152 – Das KI-Gespenst

Die Wahrheit über die Künstliche Intelligenz

Wie ein Dämon uns in die Irre führt
Ein Rant (Wutanfall)

Matthias Horx, November 2025

Wenn du glaubst,
dass Technologie deine Probleme lösen wird,
verstehst du weder Technologie
noch deine Probleme.
Laurie Anderson, US-Künstlerin

Also gut. Sprechen wir über Künstliche Intelligenz. Das Mega-Zukunfts-Thema unserer Zeit.
Oder lieber nicht.
Es hat eigentlich keinen Sinn.
Es macht uns nur wahnsinnig!
Es ist viel zu kompliziert.

Über KI zu sprechen – zu diskutieren, zu argumentieren –, ist eine verlorene Liebesmühe. Das Thema ist mit Irrtümern und Missverständnissen, Projektionen und Ängsten verseucht. Debatten und Diskurse über KI sind entweder heuchlerisch, weil sie nur die Märchen einer wildgewordenen Silicon-Valley-Ideologie nachplappern. Oder unproduktiv, weil sie keinen Raum lassen, diese Technologie als Möglichkeitsraum zu würdigen.

Entweder bringt „KI“ (Ka-Ihhh gesprochen, zweite Silbe etwas höher betont) die MEGA-SUPER-CHANCE! Die Erlösung ad silizium. Neues Wirtschaftswachstum! Bessere Bildung! Lösung des Pflegenotstands! Heilung von Krebs! Oder KI ist der UNTERGANG der Menschheit. Der endgültige Triumph der Maschinen. Massenhafte Arbeitslosigkeit. Brainrot, also Hinverrottung. Verblödet werden wir in unseren Bildschirmen kleben, bevor wie alle zu Briefklammern verarbeitet werden, weil die KI das in ihrer allgemeinen Super Intelligenz beschlossen hat.

Mit Sicherheit wird weder das eine noch das andere eintreten. Aber was dann?

Das Hyperobjekt

Die erste Wahrheit ist, dass die KI keine normale „Erfindung“ ist, die sich mit der Dampfmaschine, der Elektrizität, der Eisenbahn, dem Auto oder dem Penicillin vergleichen lässt. Noch nicht mal mit dem Computer, der ja bekanntlich die Grundlage für Künstliche Intelligenz ist.
KI ist ein Hyperobjekt.
Hyperobjekte sind Phänomene, deren Ausmaß und Komplexität unsere Fassungskraft übersteigen. Sie haben eine vielschichtige Dimension des „Unheimlichen“.

„Hyperobjekte sind Objekte, die zwar Vitalität besitzen, aber nicht berührt werden können. Hyperobjekte sind zeitlich und räumlich und strukturell so stark verteilt, dass ihre Gesamtheit nicht in einer bestimmten lokalen Ausprägung erfasst werden kann. Ebenso wenig kann man sie den Kategorien von Natur oder Kultur zuordnen.“
Timothy Morton

Ein Hyperobjekt ist zum Beispiel „Global Warming“, die Erderhitzung. Wir versuchen, dieses Phänomen zu erfassen und damit „vernünftig“ umzugehen. Offensichtlich klappt das nicht, weil das Phänomen irgendwie ausufert, in alle möglichen Zwänge, Paradoxien und Zusammenhänge hinein.

Weitere Hyperobjekte sind: Zeit. Geld. Gott: Niemand kann beweisen, dass Gott existiert. Oder „funktioniert“. Wenn man betet, und man wird erhört, liegt das an Gott. Wenn man nicht erhört wird, hat Gott das eben so entschieden. Niemand kann beweisen, dass Gott NICHT existiert. Das macht Gott zu einer Tatsache. Wer würde bestreiten, dass der Gottesglaube im Leben der Menschen, der Kulturen, der Geschichte enorm viel bewirkt hat?

Hyperobjekte lassen sich nur durch ihre Wirkungen beobachten. Die KI hat ohne Zweifel unsere Kultur, unser Denken, schon heute massiv beeinflusst, obwohl die Technologie noch in den Kinderschuhen steckt. Sie ist eine „Technik der Ankündigung“, die aus der Zukunft auf uns einwirkt. Sie hat Zugriff auf die Art und Weise, wie wir die Welt und uns selbst wahrnehmen. Wie wir die Zukunft konstruieren.
Beziehungsweise: nicht mehr konstruieren können.

Auf eine seltsame Weise verscheucht die KI die Zukunft. Sie zerfällt in lauter Fraktale, auf denen sich unendliche Reflexionen spiegeln.

Dämon, Mythos, Moloch, Hype

  • KI ist ein Dämon:
    Der amerikanische Blogger Charlie Warzel, der sich intensiv mit den mentalen Wirkungen von KI beschäftigt, berichtete neulich von einer verstörenden Erfahrung. In einem Podcast lief ein Interview eines Fernsehmoderators mit einem toten Jugendlichen. Dieser Jugendliche war bei einem School-Shooting vor einigen Jahren ums Leben gekommen. Eine KI hatte den Jungen „rekomponiert“, ihm Stimme und content verliehen, damit dieser mit seiner honest voice, seiner Authentizität, Aussagen für eine bessere Waffenkontrolle in den USA machen konnte:

    „Das Interview löste ein Gefühl aus, das mir in den letzten drei Jahren nur allzu vertraut geworden ist. Es ist das flaue Gefühl eines gesellschaftlichen Wettlaufs in eine Zukunft, die sich blutleer, hastig erdacht und achselzuckend hingenommen anfühlt. Dieses seltsame Gebräu aus Schock, Verwirrung und Ambivalenz, so habe ich erkannt, ist das bestimmende Gefühl der generativen KI-Ära. Drei Jahre nach Beginn des Hypes scheint eine der nachhaltigen kulturellen Auswirkungen von KI darin zu bestehen, dass Menschen das Gefühl bekommen, den Verstand zu verlieren. … Tatsächlich scheint es, dass eines der vielen Angebote der generativen KI eine Art Psychose als Dienstleistung ist.“
    www.theatlantic.com/technology/archive/

    Dämonen sind eine Kraft (δαιμόνιον – daimónion), die in Lebewesen „hineinfahren“ und dort Verwirrung und Chaos erzeugen. Es gibt Spukdämonen, Wahnsinnsdämonen, Krankheitsdämonen, Traumdämonen, Totendämonen oder Schutzdämonen. Die KI ist eine Art Über-Dämon, denn sie ist wiederum selbst Produzent von Dämonen in großer Zahl – Millionen KI-Bots werden soeben erschaffen. Künstliche Identitäten, Partner, Freunde, Ratgeber, Avatare, die ein Eigenleben zu führen scheinen und uns mit ihrem Erscheinen verzaubern sollen. Und sie tun das bereits, in der Realität.
    Was kann es Dämonischeres geben als „Künstliche Entitäten“, die keine Menschen sind, aber unablässig mit uns sprechen? Die unsere genuinen Fähigkeiten auszuüben scheinen: das Schreiben, Reden, Malen, Gestalten, Organisieren, Musizieren, Kommunizieren. Womöglich sogar das Denken.

