147 – Wie wir die Zukunft verloren

How we lost the Future

Über die große Verwirrung unserer Zeit – und wie wir aus dem Weltunglück wieder herauskommen

Matthias Horx, September 2025

Grafik: Julian Horx, The Dark Hole of the Future

„We are still in the nihilist moment of disillusionment and anger, after people have lost faith in the old stories but before they have embraced a new one.“
Yuval Noah Harari, „21 Lessons for the 21st Century“

„Die Welt ist irre geworden, also gebt aufeinander Acht.“
Neill Young bei seinem letzten Konzert

Vor einigen Jahren schleichend, dann mit voller Wucht, ist alles anders geworden. Das Weltgefühl. Das Lebensgefühl. Das Glücks- sowie das Unglücksgefühl. Die Perspektive, mit der wir auf das Kommende sehen, auf den Horizont der Ereignisse.

Um es mit einer schönen englischen Vokabel auszudrücken: Alles ist discombobulated. Für diesen charmanten Zungenbrecher gibt es keine direkte deutsche Übersetzung. Aber schon der Klang verrät die Bedeutung: irgendetwas zwischen „verworren“, „fürchterlich durcheinander“ und „verstörend“.

  • Das Störgefühl der Gegenwart ist übermächtig.
  • Die Zukunft ist hinter dem Horizont verschwunden.
  • Sie hat uns allein gelassen, mit unseren Hoffnungen, Wünschen, Verzweiflungen.
  • Die Welt ist aus den Fugen.
  • Oder sind wir aus der Zeit gefallen?

Der Publizist Tom Junkersdorf schilderte das Lebensgefühl unserer Tage in der Zeitschrift Business Punk als „Future Hangover“. Die Zukunfts-Verkaterung.

„Wir alle haben offenbar einen Kater. Aber es geht nicht nur um eine Krankheit, sondern um das, was wir Leben nennen. Wir haben uns auf den Fortschritt gefreut. Die Technik. New Work. Die Chance auf Homeoffice, neue Werte und neue Wertschöpfung. Wir haben die Digitalisierung umarmt wie gute Gastgeber. Jetzt haben wir all das. Und spüren, dass es unserer Lebensqualität und unserem Wohlbefinden nicht besser geht.
Wir wollten Wellbeing und haben plötzlich Toxic Care. Wir wollten Wohlstand und haben plötzlich Notstand überall. Wir wollten Frieden und haben plötzlich Krieg …“

Man könnte die Liste fortführen:

  • Aus Demokratie wurde Spaltung.
  • Aus Wahrheit wurde Meinung.
  • Aus Protest wurde Wut und Hass.
  • Aus Wohlstand wurde Stress.
  • Aus Hoffnung wurde Angst.
  • Aus ich wurde Ego.
  • Aus Emanzipation wurde Regression.
  • Aus Freiheit wurde Anmaßung.
  • Und so weiter.

Wir befinden uns im Zustand des Zukunftsverlusts. Es herrscht das, was ein guter Freund von mir als „fortschreitende Ratlosigkeit“ bezeichnete.

Folgen wir ein wenig diesem anhaltenden Kopfweh, diesem Trauer- und Verlustgefühl. Wie mancher Schmerz haben diese uns womöglich Wichtiges zu sagen.

Das Alte Normal

Schauen wir noch einmal zurück: Wie WAR das eigentlich, das berühmte „Alte Normal“, in das wir uns heute häufig zurücksehnen? Wie fühlte sich die Welt „damals“ an, vor 9/11, den toxischen Seelenmüllhalden des Internets, den neuen Kriegen, vor Trump, Tyrann Putin, Corona und dem KI-Zombie, der unaufhaltsam auf uns zuwankt?

Erinnerungen sind immer auch Fälschungen. Aber es trügt nicht, dass es in den Millennium-Jahren um 2000 ein Gefühl von Konsistenz gab. Eine Art „Stimmigkeit“ der Welt in Richtung Zukunft.

Es gab so etwas wie eine gemeinsame Idee in den Köpfen der Gesellschaft. „Jene große, unausgesprochene Annahme, von der es nicht notwendig ist, sie auszusprechen, weil sie das Paradigma bildet, die tiefsten Überzeugungen darüber, wie die Welt funktioniert.“ So Donella Meadows, die Co-Autorin des Buchs „Grenzen des Wachstums“.

