95 – Zukunfts-Weisheit

Wie wir anders mit dem Schrecklichen der Welt umgehen können als durch panische Angst oder entsetzte Empörung.

Was kann die Zukunftsforschung zu jenem furchtbaren Ereignis beitragen, das uns seit vielen Wochen Alpträume beschert? Wie wird das ausgehen, in der Ukraine? Wird Putin jemals aufhören mit seinen killing fields, seinen ungeheuren Lügen und Eskalationen? Werden die Ukrainer ihr Heldentum noch steigern und am Ende siegen?
Sollen, MÜSSEN wir nicht noch viel größere, mächtigere Waffen liefern?
Werden wir alle im Atomfeuer verbrennen, in einer elenden Trümmerwüste aufwachen, nur weil ein Irrer nicht zu stoppen ist?
Gibt es da nicht „sichere Prognosen”?

Zunächst müssen wir das Wesen des existentiellen Paradoxes verstehen. Existentielle Paradoxie entsteht, wenn sich Widersprüche entfalten, die sich auf der Ebene, auf der sie entstanden sind, nicht mehr lösen lassen. Das haben wir schon in der Corona-Pandemie erlebt, als das Paradox zwischen individueller Freiheit und Krankheits-Schutz unauflösbar war.

Es entsteht ein Dilemma, in dem wir NUR das Falsche tun können. Liefern „wir” Waffen, verlängern wir das Leiden und die Gefahr der Eskalation. Tun wir es nicht, machen wir uns der Ignoranz und Unmenschlichkeit schuldig. Eine perfekte Zwickmühle.

Ein existentielles Paradox ist wie das Haupt der Medusa. Man kann sich ihm nur nähern, wenn man sozusagen von rückwärts fragt: Wie kann ich (wie können wir) anders auf die Schrecklichkeit reagieren als mit moralischer Erregung ODER panischer Angst?

Moralische Empörung ist eine großartige Energie. Sie speist sich aus der Empathie des Menschen, die uns zur Solidarität mit Anderen verpflichtet. Sie zieht uns jedoch auch in einen Sog hinein, in eine Art Trance, wie sie man im Gesicht des Anton Hofreiter sieht, eines guten, alten Hippies und Pazifisten, mit dem ich tiefste Sympathie habe.

Aber wie er das Wort SCHWERE WAFFEN! ausspricht, die SOFORRRT! (bayrisches Roll-“R”) geliefert werden müssen – das verrät eine tragische Verstricktheit und Verlorenheit.

Moralische Empörung steigert sich leicht zu moralischer Panik. Der Versuch, in den USA das Grundrecht auf Abtreibung abzuschaffen, ist ein Resultat panischer Moral. Moral lässt sich leicht funktionalisieren und manipulieren. Sie ist eben auch eine Grund­quelle des bösartigen Populismus, und eignet sich hervorragend als Machtinstrument für Diktatoren. Das ist verwirrend, denn wir glauben immer, dass Moral „gut” ist, weil sie sich so anfühlt.

Panische Angst hingegen macht uns zum Opfer von Drohstrategien à la Putin. Angst hat immer recht – sie schafft sie ihre eigene moralische Norm, die allerdings zur Erstarrung führt, wenn Flüchten oder Kämpfen keine wirklichen Alternativen sind.
Den sinnvollsten Vorschlag hat eigentlich Elon Musk gemacht, der sich mit Wladimir Putin prügeln wollte.
Wenn aber weder kämpfen noch flüchten geht, müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen.

Das Diktum der Weisheit

Wie könnte es gelingen, anders mit einem unlösbaren Dilemma umzugehen?
Versuchen wir es mit Weisheit.

Weisheit ist die Fähigkeit, jenseits der Verklammerungen der Paradoxien denk- und handlungsfähig zu bleiben. Das klingt schlaumeierisch – wie soll das gehen? Aber wenn wir im Leben, in der Liebe, im Beruf eine richtige Entscheidung treffen, machen wir im Grunde nichts anderes: Wir lösen uns von einem Dilemma, indem wir die Welt mit neuen Augen sehen.

Wie sagte der Kybernetiker und Philosoph Heinz von Foerster so schön? „Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.”
Weisheit ist beschreibbar als Verbindung von Gelassenheit, Empathie und Voraussicht. Die Lebenssinn-Forscherin Monika Ardelt sprach von der Integration von reflexiven, kognitiven und affektiven Aspekten des Seins.

