164 – Die Zukunftsenergie
Wie die Kraft des positiven gesellschaftlichen Wandels zurückkehren kann
Matthias Horx, April 2026
Mitten in Zeiten von Verwirrung, Verängstigung , und Pessimismus haben wir plötzlich wieder einen jener Momente erlebt, von denen wir glaubten, es gäbe sie nicht mehr. Zwar nur als Zaungäste eines nahen europäischen Landes. Aber immerhin: The Times They are a-Changin‘. Again.
Plötzlich war da wieder dieses Leuchten auf den Gesichtern.
Das Leuchten der Zukunft.
Hatten wir uns nicht schon auf die üblichen deprimierenden Meldungen vorbereitet, bei denen man diesen pelzigen Geschmack der Vergeblichkeit auf der Zunge bekommt? Auf die Schlagzeile: Ungarns Rechtspopulisten gewinnen erneut die Wahl! Orbán triumphiert und telefoniert sogleich mit Putin. Vance und Trump gratulieren: Und in den Talkshows herrscht die ewige kreisdrehende Ratlosigkeit …
Aber plötzlich ist alles anders.
Fast fühlen wir uns verwirrt.
Wie konnte das passieren?
Zukunftsenergie ist eine Energie, die tief im Unbewussten ihre Quelle hat, in der vitalen Sehnsucht nach Glück und Veränderung, nach Wandel zum Besseren. Die Menschen auf den Straßen von Budapest hatten diesen glühenden Gesichtsausdruck, in dem zu lesen war: Ich fühle mich als Teil eines Wandels. Ich bin Teil eines größeren Zusammenhangs, in dem sich Erstaunliches vollziehen kann.
Die Welt kann sich ändern.
Und wir uns mit ihr.
Konstruktive Rebellionen
In meiner Jugend in den späten 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es eine enorme, nahezu weltweite Freisetzung von Zukunftsenergie, die sich kaskadenhaft über die folgenden Jahrzehnte fortsetzte. Es begann mit der Jugendrebellion des Pariser Mai 1968, eine wahre Explosion erotischer und geistiger Energie. Auch wenn anfangs noch Restbestände der alten Ideologien und Dogmatismen des Marxismus mitspielten – Maoismus, K-Gruppen und andere sektenhafte Erscheinungen; auch wenn es durchaus auch dunkle Phänomene gab -, war es ein Aufstand der Sehnsucht nach einem anderen Leben, das die Schatten des Faschismus, die autoritären Strukturen der „Alten Welt“ überwinden wollte. Und auch tat: Was sich in den Aufbruchs-Jahren von 1968 bis in die 90er Jahre vor allem in den westlichen Ländern vollzog, war eine universalistische Kulturrevolution. Eine tiefgreifende Transformation der Werte- und Gesellschaftssysteme, die in Millionen Biographien, in Köpfen und Herzen, auch in Körpern stattfand.
Amerikanische Zukunftsforscher nannten das auch die „sensuelle Revolution“.
Es war das Wirken der Zukunftsenergie.
Wie wir alle wissen, ist das Ergebnis dieser Kraft, eine offene Gesellschaft der Freiheiten UND Verbindlichkeiten, heute massiv in Gefahr geraten. Nicht nur von außen, in den dämonischen Kräften politischer Bösartigkeit. Sondern auch von innen. Von der subjektiven Resignation. Im schrecklichen Gefühl, dass die Welt immer nur schlechter werden kann. Und dass nichts und niemand das aufhalten kann.
Die Zukunfts-Droge
Eine ähnliche Aufbruchs-Intensität konnte man dreißig Jahre später spüren, als beim Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 die Welt in alle Richtungen aufging, sich öffnete, sich entfaltete. Die vom Dopamin glühenden Gesichter auf der Berliner Mauer bleiben unauslöschlich im Gedächtnis.
