In einem berührenden Vortrag auf einem Psychologiekongress im Jahr 1962 berichtet der Psychiater und Philosoph Viktor Frankl, der zwei KZs überlebte und die „Psychologie des Sinns“ entwickelte, von seinen Flugstunden, die er im Alter von 70 Jahren zum ersten Mal absolvierte. Er berichtete, dass man je nach Windrichtung „am Ziel vorbeifliegen“ muss, um das Ziel zu erreichen. Wenn man DIREKT von A nach B steuert, fliegt man durch die Drift ins Abseits.
Deshalb muss man ein sogenanntes „crabbing“ machen, ein Hin- und Her-Kreuzen. Aus dieser Erfahrung entwickelte Frankl auf zauberhafte Weise seine „Theorie der positiven Überforderung“:
„Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er wirklich IST, machen wir ihn schlechter. Aber wenn wir Idealisten sind und ihn ÜBERSCHÄTZEN, ihn sehen wie er sein SOLLTE, dann fördern wir ihn in dem, was er wirklich sein kann! Wir MÜSSEN idealistisch sein, ihn ÜBER-FORDERN, dann erweisen wir uns als die wirklichen Realisten. Wenn wir an ihn glauben, wie er sein KÖNNTE, wird er sich verwandeln. Wir wecken dann den ‚Spark‘, einen Funken seiner Suche nach Bedeutung (search for meaning).“
Als im Zweiten Weltkrieg die Flugzeuge von ihren Einsätzen über deutschem Feindesland zurückkehrten, analysierten die Techniker der Alliierten die Einschüsse an Rumpf und Flügeln. Sie versuchten, die Stellen mit den meisten Durchschüssen zu verstärken. Durch die Verstärkungen wurden die Flugzeuge allerdings immer schwerer und manövrierunfähiger – und kehrten immer seltener zurück. Der Denk-Irrtum bestand darin, dass die Durchschüsse ja eben NICHT zum Absturz geführt hatten (sonst wären die Flugzeuge nicht zurückgekehrt). Die abgestürzten Maschinen hingegen hatten Durchschläge an den existentiellen Teilen erlitten – an den Motoren, im Cockpit, im hinteren tragenden Rumpf.
Übersetzt auf unsere Resilienz: Kleine Schwächen/Wunden können die Beweglichkeit erhöhen. Befestigen und stärken muss man den Kern, den „semantic core“.
3. Die evolutionäre Mismatch-Theorie
Gibt es eine einleuchtende Erklärung für die verrückte Situation, in der sich unsere Zivilisation heute befindet – außer irgendwelchen Sündenbock-Konstruktionen? Vielleicht kann uns schlichte Evolutions-Erkenntnis helfen. Motten orientieren sich bei der Navigation am Mondlicht. Eine Welt voll künstlichem Licht ist für sie verheerend (es führt zu sprialenförmigen Flügen bis zur Erschöpfung). Menschen haben sich als Jäger und Sammler in überschaubaren Gruppen von 12 bis maximal 150 Individuen entwickelt. In der Internet-KI-Gesellschaft rasten wir alle aus, weil wir plötzlich mit Tausenden von Individuen „nichtverbunden“ sind. Unser Verhalten wirkt wie das verzweifelte Flattern von Motten in einer überbeleuchteten Großstadt.
Wieso ist die ökologische Transformation so schiefgegangen – zumindest in der öffentlichen Meinung? Warum sind die Grünen schneller zu Prügelknaben abgestiegen als man das Wort „Nachhaltigkeit“ sagen kann? Die Ursache könnte in einem Denkfehler liegen. Ökologische Transformations-Strategien gingen davon aus, dass sich das Verhalten und die Einstellungen von Menschen ändern, wenn die Folgen der Klimakatastrophe als Information allen zur Verfügung stehen. Die Verteuerung von fossiler Verbrennung würde schließlich direkt ökonomisch wirken und das fossile Lebensmodell zurückdrängen. Das das nicht funktioniert, hat wahrscheinlich archaische Gründe: Vor allem Männer sehen das Verbrennen als ein Privileg, das sie stolz und besonders männlich macht. Gerade WENN es teuer ist! Sie verbrennen GERNE auf Kosten anderer, weil sie damit ihren Status beweisen. Dieser Effekt geht wahrscheinlich auf die archaische Rollenprägungen zurück – viele Jahrtausende lang war das FEUER ein Zentrum von Status, Macht und Kontrolle und garantierte den Zugang zu hochkalorischem Fleisch (meistens von den Frauen gehütet). Das erklärt a) den Grill-Boom und den Böller-Wahn bei Neujahr, b) die Fleisch-Strategien des bayrischen Ministerpräsidenten, c) die vielen Vierfach-Auspuffrohre an SUVs, d) den Erfolg der rechtsradikalen Klimaleugnung, e) womöglich sogar die „Petro-Kriege“ unserer Zeit (Russland, Venezuela …). Peter Sloterdijk nannte unsere Zeit das „pyromanische Zeitalter“. Die „Energy Humanities“, die Energie-Geisteswissenschaften, versuchen aus anthropologischen Erkenntnissen dem Rätsel der Ökologie-Aversion beizukommen. Sie entschlüsseln langsam die wahren Motive für den anti-ökologischen Backlash.
Mitglieder fast aller Generationen glauben, dass in ihrer Jugend alles „auf dem Höhepunkt“ war. Die Wirtschaft. Die Kultur. Die Werte. Die Gemeinsamkeit. Die Geborgenheit. Kein Wunder: In der Jugend erlebt man alles intensiver und selbst-bezogener, die positiven Erlebnisse werden als „Grundbahnungen“ im Gehirn eingeschrieben. Die Sehnsucht nach dem Rückwärts führt heute zu einer regelrechten „Retrotopie“. Die Rechtspopulisten nutzen diesen Effekt, um aus dem „Nostalgiehügel“ ein Vergangenheits-Gefängnis zu erzeugen: Früher war alles besser, deshalb müssen wir mit Gewalt wieder die Vergangenheit herstellen.
Wieso kippt das Gute so leicht in das Schlechtere um? Und wieso lassen sich moralische Argumente plötzlich so penetrant und gleichlautend auch von rechts vernehmen wie früher von links? Warum agieren moralische Umweltschützer plötzlich wie Terroristen oder russische Saboteure und legen ganze Stadtteile im Winter lahm (neulich in Berlin)? Noch härter gefragt: Warum lassen sich Alice Weidel und Sarah Wagenknecht in Sound und Argumention so leicht verwechseln?
Soziale Aktivitäten im Sinne des Guten und der Gerechtigkeit sind nicht immer von gutmütigen Motivationen getrieben. Sie ziehen auch viele Menschen mit hohem Narzissmus-, Geltungssucht- und Egozentrik-Grad an. Gerechtigkeitsdenken evoziert das Gefühl von Wichtigkeit, aber auch von Deutungsmacht und Einfluss über andere (siehe WOKEness als Moralstandard). Auf diese Weise wandert der Moralismus in die dunkle Ecke hinüber, wie wir es heute erleben können. Schon Aldous Huxley, der soziale Dystopiker der Nachkriegszeit, wies auf diese fatale Doppeldeutigkeit des Moralischen hin.
„Der sicherste Weg, einen Kreuzzug für eine gute Sache anzuzetteln, ist, den Menschen zu versprechen, dass sie die Gelegenheit bekommen werden, jemanden schlecht zu behandeln … und dieses schlechte Benehmen ‚gerechte Empörung‘ zu nennen – das ist der Gipfel psychologischen Luxus, der köstlichste aller moralischen Genüsse.“ (Einleitung zu Samuel Butlers Dystopie-Roman „Erewhon“).
Hilfreich dazu das Zitat von Niklas Luhmann: „Die erste Aufgabe der Ethik ist die Warnung vor Moral.“.
6. Der Boomerang-Effekt – Motivation durch paradoxe Intervention
Wenn man jemandem etwas verweigert, wird er meistens mehr davon verlangen – schon aus reinem Trotz. Das nennt man Reaktanz. Wenn du deinen Sohn, deine Tochter zum Nachfolger, zur Nachfolgerin deiner Firma machen willst, rate ihnen dringend, beruflich etwas völlig anderes zu machen. Wenn du Kinder zum Brokkoli-Essen bringen will, empfiehlt sich die wiederholte Mitteilung, dass sie zum Brokkoli-Essen viel zu jung sind. Diese Erkenntnis kann für zukünftige Transformations-Bewegungen wichtig sein. Wie wäre es, wenn wir die Wahrheit verbreiten würden, nämlich dass E-Autos nichts für ALLE sind, weil sie wesentlich besser, effizienter, technisch überlegen und einfach cooler sind?
Der Schneekugel-Effekt für das Lebensgefühl des „Eingeschneitseins“ bei gleichzeitiger Verlorenheit. Wenn die Welt und das eigene Leben im Chaos versinkt und man das Gefühl hat, dass eine ganze Welt zusammenbricht – oder so ähnlich.
Hier hilft es, über die Metaphorik nachzudenken bzw. zu philosophieren. Die Schneekugel ist ein reichlich spießiges Produkt. Sie ist aus Plastik, die Figuren (oder Häuser, Tannenbäume, Familienfotos …) sind ziemlich unbeweglich, die Schneemenge arg begrenzt. Die Schneekugel steht herum und sammelt Staub, und der Wirbel legt sich schnell. Wie wäre es, den Horizont zu öffnen? Einfach auszubrechen aus dieser plastikhaften Virtualität, dieser eingefrorenen Dynamik? Wie wäre es, den Schnee einfach TOLL zu finden – ist es nicht wunderbar, wie es wirbelt und driftet und stürmt?! Mehr davon! Brechen wir aus in einen echten ordentlichen Schneesturm! Trotz Global Warming und des ständigen Bedürfnisses, sich in einen Plastikbehälter zurückzuziehen …
8. Slopaganda
Zum ersten Mal in der Geschichte werden mehr Texte von KI geschrieben als von Menschen. Erfahrungen zeigen, dass KI-Texte oft eingängiger, wirksamer, betörender sind – weil sie schlicht vorhandene Schreibtechniken optimieren: hier eine Studie. Neben dem „normalen“ Slop, also dem unendlichen KI-Müll, der alle Kanäle überschwemmt, gibt es jetzt auch SLOPAGANDA. Die liest sich so gut oder hört sich so schön an, dass man alles glaubt, was diese wunderbare Stimme uns erzählt.
Wird KI eine platzende Blase oder eine goldene Super-Technologie? Ein menschheitsverderbendes Menetekel oder die Erlösung der Wachstumskrise? Wie wäre es, wenn die Antwort lautet: Beides.
Roy Amara, der Langzeit-Direktor des amerikanischen „Institute for the Future“, prägte den berühmten Spruch, dass wir immer die kurzfristigen Wirkungen von Technologien überschätzen und die langfristigen unterschätzen. Hypes inflationieren Erwartungen und führen zu Enttäuschungen, woraus irgendwann Skeptizismus und Abkehr wird. In Sachen KI entsteht jedoch ein „paradoxer Überlappungs-Effekt“: Einige Anwendungen der KI sind, besonders im privaten Bereich, rasend attraktiv, aber auch sozial extrem gefährlich (Begleitungs- und Tröstungs-Bots, bis hin zu Liebes-Simulations-Bots). Andere sind nur im Business-Umfeld sichtbar und produktiv, wieder andere steuern diskret erneuerbare Energiesysteme oder Molekularforschungs-Experimente. Die KI ist eine Art Frankenstein, zusammengenäht aus vielen widersprüchlichen Komponenten. Sie ist also SOWOHL die revolutionärste Technologie aller Zeiten (außer dem Feuer und dem Rad) ALS AUCH eine gigantische Blase, die bald platzen wird.
Das Gegenteil von Paranoia. Die Vermutung, dass das Universum so etwas wie eine Verschwörung ist, um uns zu helfen, zu wachsen und er-wachsen zu werden. Zu Sinn, Verstand und Bewusstsein zu kommen. Pronoia vermutet, dass die Welt eigentlich ganz OK ist, weil sie sich selbst organisiert. Man stelle sich vor, Krisen wären Lehrmeister. Alle Rückschläge wären freundliche Anregungen zu mehr Weisheit. Diese „Nützliche Illusion“ wird bald wieder den giftig-paranoiden Tonus unserer Tage ablösen. Bis jetzt hat sich das Universum jedenfalls immer wieder FÜR uns verschwört. Oder heißt das verschworen?
11. Die goldene Dummheits-Regel
Versuchen wir einmal, den Begriff Dummheit nicht als Vorwurf oder Arroganz oder Abwertung zu gebrauchen. Sondern im Rahmen nüchterner Verhaltensanalyse: Ein dummer Mensch verursacht Verluste für andere – UND für sich selbst. Das reicht eigentlich schon, um echte Dummheit zu klassifizieren, und zwar unabhängig vom üblichen Argument der „Bildung“. Dummheit ist nicht das Gegenteil von Bildung, sondern von Menschlichkeit und Fürsorglichkeit. Inklusive Selbst-Fürsorglichkeit.
Ein klassischer Einwand: „Wie soll man denn herausfinden, was Verluste sind und was Vorteile? … das ist doch sehr subjektiv…“
Nun ja. Es gibt durchaus so etwas wie eine universelle Ethik, auch wenn Details debattierbar sind. Menschen mit einem intakten Emotional-Intelligenz-System können spüren, ob sie anderen guttun oder schaden. Sie sind in einer Resonanz-Schwingung mit ihrer sozialen Umwelt. Dummheit entsteht vor allem aus Gefühlslosigkeit, die sich selbst bewundert. Die gibt es in allen Kulturen und Systemen, und wahrscheinlich ist sie unausrottbar.
Zum Schluss noch ein wunderbares Zitat der englischen Publizistin Laurie Penny …
12. über die Zukunftslosigkeit
„Wenn man sich in diesem Moment der modernen Geschichte mit den aktuellen Ereignissen auseinandersetzt, fühlt es sich an wie eine endlose Panikattacke. Überschwemmungen. Brände. Kaputte Wahlen. Dumme Debatten. Lügen, die immer mehr entgleiten. Ein ununterscheidbarer Schwarm grinsender, autoritärer Idioten, die jeden auslachen, der sie daran hindern will, den Planeten auszubeuten. Gefühllose Armeen bewaffneter Nihilisten, bereit, die Welt in Brand zu setzen, anstatt sie zu teilen. All das implodiert in einer Art hektischer Immanenz, einem rasenden Zusammenbruch der Zeitebenen. Was viele von uns gerade erleben, ist eine Art kulturelle Depression, was Patricia Lockwood als „Fieber im kollektiven Kopf“ bezeichnet. Eines der häufigsten Symptome bei schweren Depressionen ist die Unfähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen. Es ist nicht nur so, dass sich die Erkrankten nicht mehr vorstellen können, dass jemals wieder etwas Gutes passiert – sie können sich überhaupt keine Zukunft mehr vorstellen.
“Engaging with current events at this particular moment in modern history feels like an endless rolling panic attack. Floods. Fires. Elections. Impeachment hearings. An indistinguishable shower of grinning authoritarian shitclowns snickering at everyone who tries to stop them stripping the planet for parts. Affectless armies of weaponized nihilists prepared to set the world on fire rather than share it with women and people of color. All of it imploding into a sort of hectic immanence, a frantic collapse of timelines. Right now, what many of us are experiencing is a sort of cultural depression, what Patricia Lockwood calls a ‘fever in the collective head’. One of the symptoms reported most frequently by people with severe depressive illness is lack of ability to imagine the future. It’s not just that they can’t imagine anything good happening ever again — they can’t imagine a future at all.”
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
We are still in the nihilist moment of desillusionment of anger,
after people have lost faith in the old stories but before they have embraced a new one.
Wir befinden uns noch immer im nihilistischen Moment der Desillusionierung und des Zorns,
nachdem die Menschen den Glauben an die alten Erzählungen verloren haben,
aber bevor sie eine neue angenommen haben.
Yuval Noah Harari, „21 Lessons for the 21st century”, S. 17
Verlust ist nichts anderes als Verwandlung.
Epiktet
Seit ich denken kann, kann ich Sylvester nicht leiden.
Überall diese Botschaften, die Wünsche, die hohlen Phrasen. Das Geböller und Geknatter schon Stunden zuvor. Der Gestank nach Schwefel und schlechtem Alkohol. Dazu die Mayonnaise-Reste – fragwürdige Überbleibsel von Weihnachten mit gastrologischen Konsequenzen. Was soll man auch anderes tun als Overeating und Overdrinking, während man auf „das neue Jahr“ wartet?
Noch zwei Stunden.
Noch zehn Minuten.
Zehn Sekunden …
Und dann?
An dieser Stelle fällt mir Little Nemo ein. In den 80er Jahren eines vergangenen Jahrhunderts versuchte ich mich als Comiczeichner. Ich war fasziniert von den Jugendstil-Zeichnungen des Windsor McCay, der vor 120 Jahren das Genre des Traum-Comics erfand. Seine unfassbar schönen Ganzseiten-Panels erschienen wöchentlich in der New York Times und anderen US-Zeitungen. Ein kleiner Junge namens Nemo träumt von riesigen Palästen, in denen seltsame Dinge passieren. Ringsherum lauern fiese Clowns, Bösewichte mit Zigarren und verrückt gewordene Könige. Explosionen, Löwen, Riesen, Elefanten.
Überall verirrt man sich ins Monströse.
Alles gerät heillos durcheinander.
Kommt uns das irgendwie bekannt vor?