Mit Weisheit distanzieren wir uns von der Wirklichkeit, aber nicht um sie zu verlassen.
Sondern um die Zusammenhänge klarer zu sehen.
Um von der Zukunft aus die Wahrheit der Gegenwart zu beleuchten.

Die Logik des Krieges – und des Friedens

Gewalt gehört zu den Konstanten der Menschheit. Sie ist allgegenwärtig, zwischen Menschen, Mensch und Natur, auch in der Natur selbst. Sie sich wegzuwünschen, ist möglich, aber nicht sehr erfolgreich. Einfach, weil Gewalt MÖGLICH ist, wird sie auch immer existieren.

Die Idee eines ewigen Friedens (oder eines ganz und gar friedlichen, wunderbaren Internets) ist eine Illusion, die uns in eine Sackgasse schickt. Es hilft auch nicht, „die Gesellschaft” verantwortlich zu machen. Selbst in den friedlichsten Gesellschaften kann es zu Gewaltausbrüchen kommen – siehe das Breivik-Attentat in Norwegen.

Seit Menschengedenken haben Menschen versucht, Gewalt einzuhegen, sie durch Rituale und Regelspiele zu zähmen. Verhandlungen bei kriegerischen Konflikten sind schon in den tribalen Gesellschaften bekannt – das berühmte Friedenspfeife-Rauchen (Drogenexperten können einem interessante Geschichten darüber erzählen). Fußball ist nichts anderes als symbolisiertes Kriegsgeschehen. In gewisser Weise auch (männliches) Autofahren.

Parlamente, Gerichte, Behörden, Institutionen aller Art sind dazu „designt”, Konflikte zu regeln, aus denen Gewalt entstehen könnte. Gesetze, inzwischen auch human rights, versuchen, der Gewalt überall auf der Welt Herr zu werden.

Wir haben das Gefühl, in einer mörderischen Welt zu leben. Wer den ganzen Tag fernsieht, oder sich durch die Aggressionsstürme im Internet klickt, glaubt irgendwann, die Welt wäre ein einziger Gewalt-Pfuhl. Aber das ist eine Sinnestäuschung. In Wirklichkeit war „die Menschheit” noch nie so friedlich wie heute (siehe z.B. Stephen Pinkers: Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit, oder die Datenanalyse von ourworldindata.org).
Durch den medialen overkill, der ständig unser Angst- und Aufmerksamkeits-Hirn reizt, wird der Friede unsichtbar, der fast überall herrscht.

Man kann in diesem seltsamen Frühjahr durch eine Stadt gehen, und staunen, wie unfassbar viele Unterschiedlichkeiten sich regeln, ausgleichen, vermitteln lassen.

Wie WENIG wir uns gegenseitig an die Gurgel gehen.
Wieviel Liebe, Hoffnung und Zuneigung es gibt.
Es lohnt sich, über den Frieden zu staunen.
Gerade jetzt, wenn Krieg ist.
Aber nicht herrscht.

In seinem Buch WHY WE FIGHT – the Roots of War and the path to peace beschreibt der Politikwissenschaftler Christopher Blattmann, wie die Kosten für die Gewaltausübung im Laufe der Geschichte immer höher geworden sind.
“Societies are surprisingly good at interrupting and ending violence when they want to—even gangs do it.”

Allerdings gilt das nicht immer. Kulturen, Gruppen, ganze Gesellschaften, können in eine Gewalt-Regression fallen, deren Ursachen zumeist in tiefen Traumatisierungen über Generationen hinweg liegen.

In Kriegen gewinnen selten die Stärkeren. Es herrscht vielmehr eine Tendenz zum „David-Effekt”. Eine häufige Wende ist der „fatale Sieg” oder die „triumphale Niederlage”. Die aggressivere Partei scheitert am Gegenimpuls der Verteidiger, an der Mobilisierungskraft der Verzweiflung. Siegesgewisse Angreifer verrennen sich regelmäßig sich in taktische Sackgassen, in Paradoxien der eigenen Strategie, in Selbstüberschätzungen. Man denke an Vietnam. Afghanistan. An den Irak. Und Napoleon in seinen ersten und letzten Kriegen.

