98 – Das Märchen vom Metaverse

Der Digitale Hype ist vorbei.
Eine Abrechnung und Hinwendung.

Stellen Sie sich vor, die DIGITALISIERUNG, dieser Super-Hyper-Megatrend, wäre ein Kaiser.
Der digitale Kaiser würde ständig auf der Haupt-Einkaufsstraße flanieren, um seine Macht und Herrlichkeit zu zeigen. Rechts und links versammeln sich seine Fans und Geschäftsmänner, die Berater, Nerds und Neu-Gierigen. Und klatschen Beifall.
Nur einige wenige Passanten würden aus etwas Distanz heraus sehen, dass der Kaiser sich zwar sehr viel Mühe gibt, gravitätisch zu SCHREITEN.
Dass er aber in Wirklichkeit völlig nackt ist.

So geht es mir manchmal auf den immer noch zahlreichen Digital-Kongressen, auf denen noch immer das Hohelied des Digitalismus (des Digitalen als Ideologie) gesungen wird. Jetzt lautet die Parole: Wir haben noch gar nicht richtig angefangen! Jetzt geht es erst richtig los!
Quantencomputer! Künstliche Intelligenz! AI, KI, Blockchain, Smartcoin, Schnittstellen zum Gedankenlesen…
Die digitale Revolution beginnt erst jetzt.
Und ganz obendrauf, sozusagen als Krönung: DAS METAVERSE!

Manchmal möchte man von hinten, von den billigen Plätzen aus, hineinrufen:
KENNEN WIR SCHON!
UND WOZU DAS ALLES?

Andersons Märchen „Der Kaisers neue Kleider“ erschien 1837 – im Vormärz, einer Zeit, in der sich der Zerfall der feudalen Ordnung abzeichnete. Der Text handelt von einem Herrscher, der sich von zwei Betrügern eine Illusion „anschneidern” lässt: Der Kern des Betrugs ist die Behauptung, dass diese ganz besonders feinen Ornate (die aus nichts bestehen) nur von ganz berufenen Personen gesehen und gewürdigt werden können.
So erzeugt man eine hermetische Illusion. Wer möchte schon zu den Dummen und Ignoranten, den Wahrnehmungsgestörten und Technikfeinden gehören?

Seit vielen Monaten sind die Tech-Werte an der Wallstreet im Sinkflug. Das amerikanische Digital-Oligopol MAAAM (Meta, Apple, Amazon, Alphabet, Microsoft,) vermeldet erstmals Wachstums- und Umsatzeinbrüche.

The era of big-tech exceptionalism may be over, Economist 27.7.2022

Einhorn-Strategien, die gestern noch selbst in konservativen Wirtschaftsmagazinen euphorisch gefeiert wurden, erweisen sich als korrupte Hasardeur-Spiele. Die Cyber-Währungen befinden sich im freien Fall. Hunderte von gefeierten Startups, die Jahrzehnte lang Geld verbrennen konnten, haben ernsthafte Finanzierungs­schwierigkeiten.
Der Hype ist vorbei. Umso mehr muss die Propaganda verstärkt werden.

Die Anfänge

Vor fast 40 Jahren kaufte ich meinen ersten Computer, einen Commodore 64. Ich werde den süßen Geruch heißer Platinen und billigen Plastiks nie vergessen, der diesem heiligen Gerät entströmte. Das Piep-Piep-Pusschawüühu-huu des Modems, mit dem man sich mit der großen weiten Datenwelt verband, höre ich heute noch manchmal beim Spazierengehen im Kopf.

