168 – Die Spiele der Welt
Warum Fußball so wichtig für die Zukunft ist
Matthias Horx, Juli 2026
Ich habe einen Freund, der mit Fußball nichts anfangen kann. Er kann das ganze TRARA in den Stadien nicht verstehen. Das Rennen nach dem Ball, die gockelhaften Männergesten (Brusttrommeln, Foulen, Kniefall vor dem Publikum), das herrische Getriller der Schiedsrichter, das dumpfe Grölen auf den Rängen. Die immer absurder werdenden Regeln, die politischen Umtriebe der Verbände, der Star-Rummel – all das ergibt für ihn keinen Sinn. Die WM ist für ihn ein reiner Blödsinn. Ähnlich sehen es viele Frauen. Es gibt erstaunlich viele Menschen, die vom Fußball nicht das Geringste halten. Trotzdem sind wir alle dabei.
Lieber Freund, liebe viele Frauen – ich kann euch gut verstehen. Aber gerade am Fußball kann man viele Wahrheiten über den Wandel und die Möglichkeiten der Zukunft erkennen.
Fußball ist ein wunderbares Nichtnullsummenspiel.
Ein bitte was?
Zunächst müssen wir wissen, was hier mit „Spiel“ gemeint ist. Es geht nicht um das konkrete Fußball-Spiel. Sondern um das „Spiel an sich“.
Das Weltenspiel.
Das Spiel des Lebens.
Das Spiel des Wandels.
Das Zukunfts-Spiel.
Aus systemischer Sicht besteht alles – Wirtschaft, Gesellschaft, das Leben, die Natur – aus „Spielen“. Aus unendlichen Interaktionen, aus denen immer weitere Interaktionen entstehen. So entsteht Zukunft. In der Evolution spielen Gene miteinander. Wirtschaft ist das Spiel der Märkte, Organisationen und Produktionsweisen. Politik ein Spiel der Interessen. Kultur ist ein Spiel der Meme (Ideen und Symbole). Gesellschaft ist ein Spiel aus Kommunikation und Verhaltensweisen, das sich zum Vorteil möglichst vieler gestalten lässt. Das nennt sich dann Demokratie.
Es gibt zwei Arten und drei Sorten von Spielen:
Nullsummenspiele – Zero-Sum-Games
Nichtnullsummenspiele – Non-Zero-Sum-Games
Oder:
Win-Win-Spiele.
Win-Lose-Spiele.
Lose-Lose-Spiele.
Win-Win-Spiele, die Königsklasse der Spielweisen, erzeugen einen bleibenden Überschuss. Sie schaffen einen Bonus, der über den „Einsatz“ hinausgeht, und allen Beteiligten zugutekommt. Der menschliche Möglichkeitsraum wird durch Win-Win-Spiele erweitert. Das ist das Wesen der Liebe. Der humanzentrierten Innovation. Des Fortschritts, der durch Kooperationen neue Möglichkeiten und Freiheiten entstehen lässt.
Reine Minussummenspiele sind zum Beispiel Kriege. Oder auch Scheidungen. Am Ende verlieren alle Parteien. Aber auch hier kann es Ausnahmen geben, überrasche Wendungen. Nach manchen Kriegen entsteht ein neuer Aufbruch, eine Blütezeit, eine Friedens-Epoche der Prosperität. Aus mancher Scheidung ergeben sich neue, bessere Wege für alle Beteiligten. Das erfordert Vergeben und Verzeihen.
Fußball ist ein wunderbares Spiel, weil es all diese Möglichkeiten anspricht. Es findet in der oszillierenden Mitte des Wahrscheinlichkeitsraums statt. Man wird immer wieder überrascht, wie schnell es in die andere Richtung gehen kann. Trend und Gegentrend überholen sich ständig. Diese Überraschung ist es, die unser MIND braucht, um wach und neugierig zu bleiben, und deshalb wirkt das Spiel so magnetisch. Es kann auch anders werden: Man sieht dieses Leuchten in den Augen der Fans. Spürt es in den Begeisterungs-Strömen. Ein kleines Inselvolk kann den Weltmeister herausfordern. Auch der reichste Fußballklub kann verlieren. Kleine Fehler oder glückliche Fügungen können das Spiel kippen. Zufall und Können befinden sich in einem wilden Tanz.
Das TOOOR ist eine unwahrscheinliche Erscheinung. Ein Mögliches im Unmöglichen.
Fußball ist ein Resonanzspiel, das unglaublich viele gesellschaftliche Energien absorbiert. Der Kern des Spiels liegt nicht in triumphalen Siegen. Sondern im Umgang mit dem Rückstand. Dem Fehlpass, der sogleich wieder eine neue Situation erschafft, eine neue Komplexität. Es ist ein Spiel der Vielfalt: Eine Mannschaft mit Spielern der gleichen Hautfarbe, Gesinnung und Spielweise ist eine Maschine, die man leicht besiegen kann. Weil die Rechtspopulisten das nicht verstehen, werden sie scheitern. Zumindest in den echten Fußballnationen.
Fußball ist das Spiel einer komplexen Zivilisation, in der das ICH und das WIR, der Sprint und das Dribbeln, der Wille und der Zufall, Kooperation und Einzelleistung in Balance gebracht werden sollen.
Ganz anders als zum Beispiel beim Tennis. Tennisspieler sind meistens wütend und verstört, weil sie einsam sind. Das Spiel ist eher ein Abarbeiten. Sie werden zwar bejubelt, aber sie kämpfen meistens gegen sich selbst.
