163 – Die Multi-Ökonomie der Zukunft
Ein Versuch, die Wirtschaft als Kultursystem zu verstehen
Matthias Horx, April 2026
Woran denken Sie beim Wort ÖKONOMIE? An zackige, immerzu nach oben strebende Börsenkurse? Jubelnde Männer in Anzügen und Schlipsen mit hochgereckten Zeigefingern? Männer, die in Bildschirme starren, oder in Börsensälen die Welt erklären – kurz vor der Tagesschau? Container, die an Kränen drehen? Das sind die Bilder, in denen sich „das Ökonomische“ in unserer Wahrnehmung festgesetzt hat.
Stellen Sie sich jetzt einen Markt vor! Keinen Supermarkt, wo man an Kassen Schlange steht oder alle Produkte selbst scannen muss. Einen echten Markt in einer belebten Stadt oder Kleinstadt: mit Gewimmel und Gewühle, mit Ständen und Buden und Tischen und Restaurants, bei dem es um Preis, Vergleich, Produkte, Probieren, immer auch um Menschen, Genuss, Bedürfnisse und soziale Kommunikation geht. Ein Ort, an dem es duftet und schmeckt – und manchmal stinkt. In den Nebengassen wird immer mal etwas gedealt, und man wird auch mal „über den Tisch gezogen“. Das gehört dazu.
Erkennen Sie den Unterschied?
Der Markt ist ein menschliches Beziehungssystem. Die Ökonomie ist ein abstraktes Funktionssystem. Zwischen beidem entsteht in unserer digitalen Beschleunigungs-Welt eine immer größere Spannung. Menschenwelt und ökonomische Welt klaffen so weit auseinander, dass durch den Spalt Dämonen hineindrängen.
Digitale Dämonen.
Despotische Dämonen.
Dämonen der Hysterie und des Chaos.
Das Wachstums-Dogma
Über die Frage des Wachstums ist ein Kulturkrieg entstanden, der heute – wieder einmal – in eine verschärfte Runde geht.
DIE WIRTSCHAFT MUSS WACHSEN ist das Glaubensbekenntnis, das unbestreitbare Dogma unserer Tage.
Sonst ist der Untergang nah.
Schon die Sprache dieses Diskurses ist verräterisch. Wie heißt es fortwährend in den Schlagzeilen?
- Der Jobmotor stottert.
- Die Wachstumslokomotive versagt.
- Die Schuldenbremse wirkt nicht.
- Derivate sind das Schmiermittel der Zukunft.
- EZB will lahme Wirtschaft ankurbeln.
- Die Konjunktur soll wieder brummen …
Dieses Wording stammt aus dem Wörterbuch des fossilen Industrialismus. Verbrennerautos hat man vor 100 Jahren mit großer Körperkraft „ankurbeln“ müssen, um sie zu starten (was dazu beitrug, dass sie fast nur von Männern genutzt wurden). Schmiermittel finden wir rund um die Ölwirtschaft. Und das „Stottern” zeichnet jenen wunderbaren Verbrennungsmotor aus, an dem geradezu fanatisch festgehalten wird.
Wir versuchen also, mit den Worten von gestern die Zukunft zu verstehen. Das kann nur schiefgehen. Mit Volldampf in die Vergangenheit soll es gehen – zurück in eine heile Wirtschaftswunderwelt, in der fleißig „rangeklotzt” wird. Die Ökonomie lässt uns keine Wahl – oder?
Aber waren wir vor Kurzem nicht schon weiter? In den letzten zwanzig, dreißig Jahren entstand ein neuer Wohlstands- und Wirtschaftsbegriff, der den postmateriellen Wertewandel der Gesellschaft widerspiegelte und das Ökonomische in einen anderen, nämlich humanistischen Zusammenhang setzte. Es ging um eine humanisierte Ökonomie, in der der Mensch eine größere Rolle spielte als im alten Industriesystem mit seinen starren Schichten und Lebensläufen. In vielen Unternehmen ging es zunehmend auch um Kreativität, kluge Innovation – und Sinn. Es gab „New Deals” zwischen der Sphäre des Ökonomischen und der Sphäre der Lebenswelten. Die Idee der Work-Life-Balance war zumindest ein Versuch, den Drachen der Lohnarbeit zugunsten einer Ganzheit des Lebens zu zähmen.
