166 – Wohin geht die Zukunftsforschung?

Vom Ende der Zukunft (wie wir sie kennen).
Und von einem Neubeginn des Zukunftsdenkens.

Matthias Horx, Juli 2026

Grafik: Mann mit Fernrohr© Horx Future GmbH

Die ZUKUNFT, in Großbuchstaben, ist ein echtes Buzzword. Es prangt auf Werbeplakaten, bevorzugt von Sparkassen. Es wird einem unentwegt mit pixeligen Roboterköpfen und technoider Penetranz um die Ohren gehauen. Zukunft schwingt als Drohung oder Verheißung in allen öffentlichen Reden mit. Taktet die Vorträge von Managern, Politikern, Investoren und Motivationstrainern.
The FUTURE will be great.
Aber stimmt das überhaupt noch?
Irgendwie ist die Zukunft leer geworden. Ein weißes Rauschen.
Sie klingt wie ein Hype, der längst vorbei ist.

Laura Penny, die kanadische Kulturforscherin und Autorin des Buches „Your Call is Important to Us: The Truth About Bullshit” brachte dieses Weltzeitgefühl so auf den Punkt:

„Sich in diesem Moment mit den aktuellen Ereignissen auseinanderzusetzen, fühlt sich an wie eine endlose Panikattacke. Überschwemmungen. Brände. Wahlen. Amtsenthebungsverfahren. Ein ununterscheidbarer Schwarm grinsender, autoritärer Arschlöcher, die jeden auslachen, der sie daran hindern will, den Planeten auszubeuten. Gefühllose Armeen bewaffneter Nihilisten, bereit, die Welt in Brand zu setzen. All das implodiert in einer Art hektischer Immanenz, einem rasenden Zusammenbruch der Zeitlinien. Was viele von uns gerade erleben, ist eine Art kulturelle Depression, ein ‚Fieber im kollektiven Kopf‘. Eines der am häufigsten berichteten Symptome bei schweren Depressionen ist die Unfähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen. Es ist nicht nur so, dass sich Depressive nicht mehr vorstellen können, dass jemals wieder etwas Gutes passiert – sie können sich überhaupt keine Zukunft mehr vorstellen.”

Homo Prospectus: der vorausschauende Mensch

Wenn die Diagnose stimmt: Wozu dann eigentlich noch Zukunftsforschung? Sollten wir uns in unsicheren, zukunftslosen Zeiten nicht lieber auf die Gegenwart konzentrieren, auf den einzigen gesicherten Zeitraum, den wir noch haben?
Viele versuchen das gerade. Aber es führt in eine Sackgasse.

Menschen sind Zukunftswesen. Die Evolution hat uns mit einem besonderen Sinn versehen: dem Zukunfts-Sinn. Unser präfrontaler Cortex, der jüngste Teil der evolutionären Hirnentwicklung, ist auf vielfältige Weise mit dem Gedächtniszentrum, den Zwischenspeichern der Erfahrung und Erinnerung, mit den Angstzentren und den Bildgeneratoren der restlichen Hirnarealen verbunden. Im Wechselspiel dieser kognitiven Elemente entstehen Ahnungen, Konstruktionen, „Visionen”, die für unser Leben eine erhebliche Bedeutung haben.

Sie strukturieren unsere Erwartungen.
Sie steuern (zum großen Teil) unsere Handlungen.
Sie geben unserem Leben einen Sinn.

„Zukunftsforscher, Propheten und Prognostiker haben die Zukunft immer nur erklärt, vorhergesagt und festgelegt. Jetzt kommt es darauf an, eine Wirklichkeit zu ermöglichen, die aus der Zukunft selbst entsteht.“

The Predictive Mind

Die Kognitionsforscher haben nachgewiesen, dass die menschliche Wahrnehmung selbst eine Voraussage ist. Sobald wir eine Information aus der Umwelt erhalten, beginnt unser Mind blitzschnell eine „entsprechende Prognose” zu entwickeln. Worum könnte es sich handeln? Kann man es essen oder umarmen, oder sollte man davonlaufen? Unser assoziatives Hirn ergänzt den äußeren Impuls durch eine innere Voraussage. Und daraus entsteht ein Bild der Wirklichkeit (Wirklichkeit ist der Teil der Realität, in dem wir wirken können).

