161 – Über das ZUKÜNFTEN

Wie wir durch Zukunfts-Weitsicht die Welt verändern können

Matthias Horx, März 2026

Wie denkt man eigentlich als Zukunftsforscher?
In gewisser Weise sind wir eigentlich alle Zukunftsforscher. Unser MIND beschäftigt sich ständig damit, Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten durchzuspielen, Risiken zu bewerten und abzuwägen. Wie wird der nächste Urlaub sein? Werden wir krank werden? Wie geht dieser Krieg weiter – und wird er mich betreffen? Wird mein Beruf in den nächsten Jahren überflüssig?
Die Hauptrolle beim „Zukünften” spielt die Angst. Angst soll uns wachhalten, animieren und uns anleiten, uns rechtzeitig zu „kümmern”. Aber wir können auch in der Angst steckenbleiben. Dann ver-kümmern wir. Wir stagnieren in Sorgen.

Um diese Verkümmerung aufzubrechen, denkt der Zukunftsforscher in DREI Dimensionen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Zuerst sollten wir wissen, woher wir kommen. Eine Ahnung davon haben, welcher evolutionären Formungen wir Menschen entstammen. Über Millionen Jahre haben uns die Kräfte und Zyklen der Natur geformt. Das Kommen und Gehen der Tiere, die Wiederkehr der Jahreszeiten, Geborenwerden, Aufwachsen und Tod. Wer auf dem langen Weg der Menschheit eine gewisse Weitsicht hatte, eine Ahnung der Welt, konnte besser überleben. Sich fortpflanzen.

Wir sind die Nachkommen der Vorausschauenden. Wir sind der Homo prospectus, der vorausschauende Mensch.

Wir sollten auch eine grundlegende Idee davon haben, wie sich Kulturen und Gesellschaftsformen auf der Erde entwickelt und ausdifferenziert haben. Menschliche Denkmuster und Produktionsweisen entstanden entlang von Erfahrungs-Prägungen, die Stück für Stück verfeinert und in Krisen „geschärft” wurden. Technologien, vom Hammer bis zum Computer, formten das menschliche Leben um, wurden aber auch von menschlichen Praktiken und Bedürfnissen verändert. Um die Welt in ihrem Wandel zu verstehen, ist es gut zu wissen, dass Krisen und Zusammenbrüche, die in der Geschichte immer wieder vorkommen, stets zu Neuanfängen führten. In Renaissancen, wie nach dem Ausgang des Mittelalters, findet das Alte und das Neue in einer Synthese des Besseren zusammen.

Die Geschichte bewegt sich in Schleifen. In Zyklen von Aufstieg und Niedergang, in Rekursionen (Rückbezügen) und Verbindungslinien in höhere Komplexitäten.

Um die Zukunft zu verstehen, müssen wir uns von einem Irrtum befreien: dass das Alte immer nur durch das Neue abgelöst und ersetzt wird. Die Vergangenheit ist nie vorbei. Sie versteckt sich in den Nischen der Gegenwarten und kehrt auf verquere Weise immer wieder zurück. Blicken wir uns um: Wie viel ist wirklich NEU von dem, was uns umgibt? Holztische, Betonpoller, Waschmaschinen, abgenutzte Zahnbürsten, Stromkabel, Kopfweh am Morgen, Ärger mit dem Finanzamt, kreischende Kinder, Verbrennermotoren, Verkehrsstaus – vieles, das es längst nicht mehr geben sollte, was überkommen ist, ist immer noch da. Und bleibt hartnäckig bestehen. Obwohl es den überwiegenden Teil unserer Aufmerksamkeit anzieht, ist das Neue immer nur ein kleiner Teil der Story. Maximal 10 Prozent, wenn man alles dazurechnet, das „real” ist.

Als Zweites geht es darum, die Gegenwart zu verstehen. Das ist heute besonders schwierig. In einer hypermedialen Welt verbirgt sich die Gegenwart in einem Nebel von Meinungen, Gerüchten, Emotionen, Erregungen, Hypes und Übersteigerungen. Wir leben in einer zersplitterten Präsenz, in der alles gleichzeitig passiert. Die Gegenwart ist wie ein schwarzes Loch, das alles ansaugt und in Echtzeit verwandelt.

In einer solche Situation kann es sinnvoll sein, die Zukunft als Spiegel zu nutzen, um die Gegenwart besser zu verstehen. Das klingt komisch, ist aber ein wichtiger Trick des Zukünftens. Die sogenannte Regnose arbeitet im Gegensatz zur Prognose nicht mit dem Vergangenheitswissen, sondern mit der Imagination. Sie setzt dadurch eine Kraft, eine Fähigkeit der Antizipation frei, die unser Gehirn erstaunlich gut beherrscht, wenn man es ein wenig trainiert.