Wir konnten hoffen.
Dass alles besser werden würde.
Und wir konnten uns engagieren. Unsere Handlungen hatten Wirkungen. Wir lebten in einer Wirklichkeit.

Gewiss, auch im Alten Normal gab es Krisen, Konflikte, Kriege (die wir gerne an den Rand der Wahrnehmung verdrängten). Aber diese Phänomene erschienen eher als Überbleibsel, Restbestände einer Vorzeit, die eigentlich schon abgelaufen war.

Natürlich gab es auch Streit. In gewisser Weise war die Gesellschaft des Alten Normal sogar polarisierter als heute – die „Lager“ waren deutlicher abgrenzbar; man wusste noch besser, was links und rechts, fortschrittlich und reaktionär war, und wer wohin gehörte. Die politischen Frontlinien waren noch kein Kulturkrieg, der auch das Private, das Persönliche, das So-Sein betraf. Streit hatte meistens etwas Produktives, Vorwärts-weisendes. Er zeigte die Möglichkeiten, die Alternativen auf, die die Welt zu bieten hatte.

Der gemeinsame Horizont war durch solche Wortkombinationen geprägt:

  • Fortschritt und Wohlstand.
  • Wissenschaft und Technik.
  • Aufklärung und Vernunft.

In diesem Sinne ging alles irgendwie voran. Langsam, mit Rückschritten, aber dennoch.

Das Ende der Moderne

Die Epoche, die jetzt zu Ende geht, nannte sich DIE MODERNE.

Die Idee der Moderne basiert auf der Vorstellung, dass die Welt verfügbar ist. Dass sie gestaltet werden kann. Mit den Kräften der Vernunft, der Planung und der Voraussicht. Mit gutem Willen und immer mehr Wissen, Bildung und Information.

Wer als „Boomer“ geboren ist, also in den Jahren zwischen 1950 und 1964 in den geburtenstarken Jahrgängen, der hat den Honig der MODERNE in ihrer höchsten Blüte aufgesaugt. In den Bildern meiner Kindheit ist die Zukunft immer glatt, schön und sauber: die Hochhäuser, die in den Himmel ragen. Straßen, auf denen die Straßenkreuzer kreuzen oder schweben, und Robotern, die mit großen Kulleraugen patrouillieren. Papis fuhren, mit Pfeife im Mund, im Atomauto. Und Muttis standen fröhlich an einem automatischen Herd. Eine Welt, in der jeder wusste, wer er war. Und was zu tun war: Aufbauen, Vermehren, Verbessern, Perfektionieren. Das Versprechen:

  • Die Wirtschaft steigert ständig den Wohlstand durch unendliches Wachstum.
  • Technologie macht unser Leben angenehm, leicht und komfortabel, damit wir uns mehr um unsere geistigen und seelischen Bedürfnisse sorgen können. Sie wird uns auf den Mond und darüber hinaus bringen, wo wir die Flagge der Menschheit hissen können.
  • Demokratie regelt den gesellschaftlichen Verkehr zum allgemeinen Vorteil. „Mehr Demokratie wagen!“ lautete eine Parole der aufstrebenden 70er Jahre.

Das klingt heute schon fast wie eine Drohung.


Zukunft 1967. Und Zukunft heute (erzeugt mit KI). Hat sich irgendetwas verändert?

Heute kann man spüren, wie alle diese Erwartungen knirschend zerbrechen. Aber man kann auch darüber staunen, wie lange sie sich gehalten haben. Und wie sie immer wieder, auf tragische oder rührende Weise, zurückkehren. Wie bei Elon Musk, der seine kindlichen Zukunftsträume mit allen Mitteln, auch mit Gewalt und Irrsinn, durchsetzen will. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Die Postmoderne

Wer in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aufgewachsen ist, hat auch noch eine andere Denkweise und Welthaltung erlebt: den Postmodernismus. Je mehr sich die technische Moderne realisierte – und ihre Folgeschäden sichtbar wurden -, desto mehr entwickelte sich auch eine Gegenkultur des Kritischen, Skeptischen, Ablehnenden, Rebellischen.

Die Postmoderne fragte hartnäckig:
Was ist der Preis für diesen Fortschritt?
Was ist mit all dem Müll, den Schaumbergen auf den Flüssen, der Vergiftung von Natur und Mensch?
Was mit den Herrschafts- und Kapitalinteressen hinter den Behauptungen und Visionen des „Fortschritts“?
Was ist der PREIS, den man der Zukunft zahlen musste?
Ist es das wert?

