171 – Die nächsten Demokratien (2/2)
Matthias Horx, September 2026
Zunächst sollten wir eingestehen, dass unser Demokratiemodell nicht das einzige und allerbeste sein könnte. Dass es sich nicht gleichermaßen für alle Ländern und Situationen eignet. Eine Kriegsgesellschaft wie die Ukraine braucht eine andere Demokratie als ein Land im Langzeit-Frieden. Ein kleines Land mit langer demokratischer Tradition eine andere als ein größeres, das gerade in die Industrialisierung geschleudert wird. Arme Länder werden mit demokratischen Prozessen anders umgehen müssen als reiche. Länder mit homogenen Kulturen anders als Länder mit vielen Ethnien. Wir neigen dazu, mit dem Standard-Rasenmäher über alle Modelle hinwegzumähen.
Demokratie ist, wenn sie Zukunft haben will, kein konstatiertes Endprodukt. Sie ist ein immerwährender Evolutionsprozess menschlicher Kooperation. Wie alle Evolutionsprozesse bringt er seltsame Blüten, Ungleichzeitigkeit und Turbulenzen hervor; Mutationen, aus denen sich neue Gleichgewichte entwickeln. Demokratie bewegt sich nicht auf einer geraden Linie, sondern auf vielen verschiedenen Wegen durch den Dschungel der sozialen Wirklichkeiten.
- Fluide Demokratie: Das Dänemark-Prinzip
Demokratie und Politik sind bis heute in die Polaritäten von LINKS und RECHTS eingeschweißt. Einer der Gründe, weshalb wir uns so schwer tun mit dem Populismus ist, dass wir an diesem Kategoriensystem festklammern, obwohl es längst seinen Sinn verloren hat. Wie kleine Ideologieroboter reihen wir uns brav an der Recht-Links-Achse auf, die so etwas geworden ist wie eine Identitäts-Barrikade: Bin ich links, bist du immer rechts von mir. Ich weiß, dass ich rechts bin, weil du links bist! Aber das klärt gar nichts mehr. Linke sind heute gerne auch autoritär und despotisch. Rechte haben ein total unterschiedliches Verhältnis zum Staat – einige wollen ihn zum Volksfürsorgestaat ausbauen, andere radikal abschaffen. Die politischen Muster rasen heute im Kreis herum. Nicht nur das Beispiel Sarah Wagenknecht zeigt, wie leichtfüßig man heute von links nach rechts tänzeln kann.
Ein kleines Land im Norden Europas macht bei dieser binären Logik nicht mehr richtig mit.
Dänemark ist sicher eine der stabilsten und reifsten Demokratien der Welt. Ein Produkt der linksliberalen Ära, in der Individualität, Gemeinsinn und Prosperität immer mehr zum Gleichklang zu finden schienen. In Dänemark duzen die Menschen ihre Politiker – und schreien sie relativ selten an.
In der Filmserie BORGEN werden die Heimsuchungen der dänischen Politik durch den aufkommenden Rechtspopulismus in einer intensiv-einfühlsamen Art geschildert – über vier Staffeln hinweg; deren letzte, welch Zufall, in Grönland landet. Wie sich aus dem dänischen Konsens-System dieselben Spaltungen, Skandalisierungen und Verbösartigungen herausbildeten wie in anderen Ländern. Wie Politik bereits in den Nuller Jahren mehr und mehr von Intrigen und Machtspielen geprägt wurde. Wie die moralischen Kriterien der Demokratie immer stärker unter Druck gerieten.
Dänemark hat ein ständig wechselndes 12-Parteien-Parlament, man braucht mindestens vier Parteien für eine Regierungsmehrheit. Die Ministerpräsidentin Mette Frederiksen (die der Hauptfigur in der BORGEN-Serie sehr ähnelt), in Dänemark von allen nur „Mette” genannt, verdiente sich in der Grönlandkrise enorme Bewunderung: Trotzdem sank die Zustimmung für die Sozialdemokraten, die seit Jahren eine Minderheitsregierung bilden (Stand Sommer 26), um sieben Prozent. Die konservative Venstre-Partei, früher eine Volkspartei, ist auf 9 Prozent in den Umfragen gefallen. Die Moderaten, die sich schon vor 20 Jahren gegen die Polarisierung gründeten, geführt vom früheren Premierminister Lars Rasmussen, schrumpfte auf gerade einmal 4,2 Prozent. Rasmussen war Teil des dänischen Grönland-Verhandlungsteams mit der Trump-Administration.
