153 – Die neue Zukunfts-Romantik
Was sagt uns das BEYOND-Cover des Jahres 2026?
Über die Bedeutungen des Horizonts
Matthias Horx, November 2025

Was sehen wir auf diesem Cover? Ein Mensch, offensichtlich ein Mann, schwebt – ja wo? Im Orbit. Er hat keinen Raumanzug an. Und noch etwas anderes ist seltsam. Die Erde ist invers – der Horizont krümmt sich nach innen.
Dort, wo der schwarze Weltraum sein sollte, ist der Himmel.
Das Bild stammt von meinem Zukunftskünstler-Sohn Julian, der heroisch mit der KI gekämpft hat, um ihr eine Komposition zu entlocken, die eben nicht aussieht wie eine KI-Produktion. Und eine Tiefe ausweist, die an die alten Meister erinnert.
Wenn die Zeiten düster werden, blühen Lebenshaltungen der Sehnsucht.
Wir leben in einer zukunftsmüden Zeit. Alles scheint sich im Kreis zu drehen, in endlosen Be-Fürchtungen, Vor-Würfen, Ängsten, Spaltungen, Konflikten, Paradoxien, die nicht zu lösen sind. Das überwunden geglaubte Reaktionäre, Dumpfe, Aggressive kehrt zurück. Alles scheint irgendwie gegeneinander zu kämpfen: Ökonomie gegen Ökologie. Politik gegen Gesellschaft (USA). Männer gegen Frauen (und umgekehrt). Technologie gegen Wissen und Wahrheit. Nichts scheint mehr zusammenzupassen, sich zu verbinden zu einer Synthese, die einen neuen Horizont bilden kann. Einen Zukunfts-Horizont.
Unsere Zeit ähnelt einer Ära, die zweihundert Jahre zurückliegt. Die europäische Romantik dauerte von der Mitte des 18. bis tief ins 19. Jahrhundert, sie hatte um 1825 ihren Höhepunkt, im sogenannten „Biedermeier“. Diese Zeit, diese Epoche, ähnelte der unsrigen sehr: Es gab enorme technische Versprechen, Überwindungsträume, Fortschritts-Visionen, ja sogar Revolutionen. Aber gleichzeitig auch Stillstand. Die Industrialisierung, der technische Fortschritt, zeigte seine Nebenwirkungen, die Verelendungen, die Verschmutzungen der Welt. Die Fürsten und Könige waren nach der Zeit der französischen Revolution zurückgekehrt, die „Restauration“ ließ die politischen Verhältnisse erstarren.
Das Alte hatte nicht aufgehört.
Und das Neue nicht wirklich begonnen.
Caspar David Friedrich – Mondaufgang am MeerQuelle: de.wikipedia.org
So blickte man auf den Horizont. Mit großer Sehnsucht und Melancholie.
Einer der großen Meister dieser Zeit war Caspar David Friedrich. Auf eine fast schon hysterische Art ist dieser Maler der Romantik heute wieder ein Superstar: Keine Ausstellungen sind so voll wie „CDF“-Ausstellungen. An die Orte seiner Bilder pilgern Tausende aus allen Ländern der Welt. Aber sie machen dort keine (oder wenige) „Selfies“. Die Bilder Caspar David Friedrichs sind das Gegenteil von „Posen“. Sie sind Einkehrungen und Ausblicke. Meditationen, die die Welt und den Menschen in seiner Beziehung zur Hoffnung, zur Zukunft, zum Horizont, zur Natur zeigen.
