Unterschriften geben können, wo immer sie sind, sie werden eine legale Versammlung abhalten, wenn der Eine auf der Spitze des Himalaya, der andere an einem Badeorte ist.
    (Robert Sloss: Das drahtlose Jahrhundert: aus „Die Welt in 100 Jahren”, Berlin 1910 im Buntdruck-Verlag, Nachdruck 1988 von der Olms-Presse Hildesheim/Zürich. Nur noch antiquarisch oder über das Zukunftsinstituts-Archiv)
  • Der Personal-Computer:
    Eines der klassischen Vorurteile: Der PC wurde nicht prognostiziert. Falsch. Genau das tat Gordon Moore mit seinem „Moores Law”. Er sah Computerkapazität auf jedem Schreibtisch!
  • Virtuelle Realität:
    Stanislaw Lem erfand in den 60-er Jahren den Begriff der „Phantomatik” und sagte eine „künstliche zweite Umwelt” voraus.
  • Der Fall der Mauer:
    Viele russische Dissidenten prognostizierten den Zusammenbruch der Sowjetunion schon frühzeitig. Der Publizist Emmanuel Todd schrieb 1974 ein Werk, in dem er den Kollaps der SU „in zwanzig Jahren” annahm.
  • Der Zusammenbruch des Neuen Marktes:
    Der amerikanische Wirtschaftsjournalist Michael J. Mandel brachte 1999 das Buch „The Coming Internet Depression” auf den Markt, in dem er die Ereignisse in der Finanzwelt der Jahre 2001-2005 exakt voraussagte.
  • 11. September:
    Ein Think-Tank für die US-Regierung um Peter Schwarz 1999 sagte fast auf den Punkt genau die Art und Weise voraus, mit der sich die terroristischen Aktivitäten im 21. Jahrhundert entfalten würden:
    The nature of terrorism is changing – the United States will be victim of high technology attacks on their own territory in the next five years!
    (Super Terrorism: Assassins, Mobsters and Weapons of Mass Destruction, zitiert in „The Futurist”, Autumn 1999)

Eine Analyse der Erfolgsquoten vergangener Prognosen ergibt folgende „Learnings”:

  • Spezialistentum macht zukunftsblind.
    Ausgerechnet da, wo sich der Prognostiker auf einem bestimmten Fachgebiet als EXPERTE fühlt - wo ein Journalist die Zukunft der Zeitungen, ein Telefonerfinder die Zukunft der Telefonie voraussagt — ist das Ergebnis oft desaströs falsch. Der Grund liegt in der Einengung des Sichtwinkels und in der Projektion eigener Interessen.
  • Sozialer Wandel schlägt Technologie.
    Die meisten Fehlprognosen fanden nicht auf dem Gebiet der Technik statt, die „blinden Flecke” lagen vielmehr dort, wo es um „weiche” und soziale Faktoren ging – Rollenwandel zwischen Mann und Frau, Bildung, soziale und politische Systeme.
  • Verknüpftes Allgemeinwissen.
    Die besten Ergebnisse wurden mit „gesundem Menschenverstand” und einer extrem breiten Allgemeinbildung erzielt. Die Fähigkeit zu komplexem, systemischem, interdisziplinärem Denken ist Voraussetzung für gute Vorhersagen.

Zwischen Utopia und Dystopia – ein Blick in die ferne Zukunft

Viele heutige Zukunfts-Bilder lassen sich auf vier zentrale Grund-Szenarien zuspitzen:

McWorld
Der triumphale Sieg des Konsum-Kapitalismus: Alles wird eine einzige, gigantische Kommerzmaschine, das amerikanische Modell gewinnt.

Mad Max
Die Ressourcenfrage wird zum Schicksalspunkt der Menschen. Um die letzten Ölreserven, um Wasser, Nahrung etc. entsteht der „molekularen Weltbürgerkrieg”. Der Krieg der Kulturen wird allgegenwärtig, wir fallen zurück in tribale Sozialformen.

Entropia
Kriege und Wirtschaftskrisen, Dekadenz, Egoismus und kommunikatives Unvermögen beenden unsere komplexe globale Hoch-Zivilisation. Die Menschheit kehrt zur bäuerlichen Lebensweise zurück.

Ökotopia
Es wird alles gut in einer hochtechnischen Öko-Gesellschaft, in der vielleicht ein gewisser Verzicht geübt werden muss, aber die Dinge so weiterlaufen wie bisher: Eine ergrünte und gesäuberte Industriegesellschaft, in der fröhliche, ökologisierte Menschen wohnen!

Bisher wurde Zukunft immer als große Einheit dargestellt: Alle Menschen in gleichen Stretch-Uniformen. Aber ich glaube, die Zukunft wird erheblich variantenreicher sein als die Gegenwart. Alles ist ständig in Bewegung, es hängen viele lose Kabel aus den Wänden.
Matt Groening, Cartoonist, u.a. „Futurama”

Die Evolutionsräume der Menschheit

Szenarien sind deshalb „immer falsch”, weil sie die Zukunft auf ein Extrem zuspitzen – und damit die alten, linearen Fehler der Prognostik wiederholen. Wir kommen in Zukunftsdingen am besten weiter, wenn wir Zukunft als EVOLUTIONSprozess auffassen. Evolution kennt weder ein ENDE noch ein GUT, auch keine HARMONIE. Die Zukunft gehört INSTABILEN GLEICHGEWICHTEN und DYNAMISCHEN KOMPLEXITÄTEN. In diesem Denken eröffnen sich für die Zukunft der Menschheit nicht „strenge Alternativen”, sondern „evolutionäre Räume”:

  • Die zweite Biologie: Künstliche Schöpfung und Wandlung der Natur.
  • Die Neue Alchimie oder „Moleculeering”: Materie jenseits des alten Molekülsystems.
  • Der Äußere Raum: Space Migration
  • Der neo-soziale Raum: Die neuen Organisationsformen der Menschen – Vernetzung, Interdependenz, holistische Organisation.
  • Der neo-mentale Raum: Die geistigen Techniken, eine säkulare Spiritualität der Zukunft.
  • Das Zweite Universum: Die Migration in die Virtu-Realität.

Literatur

  • Oona Strathern, Die Visionäre, Amalthea-Verlag Wien 2008
  • Matthias Horx, Jeanette Huber, Andreas Steinle, Eike Wenzel: Zukunft machen – Wie Sie von Trends zu Business-Innovationen kommen, Campus-Verlag 2007
  • John Maynard Smith, Evolution and the Theory of Games, Cambridge University Press, 1982
  • Ossip K. Flechtheim, Futurologie, Der Kampf um die Zukunft, Verlag Wissenschaft und Politik, 1970
  • Michael Wood, The Road to Delphi, The Life and Afterlife of Oracles, Farrar, Strauss & Giroux, New York 2003
  • Lucian Hölscher, Die Entdeckung der Zukunft, Fischer Taschenbuch-Verlag Frankfurt, 1999
  • Kees van der Heijden, The Art of Strategic Conversation, John Wiley, London, 1997
  • Paul Watzlawick, Die erfundene Wirklichkeit, Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus, Piper-Verlag GmbH, München, 1981
  • Jean-Paul Clébert, Die Angst vor dem Weltuntergang, Eine Geschichte der Endzeitstimmung, Bastei Verlag, Bergisch Gladbach, 1998

 

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