Matthias Horx  Trend- und Zukunftsforscher

Das Zukunfts-Geheimnis

Ein Essay über die Kunst der Prognose, die Wissenschaft der Zukunftsforschung und die Spiritualität der Futurologie

Der „Future Hype”

Wer sich ernsthaft mit der Zukunft beschäftigt, der stößt schnell auf einen Wust von vertrackten Paradoxien. Einerseits ist ZUKUNFT wohl das inflationärste Seven-Letter-Word der Gegenwart. Kein Firmenprospekt, keine Politikerrede, keine Hochzeitsansprache ohne Elegien an die Zukunft. Ganze Branchen, von den Astrologen und Analysten bis zu den Zuhältern und Zahnärzten, leben von der Zukunft. Verwunderlich ist das kaum. Die Zukunft „produziert” ja auf vielfältige Weise unsere Gegenwart.

Aufgrund von bewussten oder instinktiven Zukunfts-Prognosen wählen wir unsere Partner, bauen wir Häuser, schließen wir Lebensversicherungen ab. Unser Hirn, in Millionen von Jahren von der Natur zum Überleben designt, ist in einem ständigen Prognoseprozess befindlich. Wir sind, ohne Zweifel, Erwar-tungswesen; der Zukunft zugewandt.

Auf der anderen Seite löst der Begriff der Zukunft nicht selten einen apallischen Effekt aus; eine merkwürdige Abwehr, Schlampigkeit, Wurstigkeit, bisweilen auch Zynismus. Selbst die rationalsten Geister weichen plötzlich in Horoskopwitze aus. Was soll man dazu sagen? Was wissen wir schon? Alles kann so kommen, aber auch ganz anders - also was solls?

Nachdem sie soeben selbst eine flammende, analytische, optimistische Zukunfts-Rede gehalten haben, sitzen gestandene Manager dann neben mir am Tisch:
Also ICH möchte in 50 Jahren NICHT leben! Schauen Sie mal auf die Umwelt. Den Islam. Die Chinesen. Die Werte.
Aber haben Sie keine Kinder? Enkel?
Eine wegwerfende Handbewegung. Dochdoch. Aber die müssen allein zurechtkommen.
Aber Sie sind doch Unternehmer! Sie beschäftigen sich doch ständig mit der Zukunft. Sie LEBEN ja davon!
Erstauntes ironisches Lächeln.

Psychologische Tests beweisen: Unser „Zukunftsradius”, also jene Zeitspanne, in der Aussagen über die Zukunft tatsächlich unser Verhalten beeinflussen, liegt bei etwa neun Monaten. Wir gehen „mit der Zukunft schwanger” – um sie dann bei ihrer Geburt gnadenlos sitzen zu lassen. Für diesen „Zukunfts-Autismus” lassen sich zahllose Belege finden: Wir wissen, dass Rauchen unser Leben verkürzt. Wir bewegen uns wenig, hauen uns die Wampe voll und klagen über die Amis, die Umweltsünder. Wir Verhalten uns in vielerlei Hinsicht genau so, als gäbe es eben KEIN Morgen.

Einerseits ist Zukunft also etwas unerhört Begehrliches; eine Sensation, ein Skandal, eine geldwerte Leistung. Anderseits ist sie eine commodity, die zum Schleuderpreis vergeben wird. Zukunft ist ein Aphrodisiakum und ein schwarzes Loch zugleich, Papp-Kulisse und kultiger Beschwörungsraum; ein hallender Saal, in dem wir vor allem unsere eigenen Schritte hören.

Gefangene der Gegenwart

Eine mögliche Erklärung für diese seltsame Oszillation könnte darin bestehen, dass wir in unserem soziobiologischen Wesen eine Art Kurzschluss eingebaut ist. Hier und HEUTE, nicht übermorgen, entscheidet sich, ob wir als Individuen, Gruppe, Clan, überleben, ob unsere Aufgabe als „Gen-Carrier” sich erfüllt. Im Rahmen menschlicher Kommunikation ist die Zukunfts-Erzählung so etwas wie die Pfauenschleppe in der Evolution: Mit bewussten oder unbewussten Aussagen über die Zukunft machen sich Männer und Frauen gegenseitig betörende Versprechen (zum Beispiel in Form des Ehevertrags), um sich jetzt erfolgreich paaren zu können. Mit Visionen, Zukunftsplänen und anderem Gedöns versuchen sich Firmen, Berater, Politiker bei ihnen Kunden, Mitarbeitern, Wählern Punktevorteile zu verschaffen. Wie heißt das so schön in der Lufthansa-Werbung? Alles für diesen Moment!

