158 – Die Zukunft wegböllern

Ein Neujahrsgruß

Matthias Horx, Dezember 2025

We are still in the nihilist moment of desillusionment of anger,
after people have lost faith in the old stories but before they have embraced a new one.
Wir befinden uns noch immer im nihilistischen Moment der Desillusionierung und des Zorns,
nachdem die Menschen den Glauben an die alten Erzählungen verloren haben,
aber bevor sie eine neue angenommen haben.

Yuval Noah Harari, „21 Lessons for the 21st century”, S. 17

Verlust ist nichts anderes als Verwandlung.
Epiktet

Großansicht: Bitte auf das Bild klickenWinsor McCay - Little Nemo
Screenshot: raggedclaws.com

Seit ich denken kann, kann ich Sylvester nicht leiden.
Überall diese Botschaften, die Wünsche, die hohlen Phrasen. Das Geböller und Geknatter schon Stunden zuvor. Der Gestank nach Schwefel und schlechtem Alkohol. Dazu die Mayonnaise-Reste – fragwürdige Überbleibsel von Weihnachten mit gastrologischen Konsequenzen. Was soll man auch anderes tun als Overeating und Overdrinking, während man auf „das neue Jahr“ wartet?
Noch zwei Stunden.
Noch zehn Minuten.
Zehn Sekunden …
Und dann?

An dieser Stelle fällt mir Little Nemo ein. In den 80er Jahren eines vergangenen Jahrhunderts versuchte ich mich als Comiczeichner. Ich war fasziniert von den Jugendstil-Zeichnungen des Windsor McCay, der vor 120 Jahren das Genre des Traum-Comics erfand. Seine unfassbar schönen Ganzseiten-Panels erschienen wöchentlich in der New York Times und anderen US-Zeitungen. Ein kleiner Junge namens Nemo träumt von riesigen Palästen, in denen seltsame Dinge passieren. Ringsherum lauern fiese Clowns, Bösewichte mit Zigarren und verrückt gewordene Könige. Explosionen, Löwen, Riesen, Elefanten.
Überall verirrt man sich ins Monströse.
Alles gerät heillos durcheinander.
Kommt uns das irgendwie bekannt vor?

McCay beschrieb in seinen Traumabenteuern die Wendezeit des ausgehenden Fin de Siècle, der Goldenen Epoche Ende des 19. Jahrhunderts. Es war eine ähnliche Zeit wie heute.
Das Alte hatte noch nicht aufgehört. Und das Neue noch nicht wirklich begonnen.

Die Zeit der Omnikrise

Eine Omnikrise ist eine Zwischen-Ära. Aus der Zukunft gesehen wird sie jene Episode sein, in der sich das Alte mit viel Getöse verabschieden musste, damit etwas Neues entstehen konnte. Es kommt zur Großen Allgemeinen Verunsicherung (frei nach einer Popband aus der Steiermark). Alles scheint irgendwie ver-rückt geworden zu sein, wie in einem Kuriositäten-Kabinett. Bedeutungen, Begriffe, Sichtweisen, Werte und Be-Wertungen dessen, was „wahr“ oder „wirklich“ ist, verwirren sich auf schmerzhafte Weise.
Das Grundgefühl einer solchen Ära ist die Fassungslosigkeit.

Der harte Kern einer Omnikrise besteht darin, dass wir uns nicht mehr auf eine Wirklichkeit einigen können. Die Herausforderungen wachsen uns über den Kopf. Technologien, die unser Leben verbessern sollen, wuchern über den Rand unseres Verstehens.

In einem besonders schönen Little-Nemo-Panel zum Jahreswechsel 1909 hält sich das alte Jahr in Gestalt eines alten Mannes mit langem Bart an der Weltkugel fest. Aus den Tiefen des Alls nähert sich das neue Jahr als Baby. Um nicht herunterzufallen klammert sich der Greis an Little Nemo fest:
Nemo: „Don’t grab me, pull me off! Quit! Quit!“

Altes Jahr: „I don’t want to pull you off, I want to steady myself!“
(To steady: Anhalten. Sich stabilisieren.)

An Ende wacht Little Nemo wie immer im Chaos neben seinem Bett auf. Die Mutter ruft zum Frühstück. Oder der Vater mahnt, sich endlich anzuziehen. Mit Aufwachen und Anziehen tut sich Nemo eher schwer. Er möchte am liebsten ewig in seiner Traumwelt bleiben. Auch oder gerade, weil es dort so wild zugeht.
Sind wir nicht alle ein bisschen Nemo?