Die Politik der Parteien schwankt quer durch das Links-Rechts-Spektrum wie ein Betrunkener auf einem dänischen Fährschiff. Die Sozialdemokraten kamen mit einem knallharten Anti-Migrationskurs wieder an die Regierung, die Rechten sind teilweise liberal, die Grünen eher unbedeutend, weil sowieso alles grün ist, und die Liberalen haben gleich mehrere Parteien, die im Parteienspektrum munter hin- und herspringen. Alles ist auf eine Art und Weise widersprüchlich, und bildet so plötzlich eine neue Ordnung: Kooperatistische Demokratie, quer über Parteigrenzen hinweg.
Dabei geht es keineswegs immer nur um lauwarme Kompromisse. In einem Land mit den höchsten Steuern in der Welt wollen einige Parteien noch weitere Steuern erhöhen, um den Wohlfahrtsstaat zu erweitern. Die Dänen haben zehn nationale Feiertage, aber mehrere Parteien streiten für die Wiedereinführung des Store Bededag (bei uns etwa Buß- und Bettag), der erst vor drei Jahren wegen Bedeutungslosigkeit abgeschafft wurde. Dänemark hat seine Treibhausgas-Emissionen seit 1990 halbiert und gehört zu den vorbildlichsten Öko-Transformatoren weltweit. Trotzdem ist das Ökologische ein ständiges, ernstgenommenes Thema: Dänen essen zu viel Fleisch (Schweinefleisch), fahren zu viel Diesel, fliegen zu viel, wohnen in zu großen Häusern. All das diskutiert man öffentlich QUER zu den Parteien.
Ein Beispiel für intelligenten Reform-Kooperatismus ist die „Große Dänische Gesundheitsreform”. Zwischen 2018 und 2022 fanden landesweit hunderte von Bürgerveranstaltungen statt, in denen das Gesundheits-System konzeptionell umgekrempelt wurde. 45 Kliniken werden nun nach und nach geschlossen, stattdessen sollen 18 neue große Exzellenz-Klinikzentren im ganzen Land entstehen. In den ländlichen Regionen öffnen gleichzeitig Ambulanzzentren für den schnellen Zugang zum System, sinnvolle Digitalisierungsprogramme wie Tele-Medizin werden standardisiert und koordiniert. Acht „Health Goals” wurden beschlossen – MIT weitgehender Zustimmung und Compliance der Bevölkerung.
Zustimmung und Compliance der Bevölkerung
So geht Reform, wenn man sie kooperativ organisiert, anstatt in den Ideologien der Parteiprogramme. Und das Gesundheitssystem wächst über die Krankheitsbehandlung hinaus. Es behandelt nicht nur Krankheiten, sondern entfaltet auch Gesundheitswirkungen; es wird eine Art gesellschaftlicher Fitnesstrainer. Dass dies auch ohne gigantische Kosten oder diktatorische Einmischungen möglich ist, zeigen Beispiele wie in Finnland, wo man es mit gezielten politischen Kampagnen schaffte, große lebensverkürzende Krankheiten im Konsens mit Wirtschaft und Zivilgesellschaft zurückzudrängen.
Die besten Beispiele für proaktive Gesundheitssysteme finden wir heute erstaunlicherweise – oder erwartbar – in Afrika.Ähnliche fluide Politik-Strukturen entwickeln sich heute in anderen kleineren europäischen Ländern – in Holland, Schweden, Belgien, Portugal, teilweise sogar in Österreich. Die Pulverisierung des starren Rechts-Links-Schemas kann in eine neue dynamische Stabilität weisen. Die „Zersplitterung“ des Parteisystems ist eigentlich eine Differenzierung, die in einer komplexen Gesellschaft nötig ist. Das Politische öffnet sich wieder nach außen, in die Gesellschaft hinein, statt sich in autistischen Streitereien zu zerschleißen.
Natürlich spielen auch langfristige soziale Traditionen eine Rolle. Die einzige Direkt-Demokratie, die es jemals gab, lag in Dithmarschen, das damals noch zu Dänemark gehörte. Über mehrere hundert Jahre hatte diese autonome Bauernrepublik dem benachbarten Adel standgehalten, bis sie im Jahr 1559, in der „letzten Fehde“, ihre Unabhängigkeit an den dänischen König verloren.
- Meta- oder NEO-Parteien
Für neue Parteien jenseits der alten Volksparteien gibt es mehrere Möglichkeiten. One-Issue-Parteien, etwa für freie Autofahrer oder christliche Sonderwünsche, überleben meist nicht lange. Länger am politischen Ball bleiben Bewegungs-Parteien, die es allerdings meistens mit einem charismatischen Gründer zu tun haben. Wie die italienischen „Fünf Sterne” oder die griechische Syriza.
