165 – Warum die Rechten nicht gewinnen werden
Wir stehen vor dem „Populismus Peak“. Es ist Zeit, die Demokratie neu verstehen zu lernen.
Matthias Horx, Mai 2026
„Von Populisten werden wir die Großartigkeit der Demokratie lernen.
Von Isolationisten den Sinn der globalen Solidarität.
Von Tribalisten die Schönheit des Kosmopolitischen.“
Elif Shafak, britisch-türkische Autorin
Ich werde derzeit häufig von Freunden und Geistesverwandten gefragt, wie lange es noch dauern wird, bis die radikalen Rechten, die bösartigen Populisten, die reaktionären Hassverbreiter – egal, wie wir sie letztendlich nennen – die Demokratie endgültig zerstört haben. Die Frage wird im Ton jener tiefen Angst vorgetragen, in der wir den Glauben an die Zukunft vollständig verloren haben. Starr ist der Blick auf den Worst Case gerichtet: Die Populisten übernehmen überall die Macht, Europa zerfällt wieder in faschistische Nationalstaaten …
Müssen wir bald auswandern? Aber wohin?
Hinter dieser Panik steht eine Art humanistischer Fassungslosigkeit. Ein existentielles Verzweifeln: Wie kann es nur sein, dass so viele Menschen sich auf eine politische Strömung des Hasses, der Negativität und Feind-Seligkeit (ist mit Bindestrich das passende Wort) einlassen, die ganz offen mit Motiven des Nationalsozialismus arbeitet? Wie konnte es geschehen, dass die offene Gesellschaft nach vielen Jahrzehnten Demokratisierung, Liberalisierung, Modernisierung und des Wertewandels zur Toleranz so unter Druck gerät?
Im Aufstieg der Populisten steckt etwas Irrationales, ja Nihilistisches, das uns in besonderer Weise den Zukunftsmut raubt. In einem Essay in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Ach so, die Leute sind komplett verrückt geworden“ betrachtet der Essayist Jost Kaiser die neurechte Bewegung als Ausdruck eines allgemeinen „Aggressionstriebs“ in der Kultur:
“
„Wir wollen als Ursache-Wirkung-Rationalisten eine Ursache finden, sonst wüssten wir nicht, was wir dagegen tun könnten. Aber vielleicht gibt es gar keine Erklärung, die in das bisherige Schema passt? … Zerstören macht Spaß, ja glücklich, viel mehr als erhalten. Denn was man im strengsten Sinne Glück heißt, entspringt der eher plötzlichen Befriedigung hoch aufgestauter Bedürfnisse.“
Das Fatale ist, dass unsere Angst direkt etwas mit dem Erfolg der Rechten zu tun hat. Wir sind sozusagen in einer negativen Resonanzschleife mit ihnen verbunden. Je mehr wir uns vor ihnen fürchten, desto stärker werden sie. Denn es ist ein großer Genuss, viele Feinde zu haben. Gefährlich zu sein. Provokant zu sein. Angst machen zu können. Wir füttern den populistischen Dämon mit unserer Angst.
Es ist Zeit, diese toxische Beziehung zu beenden.
Der wirbelnde Alarmismus
Wir tun uns auch deshalb so schwer mit den neuen Rechten, weil wir – bewusst oder unbewusst – spüren, dass wir (als Liberale, Progressive, Fortschrittliche, „gute“ Menschen etc.) auf eine verquere Weise etwas damit zu tun haben könnten.
Dass das Rechte plötzlich „angesagt“ ist, ist ein Resultat, wenn auch kein Ergebnis, einer Welthaltung, die sich im Zuge eines hyperkritischen Postmodernismus über Jahrzehnte ausgebildet hat. Prinzipiell dagegen zu sein, alles moralisch zu überhöhen, ständig den Alarmknopf zu drücken, ist keine Erfindung der Rechten. Es gibt einen Infantilismus des Dagegenseins, der eine längere Vergangenheit hat.