Man fragt sich natürlich, wozu die Evolution einen so komplizierten Mechanismus hervorgebracht hat, der viel Energie fordert und obendrein noch Kopfweh und Irrtümer macht. Aber unsere Fähigkeit zum Bilden von Zukunfts-Modellen ist ein entscheidender evolutionärer Vorteil. Eine Spezies, die antizipieren kann – wohin die Tiere ziehen werden, die man jagen will, wie sich der Nachbarstamm verhalten oder ein Werkzeug aussehen wird, wenn es fertig ist -, hat einen enormen Überlebens-Vorteil. Sie kann sich vorbereiten. Sie kann Pläne schmieden. Sie kann erworbenes Wissen und Erfahrungen teilen und vermehren. Durch Sprache, Bilder, Lernen.
Sie kann imaginäre Wirklichkeiten erzeugen, die es leichter machen, mit dem Dasein umzugehen.
Sie kann die Welt verändern. Durch Fantasie, Planung und Realisierung des Vorgestellten.

Der Kognitionsforscher Andy Clark formulierte in seinem Buch Surfing Uncertainty:

„Das Rätsel ist, wie bloße Materie Denken, Vorstellungskraft, Träume, Emotionen und intelligentes Handeln hervorbringen kann. Der Schlüssel dazu lässt sich in einem einzigen Wort zusammenfassen: Vorhersage. Um in einer unsicheren und geräuschvollen Welt zurechtzukommen, sind Gehirne wie unseres zu Meistern der Vorhersage geworden – sie surfen auf den Wellen der lauten und mehrdeutigen Reize, indem sie versuchen, ihnen immer einen Schritt voraus zu sein.”

Ein Problem beim Prognostizieren ist allerdings die Selbst-Illusion. Man kann „die Zukunft” nie vollständig voraussagen. Dazu ist sie zu gewaltig, zu groß, zu vielschichtig. Man kann bestimmte Strömungen verstehen, Zusammenhänge erkennen, Prozesse antizipieren. Aber wir leben in einem offenen, unfassbar komplexen Universum – und keiner Maschine, in der immer alles auf „etwas hinausläuft”. Unser überfordertes Hirn gaukelt sich aber gerne Sicherheiten vor, wenn es überfordert ist. Es kann Unbestimmtheiten, Unsicherheiten, schwer ertragen. Deshalb bastelt es sich Scheinprognosen, Halluzinationen, Illusionen, die es an die Stelle einer unsicheren Zukunft setzt.

Wir „beanspruchen” die Zukunft. Wir lernen nicht gerne aus Irrtümern, sondern kleben an ihnen fest. In einem solchen Enttäuschungsloch sitzen wir heute. Die Zukunft, so wie wir sie annahmen, hat uns bitter enttäuscht. Wir sind beleidigt. Wir bleiben stur. Alles soll wieder so werden, wie es früher einmal zu werden schien.
Wie kommen wir da heraus, ins Offene? Ins Konstruktive? Raus aus der Zukunfts-Depression?

„Prognosen sind nur dann „richtig”, wenn sie den Weg zu einer stabilisierbaren menschlichen Zukunft erhellen.“

Zukunft als Idee der Moderne

Die Zukunft, wie wir sie heute kennen (oder zu kennen glauben), ist eine ziemlich neue Erfindung der menschlichen Kultur.
In seinem Buch „Vergangene Zukunft” beschreibt der Geschichtswissenschaftler Reinhart Kosellek jene Übergangsperiode zwischen Prämoderne und Moderne, aus dem unser heutiger Zukunftsbegriff stammt. Hätten wir Anfang des sechzehnten Jahrhunderts in Europa gelebt, hätten wir uns ähnliche Sorgen gemacht, mit denen sich auch heute noch Menschen beschäftigen. Wird es morgen regnen? Was wird die Ernte bringen (heute: gibt es eine Gehaltserhöhung?). Als religiöse Menschen hätten wir jedoch das Nahen des Weltendes vorausgesetzt – das Ende der Sündengeschichte, in der wir gefangen waren.

