170 – Die nächste Demokratie (1/2)
Hat die Demokratie eine Zukunft?
Und wenn ja – wie viele?
Matthias Horx, August 2026
„Wie um alles in der Welt können wir die Machtergreifung der Populisten noch verhindern? Ist es nicht längst viel zu spät?“ So die ewig wiederholten Fragen, die rund um die Uhr in allen Talkshows, Feuilletons, Leitartikeln, selbst am Frühstückstisch gestellt werden.
Wir kommen mit diesen Fragen nicht weiter.
Sie verlangen in Wahrheit keine Antwort. Weil sie ins sich selbst schon resigniert haben. Verhinderungsfragen scheitern immer an der Dynamik der Wirklichkeit.
Je mehr wir uns fürchten, desto feixender sitzen die Populisten im Gebüsch. Desto größer wird ihr Sympathisanten-Zustrom, ihre destruktive Energie. Angstmachen ist das eigentliche Geschäftsmodell der Populisten. Und es funktioniert hervorragend. Wir machen mit.
Interessant im Sinne der Zukunft werden Fragen erst, wenn wir sie nicht aus der Verhinderungslogik, sondern aus der Lösungsposition heraus formulieren. Etwa so:
Welche Art von Demokratie wäre nötig, um die veränderten Bedingungen unserer heutigen Wirklichkeit zu beantworten?
Oder so, mit der Logik der Regnose:
Wie kam es eigentlich dazu, dass der Rechtsradikalismus im Jahr 2035 so gut wie keine Rolle mehr spielte?
Welche Zauberkräfte waren da am Werk?
Versuchen wir es einmal. „Verzaubern“ wir die Demokratie in Richtung Zukunft. Und verwandeln wir dabei unser Denken von Angst in Konstruktivität.
Demokratie als Lieferservice
Zunächst eine kleine Anamnese: Woran krankt die Demokratie heute? Ist es die Bürokratie? Die Unfähigkeit „der Politik“, die „Probleme zu lösen“?
Vielleicht geht es um etwas ganz anderes. Die Demokratie, wie wir sie kennen und erwarten, ist aus der Zeit gefallen. Ihre Regelsysteme stammen aus einer anderen Epoche, als Klassen, Schichten, konsistente Milieus noch die Gesellschaft dominierten. Als Informationsströme noch gänzlich anders strukturiert waren. Und Emotionen eine andere, konstruktive Rolle spielten.
Demokratie, as we knew it, funktionierte ziemlich gut in einer Umwelt von „Knappheit bei hohen Versprechungen“. Aber nicht mehr so gut in einer über-optimierten Welt, in der es Millionen von Möglichkeiten gibt, von denen keine mehr eine wirkliche „Lösung” verspricht.
Der ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer, der sich mit humanistischer Eleganz mit Verfassungsrechten, Mord- und Totschlagsfällen beschäftigt, bringt eine der Kern-Paradoxien der heutigen Demokratie so auf den Punkt:
„Einerseits steigt in der sich weiter rasant individualisierenden »westlichen« Gesellschaft stetig das Bedürfnis nach staatlicher Betreuung, Fürsorge und Gefahrenprävention, andererseits wächst eine allgemeine, nörgelnde Unzufriedenheit mit der (bürokratischen) Undurchschaubarkeit der Welt und der (subjektiven) Verlassenheit des Lebens. Was der – zweifellos – gute Wille der Prävention und Daseinsfürsorge an Positivem bewirkt, macht er auf der Waagschale der Zentralisierung, Kontrolle und Bürokratisierung samt Einbeziehung aller Lebensvorgänge in hochkomplexe Verwaltungsstrukturen wieder zunichte. Da hilft auch die Dauersehnsucht nach »Digitalisierung« oder der Ruf nach der „Kettensäge“ wenig.”