In diesem Kontext kann der Zukunftsforscher keine Gnade erwarten:
Er ist Teil eines Systems, in dem Menschen gelernt haben, dass „Stories” über die Zukunft immer einen opportunistischen Zweck verfolgen. Auf jeder Bühne, jedem Podium, das ich betrete, in jedem Seminarraum, steht in unsichtbaren Lettern geschrieben: Sag es wie es wird, aber sag es in unserem Interesse! (Schließlich zahlen wir dein Honorar).

In einer zweiten, kognitiv-neuronalen Betrachtungsweise, wird das Problem noch größer. Unser Hirn, dieser übergroße Quantencomputer, prozessiert unentwegt das Universum um uns herum. Gewaltige biochemische Datenmengen fließen durch Kortex und Neocortex, Hippocampus und Amygdala in die diversen Zwischen- Unter- Hinter-Speicher unseres Bewusstseins. Wir ertrinken kognitiv in Gefühlen und Komplexität, und dadurch wird Zukunft schon allein aus Kapazitätsgründen ausgeblendet. Unser überfordertes Hirn weiß: The Future never comes. Denn wenn sie erscheint, ist sie schon in Gegenwart umgeformt. Und deshalb erleben wir sie nie. Why bother?

Auf einer dritten, gleichsam existentiellen Ebene, bedeutet uns Zukunft eine narzisstische Kränkung. Als empfindliche, alternde Wesen erinnert sie uns immer daran, dass wir alt werden und sterben. Sie ist das Reich, in dem unsere Kräfte versagen und wir unsere Chancen verpasst haben. Welch ungeheure Äonen von Zeit ohne uns stattfinden werden! Ist Zukunft – und der Zukunftsbegriff – deshalb ein schlichtes Privileg der Jugend, der Naivität, jener Phase im Leben, die noch reale Zukunft, nämlich Lebenszeit, vor sich hat?

Zukunfts-Kulturen

Die Art und Weise, wie wir uns der Zukunft nähern, ist zweifelsohne kulturell bedingt. Im Hinduismus und Buddhismus verläuft die Zeit zyklisch, und deshalb besteht Zukunft immer in Wiederholung – das Rad ist das Symbol für den Gang der Dinge. Amerikanische Zukunft ist aus dem Material der Migration, des Aufbruchs, des „Go West” gemacht, sie symbolisiert sich in der Rakete, im Geschoss, im Boliden, in der „Sexbombe”, im demonstrativen Verbrauch von Material und Landschaft. Bei manchen Südsee-Ethnien hingegen befindet sich die Zukunft in der Vergangenheit; man bewegt sich rückwärts durch die Zeit, ist unentwegt zu den Vorfahren hin unterwegs.

Oona Strathern, meine Frau und Geliebte, hat die Entwicklung des Zukunftsbegriffes in ihrem Buch „A Short History of the Future” (1) (Deutsch: Die Visionäre) beschrieben. Von den Stammeskulturen über die Antike, vom Mittelalter bis zur Moderne, hat sich der Zukunftsbegriff ständig gewandelt. Erst die Moderne hat „Zukunft” als einen von der Gegenwart und Vergangenheit deutlich unterschiedenen Möglich-keitsraum in unserm kognitiven Kosmos verankert.

Das vielleicht deutlichste kulturelle Differenzierungselement in Sachen Zukunft findet sich im Geschlechterverhältnis. Gibt es eine männliche und eine weibliche Zukunft? Das scheint irgendwie absurd – wie soll Zukunft geschlechtlich teilbar sein? Und dennoch unterscheiden sich Männer und Frauen stark in ihren primären Zukunftswahrnehmungen.

Männliche Zukunft ist schnell, glatt und linear. Sie hat einen Metallic-Look und riecht nach Öl und Maschinen. In ihren Korridoren summt es, und Laserblitze zucken hin und her, als Zeichen von aggressiver Energie, die sich entladen muss. Männliche Zukunft handelt von der Eroberung anderer, unbekannter, faszinierender Welten. Von Visionen, Abenteuern und Überschreitungen. Von Kontrolle, und wenn man genau hinsieht: Macht.

Weibliche Zukunft ist hingegen warm, sympathisch und irgendwie netter. Sie ist besser reflektierte und gesicherte Gegenwart, und sie hat ein Design, das man gerne anfasst; sie ist ästhetisch. Die Risiken des Lebens sind reduziert, seine Angelegenheiten vernünftiger geregelt; vor allem machen Männer nicht mehr so einen geldverschwenderischen Blödsinn wie „ins All aufbrechen” oder „sinnlos herumrasen”. Vereinfacht gesagt können wir den männlichen und weiblichen Zukunftsbegriff auf die Begriffe Sorge und Überwindung reduzieren. Männer überwanden in der tribalen Gesellschaft große Distanzen zur Jagd, mussten Naturkräfte und Jagdtechniken beherrschen lernen, während Frauen trotz aller Ausnahmen eher sammlerische und hegende Funktionen übernahmen. Daraus entwickelten sich im Laufe der jahrhunderttausendelangen Geschichte Präferenzen, die sich in Zukunftsbildern niederschlagen.

