Schlüsselfragen zur Trend- und Zukunftsforschung
an Matthias Horx
Was unterscheidet Ihre Art Zukunftsforschung von anderen Ansätzen?
Meine Arbeit basiert auf einem evolutionstheoretischen Ansatz und ankert in Wissenschaften wie der Spiel- und Systemtheorie.
Die Grundthese lautet: Zukunft ist Evolution von ökonomischen, kulturellen, sozialen und technologischen Systemen.
Mit diesem Ansatz unterscheide ich mich von manchen anderen Zukunftsforschern, die ihr Heil eher entweder im Schrill-Spektakulären oder im Düster-Apokalyptischen sehen.
Beiden Varianten wird natürlich medial viel mehr Aufmerksamkeit zuteil.
Aber Stanislaw Lem, der Große Alte Mann der Zukunftsvisionen, hat mal gesagt: „Diese Art der Prognostik ist nichts als Werbeeffekthascherei,
die man in einem Anfall von Sarkasmus mit Friedhöfen vergleichen kann”.
In wieweit kann man Zukunft überhaupt voraussagen?
Das kommt darauf an, welche Frage wir an die Zukunft stellen. Wollen wir wissen, ob ein ganz bestimmtes Produkt in den nächsten Jahren ein Erfolg wird?
Oder wie Menschen in 10, 50 oder 100 Jahren arbeiten werden? Das Klima und die Börsenkurse lassen sich so gut wie gar nicht voraussagen,
weil sie ein „instabil-rekursives System” darstellen, das heißt,
jede Prognose wird Teil des Prozesses und verändert diesen radikal – man kann das mit dem berühmten Chaos-Schmetterling vergleichen,
dessen Flügelschlag einen Orkan erzeugt.
Die Entwicklung der Bevölkerungszahl eines Landes oder der Welt ist hingegen relativ recht genau prognostizierbar,
schließlich ist die Geburtenrate sehr „zäh”, und heute werden die potentiellen Eltern von in 30 Jahren geboren.
Und auch über die Entwicklung der Gesellschaftsformen, der Ökonomien, der Technologien, lässt sich eine Menge aussagen.
Wir müssen die Erkenntnisse aus verschiedenen Teilwissenschaften wie Statistik, Semiotik, Prozesswissenschaft, intelligent miteinander kombinieren.
Was ist „metakognitive Zukunftsforschung”? (ein von Matthias Horx geprägter Begriff)
Unsere Bilder über die Zukunft basieren auf bestimmten kulturellen und sozialen Mindsets.
In Deutschland zum Beispiel neigt man dazu, immer von der schlechtesten aller Möglichkeiten auszugehen -
und dann Gründe dafür zu suchen, warum es nur schief gehen kann.
Diese innere Einstellung beeinflusst natürlich die reale Zukunft - Wir alle kennen den Satz von der „Self Fulfilling Prophecy”.
Systemische Zukunftsforschung muss diesen Erwartungsaspekt verstehen und in die Prognosen einrechnen. Man kann das mit einem Kino vergleichen:
Wir kümmern uns nicht nur um das Bild, das auf der Leinwand zu sehen ist, sondern wir interessieren uns auch für den Projektionsmechanismus, mit dem dieses Bild erzeugt wird.
Warum irren Zukunftsforscher so oft?
Diese Vermutung ist schlichtweg falsch. Fakt ist, dass alles, was passiert ist, von klugen Geistern vorausgesagt worden ist –
nur hat man denen, die die richtige Nase hatten, selten zugehört. Ich kann Ihnen das an jedem Phänomen nachweisen,
auch an der Erfindung des PC, dem Untergang des Kommunismus oder dem 11. September.
Aber natürlich kann man auf einer Veranstaltung viel mehr Gelächter und Beifall erzeugen, wenn man irgendeine schiefgegangene Prognose zitiert,
so wie das berühmte Beispiel mit den 4 Computern, die es in Zukunft geben soll...
Was sind die größten Fehler der Zukunftsforschung?
Linearität, Projektion eigener Wünsche und mediale Übertreibung.
Der berühmte Club of Rome zum Beispiel hat einfach Rohstoffverbrauch, Bevölkerungsentwicklung etc., linear in die Zukunft weitergerechnet –
ohne etwa technologische Effektivitäts-Verbesserungen und soziale Wandlungs-Prozesse in das Prognosesystem einzubeziehen.
Viele Menschen, auch Zukunftsforscher, projizieren ihre Lebensweisen, Neurosen oder schlichtweg Interessen auf einen imaginierten Zukunftsprozess,
sie wünschen sich was oder fürchten sich vor etwas ganz besonders – und machen daraus einen Zukunfts-Hype.
