Matthias Horx  Theorie der Trend- und Zukunftsforschung

Theorie der integrierten Prognostik

Interessieren Sie sich für Hintergründe, Philosophien und
vertiefte Methodik-Probleme der prognostischen
Wissenschaften?

Diese Texte sind im Rahmen meines Prognostik-Seminars
an der Zeppelin-Universität entstanden.
Sie sind "work in progress" und werden ständig
ergänzt und weitergeschrieben.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansätze der Integrierten Prognostik finden Sie hier:
Integrierte Systemische Prognostik.

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1.09  Prognose – Vision –Prophezeiung

Semantische Unterschiede von Zukunfts-Aussagen

Zukunfts-Aussagen unterscheiden sich in ihrer kommunikativen Intention sowie in ihrer zeitlichen und probabilistischen Dimension. Die meisten der klassischen Missverständnisse im Bereich der Prognostik (und ihrer Rezeption) stammen hierbei aus VERWECHSELUNGEN zwischen den verschiedenen Stufen und Arten von Zukunfts-Aussagen.

Um Klarheit in prognostische Aussagen zu bekommen, gilt es zunächst, einen Möglichkeitsraum zu bilden. Analog zur prognostischen Systembildung werden hier Möglichkeiten und Realitäten definiert.

Nun lassen sich prognostische Aussagen leichter einordnen, sowohl in Bezug auf ihren Wahrscheinlichkeitscharakter als auch in Bezug auf ihre kommunikative Intention sortieren:

Voraussage (Forecast):
Etwas kann sein

Die Voraussage ist die einfachste Form der Prognose. Ein eingegrenztes, isolierbares bekanntes und alltägliches  System wird hier in seinem wahrscheinlichen Zukunftsverlauf dargestellt. Dabei werden die Unsicherheiten, falls vorhanden, offen mit kommuniziert und die Variabilität des Betrachtungs-Systems offenbart.

Es geht also NICHT um End­Ergebnisse, sondern um die Beschreibung des „Beobachtungstrichters” aus heutiger Sicht.

Voraussagen sind eher unverbindliche Orientierungsmuster, die sich Irrtümer zutrauen und durchaus auch narrativen Charakter haben dürfen.

Vorhersage (Prediction):
Etwas Konkretes wird sein

Ähnlich wie die Voraussage wird  hier ein bestimmter zukünftiger Zeitabschnitt fokussiert und probabilisitisch beschrieben. Allerdings kommt noch eine konkrete Ergebnis-Aussage hinzu. Man sagt also nicht:

„Das Wetter wird sich in den nächsten Tagen soundso entwickeln”,

sondern:

„Am Donnerstag wird es schneien!”.

Ein spezifisches Ereignis wird vorausgesagt und in seinen Kontexten erklärt. Zu einer sinnvollen Prognose gehört eine Ableitung, die das Ergebnis mit den Bedingungen und Entwicklungen verknüpft.

Prognose: Eine Möglichkeit wird bestimmt

Prognosen sind Voraussagen innerhalb komplexerer oder dynamischerer Systeme mit erheblichen Unsicherheiten, deren Parameter nicht vollständig bekannt sind. Im Unterschied zu Voraus- und Vorhersagen haben sie einen narrativen und differen­zierenden Charakter. Voraussagen sind meist wenig überraschend, weil sie auf einem recht einfachen (Teil-)System beruhen. Prognosen können hingegen mit Bildern und „Starken Worten” arbeiten, im Sinn von Neu-Deutungen und überraschenden Interpretationen.

Gute Prognosen haben keinen prophetischen, sondern einen reflexiven Charakter; sie zwingen uns, von einem als wahrscheinlich dargestellten und beglaubigten Ergebnis aus „zurückzudenken”. Sie beinhalten die Annahme von Bifurkationen, an denen sich alternative Ergebnisse entwickeln können. Beispiel: Der Gesundungs- oder Krankheits­verlauf eines Patienten. Prognosen repräsentieren "Plausibilitäten" statt „Probabilitäten”, sie verletzten aber keinen Erwartungs-Kontext (anders als Visionen oder Prophezeiungen).