Als ich im Jahr 1986 in meinem Zimmer saß und mit dem Computer eine komplett neue Welt betrat, hatte ich wunderbare Illusionen. Zum Beispiel:

  • Die Verbindung aller Menschen, Länder und Kulturen durch vernetzte Computertechnologien wird eine Zeit des Friedens und der Freiheit bringen.
  • Monotone Arbeit wird durch Robotik und Informatik überflüssig. Die enorm gesteigerte Produktivität ermöglicht Wohlstand ohne Ende.
  • Die Verfügbarkeit aller Information wird zu einer Wissensgesellschaft führen. Wir werden alle klüger und intelligenter!
  • Wir können ohne Drogen in imaginäre Welten eintauchen, was die KREATIVITÄT der Menschheit befördert.
  • In der digitalen Welt wird jeder zum Selbst-Unternehmer. Es wird Millionen kreative Firmen geben, die nach fantastischen Innovationen streben.
  • Hierarchien werden durch Vernetzung abgebaut, Machtstrukturen beseitigt…

Jede dieser Hoffnungen ist an unterschiedlichen Faktoren gescheitert. Die Idee der Kreativen Wirtschaft scheiterte weniger am Mangel an Kreativität (zum Teil wurde sie durchaus verwirklicht). Das Kreative am Digitalen geriet in den Sog einer dämonischen Kybernetik, des Netzwerk-Effekts, der die User am Ende immer nur auf EINE Plattform zieht. Und dadurch gigantische Monopole schafft.

Den Ort, wo die Befreiung der Arbeit steckengeblieben ist, kann man an gestressten Fahrradboten und ruppigen Geschäftsmodellen wie UBER finden: Digitale Dienstleistungen erzeugen gewaltige Schnittstellen-Probleme zur analogen Realität. Plötzlich entsteht wieder ein Heer von sklavenähnlichen Arbeitern, wie in der Urzeit des Industrialismus.

Niemand bezweifelt den Segen von Wikipedia und neuer Lernplattformen. Aber gleichzeitig hat sich ein dunkler Code in das Wesen der Information eingeschlichen. John Naisbitt, der „Erfinder“ der Megatrends, formulierte einmal in den 90ern: „Wir ertrinken in Information und hungern nach Wissen“.

Heute sind wir ein paar Runden weiter: Wissen ertrinkt in Myriaden von Informationen, deren Herkunft und Intentionen uns verwirren.
Wissen, so verstehen wir langsam, ist etwas komplett anderes als Information. Wissen entsteht langsam, durch Erfahrung, „Trial und Error”, Begegnung und Interaktion. Wissen kann man nicht einfach „copy-pasten”. Aber das Netz mit seiner Allgegenwart verführt uns, das zu glauben (deshalb gibt es so viele „copy-gepastete” Doktorarbeiten).

Wissen handelt von Zusammenhängen. Von gegenseitigen Referenzen. Wie Bildung hat es immer etwas mit Begegnung zu tun. Mit Vertrauen. Aber dieses Vertrauen geht in einer digitalen Wirklichkeit zugrunde, in der es nur noch um das rasende Schürfen der eigentlichen Knappheits-Ressource unserer Zeit geht: um die menschliche Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt.

Digital Doomsday

Das größte Desaster hat das Zukunfts-Versprechen des Digitalen auf der Ebene der menschlichen Kommunikation hinterlassen. Shitstorms, Cybermobbing, Fake News, Identitätsklau, Hass-Mail, Cyberterrorismus. So viele kommunikative Gewaltverhältnisse sind in unseren Alltag eingedrungen, dass einem der Atem stockt.

Kennen Sie den Film „Tickled“ (auf HBO)? Wenn nicht, sollten Sie sich das antun. Es ist eine Dokumentation über eine Sekte, die mit Kitzelwettbewerben per Internet Existenzen vernichtete, ungeheuer viel Geld verdiente und dabei ungeschoren davonkam. So etwas Bizarr-Bösartiges scheint sich nur das Netz ausdenken zu können…

Es ist eine bittere Erkenntnis: Wenn alle mit allen in Echtzeit, aber weitgehend anonym und ohne feste Regeln verbunden sind, ersteht keine Befreiung – sondern Terror. Das Bösartige, Schrille, Übergriffige, Manipulative, setzt sich immer durch. Die amerikanische Publizistin Adrienne LaFrance nannte das soziale Netz sogar eine „soziale Doomsday-Maschine“:

„Das soziale Netz tut genau das, wofür es konstruiert wurde. Facebook wurde nicht dafür gebaut, die Wahrheit zu finden, oder die öffentliche Gesundheit zu verbessern. Man konzentrierte sich auf das Konzept der „community“ – aber entkleidete diesen Begriff aller moralischer Bedeutung. Eine Konsequenz davon ist der Aufstieg von QAnon. Zusammen mit Google und YouTube bringt Facebook Falschinformationen in Lichtgeschwindigkeit zum globalen Publikum. Facebook ist ein Agent von Regierungspropaganda, gezielter Belästigung, terroristischer Rekrutierung, emotionaler Manipulation. Und sogar Völkermord. Eine welthistorische Waffe, die nicht im Untergrund lebt, sondern auf einem Disney-ähnlichen Campus in Menlo Park.“
(Adrienne LaFrance, The Social Net is a Doomsday Machine, Atlantic, 20.7.22)

Vielleicht sollten wir „social media“ als Teil eines übergreifenden Zivilisationsproblems verstehen: der Großen Zivilisatorischen Erhitzung. Wie die fossilen Rohstoffe die Atmosphäre aufheizen, heizt das soziale Netz alle Gefühle, Bedeutungen, Konflikte, Aggressionen, Profanitäten, Narzissmen und Gerüchte unentwegt an. Bis sich die humanen Sozialsysteme zu entzünden beginnen. Und Gesellschaften unfähig werden, sich über sich selbst und die Zukunft zu verständigen.

Es gibt kluge Denker, die tief in diesen Abgrund hineingedacht haben. Etwa Jaron Lanier, ein Pionier des Cyberspace, der schon in den 80er Jahren die ersten (ziemlich klobigen und nach Gummi riechenden) Cyber-Brillen produzierte. Sein Lieblingshobby ist heute das Spielen archaischer Blasinstrumente, etwa von Didgeridoos. Lanier formulierte:

Massen zu emotionalisieren heißt, individuelle Menschen im Design der Gesellschaft zu ent-emotionalisieren. Und wenn man Menschen dazu drängt, keine Menschen zu sein, kehren sie zu alten, Mob-ähnlichen Verhaltensformen zurück.
(Jaron Lanier, „Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now”, The HopeFull Institute)

Das soziale Biom

© Zukunftsinstitut Horx GmbH

Der amerikanische Kommunikationsprofessor Jeffrey Hall nennt die Struktur, die unsere psychosoziale Gesundheit garantiert, das SOZIALE BIOM.

www.theguardian.com

So wie unser Körper auf ein Gleichgewicht des Mikroben- und Bakterien-Bioms angewiesen ist, das uns bewohnt, braucht unsere seelische Balance bestimmte Beziehungsformen. Die DUNBAR-Formel (nach dem Anthropologen Robin Dunbar) hat dieses „soziale Biom” vermessen: Wir können mit etwa 100-200 Menschen in echter Bekanntschaft leben, 12 bis 25 Freunde haben, etwa 12 Vertraute und mit 5 bis 6 Menschen eine intime Beziehung eingehen. Die Anzahl der Menschen, mit denen wir echte Verbindungen eingehen können, ist durch unsere neuronalen Fähigkeiten limitiert, die in der evolutionären Vergangenheit des Menschen entstanden sind. Wir können uns – zum Beispiel – selten mehr als 100 Gesichter merken.

(Robin Dunbar, Human Evolution: Our Brains and Behavior, 2016)

Das „soziale“ Netz bläht nun die Anzahl der Menschen, mit denen wir „es zu tun haben“, ins Unendliche auf. Es macht aus Beziehungen Pseudo-Verbindungen. Es schärft mit Anreiz-Systemen (Likes, Vergleichen, Sternen, Re-Tweets und-so-weiter) rasende Konkurrenzen, bei denen riesige Mobs und Deutungskriege entstehen und wieder zerfallen.
Dadurch werden wir haltlos.
Das Resultat ist soziale Regression.
In der Corona-Krise konnten wir erleben, wie uns tausende Likes und zigtausende Follower nichts nutzten, um die plötzlich über uns hereinbrechende Einsamkeit zu lindern. Im Gegenteil: Das Übermaß an „Kontakten“ stürzte uns in eine innere Leere, weil wir plötzlich die Illusion erlebten, in der wir uns befanden.