Dopamin ist die körpereigene Zukunfts-Droge. Eine euphorisierende Substanz, die uns stimuliert, wenn es eine Herausforderung zu bewältigen gilt. Die uns hilft, Angst zu überwinden und über uns hinauszuwachsen. Diese Droge bringt uns zum Leuchten – im Sinne einer Erwartung des Wandels, einer Leistung, in der wir selbst ursächlich sind. Wer seinen ersten Marathon geschafft hat, ein ganz besonderes Liebeserlebnis hat, wer ein Zukunftsprojekt mit einem guten Team bewerkstelligt oder eine schwere Prüfung besteht, wird mit der Ausschüttung von Endorphinen und Dopamin belohnt. So werden wir in Richtung Selbstverwandlung „konditioniert“.
Liebe zur Welt statt Hass und Abneigung.
Wirkung statt Ohnmacht.
Zuversicht statt Selbstverzweiflung.
Kreativität als Sinn-Gefühl.
Man darf Zukunftsenergie nicht mit „Utopismus“ verwechseln. Rebellionen und Revolten scheitern, wenn sie sich in fixierten Vorstellungen dessen festrennen, was unbedingt „kommen muss“. Utopismus kann fürchterlich schiefgehen, wie viele Beispiele in der Geschichte beweisen. Vom Gottesstaat über den heroischen Kommunismus bis zum KI-Totalitarismus der Tech-Bros. Zukunftsenergie fixiert nicht „die Zukunft“ als Endzustand. Sondern öffnet die Gegenwart in einen Möglichkeitsraum, in dem wir wirken und lernen können.
Dadurch entsteht die Wirklichkeit.
Wind of Change
Ausbrüche von Zukunftsenergie sind häufiger als wir glauben. Wir übersehen sie nur meistens in der medialen Negativ-Verzerrung, die uns die digitale Aufmerksamkeits-Ökonomie beschert hat. Wer weiß, dass in den letzten Jahren in mehr als 20 Ländern sogenannte Gen-Z-Rebellionen quer über die Welt stattgefunden haben? Größtenteils erfolgreiche Aufstände der Jugend gegen das Alte, das Korrupte und Reaktionäre, die in vielerlei Hinsicht den 68er-Zeiten ähnelten? Nicht immer waren diese Aufstände machtpolitisch erfolgreich. Manchmal waren sie auch gewalttätig. In Madagaskar führte ein Aufstand der Jugend zu einer Militärdiktatur. In Bangladesch führte rebellischer Protest zum Abgang einer despotischen Herrschaft und dem Interregnum des Erfinders der Mikrokredite, Muhammad Yunus. In Sri Lanka trat die übermüdete Regierung zurück und eine neue Wandel-Stimmung entstand, in Kenia wurde durch Jugendproteste ein fatales Haushaltsgesetz zurückgenommen. In Nepal trat die ganze Regierung zurück, eine Verfassungsänderung wurde beschlossen und ein humanistischer Rapper wurde zum Regierungschef. Schon mal gehört davon?
Als systemischer Zukunftsforscher weiß ich, dass jeder Trend irgendwann auch einen Gegentrend erzeugt. Darin entfaltet und wandelt sich die Welt: Aus Trend und Gegentrend entsteht eine neue Dynamik, in der sich die nächste Stufe der Komplexität entwickelt. Das ist das Prinzip der Emergenz – die spontane Formbildung, in der sich alle komplexen Systeme immer wieder neu erfinden.
Sind wir heute schon am „Peak Populismus“ angelangt?
Natürlich nicht.
Aber es zeigen sich neue Türen. Wenn wir genau hinschauen, können wir erkennen, in welche Richtungen wir sie öffnen können.
Warum funktioniert in Ungarn plötzlich etwas, das überall sonst scheitert?
Das Re-Framing des Rebellischen
Magyar, der junge Dissident des Orbanismus, hat mit seinem Team einen klugen Wahlkampf neuen Typs geführt. Magyar verließ die Ebene der moralischen Polarisierung, die immer nur den dunklen Populismus nutzt. Er vermied den polemischen Moralismus. Eine reine Gegenstrategie gegen den Orbanismus hätte die Menschen gedemütigt und abgeschreckt, ihn vielleicht doch noch zu wählen, selbst wenn sie beim letzten Mal Orban gewählt hatten.