Kriege werden grundsätzlich verloren, oder beenden sich, wenn das Narrativ, auf dem die Aggression basiert, in sich zusammenbricht. Kriege erzeugen Nachkriegsordnungen, in denen aus Nullsummenspielen Non-Zero-Sum-Games werden – positive Wendungen.

Nach dem dreißigjährigen Krieg entstand im westfälischen Frieden eine europäische Ordnung, die die brandschatzende Kriegsführung der Religionskriege beendete. Das war der Beginn der Menschenrechte. Nach den Napoleonischen Kriegen, im Wiener Kongress 1814, begann eine Phase der „Balance of Powers”, die die Grundlagen für territoriale Unversehrtheit enthielt.
Der Zweite Weltkrieg beendete nicht nur die meisten Diktaturen in Europa, sondern auch die überkommene Tyrannei des Kolonialismus.

Ein Grundszenario der Spieltheorie (eine wichtige Teil-Disziplin der Zukunftsforschung) ist das so genannte Gefangenendilemma. In diesem Simulations-Spiel werden zwei Verdächtige verhaftet, die in verschiedenen Zimmern verhört werden. Wenn einer von ihnen als Verräter auftritt, bekommt er einen starken Strafnachlass. Wenn beide schweigen, werden sie freigelassen. Wenn beide verraten, werden sie beide schwer bestraft.

Nichtkooperative Spiele zeichnen sich dadurch aus, dass „die Spieler ihre Strategieentscheidungen nicht revidieren können, wenn ihnen die Lösung empfohlen wird”. Genau das ist im Ukraine-Konflikt der Fall. Die Parteien sind in ein nichtkooperatives Spiel verwickelt, aus dem sie nicht herauskommen. Lösung hieße, das eigene Paradigma zu beschädigen, und sich damit selbst vom Spielfeld zu nehmen.
Dieser Falle entkommt man nur, wenn man ein Spielfeld auf höherer Ebene eröffnet. In gewisser Weise hat die Ukraine das bereits getan: Gegen die einseitige Gewalt hat sie das Spielfeld der Weltöffentlichkeit eröffnet, gegen Gewalt-Symbole operiert sie mit emotional- humanistischen Memen. Selenskyj ist ein wunderbarer „Spieldesigner” mit klugen Beratern.
Könnte man in dieser Richtung weiterdenken?

Ein anderes Szenario

Stellen wir uns vor die Ukraine würde morgen einen einseitigen Waffenstillstand verkünden. Die ukrainischen Truppen würden sich auf eine Linie rund um den Donbass auf reine Verteidigungsstellungen zurückziehen. Selenskyj würde als oberster Befehlshaber zurücktreten und sich um den Wiederaufbau der Westukraine kümmern. Dazu gehört auch die Organisation der Ausreise der ukrainischen Bevölkerung aus den russisch besetzten Gebieten. Gleichzeitig würde die Ukraine mit einer Reihe von Vermittlern aus verschiedenen Schlüsselländern – Türkei, Israel, Indonesien, Kanada etc. – einen runden Verhandlungstisch eröffnen. Die Russen wären herzlich eingeladen.

Unmöglich, werden Sie sagen, geradezu zynisch! Kapitulation in einer Situation des Angriffskrieges! Nun hat Putin gewonnen! Er wird sofort den nächsten Krieg beginnen!
Und so weiter.
Wirklich?
Sind wir uns da so sicher?
Denken wir noch einmal nach.

Wenn Putins Truppe in dieser Situation mit einer erneuten Gewaltorgie weitermacht, würde er sein eigenes Narrativ überschreiten, nämlich die Eroberung des Donbass für eine „Sicherung” Russlands. Damit würde er riskieren, seine letzten Verbündeten zu verlieren. Die fossile Wirtschaft Russlands ist jedoch existentiell auf fossile Absatzmärkte angewiesen. Außerdem würde überdeutlich, wie sinnlos – und kostspielig – die Eroberung einer selbsterzeugten Trümmerwüste wäre.

