Zukunftsforschung - eine Definition
Trend- und Zukunftsforschung, zusammengefasst auch „Prognostische Wissenschaft” oder „Zukunftswissenschaft” genannt,
ist eine METAwissenschaft, die Elemente aus folgenden Teil-Disziplinen in sich vereint:
- Systemtheorie
- Spieltheorie
- Kognitionswissenschaften
- Anthropologie und Kulturanthropologie, Soziologie
- Semiotik und Memetik
- Probabilistik
Ziel der prognostischen Wissenschaft ist die Modellbildung.
Anhand von Prozessmodellen sollen prognostische Aussagen gemacht werden können,
die zu Erkenntnis- und Handlungs-Optionen für Wirtschaft, Marketing, Politik und Verwaltung führen.
Worin bestehen die Unterschiede zu anderen Wissenschaften?
Die Zukunftswissenschaft versteht sich als „duale” Disziplin zwischen Geistes- und Naturwissenschaften.
Einerseits ist sie der „kognitiven Triade&Rdquo; (Induktion, Deduktion, Sicherung durch Experiment) verpflichtet
(Prognosen können in dieser Hinsicht ja gerade besonders gut überprüft werden).
Andererseits muss sie sich auch auf philosophische und hermeneutische Meta-Kategorien beziehen.
Anders als die Philosophie versucht die Zukunftswissenschaft jedoch nicht so sehr das Wesen, sondern das Werden der Welt zu ergründen.
Es geht weniger um „das, was bleibt”, sondern um das, was sich verändert.
Worin besteht der Unterschied zwischen Trendforschung und Zukunftsforschung?
Beide Ansätze bedingen und durchdringen einander.
In der Trendforschung geht es jedoch primär um das Identifizieren und Dokumentieren von Wandlungskräften in den einzelnen Bereichen (Ökonomie, Kultur, Konsum, Technik etc.).
Dieser Ansatz kann bis in sehr kleine Branchen oder Sektoren verfolgt werden, etwa in Mode- oder Stiltrends.
In der Zukunftsforschung geht es hingegen um die mittel- und langfristigen Auswirkungen dieser Kräfte in einem größeren, ganzheitlichen Rahmen.
Trendforschung neigt eher zum „Partikularen”, während Zukunftsforschung immer eine Tendenz zum Interdisziplinären aufweist.
Welche Methodik ist die Basis der prognostischen Wissenschaft?
Ähnlich wie in den meisten Geisteswissenschaften hat sich keine einheitliche Standard-Methode durchgesetzt –
dies ist angesichts der Komplexität der Materie und der kognitiven Ansätze allerdings auch kaum möglich.
Als „Tools“ gelten Kontextanalyse, Szenario-Technik, Extrapolations-Analyse und „Wild Cards“.
Die Qualität dieser Methoden hängt einerseits stark von der Breite des verwendeten Datenmaterials ab,
andererseits von der kognitiven Fähigkeit des Prognostikers selbst.
Deshalb ist die Prognostik immer eine sehr stark PERSONALISIERTE Disziplin gewesen – mit hoher „Gurugefahr”.
Welche Traditionen hat die Zukunftswissenschaft?
Die heutige Trend- und Zukunftsforschung geht vor Allem auf Ansätze aus den 60er Jahren zurück,
als in den westlichen Ländern, aber auch den sozialistischen Staaten, viele Futurologie-Institute entstanden,
meist unter staatliche Ägide wie die „Rand Corporation” in den USA (Ossip K. Flechtheim erfand 1960 den Begriff „Futurologie”).
In den letzten Jahren haben sich an einigen Universitäten (Finnland, Budapest, Südafrika, Houston/Texas, Zeppelin-Universität in Friedrichshafen)
eigene Studiengänge oder Lehrbereiche entwickelt.
Details zur älteren und jüngeren Geschichte der Zukunftsforschung siehe: Oona Strathern, A Short History of The Future, Carroll&Graf, London 2007.
Gibt es in der Trendforschung verschiedene „Schulen“?
Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen einem eher operativen und einem eher kognitiven Ansatz.
In der akademisch geprägten Trend- und Zukunftsforschung beschäftigt man sich eher mit Erkenntnisgewinn und Analyse,
während es in den operativen Bereichen vor allem um die Frage geht, wie Trend-Erkenntnisse für Innovations- und Strategieprozesse nutzbar werden können.
- Statistisch orientierte Zukunftsforschung
In diesem Sektor finden wir Traditionsinstitute wie PROGNOS, die Elemente der Meinungs- und Marktforschung mit ökonomischen Analysen und klassischer Statistik kombinieren.
Kunden sind vor allem große Unternehmen und die Politik.
- Marketing-orientierte Trendforschung oder auch Konsum-Trendforschung
Hier geht es vor Allem um „operative Begriffsbildung“ im Bereich des Alltagskonsums, um Stil- Produkt- und Konsumententrends.
- Management-orientierte Trend- und Zukunftsforschung
Ein weiterer Zweig beschäftigt sich vor allem mit Bewusstseins- und Organisationsprozessen in Firmen und der Veränderung durch systemische Ansätze.
Die wichtigste Literatur
- Oona Strathern, A Brief History of the Future, How visionary Thinkers changed the world and tomorrow´s trends are made and marketed, Robinson, London 2006
- John Naisbitt, Mind Set!, Carl Hanser Verlag, München, 2007, Wie wir die Zukunft entschlüsseln
- John Naisbitt, The Global Paradox, Warum in einer Welt der Riesen die Kleinen Überleben werden, Econ Verlag, Düsseldorf/München, 1994
- John Naisbitt, Megatrends, Vorhersagen für morgen, Hestia Verlag, Bayreuth, 1982
- Nassim Nicholas Taleb, The Black Swan, Random House, New York, 2007, The Impact of the Highly Improbable
- Hermann Kahn, Angriff auf die Zukunft - Die 70er und 80er Jahre: So werden wir leben, Molden, 1973
- Alvin Toffler, Der Zukunftsschock, Scherz Verlag, Bern/ München/Wien, 1970
- Edward O. Wilson, Die Einheit des Wissens, Siedler, Berlin, 1998
- Peter Schwartz, Inevitable Surprises, Thinking ahead in a time of turbulence, Gotham Books, USA, 2003