169 – Die Lostalgie
Über die Sehnsucht nach der verlorenen Zukunft
Matthias Horx, August 2026
Vor rund fünf Jahren, irgendwann in der Coronazeit, ging etwas zu Ende, was wir erst heute langsam begreifen. Bis dahin lebten wir, oder jedenfalls die meisten Menschen nicht nur in der westlichen Welt, in Richtung einer „progressiven Zukunft”. Alles sollte, würde, musste immerzu besser werden: ökologischer, wohlhabender, dynamischer, technologischer, individueller, emanzipierter, friedlicher, toleranter, globaler. Natürlich gab es auch damals heftige Krisen. Der Unterschied zu heute aber ist, dass danach immer das Alte Normal zurückkehrte. Ein Zustand, von dem es gradlinig in die Zukunft ging.
Irgendwann in der Coronakrise entstand so etwas wie ein Riss in der Zeit. Ein Tipping Point. Plötzlich schien die Zeit rückwärtszulaufen, in längst überwunden geglaubte Zustände und Ideen zurück. Menschen verloren sich in unterschiedlichsten Wahrnehmungs-Dimensionen, die nicht mehr kompatibel waren. Hysterisierungen aller Art wucherten. Das unfassbar Bösartige kehrte zurück. Plötzlich war da das Gefühl einer atomisierten Gesellschaft, in der jeder nur noch vor sich hin meinte. Unser gemeinsames Zukunfts-Universum löste sich in lauter Splitter und Paralleluniversen auf. Wie in dem witzigen Kultfilm „Everything Everywhere All At Once”, in dem eine asiatische Restaurantbesitzerin samt Personal durch lauter Parallel-Universen hindurchfällt.
Dieses Gefühl des „Hindurchfallens durch die Zeit” hat sich seitdem nicht verändert. Heute geht scheinbar keine Krise mehr vorbei. Und ein Neues Normal ist nicht in Sicht.
LOSTALGIE ist ein wunderbares Wort für diese Gefühlslage, geprägt vom Wirtschaftshistoriker Adam Tooze (dessen ganzheitlichen Ökonomie-Letter man nur empfehlen kann: adamtooze.substack.com). In seinem Essay „Lostalgia – On the Futures That Never Arrived” schreibt er:
„Viele der Bilder, die einst unsere Zukunftsvorstellungen prägten – Technologien, Lebensstile, politische Perspektiven –, wirken heute seltsam leblos. Wir haben einen Begriff für dieses Gefühl gefunden: Lostalgie. Es ist eine Sehnsucht nicht nach der Vergangenheit, sondern nach verlorenen Zukünften: nach solchen, die uns versprochen, aber nie erreicht wurden, oder die sich, als sie schließlich eintraten, als alles andere als die erhofften Allheilmittel erwiesen.”
Wie konnte das passieren? Und vor allem: Wie reagieren wir darauf? Werden wir zynisch, bitter, depressiv? Was fangen wir mit einer hinfälligen Zukunft an, an die wir selbst nicht mehr glauben können, die uns aber irgendwie hinterherläuft wie ein Gespenst, dem wir nicht entkommen können?
Die kolonisierte Zukunft
Der britische Kulturwissenschaftler und Zukunftsphilosoph Mark Fisher nannte das, was unsere Kultur im KI-Zeitalter befallen hat, die „schleichende Abschaffung der Zukunft durch ihre Verwirklichung”. Die Gegenwart sieht heute so aus, als hätte man die Visionen des 20. Jahrhunderts auf extrem hochauflösende Bildschirme projiziert. Alles ist irgendwie überscharf, macht aber keinen Sinn mehr. Und natürlich hat man die Fernbedienung verlegt, die sowieso zu viele Knöpfe hat.
Und irgendwo im Hintergrund geistert Elon Musk herum, dem inzwischen alles gehört, was von der Zukunft übrig ist.
Zukunftsbilder prägen den Geist einer Ära oder Epoche, sie reflektieren die tieferen Wünsche und Sehnsüchte, aber auch die Ängste und Obsessionen im Laufe der Geschichte. Hegel sprach von einem Weltgeist, im Gegensatz zum Zeitgeist, der mehr die Gegenwart beschreibt.
Ungefähr drei Jahrzehnte lebten wir in einer progressiven Epoche, die nach vorne ausgerichtet war. Heute aber scheint es nur noch rasende Gegenwarten zu geben. Die Zukunft, als gemeinsame Perspektive, verschwindet in einem schwarzen Loch von Erregungen, Aufregungen, Befürchtungen und Übertreibungen.
Aber das zwingt uns auch, auf eine andere Art und Weise über die Zukunft nachzudenken. Nein: vorzudenken.
Und das ist vielleicht gut so.