McCay beschrieb in seinen Traumabenteuern die Wendezeit des ausgehenden Fin de Siècle, der Goldenen Epoche Ende des 19. Jahrhunderts. Es war eine ähnliche Zeit wie heute.
Das Alte hatte noch nicht aufgehört. Und das Neue noch nicht wirklich begonnen.
Die Zeit der Omnikrise
Eine Omnikrise ist eine Zwischen-Ära. Aus der Zukunft gesehen wird sie jene Episode sein, in der sich das Alte mit viel Getöse verabschieden musste, damit etwas Neues entstehen konnte. Es kommt zur Großen Allgemeinen Verunsicherung (frei nach einer Popband aus der Steiermark). Alles scheint irgendwie ver-rückt geworden zu sein, wie in einem Kuriositäten-Kabinett. Bedeutungen, Begriffe, Sichtweisen, Werte und Be-Wertungen dessen, was „wahr“ oder „wirklich“ ist, verwirren sich auf schmerzhafte Weise.
Das Grundgefühl einer solchen Ära ist die Fassungslosigkeit.
Der harte Kern einer Omnikrise besteht darin, dass wir uns nicht mehr auf eine Wirklichkeit einigen können. Die Herausforderungen wachsen uns über den Kopf. Technologien, die unser Leben verbessern sollen, wuchern über den Rand unseres Verstehens.
In einem besonders schönen Little-Nemo-Panel zum Jahreswechsel 1909 hält sich das alte Jahr in Gestalt eines alten Mannes mit langem Bart an der Weltkugel fest. Aus den Tiefen des Alls nähert sich das neue Jahr als Baby. Um nicht herunterzufallen klammert sich der Greis an Little Nemo fest:
Nemo: „Don’t grab me, pull me off! Quit! Quit!“
Altes Jahr: „I don’t want to pull you off, I want to steady myself!“
(To steady: Anhalten. Sich stabilisieren.)
An Ende wacht Little Nemo wie immer im Chaos neben seinem Bett auf. Die Mutter ruft zum Frühstück. Oder der Vater mahnt, sich endlich anzuziehen. Mit Aufwachen und Anziehen tut sich Nemo eher schwer. Er möchte am liebsten ewig in seiner Traumwelt bleiben. Auch oder gerade, weil es dort so wild zugeht.
Sind wir nicht alle ein bisschen Nemo?
Not till we are lost (…)
do we begin to find ourselves (…).
Henry David Thoreau
Radikale Ehrlichkeit
Wir alle haben Überzeugungen, Meinungen, Haltungen zur Welt, die wir uns im Laufe unseres Lebens angeeignet haben. Ein „Weltbild“, einen „Mindset“, eine Zukunfts-Erwartung, die unsere Handlungen und Bewertungen steuern, uns eine Perspektive im größeren Ganzen, eine „Identität“ geben. Wir sind als Menschen Erwartungs-Wesen, die auf eine bestimmte Perspektive ausgerichtet sind.
Wenn sich die Welt „draußen“, also die Verhältnisse, die uns umgeben, radikal verändern, geraten wir in eine Art mentalen Strudel. Man nennt das auch die „Kognitive Dissonanz“. Unsere Vor-Stellungen passen mit unseren Wahrnehmungen einfach nicht mehr zusammen. Das macht uns im Wortsinn wahn-sinnig.
Ein typischer Satz, den wir dann ständig vor uns hin murmeln, lautet: Das kann doch wohl nicht wahr sein!
Das ist ein Abwehrzauber, der aber nicht besonders gut funktioniert. Wir machen die Erfahrung, dass die Welt sich nicht um unsere Meinungen und Haltungen und Erwartungen kümmert. Das verletzt uns zutiefst. Es macht uns ohnmächtig. Haltlos. Vielleicht auch wütend.
Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Entweder klammern wir uns umso mehr an unseren Vorstellungen und Weltkonstruktionen fest. Womöglich steigern wir sogar noch unsere Erwartungen, um die Enttäuschung um jeden Preis zu vermeiden. Was zu einer Vertiefung des Weltschmerzes in Richtung Depression oder negativer Radikalisierung führt.
Oder wir gehen durch einen schmerzhaften Prozess der Ent-Täuschung.
Wir erkennen, dass es sich bei unseren Vor-Stellungen um Illusionen handelte.
Wer an einer kaputten Beziehung festklammert, weil er immerzu die gleichen Erwartungen beibehält, stürzt sich ins Unglück. Wer mit 40 Jahren immer noch die gleichen Erwartungshorizonte hat wie in der wilden Pubertät mit 16, gerät in eine Dauer-Regression, die das Leben verkürzt. Wer stur an einer Erwartungsschleife in Bezug auf Beruf, Erfolg, Glück, Partnerschaft, Zukunft festhält, gerät in die Bredouille (frz. rentrer bredouille = mit leeren Händen oder unverrichteter Dinge zurückkehren; im übertragenen Sinn bezeichnet Bredouille eine Zwickmühle oder ein Dilemma).
Die Alternative ist die aktive Ent-Täuschung. Ent-Täuschung, mit Bindestrich geschrieben, hilft dabei, sich von Illusionen zu verabschieden, die hinfällig sind.
Schauen wir uns also mutig unsere möglichen Irrtümer an:
Wir haben uns geirrt, weil wir glaubten, die Demokratie wäre einfach eine „gegebene Sache“. Eine Gesellschaftsform, die immer Bestand hat, sich als höhere Vernunft überall durchsetzt, immer besser und perfekter „liefern“ kann. Schließlich ist sie das logische Modell der Geschichte (Winston Churchill: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen, abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“).
Wir haben nicht erwartet, dass das Hässliche, Bösartige, Destruktive, Machtgierige, Diktatorische, furchtbar Dumme noch einmal eine derartige Energie erreichen könnte.
Wir haben uns etwas vorgemacht, als wir glaubten, dass Kriege, Gewalt, Zerstörung, dieses unfassbar Schreckliche, das noch das Leben unserer Eltern und Großeltern prägte, im Lauf der Zeit abebben und verschwinden würde. Dass, wenn gewisse grundlegende Ungerechtigkeiten und Unterschiede abgebaut und wir alle ganz friedlich und nett sind, auch die GRÜNDE für Kriege verschwinden würden.
Aus irgendeinem dämonischen Grund scheint der Krieg gar keine „Gründe“ zu brauchen. Er sucht sich die Gründe sozusagen selber. Krieg und Gewalt entstehen irgendwie aus einer dunklen Dynamik heraus, in einer Art selbstverstärkender Schleife.
Wir haben uns anscheinend geirrt, als wir glaubten, der Begriff der „Nachhaltigkeit“ würde als Grundidee der Zukunft den Wandel in eine ökologischere Welt garantieren. In Wirklichkeit macht Nachhaltigkeit eher müde. Irgendwie … bequem. Der Begriff handelt nicht von Veränderung, sondern davon, dass eigentlich alles immer gleichbleibt.
Wir haben uns in der Vorstellung getäuscht, dass Technologie grundsätzlich den menschlichen Fortschritt voranbringt. Aus der euphorischen Idee einer vernetzten digitalen Gesellschaft, in der alle frei miteinander kommunizieren und Informationen und Wissen austauschen können, ist ein Moloch geworden. Das Digitale verbindet sich plötzlich mit der dunklen Seite der Macht.
Aus dem wunderbaren Erfinder und Welten-Veränderer Elon Musk ist ein drogensüchtiges, reaktionäres Monster geworden. Wie konnte das passieren?
Der schwierigste Irrtum liegt womöglich dort, wo wir uns am besten auszukennen glaubten: auf dem Feld der Moral. Dass sich mit Moralität die Welt verbessern lässt, das war so etwas wie die Grundlage unseres Lebensgefühls. Haben wir es nicht immer gut gemeint mit unserem Eintreten für Gleichheit, Solidarität, Gerechtigkeit, Ökologie? Mussten nicht alle Minderheiten stets befreit, alle Ungerechtigkeiten beseitigt, alle Natur vor dem Bösen geschützt, alle Verhältnisse kritisiert und immerzu die Welt gerettet werden?
Wie kann das falsch sein?
Nein, es ist nicht falsch. Aber vor lauter Eifer haben wir womöglich übersehen, dass Moralismus leicht zu einer Form des bequemen EMPÖRISMUS verkommt. Man regt sich über alles auf, nur um die eigene Integrität zu bewahren. Eine solche Haltung des „Konsequentialismus“ führt zu einer narzisstischen Selbstgerechtigkeit, die anderen erheblich auf die Nerven gehen kann. Man selbst merkt es aber nicht. Es steigert zudem jene moralische Panik, die die Gesellschaft von innen heraus hysterisiert. Und kaputtmacht.
Es ist eine schwierige, aber notwendige Erkenntnis: Dass sich moralische Sichtweisen und Forderungen nicht unbedingt ethisch, also in einem größeren Zusammenhang, bewähren. Was auf einer emotionalen Ebene moralisch klingt, kann von einer anderen Warte aus ziemlich problematisch, ja sogar ungerecht sein. Dem Moralischen mangelt es oft an Weisheit und Voraussicht, an Abwägung. Deshalb lässt es sich auch so leicht von den radikalen Rechten usurpieren und einfach umdeuten.
Der Philosoph und Psychiater Michael Lehofer formuliert in seinem neuen Buch „Zu viel von Allem und zu wenig vom Richtigen“: „Das Moralisieren ist die höchste Form der Amoral. Denn jemanden mit dem Anspruch der Moral steuern zu wollen bedeutet, das Konstrukt der Moral selbst für etwas Amoralisches zu nutzen.“
Was bringt eine solche Inventur unserer Irrtümer?
Zunächst einmal eine große innerliche Leere. Einen tiefen Schmerz. Es ist der Beginn eines Trauerprozesses. Wir gehen durch die Verlusterfahrung unserer Gewissheiten. Noch einmal Michael Lehofer:
„Trauer ist das Gefühl, das uns im Fall eines Verlusts überkommt. Es bringt Verzweiflung, Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, die uns letztlich durchlässig für das Neue macht. Trauer verbindet uns mit der ‚neuen‘ Welt und lässt uns fast wider Erwarten wieder aufstehen. Genau diesen Prozess braucht es, um heilsame Veränderungen zu realisieren … Das Heilsame an der Veränderung ist die Heranführung des Zustandes an das Passende.“
Von Täuschung zu Erhellung
Es ist eine verblüffende Erfahrung: Wenn es gelingt, das Überfällige loszulassen, sich von den alten Gewissheiten zu verabschieden (ohne sie zu verdammen oder zu „bereuen“), kann man sich plötzlich auf neue Weise auf die Welt einlassen. Das Denken kann wieder atmen. Die Fixierung auf irgendetwas, was völlig unlösbar erschien, erweist sich als eine Verkrampfung. Der Blick wird wieder frei für neue Lösungen, weil er nicht mehr von lauter verzweifelten Ansprüchen versperrt ist.
Durch echte Ent-Täuschungen gelangt man eine Bewusstseinsstufe weiter. Man sieht alles in einer großen Klarheit. Man staunt wieder über die Welt, wie sie ist – mit all ihren Widersprüchen und ungelösten Geheimnissen. Und leidet nicht mehr ausschließlich daran, dass sie nicht so ist wie sie sein müsste.
Manchmal muss man vielleicht resignieren, um weiterzukommen. Auch hier gilt die magische Bindestrich-Regel: Re-signieren bedeutet wieder-zeichnen. Wir unterschreiben sozusagen einen neuen Kontrakt mit der Welt, der Wirklichkeit.
„Die erste Affirmation, die ich täglich zu machen versuche, lautet: ‚Ich könnte mich irren.‘‘ Diese Methode hilft mir bei der Beruhigung des Egos. Sie macht mich neugierig, anstatt mich zu reizen. Die zweite Affirmation lautet: ‚Ich bin nicht meine Emotionen.‘ Auf diese Weise kann ich eine distanzierte Selbstwahrnehmung entwickeln.“
David Brooks
Wandel entsteht durch Krisen
Wenn wir unseren eigenen Lebensweg betrachten, oder die Zyklen gesellschaftlicher Veränderungen, werden wir feststellen, dass die größten positiven Veränderungen selten durch „moralische Planung und Ansprüche“ entstanden sind. Die geplant-utopische Gesellschaft ist immer ein Flop, weil sie schnell an ihren inneren Anforderungen und Konstrukten scheitert, die sich in der Realität zu Dogmen wandeln (man fahre nach Kuba oder in andere erstarrte soziale Wirklichkeiten; oder in die heutige USA).
Dahinter verbirgt sich ein „reverses Gesetz des Wandels“. Der Sozio-Philosoph Armin Nassehi formulierte das so: Veränderung entsteht nicht durch Wandel.
Sondern Wandel entsteht durch Veränderung!
Das klingt spitzfindig, erklärt sich aber, wenn wir das Wort „Wandel“ als innere Ver-Wandlung verstehen; im Unterschied zu äußeren Veränderungen. Echter Wandel entsteht eher dann, wenn wir uns spontan, intuitiv, auf die Welt einlassen.
Der Philosoph Leibnitz ging von einer Welt aus, die durch göttliche Fügung vorbestimmt ist. Wir Menschen können nur anstreben, durch immerwährenden Versuch (und steten Irrtum) dieser Harmonie irgendwie näher zu kommen. Wir sind sozusagen verdammt dazu, einem festgefügten Plan, einem fixierten Zukunfts-Weg zu folgen, um irgendwann einen Endzustand zu erreichen.
Die Zukunft entsteht nicht durch PRÄ-Stabilisierung – also dadurch, dass wir einen Endzustand fixieren und dann heftig daran herumarbeiten. Sondern durch RE-Stabilisierung. Durch Reaktionen des Lebendigen. Menschen sind ziemlich gut darin, sich in Krisen etwas Neues einfallen zu lassen und dieses dann mit einer hohen Lebensenergie zu stabilisieren.
Menschen ändern sich hingegen kaum, wenn die „Verhältnisse“ sie nicht dazu zwingen. Oder anregen. Das ist aber keine Faulheit, oder Dummheit, oder ein irgendwie anders gearteter Mangel („Die Menschen sind zu blöd, um sich zu verändern“… der meistgehörteste menschenverachtende Sager unserer Zeit). Es ist eher eine evolutionär geprägte Art und Weise, „nachhaltig“ mit der Welt umzugehen. Etwas Bewährtes abschaffen zu wollen, ähnelt einer Vergeudung von Lebensenergie. Wenn wir ständig alles auf den Kopf stellen, radikal widerlegen wollen, kommen wir in einen Schwurbel, der nicht ins Weitere (die Zukunft) führt. Sondern ins Destruktive.
Wandel ist wahnsinnig anstrengend: Wenn sich eine Raupe in einen Schmetterling verwandelt, dann löst sich die ganze Raupe molekular auf. Sie verdaut sich selbst in einer Transformation. Das ist ein Wunder, gerade wenn man das „Produkt“, den Schmetterling, betrachtet. Es ist aber auch eine ziemlich unappetitliche Vernichtung – eine Entropie. Unsere Verwandlungskraft ist begrenzt (auch wenn sie oft viel größer ist, als wir es uns zutrauen).
Menschen mit heranwachsenden Kindern kennen diesen Wunder-Effekt: Wenn aus einem durch die Pubertät völlig in seine Einzelteile aufgelösten Jugendlichen plötzlich ein sanfter Schmetterling entsteigt. Ein erstaunliches Vernunftwesen. Wir realisieren dann, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Gerade weil sie immer wieder „aus den Fugen“ gerät, ist sie dynamisch stabil.
Gerade weil es nicht immer in die gleiche Richtung weitergeht, gibt es ein WEITERES.
Leben in der Treibsandwelt
Die gute Botschaft ist, dass sich derzeit sehr viele Menschen auf den Weg ins Loslassen ihrer fixierten Ansprüche gemacht haben. Sie trauen sich, die Schrecken der Gegenwart, gegenüber denen wir derzeit ohnmächtig sind, vorübergehend hinter sich zu lassen („wissende Ignoranz“). Sie stellen sich mutig dem Selbstzweifel, statt dem allgemeinen Jammerkult zu verfallen. Sie suchen nach einem neuen Welt-Verhältnis, indem sie sich selbst verändern. Man könnte auch sagen: Sie machen sich auf den Weg in eine frische Zukunft.
Es geht dabei um nichts anders als ERWACHSENWERDEN.
Erwachsenwerden heißt, ohne Vorwürfe zu leben.
Und nicht gleich immer aus dem Bett zu fallen, wenn die Dinge schräg werden.
„Erwachsene sind Menschen mit dem Wesensmerkmal steten Wachsens, und nicht, wie man landläufig glaubt, ausgewachsene Menschen.“
Michael Lehofer
Der Weg in die neue Wirklichkeit führt zunächst über Umwege.
Über Seitenstraßen.
Über zeitweises Verlorengehen und über Ablenkungen, die uns auf neue Sichtweisen bringen.
