Matthias Horx  Trend- und Zukunftsforscher


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Wie wir leben werden – Die Zukunftsgesellschaft

Leben, Lieben, Altern im 21. Jahrhundert

Der Megatrend Frauen

Die Kraft dieses Megatrends beruht auf einer Umverteilung: Bildungspotentiale werden langfristig von den Männern zu den Frauen umverteilt. Vor allem in den letzten 30 Jahren hat sich in fast allen OECD-Ländern eine atemberaubende weibliche Bildungsrevolution entwickelt. Der Anteil der Abiturientinnen stieg in Deutschland auf heute etwa 55 Prozent aller Abiturklassen, der Anteil der weiblichen Studierenden von 19 auf 52 Prozent. Dieser Prozess zu „weiblichem Bildungsvorsprung” lässt sich in allen europäischen, aber auch in vielen Schwellenländern feststellen.

  • Die weibliche und die männliche Erwerbskurve bewegen sich ständig aufeinander zu. In manchen Ländern, wie etwa in Schweden, beträgt die Einkommens-Differenz heute nur noch 10 Prozent.
  • Auf allen Kontinenten erhöht sich die weibliche Erwerbstätigkeit parallel zum weiblichen Zugang zu sekundärer und tertiärer Bildung. Sie hat sich weltweit in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt.
  • In Frankreich, Großbritannien, Spanien und Belgien sind jeweils über 30 Prozent der mittleren Leitungspositionen in Wirtschaft und Behörden von Frauen besetzt. In den USA wurden in den letzten Jahren an die 10 Frauen an die Spitze globaler Konzerne berufen. Auch in der Politik steigt der Frauenanteil kontinuierlich
  • Als Faustregel gilt: Dort, wo die weibliche Erwerbstätigkeit hoch ist, steigt auch die Geburtenrate! In Ländern wie Frankreich, Benelux, Großbritannien und Skandinavien, wo Ganztagsschulen, Dienstleistungen, flexiblere Karrieren und ein anderes gesellschaftliches Wertesystem den Frauen Wahlfreiheit ermöglicht haben, liegt sie bei 1,6 bis 2,05 Kinder pro gebärfähige Frau (Frankreich 2006).

Diese Entwicklung hat starke Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik, Konsum und die gesellschaftlichen Kontrakte. Beide Geschlechter haben nun Lust und Anspruch auf ein Berufsleben. Beide kämpfen mit dem Problem der Work-Life-Balance, der Balance zwischen der Karriere und der Familie. Die „Neuverhandlung” zwischen Mann und Frau wird uns die nächsten Jahre hindurch massiv beschäftigen – und unsere Lebenswelt nachhaltig verändern.

Der Megatrend Individualisierung

In der traditionellen Gesellschaft ist der Einzelne von den Institutionen Kirche, Staat und Familie vollständig definiert. Er wächst in traditionellen Rollen und lebenslangen Selbst-Definitionen auf. Durch Wohlstand, Bildung und Mobilität kommt es zu einer ERHÖHUNG DER WAHLOPTIONEN, die dem Einzelnen zunehmende Selbstdefinitions-Macht geben.

Individualisierung lässt sich besonders gut an den Haushaltsstrukturen ablesen, die sich immer weiter differenzieren. Im Jahre 1900 prägte die Großfamilie die Gesellschaft – 70 Prozent aller Menschen lebten in dieser Haushaltsform. In den 60er Jahren bildete die klassische Kleinfamilie eine gesellschaftliche Norm, in der die Mehrheit der Bevölkerung lebte. In Zukunft wird es immer schwieriger, einen „Normhaushalt” und eine „Normbiographie” zu definieren. Patchwork-Familien, Multigenerations- und Living-Apart-Familien sowie eine wachsende Anzahl von Alleinerziehenden ergänzen das traditionale Familienmodell.

Individualisierung bedeutet aber auch eine erhöhte Werte- und Normenvielfalt in der Gesellschaft, die zu einem generellen Werte-Wandel führt. Toleranz, Freundschaft und Ehrlichkeit sind neue Leit-Werte in einem individualistischen Zeitalter. Für die Konsummärkte bedeutet die Individualisierung eine weitere Atomisierung der Märkte in immer kleinere Segmente, das Ende der Massenmärkte – und ein Comeback des individualisierten Produktes.