SPIEGEL online, Juni 2026
Was Fischer beschreibt, ist ein unvermeidliches Phänomen reifer Demokratien: der Erwartungs-Überschuss. Die moderne Demokratie erzeugt immer mehr Rechte für den Bürger, vor allem Einspruchs- und Vetorechte, Emanzipationsrechte, Ausgleichsrechte, Gerechtigkeitsrechte. Sie kümmert sich mit fein strukturierten Gesetzen um die Beilegung von Interessens- und Sozialkonflikten, und mehr und mehr um die Lebenslagen ihrer Bürger. Sie ist darin seit Jahrzehnten ziemlich erfolgreich, allerdings nicht immer und überall. In den ostdeutschen Bundesländern ist es zum Beispiel sehr schwer, die wirtschaftlichen Verhältnisse auf einen ähnlichen Erfolgskurs zu bringen wie im Westen der Aufbaujahre. Die Brüche sind stärker, und die Erwartungen verzweifelter. Deshalb zieht die Politik immer mehr Misstrauen, Enttäuschungen, Ansprüche und schlechte Laune auf sich.
Entlarvend sind die vorherrschenden „wordings”:
Politik soll endlich LIEFERN!
Politik ist heute Teil eines übergreifenden Konsum-Systems geworden, das von Liefersicherheit und Bequemlichkeit ausgeht. Mit unserer Stimme votieren wir nicht für Ideen oder Zukunftsgestaltungen, sondern für rechtzeitige Lieferung. Bei Nichtgefallen wählen wir eben ein anderes Produkt, und die Ware wird postwendend zurückgeschickt.
Alles muss immer billiger werden.
Aber in Super-Qualität.
Die Versprechen kommen in immer kürzeren Abständen auf dem Markt.
Und erreichen immer schneller ihr Verfallsdatum.
Demokratie ist nicht mehr etwas, was wir leben und formen.
Sondern etwas, was wir von „denen da oben“ erwarten.
Der Sonderweg
Der Historiker Jörg Baberowski hat eine ungewöhnliche, aber erhellende Geschichte der Demokratie geschrieben („Am Volk vorbei: Zur Krise der liberalen Demokratie“, C. H. Beck, 2026).
Dieses Buch ist u.a. erhältlich bei www.amazon.de, (Affiliate Link – Offenlegung).
Sie ist erhellend, weil sie die übliche Demokratie-Romantisierung weitgehend vermeidet. Sie erzählt die Geschichte der Demokratie als Sonderweg, der als Reaktion auf fundamentale Krisen von Herrschaftsverhältnissen entstand.
Nach den Revolutionen im 18. und 19. Jahrhundert gab es keineswegs ein breites demokratisches Grundverständnis. Demokratie galt lange Zeit eher als eine Art Pöbelherrschaft und des Chaos, nicht nur bei den Eliten. Die Revolutionen hatten selten zu einer stabilen Ordnung geführt. In Frankreich wechselten die Verhältnisse ständig zwischen Republik, Restauration, Guillotine und Freiheitstaumel (bis heute bildet sich in der französischen Politik diese pulsierende Energetik ab).
In einer ZEIT-Besprechung des Baberowskis-Buches heißt es:
„Sie (die Demokratie) schlug erst die Augen auf, nachdem sich der bürgerlich-elitäre Gedanke gesellschaftlicher Freiheitlichkeit mit der Idee einer Selbstherrschaft des Volkes vereint hatte. Entstanden war damit eine Illusions- und Wunschmaschine, die immer hochgespanntere Träume zu verwirklichen versprach, in optimistischer Stimmung und nach universeller Geltung strebend. Entstanden war aber auch ein rabiates Konfliktfeld offenliegender Interessen, auf dem sich nie stabile Mechanismen der Befriedung bilden konnten und in einem strengen Sinn auch nie existierten. Zur Idee der Demokratie gehörte immer auch die Veränderbarkeit der Regeln, … der Gedanke, sie als halbwegs funktionierende Institution des Ausgleichs zu überwinden, im noch mehr Gerechtigkeit, noch mehr Freiheit herzustellen, dieser Gedanke ist also Bestandteil der demokratischen Dynamik selbst.”
(„Droht der Demokratie wirklich ihr Untergang?“, Thomas E. Schmidt in der ZEIT 4. 3. 2026)
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Trümmern Europas, kam es zu einer Stabilisierung der Demokratien in Europa – unter dem Schirm eines idealistischen Amerikas. Und erst vor gut dreißig Jahren, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, erlebte die Demokratie ihren weltweiten Durchbruch. Heute scheint die Blütezeit schon wieder vorbei: Zwei Drittel aller Menschen waren um die Jahrtausendwende auf dem Weg ins Demokratische. 2024 sind es nur 19 Länder, die sich demokratisieren, und 45 Länder, die sich autokratisieren. Rund 70 Prozent der Menschheit leben gegenwärtig unter autoritären oder ambivalenten Regimen.