Könnte es sein, dass unsere Welt-Verunsicherung auch daher stammt, dass mit dem modernen, progressiven Projekt schon im Alten Normal etwas nicht stimmte? Dass viele der Wünsche und Erwartungen an die Zukunft seltsam ausuferten, haltlos wurden, exzessiv, maßlos?
Wenn Sehnsüchte realisiert werden, erweisen sie sich oft als ganz anders, als man sie sich vorgestellt hat. Sie enthüllen ihre Schattenseiten, ihre Enge und Normativität. Utopien scheitern immer an sich selbst, am Streben nach Perfektion oder Eindeutigkeit. Das Moralische kann am Hochmütigen scheitern. Das Empathische an falschen Loyalitäten. Das Ökologische am Rettungswahn.
Aber was wäre, wenn wir die Welt gar nicht retten müssten? Weil sie sich immer irgendwie selber rettet. Weil es immer irgendwie weitergeht, in einem ewigen Tanz von Trends und Gegentrends.
Heute blüht der Retrofuturismus in all seinen Formen und Farben. In rechter Variante als Rückkehrwunsch in eine finstere Zeit. In der Popkultur als Immer-Wiederhören alter Hits, dem Nach-Fühlen vergangener Euphorien, die inzwischen von Greisen auf den Bühnen beschworen werden. In Filmen, im Design, in Blogs und Videospielen wimmelt es von 60er-Jahre-Ästhetiken und schrägen hausfraulichen Idyllen, über die wir uns lustig machen, uns aber irgendwie auch nach ihnen sehnen. Wir bewundern Gegenstände wie alte Radiogeräte mit diesen leuchtendblauen Linien, mit denen man die Sender feinstellen konnte! Welch grandiose Technik – in Zeiten, in der alles wie blöde durcheinanderfunkt!
Nostalgie ist ein sehr menschliches Gefühl. Sie führt aber leicht dazu, dass man ins Zynische abrutscht, weil man mit der Realität nichts mehr anzufangen weiß. Wie etwa in der exzellenten Serie „Fallout”, in der ein fantastisch-hysterisches 50er-Jahre-Nostalgie-Amerika sich selbst nuklear ausradiert, und die Überlebenden, die aus komfortablen Bunkern kriechen, danach genauso blöde und gewalttätig weitermachen.
Auf diese Weise kann man sich trefflich am Untergang amüsieren. Menschen sind sowieso zu blöd. Und wir habens immer schon gewusst.
Der faule Pessimismus
Die Lostalgie, die hartnäckige Sehnsucht nach der verlorenen Zukunft, führt uns auf Dauer in das, was man einen faulen Pessimismus nennen könnte. Fauler Pessimismus besteht in der Annahme, dass nichts mehr besser werden kann, weil ja alles schon versucht worden ist. Also macht man es sich lieber bequem im Verzweifeln.
Dabei gäbe es noch so viel zu entdecken! Die Wirklichkeit ist immer viel komplexer als man denkt. Sie bietet viel mehr Möglichkeiten und Pfade, als wir sie uns in unseren oft abstrakten Zukunfts-Konstrukten vor-stellen.
Fixierte Zukunfts-Vorstellungen können uns auch den Weg verstellen.
Wir können, wie Tooze es vorschlägt, „überkommene Zukunftsvisionen loslassen, die uns nicht mehr dienen, und die von ihnen hinterlassenen Spuren untersuchen. Wir könnten nach guten Zukunftsperspektiven und bewährten Praktiken suchen, die im heutigen Kontext und für die heutigen Bedürfnisse noch immer möglich sind.”
Wenn wir uns höflich von der Lostalgie verabschieden, bedeutet das nicht, die Suche nach einer besseren Welt einzustellen. Es ermöglicht uns vielmehr, uns mit anderen „frames”, Perspektiven und Sichtweisen mit dem Wandel zu beschäftigen. Weniger naiv, mehr kindlich. Weniger progressiv, mehr intuitiv. Weniger ideologisch. Mehr praktisch, im Sinne eines DOING FUTURE, das ein anderes, ganzheitliches, nichtlineares Denken umfasst.
Wahre Zukunft, im Sinne des möglichst Besseren, entsteht oft nicht den Zeiten, in denen alles klar, eindeutig und „utopisch” ist. Im Gegenteil. Sie beginnt im Diffusen. Im Unklaren. Im Liminal – in jenen Zwischenzuständen, in denen wir lernen müssen, uns neu auf die Wirklichkeit einzulassen.
Vielleicht geht es nicht darum, großartige Zukünfte zu realisieren. Sondern das Werdende zu unterstützen, damit es sich stabilisieren kann.
Es geht darum, das Große im Kleinen wieder schätzen zu lernen. Statt mit überzogenen Zielen und hohen Absichten das Kleine, Konkrete, ständig abzuwerten.
Enttäuschungen sind Wahrheiten mit Verspätung. Und Wahrheiten führen ins wahrhafte Zukünftige.
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