Die erweiterten Biographien

Die durchschnittliche Lebenserwartung Europas lag vor 100 Jahren bei 43 Jahren, sie wird im Lauf des 21. Jahrhunderts auf über 90 Jahre steigen. In allen Ländern der Erde, mit Ausnahme einiger GUS-Länder und der Bürgerkriegsgebiete Afrikas, erweitert sich die menschliche Lebensspanne im statistischen Durchschnitt um 6 bis 7 Wochen pro Jahr! Das bedeutet, dass ein heute geborenes japanisches Mädchen im Schnitt 95 Jahre alt werden wird.

Dieser Prozess führt aber nicht, wie das in den Medien zumeist dargestellt wird, zu einer „Vergreisung” der Gesellschaft. Es entwickeln sich vielmehr neue Lebensmuster, die eher eine VERJÜNGERUNG des Verhaltens, der Wertesysteme und der inneren Einstellung bedeuten. Während im industriellen Zeitalter die meisten Menschen eine dreiteilige Biographie durchlebten, mit den rigiden Grenzen „23” und „60” (Heirat und Ruhestand), erweitern und „fraktalisieren” sich in der Wissensgesellschaft die Lebensläufe. Wir müssen (und können) unser Leben viel bewusster gestalten als jemals zuvor.

  • Postadoleszenz
    Zwischen Jugend und den „Ernst des Lebens” schiebt sich eine Experimentierphase, in der man reist, sich selbst verwirklicht und beruflich und in Sachen Bildung mehrfach umorientiert. Erlernt wird auch die „serielle Monogamie” als Beziehungskonzept der modernen Gesellschaft – Treue zum Partner, aber „hintereinander”.
  • „Rush Hour”
    Jener Lebensabschnitt, in dem der Konflikt zwischen Beruf und Familie besonders verstärkt ist. Wir wollen nun GLEICHZEITIG Karriere machen, aber auch Männer möchten sich mehr um ihre Kinder kümmern. Das können wir in Zukunft auch anders gestalten – durch bessere gesellschaftliche Kontrakte („work-life-balance”), durch andere Arbeitsformen und eine ZEITLICHE ENTZERRUNG der Biographie (die Kinder früher oder später bekommen).
  • „Selfness-Phase”
    In einem Alter zwischen 50 und 60 kommt es zu einer Phase der Neuorientierung und Re-Positionierung. Diese neue Phase ist ein Geschenk der Alterung an uns alle, eine Gabe der kulturellen Evolution, die uns ermöglicht, ein Leben mit anderen Horizonten und Chancen zu leben, und uns als Persönlichkeiten im Rahmen einer normalen Biographie zu „vollenden”.
  • Weisheitskultur
    Wir können (und müssen) dem verlängerten Leben eine andere Perspektive geben. „Weisheit” wäre der sinnvolle Zentral-Wert für eine Langlebigkeitskultur, in der wir unsere Persönlichkeiten auf ganz neue Weise entwickeln und reifen lassen können.

Damit entsteht eine ganz andere Sichtweise auf die Biographie – eigentlich müssten wir, um ihr verborgenes Muster zu erkennen, sie von RÜCKWÄRTS anschauen. Donald Sutherland:
Das Leben sollte eigentlich mit dem Tod beginnen, und nicht anders herum. Zuerst gehst Du ins Altersheim, wirst herausgeworfen, spielst ein paar Jahre Golf, kriegst eine goldene Uhr und beginnst zu arbeiten. Anschließend gehst Du auf die Uni und genießt das Studentenleben mit einem Haufen Lebenserfahrung. Nach der Schule spielst Du 5, 6 Jahre, dümpelst 9 Monate in einer Gebärmutter und beendest Dein Leben als Orgasmus.

Megatrend Gesundheit

Gesundheit wird in der Zukunft eine völlig neue Bedeutung bekommen: Sie wird von einer „Eigenschaft” zu einer Ressource. Rund um einen erweiterten Gesundheitsbegriff entwickeln sich neue, expandierende Märkte und Produkt-Welten, vom Health-Food über Feng-Shui-Architektur bis zum neuen Fitness-Urlaub. Gleichzeitig wird der Gesundheitsbegriff umgedeutet: Im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft wird GESUNDHEIT von „Abwesenheit von Krankheit” zu einer Metapher für die geistig-physische Integrität des modernen Individuums.