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„Es könnte sein, dass die Demokratie an einem Zuviel an Demokratie scheitert.“
Die Vetokratie und die Machtfrage
Die Endform einer überreifen Demokratie ist die Vetokratie.
Die Herrschaft der Verhinderung.
Die Demokratie ist in ihrem Kern eine Erfindung zur Verhinderung unkontrollierter Macht. Die „checks und balances” sollen nichts anderes bewirken, als dauerhafte Herrschaft unmöglich zu machen. Deshalb sind Wahlen in ihrem Kern immer zuerst ABwahlen. Ähnlich den Worten Karl R. Poppers: Demokratie ist das Ergebnis von Falsifikationen, aus denen das Bessere entsteht.
Aber genau diese Prämisse scheint heute nicht mehr zu funktionieren.
Die Regierung wird durch die Opposition nicht mehr besser.
Und die Opposition durch ihr ständiges Schimpfen nicht klüger.
Im Wechselspiel der Kräfte und Ideen entstehen keine neuen Kompetenzen mehr.
Stattdessen geht es um Verhinderung von Erfolgen – sowohl des „politischen Gegners“ als auch anderer Parteien und Gruppen. Die Politik wird gefesselt in einer Flut von Verhinderungsanträgen, die keinen konstruktiven Sinn mehr haben. Der politische Wettbewerb kollabiert in Rechthaberei GEGEN etwas, unterstützt von Shitstorms und Empörismen aller Art. Demokratie ist keine Machtkontrolle mehr, sondern die generelle Herstellung von Ohnmacht.
Das Hohnlachen auf den Bänken der Populisten zielt genau auf diese Schwachstelle: Ihr könnt ja gar nichts! Ihr seid Versager, Eliten, die sich nur um ihren eigenen Klüngel kümmern (denn sonst würdet ihr ja dauernd Vorteile für das Volk servieren). Ansonsten habt ihr nichts drauf!
Wir aber schon, weil wir uns nicht an die Regeln halten werden!
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„Die Orte, an denen sich die Vertreter unterschiedlicher Lösungen und Logiken einigen müssen, leben nicht von der idealen Sprechsituation, die auf Konsens und Einigung zielt, sondern davon, sich in den Differenzen aneinander zu gewöhnen und zu Lösungen zu kommen.”
Armin Nassehi, „Das große Nein“, 2020
Der Hyperkonsequentialismus
„Die Welt ist in ein dermaßen komplexes Netz an Kausalitäten verstrickt, dass jeder für einen Teil der daraus resultierenden Übel verantwortlich gemacht werden kann … Auf diese Weise erhält jede unserer Handlungen, und sei sie noch so geringfügig, moralische Bedeutung … Diesen gewaltigen Ansprüchen des Hyperkonsequentialismus kann man nie genügen, weshalb ihre Vertreter untereinander alle denkbaren sinnlosen Streitereien anzetteln … Der Hyperkonsequentialismus greift die alte Idee der Erbsünde auf.“
Gérald Bronner, französischer Soziologe
Was sich in den letzten Jahrzehnten im demokratischen Diskursraum am meisten aufgebläht hat, ist die Moral. Und damit auch die Schuldzuweisung. Im Gegensatz zur Ethik, die einen ganzheitlichen Rahmen sinnvoller Handlungen erzeugt, ist Moral leicht für Machtzwecke missbrauchbar. Sie ist in hocherregten Gesellschaften eine emotionale Waffe, und sie schlägt in ihrem „Impact“ bei Weitem die Vernunft.
Überschießender Moralismus ist heute ein Merkmal rechter wie linker Politik. Das Drama des Hyperkonsequentialismus zeigt sich zum Beispiel im Versuch, Minderheiten nicht nur mit Rechten und Freiheiten, sondern mit durchgreifender kultureller Deutungsmacht zu versehen. Die sogenannte Wokeness war eine leichte Polemik-Beute für Autoritäre aller Couleur. Sie rüttelte am Fundament jenes Universalismus, den die Demokratie als Grundlage einer vielfältigen Gesellschaft bewahren muss, um Kulturkriege an jeder Ecke zu verhindern.