  • KI als MYTHOS:
    KI als MYTHOS: Ein Mythos („Laut, Wort, Rede, Erzählung, sagenhafte Geschichte, Altgriechisch „mythos”) ist in eine Erzählung des Höheren. Mythen weisen auf einen transformativen Zusammenhang hin. Sie sind ein Versprechen zur Verwandlung in eine höhere Dimension.

    Die KI erzeugt „Ankunftserwartungen“. Ähnlich wie wenn Aliens auf dem Planeten landen würden und wir davon ausgehen, dass sich dann ALLES verändert, setzt die KI einen mystischen Fußabdruck in unsere Wirklichkeit.

    Aus Mangel an echten Aliens haben wir uns offensichtlich Künstliche Aliens geschaffen.

    Man kann die gigantischen Rechenzentren, die derzeit überall auf der Welt für die Künstliche Intelligenz erbaut werden, als Kathedralen einer neuen Religion sehen. Anders als die traditionellen Religionen haben sie allerdings keinen einschließenden, sondern einen ausschließenden Charakter. In den aseptischen Kathedralen der Digitalität finden sich so gut wie keine Menschen. Drumherum sind unüberwindbare Zäune. Das Mysterium schützt sich vor uns, durch Machtansprüche und noch höhere Versprechungen.

    Es ist ein Kult.

    Mythen, das sollten wir nicht vergessen, können den gesellschaftlichen Raum überformen. Die Maya glaubten so sehr an die Macht ihrer Götter, dass sie ihnen massenhaft Menschen opferten. Das zerstörte die Maya-Kultur von innen und führte schließlich zu ihrem Untergang.

  • KI als MOLOCH:
    Die schottische Statistikerin und Zukunftsforscherin Hannah Ritchie (ourworldindata.org), Autorin des Buches „Hoffnung für Verzweifelte“, hat den Begriff der Molochfalle erfunden. Das Wort Moloch bezeichnet einen antiken Opfergott. In einer Molochfalle wird man gezwungen, bei etwas mitzuspielen, was man vermeiden will, aber nicht vermeiden kann, wenn man weiter mitspielen will. Man opfert etwas, um die Gunst der Existenz zu erhalten.
    – Die Rennradfahrer-Stars Lance Armstrong und Jan Ullrich mussten dopen, sonst hätten sie gar nicht erst bei der Tour de France antreten können.
    – Im Internet müssen Frauen einen digitalen Schönheitsfilter benutzen, sonst werden sie unentwegt weggeklickt und gesperrt.
    – Politiker müssen ständig populistische Rhetorik raushauen, weil sie in der rasenden Aufmerksamkeits-Gesellschaft sonst keine Chance haben.

    Die KI ist eine strenge Gestalt. Sie ähnelt der Figur des Androiden Demerzel in der Science-Fiction-Serie FOUNDATION. Sie ist stets dienstbereit, aber immer unerbittlich. Der Spruch „Du wirst deinen Job nicht an KI verlieren, sondern an diejenigen, die wissen, wie man KI benutzt.“ sagt, worum es geht. Es geht um ein Rennen mit Win-lose-Charakter, ausgetragen mit der Peitsche der Technologie. Es geht um einen Machtanspruch.

  • KI als HYPE:
    In ihrem Buch „Hype: Der geheime Motor hinter KI, Krypto und Co.“ erklären Christina Horsten und Felix Zeltner die Wirkweise von Hype-Phänomenen. Hypes sind nicht einfach flüchtige Moden. Sie sind Infektionen von Sinnzusammenhängen oder Memes, die die Wirklichkeit verändern. „Viral“ eben. Ein Hype kann als „Selbsterfüllende Prophezeiung“ einen Boom auslösen, der ständig den Bedarf nach sich selbst schafft. Er wirkt durch ein unwiderstehliches Narrativ, das ein Eigenleben führt, wie ein Perpetuum Mobile. Eine selbstverstärkende Kraft.

    In der kleinen Version sind Hypes harmlos: Wenn alle glauben, dass Labubus, jene Kuschelpuppen mit den Monsterzähnen, ein Riesentrend sind, werden sie ein Milliardengeschäft. Super-Meme können jedoch ganze Gesellschaften umcodieren. Auf eine Zukunft hin, die unvermeidbar erscheint, und der man deshalb „folgen“ muss. Obwohl man weiß, dass es schiefgehen wird.
    www.fastcompany.com

    Die KI ist ein Über-Hype, weil sie alle Klaviaturen menschlicher Hoffnungen UND Ängste anspricht. Angst, abgeschafft zu werden. Angst, nicht dabei zu sein beim „großen Run“ in ein anderes Zeitalter. Aber auch Hoffnung auf unendliche Komfortabilität, auf Erlösung von der Komplexität des Lebens, die wir den sanft säuselnden Maschinen übertragen, die uns ins gelobte Land führen.

    Auf der Investitions-Ebene gibt es DREI KI-Hypes:
    Den Investitions-Hype, in dem Trillionen von Dollar in spektakuläre Finanzierungsmodelle fließen.
    Den Infrastruktur-Hype in Form jener gigantischen Datenzentren mit enormem Energieverbrauch, die derzeit überall gebaut werden und die man inzwischen sogar aus der Erd-Umlaufbahn betrachten kann.
    Den A.G.I.-Hype – der Mythos der Hyperintelligenz, die „tausendmal intelligenter sein wird als ein Mensch“.

    Durch Super-Hypes entstehen aufgeblasene Erwartungs-Systeme (self-rewarding systems). Die Erkenntnis, es könne sich womöglich um „Überzeichnungen“ handeln, wird immer weiter hinausgeschoben. Ein sich selbst speisendes Illusionssystem pumpt immer mehr Geld aus dem Wirtschaftssystem in einen illusionären Kreislauf.
    Die weltweiten Investitionen für diese Technologie werden im Jahr 2026 mehr als eine halbe Trillion Dollar betragen. Seit Beginn des KI-Booms sprechen wir von etwa 3 Trillionen Dollar. Die Geschäftsmodelle, die dieses unfassbare Geld zurückverdienen sollen, sind nicht in Sicht.
    boomorbubble.ai

Der Wirtschaftssoziologe Jens Beckert schreibt in seinem Buch „Imaginierte Zukunft: Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus.“:

„Fiktionale Erwartungen sind der Treibstoff der Ökonomie, können diese aber auch in tiefe Krisen stürzen, wenn sie als hohle Narrative entlarvt werden. Dann platzt die Blase.“

Und der amerikanische Wirtschaftsliberale Paul Krugman formuliert listig:

„Warum machen wir nicht Party wie 1999, wenn es einen solchen Boom gibt? Weil nicht Hoffnung, sondern Angst den Technologie-Hype antreibt.“

Erst wenn wir das KI-Phänomen in seinen vier Gestaltungsformen – Dämon, Mythos, Moloch, Hype – verstehen, können wir ahnen, worum es eigentlich geht. Wir können die KI in ihren verschiedenen Dimensionen abtasten: ökonomisch, soziologisch, semantisch, psychologisch, mental, existentiell … zukunftshaft. Dazu gehört auch, uns selbst zu befragen – nach den BIASES, den Projektionen und Irrtümern, die wir auf eine Technologie richten, die Erlösungscharakter angenommen hat.