Im Bewusstsein der Gottesfurcht war das Leben eher Schicksal, das allenfalls durch Gebet und Tugend beeinflusst werden konnte. Veränderung kam immer nur von außen, und sie war meistens katastrophisch. Mit unserem Tod käme jedoch die Erlösung, die Wonne des ewigen Lebens über uns. Darauf hätten wir in all unserem Leiden hingearbeitet. Gleichzeitig hätten wir immerzu Angst vor dem Fegefeuer gehabt. Der großen Strafe Gottes.

Dreihundert Jahre später, im Jahr 1793, formulierte Robespierre den Satz, der die Zukunft zu einem aktiven Gegenwarts-Konzept machen sollte: „Es ist an der Zeit, jeden Einzelnen aufzurufen, sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Der Fortschritt der menschlichen Vernunft legte den Grundstein für diese große Revolution, und Sie werden nun die besondere Pflicht übernehmen, ihr Tempo zu beschleunigen.“

Die Idee des unaufhaltsamen Fortschritts veränderte die Erwartungsformen der Gesellschaft. Als moderne Menschen „ticken” wir heute nicht mehr in Schicksalskategorien. Wir glauben (meistens), dass wir einen Einfluss auf das Morgen haben. Wir haben dabei ein erhebliches Anspruchsdenken: Wir verlangen von der Gegenwart all das, was die Versprechen der industriellen Fortschritts-Gesellschaft verhießen: Harmonische Gesellschaft. Sichere Chancen. Super-Technik. Friktionsfreier Wohlstand rund um die Uhr. Ständige Steigerung.
Wenn das nicht erfüllt wird, drehen wir ziemlich schnell durch.

„Der Kern des Menschen ist seine Antizipations-Kompetenz. Zwischen Wünschen und Visionen zu unterscheiden, starre Utopien zu vermeiden und Angst durch sinnvolle Imagination zu überwinden, entscheidet über unsere Fähigkeit, eine bessere Wirklichkeit zu erschaffen.“

Die Prognose-Korruption

Carissa Véliz, Philosophin an der Universität Oxford, argumentiert in ihrem Buch „Prophecy”, dass unsere Fokussierung auf exakte Zukunftsvisionen nur deshalb zustande kam, weil wir sie mit der „Suche nach Wahrheit“ verwechselten. Tatsächlich, so Véliz, sind Prognosen öfter Machtinstrumente als Versuche, Wissen zu erlangen; nicht selten handelt es sich um „als Beschreibungen getarnte Befehle“.

Prognosen aller Art sind in der rasenden Aufmerksamkeits-Ökonomie ein gigantischer Markt geworden, auf dem man so gut wie alles bestellen kann: Untergänge, Erlösungen, Trendquatsch und Blödsinn, der als sensationelle Wahrheit verkauft wird. Wir fallen häufig auf Prophezeiungen herein, also auf interessensgeleitete Manipulationen. Deshalb ist Elon Musk so mächtig geworden: Er betankt seine kindlichen Zukunfts-Fantasien mit gigantischen Mengen von ökonomischem und fossilem Treibstoff. Und macht die Zukunft zu einem Zwangssystem. Er verkörpert einen technologischen Messianismus, die dunkle Magie unserer Zeit.