Soziale Medien haben uns alle in die Mitte eines römischen Kolosseums befördert, und viele auf den Rängen wollen Konflikt und Blut sehen.
Jonathan Haidt

Natürlich gibt es Sektoren, in denen sich das Digitale als Win-Win-Fortschritt erwiesen hat. Etwa in der Prozesstechnik, der Forschung, der Automatisierung von Produktionsprozessen, bei Digitalen Zwillingen, überall wo große, „langweilige“ Datenströme zu verarbeiten sind. Aber auch hier hat sich ein Enttäuschungs-Tal aufgetan: „Überall reden wir von der Produktivitätssteigerung durch IT, aber in den Statistiken ist das nie zu sehen“, lautet ein berühmter Ökonomen-Satz.

Stattdessen tun sich in jedem Digitalisierungs-Prozess seltsame Reibungskräfte auf. Man kann das in jeder Behörde, jedem Unternehmen, jedem Krankenhaus erleben. Je mehr Digitalisierung, desto konfuser und chaotischer wird alles (und desto mehr Papier wird beschrieben, mit immer höherem Zeitaufwand). Woran liegt das? An der störrischen Technikfeindlichkeit der Mitarbeiter, wie es oft behauptet wird?
Digitalisierung wird überwiegend als Kostensenkung-Maschine verstanden. Das geht immer schief. Manche Banken oder Airlines haben sich bereits konsequent selbst abgeschafft, indem sie alle Arbeit ihren Kunden aufgebürdet, entsetzliche Sicherheitsabfragen installiert und dafür noch Gebühren verlangt haben. Und niemand mehr „analog“ erreichbar war. Solche digitalen Kundenabschreckungs-Methoden funktionieren sehr verlässlich. Richtung Marktaustritt.

Das magische Metaverse

Neulich lud ich mein Auto am Autobahnkreuz Biebelried, zwischen Würzburg und Nürnberg neben einem seltsamen Gebäude. Eine große Beton-Kuppel, ein Ei, das ich zunächst für eine modernistische Kirche hielt, oder ein Atomkraftwerk.

Das Ding wirkte verlassen, wie eine Ruine aus der Zukunft. Später fand ich seine Geschichte heraus: Es war in den Nuller Jahren ein IMAX-Kino mit riesiger Leinwand und spektakulärer Technik. Nach zwei kurzen Öffnungsperioden stand es leer. Heute ist es, soweit ich weiß, von einer Werbeagentur gemietet.

Können wir uns noch an den 3-D-Film-Hype erinnern – einer von vielen Hypes, die das Digitale Zeitalter mit sich brachte, und von denen heute niemand mehr spricht? Um 2005 herum war es ausgemachte Sache, dass Kinofilme nur noch in 3-D-Digitaltechnik produziert werden würden. Die Kinos würden zu riesigen Simulationstempeln umgebaut werden und nur noch Filme in nie gekannter Plastizität und Auflösung zeigen – Multiversen in voller Pracht.
WHOW!

Warum hat sich das nie realisiert – und wieso werden heute kaum noch 3-D-Filme produziert? Als ich mit meinen Kindern um die Jahrtausendwende in 3-D-Kinos ging, fanden sie es lustig, waren danach aber äußerst schlechter Laune. Begeistert waren sie dagegen von Computerspielen, die grob und pixelig waren. Denn man konnte etwas TUN.

Das menschliche Hirn ist eine magische Maschine. Es kann sich alle möglichen Dinge vorstellen, komplexe Phantasien hervorbringen. Es kann sich mit der EFT-Technik (Episodic Future Thinking) sogar in die Zukunft versetzen. Unser Hirn macht, wenn es die Wirklichkeit „scannt“, ständig Vorhersagen, es ergänzt Sinneseindrücke durch innere Modelle, fügt unscharfen Informationen eigene Bilder hinzu. Wir sehen einen 2-D- Film durchaus dreidimensional – unser Hirn rechnet automatisch die Räumlichkeit dazu.

Wenn wir stereotaktische Bilder sehen, gerät unser Hirn erst ins Staunen, dann in eine schwere Irritation. Nun konkurriert das innere 3D mit dem äußeren 3D. Unser Hirn irrt zwischen den Referenzsystemen hin und her. Dadurch entsteht eine Art innerer Spaltung – und Stress.