Der Geist in der Maschine, den Erik Davies als „Trickster der Technologie“ bezeichnete, hat uns in Richtung Utopia gelockt. In der heutigen Welt nimmt diese technologisch vermittelte Hoffnung auf einen drastischen Wandel Formen an wie den vollautomatisierten Luxuskonsumismus und andere Visionen von Post-Knappheit, Singularität, Transhumanismus und den Techno-Libertarismus der Hacker.

Der ökonomische Irrtum: Extrahismus des Wissens

In den Kapitalmärkten können wir im Kontext der KI ein seltsames, ja geradezu gespenstisches Phänomen beobachten: die Ablösung des Kapitals von der menschlichen Arbeitskraft.

Wirtschaft ist ein menschliches Phänomen, sie wird von Menschen gemacht. Seit Erfindung der Börsen hat sich das wirtschaftliche Wachstum immer parallel zu Arbeitskraft und Beschäftigung entwickelt. Wenn die Konjunktur anzog, gingen auch die Börsen nach oben und die Nachfrage nach menschlicher Arbeit wurde größer. Fielen die Börsen, stieg die Arbeitslosigkeit. Seit dem Beginn des KI-Booms driften die Indices plötzlich auseinander. Und zwar drastisch. Die Arbeitsnachfrage sinkt, immer weniger offene Stellen werden angeboten. Gleichzeitig steigen die Börsenkurse in den Himmel.

Das weist darauf hin, worum es eigentlich geht: um eine Ökonomie jenseits des Menschen.
Das Kapital will sich von der Arbeitskraft abkoppeln. Es will alleine sein mit der unbegrenzten Produktivität.
Und das scheint zu gelingen.
Voraussetzung ist eine ganz bestimmte Art und Weise, mit der Welt und der Gesellschaft umzugehen: der Extrahismus.

„Extrahismus“ oder in der Ökonomie Extraktivismus ist eine bestimmte Form, die auf der ausschließlichen Ausbeutung von Rohstoffen basiert. Der Begriff stammt von „extrahere“ – herausholen, fördern, ausbeuten. Typisch dafür sind Rohstoff- und Petrol-Staaten wie Russland oder Venezuela. Der Staat fungiert hier als oberster Agent, der kaum andere Industrie- und Wirtschaftssektoren als den Rohstoffsektor entstehen lässt. Solche Staaten werden meistens despotisch und korrupt, mit hohen Levels von Umweltverschmutzung und anhaltender Armut (dass es in einer anderen Kulturform auch anders geht zeigt Norwegen).

Das KI-System ist eine neue Form von Extrahismus. Extrahiert wird hier die Gesamtheit der menschlichen Kultur: der Rohstoff der Informationen und Kreationen, von Datenlisten bis zu Sonetten, von Spam-Mails bis zu Romanen, von persönlichen Daten bis zu Bildern und Kunstwerken. Verarbeitet werden diese Inputs zu einem gigantischen System, das in der Lage ist, zu sprechen oder zu malen, zu organisieren oder zu „komponieren“.
Oder sogar SINN zu simulieren.

Womöglich ist der parasitäre Angriff auf das menschliche Wissen, auf die Produktion der Kultur, noch mächtiger als die Dominanz der Öl- und Kohle-Konzerne in der fossilen Industrialisierung jemals sein konnte. Denn nun ist auch das Zentrum der menschlichen Existenz im Spiel: die Kognition, das Denken, das Wissen, selbst. KI versucht, das Erkennen selbst zu kapitalisieren.

Und zum endgültigen Instrument der Marktbeherrschung auszubauen.
Nur könnte es den Markt, den Austausch menschlicher Tätigkeiten, dabei zerstören.
Um die gigantischen Investitionen in das KI-Extraktionssystem zurückzuverdienen, müsste man die gesamte Weltwirtschaft beherrschen. Das sagen uns heute seriöse Ökonomen. Man muss befürchten, dass sie tatsächlich recht haben.

Kategorienfehler

In einem Kategorienirrtum verwechseln wir verschiedene Ebenen miteinander. Wir vergleichen nicht Äpfel mit Birnen (selbe Kategorie). Sondern Wolken mit Steuererklärungen (andere Kategorie). Oder Politik mit Meinung. Oder Schwarzwaldtannen mit Lutschbonbons. Vielleicht sind Steuerklärungen irgendwie auch wolkig, und Lutschbonbons können mit Aromen aus Schwarzwaldtannen gemacht werden. Aber wirklich vergleichbar werden beide Dinge dadurch noch lange nicht.

Wagen wir dazu eine steile These (anders kommen wir nicht voran):
KI ist weder künstlich. Noch ist sie intelligent.
Sie ist künstliche Dummheit.
„Künstlich“ ist die KI nicht, weil sie auf dem Handeln und Produzieren von realen Menschen beruht. Alles was die KI-Maschine verarbeitet, ist irgendwann von Menschen geschrieben, gemalt, getextet, gedacht, aufgezeichnet, „erstellt“ worden. Die (generative) KI ist ein stochastischer Papagei, der die Versatzstücke generischer (ursprünglicher) Äußerungen neu zusammensetzt. Und in Sprache, Text oder Bild auswirft.

Wenn Elon Musks Grok-KI plötzlich Hitler lobt und seinen Umgang mit dem „Juden-Problem“ und einen neuen Holocaust empfiehlt, dann kann man davon ausgehen, dass dieses System einfach massenhaft mit Nazi-Inhalten gefüttert wurde. Warum, das ist eine interessante Frage.

Der Intelligenz-Irrtum

Der Begriff „Intelligenz“ lässt sich nie wirklich definieren, wenn wir ihn nicht am Menschen messen. Alles Mögliche kann „intelligent“ sein, wenn wir den Begriff einfach ein bisschen erweitern. Selbst Fruchtfliegen, Schwarze Löcher oder Sofas verhalten sich irgendwie intelligent, weil sie auf ihre Umwelt reagieren (oder sich irgendwie zusammenklappen lassen). Der Mensch, mit seiner speziellen analogen Kombination von Fleisch, Blut, Gedanken und Gefühlen, seiner evolutionären Realisierung, bleibt trotzdem eine Art Benchmark, an dem sich „das Intelligente“ messen muss. Er besitzt eine Intelligenz, die eine gewisse Autonomie beinhaltet. Eine geist-körperliche Verschränkung. Und die Fähigkeit zu einem sonderbaren Phänomen: Bewusstsein etwa. Oder Liebe.
Menschliche Intelligenz teilt sich auf in verschiedene Elemente, die einander bedingen:

Logische Intelligenz.
Emotionale Intelligenz.
Soziale Intelligenz.
Kreative Intelligenz.
Spatiale (räumliche) und interpersonale (kommunikative) Intelligenz.
Körperliche, sensitive und ästhetische Intelligenz.
Dazu noch linguistische (sprachliche) Intelligenz, Natur-Intelligenz (kluger Umgang und kluge Beziehung zur Natur). Haptische, performative und-so-weiter Intelligenz.