„Unser Verständnis der Welt verändert die Bedingungen einer sich verändernden Welt, ebenso wie unsere Wünsche, unsere Vorlieben, unsere Motivationen, unsere Träume, unsere Hoffnungen, Hypothesen, Theorien und Phantasien.”
Carl Popper, Eine Welt der Propensitäten, 1995

Véliz kritisiert den „Prognostizismus”, den Glauben an Prognosen, auf zwei Ebenen. Erstens wird es in einer komplexen Gesellschaft immer schwieriger, genaue Vorhersagen zu treffen. Prognosen sind ein endloser Ringkampf mit kognitiven Problemen: „Datenprobleme“ (Zahlen können irreführend oder gefälscht sein); „soziale Probleme“ (Menschen sind unberechenbar); „epistemische Probleme“ (Wir können die Zukunft des Wissens nicht vorhersagen); „Zufallsprobleme“ („Wild Cards”). Und „ironische Probleme“, in denen Prognosen sich sozusagen in den Schwanz beißen. Zum Beispiel können bestimmte Aussagen des Risikomanagements das systemische Risiko sogar noch erhöhen. Die neuen prediction markets wie Kalshi oder Polymarket in den USA, Plattformen, auf denen man um ALLES wetten kann, machen Zukunfts­voraussagen zu einem betrügerischen Schleifensystem – allein mit Insiderwissen kann man dort in Minuten Millionen verdienen.

Auf diese Weise zerstört man die Zukunft: indem man sie selbsterzeugend voraussagt. Und damit reich und mächtig wird.
Zweitens, so Véliz, handelt es sich allzu oft um Wunsch- oder Angstroutinen. Wir setzten gerne auf Pferde, auf die wir gewettet haben. Prognosen werden oft als Bestätigungen benutzt – vor allem für Gefühle wie Angst oder Euphorie. Oder für kommerzielle Interessen.

Daniel Gilbert, ein Harvard-Professor, der an menschlichen Zeitkonzepten forscht, formulierte noch ein weiteres Prognose-Problem:

„Da wir die Zukunft nie anders als diejenigen erfahren können, die wir jetzt, im Moment der Prognose, sind, können wir auch niemals erfahren, ob die Prognose RICHTIG war.”

Wir können viel voraussagen. Aber nur sehr schwer voraussehen, wie wir es wahr-nehmen würden, wenn es eintritt. Weil sich unsere inneren Modelle und Hirnstrukturen ständig ändern, weil die Welt sich ständig ändert, befinden wir uns in einem ständigen Wahrnehmungs-Tanz.

In der neuen Zukunftsforschung, die wir Zukunfts-Kompetenz nennen, geht es nicht darum, Prognosen zu perfektionieren. Es geht um einen klugen, erwachsenen Umgang mit ihnen. Darum, die eigenen Zukunfts-Konstruktionen, inklusive unserer Biases, Wahrnehmungs-Verzerrungen, zu verstehen und zu variieren.
Es geht darum, eine neue Beziehung mit der Zukunft einzugehen.
Um intelligentes Erwartungs-Management.
Gnothi seauton, stand über dem Tor des Orakels von Delphi. Erkenne Dich selbst!
Die Tür zur Zukunft geht nach innen auf.

Vom Zukunfts-Ziel zum Zukunfts-Trichter

Zukunft 1: Voraussage als deterministische Verengung

Zukunft 2: Zukunft als Öffnung des Möglichkeitsraums

Diese beiden Grafiken versinnbildlichen die beiden Formen, in denen man Zukunft mental konstruieren kann. Entweder man begreift sie als ein fixiertes und voraussagbares Endergebnis, eine Art ZIEL. Dabei werden im Zeitverlauf die epistemischen Zugänge immer enger. Alles erklärt sich in immer engeren Kausalitäten. Bis alles auf einen spitzen Punkt zuläuft.
In dieser Form ist Zukunft ein Konstrukt, in dem wir steckenbleiben. Fixierte Utopien (oder Dystopien) führen uns in die Enge einer determinierten Realität, in der es keinen Spielraum mehr gibt. Ohne Spielraum gibt es aber keine Zukunft.