Machen wir ein Gedankenspiel: Wie geht es mit der Künstlichen Intelligenz weiter? Das erscheint heute vollkommen unklar. Also reisen wir ins Jahr 2060 – eine Zeit, in der wir gelernt haben, mit dieser hochgradig überhitzten Technologie umzugehen. Es ist die Zeit nach den „großen Serverkrisen”, als die gigantischen KI-Systeme weltweit zusammenbrachen. Die Jahre nach dem sogenannten „Dämonensturm”, als eine planetare Widerstandsbewegung die Zentralen des AGI-Monopols (Artificial-General Intelligence-Monopol) sabotierte und zerstörte. Im Jahr 2060 haben wir den Drachen gezähmt. Aber wie sind wir dorthin gekommen? Welche Schritte waren notwendig, um die KI zu einem echten Fortschritt für Mensch und Gesellschaft zu machen?? Was erwies sich als tatsächlich sinnvoll und produktiv und im Sinne des menschlichen Fortschritts? Welche Krisen waren notwendig, welche Irrtümer unvermeidlich? Wenn man so von der Zukunft in die Gegenwart zurückfragt, ordnen sich plötzlich die Dinge. Mit rückschauender Vorausschau schaffen wir einen Möglichkeitsraum, in dem wir uns selbst im Spiegel der Zukunft verstehen können.

Das Future Cringe-Spiel

Eine weitere Variante der Regnose ist das „Cringe-Spiel” oder „Zukunfts-Dissonanz-Frage-Spiel”. Dabei hinterfragen wir das heute Selbstverständliche in Bezug auf eine veränderte Zukunft. Zum Beispiel:
Welche heutigen Selbstverständlichkeiten könnten einen Peinlichkeits-Effekt bei unseren Nachfahren bewirken?

  • Seinen Namen von den Eltern entscheiden lassen.
  • Glauben, dass die Höhe der Steuern, die man bezahlt, privat ist.
  • Tote Tiere mit Genuss und Begeisterung essen.
  • Angst vor humanen Klonen haben (sie sind serielle Zwillinge).
  • Dass man für das Betreten eines anderen Landes eine Erlaubnis braucht.
  • Tote Menschenkörper zu verbrennen oder zu vergraben.
  • Münzen und Papiergeld benutzen.
  • Im Weltraum leben wollen.

„Es geht darum, sich auf disziplinierte Weise aus der Gegenwart herauszulösen“, formulierte die Zukunftsforscherin Florence Gaub. Valide Zukunfts-Szenarien brauchen ein gewisses Maß an Plausibilität, aber auch Elemente „abweichender Unmöglichkeit“. Kevin Kelly, der Doyen der amerikanischen Zukunftsforscher-Szene, formulierte das als eine Art komplexen Glaubens, ähnlich der Religiosität:

„Ich habe gelernt, an Unmögliches zu glauben. Aber nicht alles Unmögliche wird eintreten. Und obwohl sich vieles, was ‚jeder weiß‘, als falsch erweist, ist doch das meiste, was jeder zu wissen glaubt, wahr! Es ist also eine Kunst, gut an Unmögliches zu glauben. Es geht darum, offen für Möglichkeiten zu sein, dem Möglichen zuzuhören. Streng genommen geht es weniger darum, an das Unmögliche zu glauben, als vielmehr darum, unseren Horizont dessen, was wir für möglich halten, zu erweitern.“ (in Substack, „How to Future“, 2026)

„Zukünften“ ist jener Prozess, bei dem wir lernen, das Alte und das Neue zum BESSEREN hin zu verbinden. Dadurch machen wir die Gegenwart wieder handlungsoffen („Doing Future”).
„Zukünften” bedeutet, dass wir uns selbst innerlich in Richtung einer stabilisierbaren Zukunft verwandeln. Das hat erstaunlich viel mit Liebe zu tun. Mit Liebe zur Welt, aber auch zu den Menschen. Mit Zuversicht im Sinne einer Überwindung der inneren Düsternis. In einer zukunftskranken Zeit wie heute brauchen wir das mehr denn je.

Wer mehr über das „Zukünften“ erfahren möchte, dem empfehle ich die MASTERCLASS ZUKUNFTSKOMPETENZ am 7. Mai in Frankfurt. Ein voller Tag mit den Geheimnissen der Zukunft:
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