Solche Emotionsparteien greifen gesellschaftliche Stimmungen oder vernachlässigte Themen auf, sie sind die Putzerfische des Parlamentarismus (oder „Auffangbecken für öffentliche Wut“, wie der Philosoph Sloterdijk formulierte). Sie scheitern jedoch schnell an innerer Zerrissenheit oder narzisstischer Vernebelung ihrer Gründer. Trotzdem haben sie einen vitalisierenden Effekt auf die Demokratie.
Das Beispiel von Péter Magyars Bewegungs-Partei TISZA, die den härtesten Knochen der europäischen Populisten ins Abseits beförderte, zeigt, wie erfolgreich positiver Populismus, gepaart mit politischer Professionalität, sein kann. Die Piraten wiederum sind ein Beispiel, wie sich Spontanbewegungen im Chaos auflösen, und auf einer anderen Ebene, etwa in Form von Generation-Z-Rebellionen, wiederkehren.
- Energetische Wahlbündnisse
Auch in den Blütezeiten der Autokratien wird es noch Wahlen geben. Das brauchen die Autokraten zur Aufrechterhaltung ihres populistischen Scheins. Dabei werden immer die Parteien der Gegenseite verboten, behindert, mit medialer Übermacht oder juristischen Tricks ausgebremst. Die Opposition wird zerspalten, bis sie keine mehr ist. In dieser Situationen machen Parteiekonfigurationen as we knew it keinen Sinn mehr. Die Zukunft gehört breiten Wahlbündnissen, in denen die unterschiedlichsten Facetten einer progressiven, universalistischen, letztlich immer sozialen UND wirtschaftsfreundlichen, aber auch bewahrenden Politik gemeinsam auftreten. Das heißt auch: der alte, elende Parteienstreit mit seinen gestrigen Ideologiefragmenten und Klein-Klein-Hickhacks ist vorbei. It’s over! Die Parole der Zukunft lautet: WIR SIND ALLE LINKSLIBERALGRÜNSOZIALKONSERVATIV. Oder „Die große Integration politischer Strömungen in Richtung einer komplexeren Zukunft.” Die politische Zukunft entsteht im Übergang von Entweder-Oder zu Sowohl-Als-Auch, im Sinne spaltungslösender Synthesen. - Pragmakratie: Minderheiten- und Expertenregierungen
Im Parteiengewusel der überreifen Demokratie setzen sich zwangsläufig immer häufiger geduldete Minderheitenregierungen durch. Im alten politischen Denken erscheinen sie als höchst riskant, ja gefährlich – muss Politik nicht „aus einem Guss“ sein? Vielleicht ist aber gerade dieses Dogma eine Ursache der Demokratiekrise. „Guss-Politik“ passt zur alten Klassen-Industriegesellschaft. Aber nicht mehr zur Komplexität und Variabilität der heutigen Gesellschaft.Minderheitsregierungen geben die Verantwortung indirekt über das Parlament wieder an die Gesellschaft zurück. Sie erzeugen eine Art Wahrheits-und Vertrauens-Effekt: Wenn nur noch sachbezogen, am jeweiligen Sujet abgestimmt wird, bilden sich die gesellschaftlichen Mehrheiten deutlicher ab. Auf Dauer führt das zu der Frage, ob Parteien überhaupt nötig sind. Und zu der generellen Frage nach dem Wesen des demokratischen Streits: Muss Opposition immer nur DAGEGEN sein (und auf diese Weise die gesellschaftlichen Spannungen befeuern)?
In Österreich regierte 2019 ein gutes halbes Jahr eine Expertenregierung, oder „Beamtenregierung”. Sie ist bis heute die beliebteste aller österreichischen Regierungen. Was einerseits daran lag, dass sie wenig zu entscheiden hatte. Andererseits aber auch die Schwäche der traditionellen Politik aufzeigte. Experten in Regierungsämtern unterliegen weniger dem Eliten-Vorwurf, sie sind weniger leicht ideologisch denunzierbar. Das politische Shitstorm-Konzept greift hier nicht. Politik als reine Gegnerschaft erweist sich als Unsinn.