Wachstum als IMMERMEHR, so verstanden wir, war nicht das Einzige, das den Wohlstand ausmachte.
Es kann gutes und schlechtes Wachstum geben.
Prosperität misst sich nicht allein am Bruttosozialprodukt.
Ökonomie kann auch menschenfreundlich und produktiv sein.
Offensichtlich ist es schwer, solche komplexen Denkweisen aufrecht zu erhalten. Sobald die Wachstumsraten nicht mehr den Erwartungen entsprechen, bricht Panik aus. Panik, verbunden mit Bezichtigungen, wer sich denn jetzt „unproduktiv” verhält. Teilzeitarbeitende zum Beispiel – sollte man das nicht gleich verbieten? Leute, die sich Sabbaticals leisten – wo gibt’s denn sowas? Frauen, die nicht ganztags arbeiten. Oder Frauen, DIE ganztags arbeiten und dadurch ihre Männer an der Karriere hindern …
Die Stechuhr kehrt zurück. Es ist vor allem eine innere Stechuhr, die die Welt nur in der Perspektive eines dumpfen Ökonomismus sehen kann. It’s the economy, stupid!
Man könnte aber auch dagegenhalten: It’s the society, anyway!
Die große Übersättigung
Die wahre Antwort auf die Gründe der Wachstumsschwäche der Wohlstandsländer (außer den USA, die offenbar eine Methode spekulativen Brachial-Wachstums gefunden haben) finden wir womöglich nicht im Reich der Lohnstückkosten und Geldmengen und Schuldenbremsen. Sondern in einem Schlüsselwerk des Fotokünstlers Andreas Gursky, das auf dem internationalen Kunstmarkt enorme Preise erzielte. Darin sind Billig-Konsumwaren in endlosen Regalreihen bis zu einem imaginären Horizont mit Billigpreisen zu sehen – immer 99 Cent. Mittendrin einige einsame Menschen, nein: „Konsumenten”, die sich in der massenhaften Gleichförmigkeit nicht mehr zurechtfinden. Eine Art Flimmern der Dinge, die immer ununterscheidbarer, immer normierter und zugleich übermächtiger werden.
Wir leben heute im Consumer Slop. Unfassbar viele Dinge werden in gigantischen Cargo-Schiffen über die Weltmeere transportiert. Preise verfallen in Lichtgeschwindigkeit. Man bekommt oft die gleiche Zahnbürste für 2 oder 50 Euro angeboten, was nicht nur den Wert, sondern auch die Werte der Dinge zerstört. Der Müll wird bereits vorne durch die Haustür geliefert, bevor er zum Recycling (das nicht mehr recycelt wird) wieder hinausgeht.
In vielen Märkten regiert das OVER-Prinzip, das Prinzip des negativen Überflusses:
- Over-Tourismus
- Over-Eating
- Over-Marketing
- Übertechnisierung
- Over-Fun
- Übermedialisierung
- usw.
Die Übersättigung der meisten Märkte lässt die Qualität verfallen. Viele Branchen leiden unter einer bizarren Überkonkurrenz, weil alle immerzu das Gleiche produzieren. In der Gastronomie lässt sich mit Qualitätsprodukten kaum noch Geld verdienen. Die brennenden Barrikaden der Bauern zeugen von dieser existentiellen Krise, die mit einem tiefgreifenden Defekt des Marktsystems zu tun hat: der klaffenden Lücke zwischen Wert und Preis.
Ein Schichten-Modell des Großen Wandel(n)s
Wie könnte man anders über die Ökonomie und Wirtschaft nach- bzw. VORdenken?