Die andere Variante ERWEITERT den Möglichkeitsraum im Sinne von Kontingenz und Emergenz. Kontingenz ist die „Möglichkeit des anderen” – alles könnte auch ganz anders werden. Emergenz ist die Fähigkeit komplexer Systeme, spontan neue Formungen zu bilden, die sich selbst stabilisieren können. Wie in der Natur, etwa in der Bewegung von Vogelschwärmen oder dem Entstehen neuer Arten, bilden sich auch in sozialen, gesellschaftlichen, technologischen Systemen immer wieder neue Muster aus – im Chaos entsteht die nächste Ordnung. Man kann darauf vertrauen, dass der Evolution auch in Zukunft „etwas einfallen wird”.

Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet eine Organisation wie die Katholische Kirche heute einen solchen Zukunfts-Ansatz formuliert. In der neuen Enzyklika von Papst Leo, Magnifica Humanitas– Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz geht es genau darum: Die Zukunft nicht als Vorbestimmtheit, sondern als Produkt menschlichen Wirkens zu verstehen. Im Widerspruch zu manch alten kirchlichen Dogmen geht es um Ermöglichung. Darum, die Offenheit des menschlichen Lebens einschließlich seiner Schwächen zu bewahren. Die lineare Zwangs-Logik von Technik und Ökonomie zu überwinden. Ist es nicht seltsam und wunderbar, wie sich selbst erstarrte Organisationen wandeln können?

„Zukunftskompetenz heißt auch, sich aus dem Zukunfts-Diktat der Technologie und Ökonomie zu befreien. Es geht darum, die Welt zu entpixeln und nicht auf jeden technologischen Hype hereinzufallen, der uns das gloriose Morgen verspricht.”

In der neuen Zukunftsforschung starren wir nicht nur auf das Neue, das Disruptive, das Sensationelle, das uns die Zukunft sozusagen mit dem Holzhammer beibringt. Wir beachten auch die schwachen Signale, die aufstrebenden Zeichen. Das Gewordene, das Bleibende, das Wiederkehrende. Krisen sind Erneuerungsimpulse, die zu weiterem führen. Dieses Weitere kann das Bessere werden, wenn wir es als Synthese zwischen menschlichem Handeln und den Bedingungen der Welt verstehen.

Klassische Zukunftsforschung Future Literacy
Vorhersage: Zukunft als fixiertes Ziel Ver-Mutung: Zukunft als Möglichkeitsraum
Verkündung der Zukunft Exploration von Zukünften
deterministisch bewusst spekulativ/reflexiv
Die Zukunft aus der Gegenwart heraus sehen Die Gegenwart aus der Zukunft erhellen
Die Zukunft ist voraussagbar Die Zukunft ist nicht voraussagbar, aber verstehbar
Probabilität Emergenz
Ergebnis-Orientiert
(Zukunft als Vorhersage-Ziel)
Lernprozess-Orientiert
(Zukunft als iterativer/mentaler Prozess)
Understanding Future Doing Future
Prognose Regnose
Weltveränderung Welt- UND Selbstveränderung
männlich weiblich/männlich

Future Literacy als Schwingtür zur Zukunft

Im Jahr 2012 prägte die UNESCO, die Weltkulturorganisation, den Begriff „Future Literacy”. Warum beschäftigt sich eine Organisation, die für das Kulturerbe der Menschheit zuständig ist, mit „Zukunftstechniken”? Und macht sogar ein methodisches Programm daraus?

Kulturelle Zukunfts-Techniken, vom Orakel von Delphi über die Think-Tanks der Nachkriegszeit bis zu den Szenario-Techniken der Neuzeit, sind ein schützenswertes menschliches Kulturerbe. Wie Museen, sorbische Gesänge oder Meditationspraktiken. Dieses Erbe entwickelt sich ständig weiter. Die UNESCO hat ihm nun eine neue praktische Variante hinzugefügt.