Wir nennen das auch die Affenfalle, die „Monkey Trap” der Zukunftsvision:
Wie ein Affe, der etwas besonders Interessantes in einer hohlen Kokosnuss entdeckt, und dann die Hand nicht mehr aufkriegt,
und dann mit der schweren Kokosnuss herumrennen muss, laufen viele Menschen mit einer Art „Zukunftsballast” herum.
Sie haben irgendwann einmal eine Formel über das, was „ganz sicher kommen wird” erlernt, meist aus den Medien, und werden das Ding nicht mehr los.
Warum ist Katastrophismus im Feld der Zukunftsforschung so weit verbreitet?
Es gibt im deutschen Kulturkreis mächtige Lobbys des Untergangs, die ihre Apokalypsen sorgfältig hüten und inzwischen den Mediendiskurs total dominieren.
Damit kann man eine Menge Geld und Macht verdienen. Hinter den negativen Zukunftsbildern verbergen sich aber auch jede Menge Ideologien,
Restbestände des Dogmatismus der 70er Jahre, alte Generations-Abrechnungen.
Wir sind eine traumatisierte Gesellschaft, die nicht an die Zukunft glaubt, weil es in unserer Vergangenheit so große Brüche, Verbrechen und Katastrophen gab.
Wir trauen dem Frieden, der Technik und den Menschen nicht. Aber im Grunde sind das projizierte Ängste aus unserer Vergangenheit, die sich langsam auswachsen werden, so hoffe ich.
Ihnen wird von vielen Medien blinder Zukunfts-Optimismus vorgeworfen. Was sagen Sie dazu?
Ich möchte meine Haltung zur Zukunft mit dem altmodischen Wort „Zuversicht” beschreiben.
Dabei handelt es sich keineswegs um blauäugigen Optimismus, sondern um eine verantwortungsethische Haltung, die sich aus der Philosophie des Stoizismus begründet.
Wenn wir Zukunft gestalten wollen, müssen wir auch die positiven Prozesse wahrnehmen, die es in unserer Welt gibt,
und die in der öffentlichen Wahrnehmung völlig ignoriert werden.
„Die Segnungen annehmen” – ohne das Schwierige und Negative zu ignorieren.
Ich halte es also mit Karl Popper, einem Skeptiker, der von der „Pflicht zum Optimismus” sprach.
Oder mit Carl Zuckmayer: „Die Welt ist nicht gut, aber sie kann besser werden!”
Ist Zukunftsforschung eine Wissenschaft?
Sie ist gewissermaßen die Königswissenschaft per se, denn sie versteht sich als „Universalwissenschaft vom Wandel”.
Ihr „Labor” ist die ganze Welt. Trotzdem wird sie von den Teilwissenschaften niemals als Wissenschaft anerkannt werden,
weil sie eben nicht spezialisiert ist – und damit immer den Spezialisten in seiner Deutungsmacht stören muss.
Die Zukunftswissenschaft will ja alle Wissenschaften, von der Soziologie und Ökonomie über die Kognitions-
und Systemwissenschaften bis hin zur Philosophie und Evolutionstheorie, zu einem einzigen erkenntnistheoretischen Modell zusammenfassen.
Sie ist Teil jenes universalwissenschaftlichen Versuchs, den John Brockmann einmal „Die Dritte Kultur” genannt hat.
Was sollte ein Zukunftsforscher beherrschen?
Der Zukunftsforscher ist im Prinzip ein Privatgelehrter, der alle wichtigen Disziplinen der Welterkenntnis beherrschen muss.
Er muss wahnsinnig viele Bücher, Zeitschriften und Studien lesen. Er muss über die wichtigsten Erkenntnisse der Sozial-,
Geistes- und Naturwissenschaften auf dem neuesten Stand sein. Er sollte die wichtigsten Philosophen, Ökonomen und Intellektuellen kennen
und über ein tiefes Verständnis der Menschheits-Geschichte verfügen. Vor allem sollte er nie aufhören, Fragen zu stellen.
Was ist der Unterschied zwischen Trend- und Zukunftsforschung?
Beide Disziplinen gehen ineinander über, aber es gibt auch signifikante Unterschiede.
Trendforschung handelt von sozialen, kulturellen, ästhetischen Wandlungsprozessen, die in der Gegenwart stattfinden.
Um sie zu erkennen, sind Fähigkeiten wie Sensibilität und Fingerspitzengefühl gefragt,
man muss hier nicht unbedingt im klassischen Sinne wissenschaftlich arbeiten.
In Teilbereichen wie der Mode ist Trend-Erkenntnis dann allerdings kaum vom „Trend-Machen” zu unterscheiden,
und das macht natürlich das ganze Unterfangen fragwürdig, weil ich dann das, was ich „vorhersage”, selbst produziere.