Beharrte die Moderne auf Vereinheitlichung der Lebensverhältnisse im modernen Lebensstil, suchte die Postmoderne nach Autonomie, Eigensinn, Identität. Strebte die Moderne nach immerwährender Beschleunigung und Effizienz, suchte die Postmoderne das Originäre, Lokale, „Authentische“. Beharrte die Moderne auf einem karriereorientierten Lebensmodell, experimentierte die Gegenkultur mit dem Mystischen, dem Spirituellen, dem Sonderbaren. Und mit der einen oder anderen bewusstseinsveränderten Substanz.

Modernismus und Postmodernismus spielten jahrzehntelang eine Art Katz-und-Maus-Spiel. Wie Tom und Jerry jagte man einander. Aber irgendwie kam man immer aufeinander zurück. Man rieb sich heftig aneinander, aber in dieser Reibung geschah etwas Erstaunliches. Postmoderne Denk- und Fühlmuster drangen immer tiefer in die Mehrheitsgesellschaft vor. Die Ökologiebewegung wurde mächtig und einflussreich. Plötzlich konnten unsere schwulen und lesbischen Freunde heiraten – wer hätte das je gedacht? Die Rolle der Frau, die Bedeutung des Weiblichen, veränderte sich. Sogar Unternehmen, ganze Konzerne, konnten plötzlich aus dem Korsett des reinen Profits heraustreten und einen höheren Sinn für sich beanspruchen. Es bildeten sich neue Synthesen, Mischungen aus modernen und postmodernen Welthaltungen. Eine Art Metamoderne entstand.

Die Postmoderne fügte der Moderne ein neues Achsensystem hinzu:

  • Emanzipation und Individuation.
  • Eigensinn und Lebensintensität.
  • Kritisches Denken und Moralität.

Der Zeitgeist bewegte sich jenseits des Rechts-Links-Schemas auf einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu, der die alten Gräben überspannte. Eine Grundvision, eine Zukunftserwartung für das 21. Jahrhundert.

Nennen wir es die Ökomoderne. Oder die zuhörende Demokratie – the listening society. Die dynamische Marktwirtschaft. Oder „Technologie der Emanzipation“ – Technik, die den Menschen und seine Bedingungen und Beziehungen stärker macht.

Das ist das, was wir verloren haben.
Die Vorstellung, dass die Welt in EINE Richtung geht.
Ins Bessere.

Bis alles explodierte. Und aus dem progressiven Konsens das Paradoxe herausbrach. Wie das Alien aus einem Menschenkörper im Raumschiff NOSTROMO (siehe die erste Folge der Filmserie „Alien“).

Was, wenn wir uns geirrt haben?

Eine der mutigsten Sätze eines Politikers stammt von Barack Obama. Als der Wahlsieg von Trump schon ziemlich deutlich wurde, sagte er in einer Pressekonferenz in Lima den Satz:
WHAT IF WE WERE WRONG?

„Vielleicht“, sagte Obama, „haben wir es zu weit getrieben.“ Und er zitierte die Notiz einer seiner Berater und Redenschreiber, Benjamin Rhodes: „Vielleicht wollen die Leute einfach in ihren Stamm zurückfallen.“

Heute ertappe ich mich manchmal bei der Frage: Wie konnten wir eigentlich „damals“ im Alten Normal so sicher davon ausgehen, dass das Gute, Bessere und unbedingt Richtige, so wie wir es wahrnahmen, „immer so weitergehen würde“? (Gewiss, einige haben den Bruch vorausgeahnt).
MEHR Individualität
MEHR Selbstverwirklichung
MEHR Toleranz
MEHR Moral
MEHR Kreativität
MEHR Abenteuer
MEHR Frieden
MEHR Spaß
MEHR Technik
MEHR Gerechtigkeit
MEHR Gleichheit
MEHR Geschwindigkeit …

Die heutige Omnikrise ist vor allem eine ERWARTUNGSKRISE. Eine Steigerungskrise von Ansprüchen und Anforderungen. An den Staat, die Gesellschaft, inzwischen auch an sich selbst. Wir waren so beschäftigt mit dem Kritisieren, dem Gutsein, dem Unbedingt-verändern-wollen, dem Wunsch nach Progression und Emanzipation und wirksamer Moral, dass wir gar nicht merkten, wie sich überall die Widersprüche auftürmten. Wie die Leichtigkeit verschwand, in der echter Wandel gedeihen kann. Und im Inneren der Gesellschaft ein tiefer Bruch, ein emotionaler Abgrund entstand.