Friedrich litt an den Verhältnissen. Er fühlte sich verloren in einer „knirschenden Zeit“ der Restauration, in der Bespitzelungen, Intrigen an der Akademie und Zensur an der Tagesordnung waren. Er suchte nach einer Haltung der Weltsicherheit, was ihm nicht immer gelang. Er schrieb um 1825:
„Seit einiger Zeit fühle ich mich unwohl … Ich habe mich soeben im Pelze gehüllt am Pulte gesetzt um mich den heutigen Tag mit euch lieben zu unterhalten. Es ist mir Bedürfniß euch, meine Brüder, wiederholt von Zeit zu Zeit zu sagen wie sehr ich euch liebe und wie unbegränzt mein Zutrauen zu euch ist; je mehr ich mich durch gemachte bittere Erfahrungen in mich selbst zurückziehe. Lasset aber durch die Aeußerungen keine Sorge in euch aufkommen denn dies sind ja Erfahrungen die mehr oder weniger jeder Mensch gemacht hat, wenn er sich einige Zeit in die Welt umher gesehen.“
Caspar David war der Meister des unendlichen Heimwehs. Und der Sehnsucht nach einer Ferne, die ein Versprechen nach dem Anderen, dem neuen Wahren beinhaltete.
© Michael NajjarDer Künstler Michael Najjar lebt heute in Berlin. Und setzt sich in seinen Werken mit unserer Sehnsucht nach dem All auseinander – auch ganz praktisch: er absolvierte eine knallharte Astronauten-Ausbildung. In seinem monumentalen Bild „CDF-X“ hat er den ersten Start von Elon Musks Super-Rakete Starship an den Horizont eines Caspar-David-Friedrich-Bildes gestellt. Najjars Bilder über die Sehnsucht nach dem Weltraum finden Sie als große Geschichte über den NEXT SPACE im neuen BEYOND.
Die Grundthemen der Romantik sind Gefühl, Leidenschaft, Individualität und individuelles Erleben. Es geht um eine Poesie, die uns über unsere Ängste „erheben“ kann. Uns auf poetische Weise mit der Welt verbindet. Auf SUBSTACK, der neuen Plattform für Weiterdenker, heißt es im Blog „THE POETIC PATH“:
„Es gibt einen kollektiven, fast spirituellen Aufschrei nach mehr Kreativität, Sinn und Menschlichkeit in unserem Leben. Wir leben in einer globalen Gesellschaft, die so zwanghaft mechanisiert und kommerzialisiert ist, dass sich viele von uns erdrückt, ausgebrannt und isolierter denn je fühlen. Die Welt scheint sich in den letzten Jahren rasant beschleunigt zu haben. Der individualistische, kapitalistische Traum ist auf seinem Höhepunkt. Technologie vermittelt uns die Illusion von Verbundenheit, hindert uns aber gleichzeitig daran, die volle Wirkung des Oxytocins zu spüren, die durch echten, persönlichen Kontakt entsteht. Die Gesellschaft ist in Stämme zersplittert, und gemeinschaftliche Treffpunkte sind nun hinter Bezahlschranken verschwunden. Wir verwechseln Leistung mit Wirkung. Zeit mit Effizienz. Und die meisten Selbsthilfe-Ratgeber lehren uns, wie wir uns selbst optimieren können, um ein guter kleiner Beitrag zum BIP zu sein. Gleichzeitig lagern wir unser kritisches Denken an KI aus, die droht, unsere Prozesse, unsere Leidenschaften, unsere Lebensgrundlage zu ersetzen…
Wir können keine KI mit einer KI übertreffen.
Aber wir können sie mit Menschlichkeit übertreffen.
Es sind die Risse im Pflaster, wo das Leben sprießt. Wo das, was von Natur aus schön ist – das Leben – zum Vorschein kommt. Der poetische Weg beginnt.“
The Poetic Path: ourmanifesto@substack.com
Man spürt, dass dieser Text vorwiegend von Frauen formuliert wurde. Das ist ein weiteres großes Thema im neuen BEYOND: Weibliche und männliche Zukünfte – gibt es da einen Unterschied? Und wenn ja, wie kann man diesen sinnvoll und nützlich machen, ohne in die alten Antagonismen zu fallen? Stärken wir die Futuristinnen. Oh ja, es gibt sie. Und sie werden einflussreicher.
Hoffen wir gemeinsam das Bessere.
Euer Matthias Horx
© Julian HorxAlle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Bei Nachdruck-Anfragen wenden Sie sich bitte an Mag. Michaela Németh: michaela.nemeth@horx.com