Es ist unsinnig, beide Zukunftsentwürfe gegeneinander auszuspielen, denn beides gehört zum unveräußerlichen Humanum. Auf der Brücke des Raumschiff Enterprise kann man live beobachten, wie sich beide Strategien sehr erfolgreich kombinieren lassen – wobei Androiden, also Nicht-Menschen, gerne weibliche Rollen und Frauen knallhart männliche Rollen übernehmen. Gute Führung ist, wie man an Kommandant Picard sehen kann, immer androgyn. Der Testestoron-geflutete Klingone hindessen versenkt sein Raumschiff regelmäßig in der nächsten Planetenatmosphäre; er kann nicht anders.

Mit der zunehmenden Androgynisierung der Gesellschaft, aber auch mit der kulturellen Globalisierung und Ökologisierung, nähern sich die Pole der Zukunftsbilder aneinander an. Zukunft verliert zunehmend ihre technische Linerarität, die sie in der Blütezeit des männlichen Industrialismus hatte (aus dieser Zeit stammen alle unsere Zukunfts-Klischees), ebenso wie ihre Monokulturalität, die sie allein auf das westliche Welt-Modell bezog. Die alten Haudegen des Übermorgen gehen in Rente. Die Frauen haben nun mitzureden, welche Zukunfts-Rakete gebaut wird – oder ob man das Geld nicht lieber für andere Zwecke verwendet. Habenichtse klagen die Ungleichzeitigkeiten ein, die es auf dem Blauen Planeten gibt. Vergangenheiten diverser Art – tribale, bäuerliche, industrielle – melden sich zu Wort und fordern AUCH ein Stück der Zukunft, die für sie doch nur graduell, schrittweise, rudimentär sein kann, auf keinen fall aber blauglänzend und spektakulär, so wie wir Zukunft eigentlich lieben....

Zukunft wird viel, viel anstrengender als früher. Komplizierter. Und irgendwie auch langweiliger.

Sind Prognosen unmöglich?

Unter Zukunftsforschern ist es Mode geworden, den Ball möglichst flach zu halten. Nein, sagen Sie auf Kongressen und Konferenzen, wenn ihnen die „vielen Irrtümer vergangener Prognosen” um die Ohren gehauen werden, sie WÜRDEN ja eigentlich keine Prognosen machen! Gott bewahre! Allenfalls Szenarien lasen sich erstellen, Wahrscheinlichkeiten. Wie die Zukunft wird, kann kein vernünftiger Mensch wissen – lassen Sie uns darüber reden!!

Ich halte das, um es mit dem Titel eines kleinen Bestseller-Büchleins zu bezeichnen, für Bullshit. Wer so argumentiert, dem sollte das Zukunftsforscher-Zertifikat aberkannt werden (dass es gottlob nicht gibt). UNTERHALB des Rasens kann man keinen Ball ins Tor befördern!

Wer sich dem Zukunfts-Gewerbe zuwendet, muss Prognosen machen – wofür wird er sonst bezahlt? Szenarien sind gut und schön, aber meistens schwammig, beliebig, teuer und kaum zu gebrauchen. An Prognosen erweist sich, was einer draufhat. Und an Prognosen zeigt sich die zweite Schicht des Paradoxialen unseres Berufsstandes.

Noch einmal von vorne gefragt: Kann man die Zukunft voraussagen? Entgegen den unendlich kolportierten Fehl-Prognosen im Stil von „Es wird einen Weltmarkt für 4 Computer geben”, die billige Lacher auf jeder Konferenz erzeugen: Man kann. Hier nur einige Beispiele:

  • In seinem Buch "The Next 100 Years – Then and Now" (Die nächsten 100 Jahre - Damals und Heute, Xlibris-Verlag 2002) hat der amerikanische Publizist Robert Cartmill den Versuch unternommen, die Qualität von Langfrist-Prognosen wissenschaftlich zu evaluieren. Cartmill verglich 495 Voraussagen von 79 verschiedenen Prognostikern, die um das Jahr 1900 herum Voraussagen für das Jahr 2000 trafen. Das Ergebnis fällt für die Zunft der Zukunftsforscher nicht triumphal, aber auch nicht negativ aus. Am besten schnitt ein gewisser John E. Watkins ab, ein Museums-Kurator, der seine Prognosen im Ladies Home Journal veröffentlichte. Watkins sah präzise die moderne Kriegsführung voraus, beschrieb Fernsehen und Fax, das Handy, die dominante Entwicklung des Automobils, die genaue Form der Ernährung – Konservieren, Tieffrieren, Convenience-Food. Entscheidend war, dass seine Recherche-Methode (er schrieb Zukunfts-Briefe an befreundete Experten) „vernetzt” war, und er Prognosen als Bedarfsanalyse betrieb, nicht als technische Machbarkeits-Analyse.
  • Friedrich Engels sah den Ausbruch des 1. Weltkrieges und Zweifronten-Grabenkrieg mit anschließender Russischer Revolution voraus. H.G. Wells den Zweiten Weltkrieg, allerdings mit einem anderen Anfangsverlauf. Hermann Hesse war schon 1920 davon überzeugt, dass ein Ausbruch bevorstand: „In Germany... the spiritual mood has something anarchical but also religious and fanatical; it’s a mood of apocalypse and of a future thousand Year Reich.” (1920 in einem Brief an einen Freund).
  • Sozialer Wandel – Alterung
    H.G.Wells antizipierte in seinem Buch „The Shape of Things to Come” (1933) exakt den demographischen Wandel, er schilderte auch die kulturellen MENTALITÄTSVERÄNDERUNG, die durch diese Entwicklung entstehen würden:
    „Stellen wir uns einen jungen Mann in Shakespeares Zeit vor. Wenn er nicht jung starb, alterte er schnell. Im Alter von 40 wäre er schwer, alt und pompös. Heute (also in der Zukunft) aber endet das Leben nicht mit dem ersten Versuch. Die Jahre zwischen vierzig und siebzig, früher eher eine Schutthalde der Konsequenzen der ersten Dekaden, bilden nun die Jahre der Arbeit des Ausdrucks und der wirklichen Selbstentdeckung. Es gab eine Zeit, in der über 40jährige sich wie Überlebende fühlten; sie „hielten durch”, sie „blieben dabei”, und spätestens mit 50 erreichte man den Zustand dumpfer Anschauungen und körperlichen Zerfalls. Aber nun, wo wir uns in unseren gewichtigeren Jahren befinden, während unsere Körper und Ansichten unbeschädigt bleiben, stehen wir nicht mehr im Wege jugendlicher Zumutungen und juveniler Penetranz.”
  • Das Internet
    In „Die Welt in 100 Jahren” aus dem Jahre 1912 wurde die Welt der „Ortlosen Kommunikation” genau geschildert:
    Die Bürger der drahtlosen Zeit werden überall mit ihrem „Empfänger” herumgehen, der irgendwo, im Hut oder anderswo angebracht, auf eine der Myriaden von Vibrationen eingestellt sein wird. Der Empfänger wird trotz seiner Kompliziertheit ein Wunder der Kleinmechanik sein. Konzerte und Direktiven, ja alle Kunstgenüsse und das Wissen der Erde werden drahtlos übertragen sein. Monarchen, Kanzler, Diplomaten, Bankiers, Beamte und Direktoren werden ihre Geschäfte erledigen und ihre Unterschriften geben können, wo immer sie sind, sie werden eine legale Versammlung abhalten, wenn der Eine auf der Spitze des Himalaya, der andere an einem Badeorte ist. (2)
  • Der Fall der Mauer
    Viele russische Dissidenten prognostizierten den Zusammenbruch der Sowjetunion schon frühzeitig. Andrej Amalrik (+1980) schrieb in einem Essay 1974: „Das sowjetische Imperium wird im Jahr 1990 Geschichte sein.” Auch der Publizist Emanuel Todd schrieb bereits 1974 ein Werk, in dem er den Kollaps der SU „in zwanzig Jahren” annahm.
  • 11. September
    Die Ereignisse des 11. September wurden in mehreren Filmen recht genau „vorausgefilmt”. Der US-Autor DeLillo schrieb im Roman "Weißes Rauschen" von 1984, wie Mitglieder eines Flugzeugabsturz-Kults einen Jumbo-Jet entführen und ihn in einem Akt blinder Hingabe über dem Weißen Haus zum Absturz bringen." Ein Think-Tank für die US-Regierung um Peter Schwarz 1999 sagte fast auf den Punkt genau die Art und Weise voraus, mit der sich die terroristischen Aktivitäten im 21. Jahrhundert entfalten würden:
    The nature of terrorism is changing – the United States will be victim of high technology attacks on their own territory in the next five years! (3)
  • Der Zusammenbruch des Neuen Marktes
    Der amerikanische Wirtschaftsjournalist Michael J. Mandel brachte 1999 das Buch „The Coming Internet Depression” auf den Markt, in dem er die Ereignisse in der Finanzwelt der Jahre 2001-2005 präzise voraussagte.

