160 – Die Rückkehr des Bösen

Über das Comeback einer dunklen menschlichen Realität – und was diese für unsere Zukunft bedeutet

Matthias Horx, März 2026

Ich werde häufig gefragt, was der wahre Grund dafür ist, dass sich die Welt in den letzten Jahren so schlimm verändert hat. Warum scheint alles immer stärker ins Dunkle, Negative zu driften? Warum hat sich die Zukunft, als berechtigte Hoffnung und Orientierung, weitgehend aus unserem Horizont verabschiedet?
Wieso hört die „Omnikrise” nicht auf?

Ich weiß nicht, ob man dieses Phänomen kausal, im Sinne von „Ursache und Wirkung”, begründen kann. Jedenfalls nicht, ohne auf die üblichen Klischees und Schuldzuweisungen zu stoßen: Zu viel soziale Ungerechtigkeit, zu wenig progressives Engagement, Politik ist böse … et cetera pp.
Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass wir einen entscheidenden Faktor nicht sehen können, weil wir ihn nicht sehen wollen:
das Böse.

Das Böse ist eine heikle Kategorie. Ein Mythos, der aus der Zeit gefallen scheint. Wer definiert, was „Böse” ist? Mit diesem Wort kann man eine Menge Schindluder betreiben. Man kann Menschen dämonisieren. Denunzieren. Stigmatisieren. Ihnen pauschale Eigenschaften als „Zuschreibungen” unterschieben. Es ist eine verdorbene Vokabel.

In den letzten Jahrzehnten kam das Böse eher nur noch in comichaften Charakteren in den Unterhaltungsmedien vor. Der irre „Joker” in den Batman- und Superman-Stories. Darth Vader in Star Wars (mit seiner dunklen Atemmaske schon am Rand der Groteske). Der Superschurke Lord Voldemort bei Harry Potter. Oder ganz elegant als „Bösewicht” wie bei Goldfinger in James-Bond-Filmen oder Hannibal Lecter im Schweigen der Lämmer, die sich beim Bösesein vor allem um Stilfragen kümmerten.

„True Crime” ist einer der größten Hits des modernen Unterhaltungsjournalismus geworden. Nichts ist so faszinierend wie Serienmörder und ihre kaputten Geschichten, mörderische Krankenschwestern und sinnlose Totschläge in Einfamilienhäusern, für die es keine „wirkliche Erklärung” gibt.

„Das Böse ist immer und überall”, sang die österreichische Band Erste Allgemeine Verunsicherung ironisch in den Neunzigern. Irgendwie ist das Böse ins Harmlose hineingewandert, in Dark-Metal-Gegröle oder dämonische Schminkweisen, kokette Zitate und Karikaturen. Jeder RAP kokettiert heute mit dem Bösesein. Das aber doch eigentlich ein Liebsein sein will. Oder?

Das alles hängt auch mit unserem „guten” Menschenbild zusammen. Der Mensch – das war die Grundthese der zukunfts-optimistischen Epoche, die wir jetzt offensichtlich verlassen -, ist ein soziales, kooperatives Wesen. Er kann durch gesellschaftliche Umstände verdorben und gestört, manchmal sogar zer-stört werden. Aber die Grundthese lautete immer: Der Mensch ist im Guten verankert. In jedem Fall ist der Mensch unschuldig am Bösen.

Was aber, wenn „der Mensch” NICHT NUR gut ist. Sondern eben AUCH verdammt böse?
Und wenn das Böse heute mit Macht wiederkehrt?
Bewaffnet mit Massenverblödungs-Medien?

Der Dark Factor – die Essenz des Bösen

Derzeit geht eine psychologische Großstudie durch die Medien, die dem Bösen einen anderen Kontext in der Humanpsychologie zuweist. Die Studie bricht in gewisser Weise ein Tabu: Das Böse überhaupt als solches zu benennen. Die Grundthese lautet: Es gibt tatsächlich böse Faktoren im Menschen, die sich messen, belegen und nachweisen lassen. Und die eine echte „Eigenschaft” bilden.

Die massive Studie, die jetzt auch in einem Buch mit dem Titel „Dark Factor. Die Essenz des Bösen in uns” erschienen ist, stammt von den drei psychologischen Wissenschaftlern Benjamin E. Hilbig, Morten Moshagen und Ingo Zettler. Sie beinhaltet einen Persönlichkeitstest, mit dem man seinen eigenen „Dark Factor“ bestimmen kann. Sozusagen den Eigenanteil des Bösen.
Den Test kann man hier machen: https://qst.darkfactor.org/

Das Böse, so die Psychologen, ist durch drei Merkmale des VERHALTENS definiert, die sich wie folgt zusammenfügen:

  • es fügt anderen Schaden zu,
  • es ist nicht einvernehmlich und
  • es lässt sich aus der Sicht der Gesellschaft ethisch-moralisch nicht rechtfertigen.

