146 – Hopepunk
Ein Literatur-Genre auf der Suche nach einem neuen Zukunfts-Optimismus
Matthias Horx, September 2025
In „Death Stranding 2“, einem Kult-Videospiel unserer Tage, ist die Welt zerstört. Man kennt das schon: endlose Wüsten, Wracks, die aus geronnenem Schlamm ragen; ab und zu melancholische Überreste der Zivilisation wie verrostete Tankstellen oder geplünderte Supermärkte oder rätselhafte Tunneleingänge, die man besser meidet. Die Zombies wohnen in den Bunkern. Ende Gelände. Ende Zivilisation.
Die Faszination dieser Bilder ist extrem. Auf eine seltsame Weise aber auch vertraut. Irgendwie beruhigend.
Endlich ist es vorbei, mit der ganzen Zivilisation.
Haben wir das nicht immer schon vorausgeahnt?
So musste es ja kommen.
Aber das Ende ist immer auch ein Anfang.
Ein Bote ist unterwegs. Er ähnelt den Paketboten unserer Zeit, die immerzu in einen hoffnungslosen Endkampf mit der Uhrzeit verwickelt zu sein scheinen. Aber in dieser dystopischen Welt ist alles anders. Die Boten tragen seltsame magische Gegenstände in die Welt hinaus, damit das Leben, die Zukunft, wieder entstehen kann.
Es sind Botschafter der ANTI-DYSTOPIE.
Gute Science-Fiction beschäftigt sich nicht nur damit,
was Technologie tut, sondern auch damit,
für wen sie es tut und wem sie es antut.
Cory Doctorow, kanadisch-britischer Autor
Das dunkelste Dunkel
Wie also wird das Morgen? Na klar: ein finales Desaster. Alles versinkt im Chaos, das Ende der Menschheit ist unausweichlich. Wir sind zu blöd zum Überleben. Die meisten Zukunfts-Narrative, aber auch viele Computerspiele sind heute „GRIMDARK“. In der GRIMDARK-Welt wanken Gestalten durch radioaktive Wüsten, kämpfen irre Zombies und harte Kämpfer um die letzten Konservendosen und Benzinkanister. Alles ist ein einziger Rachefeldzug. Berühmter Standard: Mad Max. Dort scheint die Sonne ohne Unterlass, aber niemand kommt auf die Idee, Sonnenkollektoren zu nutzen. Untergang durch hypermännliche Blödigkeit.
Jetzt aber entwickelt sich gegen diese Düsternis eine neue Literaturgattung, eine neue songline, die sich ganz anders liest.
HOPEPUNK kombiniert den Stolz der Rebellion mit dem Amalgam der Hoffnung. HOPEPUNK verabschiedet sich von den Erlösungsphantasien der Technologie ebenso wie vom Raumschiff-Getöse im ewigen Kampf gegen die ALIENS und die andauernde Rettung der Welt vor – allem.
HOPEPUNK ist „down to earth, back to the future“. – Es geht um Gemeinschaft, um menschliche Kooperation in schwierigen Zeiten. Um die Frage, wie wir unsere Perspektive auf eine bessere Welt erneuern können, ohne in die alten Illusionen zurückzufallen, die spätestens mit der OMNIKRISE, dem Zeitenbruch unserer Tage, hinfällig geworden sind.
Es geht gewissermaßen darum, der Zukunft die Ehre zu erweisen, indem man ein wenig zurücktritt. Und vom wahren Leben erzählt. Wie es sein wird. Aber eigentlich auch schon heute ist.
Abschied von der Utopie – UND der Dystopie
Im Jahr 2017 prägte die Fantasy-Autorin Alexandra Rowland den Begriff HOPEPUNK als Alternative zu Grimdark.
Hopepunk besteht in der Konstruktion von Welten, die positiv sind, aber keine Utopien darstellen. Die hochtechnische Zivilisation as we know it ist zwar gescheitert, aber das heißt nicht, dass es keine Alternativen gäbe. Hopepunk hat viel mit Rebellion zu tun, sieht aber Rebellion nicht als Zerstörung von Ordnungen, sondern als Wiedergewinnung menschlicher Würde. Wie Rowland es ausdrückte: Punk = Aufstand gegen die Verhältnisse + Hope = „Wir verdienen eine bessere Welt. Und wir werden sie uns herstellen!“.