Während technologische Fortschritte fast alle präzise prognostiziert wurden, oft sogar mit verlässlichen Zeitangaben, hatten die Prognostiker der Vergangenheit mit SOZIALEN Veränderungen eher ihre Schwierigkeiten. Aber auch hier gibt es Ausnahmen. Etwa die Aussagen des Junius Henry Browne, eines Kaufmanns aus Chikago, der im Jahre 1893 eine 100-Jahres-Sozial-Prognose wagte:
Die sozialen und politischen Umstände des Jahres 1993 werden meiner Meinung nach durch deutliche Verbesserungen der heutigen Verhältnisse gekennzeichnet sein... Das Leben wird mehr und mehr zur Humanität tendieren, zur Freiheit und Unabhängigkeit des Individuums. Sozialismus, der immer noch in der Luft liegen wird, wird in einer modifizierten und rationalisierten Form Anerkennung finden. Es wird mehr Gleichheit, Bildung und Glück existieren als in unserem ausgehenden Jahrhundert.

Diese Prognose, vor mehr als 100 Jahren getroffen, ist von einer geradezu gespenstischen Genauigkeit, was unsere heutigen Gesellschaftstrukturen in der westlichen Welt betrifft. Gleichzeitig führt sie uns mitten ins Herz des 1. Prognose-Paradoxes:

  1. Theorem:
    Richtige Prognosen sind meistens todsterbens-langweilig – und werden deshalb nicht wahrgenommen!
    Halten wir also fest: Man kann die Zukunft qualifiziert vorausahnen, wenn man die richtigen Instrumente hat. Dazu gehört ein mentaler Universalismus, systemisches Denken, evolutionärer Verstand, ein multiperspektivischer MINDSET (alle erfolgreichen Prognostiker waren KEINE Spezialisten).
    Das Problem ist nur:
  2. Theorem:
    Keine Sau interessiert sich für die WIRKLICHE Zukunft!
    Es ist das mediale System, und eng mit ihm verwoben, das kollektive Wahrnehmungssystem, das die Prognosen auf dem Markt der Meinungen gnadenlos selektiert. Wahrgenommen werden immer nur die schrillen, linearen, katastrophischen Prognosen, die einen Angst-Reiz auslösen. Oder die skurrilen, lustigen, überzogenen, letztendes dämlichen Zukunftsbilder. Was uns, wenn wir das auf den Berufsstand des Zukunftsforschers reflektieren, zu folgendem deprimierenden Schluss bringt:
  3. Theorem:
    Wenn man als Prognostiker Erfolg haben will, muss man lügen oder zumindest poetischen Unsinn erzählen!

Die vier Archetypen der Zukunft

Durchforstet man ALLE utopische Literatur, alle Visionen, Prophezeihungen, Scifis, Utopieromane, Elegien und Elaborate, Hommagen und Horrorgemälde der Zukunfts-Geschichte, findet man immer und ausschließlich folgende vier Archetypen oder „Skripte” der (langfristigen) Zukunft:

  • Mad Max
    In einer wüstenhaften Zukunft – die Klimakatastophe hat längst stattgefunden – rasend halb irre gewordene Männer auf verschrotteten, aufgebohrten Motorrädern um die Wette und ballern sich gegenseitig nieder. Bizarre Sekten, die von burschikos-heldenhaften Frauen geführt werden, kämpfen mit Maschinengewehren um die letzten Ölvorräte in verrosteten Fässern, um ihre halbverhungerten Kinder durchzubringen... Dieses Szenario basiert auf der klassischen linearen Annahme der FINALEN KNAPPHEIT DER RESSOURCEN, kombiniert mit jenem pessimistischen Anthropologismus, der besonders in der deutschen Zukunfts-Rezeption dominant ist: „Der Mensch” ist kraft seines Wesens grundsätzlich unverantwortlich, gierig und dumm, er „beutet die Natur aus”. Früher oder später wird er sich wieder in jenes rohe, gewalttätige Affentier verwandeln, dass er ja „eigentlich immer war”.
  • McWorld
    An den Eingängen der großen Stadt tanzen die hyperoperierten Nutten. Gigantische Billboards blinken über den Köpfen einer frenetischen, vergnügungssüchtigen Masse, die nur Fressen, Vergnügen und Sex im Kopf hat. Alles ist käuflich, alles ist korrupt. Oben, in den Spitzen der Wolkenkratzer, über dem giftigen Nebel, in dem die marginalisierte Unterklasse vegetiert, zählen die Bosse der Welt das Geld....
    Auch diese Zukunftsvision ist so alt wie die Menschheit selbst. Die Hure Babylons, die Breughelschen Visionen von Hölle und Völlerei, die Geißelung der Sünder, die Dekadenz – in allen menschlichen Kulturen spielt die Angst vor dem Exzess und die Furcht vor den entfesselten Kräften der Ökonomie eine große Rolle. Das dahinter liegende Muster birgt eine implizite Straf-Phantasie, die auch im Nukleus vieler Religionen wirkt: Wer Spaß hat, wer Geld verdient, wer den Zwängen von Moral und Norm entkommt, verlässt den menschlichen Kultur-Konsens und fällt in die Verdammung.
  • Die Matrix / Big Brother
    Die große Maschine weiß alles, kontrolliert alles, bestimmt alles. Nicht nur das: Sie hat sich den Menschen einverleibt. Die Menschen leben als Simulation in einem maschinellen Uterus, ihr Leben besteht aus Träumen, Maschinenträumen, ihre Identität ist eine avatarische Illusion, eine intendierte Simulation, nur geschaffen, die kalten Maschinen zu füttern. Aber es naht ein Held, ein Rebell, ein Aufständischer, ein Erlöser.
    Auch dieser Erzählstrang lässt sich auf Archetypen der menschlichen Geschichte übersetzen. Er rekuriert auf die Traumzeit, auf die in der menschlichen Geschichte schon früh angestellte Vermutung eines zweiten, übergeordneten In-stanz, eines Wesens, das uns in sich birgt, uns aber unterjocht, und das uns aber auch gleichzeitig die existentielle Mühsam des Seins ab-nimmt. Eine Geborgenheits-Phantasie, rekombiniert mit der Angst vor dem Identitätsverlust. Der Held steht für die Phantasie der Individuation, für den Gottesmord, aus dem Autonomie und damit letztendes die genuin menschliche Kultur entsteht.
  • Schöne Neue Welt
    Am Ufer des Flusses, umgeben von zahmen Löwen und wunderschönen Streichelgazellen, lagert eine Gruppe von wunderschönen Menschen. Sanfte Musik erklingt, sphärische Klänge. Männer mit starken Muskeln und kantigen Gesichtern, Frauen mit optimierten Körpern, tauschen höfliche Worte aus, lesen philosophische Texte, essen exotische Früchte. Sie sehen alle gleich aus, bewegen sich gleich, sprechen gleich. Aber an einem Ende der Gruppe sieht man eine Abweichung, eine Veränderung, ein Gesicht, in dem sich Erkennen zeigt. Eine Abweichung, ein Ausbruch, ein Regelverstoß wird vorbereitet.
    Auch diese Phantasie (filmisch umgesetzt zum Beispiel in der „Zeitmaschine” oder in „Gattaca”) wurzelt tief in unserem anthropomorhen Erbe. Gezeigt wird eine inzestuöse Ur-Situation (oder ein Endstadium) der menschlichen Geschichte, in der die Mechanismen der Evolution außer Kraft gesetzt sind. Die Gesellschaft der Klone kann keinen Erfolg haben.

In diesen vier Mega-Träumen liegt alle Zukunft der Welt, weil sie präzise die humanen Urängste reflektieren. Die vier Visionen bilden die Ränder des anthropogenen Möglichkeitsraums, sie markieren die Eckpunkte Ressourcenknappheit, ökonomische Dekadenz, technologische Transzendenz und das Ende der biologische Evolution.

Natürlich wissen wir, dass die Zukunft so nicht aussehen wird. Zukunft, gedacht als kommende REALITÄT (nicht als Phantasie) ist immer eine Vermeidung der Extreme. Sie ist ein Mittelweg, ein Durchwursteln, ein Vermeiden. Deshalb ist reale Zukunft in gewisser Weise unsichtbar.

Das Widerlegungs-Paradox

Angenommen, die Regierung Bill Clintons hätte 1999 auf die Zukunftsforscher-Think-Tanks gehört und die Gefahr eines terroristischen Angriffs ernstgenommen. Angenommen, der CIA hätte eine saubere Szenario-Analyse vorgenommen, aus der zwangsläufig die zivile Verkehrsluftfahrt als Schwachstelle herausgekommen wäre. Angenommen, man hätte Mohammad Atta und die Seinen im JUNI 2000 auffliegen lassen. Die Geschichte hätte einen anderen Verlauf genommen.

