167 – Der Teich

Eine Sommerhitze-Elegie

Matthias Horx, Juni 2026

Foto: Teich© Horx Future GmbH

Wenn es so heiß wird wie in unserem erhitzten Zeitalter, dann scheint die Zeit stehenzubleiben. Und die Gedanken schweifen auf eine halluzinative Weise ab, weil man nicht mehr „klar denken“ kann. Aber das hat auch seine Vorteile.

Wenn es so heiß wird, legt sich unsere wunderbar verrückte Hündin Spuds (irisch für Kartoffel), die einen dichten schwarzen Pelz trägt, stöhnend unten auf den Kellerabsatz, wo noch ein bisschen Restkühle vorhanden ist, und schläft und hechelt. Ich springe alle zwei Stunden in unseren Teich und schwimme vier- bis fünfmal hin und her. Wo das Wasser tief ist, geht das für 12 Meter, so lang ist die Schwimmfläche. Macht hin und zurück ungefähr 120 Meter, 5-mal am Tag sind das immerhin fast 600 Meter. Das reicht mir als Sport für die glühenden Tage von Global Warming.

Beim Schwimmen im Schwimmteich taucht man in eine komplexe Welt ein. Kleine Molche finden den Weg nach unten ins fast kristallklare Wasser, Wasserasseln und alienähnliche Kleinorganismen tummeln sich in großer Zahl an der Oberfläche. Libellen in allen Farben des Regenbogens tanzen über dem Wasserhorizont. Ein paar weiße Seerosen dümpeln stolz auf Augenhöhe. Dort schwimmt ein Stückchen Ast vom Kirschbaum, da ein paar Blätter, die frühzeitig von der Hitze vom Baum geflüchtet sind. Rohrkolben, Schilf (Typhaceae) und Brechwurz, Froschlöffel, Wasser-Pfefferminze und Gauklerblumen füllen einen großen Teil der Wasserfläche, die sich seit 15 Jahren selbst versorgt und ausbalanciert. Einen „Öko-Teich“ hätte man das früher genannt, als Öko noch etwas Gutes und Cooles war. Jetzt ist es einfach ein Schwimmteich: kein Beton, kein Chlor, keine anderen Chemikalien, nur eine Holzkonstruktion unter Wasser und eine Holztreppe plus einer kleinen Umwälzpumpe. Selbstorganisation der Natur zum gegenseitigen Interesse, mit minimaler Technik.

Nur einmal, als wir den Fehler machten, eine nahegelegene Rasenfläche bei trockenem Wetter zu düngen, kippte der Teich um, weil der Wind den Dünger in den Teich hineinwehte – was zu einem heftigen Fadenalgen-Wachstum führte. Das haben wir wieder hinbekommen, mit Geduld und in Zusammenarbeit mit der Natur, die sich gerne auf Gleichgewichte verlässt, wenn man sie ihr anbietet.

In Amerika sorgt gerade ein Pool von ganz anderer Größe und Bedeutung für Aufregungen und Debatten. Der „Reflecting Pool“, der große Spiegelteich in Washington DC, zwischen dem Lincoln Memorial und dem Washington Monument gelegen, dort wo die Rednerbühne stand, auf der große Persönlichkeiten wie Martin Luther King über die Zukunft sprachen: „I Have a Dream!“ Hier liegt sozusagen das Deutungszentrum des amerikanischen Mythos.

Trump hat den recht flachen Groß-Teich aus den 20er Jahren, der langsam ein bisschen bröckelte und sich trübte, im Eiltempo renovieren lassen. Es sollte eher ein ordentlicher Swimmingpool daraus werden, hygienisch einwandfrei und im Extrablau der amerikanischen Flagge für die 250-Jahr-Feiern der USA. Wie er ja so vieles renoviert – kein Weltproblem, das er nicht mit seiner schrillen Kriegertruppe sofort wegrenovieren möchte, mit irgendwelchen „gorgeous“, also großartigen Methoden: mit Bomben, Chemie oder fossilen Treibstoffen. Der Teich sollte ein gigantischer Swimmingpool werden, blitzblau leuchtend im Herzen des amerikanischen Imperiums. Das ging reichlich daneben. Algenbefall. Der Pool wurde nicht blau, sondern grün und „murky“, trüb. Hektisch wurden Chlor und andere chemische Substanzen ins Wasser gekippt, was Platz für andere Algensorten machte. Mehr Chemikalien, mehr Algen, immer andere Algen. Seltsamer Schaum auf der Wasseroberfläche. Mehr Chemikalien, dann „Nanobubbles“, die Wunder wirken sollten …
Alles vergebens.
„The Biggest Mess in our Country“ titelte eine US-Regionalzeitung.