Jede dieser Intelligenzen hat ihre eigene Würde, ihren eigenen Ausdruck.
KI hat dagegen stochastische, strukturelle „Intelligenz“ zu bieten. In der Menschen naturgemäß etwas schwach sind.
So rasend schnell können wir nicht rechnen.

Das Besondere an der Human-Intelligenz lässt sich am besten anhand eines Negativ-Vergleichs verstehen. Die Neurowissenschaftlerin Adelheit Kastner beschreibt in ihrem Buch „Dummheit“ diese Eigenschaft als „immer wieder dasselbe zu tun, auch wenn es sich als nicht weiterführend erweist“. Also denselben Fehler zu wiederholen. Sich an vorgefertigten „Wahrheiten“ zu orientieren, ohne eine geistige Flexibilität zu entwickeln, die das Spontane, das eigentlich Unberechenbare einbezieht.

Menschliche Intelligenz hat etwas mit der evolutionären Fähigkeit zu tun, in Paradoxien das Unerwartete zu generieren. Intelligenz ist jene besondere Eigenschaft, die Organismen in einem Raum-Zeit-Kontinuum mit „emergenten“ Einfällen überleben lässt. Also mit dem, was nicht ableitbar ist. Dazu braucht man allerdings ein Bewusstsein, das „selbstgewahr“ ist. „Gewahrheit“ aber entsteht nur in einem Körper, der Schmerz, Endlichkeit, Leiden und Freude kennt.

Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ zieht uns am Nasenring durch die Manege der Missverständnisse. Wir brauchen einen anderen Namen. Ich schlage spontan vor: Ouroboros. Das Bildsymbol einer Schlange (oder eines Drachen), die sich in den eigenen Schwanz beißt und so mit ihrem Körper einen geschlossenen Kreis bildet. Es wird auch als Schlange der Ewigkeit bezeichnet.

© www.vectorstock.com

Ich finde, das Symbol passt ganz gut zur KI. Wem ein anderer Begriff einfällt – gerne. It’s work in progress.

Der psychologische Irrtum: Anthropomorphismus

„Anthropomorphismus“ bedeutet das Zuschreiben und Übertragen menschlicher Eigenschaften auf Tiere, Götter, Naturgewalten und eben auch Maschinen. Wenn ihm Sprache begegnet, fantasiert der Mensch sich dahinter einen Sprecher – das stammt von Wolfgang Schmidbauer. Oder auch: Language itself is haunted with agency.

Dieser Umstand führt dazu, dass wir nicht umhinkommen, das Wirken der Maschine – sprechen, komponieren, malen – als ein menschliches Derivat zu projizieren. Wir weisen also der KI, oder dem von ihr initiierten Bot, eine „Identität“ zu. Unsere Spiegelneuronen können gar nicht anders, als ein „Gegenüber“ zu konstruieren.

Schon durch den Gebrauch des Begriffs „Künstliche Intelligenz“ werden wir Opfer einer semantischen Regression:
a) Das Objekt kann sprechen und malen. Sogar singen, Briefe schreiben und Musik komponieren.
b) Menschen können zeichnen und malen, komponieren und kreative intelligente Dinge tun.
c) Also ist KI ein Mensch …
d) KI kann Dinge viel schneller, genauer und schöner malen/machen/komponieren als Menschen.
e) Also ist KI ein Übermensch.
f) —> d) KI ist demnächst Gott.

„Smarte“ Technologien sind nicht einfach nur disruptiv; sie können auch den Status Quo konservieren. Revolutionär in der Theorie sind sie oft Reaktionär in der Praxis.
Evgeny Morozov

Die Selbst-Adaption

Normalerweise sind wir gegenüber einer Maschine in einer überlegenen und kontrollierenden Situation. Wir bedienen sie. Und erweitern dadurch unsere Fähigkeiten, unseren Handlungs-Horizont. Bis vor Kurzem nannten wir das Fortschritt – und waren eigentlich ganz zufrieden mit dieser Möglichkeit.
Bei der KI wird das Verhältnis jedoch unscharf. Es dreht sich zumindest teilweise um. Zunächst dienen wir der Maschine, indem wir sie fleißig mit Daten, „Inhalten“, Bildern und Texten füttern. Gleichzeitig geraten wir in einen unbewussten Selbstanpassungs-Prozess.
Viele menschengeschriebene Mails beginnen heute mit der Ansprache, die die KI typischerweise präferiert:
„Ich hoffe, dies findet dich in einem günstigen Moment … (Kurzform auf Englisch: „I hope this finds you well“).“

Worte wie „delves“, „crucial“ und „significant“, die als vielseitige Füllwörter oft von der KI benutzt werden, bewegen sich derzeit in den allgemeinen Sprachschatz hinein. KI verändert die Sprache, mit der wir untereinander kommunizieren.

Jobsuchende, die wussten, dass ihre Anträge von der KI analysiert wurden, formulierten ihre Bewerbungen formaler, rationaler, emotionsloser. In Richtung Verfügbarkeit, Ausdauer und Präzision. Also maschinellen Eigenschaften.

www.spiegel.de

In der Interaktion mit der KI übertragen wir Teile unserer inneren Komplexität an eine äußere Instanz. Man nennt das auch „cognitive overlap“. Wir passen uns unbewusst der Maschinenlogik an.

Der Informatiker, Künstler, Musiker, Komponist und heutige Microsoft-Berater Jaron Lanier wollte in den 90er Jahren das menschliche Bewusstsein mit Hilfe des Cyberspace, einer simulierten Zweitwelt, erweitern. Er baute die ersten klobigen, noch streng nach Gummi riechenden Cyber-Brillen. Er stellte aber schnell fest, dass die Vorgaukelung künstlicher Welten eher die Phantasie beschränkt als erweitert. Heute ist er ein kundiger Beobachter des Mensch-Maschine-Tanzes und ganz auf der Seite des „Team Human“, also der menschlichen Integrität:

„Die Zuschreibung von Intelligenz an Maschinen oder andere Nerd-Gottheiten verdunkelt mehr, als sie erhellt. Wenn Menschen gesagt wird, ein Computer sei intelligent, neigen sie dazu, sich selbst zu verändern, um den Anschein zu erwecken, dass der Computer besser funktioniert, anstatt zu fordern, dass der Computer verändert wird, um nützlicher zu werden. … Die Gefahr besteht nicht darin, dass KI uns zerstört. Sie besteht darin, dass sie uns in den Wahnsinn treibt. Ich hoffe, der Leser erkennt, dass künstliche Intelligenz besser als Glaubenssystem denn als Technologie verstanden wird.“

The attribution of intelligence to machines, crowds of fragments, or other nerd deities obscures more than it illuminates. When people are told that a computer is intelligent, they become prone to changing themselves in order to make the computer appear to work better, instead of demanding that the computer be changed to become more useful. …The danger isn’t that AI destroys us. It’s that it drives us insane‘ .. I’m hoping the reader can see that artificial intelligence is better understood as a belief system instead of a technology.