Wir nähern uns dem dritten prognostischen Paradox: Jede Prognose tritt in dem Moment, in dem sie GEGLAUBT wird, in einen Wirklichkeitsraum ein. Wie ein Quantenpartikel, das wir messen, und das in exakt diesem Moment seine Superposition verlässt und zur REALITÄT wird, kristallisiert sich die Prognose zu einer Botschaft. Dieser Botschaft kann – und wird – widersprochen werden. Und damit wird sie irgendwann ziemlich sicher widerlegt.

Die menschliche Rasse hat von Anbeginn an Kinderspiele gespielt... Eines dieser Spiele heißt „Den Propheten Lügen strafen”. Die Mitspieler hören dabei sehr genau und ehrerbietig auf alles, was die gescheiten Männer sagen, was in der nächsten Generation geschehen soll. Die Mitspieler warten dann, bis die gescheiten Männer tot sind, begraben sie hübsch ordentlich. Dann gehen sie hin und tun das genaue Gegenteil. (4)

Was Gilbert H. Chesterton hier 1905 ironisch formulierte heißt heute neudeutsch self-fulfilling oder self-denying prophecy. Dieser Prozess kann bewusst oder unbewusst verlaufen, und er kann in verschiedene Richtungen gehen: Ich GLAUBE an eine Prognose, und deshalb handele ich BESONDERS SO, dass sie eintritt (die Motivations-Variante). Oder ich GLAUBE negativ an sie und werde alles tun, um ihr Eintreten zu verhindern.

Gegen das Kreter-Paradox („Alle Kreter lügen”, sagte ein Kreter) ist das mindestens eine Steigerung um eine Zehnerpotenz. Für die seriöse prognostische Arbeit erzeugt dies ein unauflösbares Dilemma. Es steigert die Komplexitätsanforderung ins Astronomische, denn nun muss eine Prognose auch die Reaktionen der Rezipienten rezipieren, und daraufhin die Prognose verändern oder anpassen, was wiederum die Reaktion des Rezipienten verändern würde, was...

Eine mögliche Antwort auf dieses Dilemma könnte lauten:

Wir können nur Prognosen über Systeme machen, in denen das menschliche Verhalten keine Rolle spielt!

Fragt sich nur: WELCHES System sollte OHNE Menschen (ohne Affekte, Emotionen, Interessen etc.) funktionieren? Zwar sind mechanische Systeme (wie etwa Planetensysteme) hochgradig prognostizierbar, im Rahmen des Zukunfts-Kognitionsproblems aber eher weniger relevant.

Die Entwicklung der modernen Kognitions- und Systemwissenschaften geben uns jedoch einige Möglichkeiten in die Hand, das prognostische Paradox zumindest zu „zähmen”. Wenn wir SYSTEMISCH denken, dann sind menschliche Systeme in einem weitaus höheren Masse objektivierbar als früher. Der „subjektive” Faktor wird bei einer Steigerung der kognitiven Komplexität „geoutet” und „hineingerechnet”. Das beste Beispiel für diesen Effekt ist der Erfolg der Evolutionären Psychologie, die uns zahlreiche menschliche „Irrationalitäten” heute mit den evolutionären Konstanten der menschlichen Existenz erklären kann.

Mission Impossible

Wenn jede Rezeption in die Irre führt, wenn jede Prognose in tausend Wahrnehmungs-Fraktale zersplittert, wenn Zukunft ein einziger funktionalisierbarer HYPE zu sein scheint – ist dann jeder Ansatz einer Zukunftswissenschaft nicht eine mission impossible? Welche Aufgabe kann inmitten all dieser Paradoxien überhaupt noch eine Disziplin wie die Zukunftsforschung haben?

In der Tat fungiert der Zukunftsforscher in vielerlei Hinsicht als ERSATZ. Er wird geladen, wenn sich die Politiker verabschiedet haben, wenn die Bälle und Empfänge, in denen das Vergangene zelebriert wird, einen Kick brauchen. Mit spitzen Fingern angekündigt, soll er dann alle Rollen gleichzeitig erfüllen – Prophet, Visionär, Leuchturm, Leitbild, Propagandist, Laudator. So richtig glauben, was er sagt, tut man nicht, aber darum geht es ja auch gar nicht. Es spricht also alles dafür, dass der Beruf, den ich selbst bei wachem Verstand gewählt habe, in seinem Kern eine bizarre Tragikomik aufweist.