Hopepunk kombiniert das Raue, Existentielle, aber auch Solidarische des Punks mit der grundlegend menschlichen Eigenschaft der Hoffnung darauf, dass sich etwas zum Besseren ändern kann.
Hopepunk handelt vom WEITERMACHEN in schwierigen Situationen.
Hopepunk erzählt von menschlichen Beziehungen, in denen sich die Liebe zur Welt, zu den anderen zeigt.
Von Aufständen, die scheitern, aber trotzdem etwas bewirken.
Von Krisen, Katastrophen, die wir überleben und mit denen wir wachsen.
Katastrophen zeigen ein „Reales“ des Menschen, seines Wesens, seiner Zivilisation, seines Sozialen. So leuchten Desaster Spielarten des Sozialen unter verschärften Bedingungen aus, von der gegenseitigen Hilfe oder Selbstaufopferung bis zum rücksichtslosen Überlebenswillen. Die Katastrophe TESTET den Menschen, seine Stärke und Belastbarkeit, die Haltbarkeit seiner Bindungen.
Die Apokalypse-Forscherin Eva Horn
Hope is a verb
Carlyle Foster-Kraye beugte sich zu mir. „Nur weil einiges von dem, was die Erde in diese Krise geführt hat, unsere Schuld ist, Ihre, meine, heißt das nicht, dass wir nicht trotzdem wirklich Gutes tun können. Wir sind immer noch hier. Am Leben. Wir haben die Fähigkeit zu handeln, zu wählen und etwas zu erreichen. Das ist real. Auch wenn unser Fortschritt durch vergangene Fehler in den Schatten gestellt scheint, heben sie die guten Dinge, die wir jetzt tun, nicht auf, bilden keine unüberwindbare Grube, aus der wir wieder herausklettern müssen, um bei Null anzufangen. Wir können Gutes tun, und unsere Vergangenheit nimmt uns diese Möglichkeit nicht. Nicht solange wir noch leben und atmen. Und es versuchen!“
Dieser Ausschnitt stammt aus dem epischen Zukunftswerk „Terra Ignota – Perhaps the Stars“ von Ada Palmer (Terra Ignota, Book 4, siehe Kolumne 142), der vielleicht profiliertesten Autorin des Hopepunk Genres. Auf der Erde ist nach vielen Jahren des Friedens wieder ein Krieg ausgebrochen, und eine Gruppe von Aktivisten, ein geistiges Netzwerk, diskutiert, was das zu bedeuten hat. Fliehen? Standhalten? Sich auf eine Seite schlagen? Welche Möglichkeiten gibt es überhaupt? Es wird weitergehen, irgendwie. Es MUSS weitergehen …
Hopepunk, oder das Nebengenre „Solarpunk“, präsentiert ein Menschen- und Gesellschaftsbild, bei dem Menschen in der Lage sind, auch RICHTIGE Entscheidungen zu treffen – und damit die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
In einem Essay über Hopepunk schreibt Palmer:
„So viele Geschichten lehren uns, dass es im Ernstfall nicht lange dauert, bis mit menschlichen Schädeln geschmückte Biker-Gangs durch die verwüsteten Straßen ziehen, und nur sehr wenige zeigen, wie sich Menschen Studien zufolge in Krisen wirklich verhalten, indem sie sich zusammentun, um Pop-up-Projekte für Vorratskammern und gegenseitige Hilfe bereitzustellen. Inmitten so vieler Geschichten über Mordspiele und gnadenlose Game of Thrones gibt es eine wirklich punkige, direkte Widersprüchlichkeit gegenüber Geschichten, in denen die Menschen in drohenden Krisen zueinander halten und Gutes tun … Punk hat eine schmuddelige Ästhetik, und Hopepunk hat das auch, indem es aus dem Müll des Schlechten etwas Besseres baut. Es drückt auch negative Emotionen aus, nicht Verzweiflung, sondern produktive Wut, aus der aber auch Freundlichkeit spricht. … Hopepunk zeigt Widerstandskraft, indem es Versagen, Rückschläge und Kompromisse nicht als heroische Fehler zeigt, sondern indem es anerkennt, dass es ein unvermeidlicher Teil des Handelns ist, Fehler zu machen.“
Ada Palmer, „Hopepunk, Optimism, Purity and the Futures of Hard Work“
Im Land Protopia
Hopepunk ist ein Genre, das gerade zur rechten Zeit kommt. Wir sind heute eingeklemmt zwischen den UTOPIEN und DYSTOPIEN, und genau das bringt die eigentliche, die machbare Zukunft zum Verschwinden. Es gibt nur noch zwei Varianten: die endgültige technologische Erlösung oder das unwiderrufliche Ende – durch High-Tech, KI und Unsterblichkeits-Techniken. Oder eben Untergang, Apokalypse, Zerstörung, Dystopie im Stil von Filmemacher Roland Emmerich. Alles zertrümmern, was irgendwie herumsteht. Notfalls auch den Mond.