Not till we are lost (…)
do we begin to find ourselves (…).

Henry David Thoreau

Radikale Ehrlichkeit

Wir alle haben Überzeugungen, Meinungen, Haltungen zur Welt, die wir uns im Laufe unseres Lebens angeeignet haben. Ein „Weltbild“, einen „Mindset“, eine Zukunfts-Erwartung, die unsere Handlungen und Bewertungen steuern, uns eine Perspektive im größeren Ganzen, eine „Identität“ geben. Wir sind als Menschen Erwartungs-Wesen, die auf eine bestimmte Perspektive ausgerichtet sind.

Wenn sich die Welt „draußen“, also die Verhältnisse, die uns umgeben, radikal verändern, geraten wir in eine Art mentalen Strudel. Man nennt das auch die „Kognitive Dissonanz“. Unsere Vor-Stellungen passen mit unseren Wahrnehmungen einfach nicht mehr zusammen. Das macht uns im Wortsinn wahn-sinnig.

Ein typischer Satz, den wir dann ständig vor uns hin murmeln, lautet:
Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Das ist ein Abwehrzauber, der aber nicht besonders gut funktioniert. Wir machen die Erfahrung, dass die Welt sich nicht um unsere Meinungen und Haltungen und Erwartungen kümmert. Das verletzt uns zutiefst. Es macht uns ohnmächtig. Haltlos. Vielleicht auch wütend.

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Entweder klammern wir uns umso mehr an unseren Vorstellungen und Weltkonstruktionen fest. Womöglich steigern wir sogar noch unsere Erwartungen, um die Enttäuschung um jeden Preis zu vermeiden. Was zu einer Vertiefung des Weltschmerzes in Richtung Depression oder negativer Radikalisierung führt.

Oder wir gehen durch einen schmerzhaften Prozess der Ent-Täuschung.
Wir erkennen, dass es sich bei unseren Vor-Stellungen um Illusionen handelte.

Wer an einer kaputten Beziehung festklammert, weil er immerzu die gleichen Erwartungen beibehält, stürzt sich ins Unglück. Wer mit 40 Jahren immer noch die gleichen Erwartungshorizonte hat wie in der wilden Pubertät mit 16, gerät in eine Dauer-Regression, die das Leben verkürzt. Wer stur an einer Erwartungsschleife in Bezug auf Beruf, Erfolg, Glück, Partnerschaft, Zukunft festhält, gerät in die Bredouille (frz. rentrer bredouille = mit leeren Händen oder unverrichteter Dinge zurückkehren; im übertragenen Sinn bezeichnet Bredouille eine Zwickmühle oder ein Dilemma).

Die Alternative ist die aktive Ent-Täuschung. Ent-Täuschung, mit Bindestrich geschrieben, hilft dabei, sich von Illusionen zu verabschieden, die hinfällig sind.

Schauen wir uns also mutig unsere möglichen Irrtümer an:

Wir haben uns geirrt, weil wir glaubten, die Demokratie wäre einfach eine „gegebene Sache“. Eine Gesellschaftsform, die immer Bestand hat, sich als höhere Vernunft überall durchsetzt, immer besser und perfekter „liefern“ kann. Schließlich ist sie das logische Modell der Geschichte (Winston Churchill: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen, abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“).

Wir haben nicht erwartet, dass das Hässliche, Bösartige, Destruktive, Machtgierige, Diktatorische, furchtbar Dumme noch einmal eine derartige Energie erreichen könnte.

Wir haben uns etwas vorgemacht, als wir glaubten, dass Kriege, Gewalt, Zerstörung, dieses unfassbar Schreckliche, das noch das Leben unserer Eltern und Großeltern prägte, im Lauf der Zeit abebben und verschwinden würde. Dass, wenn gewisse grundlegende Ungerechtigkeiten und Unterschiede abgebaut und wir alle ganz friedlich und nett sind, auch die GRÜNDE für Kriege verschwinden würden.
Aus irgendeinem dämonischen Grund scheint der Krieg gar keine „Gründe“ zu brauchen. Er sucht sich die Gründe sozusagen selber. Krieg und Gewalt entstehen irgendwie aus einer dunklen Dynamik heraus, in einer Art selbstverstärkender Schleife.