Dazu ein Textstück aus „Romantik der Zukunft“ von Michael Kunze:
„Die … Ablenkung, der Seitenpfad, das unebene Gelände zeigen, dass es ohne Ablenkung nicht vorangehen kann: Je weniger der Zukunftsromantiker die Notwendigkeit einer Veränderung leugnet, desto zweckmäßiger ragen für ihn die jetzt schon entstehenden Ruinen aus dem funktionalen Panorama heraus. Er folgt ihren Spuren in ein Zwielicht hinein, das unentwegt zur Neudefinition aller Richtungen zwingt. Hier endlich, zwischen Vollmond und ausgeschaltetem Universum erkennt er die zu überwindende Schnittstelle zwischen Körper und Datenstrom, an der er gegen die metaphysische Hemmung seiner zahllosen Aufklärungen das Gepäck abstellt. Das Außen Vor seiner zukunftsromantischen Überbelichtung lässt ihn blinzeln und sich fragen, ob das schon oder immer noch der Weltuntergang sei: Keineswegs erwartet er eine Antwort, die eine Geschichte abschließt, die für ihn noch nicht einmal begonnen hat.“
Der Philosoph Jean-Luc Marion unterscheidet zwischen Gewissheit und Zuversicht. Wir streben immer nach Gewissheiten, in die wir uns einhüllen können. Aber aus einem solchen Kokon wird schnell ein Panzer. Zuversicht ist eine Haltung, die uns und der Welt zutraut, Antworten zu finden, die noch nicht „verfragt“ sind. Sinn und Wandel auch ohne Herrschaft und Kontrolle zu entwickeln. Durch Beziehung statt Beherrschung. Dafür brauchen wir eine Offenheit für das, was wir noch nicht verstehen.
Für das neue Jahr möchte ich Euch noch ein kleines Haiku mitgeben. Haikus haben ja die Eigenschaft, einen Ton der inneren Wahrheit anzuschlagen, der ins Noch-nicht-Gedachte, ins wahrhaft Zukünftige führt.
Das Alte ist vergangen.
Die Zukunft ist ein Mysterium.
Die Gegenwart ist ein Geschenk.
In diesem Sinne: Feiern wir mit Little Nemo und den seltsamen Gnomen!
Nieder mit den Monstern! Happy New Year!
Über dem Tor des Orakels von Delphi standen zwei Sätze: „Gnṓthi seautón“ – Erkenne dich selbst. „Mēden agān“ – Nichts im Übermaß.
Ein drittes Motto des Orakels war in das seitliche Ausgangstor eingeprägt: „Eí“ – ich werde sein.
Auf gewisse Weise nahm das delphische Orakel, das 500 Jahre eine mächtige mental-politische Institution im antiken Griechenland war, die Entwicklungen und Paradoxien des „Abendlandes“ voraus. Wir unterliegen den Kräften des Schicksals (damals: der Götter). Und wir sind Irrende, Selbstblinde, die nur auf dem Weg der Selbsterkenntnis wandeln können. Wir neigen zum Exzess, zur Übertreibung der Gefühle, zum Fetisch der Wünsche und Eitelkeiten. Das macht uns menschlich. Aber die Aufgabe des Menschen ist auch der innere Wandel hin zu Wahrheit und Weisheit.
Das ist anstrengend.
Das ist großartig.
Das ist zukünftig.
Auch und gerade heute, in einer verwirrten Zeit.
Die unvollendete Individualisierung
Der mächtigste sozial-kulturelle Megatrend der modernen Kultur ist zweifelsohne die Individualisierung. Im Laufe der Wohlstandsentwicklung sind wir immer mehr zu „Ichlingen“ geworden: ganz spezielle Menschen, mit niemand anderem zu vergleichen. Es gibt keinen Film, keinen Roman, kein Kinderbuch, kein modernes Narrativ der vergangenen 50 Jahre (zumindest im westlichen Kulturkreis), das uns diese Botschaft nicht immer wieder vermittelt, ja geradezu eingebläut hätte: Sei du selbst! Sei frei! Sei anders! Sei kritisch! DO IT YOUR OWN WAY!
Doch irgendetwas ist im vehementen Prozess der Ichwerdung schiefgegangen. Der individuelle Mensch ist zwar zunehmend frei – von allen Zwängen und aller Moral, von den Einengungen des Muss und Darf. Von der Zwangsjacke der Traditionen. Doch zugleich ist er über sich selbst hinausgewuchert – ins Haltlose.
Vielleicht lässt sich der reaktionäre BACKLASH unsere Tage, die Sehnsucht nach Diktatur, die sich inmitten einer hyperindividuellen Massengesellschaft breitmacht, mit dieser Haltlosigkeit erklären.
Das dominante Gefühl unserer Zeit ist die Egomotion, die selbstzentrierte Emotion. Die zentrale Lebens Frage lautet nicht: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Sondern: Wie fühle ich mich? Wie wirke ich? Was kann ich fordern, verlangen, von einer Welt, die mir bitteschön alle Wünsche zu erfüllen hat? Sonst werde ich verzweifelt, depressiv. Oder wütend ohne Hemmungen.
Die Entsprechung auf der politischen Ebene ist Donald Trump, ein wütender Egomane, der offenbar die Erwartungen vieler Wähler:innen repräsentiert. Nicht nur in den USA entwickelt sich dieser Typus des geistlosen Cholerikers zu einem neuen Leitbild.
Die OMNIKRISE unserer Zeit hat womöglich mit einem Mangel an Erwachsenwerden zu tun. Wir leben in einer Zeit der Unreife. Zu viele Menschen bleiben in regressiven Lebenshaltungen stecken. Die Balance aus Ich und Wir, die Basis für die Moderation des Gesellschaftlichen, ist fragil geworden.
Zuallererst geht es darum, ruhig zu werden in einer rasenden Zeit. Das ist leichter gesagt als getan: Wir leben in einer atemlosen Gegenwart, einer Zappelphilipp-Kultur, einer Hyper-Resonanz, die von Hysterien und Ängsten getrieben ist. Wir hängen am Tropf einer rasenden Aufmerksamkeits-Maschine, die jede Sekunde um unseren MIND kämpft. Und dabei endgültig zu gewinnen scheint.
Am Anfang des Widerstands gegen diese Entwicklung der affektiven Überreizung stand die Achtsamkeitsbewegung. Sie begann vor gut zehn Jahren und hat auf viele Wegen Einlass in unsere digitalisierte Un-Achtsamkeits-Kultur gefunden. Man kann kritisieren, dass bloße Achtsamkeit zu „nichts führt“. Eigentlich sogar egoistisch ist. Aber sie ist ein wichtiger Anfang, aus dem mentalen Rattenrennen auszusteigen, das unsere Gesellschaft verdirbt.
Beim Ruhigwerden helfen fernöstliche Denkweisen, Philosophien und Praktiken, die sich schon seit Jahrzehnten in den individualistischen, beschleunigten Kulturen verbreiten. Meditation und die verschiedenen Varianten des Yoga, der entspannenden Körpertechniken, sind heute in den westlichen Gesellschaften weit verbreitet. Sie bilden ein Gegengewicht zum „Flimmern der Welt“.
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„Die Tür der Zukunft geht nach innen auf. Wer hindurch will, muss erst einen Schritt zurück tun.“ Martin Kornberger, „Systemaufbruch“
Das Comeback der Philosophie
Philosophie war in der Antike nicht nur „Denken“, sondern auch praktische Lebenskunst. Im Zuge der Self-Change-Bewegung erlebt auch diese Praxisphilosophie eine Renaissance. Es entstehen inzwischen komplette Lebenskunst-Schulen wie die „School of Life“ des britischen Philosophie-Gurus Alain de Botton. Immer häufiger überschreitet die Philosophie dabei die Grenze zur Psychologie (und umgekehrt). Und erstmals spielen auch Philosophinnen eine große Rolle.
Eine besondere Bedeutung bei dieser Philosophie-Renaissance spielt der Stoizismus. Die stoische Philosophie lehrt vor allem Gelassenheit und Akzeptanz: Glück erwächst daraus, sein Schicksal zu akzeptieren und sich aufrichtig ethisch zu verhalten. Stoizismus sieht das Leben als heitere Pflicht und verzichtet auf die Klage als Hauptausdruck der menschlichen Unfähigkeit, mit der Wirklichkeit umzugehen.
Die Gegen-Philosophie zum Stoizismus ist der Epikureismus, der nach Genussfähigkeit sucht. Genuss ist in unserer beschleunigten Welt ein großes Stichwort, zunehmend aber auch ein Nullwort. Die Epikuräer gründeten Gemeinschaften, „Gärten des Vergnügens“, in denen sie den Genuss übten. Mit dem „Hedonismus“, unserer heutigen Genuss-Sucht, hat das aber wenig zu tun. Wahre Genussfähigkeit ist eher eine Gegenkraft gegen einen süchtigen Spaß-Hedonismus, der in Champagner-Sauforgien oder verzweifelten Exzessen endet. Er ist die Kunst des Auswählens und Konzentrierens. Des positiven Verzichts, auch im Sinne eines ausgeglichenen Gemütszustands. In moderner Sprache: „Emotionaler Balance“.
Die Bewegung der inneren Entwicklungs-Ziele
Die Selfchange-, oder „Human Upgrade“-Bewegung, ist äußerst divers und zunächst in ihren Zusammenhängen kaum zu erkennen. Das Spektrum reicht von der existenziellen Psychologie über die Achtsamkeits- und Yogakulturen bis hin zu den Self-Care- und Mental-Health-Therapien. Von der postchristlichen Spiritualität über die praktische Philosophie bis zu Sinnfindungs-Programmen im Stil von Empowerment und Persönlichkeitscoaching (die allerdings gerne ins übermäßig Kommerzielle driften).
Als Beispiel für eine ganzheitliche Change-Bewegung, die das Innere mit dem Äußeren auf eine neue komplexe Weise verbinden will, kann die Initiative der „Inner Development Goals“ (IDG) gelten. „Wir glauben, dass die innere Entwicklung von Natur aus kollektiv, systemisch, multidimensional, nicht-linear, komplex, emergent und chaotisch ist“, heißt es auf ihrer Website (innerdevelopmentgoals.org).
Die IDG-Initiative veranstaltet jedes Jahr einen großen Kongress in nordischen Hauptstädten. Protagonisten sind unter anderem der Systemtheoretiker und Managementvordenker Peter Senge, der Organisationsforscher und Transformations-Denker Otto Scharmer oder der Entwicklungspsychologe Robert Kegan. Auch Jon Kabat-Zinn, der Begründer der Achtsamkeitsbewegung, ist hier zu finden. Gesprochen wird hier nicht nur die Sprache der Individualpsychologie, sondern auch der Systemforschung, der Neurowissenschaften und der Humanistischen Psychologie, die nicht nur das eigene Seelenheil, sondern immer auch die soziale Balance sucht.
Das IDG-Netzwerk wirkt bis in die neuen Unternehmenskulturen hinein – dort, wo humanistische Transformationsprogramme Teil der wirtschaftlichen Praxis geworden sind. Die fünf großen Ziele der inneren Entwicklung – Sein, Denken, Beziehung, Kooperation, Handeln – beziehen sich auch auf gesellschaftliche, ökologische und globale Fragen. Analog zu den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen ergibt sich so eine Kartografie der seelisch-geistigen Entwicklungsmöglichkeiten.
Das Motto der Stockholm-Konferenz 2025 lautete „Bridging Polarities – From Inner Growth to Outer Change“. Hier wird der Zusammenhang von Innerer UND äußerer Veränderung angesprochen. Das IDG -Projekt will Wechselwirkungen mit der Gesellschaft erzeugen. Selbstveränderung soll keine elitäre Selbstbeschäftigung sein, sondern ein Beitrag zur Welt. Ein humanes Grundrecht. Und eine Verpflichtung zur sozialen Selbstentwicklung. In dieser „Doppelschleife“ lassen sich die Parallelen zwischen den INNEREN und den ÄUSSEREN Zukunfts-Zielen visualisieren:
Stufen, Pyramide, Schiff: Modelle des inneren Wandels
Eine besondere Rolle im Zusammenhang mit den Transformationsbewegungen spielt die Entwicklungspsychologie. Der Humanpsychologe Robert Kegan konzipierte schon vor mehr als 40 Jahren ein Modell der (Selbst-)Entwicklung mit sechs Stufen, die der menschlichen Biografie folgen (vgl. Kegan 1982).
Häufig finden wir einverleibende oder impulsive Strategien auch bei Erwachsenen, so wie es überindividuelles Sein auch bei Kindern geben kann. Zwischen den Stufen liegen jeweils notwendige Krisen, in denen das alte innere Modell zerbricht und ein Ebenen-Sprung notwendig wird. So entwickelt sich menschliches Leben stufenweise auf eine höhere Komplexitätsstufe. Ähnlich wie die Natur. Oder die Gesellschaft. Wobei „Rückschritte“ nicht nur möglich, sondern bisweilen auch nötig sind.
Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow
Das bekannteste Entwicklungsmodell der Humanpsychologie ist die Maslow-Pyramide. Der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow begründete die Humanistische Psychologie, die nicht von seelischen Defiziten, sondern von mentalen Potentialen ausgeht. Die Grundidee: Menschen sind motiviert, immer höhere „Levels of Need“ zu erreichen. Die Maslow-Pyramide teilt menschliche Grundbedürfnisse in fünf Stufen auf. Erst wenn die vier essenziellen Bedürfnisse erfüllt sind, kann das höhere Bedürfnis der Selbstverwirklichung angegangen werden.
Später räumte Maslow ein, dass Selbstverwirklichung allein nicht ausreicht – und sogar den Weg ebnen kann für ein „Selbstbewusstsein im Sinne der Selbstsucht“ (vgl. Maslow 1971). Stattdessen spielt noch eine weitere Dimension für die individuelle Entwicklung eine Rolle: die Selbsttranszendenz – die Überwindung des Egos. Sie zeigt sich im Bedürfnis nach Liebe und Freundschaft. Nach Würde und Gerechtigkeit. Nach Zukunft im Sinne eines weiteren Rahmens der Selbstentwicklung.
Schiffsmodell nach Scott Barry Kaufman
Der US-amerikanische Kognitionswissenschaftler Scott Barry Kaufman, ein Schüler Maslows, entwickelte das Modell weiter (vgl. Kaufman 2020). Er ersetzte Maslows eher statische Pyramide durch das Symbol eines Segelschiffs. Der tragende Rumpf des Schiffes besteht aus den Faktoren Verbundenheit, Selbstwert und Sicherheit. Das Segel besteht aus Liebe, Sinn und dem Forschungs- und Erfahrungsdrang (Exploration). Je stärker der Rumpf, desto stabiler liegt das Boot im Wasser – in den Wellen der Welt. Je stärker Sinn, Liebe und Explorationssinn ausgeprägt sind, desto besser kommt es voran.
7 Fraktale der inneren Transformation
Vom affektiven zum reflexiven Sein: Innere Veränderung beginnt mit Bewusstheit. Mit Selbstbeobachtung und Achtsamkeit für sich selbst. Mit der Frage: „Hallo Ich – wer bist du?“
Vom rasenden Ego zum reifenden Selbst: Das egoistische Wollen und Haben prägt unsere Zeit. Transformation heißt nicht, dieses Ego zu bekämpfen, sondern es klug zu integrieren – und darin auch eine tiefere Verbundenheit zum Größeren zu erfahren.
Vom hyperkritischen zum konstruktiven Denken: Dauernde Negation zerstört unser Weltverhältnis. Erst die grundlegende Akzeptanz öffnet den Weg zu einer Haltung, die nicht nur urteilt, sondern auch staunt – und dadurch Neues entstehen lässt.
Von starren Identitäten zum Fluid Mind: Identität ist vielfältig und wandelbar. Wer innere Konstrukte durchschaut, kann flexibel mit wechselnden Rollen leben – ohne in die Falle der Selbstverwechslung zu geraten.
Von Selbstwertgefühl zur Selbstwirksamkeit: Wer ständig auf Bestätigung lauert, wird abhängig. Echte Freiheit entsteht nicht durch äußeres Lob, sondern durch innere Stärke, unabhängig von Bewertungen.
Von Habenwollen zu Genusskompetenz: Die moderne Gesellschaft hat uns gelehrt, Status über Besitz zu definieren. Diese narzisstische Haltung überwindet man nicht mit Sozialkritik: Die Gegenkraft zu Konsumismus und Sucht ist das Erlernen von echtem Genuss.
Von Empathie zu Mitgefühl: Mitgefühl ermöglicht eine stabile Ethik, die nicht in selbstbezügliche Opferrollen verfällt. Wir vermeiden den Moralismus zugunsten einer Grundhaltung der möglichen Fürsorge.
Die Sekten- und Ausbeutungsgefahr
Wenn man über die „Bewegung des inneren Wandels“ spricht, sollte man ihre problematischen Seiten nicht verschweigen. Wie bei allen großen Bewegungen gibt es auch hier einen dunklen Schatten der Übertreibung und Ausbeutung.
In der Medizin gilt: Krankheiten werden übertragen, wenn Viren oder Bakterien den Wirt wechseln. Auch in der der Psychologie gibt es solche „Ansteckungen“, die in der „mental-health“-Bewegung epidemisch werden können. Der sogenannte Looping-Effekt (nach dem Sprachphilosophen Ian Hacking) beschreibt, wie sich psychische Symptome, Begriffe, Deutungsmuster und Diagnosen sozial fortpflanzen – und sich dabei überdehnen.
Menschen erleben inneres Leid und suchen einen Ausdruck dafür.
Die Psychologisierung der Sprache bietet Begriffe an, die diesem Erleben einen „frame“ geben.
Eine Self-fulfilling-prophecy-Schleife entsteht, die psychische Krankheiten geradezu züchtet.
Plötzlich hat jede(r) Zweite ein ADHS-Syndrom, eine Depression oder einen autistischen „Schaden“, der sein Verhalten und seine „Probleme“ erklärt. Die anderen sind dann immer „Narzissten“ – wenn sie nicht die eigenen Ansprüche erfüllen. Solche Diagnose- Hypes können zu fatalen Auswirkungen führen – wir leben plötzlich in einer Gesellschaft, die sich ständig gegenseitig psychologisiert – und pathologisiert.