Hopepunk verläuft im lebendigen Dazwischen. In der Oszillation zwischen dem zivilisatorischen Scheitern, das man heute spüren kann, das in gewisser Weise unvermeidlich erscheint. Und dem Wandel zum Besseren, das durch Menschen möglich wird, die sich selbst und dadurch die Welt verändern.
Etwas ist kaputtgegangen, aber nicht alles. Es gab eine Katastrophe, aber keinen endgültigen Untergang.
PROTOPIEN – von PROvisorisch oder PROduktiv (konstruktiv) sind Zustände, die verbessert werden können. Die nicht perfekt sind. Und auch nicht perfekt sein SOLLEN. Es geht um Stabilisierung des Lebens, Verstetigung des Wandels.
Leben ist immer ein Balancieren. Und Abgründe sind nie allzu fern.
Protopien erzählen die Welt als Fragment, in dem alles stattfinden kann, was im Großen Ganzen geschieht. Aber anders als Utopien, die uns überfordern, oder Dystopien, die uns deprimieren, bilden sie Optionen. Sie öffnen Möglichkeitsräume.
Isabella Hermann hat unter dem Titel „Zukunft ohne Angst“ (Oekom, S. 80) über das Wesen von Anti-Dystopien geschrieben:
„Antidystopisches Denken ist widersprüchlich, und genau diese Akzeptanz von Widersprüchen gehört zum Kern des Konzepts. Es geht weniger darum, eindeutigen Antworten oder klare Trennlinien zu finden, sondern ein Sowohl-als-auch einem Entweder-oder entgegenzusetzen. Es geht nicht um die eine und endgültige Logik, sondern um tausende Wege zu mehr Gerechtigkeit, Freude, Liebe, Zukunft …“
Heldendämmerung oder das Ende der Reinheit
Die klassische „optimistische“ Zukunftserzählung ist immer eine Weltrettung durch Heroismus. Endlos quälen wir uns durch Shootings und Stunts und Gefahren, in denen der Über-Held geschmiedet wird, der dann im letzten Moment das kosmische Übel ein für alle Mal beseitigt – das Raumschiff zum Absturz bringt, den entscheidenden Code findet, der das Schlimmste verhindert. Oder ein Wissenschaftler erfindet das „Riesending“, das die Krise auflöst. One man fits all. Wie das enden kann, können wir live in der Zukunfts-Schmiede von Elon Musk beobachten.
Auch in HOPEPUNK geht es um persönliche Verwandlungen, die ja ein Teil der Heldenreise sind. Aber diese Verwandlungen gehen nicht in Richtung überirdische Transformation in Richtung Superkräfte und „besondere Stunt-Fähigkeiten“. Es geht auch nicht so sehr darum, das Böse zu besiegen. Es geht darum, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Und dabei mit den eigenen inneren Widersprüchen zurechtzukommen. Dank ihnen stärker und „wahrer“ zu werden.
Es geht um Ethik. Statt um kitschige Moral.