So erklärt sich womöglich auch, warum die Supermacht China bislang solche Schwierigkeiten hatte, eine erfolgreiche internationale Fußball-Mannschaft aufzustellen. Es liegt nicht am Geld, auch nicht an guten Spielern. Es liegt an Wertesystemen, an tief verankerten Kulturtraditionen. In China gelten Tiefengesetze der Ehre, und gleichzeitig ein normativer Kollektivismus. Im Spiel Fehler zu begehen, führt zu einer (Selbst-)Deklassierung des Spielers. Er schämt sich, und wird be-schämt. Nach Niederlagen zerfallen chinesische Teams schnell wieder, jeder fühlt sich schuldig und/oder wird bestraft. Umgekehrt blüht die Korruption.
Amerikanische Kommentatoren hingegen sprachen bei der WM öfters von einem „Nongame“, das die Europäer und Südamerikaner da veranstalteten. Auf dem Spielfeld passiert viel zu wenig. Endlos wird der Ball hin- und hergeschoben, ewig wird taktisch herumgedribbelt. Es gibt sogar ein Unentschieden – wie soll das ein Spiel sein? In der amerikanischen Kultur ist ein Spiel eher ein Siegeszug. Das kann, wie wir immer wieder sehen, schrecklich schiefgehen.
Die Chinesen bilden jetzt Roboter als Fußballspieler aus.
Begrenzte und ewige Spiele
Nach dem amerikanischen Philosophen James P. Carse gibt es zwei grundlegende Arten von Spielen: finite und infinite, endliche und unendliche, Spiele. Finite Spiele haben immer einen Ausgang, ein Ergebnis. Infinite Spiele hingegen gehen immer weiter. Wie heißt das so schön? Nach dem Spiel ist vor dem Spiel …
Infinite Spiele basieren auf dem Immer-wieder-Staunen. Finite Spiele auf dem Vollzug des Sieges. Carse schreibt in seinem Buch über das unendliche Spiel:
„Überraschung im unendlichen Spiel ist der Triumph der Zukunft über die Vergangenheit. Mit jeder Überraschung offenbart die Vergangenheit einen Neuanfang in sich selbst. Da die Zukunft immer überraschend ist, verändert sich die Vergangenheit ständig. … Weil sich unendliche Spieler darauf vorbereiten, von der Zukunft überrascht zu werden, verläuft das Spiel in völliger Offenheit. Es ist keine Offenheit der Selbstgewissheit, es ist Offenheit in einer Verletzlichkeit.“

James P. Carse (1932 – 2020) war ein Professor für Geschichte, Literatur und Religion an der New York University. Er sah sich selbst als religiös im Sinne von „endlos fasziniert von der Unerkennbarkeit dessen, was es heißt, menschlich zu sein. Überhaupt zu existieren.“. In seinem immer noch häufig verkauften Buch „Finite and Infinite Games: A Vision of Life As Play and Possibility“ formuliert Carse das ZUKÜNFTIGE aus der Sicht des endlosen Spiels:
„Jeder Zug, den ein endlicher Spieler macht, liegt innerhalb einer Grenze. Jede Bewegung, die ein unendlicher Spieler macht, geht in Richtung Horizont. Jeder Moment eines unendlichen Spiels präsentiert eine neue Vision, eine neue Reihe von Möglichkeiten. Die Renaissance, wie alle echten kulturellen Phänomene, war kein Versuch, die eine oder andere Vision zu fördern. Es war ein Versuch, Visionen zu finden, die noch mehr Visionen versprachen. … Infinite Spieler spielen am besten, wenn sie es nicht mehr nötig haben, weiterzuspielen. Sie spielen als Sterbliche. Sie spielen das menschliche Spiel. Das unendliche Spiel verbindet uns mit Allem. Auch mit allen, die vor uns waren und nach uns kommen. Das wahre Vergnügen des unendlichen Spiels liegt darin, etwas zu beginnen, was wir nicht vollenden können, aber was trotzdem weitergeht.“ (James P. Carse, „Finite and Infinite Games“, S. 26)
Dieses Buch ist u.a. erhältlich bei www.amazon.de, (Affiliate Link – Offenlegung).
Der Nullsummen-Glauben
Die wahre Gefahr für unsere Zukunft besteht in einem Mentalitäts-Phänomen, das sich vor allem in der westlichen Welt ausbreitet: der sogenannte „Zero-Drift“. Immer mehr Menschen glauben heute an eine Nullsummen-Welt, in der sich nichts verändern lässt. Wenn einer gewinnt, muss ein anderer verlieren. Die Mächtigen gewinnen immer, und es ist besser, zu ihnen zu gehören. In diesem Weltbild ist alles – Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, selbst Liebe – nur Machtkampf. Aneignung. Verbrauch. Dealmaking. Das führt, wie wir überall spüren können, in die Korruption der Hoffnung. In den dumpfen Zynismus, in dem kein Wandel möglich ist.
Wir sollten mehr Fußball spielen. Im Geiste und auf dem Platz. Dribbeln, Pässe schlagen, das ganze Spielfeld spüren. Auf die Gunst des Moments warten und dann reinköpfen. Jubeln, weil es möglich geworden ist. Und immer möglich bleiben wird. Auch für die anderen.
Wir brauchen Spiele, die in die Zukunft weisen. Auf die man sich verlassen kann. Und an denen wir wachsen können.
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Bei Nachdruck-Anfragen wenden Sie sich bitte an Mag. Michaela Németh: michaela.nemeth@horx.com