„Unser Pool ist größer als ein Wolkenkratzer“, prahlte Donald Trump bei seiner Vorstellung der Renovierung. Mit einer Grafik, die die Aussage beweisen sollte. Heute glaubt er, dass sein schöner Teich durch „Verbrecher“ kaputtgemacht wurde. Die Farbe blättert ab. Irgendjemand hätte „hineingestochen“.

Alexandra Petri, Historikerin und Autorin des Atlantic, schreibt in einem Essay über den Pool-Skandal („One Metaphor to End Them All“, The Atlantic, 25. Juni 26, www.theatlantic.com):

„Die besten Metaphern lenken den Blick sanft von dem ab, was man gerade sieht, sodass man es klarer erkennen kann. Die Ilias ist voller landwirtschaftlicher Metaphern. Das Massengemetzel in den Ebenen vor Troja wird immer wieder mit Ernte, Aussaat und dem Treiben von Herden verglichen. Als ob das Geworfene und Vergrabene gleich wieder wachsen und erblühen kann. Der Spiegelteich ist keine solche Metapher. Er verweist lediglich auf mehr vom Gleichen. Er ist so aggressiv dumm und dabei so vorhersehbar, dass die alltägliche Dummheit des Alltags neu und überraschend wirkt. Hier, lasst uns eine physische Manifestation des Nationalstolzes mit denselben kugelsicheren Methoden zerstören, mit denen wir seine metaphorischen Institutionen vernichtet haben. Wieder einmal als Farce! Wieder einmal mit Algen!“

Vielleicht ist auch mein kleiner Schwimmteich mit seinen Kaulquappen und Kreisläufen eine Metapher, die auf etwas Zukünftiges hinweist. Es geht um zwei Weltprinzipien, die heute in unserer Kultur heftig und polarisiert aufeinandertreffen. Es geht auf der einen Seite um Linearität. Um Kontrolle. Um den Furor der Macht, des „Deals“, der Unterwerfung der Welt für die eigenen Zwecke. Um stumpfes Wollen bei gleichzeitiger Unfähigkeit, sich auf die Welt einzulassen. Man könnte es die Idiokratie nennen, und sie hat viele Gesichter.

Auf der anderen Seite der mentalen Barrikade geht es um die Selbstorganisation des ewigen Wandels, dessen Teil wir sind. Um das Erweitern eines evolutionären Prinzips in Richtung Komplexität. Um Gestaltung der Vielfalt, der Fülle, in der wir leben und der wir so viel verdanken.

Screenshot: The AtlanticDer Pool der Ratlosigkeit – Screenshot: www.theatlantic.com

Zwischen beiden Weltbeziehungen oder „Mentalitäten“ ist ein heftiger Streit entstanden, ein fundamentaler Dissens, der längst den alten Links-Rechts-Konflikt abgelöst hat; an den wir uns geistig allerdings immer noch klammern, obwohl er in vielerlei Hinsicht für die Zukunft wertlos geworden ist. Haben wir Vertrauen in die Welt, in uns selbst – oder wollen wir alles kontrollieren, bestimmen, den „Pool“ der Gedanken, Taten und Ideologien sauber halten? Sehen wir Technologie als Hilfsangebot für das Menschliche oder als die notwendige radikale Umformung – oder gar Überformung der Welt? Sind wir bereit, uns auf das Leben in all seiner erschreckenden Vielfalt einzulassen, einschließlich des Sterbens und des Todes, oder wollen wir all das weghaben zugunsten einer sauberen, meist digitalen Lösung oder gar ERlösung?

Denken wir von einer rasenden Gegenwart zurück in die Vergangenheit oder von der Zukunft ins Jetzt hinein?
In der ersten Mentalität wird die ganze Welt zum unlösbaren Problem.
In der zweiten wird die Welt in all ihrer Widersprüchlichkeit zur Lösung.
Durch ständige Auflösung und Wiederzusammenfügung.
Durch ewige Produktion von Zukunft.
Es geht um eine andere Auffassung von Wasser, Zusammenhängen, Fluidität. Um das Verständnis von Chaos und Ordnung. Von Wandel und Selbstwandel.

Mit solch wabernden, unfertigen Gedanken treibe ich in der Mittagshitze mitten auf meinem Teich und schaue in den milchblauen Himmel, in die Hitzeglocke, die von langsam verwehenden Kondensstreifen durchzogen ist. Unten im Keller atmet unsere Hovawart-Hündin Spuds jetzt ganz ruhig und regelmäßig; sie weiß, dass jemand da ist, auf den sie sich verlassen kann. Dass es auch wieder kühler werden wird, damit sie wie eine Verrückte im Garten herumjagen und die Blumenbeete verwüsten kann.


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