  • Eine alternde Bevölkerung erzeugt einen Werte- und Verhaltenswandel hin zu mehr Gesundheitsvorsorge und einem aktiveren körperlichen und seelischen Verhalten. Neue Lebensqualitäts-Märkte entwickeln sich rund um die existentiellen Fragen der Gesundheit und der seelischen Integrität.
  • Nach dem Wellness-Boom beginnt eine zweite Phase, in dem Wellness von der „passiven Entspannung” zum aktiven „Empowerment-Lebensstil” wird. Nun wird „Selfness” zum zentralen Begriff: Die Ausweitung der eigenen Gesundheits-Potentiale als neue Lebenskunst und Selbst-Kompetenz.
  • Die Alltagsmedizin erweitert ihren Raum durch die Integration von alternativen und „magischen” Heilmethoden in Richtung auf eine ganzheitlichere Sicht des Menschen.

In der staatlichen Gesundheitsversorgung beginnt ein harter Sanierungsprozess, der vom professionalisierten Krankenhausmanagement schließlich zum generellen Health Care Management führt.

Die Kultur der Lebenslagen

Wenn Marketing oder Management in der Vergangenheit versuchten, sich „die Gesellschaft” vorzustellen, dann blieb das klassische Instrument die ZIELGRUPPENANALYSE. Alt und jung, ländlich oder städtisch, arm und reich – die Gesellschaft wurde in Gruppen „geclustert”, die jedoch in der modernen Individual-Kultur an Kohärenz verlieren. In den letzten Jahren haben sich ergänzend die SINUS-MILIEUS durchgesetzt – eine Aufteilung der Gesellschaft in Mittel- Ober- und Unterschicht, sowie in Werte-Orientierungen von konservativ bis innovativ.

In der modernen Individualgesellschaft WECHSELN Menschen jedoch zwischen solchen Milieus schnell hin und her – und lösen sie dadurch auf. In der Polik kann man am drastischsten sehen, welche Konsequenzen dies für das Verhalten der Menschen und seine Berechenbarkeit hat: Die alten politischen Milieus zerfallen, das Wahlverhalten wird spontan und sporadisch.

Wir brauchen also eine neue Sozio-Demographie, die wir „Kultur der Lebenslagen” nennen. Dabei analysieren wir jene Lebens-Situationen, die Menschen im Laufe ihrer erweiterten Biographie durchlaufen. Und versuchen, ihre Bedürfnisse, Knappheiten, Wünsche, Träume zu erfassen. So entstehen 10 Gruppen, sich sich als SOZIOKULTURELLE AVANTGARDE herausbilden – und mit ihren Lebensstilen die moderne Wissens-Gesellschaft zunehmend prägen:

  • Die COMMUNI-TEENS – Die jungen, durch die elektronischen Medien geprägten Bevölkerungsgruppen, deren Lebensprinzip im SOCIAL NETWORKING besteht.
  • Die IN-BETWEENS – die „Postadoleszenten”, die zwischen 20 und 30 einen Zustand „flexibler Unsicherheit” kultivieren.
  • Die YOUNG GLOBALISTS – Die jungen Karrieristen, die ihren kulturellen Radius globalisiert und ihren Lebensstil hochgradig mobilisiert haben.
  • Die LATTE-MACCHIATO-FAMILIEN – die neuen Familien in den urbanen Ballungsgebieten, die ihre Rollen und Lebensstile nicht mehr traditionell gestalten – urbane Hedonisten mit Kids.
  • Die SUPER-DADDYS, die neuen Väter, die ihr Leben nicht mehr um die Karriere, sondern um die elterlichen Rollen zentrieren.
  • Die VIBs – die Spätkinderkrieger – Familien, die ihre Kinder erst in der dritten Lebensphase bekommen und dann ihre Lebens- und Arbeitswelt um die Kinder herum zentrieren.
  • Die TIGER LADIES – die neuen nach Selbständigkeit strebenden Frauen um die 50.
  • Die SILVERPRENEURE, die auch nach dem „Rentenbeginn” weiterarbeiten, sich gesellschaftlich, politisch und beruflich engagieren.
  • Die GREYHOPPER, die freizeit-orientierten Alten mit hoher Konsum- und Reisepräferenz, die bald die „alternden 68er” sein werden.
  • Die SUPER GRANNYS – die erziehungs-aktiven Großeltern, die sich intensiv um ihre Enkel kümmern und dadurch jung und aktiv bleiben.

Literatur

  • Andreas Steinle, Lebensstile 2020, Zukunftsinstitut, 2007
  • Matthias Horx, Wie wir leben werden - Die Zukunft beginnt jetzt, Campus Verlag, Frankfurt, 2006

 

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