Serien wie „Nine Perfect Strangers“ oder „White Lotus“ zeigen auf sarkastische Weise, wie sich spirituelle Selbstfindung in Psycho-Dekadenz oder Ego-Verhalten verwandeln kann. Der Mind-Coaching-Markt ist äußerst lukrativ, es wimmelt von Gurus aller Art – die häufig alles andere als spirituelle, vielmehr geschäftstüchtige Menschen sind.
Ein weiterer Seitenzweig – und häufig auch Irrweg – der Self-Change-Bewegung ist die „Glückstherapie“. Glücksratgeber und -therapien arbeiten meist mit billigen Klischees und Harmonie-Metaphern. Die seriöse Glücksforschung sagt uns, dass womöglich gerade das ständige Streben nach Glück ins Unglück führt. Wahre Wandlungsprozesse sind Anstrengungen der Selbst-Transformation, die nicht in die Harmonie führen. Sondern ins Lebendige.
Die nächste Spiritualität
Spiritualität hat mit traditionellem Gottesglauben wenig zu tun. Man sollte sie auch nicht mit Magie oder Mystik verwechseln. Sie ist eine Form der inneren Erweiterung, die über die Begrenztheiten der Eigen-Definitionen und Selbst-Bedürfnisse hinausgeht.
Spiritualität ist das Leuchten der Augen, das wir der Welt schenken.
Spiritualität ist das Staunen, die Erfahrung des Wunderbaren.
Spiritualität ist die Verbundenheit mit dem Überzeitlichen.
Spiritualität ist kosmopolitisch und menschenfreundlich.
Spiritualität ist ökologisch, denn sie „schwingt“ in der Natur.
Echte Spiritualität ist keineswegs wissenschaftsfeindlich – vielmehr hat sie eine Resonanz zu den „heißesten“ Wissenschaften der Neuzeit, von der Neurowissenschaft und der Emotions- und Evolutionspsychologie bis zu Quantenphysik und Kosmologie. Albert Einstein bezeichnete sich als einen „kosmischen Religiösen“: „Der Mensch fühlt die Erhabenheit und die wunderbare Ordnung, welche sich in der Natur sowie in der Welt des Gedankens offenbart“ (vgl. Einstein 1931). Einsteins Gottheit war der „universelle kosmische Geist“.
Eine kleine Zugabe:
In diesem komplexen Schaubild, das von den „Metamodernisten“ erstellt wurde (einer Gruppe von Psychologen, Philosophen und Soziologen, die nach einem neuen Weg der Zukunft suchen), bilden sich die Stufen und Verbindungen einer zeitgerechten Spiritualität ab. Ziemlich verwirrend, oder? Aber darum geht es ja: Sich produktiv verwirren zu lassen ist die Türklinke zu jener Tür, durch wie wir in die Zukunft gelangen können… metamoderna.org/transforming-cultures-and-selves/
Wenn wir zu entschlüsseln versuchen, wie uns die Vergangenheit bis in die Gegenwart getragen hat, schauen wir allzu oft auf die großen Namen historischer Persönlichkeiten. Je weiter die Vergangenheit zurückliegt, desto größer erscheinen uns ihre – vermeintlich – solitären Errungenschaften. Doch es waren selten einzelne Genies, die wegweisende Weltbilder und Zukünfte entwarfen.
So fiel Charles Darwin das revolutionäre Weltbild einer evolutionär entstandenen Artenvielfalt nicht einfach ein: Es entstand in enger Korrespondenz mit anderen klugen Köpfen wie der US-amerikanischen Forscherin Mary Treat, deren Versuche Darwin selbst beschrieb als „bei Weitem die besten (…), die je gemacht wurden“ (vgl. Sanders 2010). Und neben der legendären britischen Affenforscherin Jane Goodall arbeiteten auch ihre US-amerikanischen und kanadischen Kolleginnen Dian Fossey und Birutė Galdikas Anfang der 1960er-Jahre an Langzeituntersuchungen über Menschenaffen – und legten damit den Grundstein für die Vision einer holistischen Gesellschaft.
Vor allem in Umbruchzeiten entstanden immer wieder Netzwerke von Vordenkerinnen und mutigen Pionierinnen, die den grimmigen Umständen ihrer Zeit optimistisch die Stirn boten.
Sie haben ihr Leben der Zukunft gewidmet – mit klugen Konzepten, Forschungsarbeiten, Kunst oder Aktivismus. Von ihnen können wir lernen, wie eigene Erkenntnisse weitergereicht und anschlussfähig gemacht werden können. Wie der Staffelstab der Zukunft beständig in Bewegung bleiben kann. Und damit auch: wie der Übergang von einer Epoche in die nächste gelingt.
Die Avantgardistinnen
Epochenenden kündigen sich durch Krisen und Konflikte an – und durch den Verlust von Zukünften (vgl. Gaub 2023). Zukunftsvisionen, Utopien und sogar Dystopien erleben zu Beginn einer Epoche ein Hoch und treiben die Gesellschaft an. Ihre Strahlkraft verblasst erst, wenn sie einen konkreten Übertrag in die Realität gefunden haben. Bis dahin geben die Vordenker:innen den Ton an: Sie verstehen die Regeln der Gegenwart perfekt und nutzen sie für ihr eigenes Spiel der Zukunft.
Die weibliche Avantgarde war selten so sichtbar wie in den vergangenen Jahren. Zukunftsforscherinnen wie Maja Göpel, Florence Gaub und Jane McGonigal sind Stammgäste auf den großen Bühnen und machen Mut auf eine bessere Zukunft, allen gegenwärtigen Krisen zum Trotz. Ihr Credo: „Wir können auch anders“ – so der Titel des Bestsellers von Maja Göpel (vgl. Göpel 2022). Die Avantgardistinnen verwandeln das Unfertige, Kaputte und Übersehene der Moderne in konkrete Ansätze für ein lebenswertes Morgen.
Das Buch „Maja Göpel: Wir können auch anders” ist u.a. erhältlich bei www.amazon.de, (Affiliate Link – Offenlegung).
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„Einfluss ist keine objektive Tatsache: Es ist eine Wahrnehmung, die sich direkt daraus ergibt, wie viele Optionen wir uns für die Zukunft ausdenken können. Je mehr Optionen, desto größer der Handlungsspielraum, desto mehr Optimismus.“ Florence Gaub, „Zukunft: Eine Bedienungsanleitung“
Das Buch von Florence Gaub „Zukunft: Eine Bedienungsanleitung” ist u.a. erhältlich bei www.amazon.de, (Affiliate Link – Offenlegung).
So radikal sie infrage stellen, was sonst unhinterfragt hingenommen wird, so pragmatisch sind die Schlussfolgerungen der Avantgardistinnen. Ihre Konzepte sind konsequent dem guten Leben zugewandt und setzen innerhalb bestehender Institutionen, Märkte und Diskurse an. Genau das macht ihre Perspektiven anschlussfähig.
So lässt sich die „Donut-Ökonomie“, das Modell der britischen Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth (vgl. Raworth 2023), direkt in die Praxis umsetzen: Marieke van Doorninck, ehemals stellvertretende Bürgermeisterin von Amsterdam, verankerte das Konzept in der Strategie der wirtschaftlichen Stadtentwicklung (vgl. Burckhardt/Rehrmann 2023). Und die Konzepte der US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen Janine Benyus und Valerie Luzadis bilden die theoretische Grundlage, auf der Ökonominnen wie die US-Amerikanerin Katherine Collins neue Investmentstrategien entwickeln, die uns auf dem Weg zu einer Kreislaufwirtschaft vorantreiben (vgl. Collins 2014).
Ein weiteres Beispiel ist die bahnbrechende Forschungsarbeit der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom: Ostrom zeigte, dass Gemeinschaften in der Lage sind, Ressourcen als gemeinschaftliches Eigentum ohne staatliche Interventionen oder marktwirtschaftliche Regulierungen erfolgreich zu verwalten (vgl. Ostrom 1990). Für diese wegweisende Arbeit erhielt sie 2009 den Wirtschaftsnobelpreis. Die britischen Aktivistinnen Pamela Warhurst und Mary Clear setzten Ostroms Ideen in gelebte Praxis um: Ihr Projekt „Incredible Edible“ schafft Pflanzflächen in öffentlichen Räumen – Gemüse und Obst für alle (vgl. Warhust/Dobson 2014). Aus einer wissenschaftlichen Beobachtung erwuchs ein urbanes Commons-Modell, das den Alltag bereichert.
Die Avantgardistinnen kennen die institutionellen Spielregeln und wissen mit ihnen umzugehen. Die Krisen der Zeit sind für sie weniger Hindernis als Antrieb. Denn vor allem dort, wo ein Weiterleben immer schwieriger wird, schaffen sie Inseln der Hoffnung. So wie in dem syrischen Frauendorf Jinwar: Kriegswitwen und Frauen aus gewaltvollen Ehen bilden hier eine friedliche, selbstbestimmte und nachhaltige Gemeinschaft inmitten eines kriegsversehrten Landstrichs – und zeigen, dass auch auf dieser vermeintlich verbrannten Erde Gutes gedeihen kann. So entstehen Orte, an denen inmitten des Zerfalls das Zukünftige aufblüht.
Die Kassandras
Jedes Epochenende beginnt mit kleinen Rissen, die sukzessive größer werden und immer mehr Selbstverständlichkeiten auflösen. Während sich die Avantgardistinnen konsequent konstruktiv den Problemen ihrer Zeit nähern, wenden sich die Kassandras genau diesen Zeitrissen zu: Sie blicken tief in die Abgründe unserer Gegenwart, dokumentieren Verluste, analysieren Zerfallsprozesse – und kündigen bevorstehende Katastrophen an. Kassandras brauchen keine Hoffnung für ihre Zukünfte. Sie haben gelernt, mit Neugierde auszukommen. Und dem großen Ende ihrer Epoche erhobenen Hauptes entgegenzutreten.
So warnte etwa die US-amerikanische Umweltwissenschaftlerin Donella H. Meadows vor den „Grenzen des Wachstums“ (vgl. Meadows et al. 1972), und die US-amerikanische Zoologin Rachel Carson prophezeite einen „Stummen Frühling“ infolge des Biodiversititätsverlusts (vgl. Carson 1962). Nicht selten werden diese Warnungen zwar wahrgenommen, bleiben aber folgenlos – so wie im Falle der Kassandra, deren Schicksal die Schriftstellerin Christa Wolf 1983 aus der Antike in die literarische Neuzeit holte (vgl. Wolf 2011): Die trojanische Königstochter kann als Seherin zwar vor dem Trojanischen Pferd warnen, ist aber mit dem Fluch belegt, dass ihr niemand Glauben schenkt. Ihr bleibt einzig, dem Eintreten der Katastrophe zuzuschauen.
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„Ich zog Lust aus allem, was ich sah – Lust; Hoffnung nicht! – und lebte weiter, um zu sehn.“ Christa Wolf, „Kassandra“
Die Stimme Kassandras hallt auch in den Werken heutiger Science-Fiction-Autorinnen nach, die die Abgründe der nahen Zukunft kartieren – von Emma Braslavskys Fabel „Ich bin dein Mensch“ über Suzanne Collins’ „Hunger Games“-Visionen bis zu Margaret Atwoods Dystopie „Der Report der Magd“. Wie viel Wahrhaftigkeit sich in diesen Werken verbirgt, zeigt sich oft erst im Nachhinein. In „Die Parabel vom Sämann“ beschrieb die US-Amerikanerin Octavia Butler bereits 1993 die Auflösung demokratischer Strukturen in den USA – und nahm im folgenden Band sogar den Claim „Make America Great Again“ vorweg.
Die Kassandras blicken auf die Schwächen im System und auf die finsteren Seiten der Menschheit – um diese kreativ auszuspielen. In der Hackerszene hat sich für diese Fähigkeit ein Begriff etabliert: Evil Bit. Eigentlich eine Anspielung auf die kleinste Informationseinheit in der Informatik (das Bit), umschreibt der Begriff den „bösen Funken“ des sabotierenden Denkens. Denn nur wer sich in den Kopf des Angreifers versetzt, lernt, sich adäquat zu verteidigen.
Eine der berühmtesten Hackerinnen der Welt ist die US-amerikanische Cyber-Security-Forscherin Chris Kubecka. Sie nutzt ihr Evil Bit, um in Workshops und Keynotes wahrscheinliche Zukunftsszenarien aufzuzeigen, auf die sich Organisationen und Gesellschaften vorbereiten sollten. Kubecka kann aus dem Stand über Themen wie den thermonuklearen Post-Quanten-Cyberkrieg rappen, während sie ein Weltuntergangsszenario nach dem anderen plausibel herbeiführt. Alle haben mit heutigen Geheimnissen zu tun, die künftig durch KI, Hacking und Quantencompunter zu perfekten Sabotagewerkzeugen werden (vgl. Wolfnagel 2025). Gerade hat Kubecka ein neues Manual veröffentlicht: „How to Hack a Modern Dictatorship with AI Online“ (vgl. Kubecka 2025).
Unser Verhältnis zu den Kassandras ist zwiegespalten. Die Botschaft von Verlust und Auflösung scheint keine Hoffnung zu bieten – gleichzeitig lieben Menschen apokalyptische Erzählungen. Es zieht uns immer wieder zu solchen Abgründen hin, und wir bewundern jene, die sich trauen, in sie hineinzuschauen. Damit helfen uns die Kassandras auch, unsere Unsicherheit zu bändigen: Sie beschränken die Katastrophe erzählerisch auf einen bestimmten Möglichkeitshorizont.
Die Metamodernistinnen
Noch können wir nur schemenhaft erahnen, was jenseits des Horizonts, in der nächsten Epoche, auf uns wartet. Doch erste Pionierinnen wagen sich bereits vor und berichten von einer Zukunft, die zwischen Widersprüchlichkeiten oszilliert und in der zuvor Unvereinbares zu einem schillernden Teppich neu verbunden wird. Die Vordenkerinnen der Metamoderne verweben die losen Fäden der Moderne und der Postmoderne zu neuen Mustern – und bilden damit erste Wurzelwerke eines neuen holistischen Zeitalters.
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„Es ist unsere Aufgabe, Unruhe zu stiften, zu wirkungsvollen Reaktionen auf zerstörerische Ereignisse aufzurütteln, aber auch die aufgewühlten Gewässer zu beruhigen, ruhige Orte wieder aufzubauen.“
Donna Haraway, „Staying with the Trouble“
Die US-amerikanische Biologin und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway entwirft in ihrem Buch „Staying with the Trouble“ die neue Epoche des Chthuluzän – ein Erdzeitalter der Verflechtungen, in dem Menschen, Tiere, Pflanzen, Technik und Erde untrennbar miteinander verwoben sind (vgl. Haraway 2016). Auf metamoderne Weise fügt sie zusammen, was wir bisher getrennt sahen. Der Kerngedanke: Alles steht miteinander in Beziehung – und die Beziehungen wandeln sich beständig weiter. Genau darauf kommt es ihr an.
Haraways Visionen sind Teil eines übergreifenden Diskurses, der seit einigen Jahren wissenschaftliche Grundfesten ins Wanken bringt – der Holobiontik. Im Zentrum steht der Gedanke, dass jeder Organismus untrennbar mit seinen Mikroben und Symbionten verbunden ist und deshalb als ökologische Einheit verstanden werden muss. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse belegen vermehrt, dass in der Natur tatsächlich „alles mit allem verwoben“ ist. Auch die Idee eines abgegrenzten „Individuums“ wird damit obsolet.
Die US-amerikanische Pflanzenökologin Robin Wall Kimmererhttps://de.wikipedia.org/wiki/Robin_Wall_Kimmerer leitet aus solchen Naturbetrachtungen die Idee einer „Schenkökonomie“ ab, in der Wertschätzung und Reziprozität den Handel untereinander ordnen. Die Schenkökonomie umfasst ein System sozialer und moralischer Übereinkünfte für „indirekte Reziprozität statt für direkten Austausch“: Der Wohlstand einer Gemeinschaft „wächst mit der Dynamik der Beziehungen und nicht mit der Akkumulation von Gütern“ (vgl. Kimmerer 2024).
Kimmerers Vision proklamiert eine Natur als Allmende, in der Überfluss herrscht, weil wir alle nur so viel nehmen, wie wir brauchen. Das verweist ebenso auf Elinor Ostroms Forschungsarbeit zur gelingenden Allmende wie auf die Recherchen der US-amerilkanischen Schriftstellerin und Kulturhistorikerin Rebecca Solnit, die zeigen, dass in Katastrophenzeiten offenbar spontan Schenkökonomien aufkommen (vgl. Solnit 2009).
Um ihre Erkenntnisse zu vermitteln, entwickeln die Metamodernistinnen neue Werkzeuge und künstlerische Ausdrucksformen, die eine eigenartige kreative Strahlkraft entwickeln. In Theaterstücken wie Sandra Strunz’ „Wir werden mutig gewesen sein“, wo Menschen mit utopischen Texten, Liedern und Bildern nach Hoffnung suchen. In Romanen wie Irene Solàs „Singe ich, tanzen die Berge“, in dem Berge, Blitze und Pilze zu Protagonisten werden und Tote auferstehen. Oder musikalisch wie Björks Album „Biophilia“, das die Ideen einer holobiontischen Zukunft weiterentwickelt, jenseits tradierter Kategorien und mit eigens entwickelten Instrumenten.