- Bürgermeisterpolitik: Governance by walking
Erfolgreiche Politik „für alle” lässt sich vor allem auf der lokalen Ebene realisieren – von charismatischen BürgermeisterInnen, die die Gabe haben, ihre Wähler/Bewohner richtig gern zu habe. Gute BürgermeisterInnen – oder LandesrätInnen – kümmern sich wenig um Parteiendisziplin. Sie sind in der Lage, Interessen zu integrieren – und auch Umstrittenes durchzusetzen, wie etwa die radikale Verkehrswende in Paris (Anne Hidalgo). Ein offen schwuler Bürgermeister in München oder Würzburg ist möglich, wenn das Politische auf einer persönliche Beziehungsebene aufbaut. Ein demokratischer Sozialist in New York ist machbar, weil durch ihn Politik in der Großstadt wieder persönlich erlebbar wird. Gute Kommunalpolitik zeigt, wie blödsinnig die ideologischen Formeln geworden sind. Und wie segensreich für die politische Qualifikation. Nicht wenige große Staatsmänner kamen aus den Bürgermeisterämtern großer Städte.
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„Eine Regel ist eine Praxis, die sich durch ihre gegenseitige Erwartung wechselseitig und dauerhaft stabilisiert.“
Ludwig Wittgenstein, österreichischer Philosoph
- Herz-Jesu-Kümmerer-Politik
In der sehr bürgerlichen Großstadt Graz in Österreich regiert seit vielen Jahren eine kommunistische Bürgermeisterin. Wie bitte? Elke Kahr reduziert den Kommunismus auf seinen katholischen Kern: die Zuwendung zu den Armen. Sie verzichtet auf die Hälfte ihres Salärs und spricht nur auf Veranstaltungen sozial Bedürftiger. Sie praktiziert eine Politik der Almosen, der Spende, des „Kümmerismus”. In Graz regieren die „milden Kommunisten” in einer Koalition mit den Grünen und den Sozialdemokraten, die die Wirtschaft weitgehend unbehelligt lässt. Oder diskret moderiert. Hier entsteht womöglich eine neue Variante der Demokratie: Politik durch Politikverzicht. Moralische Praxis jenseits der Machtfragen, als reine Sozialarbeit.
- Neue Bürgerpolitik
Ein Beispiel für eine neue Form der Demokratie ist auch der erstaunliche Transformationsprozess Irlands von einer ermatteten Traditionsgesellschaft zu einer modernen Kulturgesellschaft. Im Jahr 2012, am Höhepunkt einer Vertrauenskrise, beschloss die Regierung, Volksversammlungen einzuberufen. Man nutzte das Losverfahren und wählte einige hundert „Zufallsbürger“ aus, die über neue Verfassungsverfahren beraten sollten. Wie im Athen des vierten vorchristlichen Jahrhunderts.
Die „Convention on the Constitution” führte zu einem grundlegenden Wandel der Politik. Die Gesellschaft erwies sich als weitaus progressiver als die Verbände und Institutionen. Im Jahr 2015 erwirkte ein Volksentscheid die Ehe für Homosexuelle. Einige Jahre später fiel das strenge Abtreibungsverbot mit 64 Prozent Mehrheit. Irland ist seitdem auf einem ständigen Pfad „demokratischer Verfeinerung“ – und einer stabilisierten Prosperität.
- Das Singapur-Modell: Gelenkte liberale Demokratie
Wer im Stadtstaat Singapur ein Auto kaufen will, muss 100.000 Dollar zahlen – für die Lizenz zum Fahren. Man stelle sich eine solche staatliche „Abzocke“ in einem anderen marktwirtschaftlichen Staat der Erde vor. Aber die Alternative wäre, die Hälfte der Stadt abzureißen und mit Autobahnen vollzupflastern.
Die boomende Handelsstadt Singapur ist eine Autokratie. Und gleichzeitig eine lebendige Demokratie. Die Frage nach der gesellschaftsformenden Funktion von Politik ist hier eindeutig beantwortet. Als multikulturelle Stadt mit Minderheiten aus vielen asiatischen Ländern kann sich Singapur keinen Rassismus oder Kulturkriege leisten. Die Stadt lebt von ihrer Weltoffenheit – aber auch von ihrer strengen Ordnungspolitik.
Wer sich sozial verhält, bekommt Bonuspunkte; wer kriminell wird, zweimal Therapieangebote – und dann knallharten Knast. Mitgefühl und Härte. Wer schwul ist oder aus bedrohten Minderheiten stammt, wird mit staatlichen Mitteln vor Diskriminierung und Gewalt geschützt – allerdings nicht im Sinne von moralischer Minderheitenpolitik, sondern zur Aufrechterhaltung ziviler Umgangsregeln. Das ist ein großer Unterschied, den wir noch zu lernen haben.