Im ikonischen Hollywood-Film „The Wild One“ aus dem Jahr 1953 „reitet“ der junge Marlon Brando mit einem schweren Motorrad in eine kleine Stadt in Kalifornien ein, ganz in schwarzes Leder gekleidet. Ein Einwohner ruft ihm über den Gartenzaun zu:
„Wogegen rebelliert ihr eigentlich?“
Brandos Antwort, unter Motorrad-Wummern:
„Kommt darauf an, was ihr anzubieten habt!“
Die Rechten haben sich den Brando-Stil offensichtlich zu eigen gemacht. Sie sind einfach gegen alles, was sich die moderne Gesellschaft in mühsamen Lernprozessen an Zivilität, Respekt und Konsens angeeignet hat. Sie deuten Begriffe wie „Aufstand“, „Gerechtigkeit“, „Freiheit“ oder „Widerstand“ schamlos in Gemeinheiten um. Diese Wörter sind, so müssen wir staunend feststellen, in ihren Bedeutungen äußerst biegbar. Sie können für Empathie dienen wie für Antipathie. Für Hass ebenso wie für Zuneigung. Nur für Emanzipation im Sinne der Selbstverantwortung nicht. Der ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer (legendär: sein Podcast „Sprechen wir über Mord!?“) hat diesen Effekt des Über-Alarmismus, der ständigen Warnungs-Übertreibung, in seiner letzten SPIEGEL-Kolumne auf den Begriff gebracht:
„Mir fällt auf die Schnelle kein Bereich des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens ein, dem derzeit nicht eine Krise, eine ernste Krise oder die bisher schwerste Krise diagnostiziert wird. Und an der Spitze der Erregung steht die Mutter aller Krisen, die Regierungskrise … Der wirbelnde Alarmismus wird häufig mit der Behauptung verbunden, er diene der rationalen Aufklärung der Bevölkerung und solle diese vor den Desaster-Propheten der AfD beschützen. Das Gegenteil ist richtig. Der Daueralarm wird auf unseriöse Weise verstärkt und als Indiz für die Unfähigkeit ‚des Systems‘ ans allgemeine Volk verkauft.“
www.spiegel.de/kultur
Ein weiterer Irrtum über den Populismus ist, dass es sich um ein genuin politisches Phänomen handelt.
Politik ist der Versuch, gesellschaftliche Interessen und Unterschiedlichkeiten in eine produktive Ordnungs-Balance zu bekommen. Populismus ist hingegen eine Erregungs-Bewegung, die sich aus vielen individuellen Frustrationen, Kränkungen und tiefen seelischen Enttäuschungen inklusive Wut und Rachegefühlen zusammensetzt. Populistische „Programme“ klauben alles zusammen, was ein Provokationsmaterial ergibt. Egal ob aus der „linken“ oder „rechten“ oder „turbokapitalistischen“ Ecke. Alles, was ein GEGEN-etwas sein kann, was man als den „Mainstream“ ansieht. In gewisser Weise ist der Populismus eine Revolte gegen die Mehrheitsgesellschaft. Damit ähnelt er vielen andern revolutionären, putschistischen Bewegungen.
Deshalb ist es auch illusionär zu glauben, „die Politik“ müsste nur die richtige Politik machen und „die Probleme“ lösen“. Den Wohlstand für alle sichern, die Mieten senken, die Inflation in den Griff bekommen, Befremdungen aller Art unterbinden, für allgemeine Gerechtigkeit sorgen. Und dabei jeden „mitnehmen“. Bei solchen Ansagen grölen die Rechten stets am lautesten. Sie verstehen unter „mitnehmen“ etwas anderes.
Das Populistische Paradox
Als Zukunftsforscher haben wir gelernt, dass jeder Trend Gegentrends erzeugt. Nichts geht auf Dauer linear immerzu in dieselbe Richtung. Wie sich in der Natur auch alles auszugleichen versucht, kommen Entwicklungen – gesellschaftliche, politische, technologische, „modische“ – immer irgendwann an einen „Tipping Point“, an dem das Momentum seine Richtung ändert.
Der überraschende Wahlausgang in Ungarn (hatten wir das Land nicht längst ins faschistisch-autoritäre Lager abgeschrieben?) zeigt, wie schnell selbst autokratische Semi-Diktaturen kippen können.
In den Ländern mit den größten Populismus-Problemen ist es vor allem die Verwirrung und Zersplitterung der Demokraten, die den Autokraten die Scheunentore offenhält. Der Wahlsieg der ungarischen Opposition wurde nicht von einer „linken Offensive“, sondern von einer Bewegung aus der Zivilgesellschaft ermöglicht. Bis in die tiefste Provinz, wo die Orbansche Regression sich verhärtet hatte, bildeten sich „ländliche Clubs“, Initiativen, die miteinander das demokratische Fühlen praktizierten. Diese Zusammenschlüsse waren nicht parteipolitisch oder ideologisch fixiert. Es waren offene Räume, in denen sich Zukunft neu bilden konnte. Die Demokraten holten sich von den Rechten die emotionale Deutungsmacht zurück – aber nicht auf der Ebene klassischer Parteipolitik.
www.sueddeutsche.de/projekte
Das ungarische Beispiel macht deutlich, dass man ein Land, eine Gesellschaft, nicht einfach so in einen Faschismus „umkippen“ kann – auch wenn man die Medien beherrscht und den ganzen Staatsapparat.