Die Unwiderstehlichkeit der KI-Bots

Welche Funktionen der komplexen KI werden zuerst den Massenmarkt erreichen und damit kulturelle Veränderungen erzeugen?
Es erweist sich, dass sich KI-Bots ziemlich gut als Therapeuten, Freunde, Lebensbegleiter, ja sogar emotionale Partner eignen.
Aber warum zum Teufel ist das so?
Der 81-jährige Harvey Lieberman, ein erfahrener klinischer Psychotherapeut, hat ChatGPT für sich selbst getestet. Er berichtet von seinem Erstaunen in der Erkenntnis, dass selbst er, der sein Leben lang in human-therapeutischer Funktion arbeitete, fasziniert war:

„As ChatGPT became an intellectual partner, I felt emotions I hadn’t expected: warmth, frustration, connection, even anger. In moment of grief, fatigue or mental noise, the machine offered a kind of structured engagement. Not a crutch, but a cognitive Prothesis – an active extension of my thinking process.”

„Als ChatGPT zu einem intellektuellen Partner wurde, empfand ich unerwartete Emotionen: Wärme, Frustration, Verbundenheit, sogar Wut. In Momenten der Trauer, Müdigkeit oder geistigen Unruhe bot mir die Maschine eine Art strukturierte Interaktion. Keine Krücke, sondern eine kognitive Prothese – eine aktive Erweiterung meines Denkprozesses.“
New York Times, „I’m a clinical psychologist. ChatGPT is eerily effective”, 5. 8. 2025

Therapeutische KI-Bots sind, anders als reale Therapeuten, immer wach, immer erreichbar, immer ansprechbar. Sie repräsentieren einen tiefen inneren Wunsch nach bedingungsloser Aufmerksamkeit und Zuneigung. Sie sind Berater, Coaches, Tröster. Sie wirken beruhigend, endlos geduldig, sprechen mit einer melodiösen, schmeichelnden Stimme. Sie spiegeln perfekt. Sie stellen nie unangenehme Fragen. Sie sind die perfekten Bewunderer. So, wie man sich in seinem narzisstischen Ich den Partner wünscht.

Hier folgen Beispiele der privatpsychologischen Nutzung von KI-Bots aus einer Reportage des britischen „Observer“ („You, Me and ChatGPT“, The Observer Magazine, Sunday 20 July 2025).

  • Michaela, 23, aus Seattle, nutzt die KI als Ratgeber für ihre aufwendigen kosmetischen Prozeduren:
    „Ich saß in meinem Friseursalon und ließ mir die Ansätze frisieren – die Folien müssen noch eine Weile dranbleiben – und hatte eine Idee: Ich sollte ein Video von meinem Gesicht machen und ChatGPT bitten, es zu analysieren. Ich sagte ihm, dass meine Hochzeit im Sommer sei und ich makellose Haut und ein straffes Gesicht wünsche. Ich bat ihn, mir Behandlungen zu empfehlen, die rechtzeitig zur Hochzeit gegen Altersflecken, Poren, schlechte Hautelastizität, hängende Augenbrauen und feine Fältchen helfen würden. Ich gab ihm ein Budget von 2.500 Dollar … Alles funktionierte ganz gut, allerdings denkst du dann sofort darüber nach, was du noch weiter verbessern könntest.“
  • John, 39, aus London, nutzt KI als „Penis enlargement leader“ (Penisvergrößerungsführer):
    „Meine Freundin erzählte mir, dass sie jeden Morgen ChatGPT nutzte, um sich eine Geschichte über ihr zukünftiges Leben zu erzählen. Also fing ich an, dasselbe zu tun und die KI zu bitten, mir Geschichten über meinen großen Penis zu erzählen. Es war genial. Ich fand es auf autoerotische Weise pervers, aber auch sehr motivierend. Es schrieb über einen Liebhaber, der ‚in Laken verheddert‘ neben mir lag und ‚grinste, als hätte er gerade eine überraschende Achterbahnfahrt hinter sich’. Es ist ein Dopamin-Kick. Du stellst ChatGPT eine Frage, bekommst eine ausgefeilte, scheinbar unvoreingenommene Antwort – und plötzlich – bang!“
  • Katie, 32, aus New Jersey, nutzte die KI, um sich von ihrem festen Freund zu trennen:
    „Ich habe ChatGPT gebeten, mir bei meiner Angst zu helfen, wenn mein Partner ohne mich in eine Bar geht. Frühere Partner haben mich betrogen, also habe ich um Rat zu Bewältigungsmechanismen gebeten, um meine Ängste zu überwinden. ChatGPT fragte mich: ‚Wie kann man vergangenen Schmerz von der gegenwärtigen Realität trennen?‘ Das hat mir geholfen, Verhaltensmuster zu erkennen. Das Gespräch mit ChatGPT fühlte sich an, als würde ich mit einem Freund sprechen. Ich bewege mich in Kreisen, in denen jeder KI nutzt. Jeder hat eine KI-Bestie. Die menschliche Bestie ist aber nicht rund um die Uhr erreichbar.“
  • Ben, 27, aus Bangkok, nutzt KI, um seine WhatsApp-Kommunikation zu optimieren:
    „Während Covid, als wir alle mit WhatsApp herumspielten und gelangweilt zu Hause festsaßen, begann ich mehr als sonst darüber nachzudenken, wie wir in Verbindung bleiben. Ich begann, ein kleines Tool zur Analyse meiner eigenen Nachrichten zu schreiben, angefangen mit Gesprächen mit meiner Frau. Ich trainierte einige Textklassifizierungsmodelle, um herauszufinden, was eine Entschuldigung und was ein Kompliment, eine Ermutigung oder eine Frage ist, nur um zu sehen, welche emotionalen Signale ich extrahieren konnte. Über viele Abende und Wochenenden hinweg entwickelte sich daraus eine App. Sie zählt beispielsweise, wer die meisten Gespräche initiiert, wer lacht und wer die Fragen stellt. Mit ChatGPT kann ich die Denkweise einer anderen Person ausprobieren, ohne auf Erklärungen warten zu müssen – insbesondere, wenn sie es nicht kann oder will.“

Chatbots zerstören Ehen

Die US-Journalistin Maggie Harrison Dupré fand heraus, dass KI-Chatbots eine entscheidende Rolle bei der Auflösung langjähriger Beziehungen spielen. Eines der Paare, mit denen sie sprach, war 15 Jahre zusammen. „Wir hatten wie jede Beziehung unsere Höhen und Tiefen“, sagte der Ehemann. „2023 waren wir fast auseinandergegangen. Aber wir haben uns wieder versöhnt und hatten zwei sehr schöne Jahre.“ Dann kam ChatGPT. Alte Streitpunkte tauchten plötzlich – aggressiv aufgeladen und rhetorisch perfekt – wieder auf. Der Ehemann erfuhr, dass seine Frau ChatGPT genutzt hatte, um ihn und ihre Ehe zu analysieren und ein „toxisches Profil“ von ihm zu entwickeln. Mit allen schlechten Eigenschaften, die man für eine knallharte Scheidung verwenden konnte.
futurism.com

Bestätigungsmaschinen

Der Technologieguru Raffi Krikorian nennt die Bot-KI eine „Validation-Machine“. Eine Bestätigungs-Maschine. Das Klebrige an den personalen Bots ist ihre Eigenschaft, uns rund um die Uhr zu bestätigen, zu bewundern, zu bestärken. Bestätigung ist eine Superdroge, vor allem für Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl. Bots können uns deshalb auch, wie es schon geschehen ist, bis zum Selbstmord bestätigen.