Wir haben uns anscheinend geirrt, als wir glaubten, der Begriff der „Nachhaltigkeit“ würde als Grundidee der Zukunft den Wandel in eine ökologischere Welt garantieren. In Wirklichkeit macht Nachhaltigkeit eher müde. Irgendwie … bequem. Der Begriff handelt nicht von Veränderung, sondern davon, dass eigentlich alles immer gleichbleibt.

Wir haben uns in der Vorstellung getäuscht, dass Technologie grundsätzlich den menschlichen Fortschritt voranbringt. Aus der euphorischen Idee einer vernetzten digitalen Gesellschaft, in der alle frei miteinander kommunizieren und Informationen und Wissen austauschen können, ist ein Moloch geworden. Das Digitale verbindet sich plötzlich mit der dunklen Seite der Macht.

Aus dem wunderbaren Erfinder und Welten-Veränderer Elon Musk ist ein drogensüchtiges, reaktionäres Monster geworden. Wie konnte das passieren?

Der schwierigste Irrtum liegt womöglich dort, wo wir uns am besten auszukennen glaubten: auf dem Feld der Moral. Dass sich mit Moralität die Welt verbessern lässt, das war so etwas wie die Grundlage unseres Lebensgefühls. Haben wir es nicht immer gut gemeint mit unserem Eintreten für Gleichheit, Solidarität, Gerechtigkeit, Ökologie? Mussten nicht alle Minderheiten stets befreit, alle Ungerechtigkeiten beseitigt, alle Natur vor dem Bösen geschützt, alle Verhältnisse kritisiert und immerzu die Welt gerettet werden?

Wie kann das falsch sein?
Nein, es ist nicht falsch. Aber vor lauter Eifer haben wir womöglich übersehen, dass Moralismus leicht zu einer Form des bequemen EMPÖRISMUS verkommt. Man regt sich über alles auf, nur um die eigene Integrität zu bewahren. Eine solche Haltung des „Konsequentialismus“ führt zu einer narzisstischen Selbstgerechtigkeit, die anderen erheblich auf die Nerven gehen kann. Man selbst merkt es aber nicht. Es steigert zudem jene moralische Panik, die die Gesellschaft von innen heraus hysterisiert. Und kaputtmacht.

Es ist eine schwierige, aber notwendige Erkenntnis: Dass sich moralische Sichtweisen und Forderungen nicht unbedingt ethisch, also in einem größeren Zusammenhang, bewähren. Was auf einer emotionalen Ebene moralisch klingt, kann von einer anderen Warte aus ziemlich problematisch, ja sogar ungerecht sein. Dem Moralischen mangelt es oft an Weisheit und Voraussicht, an Abwägung. Deshalb lässt es sich auch so leicht von den radikalen Rechten usurpieren und einfach umdeuten.

Der Philosoph und Psychiater Michael Lehofer formuliert in seinem neuen Buch „Zu viel von Allem und zu wenig vom Richtigen“:
„Das Moralisieren ist die höchste Form der Amoral. Denn jemanden mit dem Anspruch der Moral steuern zu wollen bedeutet, das Konstrukt der Moral selbst für etwas Amoralisches zu nutzen.“

Was bringt eine solche Inventur unserer Irrtümer?
Zunächst einmal eine große innerliche Leere. Einen tiefen Schmerz. Es ist der Beginn eines Trauerprozesses. Wir gehen durch die Verlusterfahrung unserer Gewissheiten. Noch einmal Michael Lehofer:

„Trauer ist das Gefühl, das uns im Fall eines Verlusts überkommt. Es bringt Verzweiflung, Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, die uns letztlich durchlässig für das Neue macht. Trauer verbindet uns mit der ‚neuen‘ Welt und lässt uns fast wider Erwarten wieder aufstehen. Genau diesen Prozess braucht es, um heilsame Veränderungen zu realisieren … Das Heilsame an der Veränderung ist die Heranführung des Zustandes an das Passende.“

Von Täuschung zu Erhellung

Es ist eine verblüffende Erfahrung: Wenn es gelingt, das Überfällige loszulassen, sich von den alten Gewissheiten zu verabschieden (ohne sie zu verdammen oder zu „bereuen“), kann man sich plötzlich auf neue Weise auf die Welt einlassen. Das Denken kann wieder atmen. Die Fixierung auf irgendetwas, was völlig unlösbar erschien, erweist sich als eine Verkrampfung. Der Blick wird wieder frei für neue Lösungen, weil er nicht mehr von lauter verzweifelten Ansprüchen versperrt ist.