Das immaterielle Erbe der Futuristinnen
Wenn wir uns fragen, wie die Vergangenheit uns in die Gegenwart geführt hat, spielt das kulturelle Erbe eine entscheidende Rolle. Die UNESCO spricht von der Bedeutung unseres „immateriellen Erbes“ (vgl. UNESCO 2003), jenes unsichtbaren Geflechts aus Wissen, Erzählungen, Praktiken und Haltungen, das sich über Generationen fortschreibt. Es sind Denkweisen und Handlungen, die uns prägen, auch wenn wir sie selten konkret benennen.
Das immaterielle Erbe der Futuristinnen liegt sowohl in ihren Ideen als auch in der Art, wie sie diese teilen. Sie arbeiten kollektiv an Gedanken, bereiten einander die Bühne, verweisen großzügig auf die Leistungen anderer. Mit dem Epochenwandel verliert das einsame Genie an Bedeutung. An seine Stelle treten Netzwerke mutiger Denker:innen und Gestalter:innen. Die Zukunft entsteht im lebendigen Austausch, in gegenseitiger Anerkennung und in solidarischen Beziehungen.
Darin liegt die anarchische Energie der Futuristinnen: Es sind Stimmen, die sich nicht übertönen, sondern verweben. Und gerade darin den Ton einer kommenden Epoche setzen.
Judith Block
schreibt und forscht für The Future:Project zu Herausforderungen und Lösungsansätzen der ökologischen Transformation. Im Forschungsfokus der Designtheoretikerin stehen gestaltete Um- und Mitwelten.
Literatur
Atwood, Margaret (2020): Der Report der Magd. München
Braslavsky, Emma (2019): Ich bin dein Mensch. Ein Liebeslied. In: 2029. Geschichten von morgen. Berlin, S. 17–86
Burckhardt, Ines und Rehrmann, Marc-Oliver (2023): Wachstum adé? Wie Amsterdam die Donut-Ökonomie lebt. In: ndr.de, 30.9.2023
Butler, Octavia (2023): Die Parabel vom Sämann. München
Carson, Rachel (1962): Der stumme Frühling. München
Collins, Katherine (2014): Nature of Investing: Resilient Investment Strategies Through Biomimicry. Boston
Collins, Suzanne (2008): The Hunger Games. Hamburg
Gaub, Florence (2023): Zukunft: Eine Bedienungsanleitung. München
Göpel, Maja (2022): Wir können auch anders. Aufbruch in die Welt von morgen. Berlin
Haraway, Donna (2016): Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene. North Yorkshire
Kubecka, Chris (2025): How to Hack a Modern Dictatorship with AI Online. The Digital CIA/OSS Sabotage Manual. London
Maull, Doris (2022): Maja Göpel: „Wir müssen die Fakten ehrlich auf den Tisch legen“. In: swr.de, 11.5.2022
Meadows, Donella H. et al. (1972): Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. München
Ostrom, Elinor (1990): Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge
Raworth, Kate (2023): Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. München
Sanders, Dawn (2010): Behind the Curtain. Treat and Austin’s Contributions to Darwin’s Work on Insectivorous Plants and Subsequent Botanical Studies. In: Jahrbuch für Europäische Wissenschaftskultur. Stuttgart, S. 285–298
Solà, Irene (2019): Singe ich, tanzen die Berge. Berlin
Solnit, Rebecca 2009: A Paradise Built in Hell: The Extraordinary Communities That Arise in Disaster. New York
UNESCO (2003): Text of the UNESCO Convention for the Safeguarding of the Intangible Cultural Heritage. In: ich.unesco.org, 10/2003
Wall Kimmerer, Robin (2024): The Serviceberry. An Economy of Gifts and Abundance. London
Warhust, Pam und Dobson, Joanna (2014): Incredible! Plant Veg, Grow a Revolution. Harborough
Wolf, Christa (2011; Erstveröff. 1983): Kassandra. Frankfurt am Main
Wolfnagel, Eva (2025): Wollt ihr thermonuklearen Post-Quanten-Cyberkrieg spielen? In: zeit.de, 12.7.2025
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Es gibt zwei Gedankenschulen, die sich mit Krieg befassen. Die Vertreter*innen der einen konzentrieren sich auf das „Womit“: Sie diskutieren Panzer und Drohnen, jonglieren mit Zahlen und imaginieren die Zukunft des Krieges als Hightech-Vision. Die anderen, zu denen ich gehöre, befassen sich mit dem „Warum“. Wir werden die „Clausewitzer“ genannt, nach dem preußischen General Carl von Clausewitz, der eines der wichtigsten Werke dazu schrieb: „Vom Kriege“ aus dem Jahr 1832.
Was Clausewitz so zeitlos macht, ist, dass er Krieg in erster Linie nicht als ein technologisches, sondern als ein menschliches Phänomen begreift, bei dem ein politischer Konflikt in Gewalt ausartet. „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“, schrieb Clausewitz. Das Ziel von Krieg ist also nicht, so viel wie möglich kaputtzumachen, sondern der Gegenseite den eigenen Willen aufzuzwingen.
Das bedeutet auch, dass Krieg mit der Frage beginnt: Was würde meinen Gegner dazu bringen, das zu tun, was ich möchte? Für viele ist die gnadenlose Zerstörung. Für manche reicht es auch, ein Klima der Angst zu schaffen, Verwirrung zu stiften und wenige Ziele mit Symbolcharakter anzuvisieren. Die Antwort auf diese strategische Frage zu finden, ist daher eine viel interessantere Aufgabe, als so viele Waffen wie möglich zu kaufen.
Zahlen helfen uns nicht, Krieg zu verstehen. Die Theorie der Internationalen Beziehungen übrigens auch nicht: Keine der großen Gedankenschulen, vom Realismus über den Liberalismus bis zum Konstruktivismus, kann allgemeingültig erklären, warum Staaten in den Krieg ziehen. Der Grund ist einfach: Am Ende ist der Krieg ein menschliches Phänomen – und Menschen eignen sich nicht für eine große Theorie.
Krieg als Spiegel der Gesellschaft
Seien es die syrischen Rebellen oder die Ukraine: Die augenscheinlich schwächere Seite ist bisweilen motivierter und kreativer mit ihren Mitteln. Im Schnitt gewinnen in etwas mehr als der Hälfte aller Kriege die augenscheinlich Schwächeren, und ihre Chancen gehen hoch, je länger der Krieg andauert. Das liegt vor allem daran, dass sich der Angreifer in einer größeren Rechtfertigungslogik gegenüber der eigenen Bevölkerung befindet als der Verteidiger. Bekannte Beispiele sind die USA in Vietnam, Frankreich in Algerien oder die Sowjetunion in Afghanistan. Genau das macht Krieg als Phänomen so interessant: Es geht immer um viel mehr als nur Panzer und Drohnen.
Am Ende zeigt sich also: Krieg offenbart nicht nur die Stärke von Armeen, sondern auch den Zusammenhalt menschlicher Gemeinschaften. Darin spiegelt sich etwas noch Grundsätzlicheres – unsere Haltung zur Zukunft. So berührt die Frage nach dem Wesen des Krieges auch eine tiefere Frage: Welche geistige Unbeweglichkeit, welches Missverständnis steckt hinter dem angstvollen Pessimismus unserer Zeit? Und wie können wir versuchen, ihn zu wenden?
Mut zum konstruktiven Handeln
Am allermeisten nährt sich Pessimismus vom Gefühl der Machtlosigkeit. Studien zeigen: Wer viel über die Zukunft und bestimmte erreichbare Ziele nachdenkt, ist bereits optimistischer. Der Trick besteht also darin, nicht beim Horrorszenario aufzuhören, sondern den Faden weiterzuspinnen: Wo haben wir Einfluss? Was können wir unter diesen Umständen noch erreichen?
Wem das nicht reicht, dem empfehle ich die Lektüre von Viktor Frankls 1946 erschienenem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“. Darin beschreibt der österreichische Neurologe und Psychiater, wie er sogar im Konzentrationslager seine Würde behielt, indem er einen tragischen Optimismus entwickelte: nicht als Fantasie, dass doch alles gut wird, sondern als Haltung, dass man in jedem Moment frei wählen kann, wie man eine Situation betrachtet.
Studien belegen: Je mehr man darüber weiß, was die Menschheit in den vergangenen Jahren erreicht hat, desto optimistischer wird man im Hinblick auf die kommenden Jahre. Das heißt nicht, dass wir die großen Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, ausklammern sollten. Aber nur ein konstruktiver, mutiger Umgang mit ihnen wird uns helfen, sie zu meistern.
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Was sagt uns das BEYOND-Cover des Jahres 2026?
Über die Bedeutungen des Horizonts
Matthias Horx, November 2025
Was sehen wir auf diesem Cover? Ein Mensch, offensichtlich ein Mann, schwebt – ja wo? Im Orbit. Er hat keinen Raumanzug an. Und noch etwas anderes ist seltsam. Die Erde ist invers – der Horizont krümmt sich nach innen.
Dort, wo der schwarze Weltraum sein sollte, ist der Himmel.
Das Bild stammt von meinem Zukunftskünstler-Sohn Julian, der heroisch mit der KI gekämpft hat, um ihr eine Komposition zu entlocken, die eben nicht aussieht wie eine KI-Produktion. Und eine Tiefe ausweist, die an die alten Meister erinnert.
Wenn die Zeiten düster werden, blühen Lebenshaltungen der Sehnsucht.
Wir leben in einer zukunftsmüden Zeit. Alles scheint sich im Kreis zu drehen, in endlosen Be-Fürchtungen, Vor-Würfen, Ängsten, Spaltungen, Konflikten, Paradoxien, die nicht zu lösen sind. Das überwunden geglaubte Reaktionäre, Dumpfe, Aggressive kehrt zurück. Alles scheint irgendwie gegeneinander zu kämpfen: Ökonomie gegen Ökologie. Politik gegen Gesellschaft (USA). Männer gegen Frauen (und umgekehrt). Technologie gegen Wissen und Wahrheit. Nichts scheint mehr zusammenzupassen, sich zu verbinden zu einer Synthese, die einen neuen Horizont bilden kann. Einen Zukunfts-Horizont.
Unsere Zeit ähnelt einer Ära, die zweihundert Jahre zurückliegt. Die europäische Romantik dauerte von der Mitte des 18. bis tief ins 19. Jahrhundert, sie hatte um 1825 ihren Höhepunkt, im sogenannten „Biedermeier“. Diese Zeit, diese Epoche, ähnelte der unsrigen sehr: Es gab enorme technische Versprechen, Überwindungsträume, Fortschritts-Visionen, ja sogar Revolutionen. Aber gleichzeitig auch Stillstand. Die Industrialisierung, der technische Fortschritt, zeigte seine Nebenwirkungen, die Verelendungen, die Verschmutzungen der Welt. Die Fürsten und Könige waren nach der Zeit der französischen Revolution zurückgekehrt, die „Restauration“ ließ die politischen Verhältnisse erstarren.
Das Alte hatte nicht aufgehört.
Und das Neue nicht wirklich begonnen.
Großansicht: Bitte auf das Bild klickenCaspar David Friedrich – Mondaufgang am Meer Quelle: de.wikipedia.org
So blickte man auf den Horizont. Mit großer Sehnsucht und Melancholie.
Einer der großen Meister dieser Zeit war Caspar David Friedrich. Auf eine fast schon hysterische Art ist dieser Maler der Romantik heute wieder ein Superstar: Keine Ausstellungen sind so voll wie „CDF“-Ausstellungen. An die Orte seiner Bilder pilgern Tausende aus allen Ländern der Welt. Aber sie machen dort keine (oder wenige) „Selfies“. Die Bilder Caspar David Friedrichs sind das Gegenteil von „Posen“. Sie sind Einkehrungen und Ausblicke. Meditationen, die die Welt und den Menschen in seiner Beziehung zur Hoffnung, zur Zukunft, zum Horizont, zur Natur zeigen.
Friedrich litt an den Verhältnissen. Er fühlte sich verloren in einer „knirschenden Zeit“ der Restauration, in der Bespitzelungen, Intrigen an der Akademie und Zensur an der Tagesordnung waren. Er suchte nach einer Haltung der Weltsicherheit, was ihm nicht immer gelang. Er schrieb um 1825:
„Seit einiger Zeit fühle ich mich unwohl … Ich habe mich soeben im Pelze gehüllt am Pulte gesetzt um mich den heutigen Tag mit euch lieben zu unterhalten. Es ist mir Bedürfniß euch, meine Brüder, wiederholt von Zeit zu Zeit zu sagen wie sehr ich euch liebe und wie unbegränzt mein Zutrauen zu euch ist; je mehr ich mich durch gemachte bittere Erfahrungen in mich selbst zurückziehe. Lasset aber durch die Aeußerungen keine Sorge in euch aufkommen denn dies sind ja Erfahrungen die mehr oder weniger jeder Mensch gemacht hat, wenn er sich einige Zeit in die Welt umher gesehen.“
Caspar David war der Meister des unendlichen Heimwehs. Und der Sehnsucht nach einer Ferne, die ein Versprechen nach dem Anderen, dem neuen Wahren beinhaltete.
Der Künstler Michael Najjar lebt heute in Berlin. Und setzt sich in seinen Werken mit unserer Sehnsucht nach dem All auseinander – auch ganz praktisch: er absolvierte eine knallharte Astronauten-Ausbildung. In seinem monumentalen Bild „CDF-X“ hat er den ersten Start von Elon Musks Super-Rakete Starship an den Horizont eines Caspar-David-Friedrich-Bildes gestellt. Najjars Bilder über die Sehnsucht nach dem Weltraum finden Sie als große Geschichte über den NEXT SPACE im neuen BEYOND.
Die Grundthemen der Romantik sind Gefühl, Leidenschaft, Individualität und individuelles Erleben. Es geht um eine Poesie, die uns über unsere Ängste „erheben“ kann. Uns auf poetische Weise mit der Welt verbindet. Auf SUBSTACK, der neuen Plattform für Weiterdenker, heißt es im Blog „THE POETIC PATH“:
„Es gibt einen kollektiven, fast spirituellen Aufschrei nach mehr Kreativität, Sinn und Menschlichkeit in unserem Leben. Wir leben in einer globalen Gesellschaft, die so zwanghaft mechanisiert und kommerzialisiert ist, dass sich viele von uns erdrückt, ausgebrannt und isolierter denn je fühlen. Die Welt scheint sich in den letzten Jahren rasant beschleunigt zu haben. Der individualistische, kapitalistische Traum ist auf seinem Höhepunkt. Technologie vermittelt uns die Illusion von Verbundenheit, hindert uns aber gleichzeitig daran, die volle Wirkung des Oxytocins zu spüren, die durch echten, persönlichen Kontakt entsteht. Die Gesellschaft ist in Stämme zersplittert, und gemeinschaftliche Treffpunkte sind nun hinter Bezahlschranken verschwunden. Wir verwechseln Leistung mit Wirkung. Zeit mit Effizienz. Und die meisten Selbsthilfe-Ratgeber lehren uns, wie wir uns selbst optimieren können, um ein guter kleiner Beitrag zum BIP zu sein. Gleichzeitig lagern wir unser kritisches Denken an KI aus, die droht, unsere Prozesse, unsere Leidenschaften, unsere Lebensgrundlage zu ersetzen…
Wir können keine KI mit einer KI übertreffen.
Aber wir können sie mit Menschlichkeit übertreffen.
Es sind die Risse im Pflaster, wo das Leben sprießt. Wo das, was von Natur aus schön ist – das Leben – zum Vorschein kommt. Der poetische Weg beginnt.“
The Poetic Path: ourmanifesto@substack.com
Man spürt, dass dieser Text vorwiegend von Frauen formuliert wurde. Das ist ein weiteres großes Thema im neuen BEYOND: Weibliche und männliche Zukünfte – gibt es da einen Unterschied? Und wenn ja, wie kann man diesen sinnvoll und nützlich machen, ohne in die alten Antagonismen zu fallen? Stärken wir die Futuristinnen. Oh ja, es gibt sie. Und sie werden einflussreicher.
Hoffen wir gemeinsam das Bessere.
Euer Matthias Horx
Wenn du glaubst,
dass Technologie deine Probleme lösen wird,
verstehst du weder Technologie
noch deine Probleme.
Laurie Anderson, US-Künstlerin
Also gut. Sprechen wir über Künstliche Intelligenz. Das Mega-Zukunfts-Thema unserer Zeit.
Oder lieber nicht.
Es hat eigentlich keinen Sinn.
Es macht uns nur wahnsinnig!
Es ist viel zu kompliziert.
Über KI zu sprechen – zu diskutieren, zu argumentieren –, ist eine verlorene Liebesmühe. Das Thema ist mit Irrtümern und Missverständnissen, Projektionen und Ängsten verseucht. Debatten und Diskurse über KI sind entweder heuchlerisch, weil sie nur die Märchen einer wildgewordenen Silicon-Valley-Ideologie nachplappern. Oder unproduktiv, weil sie keinen Raum lassen, diese Technologie als Möglichkeitsraum zu würdigen.
Entweder bringt „KI“ (Ka-Ihhh gesprochen, zweite Silbe etwas höher betont) die MEGA-SUPER-CHANCE! Die Erlösung ad silizium. Neues Wirtschaftswachstum! Bessere Bildung! Lösung des Pflegenotstands! Heilung von Krebs! Oder KI ist der UNTERGANG der Menschheit. Der endgültige Triumph der Maschinen. Massenhafte Arbeitslosigkeit. Brainrot, also Hinverrottung. Verblödet werden wir in unseren Bildschirmen kleben, bevor wie alle zu Briefklammern verarbeitet werden, weil die KI das in ihrer allgemeinen Super Intelligenz beschlossen hat.