Könnte es sein, dass wir anstatt Lust auf Veränderung zu machen, einem im Grunde spießigen Moralismus des Progressiven huldigten, der zunehmend selbstgerecht wurde?

Haben wir es den „dunklen Kräften“ womöglich einfach gemacht, indem wir immerzu auf das Bestehende einhämmerten, es verwünschten, sozusagen nur noch Haare in der Suppe fanden?
Haben wir womöglich kräftig zur Hysterisierung der Gesellschaft beigetragen?
Obwohl vieles doch ganz gut funktionierte, in dieser späten Moderne. Zwar nicht perfekt, aber doch auf einem guten Weg war.

Wir progressiven, moralischen, „der Zukunft zugewandten“ Menschen, waren womöglich Teil und Treiber einer gewaltigen Erwartungsexplosion, der die Gesellschaft (und uns selbst) überforderte. So verwandelte sich die Forderungs-Gesellschaft zu einer Überforderungs-Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die ständig an sich selbst zweifelt, sich von innen her selbst zerlegt, ihr Vertrauen verspielt. Und mit Imperfektionen, Defiziten, den zum Leben gehörenden Verlusten, nicht mehr umgehen konnte.

In seinem Buch „Verlust. Ein Grundproblem der Moderne“ (Suhrkamp 2024, S. 188) schreibt der Soziologe Andreas Reckwitz:

„In der modernen Gesellschaft beziehen sich Verlusterfahrungen … in erheblichem Umfang auf den Raum der Zukunftserwartungen. In der modernen Gesellschaft findet so eine Erwartungsexpansion historisch ungewöhnlichen Ausmaßes statt. Erwartungen haben jedoch grundsätzlich die Eigenschaft, enttäuschungsanfällig zu sein. Wenn solche Erwartungsenttäuschungen sich akkumulieren und verfestigen, kann sich die Erfahrung eines grundsätzlichen Verlusts der Zukunftshoffnungen einstellen, die man hegte: ein Zukunftsverlust. Die Zukunftserwartungen werden somit aus der Sicht des Subjekts noch umfassender, noch ambitionierter und noch mehr mit der eigenen Identität verknüpft. Und sie werden enttäuschungsanfälliger. Wer viel erwartet, hat auch viel zu verlieren.“

Womöglich hat der historische Bruch etwas mit dem zu tun, was die Philosophin Elisabeth Anscombe „Hyperkonsequentialismus“ nennt:

„Die Welt ist in ein dermaßen komplexes Netz an Kausalitäten verstrickt, dass jeder für einen Teil der daraus resultierenden Übel verantwortlich gemacht werden kann … Auf diese Weise erhält jede unserer Handlungen, und sei sie noch so geringfügig, moralische Bedeutung … Diesen gewaltigen Ansprüchen des Hyperkonsequentialismus kann man nie genügen, weshalb ihre Vertreter untereinander alle denkbaren sinnlosen Streitereien anzetteln … Der Hyperkonsequentialismus greift die alte Idee der Erbsünde auf.“
Bronner

„We are angry whenever we believe that we are promised paradise and get a traffic jam, lost keys, disappointing relationships, a less then optimal job. We are furious and our sense of entitlement comes back to bite us. This is the danger of the age. We cease to appreciate things when we believe that life should be perfect and we can eradicate all known problems.”
Aus: „Do Human Kinds best days lie ahead“ – The Munk Debates

Es ist Zeit, um aus diesem Schmollwinkel, diesem Jammertal, wieder herauszutreten.
Wie sagte Konfuzius so schön?

  • Habt nicht feste Meinungen.
  • Wollt nichts unbedingt.
  • Seid nicht starr.
  • Seid nicht auf Euch selbst bezogen.

Die Komplexitätsfalle

Um zu verstehen, was wirklich passiert ist in diesem vibe shift, diesem historischen Gezeitenwechsel, müssen wir uns dem Phänomen der Komplexität zuwenden. Keine Angst, es tut nicht weh. Es ist auch nicht wirklich kompliziert.
Komplexität ist das Gegenteil von Kompliziertheit. Das Komplexe ist das, was sich selbst ausbalancieren kann. Sich zusammenfügt. Sich selbst immer wieder neu und anders organisiert. Das Vielschichtige, das sich ständig weiterentwickelt.