Ökologie ist in das Stadtbild eingeprägt, die Stadt mit ihren Hochhäusern ähnelt bisweilen einem vertikalen Dschungel. Gleichzeitig ist sie ein High-Tech-Finanzzentrum und investiert stark in KI. Singapurs Nationalfonds unterstützt Umverteilung mit kapitalistischer Hilfe – mit einem großen staatlich kontrollierten Fond ähnlich wie der norwegische Staatsfond oder Australiens »Superannuation«-Sparplan (ein hochgelobtes gesetzlich verpflichtendes Altersvorsogesystem).
Singapurs Politik ist auch ein Beispiel für kontinuierlich angewandte Zukunfts-Forschung. Ein Think-Tank namens „Centre for Strategic Futures” untersteht direkt der Regierung und berichtet dem Premierminister. Das interdisziplinäre Gremium tagt ständig, um neue Entwicklungen rund um den Stadtstaat zu erfassen und „future roadmaps” zu erstellen. Ein Visions-Papier aus dem Jahr 2024 kann man hier herunterladen: A Glossary for Other Worlds
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„Statt des Dritten Weges, der die Politik in die Mitte zwischen Rechts und Links rücken will, brauchen wir einen Vierten Weg, der diese überkommenen Kategorien in Win-win-Dynamiken auflöst.“
- Die Schweizokratie
Wer kennt den Regierungschef der Schweiz? Es gibt keinen, denn die konservative Schweiz hat ein Zwei-Räte-System. Es gibt nur eine Art Leitungs-Gremium, das sich aus ALLEN Parteien rekrutiert, die im Parlament vertreten sind. Die Mitglieder des „Bundesrats” wirken so, als kämen sie frisch aus dem normalen Leben. Und so ist es auch.
Wenn die Schweizer VOLK sagen, klingt das anders als etwa in Deutschland. Schon allein, weil die Schweiz ohne Zweifel drei Kulturen umspannt ‐ die italienische, französische, deutschsprachige plus mehrere regionale Minderheiten. Basis der politischen Macht ist weniger das nationale Parlament als die kantonale Regierung. Volksabstimmungen können fast alle Fragen entscheiden. Um diese in einem nächsten Votum wieder zu revidieren. Die Schweiz hat sich über Jahrhunderte eine sich selbst stabilisierende, lernende Demokratie aufgebaut, die so leicht nicht aus dem Lot zu bringen ist. Der rechte Flügel der Politik wird selbstverständlich an der Regierung beteiligt, aber dabei schwächt sich die Radikalität selbst wiederum ab (nun gut, die Geldflüsse aus dem Ausland machen vieles leichter).
- Die indigene Demokratie
Demokratie ist älter als wir denken – und vielfältig in ihren Formen. In Stammesgesellschaften gab es schon lange vor der athenischen Demokratie viele Elemente demokratischer Kultur, die allerdings nicht immer mit unseren Formen vergleichbar sind.
Ein Jesuitenpater, der im 18. Jahrhundert eine Versammlung nordamerikanischer Stämme besuchte, berichtete von „einer Horde schmutziger Kerle, die mit ihren Hintern auf dem Boden hocken, zusammengekauert wie die Affen, sodass ihre Knie ihnen fast bis über die Ohren reichen”. Doch gleichzeitig lobte er, dass dort „Staatsangelegenheiten mit ‚Gelassenheit und Ernsthaftigkeit‘ abgehandelt wurden.“
Der englische Philosoph John Locke füllte ein ganzes Notizbuch mit Anmerkungen zu Reiseberichten zu den indigenen Stämmen Amerikas. Der französische Franziskaner Gabriel Sagard, der die indigenen Sozialstrukturen erforschte, beobachtete praktische Rituale wie gemeinsames Eisfischen genauso wie Redefreiheit und soziale Absicherungen. In vielen indigenen Stammes-Verbünden funktionierte das Delegations-Prinzip ziemlich gut. In großen Powwows, die manchmal Tage oder Wochen dauerten, trafen sich die Botschafter diversen Stämme, um Kriege zu verhindern und Ressourcen-Konflikte zu moderieren. Damit verbunden war meist ein POTLATCH – das gegenseitige Beschenken in Absicht der Gunstgewinnung.