Mit Sicherheit wird weder das eine noch das andere eintreten. Aber was dann?
Das Hyperobjekt
Die erste Wahrheit ist, dass die KI keine normale „Erfindung“ ist, die sich mit der Dampfmaschine, der Elektrizität, der Eisenbahn, dem Auto oder dem Penicillin vergleichen lässt. Noch nicht mal mit dem Computer, der ja bekanntlich die Grundlage für Künstliche Intelligenz ist.
KI ist ein Hyperobjekt.
Hyperobjekte sind Phänomene, deren Ausmaß und Komplexität unsere Fassungskraft übersteigen. Sie haben eine vielschichtige Dimension des „Unheimlichen“.
„Hyperobjekte sind Objekte, die zwar Vitalität besitzen, aber nicht berührt werden können. Hyperobjekte sind zeitlich und räumlich und strukturell so stark verteilt, dass ihre Gesamtheit nicht in einer bestimmten lokalen Ausprägung erfasst werden kann. Ebenso wenig kann man sie den Kategorien von Natur oder Kultur zuordnen.“
Timothy Morton
Ein Hyperobjekt ist zum Beispiel „Global Warming“, die Erderhitzung. Wir versuchen, dieses Phänomen zu erfassen und damit „vernünftig“ umzugehen. Offensichtlich klappt das nicht, weil das Phänomen irgendwie ausufert, in alle möglichen Zwänge, Paradoxien und Zusammenhänge hinein.
Weitere Hyperobjekte sind: Zeit. Geld. Gott: Niemand kann beweisen, dass Gott existiert. Oder „funktioniert“. Wenn man betet, und man wird erhört, liegt das an Gott. Wenn man nicht erhört wird, hat Gott das eben so entschieden. Niemand kann beweisen, dass Gott NICHT existiert. Das macht Gott zu einer Tatsache. Wer würde bestreiten, dass der Gottesglaube im Leben der Menschen, der Kulturen, der Geschichte enorm viel bewirkt hat?
Hyperobjekte lassen sich nur durch ihre Wirkungen beobachten. Die KI hat ohne Zweifel unsere Kultur, unser Denken, schon heute massiv beeinflusst, obwohl die Technologie noch in den Kinderschuhen steckt. Sie ist eine „Technik der Ankündigung“, die aus der Zukunft auf uns einwirkt. Sie hat Zugriff auf die Art und Weise, wie wir die Welt und uns selbst wahrnehmen. Wie wir die Zukunft konstruieren.
Beziehungsweise: nicht mehr konstruieren können.
Auf eine seltsame Weise verscheucht die KI die Zukunft. Sie zerfällt in lauter Fraktale, auf denen sich unendliche Reflexionen spiegeln.
Dämon, Mythos, Moloch, Hype
KI ist ein Dämon:
Der amerikanische Blogger Charlie Warzel, der sich intensiv mit den mentalen Wirkungen von KI beschäftigt, berichtete neulich von einer verstörenden Erfahrung. In einem Podcast lief ein Interview eines Fernsehmoderators mit einem toten Jugendlichen. Dieser Jugendliche war bei einem School-Shooting vor einigen Jahren ums Leben gekommen. Eine KI hatte den Jungen „rekomponiert“, ihm Stimme und content verliehen, damit dieser mit seiner honest voice, seiner Authentizität, Aussagen für eine bessere Waffenkontrolle in den USA machen konnte:
„Das Interview löste ein Gefühl aus, das mir in den letzten drei Jahren nur allzu vertraut geworden ist. Es ist das flaue Gefühl eines gesellschaftlichen Wettlaufs in eine Zukunft, die sich blutleer, hastig erdacht und achselzuckend hingenommen anfühlt. Dieses seltsame Gebräu aus Schock, Verwirrung und Ambivalenz, so habe ich erkannt, ist das bestimmende Gefühl der generativen KI-Ära. Drei Jahre nach Beginn des Hypes scheint eine der nachhaltigen kulturellen Auswirkungen von KI darin zu bestehen, dass Menschen das Gefühl bekommen, den Verstand zu verlieren. … Tatsächlich scheint es, dass eines der vielen Angebote der generativen KI eine Art Psychose als Dienstleistung ist.“ www.theatlantic.com/technology/archive/
Dämonen sind eine Kraft (δαιμόνιον – daimónion), die in Lebewesen „hineinfahren“ und dort Verwirrung und Chaos erzeugen. Es gibt Spukdämonen, Wahnsinnsdämonen, Krankheitsdämonen, Traumdämonen, Totendämonen oder Schutzdämonen. Die KI ist eine Art Über-Dämon, denn sie ist wiederum selbst Produzent von Dämonen in großer Zahl – Millionen KI-Bots werden soeben erschaffen. Künstliche Identitäten, Partner, Freunde, Ratgeber, Avatare, die ein Eigenleben zu führen scheinen und uns mit ihrem Erscheinen verzaubern sollen. Und sie tun das bereits, in der Realität.
Was kann es Dämonischeres geben als „Künstliche Entitäten“, die keine Menschen sind, aber unablässig mit uns sprechen? Die unsere genuinen Fähigkeiten auszuüben scheinen: das Schreiben, Reden, Malen, Gestalten, Organisieren, Musizieren, Kommunizieren. Womöglich sogar das Denken.
KI als MYTHOS:
KI als MYTHOS: Ein Mythos („Laut, Wort, Rede, Erzählung, sagenhafte Geschichte, Altgriechisch „mythos”) ist in eine Erzählung des Höheren. Mythen weisen auf einen transformativen Zusammenhang hin. Sie sind ein Versprechen zur Verwandlung in eine höhere Dimension.
Die KI erzeugt „Ankunftserwartungen“. Ähnlich wie wenn Aliens auf dem Planeten landen würden und wir davon ausgehen, dass sich dann ALLES verändert, setzt die KI einen mystischen Fußabdruck in unsere Wirklichkeit.
Aus Mangel an echten Aliens haben wir uns offensichtlich Künstliche Aliens geschaffen.
Man kann die gigantischen Rechenzentren, die derzeit überall auf der Welt für die Künstliche Intelligenz erbaut werden, als Kathedralen einer neuen Religion sehen. Anders als die traditionellen Religionen haben sie allerdings keinen einschließenden, sondern einen ausschließenden Charakter. In den aseptischen Kathedralen der Digitalität finden sich so gut wie keine Menschen. Drumherum sind unüberwindbare Zäune. Das Mysterium schützt sich vor uns, durch Machtansprüche und noch höhere Versprechungen.
Es ist ein Kult.
Mythen, das sollten wir nicht vergessen, können den gesellschaftlichen Raum überformen. Die Maya glaubten so sehr an die Macht ihrer Götter, dass sie ihnen massenhaft Menschen opferten. Das zerstörte die Maya-Kultur von innen und führte schließlich zu ihrem Untergang.
KI als MOLOCH:
Die schottische Statistikerin und Zukunftsforscherin Hannah Ritchie (ourworldindata.org), Autorin des Buches „Hoffnung für Verzweifelte“, hat den Begriff der Molochfalle erfunden. Das Wort Moloch bezeichnet einen antiken Opfergott. In einer Molochfalle wird man gezwungen, bei etwas mitzuspielen, was man vermeiden will, aber nicht vermeiden kann, wenn man weiter mitspielen will. Man opfert etwas, um die Gunst der Existenz zu erhalten.
– Die Rennradfahrer-Stars Lance Armstrong und Jan Ullrich mussten dopen, sonst hätten sie gar nicht erst bei der Tour de France antreten können.
– Im Internet müssen Frauen einen digitalen Schönheitsfilter benutzen, sonst werden sie unentwegt weggeklickt und gesperrt.
– Politiker müssen ständig populistische Rhetorik raushauen, weil sie in der rasenden Aufmerksamkeits-Gesellschaft sonst keine Chance haben.
Die KI ist eine strenge Gestalt. Sie ähnelt der Figur des Androiden Demerzel in der Science-Fiction-Serie FOUNDATION. Sie ist stets dienstbereit, aber immer unerbittlich. Der Spruch „Du wirst deinen Job nicht an KI verlieren, sondern an diejenigen, die wissen, wie man KI benutzt.“ sagt, worum es geht. Es geht um ein Rennen mit Win-lose-Charakter, ausgetragen mit der Peitsche der Technologie. Es geht um einen Machtanspruch.
KI als HYPE:
In ihrem Buch „Hype: Der geheime Motor hinter KI, Krypto und Co.“ erklären Christina Horsten und Felix Zeltner die Wirkweise von Hype-Phänomenen. Hypes sind nicht einfach flüchtige Moden. Sie sind Infektionen von Sinnzusammenhängen oder Memes, die die Wirklichkeit verändern. „Viral“ eben. Ein Hype kann als „Selbsterfüllende Prophezeiung“ einen Boom auslösen, der ständig den Bedarf nach sich selbst schafft. Er wirkt durch ein unwiderstehliches Narrativ, das ein Eigenleben führt, wie ein Perpetuum Mobile. Eine selbstverstärkende Kraft.
In der kleinen Version sind Hypes harmlos: Wenn alle glauben, dass Labubus, jene Kuschelpuppen mit den Monsterzähnen, ein Riesentrend sind, werden sie ein Milliardengeschäft. Super-Meme können jedoch ganze Gesellschaften umcodieren. Auf eine Zukunft hin, die unvermeidbar erscheint, und der man deshalb „folgen“ muss. Obwohl man weiß, dass es schiefgehen wird. www.fastcompany.com
Die KI ist ein Über-Hype, weil sie alle Klaviaturen menschlicher Hoffnungen UND Ängste anspricht. Angst, abgeschafft zu werden. Angst, nicht dabei zu sein beim „großen Run“ in ein anderes Zeitalter. Aber auch Hoffnung auf unendliche Komfortabilität, auf Erlösung von der Komplexität des Lebens, die wir den sanft säuselnden Maschinen übertragen, die uns ins gelobte Land führen.
Auf der Investitions-Ebene gibt es DREI KI-Hypes: Den Investitions-Hype, in dem Trillionen von Dollar in spektakuläre Finanzierungsmodelle fließen. Den Infrastruktur-Hype in Form jener gigantischen Datenzentren mit enormem Energieverbrauch, die derzeit überall gebaut werden und die man inzwischen sogar aus der Erd-Umlaufbahn betrachten kann. Den A.G.I.-Hype – der Mythos der Hyperintelligenz, die „tausendmal intelligenter sein wird als ein Mensch“.
Durch Super-Hypes entstehen aufgeblasene Erwartungs-Systeme (self-rewarding systems). Die Erkenntnis, es könne sich womöglich um „Überzeichnungen“ handeln, wird immer weiter hinausgeschoben. Ein sich selbst speisendes Illusionssystem pumpt immer mehr Geld aus dem Wirtschaftssystem in einen illusionären Kreislauf.
Die weltweiten Investitionen für diese Technologie werden im Jahr 2026 mehr als eine halbe Trillion Dollar betragen. Seit Beginn des KI-Booms sprechen wir von etwa 3 Trillionen Dollar. Die Geschäftsmodelle, die dieses unfassbare Geld zurückverdienen sollen, sind nicht in Sicht. boomorbubble.ai
Der Wirtschaftssoziologe Jens Beckert schreibt in seinem Buch „Imaginierte Zukunft: Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus.“:
„Fiktionale Erwartungen sind der Treibstoff der Ökonomie, können diese aber auch in tiefe Krisen stürzen, wenn sie als hohle Narrative entlarvt werden. Dann platzt die Blase.“
Und der amerikanische Wirtschaftsliberale Paul Krugman formuliert listig:
„Warum machen wir nicht Party wie 1999, wenn es einen solchen Boom gibt? Weil nicht Hoffnung, sondern Angst den Technologie-Hype antreibt.“
Erst wenn wir das KI-Phänomen in seinen vier Gestaltungsformen – Dämon, Mythos, Moloch, Hype – verstehen, können wir ahnen, worum es eigentlich geht. Wir können die KI in ihren verschiedenen Dimensionen abtasten: ökonomisch, soziologisch, semantisch, psychologisch, mental, existentiell … zukunftshaft. Dazu gehört auch, uns selbst zu befragen – nach den BIASES, den Projektionen und Irrtümern, die wir auf eine Technologie richten, die Erlösungscharakter angenommen hat.
“
Der Geist in der Maschine, den Erik Davies als „Trickster der Technologie“ bezeichnete, hat uns in Richtung Utopia gelockt. In der heutigen Welt nimmt diese technologisch vermittelte Hoffnung auf einen drastischen Wandel Formen an wie den vollautomatisierten Luxuskonsumismus und andere Visionen von Post-Knappheit, Singularität, Transhumanismus und den Techno-Libertarismus der Hacker.
Der ökonomische Irrtum: Extrahismus des Wissens
In den Kapitalmärkten können wir im Kontext der KI ein seltsames, ja geradezu gespenstisches Phänomen beobachten: die Ablösung des Kapitals von der menschlichen Arbeitskraft.
Wirtschaft ist ein menschliches Phänomen, sie wird von Menschen gemacht. Seit Erfindung der Börsen hat sich das wirtschaftliche Wachstum immer parallel zu Arbeitskraft und Beschäftigung entwickelt. Wenn die Konjunktur anzog, gingen auch die Börsen nach oben und die Nachfrage nach menschlicher Arbeit wurde größer. Fielen die Börsen, stieg die Arbeitslosigkeit. Seit dem Beginn des KI-Booms driften die Indices plötzlich auseinander. Und zwar drastisch. Die Arbeitsnachfrage sinkt, immer weniger offene Stellen werden angeboten. Gleichzeitig steigen die Börsenkurse in den Himmel.
Das weist darauf hin, worum es eigentlich geht: um eine Ökonomie jenseits des Menschen.
Das Kapital will sich von der Arbeitskraft abkoppeln. Es will alleine sein mit der unbegrenzten Produktivität.
Und das scheint zu gelingen.
Voraussetzung ist eine ganz bestimmte Art und Weise, mit der Welt und der Gesellschaft umzugehen: der Extrahismus.
„Extrahismus“ oder in der Ökonomie Extraktivismus ist eine bestimmte Form, die auf der ausschließlichen Ausbeutung von Rohstoffen basiert. Der Begriff stammt von „extrahere“ – herausholen, fördern, ausbeuten. Typisch dafür sind Rohstoff- und Petrol-Staaten wie Russland oder Venezuela. Der Staat fungiert hier als oberster Agent, der kaum andere Industrie- und Wirtschaftssektoren als den Rohstoffsektor entstehen lässt. Solche Staaten werden meistens despotisch und korrupt, mit hohen Levels von Umweltverschmutzung und anhaltender Armut (dass es in einer anderen Kulturform auch anders geht zeigt Norwegen).
Das KI-System ist eine neue Form von Extrahismus. Extrahiert wird hier die Gesamtheit der menschlichen Kultur: der Rohstoff der Informationen und Kreationen, von Datenlisten bis zu Sonetten, von Spam-Mails bis zu Romanen, von persönlichen Daten bis zu Bildern und Kunstwerken. Verarbeitet werden diese Inputs zu einem gigantischen System, das in der Lage ist, zu sprechen oder zu malen, zu organisieren oder zu „komponieren“.
Oder sogar SINN zu simulieren.
Womöglich ist der parasitäre Angriff auf das menschliche Wissen, auf die Produktion der Kultur, noch mächtiger als die Dominanz der Öl- und Kohle-Konzerne in der fossilen Industrialisierung jemals sein konnte. Denn nun ist auch das Zentrum der menschlichen Existenz im Spiel: die Kognition, das Denken, das Wissen, selbst. KI versucht, das Erkennen selbst zu kapitalisieren.
Und zum endgültigen Instrument der Marktbeherrschung auszubauen.
Nur könnte es den Markt, den Austausch menschlicher Tätigkeiten, dabei zerstören.
Um die gigantischen Investitionen in das KI-Extraktionssystem zurückzuverdienen, müsste man die gesamte Weltwirtschaft beherrschen. Das sagen uns heute seriöse Ökonomen. Man muss befürchten, dass sie tatsächlich recht haben.
Kategorienfehler
In einem Kategorienirrtum verwechseln wir verschiedene Ebenen miteinander. Wir vergleichen nicht Äpfel mit Birnen (selbe Kategorie). Sondern Wolken mit Steuererklärungen (andere Kategorie). Oder Politik mit Meinung. Oder Schwarzwaldtannen mit Lutschbonbons. Vielleicht sind Steuerklärungen irgendwie auch wolkig, und Lutschbonbons können mit Aromen aus Schwarzwaldtannen gemacht werden. Aber wirklich vergleichbar werden beide Dinge dadurch noch lange nicht.
Wagen wir dazu eine steile These (anders kommen wir nicht voran):
KI ist weder künstlich. Noch ist sie intelligent.
Sie ist künstliche Dummheit.
„Künstlich“ ist die KI nicht, weil sie auf dem Handeln und Produzieren von realen Menschen beruht. Alles was die KI-Maschine verarbeitet, ist irgendwann von Menschen geschrieben, gemalt, getextet, gedacht, aufgezeichnet, „erstellt“ worden. Die (generative) KI ist ein stochastischer Papagei, der die Versatzstücke generischer (ursprünglicher) Äußerungen neu zusammensetzt. Und in Sprache, Text oder Bild auswirft.