Trendaussage: Etwas Spezifisches wird mehr

Eine Trendaussage ist die schlichte Behauptung, dass ein bestimmtes Phänomen sich vergrößert oder verkleinert. Die Qualität dieser Aussage hängt von der Beobachtungs­qualität und vom Kontextwissen ab (was wächst im Vergleich zu was? Auf welchen Daten basiert das Beobachtungssystem?).

Trendaussagen werden oft, aber nicht immer operativ getroffen, das heißt sie sind mit einer bestimmten kommunikativen Intention verbunden. Sie sollen opportunistisches Verhalten verstärken (Kaufverhalten im Kontext des Marketings), oder auch Gegen­reaktionen auslösen. In diesem Sinne können sie „Mikro-Prophezeiungen” sein.

Vision: Etwas Symbolisches kann sein

Die Vision ist ein Vorschlag für eine mögliche Kontext-Entwicklung, die gerne in Bildern dargestellt wird, die einen überraschenden, die Norm überschreitenden Charakter haben.

Die Vision kann etwas sehr Spezifisches ausdrücken, aber richtet sich im Allgemeinen nicht so sehr auf einen konkreten Event oder eine technische oder soziale Einzelheit, sondern auf eine Konfiguration, ein „Setting”, das mit assoziativen (Sehnsuchts-) Bildern ausgefüllt wird.

Eine Vision findet im weiten Möglichkeitsraum statt, sie ist eher ein Vorschlag, der die Kommunikation über Ziele und Wege möglich machen soll und den Blick öffnet. Ein Bild wird gemalt, das der Betrachtung und Beurteilung Raum geben soll. Als Variante können deterministische Visionen auch mit Schrecken und „Magie” arbeiten; dies findet aber eher im Kontext ideologischer oder religiöser Diskurs-Systeme statt.

Utopie: Etwas Anderes soll sein

Im Unterschied zur Vision ist eine Utopie deterministisch / wunschhaft geprägt, das heißt sie soll eintreten. Im Gegensatz zur Prophezeiung ist ihre Realisierung eintrittsoffen, d.h. ihr Eintreten ist nicht garantiert. Sie wird als wünschenswertes Ergebnis, als Alternative zur „genormten Zukunft” (also der mittleren Probabilität) dargestellt. Zu ihrem Eintreten müssen Anstrengungen unternommen werden, die meist auf Ratschläge oder Anweisungen der Utopie-Autoren zurückgehen.

Utopien haben meist die Intention, Menschen auf ein bestimmtes Ziel hin „auszurichten”, sie verfügen über stark sinngebenden und bisweilen auch macht-orientierten Charakter.

Prophezeiung: Etwas MUSS kommen!

Eine Prophezeiung ist ein Akt normativer Prognostik, und somit die stärkste Zukunfts­aussage. Eine Entwicklung hin zu einem meist extremen und symbolischen End-Ergebnis (Event) wird als zwangsläufig kommuniziert.

Hinter dieser Zwangsläufigkeit steckt immer eine Intention im Sinne einer Machtstrategie: Mit Prophezeiungen versucht der Akteur, seine Zuhörer zu manipulieren und zu kollektivieren. Zu Handlungen, die das prophezeite Ergebnis entweder widerlegen oder herbeiführen.

Der "Prophet" arbeitet grundsätzlich mit "Starken Bildern", mit Über­raschungen, starken Gefühlen und überhöhten Emotionen. Sein Interesse ist die Selbst-Inszenierung und Macht-Deklaration einerseits, die Verhaltensänderung der Rezipienten andererseits.

Wir unterscheiden in: Erlösungsprophezeiungen (religiös oder politisch). Untergangsprophezeiungen (ökologisch, politisch, sozial, kulturell).

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