Haben sie einmal eine Außenbord-Reparatur an der ISS vorgenommen, 400 Kilometer über der Erde? Ich schon. Es gibt tolle Programme für die üblichen Drei-D-Brillen, bei denen man echt schwindlig wird. Die Beine sacken weg, schließlich arbeitet man in Null G…
Davon muss man sich erstmal erholen.
Man nennt das auch die Cybersickness. Es ist besonders anstrengend, von einem Universum wieder ins andere zu kommen.

Ein anderer Faktor ist die mediale Adaptation. Jedes Medium schreibt seine eigene Dramaturgie. 3D-Filme brachten irgendwann nur noch Handlungen hervor, in denen dem Zuschauer ständig etwas mit donnerndem Lärm um die Ohren flog – Dinosaurier, Roboter, Häuser, Raumschiffe. Das produzierte kurzfristig viel Adrenalin und Quietschen im Kinosaal. Aber auf Dauer strunzdumme Drehbücher.
Das „Kino für die Sinne“ ist in Wahrheit ziemlich sinn-los.
Könnte es mit dem Metaverse ebenso sein?

Der Idee des Metaverse liegt die Idee zu Grunde, dass wir uns nach einer Art hochauflösender Zweitwelt voller Wunder und Sensationen sehnen. Für manche Anlässe, wie ABBA-Wiederauferstehungen, mag das stimmen. Was aber, wenn uns schon in REAL WORLD alles viel zu viel ist?
Zu viele Möglichkeiten. Zu viele Reize.
Zu hohe Auflösung.
Zu viele rosa Elefanten und geile Zwerge.
Wenn unser Hirn eher die WENIGEREN Informationen bevorzugt?
Die unschärferen Bilder, die uns Raum für Eigenes lassen?
Die sichtbaren Unklarheiten, die unsere Fantasie anregen?

Icelandverse-Video auf YouTube ansehen: www.youtube.com

Das Experiment

Es gibt ein wunderbares Gedankenexperiment, dass uns an den Kern des Metaverse-Mythos führt:
Wenn es eine Maschine gäbe, die ihnen den Rest ihres Lebens garantiert Komfortabilitäts- und Glückgefühle ins Hirn projiziert, einschließlich spannender Abenteuer – sie würden davon gar nichts merken und sogar den Tod vergessen – würden Sie sich anschließen lassen?

Wahrscheinlich wird es Menschen geben, die das Metaverse tatsächlich besiedeln werden. Wie Pioniere auf einen fremden Planeten. Sie werden gerne in jene Landschaften gehen, in denen man als Pferd oder Zyklop oder als rosa Giftzwerg willkommen ist. Und wo man all die Dinge „machen“ kann, die in der real world nicht so gut funktionieren. Oder ankommen.
Es werden aber nicht allzu viele sein.

Das Metaverse ist ein Trick, um dem digitalen Desaster nach vorne, ins nächste „Paradies“ zu entkommen.
Technologie auf der Suche nach Problemen.
Auch zum Mars nimmt man sich immer selbst mit.
Weiß Elon Musk das?

Gleichzeitig ist das Metaverse das, was Menschen in der einen oder anderen Weise immer schon bewohnt haben. Vielleicht handelt es sich um nichts anderes als die Himmels-Version 2.0, das Transzendenz-Gefäß des technologischen Zeitalters. Wenn man einen mittelalterlichen Klappaltar aufklappt – etwa die Darstellung der Hölle und des Paradieses im Weltgerichtstriptychon von Hieronymus Bosch – was sieht man da? Genau. Das METAVERSE in all seiner Pracht. In 2D nur, gewiss, und ohne Animationen. Aber kommt es darauf wirklich an?

Anmerkung: Neben dem spektakulären „Cyber-„Metaverse gibt es noch ein anderes, das sich eher an fluiden Organisationsprozessen orientiert. Das kann eine sinnvolle Weiterentwicklung von „Social Media“ sein. Man sieht allerdings, welche Unschärfe und Verwirrung im Begriff „Metaverse“ liegt. Ein Begriff, der sich für alle möglichen Deutungen brauchen und missbrauchen lässt.