Herausragend ist hier der Stammesverbund der Haudenosaunee, auch bekannt als Irokesen. Die Gruppe, die aus sechs unterschiedlichen Stämmen bestand, siedelte östlich der großen amerikanischen Seen und konnte zumindest teilweise der Unterwerfung oder Ausrottung durch die europäischen Siedler widerstehen – auch durch ihre außergewöhnlichen Krieger-Fähigkeiten. Sie verfügte über eine mündliche Gesetzgebung (den „Großen Vertrag“), Frauenmitbestimmung und erprobte Einstimmigkeits-Verfahren. Der irokesische Bund gehörte zu den wenigen indigenen Kulturen, die wesentliche Teile ihres kulturellen Erbes bewahren konnten. Und heute sogar einen kulturellen Aufschwung erleben.
- Thermostatische Politik: Die Bedeutung der GOVERNANCE
Die Voraussetzung für neue Modelle und Praktiken der Demokratie liegt in der Praxis der Institutionen, die sie betreibt. Es ist ein Fehler, die „Bürokratie“ pauschal zu beschimpfen, sie gar im Musk-Stil „abschaffen“ zu wollen, ohne ihre Bedeutungen und Bedingungen zu verstehen. Die institutionelle Vermittlungsarbeit neu zu konfigurieren ist gleichwohl eine Bedingung demokratischer Zukunfts-Politik. „Good Governance” bringt die Demokratie zurück zu den Bürgern. Und die Bürger zurück zur Demokratie.
Demokratie zurück zu den Bürgern. Und die Bürger zurück zur Demokratie.
In der angelsächsischen Politiksoziologie unterscheidet man unter drei verschiedenen Ebenen:
Polity: Organisation/Strukturen
Policy: Orientierungen, Wertesysteme
Politics: Prozesse und MachtausübungWichtig für alle drei Elemente ist die „State capacity“, die Wirksamkeit der Institutionen im Rahmen der Gesellschaft. Also auch die Fähigkeit des Staates, gesellschaftlichen Wandel zu moderieren, ohne ihn selbst vollständig herstellen zu können.
Demokratie wird meistens auf den reinen Wahlprozess verkürzt, aber genau das führt zu den Frustrationen unserer heutigen Zeit: eine Wahl alleine bewirkt noch gar nichts. Es gilt, den demokratischen Prozess sanft von der „Wahlvergötterung“ zu lösen – diesen Ausdruck verwendet die Historikerin Sophia Rosenfeld in ihrem Buch „Im Zeitalter der unendlichen Möglichkeiten: Eine Geschichte der Wahlfreiheit“, Hamburger Edition, 2026.Im Think-Tank für Zukunftspolitik von Singapur spricht man von „Thermostatischer Governance”. Entscheidend ist, dass Regeln nicht mit Zielen verwechselt werden; operative Rahmenbedingungen bleiben von den Kernzielen getrennt, so wie das Wasser eines Sees niemals in den Zufluss zurückfließen sollte. Themostatische Governance arbeitet mit Best-practice-Beispielen, bewahrt aber auch Distanzen und „Abkühlungen“, anstatt dauernd die nächste Super-Reform auszurufen.
Siehe auch: “Another ___ is possible: A Glossary for Other Worlds.”
GOOD GOVERNANCE ist nichts anderes als die Mehrung des sozialen Kapitals durch sinnvolle Win-win-Prozesse. Eine Koordination von Maßnahmen, Zielen und Methoden, die die Verbindungen und Verbindlichkeiten der Gesellschaft durch geschickte Rückkoppelungen stärkt. Und dabei sowohl die Selbstorganisation und Selbstverantwortung der Bürger stärkt als auch der Gesellschaft eine gewisse Autonomie gegen die Zwänge des Ökonomischen und Technischen verleiht.
Von Wohlstand zu Prosperität
Tausende von Beispielen überall auf der Welt zeigen, dass es sehr wohl möglich ist, das Ich mit dem Wir, die Kultur mit der Politik, die Wünsche mit den Wirklichkeiten, die Dynamik mit der Differenzierung zu verbinden. Auch und gerade in komplexen Gesellschaften. Was dabei entsteht, ist Fortschritt 2.0.
Wir brauchen eine neue Begrifflichkeit. Nennen wir es Prosperität. Während Wohlstand ein eher statischer Begriff ist (Wohl-Stand) und Fortschritt eine Art Drohgebärde beinhaltet („Marschiere weiter, sonst bricht alles zusammen!“), benennt Prosperität die Potentialität adaptiven Wandels in einer Gesellschaft. Ihren transformativen Reichtum. Prosperierende Gesellschaften, sind in der Lage, ihre Ideen, Narrative zu überprüfen und zu moderieren – und nicht bei jeder Schwierigkeit in Panik auszubrechen. Sie sind in der Lage, Krisen zu überstehen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen.