Das ist zurückhaltend, fast harmlos ausgedrückt. Man könnte aber auch dem amerikanischen Richter folgen, der in einer Gerichtsversammlung auf die Frage, wie er „Pornographie” definieren würde, antwortete: „I know it, when I see it!”

Die wichtigsten „dark traits“ sind Gier, Narzissmus, Sadismus, Gehässigkeit und Machiavellismus (Machtwahn). Dazu die Neigung zu Lügen, „Geltungswut“ und Dis-Empathie, also Gefühlskälte. Verbunden ist das meistens mit einer spezifischen Art von Genuss, die der Psychoanalytiker Jacques Lacan „jouissance” nannte: Ein Lustgefühl, die eigenen Begierden durchzusetzen, Grenzen zu überschreiten, „eine sich dem Sinn entziehende Form der Befriedigung”.

Wer eine oder zwei dieser Eigenschaften besitzt, hat auch eine hohe Wahrscheinlichkeit für die anderen. Wer narzisstisch ist, ist wahrscheinlich auch gierig. Wer egoistisch ist, ist statistisch auch meistens gehässig und rachsüchtig.
Das heißt: Es gibt tatsächlich böse Menschen.

Und zwar mehr, als man denkt.

Donald Trump wäre, wenn die These vom real existierenden Bösen stimmt, nicht an die Macht gekommen, weil die armen Arbeiter im Rust Belt ihn aus Verzweiflung gewählt hätten. Oder weil irgendjemand die Welt vor der wokeness retten musste. Oder weil die Demokraten so schwach und der US-Kapitalismus so skrupellos waren.
Trump ist schlicht ein böser Mensch, der eine Strategie der Überwältigung gefunden hat. Er ist narzisstisch bis zum Anschlag. Lügt unentwegt und genießt das sichtlich. Betrügt und verachtet alle außer sich selbst – den er auf eine unfassbar penetrante Weise verherrlicht. Er sieht alles nur aus einer gierigen, egoistischen Ecke. Ist rücksichtslos, unsicher und weitgehend selbstblind (aber leider schlau).

Putin hat wahrscheinlich einen noch höheren „Dark Score“ als Trump. Er sprengt die Skala von 0 bis 5. Auf Fünf Plus.
Derzeit müssen wir erfahren, wie schnell sich das Böse durch anderes Böses selbstverstärken kann. Der beste Verbündete des Bösen ist das heuchlerische Gutsein.
Wir ahnen auch, dass das Böse, ohne es zu wollen, Gutes bewirken kann. Das ist besonders schrecklich, weil es endgültig alle Kriterien verfallen lässt.

„Das Böse”, schreibt der Anthropologe Lyall Watson, „genießt einen Bonus. Es fesselt unsere Aufmerksamkeit. Schurken bemächtigen sich unserer Phantasie mit einer Kraft, mit der kein Tugendheld jemals mithalten kann.”

Der Dark-Factor-Test ist inzwischen einer der beliebtesten Psycho-Tests im Netz (dort wimmelt es ja seit einiger Zeit von Tests für alle möglichen menschlichen Eigenschaften, meistens mit kommerziellem Hintergrund). Hunderttausende haben ihn inzwischen durchgeführt, so dass eine große Datenbasis entstanden ist. Offenbar wollen sehr viele Menschen wissen, wie böse sie sind.

Natürlich könnte man beim Test schummeln und moralisch erwünschte Antworten geben, um sich als Guter zu bestätigen. Doch es sieht eher so aus, als ob die Teilnehmer extrem ehrlich sind. Und sogar ein wenig böser antworten als nötig.

Könnte es sein, dass wir eine gewissen Affinität zum Bösen haben?
Einen gewissen Genuss?
Auch zu unserem eigenen Bösen?

Die Dark-Faktor-Testskala reicht von 1 bis 5. Bei 1 ist man ein Engel. Bei 5 vollkommen verdorben. Dahinter beginnt das Reich von Voldemort, Hitler, Stalin, Putin.