Durch echte Ent-Täuschungen gelangt man eine Bewusstseinsstufe weiter. Man sieht alles in einer großen Klarheit. Man staunt wieder über die Welt, wie sie ist – mit all ihren Widersprüchen und ungelösten Geheimnissen. Und leidet nicht mehr ausschließlich daran, dass sie nicht so ist wie sie sein müsste.

Manchmal muss man vielleicht resignieren, um weiterzukommen. Auch hier gilt die magische Bindestrich-Regel: Re-signieren bedeutet wieder-zeichnen. Wir unterschreiben sozusagen einen neuen Kontrakt mit der Welt, der Wirklichkeit.

„Die erste Affirmation, die ich täglich zu machen versuche, lautet: ‚Ich könnte mich irren.‘‘ Diese Methode hilft mir bei der Beruhigung des Egos. Sie macht mich neugierig, anstatt mich zu reizen. Die zweite Affirmation lautet: ‚Ich bin nicht meine Emotionen.‘ Auf diese Weise kann ich eine distanzierte Selbstwahrnehmung entwickeln.“

David Brooks

Wandel entsteht durch Krisen

Wenn wir unseren eigenen Lebensweg betrachten, oder die Zyklen gesellschaftlicher Veränderungen, werden wir feststellen, dass die größten positiven Veränderungen selten durch „moralische Planung und Ansprüche“ entstanden sind. Die geplant-utopische Gesellschaft ist immer ein Flop, weil sie schnell an ihren inneren Anforderungen und Konstrukten scheitert, die sich in der Realität zu Dogmen wandeln (man fahre nach Kuba oder in andere erstarrte soziale Wirklichkeiten; oder in die heutige USA).

Dahinter verbirgt sich ein „reverses Gesetz des Wandels“. Der Sozio-Philosoph Armin Nassehi formulierte das so:
Veränderung entsteht nicht durch Wandel.
Sondern Wandel entsteht durch Veränderung!

Das klingt spitzfindig, erklärt sich aber, wenn wir das Wort „Wandel“ als innere Ver-Wandlung verstehen; im Unterschied zu äußeren Veränderungen. Echter Wandel entsteht eher dann, wenn wir uns spontan, intuitiv, auf die Welt einlassen.

Der Philosoph Leibnitz ging von einer Welt aus, die durch göttliche Fügung vorbestimmt ist. Wir Menschen können nur anstreben, durch immerwährenden Versuch (und steten Irrtum) dieser Harmonie irgendwie näher zu kommen. Wir sind sozusagen verdammt dazu, einem festgefügten Plan, einem fixierten Zukunfts-Weg zu folgen, um irgendwann einen Endzustand zu erreichen.

Die Zukunft entsteht nicht durch PRÄ-Stabilisierung – also dadurch, dass wir einen Endzustand fixieren und dann heftig daran herumarbeiten. Sondern durch RE-Stabilisierung. Durch Reaktionen des Lebendigen. Menschen sind ziemlich gut darin, sich in Krisen etwas Neues einfallen zu lassen und dieses dann mit einer hohen Lebensenergie zu stabilisieren.

Menschen ändern sich hingegen kaum, wenn die „Verhältnisse“ sie nicht dazu zwingen. Oder anregen. Das ist aber keine Faulheit, oder Dummheit, oder ein irgendwie anders gearteter Mangel („Die Menschen sind zu blöd, um sich zu verändern“… der meistgehörteste menschenverachtende Sager unserer Zeit). Es ist eher eine evolutionär geprägte Art und Weise, „nachhaltig“ mit der Welt umzugehen. Etwas Bewährtes abschaffen zu wollen, ähnelt einer Vergeudung von Lebensenergie. Wenn wir ständig alles auf den Kopf stellen, radikal widerlegen wollen, kommen wir in einen Schwurbel, der nicht ins Weitere (die Zukunft) führt. Sondern ins Destruktive.

Wandel ist wahnsinnig anstrengend: Wenn sich eine Raupe in einen Schmetterling verwandelt, dann löst sich die ganze Raupe molekular auf. Sie verdaut sich selbst in einer Transformation. Das ist ein Wunder, gerade wenn man das „Produkt“, den Schmetterling, betrachtet. Es ist aber auch eine ziemlich unappetitliche Vernichtung – eine Entropie. Unsere Verwandlungskraft ist begrenzt (auch wenn sie oft viel größer ist, als wir es uns zutrauen).