Digitaler Schwurbel

Derzeit zaubern die digitalen Propheten in steigender Hektik neue Zauberbesen aus dem Hut. Auch KI ist über weite Strecken eines von diesen Wundermitteln. Aber was heißt eigentlich „Künstliche Intelligenz“?
Der Schwurbel beginnt schon in der Wortbildung. Intelligenz setzt sich aus einem weiten Feld von emotionalen, analytischen und reflexiven Fähigkeiten zusammen, die eigentlich nur im lebendigen Menschen definierbar sind. Wie aber kann dann Intelligenz „künstlich“ sein? Die Begriffskombination suggeriert, dass Maschinen automatisch „klüger“ sind – oder werden – als Menschen, „weil sie schneller rechnen“ können.
Das ist ein typischer Kategorienfehler (nach Niklas Luhmann, der als Beispiel für einen Kategorienfehler einen Bauern anführte, der Bratkartoffeln anbauen will).


Aus dem Trendwörterbuch der Gegenwart:
* Schwurbel, der.
Volkstümliche Bezeichnung für das Bilden falscher semantischer Brücken. Beim Schwurbeln werden unzusammenhängende Dinge miteinander verbunden, falsche Kausalitäten oder Zusammenhänge erzeugt. Schwurbeln (früher „spinnen“) ist im Prinzip harmlos und super-menschlich, ja sogar eine kreative Funktion unseres Hirns. Kinder, Künstler und interessante Menschen tun es dauernd, um „im Spiel“ zu bleiben. Gefährlich wird es nur, wenn das Spiel aggressiv aufgeladen und in wahnhafte Illusionen übersetzt wird. Dann kommt es zu fatalen —> Schwurbeldemien.


KI eignet sich hervorragend, um Millionen erneuerbare Stromquellen für die zukünftige Energiesicherheit zu synchronisieren. Um Millionen Daten zu strukturieren, damit etwas sichtbar wird. Aber nicht, um Sinnfragen zu lösen. Beziehungsprobleme. Oder fundamentale Entscheidungsfragen in der Unschärfe der real world.

Watson, die Gross-KI von IBM, wurde in Krankenhäusern als „Diagnosearzt“ ausprobiert. Mit ernüchternden Ergebnissen. Der menschliche Körper und seine Reaktionen lassen sich nicht einfach in binäre Algorithmen zerlegen. Menschen sind auf die absonderlichste Weise krank. Sie sind „analog“ krank – mit vielen Zwischentönen, Unschärfen, magischen Symptomen…

Eine der momentanen Hypes sind KI-Systeme, die KUNST machen können. Eine Super-Sensation! Computer, die wie Breughel malen! Die unbekannte Bach-Kantaten am laufenden Stück komponieren können! Wenn Computer schon KUNST machen können, dann sind wir Menschen sicher bald überflüssig!
Wirklich?

Amazon hat für ALEXA ein Programm herausgebracht, das die Stimmen von Toten in die Assistenzfunktionen integriert. Das heißt, ich könnte die Stimme meiner Großmutter (ich habe noch ein paar alte Tonkassetten, das sollte reichen) als Grundstimme meines „digital assistant“ verwenden.
Ich möchte die Stimme meiner Oma nicht dreißig Jahre nach ihrem Tod aus meinem Lautsprecher hören. Schon gar nicht, um mir das Wetter anzusagen. Ich frage mich vielmehr: In welchem Mindset muss man sein, um derartige würdelose Software anzubieten?

Irgendetwas an all diesen „Innovationen“ erinnert an die Rote Königin, die Alice im Wunderland erklärt: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“
Aber wohin rennen wir eigentlich?