Etwas ganz anderes ist echte Zukunftsarbeit. Dafür brauchen wir einen systemtheoretischen Überbau und ein erkenntnistheoretisches Fundament.
Was ist die Aufgabe der Prognostik?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst wissen, dass es für Prognosen einen Markt gibt wie für alles andere auch.
„Gekauft” werden prinzipiell Prognosen, die eine Sensation, einen Steigerungs-Reiz ausüben,
oder die eine bestimmte Interessengruppe in ihren kommerziellen Interessen bestätigen.
Zukunft interessiert viele Menschen nur dann, wenn sie aus ihre einen unmittelbaren Vorteil schlagen können –
und zwar am besten ohne Veränderungsprozesse! Wenn ich als Zukunftsforscher öffentlich sage, dass es einen Trend zum Biertrinken gibt,
wird mich die Bierindustrie unter Umständen gut dafür bezahlen.
Das wirft das Problem einer manchmal subtilen, manchmal offenen Korruption auf.
Wenn sie gut ist, ist Trend- und Zukunftsforschung eigentlich eine qualifizierte Störung:
Wir „stören” Unternehmen, Individuen und Organisationen, bei einem bestimmten Tunnel-Blick, mit dem sie in Richtung Zukunft sehen.
Wir versuchen, einen anderen, komplexeren „Mindset” zu provozieren.
Im Grunde geht es um die Transformation eines linearen, reduktionistischen Denkens zu einem systemischen, evolutionären Bewusstsein.
Es geht um Bewusstseinserweiterung. Das ist das, was ich die „Spiritualität der Zukunfts-Arbeit” nenne.
Wie oft haben sie geirrt?
Das ist natürlich eine absurde Frage – damit machen Sie ja den Bock zum Beurteilungs-Gärtner seiner eigenen Arbeit!
Aber da ich relativ wenige „echte” Prognosen im Sinne von „Am 11. 2. 2028 wird es schweren Regen geben” mache, dürften es nicht viele sein.
Es geht allerdings auch gar nicht, wie John Naisbitt in seinem neuen Buch „Mindset” betont, immer darum, Recht zu haben.
Ich sehe die Zukunftswissenschaft eher als eine Methode des „professionellen Fragens und Irrens” - und des permanenten Lernens.
Es geht um das Aufspüren, benennen und Analysieren von Wandlungsprozessen – und die Bewusstmachung der eigenen Verantwortung für diese Prozesse.
Was haben Sie vorausgesehen – und auf welche Weise?
Auch dieser Frage weist auf ein grundlegendes Missverständnis meiner Arbeit hin.
Unser Job ist nicht die Prophezeiung, sondern eine sehr viel profanere Kunst: sehr früh auf Tendenzen hinzuweisen,
die sich in der Gesellschaft, der Kultur, der Ökonomie entwickeln, und diesen Trends eine Gestalt und einen Namen zu geben.
Wenn Sie zum Beispiel unsere jährliche Veröffentlichung Trendreport lesen, werden Sie sehen, dass wir ein ganz gutes Gespür hatten.
Aber weil man so früh ist, wird man natürlich erstmal nicht ernst genommen.
Beispiel: Wir haben vor 6 Jahren den Begriff der „Kreativen Klasse” in Deutschland eingeführt, auch als Allegorie für eine sich radikal wandelnde Arbeitswelt.
Damals drehte sich alles nur um das „Prekariat”. Heute bringt der Spiegel große Geschichten über den Einfluss der Kreativen Klasse auf die Stadtentwicklung,
als hätte er das immer schon getan. Oder denken Sie an ein Wort wie Selfness – die Fortsetzung von Wellness – das ich geprägt habe.
Vor fünf Jahren fanden das alle ein völlig unverständliches Modewort, heute rennen sie alle zum Gericht, um sich den Begriff als Marken-Begriff schützen zu lassen.
Aber Zukunfts-Ideen kann man nicht schützen.
Müssen wir Angst vor der Zukunft haben?
Wenn wir keine Angst vor der Zukunft hätten, wären wir keine Menschen.
Eine andere Frage ist es, ob wir uns immer in die Hosen machen müssen, vor lauter Angst und Panik.
Wenn man sich intensiv mit fundamentalen Trends beschäftigt, merkt man, dass entgegen der allgemeinen Medien- und Kollektivmeinung vieles auf diesem Planeten viel besser geworden ist.
Noch nie hatten so viele Menschen auf der Erde Chancen auf Einkommen, Gesundheit, körperliche Unversehrtheit, Bildung, langes Leben.
Das ist noch nicht genug, aber ich bin sicher, es kann noch besser werden. Wenn wir alle jeden Tag ein bisschen schlauer werden. Und ich glaube, wir können das.