Man kann Prosperität daran spüren, wie Menschen miteinander und mit Fremden umgehen. Gibt es Zuneigung, Humor, aber auch genügend Freiheitsmöglichkeiten für den Einzelnen, anders zu sein, ohne seinen sozialen Status zu verlieren?
Erstaunlicherweise können auch arme Gesellschaften prosperieren.
„Live long and prosper!“ – dieses Bonmot des Sternenfahrers Spock meint nicht „Lass es dir so lange wie möglich gutgehen!“, sondern „Erfinde dich immer wieder neu. Aber ohne alles immerzu neu erfinden zu müssen!“.
Die neue Konklave – Mut zum Ritual
Je komplexer die Welt ist, desto wichtiger wird die Weisheit.
In komplexen Gesellschaften brauchen wir Weisheits-Generatoren, die unabhängig von Stimmungen, Forderungen und Ängsten funktionieren.
Eine neue ganzheitliche Vernunft.
Wir brauchen auch eine Politik der klugen Trennungen.
Wo das Private immer nur politisch ist, geht irgendwann beides vor die Hunde. Wo ständig alles und alle in einem ewigen Wahnsinns-Karussell aufeinander reagieren, kommt niemand mehr zu Wort. Wo es immerzu von Ansprüchen, Anwürfen und Rechthabereien wimmelt, herrscht die Konfusion. Vielleicht benötigen wir in Zukunft wieder neue „elitäre Entscheidungs-Rituale“; demokratische Inszenierungen mit einem gewissen Würde- und Festigkeits-Charakter.
Bei der Papstwahl 2025 versammelten sich gut 100 ältere Herren in einem mystischen Raum, schlossen sich ein und begannen ein schwermütiges Ritual, bei dem irgendwann Rauch aufstieg. Was soll daran demokratisch sein? Wo sind die Frauen? Wo die Kameras? Da dürfen ja noch nicht einmal Journalisten rein!
Vielleicht aus gutem Grund. Die Demokratie braucht geschützte Orte, in der die Sprache gedämpft und die Gedanken langsam sind – auch um besser zu hören. Das Brüllen in den Parlamenten, wie es in den letzten Jahren üblich wurde (und wie es die Briten zu einsamer Meisterschaft führten – am lautesten immer der schöne Ruf „ORDER!!! ORDER!!!“), ist an seine Grenzen geraten. Es braucht das Kontemplative, ja „heilige“ gerade da, wo es komplex wird.
Das Faszinierende ist: In solchen elitären „Kongregationen” kommen oft recht kluge Entscheidungen heraus.
Wir könnten neue „Entscheidungstempel“ bauen, in denen die Sitz- und Denkordnungen andere sind als in herkömmlichen Parlamenten. Wir könnten die Idee des universellen Think-Tanks ins Zentrum von Regierungsarbeit rücken – Philosophen und Systemiker in die Gremien! Oder den Zufall zu Hilfe nehmen. Die griechische Demokratie nutzte Zufalls-Generatoren aus Stein und Münzen, um die Verantwortlichkeiten des Gemeinwesens „luftig“ zu gestalten. Jeder durfte, aber musste auch bisweilen über das Gemeinwohl entscheiden. Ohne solche Rückkoppelungen wird es nicht gehen, denn sie bringen Menschen von der Opferrolle in die Selbstverantwortung. Sie können und müssen sich nicht mehr aggressiv hinter ihrer Ohnmacht verstecken.
Statt uns in der Angst vor den Populisten totzujammern und zu erstarren, sollten wir die möglichen Evolutionsprozesse der Demokratie würdigen. Demokratie ist nicht nur eine politische Ordnung, sie ist eine Kultur. An Kulturen kann man sich beteiligen, im Kleinen wie im Großen. Das Kulturelle geht über das formal Geregelte hinaus, es erzeugt laufend neue Möglichkeitsräume. Dazu ist es nötig, den weinerlichen Moralismus zu überwinden, die Angstbesessenheit und die Meineritis, mit der wir immer schon zu wissen glauben, was alles unmöglich ist.