Hopepunk-Helden sind immer widersprüchlich, und in ihrer Widersprüchlichkeit spiegelt sich ihre Menschlichkeit. Sie sind „hoffnungsvolle Versager“, die das Leben an sich heranlassen, wie es wirklich ist. Nämlich paradox, „messy“, irritierend.
„Gerade weil wir so müde sind, brauchen wir auch Geschichten von Menschen, die genauso müde sind wie wir. Die genauso zwischen Krisen gefangen sind wie wir. Die nicht großartig, heldenhaft, egostark einherkommen. Die schmuddelig und verschwitzt und kompromittiert sind und genauso kämpfen wie wir.“
Ada Palmer
In ihrem Buch „Against Purity: Living Ethically in Compromised Times“ weist die Kulturforscherin und Philosophin Alexis Shotwell darauf hin, dass eines der größten destruktiven Memes unserer Kultur in Vorstellungen von Reinheit liegt. Die Angst vor Unreinheit, Unperfektion, argumentiert Shotwell, erhöht die Zerbrechlichkeit, weil sie ein Ideal setzt, das niemand erreichen kann. Reinheits-Gesellschaften sind ziemlich oft „terroristische“ Gesellschaften, weil das Akzeptieren von Kritik das Eingeständnis der Schwäche übermäßige Scham bedeutet. Wir ruinieren uns in unseren Perfektionsansprüchen.
Das erleben wir heute auch in der Umweltdebatte, wo der Reinheitsanspruch an den Einzelnen geradezu übermächtig geworden ist. Das Resultat ist eine Schuldfalle, die den Aktivismus zu einem ständigen Anklagen und Schuldmachen macht. Im Namen der absoluten Moral ist plötzlich gar nichts mehr möglich – keine schrittweise Verbesserung, kein gradueller Wandel, kein sinnvolles Handeln. Das Graduelle wird denunziert, und man nutzt Reinheitsideale zur Denunziation: „Was? Du fliegst in den Urlaub? Wie kannst Du nur!!!“
Hopepunk-Erzählungen, formuliert Ada Palmer im Essay, sind Genregeschichten, die die menschliche Natur (Teamwork, Ehrlichkeit, Belastbarkeit) darstellen, dabei aber Reinheitserzählungen entgegenwirken. Sie sind in gewisser Weise „schmutzig“, aber hoffnungs- und würdevoll. Rückschläge im Hopepunk drehen sich nicht so sehr um moralische Urteile, sondern darum, was jetzt getan werden muss, um konkret zu helfen.
Apokalyptische Erzählungen enthalten eine billige Form der Genugtuung, und wahrscheinlich ist es das, was sie so attraktiv macht. Sie verachten den Menschen als Ganzes. Und sie vermeiden den schwierigen Teil der Zukunft: den Aufbau des Neuen, Besseren, nachdem der Turm des Bösen abgebrannt ist.
Die Weibliche Zukunft
In der Einleitung zu ihrem Roman „Die linke Hand der Dunkelheit“ schrieb die Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin im Jahr 1976:
„Science-Fiction ist nicht vorausschauend, sondern beschreibend.“
Mit diesem lapidaren Satz markierte sie einen ganz anderen Ansatz von Zukunfts-Literatur als den männlichen Ans-Ende-der-Welt-gehen-und-dort-grandios-Scheitern-Plot. Es ist sicher kein Zufall, dass HOPEPUNK vor allem ein weibliches Genre ist. Ursula K. Leguin, die sich später eher Fantasy-Erzählungen zuwandte, in denen die Welt sich stabilisierte, war in der Blütezeit der Science-Fiction, in den 70er und 80er Jahren, fast die einzige Frau im Genre. Heute ist das anders. Es kommt ein anderer Ton ins Spiel der Zukunft; ein Tonfall, der praktischer, konkreter, gegenwärtiger ist. Weibliche SciFi wirkt in einen anderen Realitätsbezug hinein, bei dem Gegenwart und Zukunft nicht durch „Überwindung“ oder „Sensation“ oder „Disruption“ getrennt sind. Es geht vielmehr weiter, immer weiter. Es muss weitergehen. Und Menschen können das.
