Matthias Horx  Theorie der Trend- und Zukunftsforschung

Theorie der integrierten Prognostik

Interessieren Sie sich für Hintergründe, Philosophien und
vertiefte Methodik-Probleme der prognostischen
Wissenschaften?

Diese Texte sind im Rahmen meines Prognostik-Seminars
an der Zeppelin-Universität entstanden.
Sie sind "work in progress" und werden ständig
ergänzt und weitergeschrieben.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansätze der Integrierten Prognostik finden Sie hier:
Integrierte Systemische Prognostik.

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1.01  Kann man die Zukunft (überhaupt) voraussagen?

Kein Volk gibt es, mag es noch so fein und gebildet, noch so roh und unwissend sein, das nicht der Ansicht wäre, die Zukunft könne von gewissen Leuten erkannt und vorhergesagt werden.
Cicero, Von der Weissagung

Die Zukunft wird, wie die Vergangenheit auch, nie direkt erlebt. Sie ist ein psychischer konstruierter Geisteszustand. Aufgebaut auf unseren Hoffnungen, Ängsten, Erwartungen und Wünschen ist die Zukunft das notwendige Gerüst für Erfolg in Schule, Geschäftsleben, Kunst, Liebe...
Philip Zimbardo

Es gibt keine Frage, die an den Trend- und Zukunftsforscher, so häufig gestellt wird wie diese Ur-Frage, die gleichzeitig eine Abfrage seiner Existenzberechtigung ist.

Das Problem ist die verborgene Rekursion, die in der Frage selbst verborgen ist. Ohne eine Vorstellung von Zukunft ist Handeln unmöglich: Unsere Handlungen und Entscheidungen, ob auf der persönlichen Ebene oder im Politischen, gründen auf einem bewussten oder unbewussten Zukunftsbild. Selbst spontane und unbewusste Handlungen sind eingebettet in ein Netzwerk von Annahmen der Kontingenz oder des Bruchs. In unseren Hirnen ist ein komplettes Muster mit Annahmen über den Verlauf der Dinge abgelagert. In jeder Gesellschaft herrscht eine kollektive Vereinbarung über die Art und Weise, wie sich die Dinge und Verhältnisse entwickeln.

Mit anderen Worten: Jeder von uns sagt ständig die Zukunft voraus – ob er es weiß oder nicht. Die Gesellschaft ist durchdrungen mit „Prediktionen” der unterschiedlichsten Art – jeder Politiker, jedes Unternehmen, jede Familie, legitimiert sich durch sie.

„Zukunft” ist also ein mentales Muster, das in uns bereits vorherrscht. Sie ist ein mentales und gesellschaftliches Konstrukt, in das wir eingetaucht sind, ohne es vollständig bemerken zu können. Wir können nicht „ohne Zukunft” existieren. Wir sind Zukunft.

Die Frage an den Zukunftsforscher müsste deshalb ehrlicherweise lauten:

„Gibt es irgendwelche abweichenden Annahmen, Ergebnisse, Betrachtungsweisen über die Zukunft, die ich noch nicht kenne, und die mir nutzen könnten?”

Um eine halbwegs sinnvolle Antwort versuchen zu können, müssen wir zunächst einmal gegenfragen: WELCHE Zukunft ist hier gemeint? Welcher Zukunftsbegriff wird verwendet, welche Metaphorik des Kommenden? Geht es um:

  • Eine individuelle Zukunft im Sinne von „Schicksal”?
  • Eine gesellschaftliche Zukunft im Sinne von „kommenden Zuständen”?
  • Die Möglichkeit kommender „Events”, Katastrophen, Niedergänge?
  • Die Ergebnis-Voraussicht eines Teilsystems?

So gut wie immer ist in der Frage „kann man die Zukunft voraussagen” eine verborgene, skeptische Projektion des Fragestellers verbunden, die mit einer dieser Ebenen zu tun hat. Oft schwingen Ängste mit, Träume, tiefliegende Bilder, Visionen von einem Menetekel, einem befürchteten Schlimmsten.