Eine weite Bühne des Hyperkonsequentialismus ist die Gleichheits- und Gerechtigkeitsdebatte. Sie bestimmt den Code, die Tonlage aller Kommunikationen: Die Gesellschaft ist ungerecht! Und wird immer ungerechter! Die Ungleichheit zerstört die Gesellschaft, und deshalb müssen wir sofort radikale Maßnahmen ergreifen …!
Das führt uns ins nächste Paradox: Noch nie gab es so viel Ausgleich, so viel Umverteilung, so viel Bemühungen, so viel Kompensations-Operationen wie heute. Aber all das erscheint im trüben Licht des Hyperkonsequentialismus immer als zu wenig. „Chancengleichheit” ist in vielen Bereichen politisch hergestellt. Aber eben nicht Realitätsgleichheit. Was auch gar nicht möglich ist, denn in einer vielfältigen Gesellschaft werden sich Individuen immer unterschiedlich verhalten. (Erinnern wir uns an die schöne Szene in Monty Pythons „Leben des Brian“: „Wir sind alle Individuen”, ruft der Prediger seinen Jüngern zu. „Ich nicht!”, tönt es aus den hinteren Reihen).
Die Forderung nach Gleichheit und Gerechtigkeit ist nie falsch. Sie ist immer berechtigt. Aber der Teufel steckt im Detail. Was gerecht ist, führt noch lange nicht zur Gleichheit, schon weil es auf vorhandene Unterschiede aufsetzt. Und umgekehrt: Wenn man etwas gleich behandelt, ist das nicht gerecht, weil man dabei die Handicaps und Vorteile einzelner ignoriert. Gerechtigkeitsoperationen erzeugen sofort neue Ungleichheiten, die in Kampagnen „bespielt“ werden. Jede Ungleichheit wird als Ungerechtigkeit ausgelegt und erzeugt den nächsten Skandal. Die Krankenpfleger bekommen durch ihre aufopfernde Rolle in der Corona-Epidemie mehr Gehalt? – Das ist ungerecht gegenüber den Alten, die jetzt viel mehr fürs Altenheim bezahlen müssen! Den Rentnern wird etwas gekürzt, wegen der Generationsgerechtigkeit? – Die Jugend wird sträflich vernachlässigt.
So dreht sich die Ungerechtigkeitspolemik immer weiter hinauf, bis die Gesellschaft als total kaputt erscheint. An der Spitze, ganz oben auf dieser Dynamik, sitzt der aggressive Populismus.
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„Transformation ist Teamwork zwischen Politik und Bevölkerung, kein Pizzadienst.“
Bernd Ulrich, in der ZEIT am 27. 1. 2025
It’s the media, stupid!
Von allen Bedingungen der Demokratie hat sich die mediale Situation wohl am meisten verändert. Und sie spielt eine wesentliche Rolle bei der Wahrnehmung und Codierung gesellschaftlicher Verhältnisse.
Die Boomer unter uns erinnern sich: auch vor fünfzig Jahren, im Aufschwung der europäischen Demokratien, gab es politischen Streit. Polemisierung, Polarisierung, Ideologisierung. Und zwar heftig. Aber es war ein „geframter” Streit, der im Rahmen funktionaler Rituale und tiefer Hoffnungen stattfand. „Politik“ wurde zunächst nur von älteren Herren ausgetragen, die um Tische herumsaßen und rauchten, so dass die Fernsehkamera die Gesichter gar nicht sehen konnte. Ab und zu saß eine Frau am Tisch, die sich als äußerst kompetent erwies, und gerade deshalb nicht erstgenommen wurde.