Hopepunk sagt: Kümmer Dich um die Zukunft, und sei es erst einmal im Kleinen. Aber mach’s richtig, dann wird schon was draus werden.
Das ist ganz anders, als das, was wir in den männlichen Phantasien, sagen wir, einer Marsbesiedelung, sehen würden. Dort ginge es sofort um schreckliche Unfälle, irrsinnige Dramen und irgendwelche geisterhaften Erscheinungen, die auf Aliens hinweisen. In einem Hopepunk-Szenario wird zunächst einmal gefragt. Was wollen und was machen wir eigentlich hier? Welches Problem soll gelöst werden?
Wer übernimmt den Abwasch?
Hopepunk-Werke beschäftigen sich viel mit den Problemen des „Commoning“. Der Gruppenbildung von lauter schrägen und nicht immer einfachen Individualisten in tendenziell egalitären Gruppen. Ist das nicht das eigentliche, das KERNproblem unserer Gegenwart?
Es geht auch um Humor. Oder besser: Humoronie. Die sanfte Ironieform, mit der der ewige Moral-Zynismus, mit dem wir heute auf „die Welt und ihren Untergang“ starren, überwunden wird. Darin steckt auch ein Eingeständnis: Wir sind als Individuen, Spezies oder Gesellschaften nicht besonders gut darin, „alles richtig zu managen“. Die Zukunft vorzuplanen und tatsächlich zu „gestalten“ ist wahrscheinlich ein unmögliches Vorhaben. Aber wir sind ziemlich gut im Reagieren. Wenn es hart auf hart kommt, in Katastrophen, Krisen und Zusammenbrüchen können wir über uns hinauswachsen. Und erstaunlich gut und solidarisch kooperieren.
Auch in der Hopepunk-Welt spielt Technologie eine Rolle, besonders natürlich das Digitale, die große „Wunschmaschine“ unserer Zeit. Aber Technik löst nie wirklich alles. Sie funktioniert nie ad perfectum, weil das ja heißen würde, dass für das Menschliche nichts mehr übrig bleibt. Alles wird immerzu umgebastelt, zweckentfremdet, den Gesetzen des Marktes entrissen. Aus einem Öltank wird da gerne mal ein Biorektor für Lebensmittelproduktion. In der Hopepunk-Zukunft ist die Zivilisation eine Art Schrottplatz, auf dem man aus lauter Trümmerteilen „geiles Zeug“ zusammenbaut. Aus Hightech wird Human-Tech – das futuristische Bastler-Konzept (Wer seinen Kindern mal „Pettersson und Findus“ vorgelesen hat, die Geschichte einer klugen Katze und eines alten skandinavischen Bastler-Freaks, der hat das Prinzip begriffen.).
Isabella Hermann nennt das Narrativ der Anti-Dystopie, das sie anhand zahlreicher neuerer Hopepunk-Romane analysiert hat, „inhärent unperfekt“ – aber trotzdem wirksam. Kim Stanley Robinsons Roman „Das Ministerium für die Zukunft“ aus dem Jahr 2020 ist ein Beispiel für diese „produktive Nichtperfektion“. Der Klimakollaps wird verhindert, aber nicht alles wird großartig. Mit dieser Zukunft müssen wir womöglich leben. Aber sie kann auch schön, auch lebenswert sein. Weil wir in ihr WIRKEN können.
In der Zukunfts-Literatur spiegelt sich auf besondere Weise der innere Horizont unserer Kultur. Und der sieht heute wahrhaftig düster aus. Studien in vielen Ländern zeigen: Nie war die Gesellschaft, zumindest die westliche, so müde, so enttäuscht, so angepisst von der Realität. Wenn man Tag für Tag aufwacht und feststellt, dass die Welt immer noch durch unlösbare Krisen, monströse Kriege, Naturkatastrophen, Putin, Trump und grenzdebile Werbung geprägt ist, kann man leicht die innere Fassung verlieren. Eine Hopepunk-Haltung kann uns die Fassung wiedergeben.