Schon mehr als 2,5 Millionen Menschen weltweit haben den Fragebogen ausgefüllt. Das Ergebnisdiagramm aller bisher Teilnehmenden zeigt eine deutliche Häufung in der Mitte des Spektrums, bei Werten um die 2,3 – aber eben auch mit einer großen Streuung. Man könnte sagen: Die meisten Menschen sind eher wenig bösartig.

Aber nicht viel.
Deutschland liegt bei 2,1.
„Nur“ 11 Prozent der Scores liegen über 3,5.
3 Prozent über 4.
Neun von zehn Menschen sind weniger böse als 3,5.
Es gibt also nur wenige SEHR SEHR böse Menschen.
Aber ziemlich viele Gutböse. Oder Bösgute.
Je nachdem.

Auch andere Ergebnisse der Studie können nachdenklich machen:

  • 60 Prozent der unter 25-Jährigen haben einen überdurchschnittlich ausgeprägten Dark Faktor,
  • aber nur 30 Prozent der über 60-Jährigen.

Ist Jugend das Alter der Bösartigkeit?
Frauen sind nur wenig weniger böse als Männer.
Kein Kommentar.

Wollen wir das wirklich wissen?

Dass wir so ratlos der heutige Omnikrise ausgesetzt sind, liegt womöglich daran, dass wir sie immer noch für ein Ergebnis halten. Von Entwicklungen, „Trends”, die vorher schon existierten, und die irgendwie „aus dem Gleis” geraten sind.

Doch das ist eine Interpretation, die uns weiter in die Hilflosigkeit treibt. Sie macht uns Schuldgefühle. Sie hält uns in einer Grübelschleife gefangen. Hätten wir womöglich nicht noch mehr für das Gute kämpfen müssen? Waren wir nicht moralisch genug?

Langsam, unter Schmerzen, dämmert uns die Erkenntnis, dass das Moralische auch das Futter sein könnte, von dem sich das Böse nährt.
Und dass das Böse etwas Soziales ist.

Böse Menschen sind gerne mit bösen Menschen befreundet. Sie bilden sehr enge Cliquen, Cluster, Buddies. Und darin sind sie erfolgreicher als gute Menschen, die immerzu moralische Kriterien an sich und an andere anlegen. Und sich deshalb viel leichter zerstreiten. Die Bösen können leichter über Unterschiede hinwegsehen, wenn es darum geht, sich für das Bösartige zu verbünden.

Die Studie sagt: Böse Menschen neigen dazu, sich politisch zu radikalisieren. In ALLE politische Richtungen. Sogar ins Liberale. Allerdings gibt es eine Präferenz für autoritär-gewaltsame Formen des Politischen.

Wie gehen wir mit der Erkenntnis um, dass der rechte Populismus nicht auf der politischen Ebene zu erklären ist? Und damit auch dort nicht zu lösen ist? Dass die rechtsrechten Wähler, aber auch einige linksradikale, schlichtweg böse Menschen sind?

Unser Dilemma ist: In dem Moment, wo wir das so sagen, eingestehen, werden wir selbst in gewisser Weise böse. Weil wir kategorisieren, werten, einordnen in eine heikle Kategorie. Eine feststehende Eigenschaft, jemanden zuzuschreiben – das geht eigentlich gar nicht.

Die Bösen haben gelernt, diesen moralischen Effekt als Lähmungsgift einzusetzen. Wir können nicht aus unserer „guten” Haut, auch weil wir den Selbstbild-Verlust befürchten müssen. Unsere Selbstkonstruktion steht auf dem Spiel.

Deshalb stammeln wir herum. Grämen uns angesichts der „schrecklichen Zeitläufte”. Fallen in die Depression. Und kommen nicht weiter.

Das evolutionäre Mindset

Vielleicht brauchen wir, um den Knoten zu lösen, ein Verständnis der Dinge auf einer anderen Ebene.
Wir brauchen eine illusionslose Ethik. Das heißt aber auch, wir müssten vieles über das, was wir über uns selbst und die Welt zu wissen glauben, revidieren.

Womöglich sind wir nicht gut, weil wir „gut“ sind. Sondern weil es uns nutzt. Und wir gelernt haben, das aus-zu-nützen.
Wenn wir aus der evolutionären Ebene heraus denken, gibt es keine moralischen Kategorien. Der Löwe ist nicht „böse“, weil er Gazellen frisst. Aber die Natur ist auch nicht, wie wir es in der ökologischen Idealisierung gelernt haben, „gut”.

Das Böse, so vermuten auch die Autoren der Studie, muss einen „evolutionstechnischen Vorteil“ haben. Sonst hätten sich die Merkmale des Bösen nicht durchgesetzt, sondern wären ausselektiert worden.