Utopische Ausblicke: Metakulturen der Zukunft
Springen wir noch ein bisschen weiter ins Beyond – in die Zeit nach der heutigen Demokratiekrise. Sagen wir: ins Jahr 2454. Im derzeit interessantesten Zukunfts-Sociofiction-Epos Terra Ignota (fast zweitausend Seiten) der amerikanischen Autorin Ada Palmer haben sich die Nationalstaaten aufgelöst. Weil bahnbrechende Flugtechnologien es jedem Menschen erlauben, in wenigen Stunden rund um die Welt zu reisen, erwiesen sich Nationalstaaten als unhaltbar. Nach einer langen Periode postnationaler Konflikte der Sezessionen entstanden im 22. Jahrhundert neue Metakulturen, in denen sich die Weltgemeinschaft neu organisiert.
Unsere Nachkommen leben dann in sogenannten „Hives“ – Schwärmen von Millionen von Menschen, die sich in den Jahrhunderten der „großen Wandlung“ entwickelt haben und teilweise bis auf heutige soziale Muster zurückgehen. Die Mitgliedschaft ist freiwillig und jederzeit kündbar – viele Menschen wechseln im Laufe ihres Lebens den Hive. Jeder Hive hat zwar eine Hauptstadt, in der sich die symbolischen und organisatorischen Zentren befinden, aber kein festes Territorium mehr. Jeder Hive-Schwarm ist für eine bestimmte globale Infrastruktur zuständig, von der globalen Gerichtsbarkeit über die technische Infrastruktur bis zur Gesundheitsversorgung und Landplanung.
Da gibt es „die Humanisten“ (Hauptstadt in Südamerika), die eine strenge, fast antike Leistungs-Sozialordnung pflegen, die auf gegenseitigem Respekt und Ehren-Gesetzen aufbaut. Sie organisieren die planetare Gesetzlichkeit. Die „Cousinen“ (Hauptstadt Casablanca) sind ein Orden der globalen Fürsorge, der überwiegend, aber nicht nur aus Frauen besteht (Männer haben einen Sonderstatus). Das eher monarchische „Imperium der Freimaurer“ regelt und wartet die weltweiten Infrastrukturen der Information und des Verkehrs. Die „Gordianer“, eine psychologische Evolutionsbewegung mit Hauptsitz in Ingolstadt in Bayern, hat das Geheimnis der mentalen Höherentwicklung gelöst – eine Religion der Selbstentwicklung, die ihr Wissen weltweit verbreitet. Die „Europäer” (Hauptsitz Paris) leben in leicht chaotischen lokalen Patchwork-Kulturen mit hoher Diversität. Und im Osten des Planeten, der dann „die Mitte” heißt, dominieren die „Mitsubishis“. Deren Gesellschaftsstruktur ist eine Mischung aus digitaler Kollektivität und der Hierarchieform großer asiatischer Konzerne. Auf den Mond haben sich schließlich die „Utopianer“ zurückgezogen, die dort mit riskanten Versuchen im Bereich der Bio-, Nano- und Nukleartechnologien experimentieren, die auf der Erde verboten sind. Der Urgründer war wahrscheinlich ein Supermensch namens Musk.
Die Regierungsformen sind bunt, aber alle auf irgendeine Weise demokratisch:
- Flexible konstitutionelle Demokratie
- Kuratierte Vorschlags-Demokratie
- Nichtvererbbare absolute Monarchie (Wahlmonarchie mit starken regionalen Autonomien)
- Mentale Think Tanks und „Corporate Boards“
- Nationalparlamentarische Euro-Demokratie
- Shareholder-Demokratie (Timocracy – Oligarchie nach Ehrenwahlrecht)
- Hyperstimulierte Virtual-Kooperation
Seit fast zwei Jahrhunderten besteht zwischen den Schwärmen weitgehender Friede, abgesichert durch die sogenannten Sinnsager, eine allgegenwärtige Friedens-Task-Force. Im Jahr 2455 bricht dennoch wieder ein weltweiter Krieg aus. Und es tut sich die Frage auf, ob man nicht vielleicht doch „die Sterne“, also andere Planeten besiedeln sollte, um die menschliche Spezies vor sich selbst zu retten.
Aber das ist ein anderes Kapitel. Noch gilt es, das demokratische Erbe heute und hier auf der Erde weiterzuentwickeln. Damit es weitergehen kann für uns alle.
Und es WIRD weitergehen, ganz gewiss.
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„Denkt daran, Demokratie währt nie lange. Sie verschleißt, erschöpft und vernichtet sich rasch selbst. Es hat noch nie eine Demokratie gegeben, die nicht Selbstmord begangen hätte.“
John Adams, zweiter Präsident der Vereinigten Staaten
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Bei Nachdruck-Anfragen wenden Sie sich bitte an Mag. Michaela Németh: michaela.nemeth@horx.com