Amerikanische Zukunftsforscher der „Long Now Foundation” (eine Vereinigung zur Förderung des Langzeitdenkens) haben ein Modell entwickelt, das die tragenden Schichten unserer Existenz in einem zeitlichen Kontext darstellt. Das PACE-LAYER-Framework definiert sechs Schichten, die jeweils unterschiedliche Dynamiken aufweisen:
- Fashion: Die obere Schicht der MODE oder MEME – kurzfristige Trends, Produkte, Waren, die einen schnellen Markt-Zyklus bilden.
- „Kommerz”: (wobei im Amerikanischen darunter vor allem der Konsumsektor verstanden wird, aber es geht hier auch um die gesamte Wirtschaft): Kommerzielle Prozesse verlaufen schnell, aber nicht „ad hoc”.
- Darunter folgt INFRASTRUKTUR: Ohne funktionierende Straßen, Häfen, ohne Verkehr, Flüge, Kanalisation, Informations- und Energiesysteme kann Ökonomie nicht funktionieren. Wenn man die „Maintenance” – die zeitliche Pflege und Wartung – vernachlässigt, erlebt man das Schicksal der Deutschen Bahn. Der Zyklus der Infrastrukturen liegt bei ca. 50 Jahren.
- GOVERNANCE: (Regierungs- und Verwaltungsweise): Governance unterscheidet sich grundlegend von Politik; sie ist ein „Steuerungs- und Regelungssystem im Sinn von Strukturen einer politisch-gesellschaftlichen Einheit wie Staat, Verwaltung, Gemeinde, privater oder öffentlicher Organisation“. „Good Governance” bedeutet nichts anderes als ein lebendiges Verwaltungs- und Regelungssystem, das im Sinne der Menschen und ihrer Bedürfnisse adaptiv funktioniert. Es muss reaktionsfähig sein, aber auch verlässlich über längere Zeit funktionieren.
- KULTUR als Herausbildung der von Menschen geschaffenen Zeichen- und Wertesysteme. Kulturen können über Jahrhunderte bestehen, in Varianten auch in Jahrtausenden. In der Kultur ändern sich Verhaltens- und Wahrnehmungsformen, ebenso wie Kommunikationsweisen.
- NATUR als grundlegendes Fundament unserer Existenz, als das Zusammenspiel der Organismen auf dem Planeten Erde. Natur kann unter manchen Bedingungen schnell „evolutionieren”. Aber ihr Zeitmaß sind Äonen.
Zivilisation ist nichts anderes als ein Gesamtsystem, in dem die sechs Schichten miteinander synchronisiert sind – und dadurch lernende Prozesse ermöglichen. Die unteren, langfristigen Schichten stützen dabei die Stabilität des Gesamtsystems, während die oberen, schnellen Schichten Innovationen erzeugen und zum Wandel antreiben.
Die Wirtschaftskrisen unserer Zeit lassen sich auch als DE-SYNCHRONISATIONEN lesen. Das System gerät ins Schleudern, wenn einzelne Schichten in eine Überbeschleunigung geraten und dabei „übergriffig” werden. Die Skandale um die neuen Prognosemärkte in den USA, wo mit Insiderwissen auf kurzfristige Ereignisse gewettet wurde, zeigen, was passiert, wenn die Zukunft sozusagen in Echtzeit verwettet wird. Hyper-Technologien wie KI enteignen und inflationieren gleichzeitig Wissen und zerstören dabei menschliche Kognitions- und Kommunikationssysteme. Die Daten-Giganten disruptieren inzwischen auch unsere Infrastrukturen, weil sie in ihrem Energiehunger unersättlich und in ihrer sozialen Ignoranz ungebremst sind.
Die Strategie der gigantischen KI-Industrie kann man als Versuche lesen, die Zeitrhythmen der Welt im Sinne einer parasitären Effizienz zu zerstören. Und dabei die Menschen aus dem ökonomischen Wirklichkeitsraum zu verdrängen. In der Utopie (oder Dystopie) einer automatisierten Welt stören wir nur noch. Wir können eigentlich nur als Sklaven der großen Akkumulationsmaschine dienen.