Das Tauben-Falken-Spiel

Nachhilfe kann uns hier das Tauben-Falken-Spiel bieten, das vom Evolutionsbiologen John Maynard Smith entwickelt wurde.

Smith, John Maynard: Evolution and the Theory of Games; 1982

Stellen wir uns einen Planeten vor, auf dem nur raubtierhafte Vögel existieren. Falken, die aggressiv Jagd auf Beute machen. Jedes Mal, wenn irgendwo Beute auftaucht, stürzen sich die Falken darauf. Da der Planet endlich und begrenzt ist, kommt es dabei immer zu Verteilungskämpfen und Verletzungen. Jede Nahrungsaufnahme ist riskant. Man frisst entweder, oder verliert Gesundheit, oft beides. Auf diese Weise entstehen durch natürliche Selektion unglaublich fitte, muskulöse (wahrscheinlich auch sehr gut aussehende), aber auch ständig verletzte Falken. Echte Macho-Falken eben, und superfitte Falkenweibchen, die um ihren Nachwuchs kämpfen können, dass die Federn nur so fliegen.

Auf dem Planeten wohnen allerdings auch Tauben, die meistens als Beute dienen. Sie sind dauernd hungrig und ziemlich mager. Sie verstecken sich in Höhlen und leben von Resten. Irgendwann jedoch würden einige Tauben lernen, das Verhalten der Falken zu beobachten. Sie würden zum Beispiel sehen, dass Falken keinen Rundumblick haben. Sie erspähen ihre Beute auf weite Distanz in einer Art Tunnelblick und stürzen sich darauf. Das macht sie anfällig für plötzliche Attacken von der Seite. Mit zehn entschlossenen Tauben lässt sich sogar ein Falke vertreiben. Die Tauben würden immer alles teilen, ohne darum zu kämpfen. Und sich bald schneller vermehren als die Falken, die nun ihrerseits immer hungrig sind. Die Tauben treten nun in großen gurrenden Schwärmen auf und erobern die Welt. Irgendwann werden sie von anderen seltsamen Zweibeinern gefüttert, zum Beispiel auf dem Markusplatz von Venedig.

Wäre ein reiner Tauben-Planet ohne die blöden Falken nicht viel besser?

Die Frage macht keinen Sinn: Wenn es nur Tauben gäbe, gäbe es gar keine Tauben, denn deren Erfolgsmuster hat sich im Kontrast gegen die Überlebensmuster der Falken entwickelt. Natur lebt, wie Märkte, von Konkurrenz. Die „reziproke Adaption” ist das, was eine Spezies erst zu einer Spezies macht.

Allerdings gibt es immer auch eine nächste Runde:
Spezies ohne Konkurrenten verlieren auf Dauer ihre evolutionäre Fitness. Wenn alle nur turteln und kooperieren und vertrauen und teilen und verteilen, kann ein Falke (oder eine Taube, die falkenhaft handelt; oder eine invasive Spezies) JEDE Beute abgreifen, ohne auf irgendein Misstrauen oder eine Gegenstrategie zu treffen.
Die Konsequenz wäre ein „Durchmarsch“ („The winner takes it all”), ein Kippen des Systems in die andere Richtung.

„Nach einem Himmel der Kooperation folgt immer eine Hölle des Betrugs“, formulierte Martin A. Nowak in seinem Buch „SuperCooperators“ (S.49).
Man könnte auch sagen: Wenn alles immer „gut” ist oder sein will, ist das Böse besonders im Vorteil.

Das Gedankenspiel ist gefährlich – man kommt schnell in einen kruden Darwinismus, mit dem man den Kampf „aller gegen alle, mit den Besten als Sieger” legitimieren kann. Und damit wäre man zu den Bösen übergelaufen.

Anderseits erklärt es auch Phänomene, die wir uns bislang nicht richtig erklären konnten. Wie konnte zum Beispiel ein rechtsradikaler Psychopath wie Anders Breivik 2011 in Norwegen ein Massaker anrichten, bei dem über 70 Menschen zu Tode kamen? In Norwegen, einem der friedfertigsten und sozial ausgeglichensten und wohlständigsten und fairsten und am meisten E-Autos-fahrenden Länder der Welt?
Was, wenn die Antwort lautet: Gerade darum?

Muss das Böse ewig siegen?