Wut und Optimismus
„Wir brauchen jetzt bessere Modelle dafür, was zu tun ist, als einfach den Turm des Overlords in die Luft zu sprengen, denn das löst das Problem nicht.“ schreibt Ada Palmer in ihrem Essay. Im Rahmen des HOPEPUNK-Narrativs ist man/frau auch berechtigt, WÜTEND zu sein. Wut, in der Hoffnung mitschwingt, ist produktiv. Wie der Hopepunk-Autor Cory Doctorow es in seinem Text „Hope, Not Optimism“ ausdrückte: „Optimisten und Pessimisten teilen den Glauben an die Irrelevanz menschlichen Handelns für die Zukunft … Ein Optimist beschließt, die Titanic nicht mit Rettungsbooten auszustatten, weil sie unsinkbar ist. Ein Pessimist macht sich nicht die Mühe zu schwimmen, wenn das Schiff sinkt … Hoffnung zu haben bedeutet, Wasser zu treten, denn solange man nicht auf den Grund gegangen ist, ist Rettung noch möglich.“
pluralistic.net/2021/10/03/hope-not-optimism
In wenigen Sätzen könnte man die Hopepunk-Haltung so ausdrücken:
- Wir retten die Welt immer wieder, auch wenn wir es gar nicht merken.
- Resistenz und Resilienz sind wichtiger als die aufgeregten Bequemlichkeiten von Endzeitfantasien.
- Scheitern und Irrtum gehören unbedingt zum Lernen.
- Ebenso wie Freundlichkeit.
- Wir wissen viel mehr, als wir glauben. Und wir sind weiter, als wir befürchten. Aber wir müssen das Wissen auch anwenden. Alle Theorien, Modelle, Annahmen über die Zukunft sind nutzlos, wenn sie sich nicht im Kleinen, im Praktischen und Zwischenmenschlichen bewähren.
- Es geht um DOING FUTURE. Nicht um großartige Weltkonstrukte und langfristige Schuldzuweisungen. Sondern um konstruktive Lösungen hier und jetzt, verdammt!
Im Buch „Zukunft ohne Angst” von Isabella Hermann schildert Octavia Butler einen Dialog mit einem jungen Fan in Bezug auf ihren dystopischen Roman Parable of the Sower.
„Okay“, forderte der junge Mann sie heraus. „Wie plausibel ist ihr dystopisches Szenario, wie können wir es vermeiden?“
„Es gibt keine Antwort“, sagte ich.
„Keine Antwort. Meinst du, wir sind einfach dem Untergang geweiht?“ Er lächelte, als ob das ein Witz sein könnte.
„Nein“, sagte ich. „Ich meine, es gibt keine einzige Antwort, die all unsere zukünftigen Probleme löst. Es gibt kein Patentrezept. Stattdessen gibt es Tausende von Antworten – zumindest. Du kannst eine davon sein – wenn du willst.“
„Okay“, the young man challenged, „So what’s the answer?“
„There isn’t one“, I told him.
„No answer. You mean we are just doomed?“ He smiled as though this might be a joke.
„No“, I said. „I mean there’s no single answer that will solve all of our future problems. There’s no magic bulett. Instead there are thousands of answers – at least. You can be one of them – if you choose to be.“
Isabella Hermann, „Zukunft ohne Angst“, S. 79.
Einige wichtige Autoren und Werke des HOPEPUNK-Genres:
- Susan Kaye Quinn, Michael Drecker, „Sieben Schwestern”
Eine Klima-Hopepunk-Kurzgeschichte
susankayequinn.com/books/seven-sisters - Cory Doctorow, „Walkaway”
Story eines Zivilisationsausbruchs einer kleinen Gruppe, der auf Umwegen zur Entdeckung der Unsterblichkeit führt. Story einer Art Alternativsekte, die aus dem „Kapitalozän” entkommt und Supertechnologien aus ganz anderen Motiven nutzt und weiterentwickelt.
Erhältlich u.a. bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung). - Ada Palmer: Epische Romane von befriedeten menschlichen Zukunfts-Welten, die über die nächsten 600 Jahre wieder in Kriege fallen, aber damit umzugehen lernen. Titel wie „Der Wille zum Kampf”/ „Sieben Kapitulationen” / „Dem Blitz zu nah” / „Perhaps the Stars”.