Menschen mit heranwachsenden Kindern kennen diesen Wunder-Effekt: Wenn aus einem durch die Pubertät völlig in seine Einzelteile aufgelösten Jugendlichen plötzlich ein sanfter Schmetterling entsteigt. Ein erstaunliches Vernunftwesen. Wir realisieren dann, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Gerade weil sie immer wieder „aus den Fugen“ gerät, ist sie dynamisch stabil.
Gerade weil es nicht immer in die gleiche Richtung weitergeht, gibt es ein WEITERES.

Leben in der Treibsandwelt

Die gute Botschaft ist, dass sich derzeit sehr viele Menschen auf den Weg ins Loslassen ihrer fixierten Ansprüche gemacht haben. Sie trauen sich, die Schrecken der Gegenwart, gegenüber denen wir derzeit ohnmächtig sind, vorübergehend hinter sich zu lassen („wissende Ignoranz“). Sie stellen sich mutig dem Selbstzweifel, statt dem allgemeinen Jammerkult zu verfallen. Sie suchen nach einem neuen Welt-Verhältnis, indem sie sich selbst verändern. Man könnte auch sagen: Sie machen sich auf den Weg in eine frische Zukunft.
Es geht dabei um nichts anders als ERWACHSENWERDEN.
Erwachsenwerden heißt, ohne Vorwürfe zu leben.
Und nicht gleich immer aus dem Bett zu fallen, wenn die Dinge schräg werden.

„Erwachsene sind Menschen mit dem Wesensmerkmal steten Wachsens, und nicht, wie man landläufig glaubt, ausgewachsene Menschen.“

Michael Lehofer

Der Weg in die neue Wirklichkeit führt zunächst über Umwege.
Über Seitenstraßen.
Über zeitweises Verlorengehen und über Ablenkungen, die uns auf neue Sichtweisen bringen.
Dazu ein Textstück aus „Romantik der Zukunft“ von Michael Kunze:

„Die … Ablenkung, der Seitenpfad, das unebene Gelände zeigen, dass es ohne Ablenkung nicht vorangehen kann: Je weniger der Zukunftsromantiker die Notwendigkeit einer Veränderung leugnet, desto zweckmäßiger ragen für ihn die jetzt schon entstehenden Ruinen aus dem funktionalen Panorama heraus. Er folgt ihren Spuren in ein Zwielicht hinein, das unentwegt zur Neudefinition aller Richtungen zwingt. Hier endlich, zwischen Vollmond und ausgeschaltetem Universum erkennt er die zu überwindende Schnittstelle zwischen Körper und Datenstrom, an der er gegen die metaphysische Hemmung seiner zahllosen Aufklärungen das Gepäck abstellt. Das Außen Vor seiner zukunftsromantischen Überbelichtung lässt ihn blinzeln und sich fragen, ob das schon oder immer noch der Weltuntergang sei: Keineswegs erwartet er eine Antwort, die eine Geschichte abschließt, die für ihn noch nicht einmal begonnen hat.“

Der Philosoph Jean-Luc Marion unterscheidet zwischen Gewissheit und Zuversicht. Wir streben immer nach Gewissheiten, in die wir uns einhüllen können. Aber aus einem solchen Kokon wird schnell ein Panzer. Zuversicht ist eine Haltung, die uns und der Welt zutraut, Antworten zu finden, die noch nicht „verfragt“ sind. Sinn und Wandel auch ohne Herrschaft und Kontrolle zu entwickeln. Durch Beziehung statt Beherrschung. Dafür brauchen wir eine Offenheit für das, was wir noch nicht verstehen.

Für das neue Jahr möchte ich Euch noch ein kleines Haiku mitgeben. Haikus haben ja die Eigenschaft, einen Ton der inneren Wahrheit anzuschlagen, der ins Noch-nicht-Gedachte, ins wahrhaft Zukünftige führt.

Das Alte ist vergangen.
Die Zukunft ist ein Mysterium.
Die Gegenwart ist ein Geschenk.

In diesem Sinne: Feiern wir mit Little Nemo und den seltsamen Gnomen!
Nieder mit den Monstern! Happy New Year!

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