Orbans Autokratismus fiel dem „Populistischen Paradox“ zum Opfer. Die Populisten polemisieren wie niemand anders gegen „Korruption“, gegen die „Eliten“ – das „Volk“ soll das Sagen haben. Gleichzeitig betrachten sie den Staat als Selbstbedienungsladen und die eigene Clique als Versorgungsklientel. Sie verhalten sich nach Wahlerfolgen auf dermaßen dämliche Art und Weise korrupt und elitär, dass selbst ihre glühendsten Anhänger irgendwann erschöpft die Euphorie einstellen.
Populistische Machtpolitik gerät, wenn sie durch Wahlen an die Macht gelangt, ziemlich schnell in ein unlösbares Dilemma. Wenn sie aus der reinen Wut- und Aggressionsphase in Regierungsverantwortung übergeht, hat sie nur noch zwei Möglichkeiten: zu deeskalieren und einen Kompromiss mit der Mehrheitsgesellschaft zu suchen – das Prinzip Meloni. Oder konsequent zu putschen, die demokratischen Institutionen zu zerstören und eine echte Diktatur zu errichten. Wenn sie dabei einen bestimmten point of no return verpasst, wird sie ziemlich bald wieder abgewählt.
www.sueddeutsche.de/projekte
Faschismus, oder echte Diktatur, ist anstrengend. Man muss dafür nicht nur noch mehr und dreister lügen, sondern auch massenhaft einsperren und effiziente Institutionen der Gleichschaltung und Unterdrückung bilden. Blut muss fließen und zwar reichlich, sonst funktioniert es nicht. Für die endgültige Formierung der Gesellschaft muss man schließlich Kriege anzetteln. Ab einer gewissen Komplexitätsstufe der Gesellschaft ist aufopfernder Heroismus aber eine rare Ressource. Der Rechtspopulismus kann die Wertewandel-Phänomene, Individualisierungs-Prozesse und Lebensstil-Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte nicht einfach ungeschehen machen. Er trifft zumindest im Westen auf Gesellschaften, die sich zwar emotional stören und verunsichern, aber noch lange nicht zum Gleichschritt formieren lassen.
Den Blick aufs Ganze öffnen
Ist die Demokratie also tatsächlich „am Ende“, wie es uns der öffentliche Diskurs unaufhörlich verkündet? Schauen wir auf das, was man normalerweise nicht in den Medien liest. Beziehungsweise wahr-nimmt:
- Hat irgendjemand mitbekommen, dass in den letzten Jahren in insgesamt 15 Schwellenländern (Bangla Desh, Kenia, Sri Lanka, Bhutan, Madagaskar, um nur einige zu nennen) sogenannte Gen-Z-Proteste stattgefunden haben, von denen ein großer Teil zu demokratischen Öffnungen und Regimewechseln geführt hat?
de.wikipedia.org/wiki/Gen-Z-Proteste
(Einwand: „Das sind ja nur kleine Länder … außerdem …“) - Nehmen wir wahr, dass sich in großen westlich Wohlstands-Ländern wie Kanada und Australien, aber auch in weiten Teilen Europas, gerade ein Gegentrend Richtung ökologische Wende und liberal-progressive Mehrheiten entwickelt? („Reicht nicht aus …ist ja nur vorübergehend!“)
- Ist uns aufgefallen, dass nicht nur in Ungarn, sondern auch in Brasilien, Polen, Slowenien etc. Rechtsautoritäre nach kurzer Zeit wieder von der Macht vertrieben werden konnten? („Sie könnten aber doch wiederkommen!“)
- Hat irgendjemand zu Kenntnis genommen, dass in immer mehr Ländern gleichgeschlechtliche Partnerschaften legalisiert wurden – unlängst auch im traditionellen Thailand? („Ist ja eher eine Nebensache … wird bald revidiert“). Dass ein Land wie Irland, das noch vor zwanzig Jahren eine Filiale des reaktionären Katholizismus war, zu einem progressiven, kreativen Gesellschaftsmodell herangewachsen ist? Dass in den Skandi-Ländern (auch die Benelux und die baltischen Staaten gehören in gewisser Weise dazu) ständig neue Formen demokratischer Politik ausprobiert werden, die offenbar den Rechtspopulismus zumindest einschränken oder blockieren können? („Ja, aber was ist mit Russland und Amerika?)