- Stan Kinley Robinson, „Das Ministerium für die Zukunft”
Der Klimarettungs-Roman von Robinson ist in gewisser Weise ein Hopepunk-Standard-Werk. In diesem Roman versuchen kluge Menschen alles, um die Klimakatastrophe abzuwenden, mit teilweise sehr ausgefeilten Methoden; sie gewinnen nicht triumphierend, aber bewegen eine Menge.
Erhältlich u.a. bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung). - Judith C. Vogt, Christian Vogt, „WASTELAND”, spielt 45 Jahre in der Zukunft. Die Ruinen eines zerstörten Deutschlands bilden die Kulisse. Ein Teil der Gesellschaft lebt auf einer Art Markt. Drumherum bedrohen Gangs das Leben. Das Ehepaar Vogt beschreibt diesen Zustand als „Utopie in einer Dystopie“ (ähnlich die Netflix-Serie „Tribes of Europe”)
Erhältlich u.a. bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung). - Naomi Alderman, „THE FUTURE”
Auch dieser Bestseller gehört im weitesten Sinn zu Hopepunk, auch wenn seine Dramaturgie und Schreibweise eher an klassische Hollywood-Kracher anknüpft.
Erhältlich u.a. bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung). - Isabella Hermann, „Zukunft ohne Angst”
Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen.
Science-, Social- und Climate-Fiction als Mutmacher für Veränderung und gesellschaftlichen Wandel, Oekom Verlag, München 2025.
Erhältlich u.a. bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung). - Aus dem Archiv: Zwei antidystopisch-dystopische Zukunftsromane von Matthias Horx aus den 80er Jahren. In einem postatomaren Europa suchen Stämme nach neuen Lebensformen. In einem Wettlauf gegen die Zeit legen sie die letzten militärischen Strukturen lahm und verhindern so den nuklearen Overkill. Nur antiquarisch zu haben.
Oder beim Autor (per Mail an michaela.nemeth@horx.com):
„Es geht voran – Ein Ernstfall Roman”, 1982
„Glückliche Reise – Nach der Zivilisation”, 1984 - Ein Buch vom FUTURE:PROJECT:
Lena Papasabbas, „RADIKALE ZUVERSICHT”
shop.thefutureproject.de/products/radikale-zuversicht - Ada Palmer: Hopepunk, Optimism, Purity, and Futures of Hard Work
Haupt-Essay zum Thema: beforewegoblog.com
Zitate zum Thema
- „Science-Fiction und Fantasy passen gut zum Hopepunk, weil es darin diese seltsame Konstellation gibt, die überhaupt keiner Realität entspricht. Das wird also nicht in der nächsten Woche so geschehen. Es geht um etwas, das in einem oder fünf, oder sogar in zehn oder fünfzig Jahren passieren kann. Es ist eine Welt, die man vorher noch nie gesehen hat, ein ungeschriebenes Blatt. Das sind die Regeln. Und was machst du jetzt daraus?“
Alexandra Rowland, Autorin - „We are always catching up to the Future!”
„Wir rennen immer der Zukunft hinterher.”
Naomi Alderman in „THE FUTURE” - „Dieser Kooperationsgedanke, ich glaube, dass der sehr zentral ist, wirklich. Dass man nicht diese typische Fantasy-Struktur hat oder auch Science-Fiction-Struktur, dass man irgendwie zu einer Weltenrettung hinarbeitet, sondern dass da eher Episoden sind, und diese Episoden irgendwie zu einer Klärung führen zwischen Parteien, die aber nicht im Finale daraus bestehen, dass jetzt irgendwie die Welt gerettet werden muss. Es ist eher ein episodenhaftes Erzählen, kein episches Erzählen.“
Alessandra Reß, Hopepunk-Autorin
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Bei Nachdruck-Anfragen wenden Sie sich bitte an Mag. Michaela Németh: michaela.nemeth@horx.com