Man ist vergleichbar mit dem dummen August im Zirkus, oder den traurigen Tigern, die durch Feuerreifen springen müssen. Legt dies nicht auch fatale Rückschlüsse auf den Charakter des Zukunftsforschers nahe? Kann diese prekäre Rolle nicht am Besten – oder gar ausschließlich – von ”Pseudologen” eingenommen werden, von narzistisch gestörten Selbstmach-Propheten vom Schlage eine Ron Hubbard oder Karl May? (5)

Die evlutionäre Aufgabe der Zukunftsforschung

Ich glaube dennoch, dass es einen Ethos, eine metaphysische Aufgabe der Zukunftsforschung gibt, die sich den Paradoxien entzieht. Es geht um die Evolution unseres Bewusstseins.

Von den ersten Materieballungen über die Entstehung von Sternen und Galaxien bis zur Formung des biologischen Lebens auf unserem Planeten entwickelt sich ständiges MEHR an Differenzierung. Aus Einzellern wurden Fische, aus Fischen wurden Lurche, die Beine, Augen, Hirne entwickelten. Bewusstsein und Intelligenz sind das vorläufige Ergebnis dieses gewaltigen Sturzbaches der Komplexität. Unser Hirn, das womöglich komplexeste Gebilde im Universum, ist das vorläufige Resultat dieser Entwicklung.

Aber Komplexität ist eine empfindliche Sache. Sie ist ständig bedroht, fragil; ihre Zukunft ist offen. Wir wissen nicht, ob sie überlebt. Über die gewaltige Schönheit des Bewusstseins kann, im wahrsten Sinne des Wortes, Gras wachsen.

Seth Lloyd, Autor von „Programming the Universe”, sprich von „effektiver Komplexität”, die alleine in der Lage ist, zu überdauern. Komplexität kann heißen: Kompliziertheit, Nicht-Angepasstheit, Schwäche, Verwirrung, und schließlich Ausrottung. Gerade komplexe Organismen brauchen eine bestimmte Art der Robustheit. Ihre „Future Fitness” besteht in ihrer Fähigkeit, innere Modelle zu entwickeln und zu modifizieren, die die äußere Komplexität – und deren Wandel – realistisch abbilden können. Der Geist muss die Welt verstehen, um weiter evolutionieren zu können. Er muss Zukunft prozessieren.

Der Zukunftsforscher ist ein EVOLUTIONIST DES GEISTES. Um diesen Job ausfüllen zu können, muss er die diversen „Monkey Traps” des Gewerbes vermeiden. Er muss den Opportunismus vermeiden, der von ihm wohlfeile Plattitüden verlangt. Er muss die Bequemlichkeiten vermeiden, die mit dem medialen Hype von Apokalypsen verbunden ist – am besten bezahlt und bewundert sind stets Untergangs-Geschichten von der billigen Sorte. Er muss das Blahblah umgehen, mit dem jeder Kunde seine Eitelkeiten gestreichelt haben möchte.

Zukunftsarbeit kann nur dann gelingen, wenn in ihrem Kern eine Provokation wirkt. Sie ist eine Störung des linearen Wahrnehmungsmusters des Betrachters, eine Spiegelung und Irritation vorgefertigter Erwartungsmuster. Während wir Zukunftsarbeit leisten, entsteht Wachstumsschmerz, Katharsis, Zweifel. Nur dann ist der Prozess wertvoll und authentisch.

Wir können die Zukunft nicht in allen Details voraussehen, aber wir können unsere Organisationen, Denkweisen, Systeme „evolutionstauglicher” gestalten!

Gnothi seauton, Erkenne Dich selbst! – so stand es über dem Tor des Orakels von Delphi, vor zweieinhalbtausend Jahren. Der zweite Wahlspruch des Orakels lautete: meden agan, Nichts im Exzess. Beide Sentenzen hängen als Neonschrift im Flur unseres Institutes. Genau darum geht es. Um nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Aber wäre das nicht genug?

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  1. Oona Strathern: A Brief History of the Future – How Visionary Thinkers Changed the World and Tomorrow's Trends Are 'Made' and Marketed, Carroll and Graf, London 2007
  2. Robert Sloss: Das drahtlose Jahrhundert, aus „Die Welt in 100 Jahren”, Berlin 1910 im Buntdruck-Verlag, Nachdruck 1988 von der Olms-Presse Hildesheim/Zürich. Nur noch antiquarisch oder über das Zukunftsinstituts-Archiv
  3. Super Terrorism – Assassins, Mobsters, and Weapons of Mass Destruction, zitiert in „The Futurist”, Herbst 1999
  4. Zitiert nach Helmut Sowboda, Propheten und Prognosen, Dreomersche Verlagsanstalt 1979
  5. Siehe dazu den Artikel „Der Pseudologe als Prophet”, Wolfgang Schmidbauer, Psychologie Heute, Juni 2007, S. 42 ff


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