Heißt das, dass am Ende immer die Bösen gewinnen?
In einer sehr widersprüchlichen Gesellschaft wie den USA hat das Böse derzeit offenbar einen evolutionären Vorteil. Dort sind Leerräume für Boshaftigkeit entstanden, die vorher unter der Oberfläche verborgen waren. Viele Länder mit eher geringerem Dark Factor befinden sich in Mittel- und Nordeuropa. Der Dark Factor ist hingegen in Ländern wie Venezuela und Indonesien, wo es seit 20 Jahren stressreiche Verhältnisse gab, eher hoch. Das weist daraufhin, dass es durchaus einen „sozialen Auslese-Faktor” des Bösen gibt (man schätzt, dass die bösartigen Faktoren zu rund 25 Prozent vererbbar sind). Wenn die Gesellschaft besonders von Unsicherheit, Kriminalität, Ungleichheit, Gewalt und Korruption geprägt ist, ist „böses“ Verhalten schlichtweg adaptiv. Es dient dem Überleben.

Das Mittelalter war „dunkel”, voller Grausamkeiten (Hexenverbrennung, Pfählen, Rädern, Religionskriege etc.). Die gesellschaftlichen Verhältnisse waren extrem rau. Es gab sowohl das Grausame als auch das Liebevolle. Weil die Evolution uns mit beidem ausgestattet hat.
Der Dark Factor kann sich über die Zeit verschieben. Kooperative Strategien können nützlicher werden. Manche Gesellschaften, die über Jahrzehnte oder Jahrhunderte mit Gewalt infiziert waren, kombiniert mit erlernter Hilflosigkeit, erzeugen allerdings regelrechte Ausbrüche des Bösen. Siehe Nazi-Deutschland. Siehe Russland.

Das Böse ist eine Tragödie.
Was aber hilft gegen das Böse?

Die Autoren der Dark-Studie schlagen das Übliche vor: Das Böse muss öffentlich sichtbar werden, damit sich Widerstandskräfte dagegen bilden können. Es muss benannt, angeprangert (!) und moralisch „ausgewiesen” werden.

Gut und schön. Aber vielleicht kommen wir mit listigen Strategien weiter.
Vielleicht hat Gavin Newson, der Gouverneur von Kalifornien mit seiner scheinbar verrückten Strategie recht, mit irren Statements im Trump-Stil gegenzuwirken – immer in Großbuchstaben, unflätig und großkotzig, aber immer mit einem Schuss Ironie. Durch dieses Echo der Entlarvung kann die Wahrnehmung Trumps irritiert werden. Sie wirkt wie eine Art Scheinwerfer, eine Spiegelung, die den „Trumpcode” als das entlarvt, was er wirklich ist: eine bekloppte Ego-Shit-Show.

Eine gute Methode ist sicher: subversive Verachtung.
Für eine bessere Zukunft brauchen wir einen intelligent-raffinierten Umgang mit dem Bösen. Eine Strategie, die aus den Umklammerungen ausbricht. Einen Gegenzauber, der wirkt.

Mitten im Krieg tanzen in Kiew Menschen auf zugefrorenen Seen zu Techno-Musik. Sie wirken glücklich und trotzig zugleich. Es geht ihnen gut. Erleuchteter Trotz.
Die Grönländer gehen fischen, während Trump über ihre Insel trampelt. Evolutionäre Coolness.
In Minnesota sind die Demonstrationen bunt und schräg, wie in den wildesten Zeiten. Jetzt spielt Bruce Springsteen seinen Sehnsuchts-Blues.
In der von der IS zerstörten Stadt Timbuktu im Zentrum der Sahara findet eine Woche lang das Sahara Biennale Artistique statt, mit unzähligen wunderbaren Kunstaktionen und Tanzveranstaltungen.
Und so fort.

Viele Menschen, die mich fragen, warum alles so viel schlechter gekommen ist als erhofft, haben eigentlich schon eine Antwort im Kopf: Weil der Mensch so dumm ist. Abgesehen davon, dass ich das für menschenverachtend halte, würde ich stattdessen vorschlagen: Weil der Mensch böse sein kann. Und weil das Böse verdammt attraktiv ist. Und wir unsere Energie nicht immer gut auf den Boden bringen.
MAKE THE FUTURE STRONG AGAIN!

Literatur:

  • Benjamin Hilbig, Morten Moshagen und Ingo Zettler: „Dark Factor – die Essenz des Bösen in uns“
  • Frank M. Wuketits: „Warum uns das Böse fasziniert“
  • Lyall Watson: „Die Nachtseite des Lebens. Eine Naturgeschichte des Bösen“

Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.

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