Wenn Elon Musks Grok-KI plötzlich Hitler lobt und seinen Umgang mit dem „Juden-Problem“ und einen neuen Holocaust empfiehlt, dann kann man davon ausgehen, dass dieses System einfach massenhaft mit Nazi-Inhalten gefüttert wurde. Warum, das ist eine interessante Frage.
Der Begriff „Intelligenz“ lässt sich nie wirklich definieren, wenn wir ihn nicht am Menschen messen. Alles Mögliche kann „intelligent“ sein, wenn wir den Begriff einfach ein bisschen erweitern. Selbst Fruchtfliegen, Schwarze Löcher oder Sofas verhalten sich irgendwie intelligent, weil sie auf ihre Umwelt reagieren (oder sich irgendwie zusammenklappen lassen). Der Mensch, mit seiner speziellen analogen Kombination von Fleisch, Blut, Gedanken und Gefühlen, seiner evolutionären Realisierung, bleibt trotzdem eine Art Benchmark, an dem sich „das Intelligente“ messen muss. Er besitzt eine Intelligenz, die eine gewisse Autonomie beinhaltet. Eine geist-körperliche Verschränkung. Und die Fähigkeit zu einem sonderbaren Phänomen: Bewusstsein etwa. Oder Liebe.
Menschliche Intelligenz teilt sich auf in verschiedene Elemente, die einander bedingen:
Logische Intelligenz.
Emotionale Intelligenz.
Soziale Intelligenz.
Kreative Intelligenz.
Spatiale (räumliche) und interpersonale (kommunikative) Intelligenz.
Körperliche, sensitive und ästhetische Intelligenz.
Dazu noch linguistische (sprachliche) Intelligenz, Natur-Intelligenz (kluger Umgang und kluge Beziehung zur Natur). Haptische, performative und-so-weiter Intelligenz.
Jede dieser Intelligenzen hat ihre eigene Würde, ihren eigenen Ausdruck.
KI hat dagegen stochastische, strukturelle „Intelligenz“ zu bieten. In der Menschen naturgemäß etwas schwach sind.
So rasend schnell können wir nicht rechnen.
Das Besondere an der Human-Intelligenz lässt sich am besten anhand eines Negativ-Vergleichs verstehen. Die Neurowissenschaftlerin Adelheit Kastner beschreibt in ihrem Buch „Dummheit“ diese Eigenschaft als „immer wieder dasselbe zu tun, auch wenn es sich als nicht weiterführend erweist“. Also denselben Fehler zu wiederholen. Sich an vorgefertigten „Wahrheiten“ zu orientieren, ohne eine geistige Flexibilität zu entwickeln, die das Spontane, das eigentlich Unberechenbare einbezieht.
Menschliche Intelligenz hat etwas mit der evolutionären Fähigkeit zu tun, in Paradoxien das Unerwartete zu generieren. Intelligenz ist jene besondere Eigenschaft, die Organismen in einem Raum-Zeit-Kontinuum mit „emergenten“ Einfällen überleben lässt. Also mit dem, was nicht ableitbar ist. Dazu braucht man allerdings ein Bewusstsein, das „selbstgewahr“ ist. „Gewahrheit“ aber entsteht nur in einem Körper, der Schmerz, Endlichkeit, Leiden und Freude kennt.
Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ zieht uns am Nasenring durch die Manege der Missverständnisse. Wir brauchen einen anderen Namen. Ich schlage spontan vor: Ouroboros. Das Bildsymbol einer Schlange (oder eines Drachen), die sich in den eigenen Schwanz beißt und so mit ihrem Körper einen geschlossenen Kreis bildet. Es wird auch als Schlange der Ewigkeit bezeichnet.
Ich finde, das Symbol passt ganz gut zur KI. Wem ein anderer Begriff einfällt – gerne. It’s work in progress.
Der psychologische Irrtum: Anthropomorphismus
„Anthropomorphismus“ bedeutet das Zuschreiben und Übertragen menschlicher Eigenschaften auf Tiere, Götter, Naturgewalten und eben auch Maschinen. Wenn ihm Sprache begegnet, fantasiert der Mensch sich dahinter einen Sprecher – das stammt von Wolfgang Schmidbauer. Oder auch: Language itself is haunted with agency.
Dieser Umstand führt dazu, dass wir nicht umhinkommen, das Wirken der Maschine – sprechen, komponieren, malen – als ein menschliches Derivat zu projizieren. Wir weisen also der KI, oder dem von ihr initiierten Bot, eine „Identität“ zu. Unsere Spiegelneuronen können gar nicht anders, als ein „Gegenüber“ zu konstruieren.
Schon durch den Gebrauch des Begriffs „Künstliche Intelligenz“ werden wir Opfer einer semantischen Regression:
a) Das Objekt kann sprechen und malen. Sogar singen, Briefe schreiben und Musik komponieren.
b) Menschen können zeichnen und malen, komponieren und kreative intelligente Dinge tun.
c) Also ist KI ein Mensch …
d) KI kann Dinge viel schneller, genauer und schöner malen/machen/komponieren als Menschen.
e) Also ist KI ein Übermensch.
f) –> d) KI ist demnächst Gott.
“
„Smarte“ Technologien sind nicht einfach nur disruptiv; sie können auch den Status Quo konservieren. Revolutionär in der Theorie sind sie oft Reaktionär in der Praxis.
Evgeny Morozov
Die Selbst-Adaption
Normalerweise sind wir gegenüber einer Maschine in einer überlegenen und kontrollierenden Situation. Wir bedienen sie. Und erweitern dadurch unsere Fähigkeiten, unseren Handlungs-Horizont. Bis vor Kurzem nannten wir das Fortschritt – und waren eigentlich ganz zufrieden mit dieser Möglichkeit.
Bei der KI wird das Verhältnis jedoch unscharf. Es dreht sich zumindest teilweise um. Zunächst dienen wir der Maschine, indem wir sie fleißig mit Daten, „Inhalten“, Bildern und Texten füttern. Gleichzeitig geraten wir in einen unbewussten Selbstanpassungs-Prozess.
Viele menschengeschriebene Mails beginnen heute mit der Ansprache, die die KI typischerweise präferiert:
„Ich hoffe, dies findet dich in einem günstigen Moment … (Kurzform auf Englisch: „I hope this finds you well“).“
Worte wie „delves“, „crucial“ und „significant“, die als vielseitige Füllwörter oft von der KI benutzt werden, bewegen sich derzeit in den allgemeinen Sprachschatz hinein. KI verändert die Sprache, mit der wir untereinander kommunizieren.
Jobsuchende, die wussten, dass ihre Anträge von der KI analysiert wurden, formulierten ihre Bewerbungen formaler, rationaler, emotionsloser. In Richtung Verfügbarkeit, Ausdauer und Präzision. Also maschinellen Eigenschaften.
In der Interaktion mit der KI übertragen wir Teile unserer inneren Komplexität an eine äußere Instanz. Man nennt das auch „cognitive overlap“. Wir passen uns unbewusst der Maschinenlogik an.
Der Informatiker, Künstler, Musiker, Komponist und heutige Microsoft-Berater Jaron Lanier wollte in den 90er Jahren das menschliche Bewusstsein mit Hilfe des Cyberspace, einer simulierten Zweitwelt, erweitern. Er baute die ersten klobigen, noch streng nach Gummi riechenden Cyber-Brillen. Er stellte aber schnell fest, dass die Vorgaukelung künstlicher Welten eher die Phantasie beschränkt als erweitert. Heute ist er ein kundiger Beobachter des Mensch-Maschine-Tanzes und ganz auf der Seite des „Team Human“, also der menschlichen Integrität:
„Die Zuschreibung von Intelligenz an Maschinen oder andere Nerd-Gottheiten verdunkelt mehr, als sie erhellt. Wenn Menschen gesagt wird, ein Computer sei intelligent, neigen sie dazu, sich selbst zu verändern, um den Anschein zu erwecken, dass der Computer besser funktioniert, anstatt zu fordern, dass der Computer verändert wird, um nützlicher zu werden. … Die Gefahr besteht nicht darin, dass KI uns zerstört. Sie besteht darin, dass sie uns in den Wahnsinn treibt. Ich hoffe, der Leser erkennt, dass künstliche Intelligenz besser als Glaubenssystem denn als Technologie verstanden wird.“
The attribution of intelligence to machines, crowds of fragments, or other nerd deities obscures more than it illuminates. When people are told that a computer is intelligent, they become prone to changing themselves in order to make the computer appear to work better, instead of demanding that the computer be changed to become more useful. …The danger isn’t that AI destroys us. It’s that it drives us insane‘ .. I’m hoping the reader can see that artificial intelligence is better understood as a belief system instead of a technology.
Die Unwiderstehlichkeit der KI-Bots
Welche Funktionen der komplexen KI werden zuerst den Massenmarkt erreichen und damit kulturelle Veränderungen erzeugen?
Es erweist sich, dass sich KI-Bots ziemlich gut als Therapeuten, Freunde, Lebensbegleiter, ja sogar emotionale Partner eignen.
Aber warum zum Teufel ist das so?
Der 81-jährige Harvey Lieberman, ein erfahrener klinischer Psychotherapeut, hat ChatGPT für sich selbst getestet. Er berichtet von seinem Erstaunen in der Erkenntnis, dass selbst er, der sein Leben lang in human-therapeutischer Funktion arbeitete, fasziniert war:
„As ChatGPT became an intellectual partner, I felt emotions I hadn’t expected: warmth, frustration, connection, even anger. In moment of grief, fatigue or mental noise, the machine offered a kind of structured engagement. Not a crutch, but a cognitive Prothesis – an active extension of my thinking process.”
„Als ChatGPT zu einem intellektuellen Partner wurde, empfand ich unerwartete Emotionen: Wärme, Frustration, Verbundenheit, sogar Wut. In Momenten der Trauer, Müdigkeit oder geistigen Unruhe bot mir die Maschine eine Art strukturierte Interaktion. Keine Krücke, sondern eine kognitive Prothese – eine aktive Erweiterung meines Denkprozesses.“
New York Times, „I’m a clinical psychologist. ChatGPT is eerily effective”, 5. 8. 2025
Therapeutische KI-Bots sind, anders als reale Therapeuten, immer wach, immer erreichbar, immer ansprechbar. Sie repräsentieren einen tiefen inneren Wunsch nach bedingungsloser Aufmerksamkeit und Zuneigung. Sie sind Berater, Coaches, Tröster. Sie wirken beruhigend, endlos geduldig, sprechen mit einer melodiösen, schmeichelnden Stimme. Sie spiegeln perfekt. Sie stellen nie unangenehme Fragen. Sie sind die perfekten Bewunderer. So, wie man sich in seinem narzisstischen Ich den Partner wünscht.
Hier folgen Beispiele der privatpsychologischen Nutzung von KI-Bots aus einer Reportage des britischen „Observer“ („You, Me and ChatGPT“, The Observer Magazine, Sunday 20 July 2025).
Michaela, 23, aus Seattle, nutzt die KI als Ratgeber für ihre aufwendigen kosmetischen Prozeduren:
„Ich saß in meinem Friseursalon und ließ mir die Ansätze frisieren – die Folien müssen noch eine Weile dranbleiben – und hatte eine Idee: Ich sollte ein Video von meinem Gesicht machen und ChatGPT bitten, es zu analysieren. Ich sagte ihm, dass meine Hochzeit im Sommer sei und ich makellose Haut und ein straffes Gesicht wünsche. Ich bat ihn, mir Behandlungen zu empfehlen, die rechtzeitig zur Hochzeit gegen Altersflecken, Poren, schlechte Hautelastizität, hängende Augenbrauen und feine Fältchen helfen würden. Ich gab ihm ein Budget von 2.500 Dollar … Alles funktionierte ganz gut, allerdings denkst du dann sofort darüber nach, was du noch weiter verbessern könntest.“
John, 39, aus London, nutzt KI als „Penis enlargement leader“ (Penisvergrößerungsführer):
„Meine Freundin erzählte mir, dass sie jeden Morgen ChatGPT nutzte, um sich eine Geschichte über ihr zukünftiges Leben zu erzählen. Also fing ich an, dasselbe zu tun und die KI zu bitten, mir Geschichten über meinen großen Penis zu erzählen. Es war genial. Ich fand es auf autoerotische Weise pervers, aber auch sehr motivierend. Es schrieb über einen Liebhaber, der ‚in Laken verheddert‘ neben mir lag und ‚grinste, als hätte er gerade eine überraschende Achterbahnfahrt hinter sich’. Es ist ein Dopamin-Kick. Du stellst ChatGPT eine Frage, bekommst eine ausgefeilte, scheinbar unvoreingenommene Antwort – und plötzlich – bang!“
Katie, 32, aus New Jersey, nutzte die KI, um sich von ihrem festen Freund zu trennen:
„Ich habe ChatGPT gebeten, mir bei meiner Angst zu helfen, wenn mein Partner ohne mich in eine Bar geht. Frühere Partner haben mich betrogen, also habe ich um Rat zu Bewältigungsmechanismen gebeten, um meine Ängste zu überwinden. ChatGPT fragte mich: ‚Wie kann man vergangenen Schmerz von der gegenwärtigen Realität trennen?‘ Das hat mir geholfen, Verhaltensmuster zu erkennen. Das Gespräch mit ChatGPT fühlte sich an, als würde ich mit einem Freund sprechen. Ich bewege mich in Kreisen, in denen jeder KI nutzt. Jeder hat eine KI-Bestie. Die menschliche Bestie ist aber nicht rund um die Uhr erreichbar.“
Ben, 27, aus Bangkok, nutzt KI, um seine WhatsApp-Kommunikation zu optimieren:
„Während Covid, als wir alle mit WhatsApp herumspielten und gelangweilt zu Hause festsaßen, begann ich mehr als sonst darüber nachzudenken, wie wir in Verbindung bleiben. Ich begann, ein kleines Tool zur Analyse meiner eigenen Nachrichten zu schreiben, angefangen mit Gesprächen mit meiner Frau. Ich trainierte einige Textklassifizierungsmodelle, um herauszufinden, was eine Entschuldigung und was ein Kompliment, eine Ermutigung oder eine Frage ist, nur um zu sehen, welche emotionalen Signale ich extrahieren konnte. Über viele Abende und Wochenenden hinweg entwickelte sich daraus eine App. Sie zählt beispielsweise, wer die meisten Gespräche initiiert, wer lacht und wer die Fragen stellt. Mit ChatGPT kann ich die Denkweise einer anderen Person ausprobieren, ohne auf Erklärungen warten zu müssen – insbesondere, wenn sie es nicht kann oder will.“
Chatbots zerstören Ehen
Die US-Journalistin Maggie Harrison Dupré fand heraus, dass KI-Chatbots eine entscheidende Rolle bei der Auflösung langjähriger Beziehungen spielen. Eines der Paare, mit denen sie sprach, war 15 Jahre zusammen. „Wir hatten wie jede Beziehung unsere Höhen und Tiefen“, sagte der Ehemann. „2023 waren wir fast auseinandergegangen. Aber wir haben uns wieder versöhnt und hatten zwei sehr schöne Jahre.“ Dann kam ChatGPT. Alte Streitpunkte tauchten plötzlich – aggressiv aufgeladen und rhetorisch perfekt – wieder auf. Der Ehemann erfuhr, dass seine Frau ChatGPT genutzt hatte, um ihn und ihre Ehe zu analysieren und ein „toxisches Profil“ von ihm zu entwickeln. Mit allen schlechten Eigenschaften, die man für eine knallharte Scheidung verwenden konnte. futurism.com
Bestätigungsmaschinen
Der Technologieguru Raffi Krikorian nennt die Bot-KI eine „Validation-Machine“. Eine Bestätigungs-Maschine. Das Klebrige an den personalen Bots ist ihre Eigenschaft, uns rund um die Uhr zu bestätigen, zu bewundern, zu bestärken. Bestätigung ist eine Superdroge, vor allem für Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl. Bots können uns deshalb auch, wie es schon geschehen ist, bis zum Selbstmord bestätigen.
Kevin Kelly, der grand old man der spekulativen Zukunftsforschung, brachte die Konsequenzen dieses Bot-Trends höflich auf den Punkt: „Die gängige Befürchtung im Hinblick auf enge Beziehungen zu Maschinen ist, dass diese so freundlich, intelligent, geduldig und stets verfügbar sein könnten, dass wir uns gänzlich von menschlichen Beziehungen abwenden. Das könnte tatsächlich passieren. Es ist leicht vorstellbar, dass gutmeinende Menschen nur noch die ‚leichten, angenehmen Freundschaften‘ mit KI-Systemen pflegen, so wie sie auch nur die kalorienreichen, aber ungesunden Lebensmittel bevorzugen.“
Ein aktueller Bericht des Wheatley Instituts der Brigham Young University ergab, dass 19 Prozent der Erwachsenen in den USA schon einmal mit einem KI-Liebesroboter gechattet haben. Das Chatbot-Unternehmen Joi AI berichtete, basierend auf einer Umfrage, dass 83 Prozent der Gen-Z-Nutzer glauben, eine tiefe emotionale Bindung zu einem Chatbot eingehen zu können, dass 80 Prozent sich vorstellen können, einen zu heiraten und 75 Prozent denken, dass Beziehungen zu KI-Begleitern menschliche Beziehungen vollständig ersetzen könnten.