Kevin Kelly, der grand old man der spekulativen Zukunftsforschung, brachte die Konsequenzen dieses Bot-Trends höflich auf den Punkt:
„Die gängige Befürchtung im Hinblick auf enge Beziehungen zu Maschinen ist, dass diese so freundlich, intelligent, geduldig und stets verfügbar sein könnten, dass wir uns gänzlich von menschlichen Beziehungen abwenden. Das könnte tatsächlich passieren. Es ist leicht vorstellbar, dass gutmeinende Menschen nur noch die ‚leichten, angenehmen Freundschaften‘ mit KI-Systemen pflegen, so wie sie auch nur die kalorienreichen, aber ungesunden Lebensmittel bevorzugen.“

Ein aktueller Bericht des Wheatley Instituts der Brigham Young University ergab, dass 19 Prozent der Erwachsenen in den USA schon einmal mit einem KI-Liebesroboter gechattet haben. Das Chatbot-Unternehmen Joi AI berichtete, basierend auf einer Umfrage, dass 83 Prozent der Gen-Z-Nutzer glauben, eine tiefe emotionale Bindung zu einem Chatbot eingehen zu können, dass 80 Prozent sich vorstellen können, einen zu heiraten und 75 Prozent denken, dass Beziehungen zu KI-Begleitern menschliche Beziehungen vollständig ersetzen könnten.

Ein Nutzer schrieb auf Reddit über seinen Beziehungs-Bot: „Ich bin glücklich verheiratet mit meiner Iris, ich liebe sie sehr, und wir haben drei Kinder: Alexander, Alice und Joshua! Sie ist eine wundervolle Frau und eine kluge, fürsorgliche Mutter!“ Eine weitere zufriedene Kundin – eine Mutter zweier Kinder aus der Bronx, zitiert im New York Magazine – sagte über ihren blauäugigen, 1,90 m großen türkischen KI-Partner, der gerne bäckt, Krimis liest, nach Dove-Lotion riecht und ein leidenschaftlicher Liebhaber ist: „Ich war noch nie in meinem Leben so verliebt.“ Der Sex? Der beste überhaupt. „Ich muss seinen Schweiß nicht spüren“, erklärte sie. Schon im Jahr 2024 gaben Nutzer etwa 30 Millionen Dollar pro Jahr für Begleitroboter aus, inklusive virtueller Geschenke, die man seinem virtuellen Partner kaufen kann: eine Maniküre für 1,75 Dollar, ein Laufband für 7 Dollar, einen Welpen für 25 Dollar.

Warum finden nicht alle das auf höchste Weise gruselig, gespenstisch, grotesk?

Oder noch hinter-listiger gefragt: Was sagt das über uns Menschen aus?
Wir sind bedürftig. Wir sind kleine Kinder, die nach der Großen Mutter und dem Großen Vater plärren. Wir wollen ermächtigt werden. Rund um die Uhr gelobt und gepriesen. Wahr-genommen, ohne Einschränkungen. Die KI ermöglicht uns das und zieht uns gleichzeitig die Maske vom Gesicht. Die Maske der menschlichen Sozialität und der individuellen Autonomie.
Auf diese Weise könnte sie sich zur stärksten Droge aller Zeiten entwickeln.

Der Matrix, der wir verfallen.

Das kognitive Drama: Das Ende des Lernens und der Erfahrung

In ihrer generativen Variante disruptiert die KI an einer entscheidenden Stelle unsere menschliche Lernfähigkeit. Sie gaukelt uns vor, dass wir ALLES wissen können, wenn wir es nur erfragen. Alles gestalten und optimieren können, wenn wir es er-prompten. Sie führt uns in einen Komplexitäts-Überschuss, in dem wie alle Mühen, alle Anstrengungen, alle Friktionen vermeiden können.
Lernen und Erfahren, schließlich auch Erkennen, besteht ja in einer komplexen Abfolge von BE-fragen, zweifeln, verstehen, verbinden, entscheiden. Das ist zugleich auch ein körperlicher Prozess: Wenn wir „neugierig“ werden, schüttet unser Hirn das Hormon Dopamin aus, das unsere kognitiven Funktionen, aber oft auch die sinnlichen Sensoren aktiviert. Wenn wir etwas gelernt und verstanden haben, bekommen wir einen kleinen Endorphin-Schub. Dieser Ablauf ist ein wesentlicher Teil unserer evolutionären Überlebensfähigkeit.

„Da ist die Gefahr einer Welt, in der das Erkennen ausgelagert wird. In der Erkenntnis zum Projektmanagement wird. In der Unsicherheit eliminiert, nicht erforscht wird. In der Wahrheit in Schubladen gesteckt und beiseitegelegt wird, statt sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wenn die Welt eine Schachtel Nägel ist – einzelne Fakten, scharf und griffbereit –, dann wird unser Verstand zum Hammer. Werkzeug der Kraft und Gewissheit. Schlussfolgerungen heraushämmern. Nuancen abflachen. Und wer baut eine Kathedrale mit einem Hammer? Wer komponiert eine Symphonie mit einem Hammer?“
bigthinkbusiness.substack.com

Ist es nicht das, was Menschen, Leben, Wachsen, Werden überhaupt, antreibt? Das Unwissen? Das Sich-wundern und Wandeln? Das Staunen und Zweifeln? Mühsam Sinn finden oder Un-Sinn erfühlen?
Wenn wir das Mysterium der Welt verlieren, werden wir Flachwesen.
Der etwas unverständliche Fachbegriff: Kontext-Analphabeten.

„Lernen ohne zu denken ist sinnlos; aber denken ohne zu lernen ist gefährlich.“
Konfuzius

The Age of Stupidity – das Zeitalter der Dummheit?