Eine solche asymmetrische De-Eskalation würde Putin in das Dilemma des nichtkooperativen Spielers setzen, der in seinem eigenen Dilemma gefangen ist.
Es geht hier nicht darum, diese Strategie den Ukrainern „vorzuschlagen”. Ratschläge aller Art sind vollkommen deplatziert. Es geht auch nicht darum, exakt vorauszusehen, was geschehen würde – das ist unmöglich. Es geht darum, die Logik der Spiele zu verstehen, die unsere Zukunft erzeugen.

Weisheit bedeutet, dass wir uns innerlich von den Reiz-Reaktionsmustern, den Reflexen, mit denen wir auf ein Dilemma reagieren, lösen. Dass wir die Emotionen, die uns angesichts von Sterben und Tod, von Trümmern und Zerstörung befallen, zulassen. Aber nicht von ihnen leiten lassen.

Solche innere Differenzierung ist auch das Prinzip des Buddhismus und anderer fernöstlicher Denkweisen. Olaf Scholz ist, soweit man weiß, von der Philosophie des griechischen Stoizismus beeinflusst. Auch die Stoiker – sozusagen die europäischen Buddhisten – beschäftigten sich mit den Fragen der mentalen Wirklichkeitskonstruktion. Hier drei Schlüsselzitate des Stoizismus:

„Verlust ist nichts anderes als Verwandlung.” (Epiktet)

„Es sind nicht die Dinge selbst, die uns bewegen, sondern die Ansichten, die wir von Ihnen haben.” (Epiktet)

„Betrachte einmal die Dinge von einer anderen Seite, als du sie bisher sahst, denn das heißt, ein neues Leben beginnen.” (Mark Aurel).

„Wir wollen dauerhaft Russland schwächen”, sagte der amerikanische Verteidigungsminister Lloyd J. Austin öffentlich. Das ist ehrlich. Es ist aber auch ungünstig, wenn man in einem Konflikt mit einem nichtkooperativen Spieler befindet.
Vielleicht ist es manchmal besser, sich zurückzuhalten.
Weisheit erfordert die Möglichkeit des Schweigens.
Und die Fähigkeit zum Vertrauen.

Als Kennedy im Jahre 1962 den nuklearen Weltkrieg verhinderte und mit der Sowjetunion ein Abkommen über den Abzug der Atomraketen aus Kuba abschloss, veröffentlichte die amerikanische Administration keine Einzelheiten des Abkommens.
Und nur so funktionierte es.

Über die Weisheit kommen wir zur Wahrheit (und umgekehrt).
Wahr ist, dass wir alle sterben werden. Die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten Jahren an einem Atomschlag zu sterben, ist nicht berechenbar. Sie unterliegt zu großen Teilen den Gesetzen des Chaos. Sie ist grösser als null.

Damit müssen wir leben. Weisheit bedeutet, eine vitale Antwort darauf zu finden. Besser leben. Intensiver leben. Entschlossener leben. Wahr ist, dass es Phasen im Leben gibt, in der wir in großer Unsicherheit leben müssen.
Das kann weise machen.
Oder blind.

Der Sinn dieses Krieges – aus der Zukunft gesehen – ist die Evolution einer neuen Weltordnung, in der die Logik der Gewalt ein weiteres Stück eingehegt werden kann. Nennen wir es den ukrainischen Frieden.

Nachkriegs-Ordnungen stabilisieren sich dann, wenn sie von einer höheren Vision getragen werden. In der Nachkriegszeit, in der ich aufgewachsen bin, war das die Hoffnung auf technischen Fortschritt, Breiten-Wohlstand und Demokratie.

Eine Vision für eine neue globale Ordnung nach diesem Krieg wäre die postfossile Transformation. Der Ukraine-Krieg enthüllt unsere blutige Abhängigkeit von den fossilen Rohstoffen. Und die Konfliktpotentiale, die damit verbunden sind. Vielleicht ist das Ukraine-Drama ein Aufbäumen des fossilen Weltprinzips, der „Verbrennungslogik”, die auf Blut, Stahl, Öl und Herrschaft über Menschenleben gebaut ist.

Putin wäre dann der Liquidator des fossilen Zeitalters. Eine wichtige Rolle.

Jane Goodall, die Schimpansen-Forscherin, sagte neulich: „Ich habe vier Gründe, an die Zukunft zu glauben. Den erstaunlichen menschlichen Intellekt. Die Widerstandskraft der Natur. Die Kraft junger Menschen. Und den unbezähmbaren human spirit.”