Der Kern des rechtsradikalen Erfolges ist, dass er den Code des Rebellischen „gehackt“ hat. Dort, wo der Rechtpopulismus erfolgreich ist, gelingt es ihm, das Dopamin für das Niederträchtige und Gewalttätige freizusetzen. Im fanatischen Grölen, wie wir es heute wieder auf vielen Parteitagen und Wut-Versammlungen hören müssen, manifestiert sich auch die Doppelbödigkeit, die Janusköpfigkeit des Rebellischen. Zukunfts-Dopamin kann tatsächlich in eine toxische, aggressive, ätzende Substanz umgewandelt werden. Dann entstehen aus dem Wir-Gefühl Feindschaft und Gewalt.
Bösartiger Populismus bezieht sein Momentum aus einer perfiden Umdrehung von Bedeutungen, das für die Machtlosen von höchster Attraktivität ist. Er verkauft Despotie im Gewand der Freiheit. Er nutzt die negativen Energien der Kränkungen, um seine eigenen Machtansprüche zu zementieren.
- Populisten wettern gegen die Korruption – um selbst über allen Maßen korrupt zu agieren.
- Populisten geifern gegen „die Eliten“ – weil sie selbst einen Eliten-Status anstreben, in dem sie für nichts mehr verantwortlich sind.
- Populisten predigen ständig Treue, Tradition, Anstand und Moral – um unentwegt zu betrügen, untreu und a-moralisch zu sein.
Magyar hat diese Paradoxien in seinem empathischen Konservatismus geschickt genutzt. Er vermied die Fallen der Minderheitenpolitik. Er wich der inzwischen ins Unsinnige gedrifteten Links-Rechts-Polemik aus (die Rechten bedienen sich längst „linker“ Muster, die Linken umgekehrt genauso). Stattdessen machte er mit seinem Publikum einen Realitätstest: In welchem Land leben wir heute eigentlich, wir Ungarn, 16 Jahre nach dem Populismus? Er gab den Ungarn die Würde, sich auch irren zu können, zurück und öffnete damit die Möglichkeitsräume. Was Hillary Clinton einmal, ziemlich verunglückt, formulierte – When they go low, we go high –, machte er zu einer politischen Realität.
Echte Zukunftsenergie entsteht, wenn wir die überfälligen Konstrukte und Verengungen alter Ideologien und Denkweisen überwinden.
Zukunftsenergie braucht eine gewisse Naivität – einen Unwillen, sich auf das Verdorbene allzu sehr einzulassen.
Zukunftsenergie erzeugt ein aktives Resonanzsystem zwischen den Menschen. „Doing Future“, die Erzeugung von Zukunft als reales Erleben, wirkt im Kleinen wie im Großen. In der Familie, in der Liebe, im Beruf, in der Kultur, besonders in der Kunst, wo es ja immer um die Perspektive des Anderen, Imaginären geht. Wir können Zukünftigkeit im Progressiven (Verändernden), aber auch im Konservativen (Bewahrenden) finden – in den Tiefen der Traditionen wie in den überzeitlichen Mythen der Menschheit. Oder sogar im Weltall, in einer kleinen Kapsel, die um den Mond fliegt und die Welt wieder in ihrer Ganzheit wahr-nimmt.
Das Wunderbare an der Zukunftsenergie ist, dass sie eine unerschöpfliche Kraft darstellt. Sie ist unkaputtbar oder – wie der wunderbar grantige Epistemologe Nicholas Taleb formulierte – „antifragil“. Durch Krisen erneuert sie sich selbst. Die Zeit wird kommen, in der das Aufrichtige, das Bessere und Schöne wieder mehr Momentum bekommt als das Spaltende, Hässliche und Gemeine. In der das Große Rückwärts an Attraktivität verliert. Wenn man genau hineinhört ins Rauschen der Zeit, spürt man, dass es eigentlich schon so weit ist.
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Bei Nachdruck-Anfragen wenden Sie sich bitte an Mag. Michaela Németh: michaela.nemeth@horx.com