„Literacy” klingt im Deutschen nach „Bildung” oder „Belesenheit” – aber es geht nicht darum, viele Bücher gelesen und Theorien erlernt zu haben. Wir sprechen lieber von „Kompetenz” in einem ganzheitlichen Sinn, der emotionale, sinnliche, kommunikative Dimensionen einbezieht (engl: The ability to read, write, speak and listen in a way that lets us communicate effectively and make sense of the world.). Wahre Zukunfts-Kompetenz hat eine Menge mit Inspiration und Intuition zu tun.

Dass Future Literacy als Zukunftspraxis funktioniert, zeigen ca. 50 Future-Lab-Prozesse, die von der UNESCO in vielen Ländern der Erde in den letzten Jahren organisiert wurde. Das Teilnehmerspektrum reichte von arbeitslosen Jugendlichen in Sierra Leone über Verwaltungsbeamte in Indonesien bis zu einem Gremium von Medizinexperten in Norwegen, bei dem es um das Medizinsystem der Zukunft ging. Fallbeispiele siehe das Buch „Transforming the Future – Anticipation in the 21st Century”, von Riel Miller, Download kostenlos: unesdoc.unesco.org.

„„Denn die Zukunft ist keine ferne Zeit. Sondern etwas, das alle Menschen ständig erzeugen.”
Florence Gaub

Riel Miller, ehemaliger Chairman des Futures-Literacy-Programmes der UNESCO, schreibt in seinem Grundsatzessay „Sensing and making-sense of Futures Literacy“ im Jahr 2012:

„A futures literate person has acquired the skills needed to decide why and how to use their imagination to introduce the non-existent future into the present.“ (aus: Transforming the Future – Anticipation in the 21st century).

„Eine zukunftskompetente Person hat die Fähigkeiten erworben, zu entscheiden, warum und wie sie ihre Vorstellungskraft einsetzen kann, um die nichtexistierende Zukunft in die Gegenwart einzuführen.“

In einer Beschreibung des „New Institute“, dem jüngsten, leider gescheiterten Versuch eines interdisziplinären Thinktanks, heißt es über die FutureS literacy (immer mit einem S am Ende – es gibt immer mehrere mögliche Zukünfte):

So, wie wir Lesen und Schreiben lernen können, können wir lernen, Muster vergangener UND kommender Entwicklungen zu erkennen und Perspektiven zu wechseln: Futures Literacy ist ein Werkzeug, um erfolgversprechende Verbindungen zwischen Loslassen und Neuschaffen zu finden. Wann drohen gute Lösungen in einer bestimmten Situation zu Problemtreibern in anderen Kontexten zu werden? Wie wird eine Diversität von Handlungsoptionen erhalten und wann gilt es, das Mögliche neu zu definieren und Geschichten anders zu erzählen?

Loslassen und Neuschaffen. Sich erholen, das Mögliche neu definieren. Hier wird eine andere Haltung zur Zukunft formuliert, die eine gewisse Distanz zu den inneren Prognosen erfordert. Die alte Zukunftsforschung neigte dazu, die Zukunft „festzustellen” – als Endergebnis oder Utopie oder „Diktion” zu fixieren. Dann versuchte man, die Realität in diesem Sinne zu verändern. Darin liegt aber bereits der Kern des Scheiterns – und das Zentrum des Unglücksgefühls unserer Zeit.

Future Literacy ist eine Art und Weise, ganzheitlich und öffnend über die Zukunft zu fühlen und zu denken. Sie führt uns zurück zu einem humanistischen Futurismus, der Zukunft als Entwicklungsmöglichkeit begreift, nicht als feststehende Tatsache.”

Wie kein anderer steht Donald Trump für dieses Syndrom: Er versucht, der Welt seinen Willen, seine KONSTRUKTE aufzuzwingen. Mit Bomben und Granaten, verblödeten Worten und einem pathologischen Willenszwang, will er seine „Utopie” herstellen, die in Wirklichkeit eine kaputte Retrotopie ist, eine rückwärtsgewandte Illusion. Vor allem will er selbst als Hypernarzisst DER GRÖSSTE sein. Solche Konstruktionen erkannten schon die epischen Griechen als Grundlage tragischen Scheiterns.