Politische Diskurse wurden von Eliten geführt, die darauf spezialisiert waren – und nur etwa ein Prozent der Bevölkerung lasen den Politikteil der Zeitungen. Das änderte sich durch die Bildungs-Explosion, als die Jugend für Umwelt, Menschen- und Minderheitenrechte auf die Straße ging. Gesellschaft, Kultur und Politik gerieten in einen konflikthaften Tanz, der durchaus produktive Wirkungen hatte. Die sozialen Bewegungen der Siebziger, Achtziger und Neunziger erzeugten jene dynamische Demokratiekultur, die wir in den Millenium-Jahren schätzen lernten. Und als selbstverständlich voraussetzten.
Das Erfolgsrezept der Demokratie bestand in einem gegenseitigen Adaptionsprozess, der die alten ideologischen Rechts-Links-Lager langsam auflöste. Konservative übernahmen Elemente linker Politik, und umgekehrt. Reformen, die von Linken und Liberalen gefordert wurden, wurden von Konservativen erfolgreich durchgesetzt und abgesichert. Die Politik reagierte auf den gesellschaftlichen Wandel. Auf diese Weise entstand ein Pfad der Modernisierung, der die Gesellschaft öffnete und voranbrachte. Medien spielten mit ihrer immer größeren Vielfalt eine wichtige Rolle in diesem Transformationsprozess.
Eine Zeitlang schien es, als ob die Erfindung des Internets als neues Verbindungs-Medium diese Dynamik noch erweitern würde. Der große Bruch in unserem medialen System kam in den Jahren 2012 und 2013, als die Sozialen Medien auf ein anderes Geschäftsmodell umstiegen. Waren sie ursprünglich dafür konstruiert, neue „Zusammenhalte” zu organisieren – Individuen mit gemeinsamen Interessen zu vernetzen -, begann man nun, Überschriften und Inhalte aller Art auf ihre clickability, auf ihre Aufmerksamkeits-Intensität, zu testen.
Das Geschäftsmodell der Online-Werbung verlangte, dass jeder „User” (ein Wort aus dem Drogenmilieu) möglichst lange auf den Plattformen verblieb. Es ging nun nicht mehr um den Zugang zu Informationen und Verständigungen zwischen Menschen. Es ging um die „stickyness”, die Erregung, die Empörung, die Attentionalität. Digitale Medien wurden zu Suchtmedien umgebaut. Gleichzeitig schuf der LIKE-Button von Facebook eine neue Kultur der spontanen Gruppenbildung. Rasend schnell konnten sich nun große Meinungs- und Stimmungs-Mobs bilden. Die Grundlagen der Shitstorm-Kultur waren geschaffen.
Die Emotokratie
Wahlkämpfe sind heute nicht viel anderes als gesteuerte Shitstorms, in denen es vor allem darum geht, Erregungen und Ressentiments zu bespielen. Die Grundhaltung des Medialen gegenüber der Politik ist das ständige Lauern auf Skandale, die man lustvoll auspresst wie eine Zitrone („Ist der Kanzler schon am Ende?“, „Muss dieser Minister nicht zurücktreten?“). Auf diese Weise stürzt das Politische in eine Grund-Negativität, die kein Charisma, keine politische Klugheit mehr einholen kann.
Zum Schluss gehen nur noch Gestörte, Langweiler oder fanatische Narzissten in die Politik. Der Rest kann sich das nicht zumuten.
Seit langem sind auch die seriösen Sinn-Medien an diesem Zerstörungsprozess beteiligt. Auf den großen Nachrichtenportalen findet man den gleichen Brei von grausigen KI-Anzeigen (blutige Eingeweide, kranke Rentner: „Sie werden nicht glauben, was Sie hier sehen!“), Trivial-Sensationen, Unfallberichten, Kochrezepten für einen entspannten Sommer, Beziehungskatastrophen und geheimnisvollen Krankheitsbiografien, garniert von Skandalberichten, die wieder einmal beweisen, dass Politiker total unfähig sind. Enshittification überall. Jüngster Höhepunkt war ein Titelbild des SPIEGEL, in dem der AfD-Kandidat von Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, als „Gefährlichster Mann Deutschlands“ im Stil eines Verbrecherfotos dargestellt wird. Man muss kein Examen in politischer Kommunikation haben, um zu wissen, dass solche Steckbrief-Aktionen das beste Propagandamaterial für die Rechts-Rechten darstellt. Die müssen inzwischen nicht mal Flugblätter drucken. Siegmund verteilt einfach signierte SPIEGEL-Titelblätter.