“
„Meister Hora bringt hier die zentrale Botschaft des Buches auf den Punkt: Zeit hat nur dann einen Wert, wenn sie bewusst und mit Hingabe erlebt wird. Menschen, die Zeit nur funktional betrachten und sie ‚sparen‘ wollen, verlieren den eigentlichen Sinn des Lebens. Das Zitat veranschaulicht, dass echte Zeitwahrnehmung nichts mit Quantität, sondern mit Qualität zu tun hat.”
Aus einem Schulbuch über „Momo” von Michael Ende
Die Multikonomie
Stellen wir uns vor, es gäbe nicht nur EINE Ökonomie – das Business as usual –, sondern längst eine VIELZAHL von Ökonomien, die nebeneinander existieren und sich aus dem Feld der klassischen ökonomischen Systeme hinausevolutionieren. Dabei würden vier ATTRAKTOREN das Feld bestimmen:
Sinn,
Macht,
Gesellschaft,
Geld.
© Horx Future GmbHBeispiele:
Die Trump-Ökonomie (ganz rechts)
The Dark Economy (Verbrechen, Betrug, Gewalt)
Die Korruptions-Ökonomie („Epstein-Wirtschaft“)
Die kreative Ökonomie – Ökonomie der Ideen
Die Maker-Ökonomie (Rückkehr des persönlichen Produktionsprinzips)
Die parasitäre Ökonomie (Mega-Plattformen)
Die regenerative (zirkuläre) Ökonomie
Die Empathie-Ökonomie (Märkte der Gefühle, Mehrung des sozialen Kapitals)
Die Barter-Ökonomie (neue Tauschwirtschaft)
Die Mental-Ökonomie (geistige und psychologische Dienstleistungen boomen)
Die Maintenance-Ökonomie (Wirtschaft der Instandhaltungen)
Die Bot-Ökonomie (jeder kontrolliert ein ökonomisches Imperium)
Die Cryptokonomie (Monopole der Manipulation)
Die Mars-Ökonomie (Elon Madness)
Die Kindness-Economy (Ökonomie der Freundlichkeit)
Und so weiter.
In dieser Next Economy werden wir in unterschiedlichen ökonomischen „Zimmern” leben. Man stelle sich eine große Stadt vor, in der es einen Basar, einen Slum, ein Gangster-Quartier, hohe Bankentürme, ein hocheffizientes Fabrikareal, aber auch eine Zone der informellen Ökonomien, einen „Kiez” gibt. Die nächste Ökonomie ist eine Patchwork-Ökonomie, in der viele Nischen und Enklaven existieren, autonome Wirtschaftsräume, in denen die Wertschöpfungen sehr verschieden gestaltet sind.
Ein solches Bild erscheint auf den ersten Blick bedrohlich: Stehen hier nicht alle unsere Lebensgewissheiten auf dem Spiel? Was wird aus den Arbeitsplätzen? Den Planbarkeiten? Den Absicherungen und Aus-Bildungen, mit denen wir unser Berufsleben bestreiten wollen? Worauf können wir uns verlassen, wenn noch nicht einmal die Ökonomie der Weisheit letzter Schluss ist?
Vielleicht gibt es keinen letzten Schluss. Zu jeder Ökonomie gehört auch eine Gegen-Ökonomie. Aus jedem Chaos entsteht neue Ordnung. Besonders das Wirtschaftliche folgt den Gesetzen der Emergenz – der spontanen Formung von Systemen, die sich selbst stabilisieren. Sehen wir es als einen Neuanfang. Lang lebe die Next Economy!
Wer mehr über das Phänomen der METAKONOMIE erfahren möchte, dem lege ich unsere Future-Session NEXT ECONOMY ans Herz – im Hauptquartier des Future Project in Frankfurt/M am 22. April:
thefutureproject.de/next-economy-sessions
Die dazugehörige Meta-Studie „Next Economy – Brücken in die Zukunft der Wirtschaft” gibt es hier:
shop.thefutureproject.de/products/next-economy-bruecken-in-die-zukunft-der-wirtschaft

Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Bei Nachdruck-Anfragen wenden Sie sich bitte an Mag. Michaela Németh: michaela.nemeth@horx.com