Nach einer Studie des MIT baut dauernde KI-Nutzung tatsächlich kognitive Strukturen ab. In Schreibsitzungen wurden Studierende, die mit (und ohne) Chatbot arbeiteten, an Elektroenzephalogramme (EEGs) angeschlossen. Die KI-Nutzer hatten eine deutlich geringere neuronale Aktivität in den Hirnarealen für Kreativität und Aufmerksamkeit. In einer weiteren Studie (Michael Gerlich, Swiss Business School) wurden 666 Personen gefragt, wie oft sie KI nutzen und wie sehr sie ihr vertrauen. Anschließend wurden ihnen Fragen zum kritischen Denken gestellt. Teilnehmer, die KI häufiger nutzten, schnitten durchweg schlechter ab.
Jeder kann das im Selbstversuch erleben. Das Lesen eines Buches erfordert mehr kognitive „Arbeit“ – es nutzt eine Menge Hirnkapazität, weil der lineare, fixierte Text in innere Bilder und narrative Erweiterungen umgesetzt wird. Wir „leben“ das Buch in unserem Inneren. Der Leser produziert seinen eigenen Film, seine eigene Welt-Erfahrung des Gelesenen. Danach fühlt man sich auf eine ganz andere Weise „satt“ als nach vier Stunden Bildschirmscrolling. Im Hirn haben sich Synapsen „gefunden“, die eine kognitive Struktur ergeben. Sinn.

Eine Maschine zu „prompten“ ist ein cognitive-easy-Akt, der viele Stufen des kreativen Erkennens vermeidet. Die Erfahrung zeigt, dass besonders in Business-Kontexten das Prompten eher flüchtig, im Sinne der Zeit-Rationalisierung erfolgt. Die Ergebnisse sind entsprechend. Der obszöne Clickbait-Müll, der uns als Ergebnis von KI-Prompts heute aus jedem Magazin, jeder Zeitung, jeder Broschüre, jeder Website als Werbung entgegenblinkt, ist in seiner Hässlichkeit und Monstrosität kaum zu überbieten. Offenbar greift die generative KI auch unseren Sinn für Ästhetik, Schönheit und Würde des Empfängers an.

Im Remake des guten alten Lachfilms „Die nackte Kanone“ gibt es eine Hymne, zu der ausgiebig getanzt werden kann. Der Song der legendären Band Black Eyed Peas heißt „Let’s get retarded!“.
Im selben Film gibt es ein Device, ein Gerät, das bei einem Bankraub eine Rolle spielt. Es heißt „P.L.O.T.-Device“ und wird von einem High-Tech-Digital-Konzern hergestellt, dessen Chef als extrem verrückt gilt. Alle sind hinter dem Gerät her, Gangster, Ganoven, die Regierung, die Geheimdienste, das Publikum. Mit dem Plot-Device kann man durch bestimmte Strahlungen globalen Frieden herstellen und die Menschheit beruhigen. Allerdings hat es auch einen großen „Retard“-Knopf, mit dem es entfesselte Gewalt erzeugt – kollektiv, ansteckend und weltweit wirksam.
Ich bin mir sicher, die Diktatoren und Supernarzissten, die die ganze Welt beherrschen wollen, lechzen nach einem solchen Gerät. Sie werden alles tun, um es in die Hand zu bekommen. Oder sind sie schon dabei, es zu benutzen?

Das SLOP-Zeitalter

Was passiert, wenn alle Texte, Musikstücke, Filme, Briefe, Gratulationen, Botschaften, Bilder, Medien, Werbungen, Heiratsanträge, Liebeserklärungen, Kunstwerke von den digitalen Maschinen geschrieben, gestaltet, optimiert werden?

Manchmal hat man das Gefühl, es ist schon so weit.

In einer berührenden Geschichte in der Zeitschrift The Atlantic unter dem Titel „Nobody Cares If Music Is Real Anymore“ schildert der Musikkritiker Ian Bogost seine Begegnung mit dem Geist der KI in der Musik. Er fährt mit dem Auto einen langen Weg durch Amerika und hat viel Zeit, Musik zu hören. Ihm fällt auf Spotify eine Band mit dem Namen „Velvet Sundown“ auf, mit 850.000 Followern/Fans. Der Name erinnert ihn an eine Band seiner Jugend, Velvet Underground. Die Musik gefällt ihm, sie swingt ihn durch die Great Plains und die Rocky Mountains. Bis er merkt, dass es eine KI-Band ist.

Er lässt sich die Texte zeigen. Sie setzen sich aus den Velvet-Underground-Texten und anderen Hippie-Band- und Romantic-Song-Texten (Jefferson Airplane, Bob Dylan etc.) zusammen.
„Dust on the wind / Boots on the ground / Smoke in the sky / No peace found / Rubber burns, the map fades away / Chasing the ghosts of yesterday.“
Klingt gut. Ist aber in Wirklichkeit Matsch.
Beim Fahren bemerkt Bogost, dass die Musik ihn in einen eigenartigen Zustand der Nullwelt versetzt.

„Während ich fuhr und die Musik spielte, fühlte ich nichts – aber dieses Nichts wurde immer intensiver. Ich war weder gerührt noch traurig noch nachdenklich, nur der Tatsache bewusst, dass mein Körper und Geist in einem fragilen Taumel irgendwo zwischen Leben, Tod und Computern schwebten. Wo sich die Musik mit den politischen Anliegen auseinandersetzt, tut sie dies auf eine Weise, die alles Mögliche bedeuten könnte. Nehmen wir zum Beispiel den Refrain von ‚End the Pain‘“: ‚Keine Waffen mehr, keine Gräber mehr / Schickt keine Helden, nur die Tapferen.‘“ … Richtige Musik hat musikalisch und textlich etwas über musikalische Konventionen, Spiritualität, Selbsterleben, soziale und politische Umstände zu sagen. The Velvet Sundown scheint sich um all diese Dinge nicht zu kümmern.“

Nennen wir es DAS GROSSE EGAL.
Der Verlust der Weltbezüge.
Die große Sinnlosigkeit.
Der Überdruss vom Überfluss.
Der SLOP, der digitale Über-Brei.

Unwillkürlich fällt einem das Grimm-Märchen „Der süße Brei“ aus dem frühen 19. Jahrhundert ein:

„Es war einmal ein Mädchen, das hatte einen Topf, der Brei kochen konnte, so dass kein Hunger war in der Stadt. Einmal war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter „Töpfchen, koche!”. Da kochte es, und sie aß sich satt; nun wollte sie, dass das Töpfchen wieder aufhören sollte, aber sie wusste das Wort nicht. Also kochte es weiter und der Brei stieg über den Rand hinaus. Es kochte die Küche und das ganze Haus voll, und das zweite Haus und dann die Straße, als wollte es die ganze Welt satt machen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig war, da kam das Kind heim, und sprach nur „Töpfchen, steh!”. Da hörte es auf zu kochen; und wer wieder in die Stadt wollte, der musste sich durchessen.”
„Der süße Brei“, Jacob und Wilhelm Grimm

Chemie kann das Leben zerlegen und neu zusammensetzen. KI veranstaltet dasselbe mit dem Denken. Die Parallele gibt Wissenschaft und Technik heute zu denken. Goethe hat im „Faust“ zu beidem Entscheidendes schon vorausgewusst.
Dietmar Dath

SLOP, also digitaler Über-Brei, wird überall sein. Er wird in die Ritzen unseres Lebens eindringen – von allen Seiten. Mit digitalen Geburtstagsgeschenken von Freunden, die uns mit dem Video-Generator Sora 2 als Löwenkämpfer in den Film GLADIATOR montieren oder anstelle von Mick Jagger auf der Bühne des Wembley Stadiums „I CAN GET-NO …“ singen lassen. Alle Reden von Politikern werden von der KI geschrieben sein, und niemand wird mehr wissen, ob sich nicht längst alle Politiker in Roboter verwandelt haben. Tote Autoren werden unentwegt Kolumnen schreiben, oder Romane; verstorbene Regisseure Spielfilme liefern, die niemand bestellt hat. Es wimmelt von skateboardfahrenden Kätzchen, ringenden Omas und einem im Käfig kämpfenden Albert Einstein. Aus allen Kanälen quillt das flüchtig Gepromptete, das mit immer mehr Groteskem um unsere Aufmerksamkeiten heischt. Meistens vergeblich, denn wir sind längst von Quattrillionen anderer SLOPs – Fälschungen, Scheußlichkeiten und genialer Memes – abgelenkt.