Die digitale Selbstverzwergung

Gerade im verwirrten digitalen Zeitalter sehnen wir uns nach dem Anchorman. Ein solcher Anker ist Klaus Kleber, der uns viele Jahre als Chefmoderator des ZDF die Welt so erklärte, dass sie annehmbar erschien. Nun hat er einen Film gedreht der sich noch einmal mit dem Silicon Valley und seinen mystischen Visionen beschäftigt. Im Pressetext heißt es:

Ihre Vektoren weisen ins Metaverse, ein digitales, alle Plattformen einschließendes Über-Universum, eine erschreckend realistische Allmachtsfantasie – oberhalb der vertrauten Universen von Politik, Wirtschaft, Finanzen, Privatleben, Intimem und Öffentlichem. Virtuelles und reales Leben sollen zu Einem verschmelzen. Themen, die wir bisher meist isoliert voneinander sehen – künstliche Intelligenz, verdrahtete menschliche Gehirne aus reiner Mathematik geborene Krypto-Währungen, Aussiedlung von Menschen auf andere Planeten – sind Hebel im Ringen um die Herrschaft in dieser zukünftigen Ordnung. Die Vernetzung von Algorithmen, Gen- und Gehirnforschung und milliardenfacher digitaler Kommunikation wird noch viel mächtigere Wirkung haben.

Hier wird der Digitale Kaiser noch einmal kräftig aufgerüstet. Im vollen Ornat von Macht und Gefährlichkeit steht er da.
Dabei ist alles viel einfacher banaler: ES WIRD MEISTENS NICHT FUNKTIONIEREN!

Automatisches Autofahren? Computerisiertes Gedankenlesen? Weltrettung durch Blockchain? Neuronale Verbindungen mit dem Internet durch ins Hin geschraubte Schnittstellen? Drohnen, die das Abendessen auf den Balkon bringen?
Warum glauben wir immer noch so furchtvoll an die Macht des digitalen Kaisers?

In seinem Buch „You Are Not a Gadget“ hat Lanier jenen seltsamen Selbstverzwergungs-Effekt auf den Punkt gebracht, der unserem Umgang mit dem Digitalen innewohnt:

„Menschen degradieren sich selbst, um Maschinen SMART erscheinen zu lassen. Vor dem Crash (Bankenkrise 2009) glaubten Banker an sogenannte intelligente Algorithmen, die die Kreditrisiken kalkulieren konnten, bevor man einen schlechten Kredit vergab. Wir fragen Lehrer, nach standardisierten Tests zu lehren, so dass ein Schüler gut gegenüber dem Algorithmus aussieht. Wir haben wiederholt die grenzenlose Fähigkeit unserer Spezies bewiesen, unsere Maßstäbe zu verringern, damit Informationstechnologie gut aussehen kann.”

(People degrade themselves in order to make machines seem smart all the time. Before the crash, bankers believed in supposedly intelligent algorithms that could calculate credit risks before making bad loans. We ask teachers to teach to standardized tests so a student will look good to an algorithm. We have repeatedly demonstrated our species‘ bottomless ability to lower our standards to make information technology look good. Every instance of intelligence in a machine is ambiguous.)

Wenn wir digitale Bankgeschäfte, oder Fahrkartenkäufe machen, und nichts funktioniert richtig, machen wir meistens uns SELBST dafür verantwortlich – wir glauben, dass wir zu blöd, zu untechnisch und digital unbegabt sind. Wenn wir niemanden mehr in Telefon-Warteschleifen erreichen, glauben wir, wir kämen mit dieser modernen Welt nicht zurecht – und schieben uns die Unverschämtheit, mit der wir konfrontiert werden, als Digital-Scham selbst in die Schuhe. Gegenüber den „Digital Natives“, die sich ja so elegant und ohne Probleme durchs Netz bewegen, sind wir offenbar überkommene Wesen…

Auch die „Digital Natives“ sind in Wirklichkeit ein Hype. Die Jüngeren irren genau wie wir in würdelosen Digital-Systemen herum. Sie wirken dabei nur irgendwie cooler.

Auch unsere seltsame Selbsterniedrigung vor den Robotern, die angeblich „demnächst“ so viel fähiger, ja sogar „menschlicher“ sein werden als wir, weisen auf einen fatalen anthropomorphen Effekt hin. Irgendetwas in uns sehnt sich womöglich danach, eine Maschine zu sein. Und perfekt im Modus von Eins und Null zu funktionieren.