Kompliziertheit hingegen entsteht, wenn die einzelnen Teile eines Systems auseinanderfallen. Wenn nichts mehr zusammenpasst. Die Rückkoppelungen und Ausgleichsbewegungen disparat werden.
Wenn die Welt „aus den Fugen“ gerät.

Komplexität ist das Spielelement des Kosmos. Die selbst-schöpferische Poesie, die „Poiesis“ der Welt. Aus Quanten werden Atome, aus Atomen Moleküle, aus Molekülen Einzeller, schließlich Organismen, die sich mit Hilfe von DNA-Ketten reproduzieren und in einem ständigen Rückkoppelungs-Verhältnis zu ihrer Umwelt stehen. Leben ist das Komplexe an sich. Im ständigen Wirken der Evolution gegen die Entropie entsteht diese fantastische Wundertüte, die wir unseren Heimatplaneten nennen dürfen. Die Erde, mit uns als Passagieren. Die Zivilisation, als geformte Menschenwelt.

Das menschliche Hirn ist das Komplexeste, was wir bislang im Universum kennen. Das heißt, es kann in fast unendlichen Zuständen funktionieren.
Was allerdings ein gewisses Risiko beinhaltet.

Städte sind auf wunderbare Weise komplex – oder können es sein, wenn in ihnen interagierende Vielfalt entsteht, die „Kultur“ schafft. Blumen, Wiesen, Tiere, Wälder (wenn wir sie nicht verspargeln), sind Feste der Komplexität. Zivilisationen sind komplexe Systeme, die auf Regelwerken, Ökonomien, Kulturmustern und ständigen Anpassungsleistungen beruhen.

Komplexität ist etwas Wunderbares, aber auch Fragiles. Sie ist Ordnung am Rande des Chaos. Sie kann sich abnutzen, durch zu viel Wiederholung, durch Über-Effizienz einzelner Teilsysteme. Oder ständige Perfektionsansprüche. „Überschleunigungen“. Dann versagen die subtilen Feedback-Prozesse, mit denen sich das Komplexe in immer neue Balancen transformiert. Wie das Leben selbst braucht das Komplexe Unruhe, ein gewisses inneres Chaos, in denen Räume offenbleiben, Wandlungen möglich sein können.

Wenn man der Komplexität zu viel Perfektion abverlangt, die Ansprüche mit den Möglichkeiten immer weiter auseinanderklaffen, fängt sie an, überzuschäumen.

„Komplexität verleitet uns dazu, sie zur Kenntnis zu nehmen. Komplexität spornt uns an, mitzumachen. Komplexität macht uns demütig, indem sie uns zeigt, dass wir nur Teile eines verblüffend großen Ganzen sind.“
Der Komplexitätsforscher Neil Theise

Die Überkomplexität

Komplexität kann, wenn bestimmte Bedingungen zusammentreffen, überkochen wie der Brei im Grimmschen Märchen.

Armin Steinbach, der Chefvolkswirt im deutschen Finanzministerium, hat dieses Phänomen in einem Essay mit dem schönen Tiel „Wie kommt man hier raus?“ so dargestellt:

„Die vom Liberalismus befreiten Menschen trampeln sich zusehends gegenseitig auf den Füßen herum. Die Welt ist mittlerweile proppenvoll: Die Metropolen, aus denen der Liberalismus entstammte (Stadtluft macht frei), sind dicht, in den Sozialräumen des Internets ist der nächste Hetz-Mob immer nur einen Tweet entfernt, und in der überhitzten Erdatmosphäre droht Satelliten-Stau. Was heißt es in dieser Welt, sich zu entfalten? Es heißt, jemand anderen zu beschränken. Im Grunde ist alles zu einer Reibungsfläche geworden, die in ihrer Dynamik dauernd Konflikte befeuert.“

Im Kern von Komplexitätsüberschüssen stehen oft informelle Phänomene. Die Explosion unseres medialen Systems, das in jeder Sekunde Myriaden von Punkt-zu-Punkt-Verbindungen herstellt, unendliche Echokammern erzeugt, ständig Emotionen hochjagt und Bedeutungen zerstört, ist eine Überkomplexität des Informellen. Man kann davon ausgehen, dass die sogenannte Künstliche Intelligenz dieses Schaukelspiel noch einmal radikal beschleunigen wird.