Meistens ist die Unterstellung negatorisch: Zukunft wird als prinzipiell unvoraussagbar vorausgesetzt (außer den unbewussten Zukunftsannahmen des Fragenden). Aber darin und dahinter lauert meist eine – unterschwellige, oft nicht eingestandene – Sehnsucht nach Prophetie: Könnte es nicht eine Methode geben, die Zukunft wirklich zu KENNEN – auf magische, womöglich „übernatürliche” Weise?

Wir können zu Beginn einige Elemente von Antworten formulieren, die in den nachfolgenden Texten und Betrachtungen weiter ausgeführt werden sollen:

  • Man kann nicht die GANZE Zukunft voraussagen, in jedem ihrer Aspekte, bis zum kleinsten und feinsten Detail (das wäre in der Tat nur einem göttlichen Prinzip zugänglich). Aber man kann weitaus mehr auch über einzelne, definierte, eingegrenzte Zukünfte aussagen, als die meisten Menschen glauben – wenn man die richtigen Instrumente und Methoden einsetzt (siehe: „3.01 Prognostische Systembildung”).
  • Wir können – zum Beispiel in der Gesundheits-Prognostik – eine Menge über das Schicksal einzelner Menschen aussagen – etwa probabilistisch ihre Pathologien, Todesarten, Todeszeitpunkte bestimmen. Die Frage ist nur, ob sie dies TATSÄCHLICH wissen wollen!
    Damit ergibt sich im Kern der Prognostik ein Widerspruch zwischen „wissen können” und „wissen wollen”. Prognostische Aussagen sind Teil eines kommunikativen Nachfragesystems (siehe: „1.08 Prognosen als Kommunikationen”).
  • Menschen sagen, ohne es zu wissen, TAGTÄGLICH Zukunft voraus – das Prognostizieren ist gewissermaßen eine alltägliche Commodity. Wir setzen nicht den Fuß aus der Wohnung, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie es weitergeht. Wir gründen Familien, gehen Ausbildungen ein, machen Reisen, leben IMMER mit einer bestimmten Zukunfts-Annahme, die gleichzeitig in unsere Handlungen eingeht.
    In unserer ZUKUNFTS-MODALITÄT spiegelt sich die anthropologische Differenz des Menschen zu allen anderen Organismen; wir sind also gezwungen mit der Zukunft und unseren Annahmen über sie zu leben (siehe: „1.02 Zukunftsmaschine Mensch”).
  • In der Frage über die Zukunft schwingen zwangsläufig immer auch innere Projektionen, Wünsche, Ängste und Weltbilder mit, die in einer Art „seltsamen Schleifen” mit dem „Objekt” der Überlegung, der Zukunft, verbunden sind. Damit entsteht eine Rekursion zwischen Zukunftsbildern und Zukunfts-Wirklichkeit, die wir reflexiv bewältigen müssen (siehe: „1.06 Das erste prognostische Paradox”).
  • Die modernen prognostischen Wissenschaften haben sich als neue Quer-Disziplin zu vielen anderen Wissenschaften weiterentwickelt und können durchaus einen wichtigen Beitrag in unserem Verstehen der Welt leisten.
    Es geht um die verbindenden Muster, die alle Bereiche der Wissenschaft und der kognitiven Disziplinen durchziehen. Prognostik enttarnt sich hiermit als systemische Variante der Philosophie – siehe: „1.03 Ist Zukunftsforschung eine Wissenschaft?”).

In Zukunft stellen sich für die Zukunfts-Wissenschaft vor allem diese drei Fragen:

  • Wie kann sie sich im medialen Diskurs glaubwürdig und seriös Gehör verschaffen?
  • Wie kann sie ihre Unabhängigkeit und „Meta-Funktion” gegen Marketing-Funktionalisierung und Profanisierungstendenzen verteidigen?
  • Wie kann sie ihre Methoden besser mit den strategischen Prozessen von Unternehmen und Institutionen rückkoppeln?

Zur Lösung dieser Fragen bedarf es sowohl einer weiteren wissenschaftlich-methodischen Vertiefung, als auch neuen Institutionsbildungen, in denen sich Zukunftswissenschaften methodisch und „didaktisch” vertiefen lassen.

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