Medien sind in der Aufmerksamkeitsökonomie nicht mehr „Medien”, also Vermittler. Sie sind mehr und mehr PRODUZENTEN von Aufmerksamkeiten (Salienzen), die die Wirklichkeit erzeugen, vor der sie unaufhörlich warnen. Neueste Studien haben gezeigt, dass das „zu Wort kommen lassen” von Populisten immer nur den Populisten nutzt. Wenn man sie ins Studio einlädt, stärkt man sie, je kritischer man sie angeht und je mehr man sie „entlarvt”. Denn die „Entlarvung” ist nichts als ein erregungssteigernder Effekt, der der Lüge eine Legitimation und dem Gefühl der Wut einen „Frame” gibt. Im Zeitalter der Hypermedialität wird jeder Akt der Konfrontation zu einer Sich-Selbsterfüllenden Prophezeiung.
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„Demokratie ist ein Gespräch. Aber als es in die sozialen Netzwerke übersiedelte, verfiel es in ständigen Krieg.”
Jonathan Haidt, in einem Interview mit der SÜDDEUTSCHEN, 12. Mai 2026
Die Metamorphose der Politik
Der englische Politik-Analytiker Anton Jäger beschreibt in seinem Buch „HYPERPOLITICS“ die metastrukturellen Veränderungen demokratischer Politik in vier Phasen:
- Massenpolitik (1955 bis 1990): Die soliden Verteilungsdemokratien der Boomer-Jahre. Zwei grundlegende Konzepte von Staat und Wirtschaft, „links und rechts“, stehen sich in gut organisierten Volksparteien gegenüber. Durch konstanten Wahlwechsel wird ein Win-Win-Prozess geschaffen, der die alten Klassen- und Ideologiekriege langsam auflöst. Merkmal: Gegenseitige Moderation von Gesellschaft, Kultur und Politik in einer „progressiven Schwingung“.
- Postpolitik (1990 bis 2008): Nach dem Ende des Blockkonfliktes entsteht eine Lossagung des Kulturellen vom Politischen. Politik erscheint unwichtig, es läuft ja alles. Es geht mehr um Bill Clintons Sexaffären, mehr um Lebenswelt-Veränderung. Fast die ganze Welt tanzt Techno in einer hedonistischen Globalisierung.
- Antipolitik (2008 bis 2020): Nach der Finanzkrise kommt es zu einer Wiederbelebung der Protestkulturen, mit zunehmend radikaler Kritik an den Eliten, Ablehnung von Institutionen und wachsender Politikfeindlichkeit. Neue Bewegungsparteien von rechts und links entstehen, die aber schnell wieder scheitern. Diese Phase endet in der radikalen Identitätspolitik, die die Gesellschaft von links her spaltet und den radikalen Rechten Einfallstore liefert.
- Hyperpolitik (2020 ff.): In der Corona-Krise bricht das konstruktive Zusammenspiel von Gesellschaft, Politik und Kultur endgültig auseinander. Alles Private wird irgendwie re-politisiert, vom Sport über die Kleidung bis zu Ess- und Fahrgewohnheiten („Woke Food“, Verbrennerauto als politisches Signal). Es entsteht eine Grundstimmung der ständigen Angst-Erregung und Wut-Erzeugung, die alle demokratischen Verhaltensformen infrage stellt.
Wie geht es von hier aus weiter?
Wohin könnte die Demokratie evolutionieren – in einer Welt der rasenden Übersteigerungen und wuchernden Hysterien?
Die nüchternen Zahlen
Sind die europäischen Demokratien aufgrund des rechtspopulistischen Ansturms verloren? Hier die Wahlergebnisse der europäischen Kernländer bis 2025. Echte rechte Mehrheiten sind selten. Es gibt offenbar regelmäßig ein Aufflammen des Populismus, der aber ziemlich schnell zu einem Tipping Point führt. In Ungarn sind wir schon wieder ein Jahr weiter.
In der nächsten Woche der zweite Teil: „Die nächsten Demokratien – wie könnten sie aussehen?”
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Bei Nachdruck-Anfragen wenden Sie sich bitte an Mag. Michaela Németh: michaela.nemeth@horx.com