So wird aus dem Komplexen das Komplizierte. Aus dem Passenden das Paradoxe. Aus einzelnen Krisen die „Omnikrise“.
Der Gott des Chaos betritt die Bühne.

Grafik: Omnikrise© Zukunftsinstitut Horx GmbH

Der Tanz der Zukunft

Es ist wichtig, dass wir zunächst einmal verstehen, was passiert, um die Angst vor dem Verlust „von allem“, also die Untergangs-Angst zu überwinden.
Komplexitätskrisen sind nicht das Ende vom Lied. Sie führen IMMER in eine Regeneration. In eine Wieder-Formung. Nach dem Mittelalter, das mit der Pest seine Stabilität verlor, kam die Renaissance, die ein anderes Menschenbild, einen neuen Horizont entwickelte. Nach dem Grauen der Weltkriege im 20. Jahrhundert blühte die Idee der humanistischen Demokratie und einer regelbasierten Ordnung, eines „vermittelbaren Wohlstandes“ auf.

Auch diesmal wird es wieder so sein.
Darauf kann man sich verlassen.
Wie lange es dauert, und wie tief der Fall sein wird, hängt allerdings auch von uns ab.

Wenn wir aus dem Tal der Ängste und der destruktiven Negativität herauskommen wollen, müssen wir versuchen, einen neuen Kontakt mit der Zukunft aufzubauen. Das Zukünftige ist das Komplexe, das sich aus dem Gelernten ergibt.

Progress only comes from changing how you see the world, lautet ein kluges Sprichwort. Fortschritt entsteht dadurch, dass wir die Welt anders sehen lernen.

Der erste Schritt ist die Kunst des Loslassens. Wir kleben innerlich immer noch am Alten Normal. Wie alte Spießer glauben wir, dass „unsere“ Zeit die gloriose Zeit war , während jetzt nur Armageddon und Dummheit herrschen. Und das unbedingt alles so werden muss wie früher.

Aber vielleicht drückt sich in den Krisen unserer Zeit ja auch eine Botschaft aus, die wir nur noch nicht verstehen.
Und vielleicht, nein ganz sicher, verläuft die Zeit in Zyklen.
Enttäuschung muss man mit Bindestrich schreiben. Ent-Täuschung heißt, dass wir die Illusionen loslassen. Das macht den Blick wieder frei. Allerdings ist der Prozess schmerzhaft. Deshalb meiden wir ihn.

Der nächste Schritt ist der Abschied vom linearen Denken. Gerade progressive Menschen neigen dazu, gradlinig zu denken. Auf A folgt B folgt C. MUSS folgen. Anders kann es gar nicht sein.
Die klugen Denker der Vergangenheit wussten schon vor langer Zeit, dass die Welt, die Geschichte, in Schleifen, Rekursionen, Rückschlägen und Vor-Tänzen verläuft. Der Gang der Welt ähnelt manchmal mehr einem Veitstanz oder headbanging. Was unsere Freunde von der Heavy-Metal-Fraktion sicher begrüßen werden, weil sie es mit Inbrunst praktizieren.

Jeder Trend erzeugt Gegentrends. Widerstände, Reaktionen, Widerspenstigkeiten, in denen die Komplexität sich stabilisieren will. Alles kommt irgendwann an Tipping Points. Aus Trends und Gegentrends entsteht die Dynamik der Synthese. Das Alte kehrt zurück, verwandelt sich dabei aber wieder in etwas Anderes, Neues. Es sind immer Umwege, die in die nächste Stufe führen.

Üben wir also für die nächste Zukunft:

  • Das Kleine im Großen schätzen.
  • Das Bedrohliche anerkennen, aber ihm nicht dienen.
  • Leichter werden. Durchlässiger.
  • Das Gelingende wahrnehmen und verstärken.
  • Zuneigung nutzen, um sich zu verbinden.
  • Ausweichen, wo es notwendig ist.
  • Kämpfen, wo es Sinn macht.
  • Die Widersprüche umarmen.
  • Und dabei im Lächeln zu bleiben.

Wie sagte der Physiker Niels Bohr so schön?

„Wie wunderbar, dass wir auf ein Paradoxon gestoßen sind. Jetzt haben wir die Chance, echte Fortschritte zu machen!“


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