- Bei den Kommunalwahlen in Großbritannien Anfang Mai 2026 titelten die Medien unisono: DURCHMARSCH VON FARAGE! Aber die Wirklichkeit war komplexer: Die Hardcore-Populistenpartei Reform UK gewann zwar in Arbeiter-Regionen hinzu, die vor einigen Jahren von den Tories zu Labour übergelaufen waren. Aber gleichzeitig erzielten Grüne und Liberale erstaunliche Erfolge. In Wales gewann Plaid Cymru , eine regionalistische, eher linke Partei, 43 Sitze im Vergleich zu 34 von Reform UK. In Schottland liegen wieder die eher liberalen Regionalisten vorne.
- In einer Studie über enttäuschte CDU-Wähler kam heraus, dass 22 Prozent die AfD wählten – weniger als ein Fünftel. 25 Prozent wanderten ins linke Wählerlager (SPD, Grüne und Linke). Der große Rest sucht nach einer anderen Partei, einer neuen Orientierung im Bogen der Demokratie.
www.welt.de/politik/deutschland
Der Trend geht nicht „wieder nach links“. Sondern in ein anderes Neues.
Dass wir so viel Angst vor den Populisten haben, hat auch damit zu tun, dass wir uns dieses Neue nicht vorstellen können. Wir kleben wie die Fliegen an alten Demokratiemodellen, zu denen wir uns beim besten Willen nichts Besseres vorstellen können.
Aber nur das Bessere ist des Schlechten wahrer Feind.
Welthistorische Persönlichkeiten
Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 -1831) betrachtete zu Beginn der Industrialisierung den „Weltgeist“ in seinen Zyklen und Zusammenhängen. Er sah Weltgeschichte als fortlaufende Welle von Epochen. Immer dann, wenn eine Epoche zu Ende geht, spielen bestimmte „welthistorische Persönlichkeiten“ eine besondere Rolle.
Um ihre Ziele zu erreichen, so schreibt Hegel im Vorwort zur „Phänomenologie des Geistes“, müssen diese Ausnahme-Persönlichkeiten „manche unschuldige Blume zertreten, so manches Ding auf ihrem Weg zermalmen …“ Sie scheinen alles aus dem Antrieb einer übermächtigen Leidenschaft – eines krankhaften Verlangens – zu tun und aufgrund dieser Leidenschaften und Begierden keine moralischen Menschen zu sein.
Ihre bizarren Ziele erreichen sie jedoch nie. Stattdessen beenden sie verlässlich Epochen, deren Zeit abgelaufen ist.
Als Protagonisten führt Hegel Alexander den Großen, Cäsar und Napoleon an. Hitler kannte er noch nicht, an Trump hätte er sicher seine Freude gehabt. Napoleon verwüstete halb Europa und hinterließ am Ende eine Verwaltungsbürokratie. Von Trump könnte ein goldener Ballsaal übrig bleiben, der eines Tages als queere Touristenattraktion dient („Ach wie wunderbar scheußlich!“).
Hegel war nicht nur ein kluger Dialektiker. Er war auch ein echter Prophet. Denn irgendjemand muss den Job übernehmen, die alten Gewissheiten und Erstarrungen aufzulösen, die sich im Verlauf einer dominanten Zivilisation anhäufen. Es gibt im Rahmen der Epochenforschung sogar ein Modell dafür, den „FUTURE ARC“, der den Aufstieg und Niedergang von Epochenkulturen darstellt.
© Horx Future GmbHRadikale Gelassenheit
Sind wir also heute schon am „Populismus Peak“ angelangt, dem Gipfel des Rechts-rechten Feldzugs? Noch nicht ganz. Aber fast. In einigen Ländern müssen sie sich vielleicht noch blamieren. Aber das rechte Faszinosum hat seine große Zeit hinter sich.
Dem taumelnden Absturz von Trump können wir heute bereits live erleben. Wir dürfen das aus der Zuschauerposition auch ein bisschen genießen: Sein sichtbarer Niedergang wird die Aura des Populismus weltweit beschädigen. Die allermeisten Amerikaner haben längst gemerkt, dass sie Opfer eines infantilen Narzissten geworden sind. Sie sind nur ein bisschen zaghaft, es zuzugeben – wie die Briten mit dem Brexit. Aber sie werden ihren Weg zurück in eine nächste Demokratie finden.
Das Gespenst des Populismus wird erst dann richtig weichen, wenn sich aus der Zukunft heraus eine Idee der nächsten Demokratisierung entwickelt. Der alte Links-Rechts-Parlamentarismus mit seinen Blöcken, Blockaden und Nullsummenspielen kommt nicht mehr zurück. Erst wenn aus der Demokratie wieder eine gesellschaftliche Wandel-Praxis – doing future – wird, kann sich das Gespenst verabschieden. Das wird nicht einfach, ist aber längst auf dem Weg. Dazu mehr in einer der nächsten Kolumnen.
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
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