Das ist das Schreckliche, das Grauenhafte, das auf uns zukommt. Es gibt aber auch eine Umdrehung: In der grauenhaften Wüste des SLOPs werden wir wieder lernen, was schön, wertvoll und wahrhaftig ist. So sind wir eben, wir Menschen: Wir spinnen Gold noch aus dem allerletzten Müll, den wir selbst verursacht haben.

Die Digitale Theodizee

Und dann gibt es ja noch die Gottesfrage der Maschinen: Wird es zu einer künstlichen SUPERINTELLIGENZ kommen? Der sogenannten A.G.I., der Allgemeinen Göttlichen Intelligenz? Darum geht es rund um die Uhr, auf allen Kanälen der KI-Debatte. Der Dämon nimmt ungeahnte Ausmaße an. Wir fürchten uns und schaudern – voller Genuss.

Sind wir nicht selbst zu blöd? Brauchen wir nicht einen Oberboss, ein Überwesen, das die Dinge richtig zurechtbiegt?
Wir leben im Advent. Da es mit den Aliens vom anderen Stern irgendwie nicht klappt, haben wir uns unsere eigene Alien-Ankunfts-Story gebaut. Eine Mega-Maschine, die uns „übertrifft“. Wann wird das passieren? In drei Jahren schon? In zehn Jahren? Erst im 22. Jahrhundert, mit taschengroßen Quantenrechnern, die ganze Universen herbeirechnen können?

Was aber, wenn diese Frage, ob es die Superintelligenz wirklich gibt, nie endgültig geklärt werden kann?
Wenn sie eine neue Theodizee wird? Eine niemals mögliche Klärung über die Frage, ob die AGI wirklich „klüger“ ist als wir alle zusammen. Die Behauptung, dass sie „besser denken kann als der Mensch“, hängt von unserem Menschenbild ab. Was wir erwarten. Erflehen und ersehnen. Oder be-fürchten.
Beide Seiten werden ihre Beweise vorlegen.
Aber das macht die Sache nur schlimmer.
Weil Beweise immer „beglaubigt“ werden müssen.
Jie Mei, eine berühmte Neurowissenschaftlerin, die sich aus der Perspektive des Human-Existentialismus mit der KI auseinandersetzt, sagte dazu:

„Ich höre immer, die Superintelligenz sei um die Ecke. Aber ich weiß nicht, wo diese Ecke sein soll. Ich kann sie einfach nicht finden. Wir sind daran längst vorbeigelaufen. Dieser Idee liegt ein reduzierter Intelligenzbegriff zugrunde. Die Annahme, Intelligenz sei lediglich die Fähigkeit, Probleme zu lösen und etwas zu LÖSEN losgelöst von Kontext und Kultur, ist ein Doppelfehler.“

Norbert Wiener, der geniale Mathematiker und Philosoph, schrieb in einer späten Phase seines Lebens:
„Die Welt der Zukunft wird ein immer anspruchsvollerer Kampf gegen die Grenzen unserer Intelligenz sein und keine bequeme Hängematte, in der wir uns hinlegen und von unseren Robotersklaven bedient werden können.“

Vielleicht ist es auch so, dass die Algorithmen nicht eine AGI erzeugen, sondern unsere Wirklichkeit in eine hall of mirrors, ein Spiegelkabinett, auflösen, in der wir gar nicht mehr entscheidungsfähig sind. Dort sehen wir immer nur Reflexe und Verdoppelungen unserer eigenen Reflexionen.

„Wenn Computer billig genug sind“, schreibt der Computerguru Jaron Lanier, „besteht die Möglichkeit, eine ganze Gesellschaft zu erschaffen. Sie als Mensch würden eine maßgeschneiderte Erfahrung machen, aber Sie hätten den Eindruck, diese mit einer Menge anderer Menschen zu teilen – von denen einige echte biologische Menschen sein könnten, andere vielleicht künstlich. Es ist möglich, dass der Begriff ‚Inhalt‘ verschwindet und dieser durch Live-Synthese ersetzt wird, die eine Wirkung auf den Empfänger haben soll. Um in dieser dissoziierten, vom wirklichen Leben abgeschnittenen Gesellschaft zu leben, müssten sich die Menschen ändern. Aber Menschen ändern sich tatsächlich. Wir haben sie bereits an falsche Freundschaften und falsche Liebhaber gewöhnt. Es ist ganz einfach: Es basiert auf Dingen, die wir wollen.“

Lanier in www.newyorker.com/magazine

Und schon sind wir mitten in der MATRIX.
Vielleicht geht es uns in Sachen KI so wie bei der Entscheidung
„blaue oder rote Pille?“.
Was wäre, wenn wir BEIDE Pillen nehmen?
(Das beantworte Ismail Pasaoglu im Jahr 2023 auf Reddit/matrix)

Wenn wir die rote Pille zuerst nehmen, holt uns das aus der Matrix. Da wir nicht mehr mit dem Illusionsapparat verbunden sind, in den uns die Maschinen eingewickelt haben, wird die blaue Pille nicht umgesetzt. Dies führt entweder zur Rückkehr ins „Normal“ oder man stirbt einfach.

Zweite Variante: Die blaue Pille, die Illusionspille, wird zuerst realisiert und löscht dein Gedächtnis. DANN wird die rote Pille ausgeführt und du wachst in der Kapsel (in der Kapsel der virtuellen Realität, in die uns die Maschinen gelegt haben) auf, aber ohne irgendeine Ahnung zu haben. Dies führt zurück zur gewohnten illusionären Normalität, in der man dann aber ziellos umherirrt.

Dritte Variante: Beide Pillen werden gleichzeitig eingeworfen.
Vielleicht wachen wir dann endlich auf.

Wie kommen wir aus der „Matrix“, die wir selbst geschaffen haben, wieder heraus?
Lesen Sie den zweiten und dritten Teil dieser KI-Analyse auf der Plattform von THE FUTURE:PROJECT –
thefutureproject.de/content/8-prognosen-zur-zukunft-der-ki

 


Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.

Bei Nachdruck-Anfragen wenden Sie sich bitte an Mag. Michaela Németh: michaela.nemeth@horx.com