Future Literacy, neue Zukunfts-Kompetenz, will sich auf eine neue, „oszillierende” Weise auf den Wandel der Welt einlassen. Die Wirklichkeit akzeptieren, wie sie ist, ohne sie dauernd mit Ansprüchen und Projektionen zuzuschütten (in der future literacy-Sprache nennt sich das „Kolonisierung der Zukunft”). Nicht ständig auf vergangenen Zukunfts-Vorstellungen beharren. Wandel als Offenwerdung zu begreifen. Das hat viel mit Spiritualität zu tun – Spiritualität als Verbundenheit mit dem Werdenden, dem Schöpferischen, dem Lebendigen.

Mit der Zukunft ist es ein bisschen wie mit der Liebe: Wenn wir uns wirklich auf sie einlassen, erweitern wir die Möglichkeiten der Welt. Nicht nur unserer Welt, der gesamten Welt.

Die Tür zur Zukunft geht nach innen auf. Sie öffnet sich nach außen durch die Art und Weise, wie wir über unsere Erwartungs-Fixierungen hinauskommen.

Die Zukunft ist kein Ort, zu dem wir gehen.
Sondern eine IDEE in unserem heutigen Bewusstsein.
Etwas, das wir erschaffen.
Und das uns dabei verwandelt.

Zusammenfassung:

  • Future Literacy ist eine Methode der cognitive amplification: ein organisierter Wahrnehmungs-Prozess, in dem sich unser Geist (MIND) mit der Welt und ihrem Wandel verbindet.
  • Zukunftskompetenz heißt, zwischen Hypes, Trends, Zufällen, systemischen Prozessen und wirksamen Narrativen zu unterscheiden.
  • Zukunftskompetenz ist die Fähigkeit, in Unsicherheiten zu navigieren und nicht den Verstand und die Zuversicht zu verlieren.
  • Zukunftskompetenz existiert im Individuellen, im Gesellschaftlichen, im Politischen und Unternehmerischen auf unterschiedliche, aber vergleichbare Weise. Im Kern geht es um Angstüberwindung im Sinne einer höheren Emergenzkompetenz.

PS: Die vier Stufen des Re-Futuring

Hier noch eine Grafik, die den vierstufigen Prozess von „Future Literacy- Labs” schildert (solche Techniken wenden wir bei den Projekten des Future Project an). Es beginnt mit einer „Offenbarung” der Zukunftsbilder der Teilnehmer, der eine „Zukunftsprovokation” folgt – die Zukunft könnte auch ganz anders werden. Dies führt zu einem Re-Framing, einer Re-Vision von Zukunfts-Bildern und Erwartungshaltungen. Entscheidend ist, dass hier nicht an der „Richtigkeit” von Prognosen gearbeitet wird. Vielmehr werden die kognitiven Perspektiven verändert, mit denen wir auf das Mögliche schauen. Zukünftiges Handeln fällt dann viel leichter.

Grafik: Future Literacy Prozess© Horx Future GmbH

Einige Bücher zum Thema der neuen Zukunftsforschung


Carissa Véliz
Prophecy: Prediction, Power, and the Fight for the Future, from Ancient Oracles to AI

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Reinhard Kosseleck
Vergangene Zukunft: Zur Semantik geschichtlicher Zeiten

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Florence Gaub
Zukunft: Eine Bedienungsanleitung

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Stefan Bergheim
Zukünfte: Offen für Vielfalt

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Riel Miller
Transforming the Future: ANTICIPATION IN THE 21ST CENTURY

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Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.

Bei Nachdruck-Anfragen wenden Sie sich bitte an Mag. Michaela Németh: michaela.nemeth@horx.com