Das Human:Digital

Um das Werden der Zukunft zu verstehen, hat sich ein relativ einfaches Modell als hilfreich erwiesen. Die LIEGENDE ACHT (oder „Doppelschleife der Veränderung“) bildet die Gesetze adaptiver Zyklen ab.

Die Bezeichnung „lazy eight”, die auch für diese Figur verwendet wird, bezieht sich ursprünglich auf eine Kunstflug-Figur einer „liegenden Acht”, die von Piloten besonders leicht zu fliegen war.
www.zukunftsinstitut.de

Im ewigen Wandel wie im richtigen Leben gibt es immer fünf Phasen: Aufstieg, Erstarrung, Loslassen, Re-Vision und Neubeginn. Nach einem grandiosen Erfolg beginnt eine Phase der Optimierung und Konservierung, die unweigerlich in eine Krise mündet. Das Alte Normal wird unnormal. Das ist der Beginn einer Rückwendung, einer Re-Vision im doppelten Sinn, die uns auf den Weg zu neuen Organisationsformen führen kann. So entsteht Zukunft: In der kreativen Reaktion auf das Gelungene, aber dann Gescheiterte.

© Zukunftsinstitut Horx GmbH

Längst ist eine Gegenbewegung gegen den Digitalismus entstanden, ein stiller Widerstand im Alltäglichen. Millionen Menschen schalten ihre Smartphones immer häufiger aus. Sie verlassen das digitale Universum dort, wo es ihnen nicht guttut. Sie reden wieder wahrhaftig miteinander – ob mit oder ohne digitale Medien ist nicht so entscheidend. Sie vernetzen sich in einer menschengerechten Weise, ob analog oder digital, am besten mit den Vorzügen von beidem.

Gleichzeitig fällt auf, wie viele Menschen sich heute wieder für mentale Techniken interessieren. Fernöstliche und holistische Denkweisen erleben einen nie dagewesenen Boom. Unter der zappelnden Oberfläche der Erregungs-Ökonomie ist eine neue Bewegung der Achtsamkeit entstanden, in der Menschen lernen, Verantwortung für sich, ihre Gefühle und Wirkungen zu übernehmen. Vielleicht ist das der Anfang einer neuen mentalen Transformation, wie es sie auch zu Beginn der Aufklärung und – ansatzweise – in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schon einmal erlebt haben. Dabei geht es um die wahrhaft wichtigen Zukunfts-Kompetenzen:
Gelassenheit der wissenden Ignoranz (man muss sich nicht über alles aufregen).
Die Fähigkeit, die eigenen Muster zu erkennen.
Selbstwirksamkeit.
Konstruktiver Gemeinsinn.

Bei alledem geht es längst nicht mehr um FÜR oder GEGEN die Digitalisierung. Das wäre wieder nur Null oder Eins. Es geht um die richtigen, die würdevollen Anwendungen. Um das Human:Digital.

Für die Digitale Ethik gibt es inzwischen spannende Initiativen. So hat zum Beispiel die Publizistin und Informatikerin Sarah Spiekermann mit einem Team von Geisteswissenschaftlern, Psychologen und Systemwissenschaftlern die europäische DIN-Norm IEEE-7000 für Software-Systeme entwickelt. Das Projekt trägt den etwas umständlichen Titel „Standard-Modellverfahren für die Berücksichtigung ethischer Belange bei der Systementwicklung“.

Für den Übergang vom digitalen zum mentalen Zeitalter brauchen wir zunächst die Weisheit eines Kindes, das uns aus der Infantilisierung des Digitalen herausführt:

„Aber er hat ja nichts an!” sagte endlich ein kleines Kind. „Herr Gott, hört des Unschuldigen Stimme!” sagte der Vater; und der Eine zischelte dem Andern zu, was das Kind gesagt hatte.
„Aber er hat ja nichts an!” rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn es schien ihm, sie hätten Recht; aber er dachte bei sich: „Nun muss ich die Prozession aushalten.” Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.
(Hans Christian Andersen, „Des Kaisers neue Kleider”, Schlusssequenz)

Screenshot: gajethub.com