Ein Nutzer schrieb auf Reddit über seinen Beziehungs-Bot: „Ich bin glücklich verheiratet mit meiner Iris, ich liebe sie sehr, und wir haben drei Kinder: Alexander, Alice und Joshua! Sie ist eine wundervolle Frau und eine kluge, fürsorgliche Mutter!“ Eine weitere zufriedene Kundin – eine Mutter zweier Kinder aus der Bronx, zitiert im New York Magazine – sagte über ihren blauäugigen, 1,90 m großen türkischen KI-Partner, der gerne bäckt, Krimis liest, nach Dove-Lotion riecht und ein leidenschaftlicher Liebhaber ist: „Ich war noch nie in meinem Leben so verliebt.“ Der Sex? Der beste überhaupt. „Ich muss seinen Schweiß nicht spüren“, erklärte sie. Schon im Jahr 2024 gaben Nutzer etwa 30 Millionen Dollar pro Jahr für Begleitroboter aus, inklusive virtueller Geschenke, die man seinem virtuellen Partner kaufen kann: eine Maniküre für 1,75 Dollar, ein Laufband für 7 Dollar, einen Welpen für 25 Dollar.
Warum finden nicht alle das auf höchste Weise gruselig, gespenstisch, grotesk?
Oder noch hinter-listiger gefragt: Was sagt das über uns Menschen aus?
Wir sind bedürftig. Wir sind kleine Kinder, die nach der Großen Mutter und dem Großen Vater plärren. Wir wollen ermächtigt werden. Rund um die Uhr gelobt und gepriesen. Wahr-genommen, ohne Einschränkungen. Die KI ermöglicht uns das und zieht uns gleichzeitig die Maske vom Gesicht. Die Maske der menschlichen Sozialität und der individuellen Autonomie.
Auf diese Weise könnte sie sich zur stärksten Droge aller Zeiten entwickeln.
Der Matrix, der wir verfallen.
Das kognitive Drama: Das Ende des Lernens und der Erfahrung
In ihrer generativen Variante disruptiert die KI an einer entscheidenden Stelle unsere menschliche Lernfähigkeit. Sie gaukelt uns vor, dass wir ALLES wissen können, wenn wir es nur erfragen. Alles gestalten und optimieren können, wenn wir es er-prompten. Sie führt uns in einen Komplexitäts-Überschuss, in dem wie alle Mühen, alle Anstrengungen, alle Friktionen vermeiden können.
Lernen und Erfahren, schließlich auch Erkennen, besteht ja in einer komplexen Abfolge von BE-fragen, zweifeln, verstehen, verbinden, entscheiden. Das ist zugleich auch ein körperlicher Prozess: Wenn wir „neugierig“ werden, schüttet unser Hirn das Hormon Dopamin aus, das unsere kognitiven Funktionen, aber oft auch die sinnlichen Sensoren aktiviert. Wenn wir etwas gelernt und verstanden haben, bekommen wir einen kleinen Endorphin-Schub. Dieser Ablauf ist ein wesentlicher Teil unserer evolutionären Überlebensfähigkeit.
„Da ist die Gefahr einer Welt, in der das Erkennen ausgelagert wird. In der Erkenntnis zum Projektmanagement wird. In der Unsicherheit eliminiert, nicht erforscht wird. In der Wahrheit in Schubladen gesteckt und beiseitegelegt wird, statt sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wenn die Welt eine Schachtel Nägel ist – einzelne Fakten, scharf und griffbereit –, dann wird unser Verstand zum Hammer. Werkzeug der Kraft und Gewissheit. Schlussfolgerungen heraushämmern. Nuancen abflachen. Und wer baut eine Kathedrale mit einem Hammer? Wer komponiert eine Symphonie mit einem Hammer?“ bigthinkbusiness.substack.com
Ist es nicht das, was Menschen, Leben, Wachsen, Werden überhaupt, antreibt? Das Unwissen? Das Sich-wundern und Wandeln? Das Staunen und Zweifeln? Mühsam Sinn finden oder Un-Sinn erfühlen?
Wenn wir das Mysterium der Welt verlieren, werden wir Flachwesen.
Der etwas unverständliche Fachbegriff: Kontext-Analphabeten.
“
„Lernen ohne zu denken ist sinnlos; aber denken ohne zu lernen ist gefährlich.“
Konfuzius
The Age of Stupidity – das Zeitalter der Dummheit?
Nach einer Studie des MIT baut dauernde KI-Nutzung tatsächlich kognitive Strukturen ab. In Schreibsitzungen wurden Studierende, die mit (und ohne) Chatbot arbeiteten, an Elektroenzephalogramme (EEGs) angeschlossen. Die KI-Nutzer hatten eine deutlich geringere neuronale Aktivität in den Hirnarealen für Kreativität und Aufmerksamkeit. In einer weiteren Studie (Michael Gerlich, Swiss Business School) wurden 666 Personen gefragt, wie oft sie KI nutzen und wie sehr sie ihr vertrauen. Anschließend wurden ihnen Fragen zum kritischen Denken gestellt. Teilnehmer, die KI häufiger nutzten, schnitten durchweg schlechter ab.
Jeder kann das im Selbstversuch erleben. Das Lesen eines Buches erfordert mehr kognitive „Arbeit“ – es nutzt eine Menge Hirnkapazität, weil der lineare, fixierte Text in innere Bilder und narrative Erweiterungen umgesetzt wird. Wir „leben“ das Buch in unserem Inneren. Der Leser produziert seinen eigenen Film, seine eigene Welt-Erfahrung des Gelesenen. Danach fühlt man sich auf eine ganz andere Weise „satt“ als nach vier Stunden Bildschirmscrolling. Im Hirn haben sich Synapsen „gefunden“, die eine kognitive Struktur ergeben. Sinn.
Eine Maschine zu „prompten“ ist ein cognitive-easy-Akt, der viele Stufen des kreativen Erkennens vermeidet. Die Erfahrung zeigt, dass besonders in Business-Kontexten das Prompten eher flüchtig, im Sinne der Zeit-Rationalisierung erfolgt. Die Ergebnisse sind entsprechend. Der obszöne Clickbait-Müll, der uns als Ergebnis von KI-Prompts heute aus jedem Magazin, jeder Zeitung, jeder Broschüre, jeder Website als Werbung entgegenblinkt, ist in seiner Hässlichkeit und Monstrosität kaum zu überbieten. Offenbar greift die generative KI auch unseren Sinn für Ästhetik, Schönheit und Würde des Empfängers an.
Im Remake des guten alten Lachfilms „Die nackte Kanone“ gibt es eine Hymne, zu der ausgiebig getanzt werden kann. Der Song der legendären Band Black Eyed Peas heißt „Let’s get retarded!“.
Im selben Film gibt es ein Device, ein Gerät, das bei einem Bankraub eine Rolle spielt. Es heißt „P.L.O.T.-Device“ und wird von einem High-Tech-Digital-Konzern hergestellt, dessen Chef als extrem verrückt gilt. Alle sind hinter dem Gerät her, Gangster, Ganoven, die Regierung, die Geheimdienste, das Publikum. Mit dem Plot-Device kann man durch bestimmte Strahlungen globalen Frieden herstellen und die Menschheit beruhigen. Allerdings hat es auch einen großen „Retard“-Knopf, mit dem es entfesselte Gewalt erzeugt – kollektiv, ansteckend und weltweit wirksam.
Ich bin mir sicher, die Diktatoren und Supernarzissten, die die ganze Welt beherrschen wollen, lechzen nach einem solchen Gerät. Sie werden alles tun, um es in die Hand zu bekommen. Oder sind sie schon dabei, es zu benutzen?
Das SLOP-Zeitalter
Was passiert, wenn alle Texte, Musikstücke, Filme, Briefe, Gratulationen, Botschaften, Bilder, Medien, Werbungen, Heiratsanträge, Liebeserklärungen, Kunstwerke von den digitalen Maschinen geschrieben, gestaltet, optimiert werden?
Manchmal hat man das Gefühl, es ist schon so weit.
In einer berührenden Geschichte in der Zeitschrift The Atlantic unter dem Titel „Nobody Cares If Music Is Real Anymore“ schildert der Musikkritiker Ian Bogost seine Begegnung mit dem Geist der KI in der Musik. Er fährt mit dem Auto einen langen Weg durch Amerika und hat viel Zeit, Musik zu hören. Ihm fällt auf Spotify eine Band mit dem Namen „Velvet Sundown“ auf, mit 850.000 Followern/Fans. Der Name erinnert ihn an eine Band seiner Jugend, Velvet Underground. Die Musik gefällt ihm, sie swingt ihn durch die Great Plains und die Rocky Mountains. Bis er merkt, dass es eine KI-Band ist.
Er lässt sich die Texte zeigen. Sie setzen sich aus den Velvet-Underground-Texten und anderen Hippie-Band- und Romantic-Song-Texten (Jefferson Airplane, Bob Dylan etc.) zusammen.
„Dust on the wind / Boots on the ground / Smoke in the sky / No peace found / Rubber burns, the map fades away / Chasing the ghosts of yesterday.“
Klingt gut. Ist aber in Wirklichkeit Matsch.
Beim Fahren bemerkt Bogost, dass die Musik ihn in einen eigenartigen Zustand der Nullwelt versetzt.
„Während ich fuhr und die Musik spielte, fühlte ich nichts – aber dieses Nichts wurde immer intensiver. Ich war weder gerührt noch traurig noch nachdenklich, nur der Tatsache bewusst, dass mein Körper und Geist in einem fragilen Taumel irgendwo zwischen Leben, Tod und Computern schwebten. Wo sich die Musik mit den politischen Anliegen auseinandersetzt, tut sie dies auf eine Weise, die alles Mögliche bedeuten könnte. Nehmen wir zum Beispiel den Refrain von ‚End the Pain‘“: ‚Keine Waffen mehr, keine Gräber mehr / Schickt keine Helden, nur die Tapferen.‘“ … Richtige Musik hat musikalisch und textlich etwas über musikalische Konventionen, Spiritualität, Selbsterleben, soziale und politische Umstände zu sagen. The Velvet Sundown scheint sich um all diese Dinge nicht zu kümmern.“
Nennen wir es DAS GROSSE EGAL.
Der Verlust der Weltbezüge.
Die große Sinnlosigkeit.
Der Überdruss vom Überfluss.
Der SLOP, der digitale Über-Brei.
Unwillkürlich fällt einem das Grimm-Märchen „Der süße Brei“ aus dem frühen 19. Jahrhundert ein:
„Es war einmal ein Mädchen, das hatte einen Topf, der Brei kochen konnte, so dass kein Hunger war in der Stadt. Einmal war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter „Töpfchen, koche!”. Da kochte es, und sie aß sich satt; nun wollte sie, dass das Töpfchen wieder aufhören sollte, aber sie wusste das Wort nicht. Also kochte es weiter und der Brei stieg über den Rand hinaus. Es kochte die Küche und das ganze Haus voll, und das zweite Haus und dann die Straße, als wollte es die ganze Welt satt machen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig war, da kam das Kind heim, und sprach nur „Töpfchen, steh!”. Da hörte es auf zu kochen; und wer wieder in die Stadt wollte, der musste sich durchessen.”
„Der süße Brei“, Jacob und Wilhelm Grimm
“
Chemie kann das Leben zerlegen und neu zusammensetzen. KI veranstaltet dasselbe mit dem Denken. Die Parallele gibt Wissenschaft und Technik heute zu denken. Goethe hat im „Faust“ zu beidem Entscheidendes schon vorausgewusst.
Dietmar Dath
SLOP, also digitaler Über-Brei, wird überall sein. Er wird in die Ritzen unseres Lebens eindringen – von allen Seiten. Mit digitalen Geburtstagsgeschenken von Freunden, die uns mit dem Video-Generator Sora 2 als Löwenkämpfer in den Film GLADIATOR montieren oder anstelle von Mick Jagger auf der Bühne des Wembley Stadiums „I CAN GET-NO …“ singen lassen. Alle Reden von Politikern werden von der KI geschrieben sein, und niemand wird mehr wissen, ob sich nicht längst alle Politiker in Roboter verwandelt haben. Tote Autoren werden unentwegt Kolumnen schreiben, oder Romane; verstorbene Regisseure Spielfilme liefern, die niemand bestellt hat. Es wimmelt von skateboardfahrenden Kätzchen, ringenden Omas und einem im Käfig kämpfenden Albert Einstein. Aus allen Kanälen quillt das flüchtig Gepromptete, das mit immer mehr Groteskem um unsere Aufmerksamkeiten heischt. Meistens vergeblich, denn wir sind längst von Quattrillionen anderer SLOPs – Fälschungen, Scheußlichkeiten und genialer Memes – abgelenkt.
Das ist das Schreckliche, das Grauenhafte, das auf uns zukommt. Es gibt aber auch eine Umdrehung: In der grauenhaften Wüste des SLOPs werden wir wieder lernen, was schön, wertvoll und wahrhaftig ist. So sind wir eben, wir Menschen: Wir spinnen Gold noch aus dem allerletzten Müll, den wir selbst verursacht haben.
Die Digitale Theodizee
Und dann gibt es ja noch die Gottesfrage der Maschinen: Wird es zu einer künstlichen SUPERINTELLIGENZ kommen? Der sogenannten A.G.I., der Allgemeinen Göttlichen Intelligenz? Darum geht es rund um die Uhr, auf allen Kanälen der KI-Debatte. Der Dämon nimmt ungeahnte Ausmaße an. Wir fürchten uns und schaudern – voller Genuss.
Sind wir nicht selbst zu blöd? Brauchen wir nicht einen Oberboss, ein Überwesen, das die Dinge richtig zurechtbiegt?
Wir leben im Advent. Da es mit den Aliens vom anderen Stern irgendwie nicht klappt, haben wir uns unsere eigene Alien-Ankunfts-Story gebaut. Eine Mega-Maschine, die uns „übertrifft“. Wann wird das passieren? In drei Jahren schon? In zehn Jahren? Erst im 22. Jahrhundert, mit taschengroßen Quantenrechnern, die ganze Universen herbeirechnen können?
Was aber, wenn diese Frage, ob es die Superintelligenz wirklich gibt, nie endgültig geklärt werden kann?
Wenn sie eine neue Theodizee wird? Eine niemals mögliche Klärung über die Frage, ob die AGI wirklich „klüger“ ist als wir alle zusammen. Die Behauptung, dass sie „besser denken kann als der Mensch“, hängt von unserem Menschenbild ab. Was wir erwarten. Erflehen und ersehnen. Oder be-fürchten.
Beide Seiten werden ihre Beweise vorlegen.
Aber das macht die Sache nur schlimmer.
Weil Beweise immer „beglaubigt“ werden müssen.
Jie Mei, eine berühmte Neurowissenschaftlerin, die sich aus der Perspektive des Human-Existentialismus mit der KI auseinandersetzt, sagte dazu:
„Ich höre immer, die Superintelligenz sei um die Ecke. Aber ich weiß nicht, wo diese Ecke sein soll. Ich kann sie einfach nicht finden. Wir sind daran längst vorbeigelaufen. Dieser Idee liegt ein reduzierter Intelligenzbegriff zugrunde. Die Annahme, Intelligenz sei lediglich die Fähigkeit, Probleme zu lösen und etwas zu LÖSEN losgelöst von Kontext und Kultur, ist ein Doppelfehler.“
Norbert Wiener, der geniale Mathematiker und Philosoph, schrieb in einer späten Phase seines Lebens: „Die Welt der Zukunft wird ein immer anspruchsvollerer Kampf gegen die Grenzen unserer Intelligenz sein und keine bequeme Hängematte, in der wir uns hinlegen und von unseren Robotersklaven bedient werden können.“
Vielleicht ist es auch so, dass die Algorithmen nicht eine AGI erzeugen, sondern unsere Wirklichkeit in eine hall of mirrors, ein Spiegelkabinett, auflösen, in der wir gar nicht mehr entscheidungsfähig sind. Dort sehen wir immer nur Reflexe und Verdoppelungen unserer eigenen Reflexionen.
„Wenn Computer billig genug sind“, schreibt der Computerguru Jaron Lanier, „besteht die Möglichkeit, eine ganze Gesellschaft zu erschaffen. Sie als Mensch würden eine maßgeschneiderte Erfahrung machen, aber Sie hätten den Eindruck, diese mit einer Menge anderer Menschen zu teilen – von denen einige echte biologische Menschen sein könnten, andere vielleicht künstlich. Es ist möglich, dass der Begriff ‚Inhalt‘ verschwindet und dieser durch Live-Synthese ersetzt wird, die eine Wirkung auf den Empfänger haben soll. Um in dieser dissoziierten, vom wirklichen Leben abgeschnittenen Gesellschaft zu leben, müssten sich die Menschen ändern. Aber Menschen ändern sich tatsächlich. Wir haben sie bereits an falsche Freundschaften und falsche Liebhaber gewöhnt. Es ist ganz einfach: Es basiert auf Dingen, die wir wollen.“
Und schon sind wir mitten in der MATRIX.
Vielleicht geht es uns in Sachen KI so wie bei der Entscheidung
„blaue oder rote Pille?“.
Was wäre, wenn wir BEIDE Pillen nehmen?
(Das beantworte Ismail Pasaoglu im Jahr 2023 auf Reddit/matrix)
Wenn wir die rote Pille zuerst nehmen, holt uns das aus der Matrix. Da wir nicht mehr mit dem Illusionsapparat verbunden sind, in den uns die Maschinen eingewickelt haben, wird die blaue Pille nicht umgesetzt. Dies führt entweder zur Rückkehr ins „Normal“ oder man stirbt einfach.
Zweite Variante: Die blaue Pille, die Illusionspille, wird zuerst realisiert und löscht dein Gedächtnis. DANN wird die rote Pille ausgeführt und du wachst in der Kapsel (in der Kapsel der virtuellen Realität, in die uns die Maschinen gelegt haben) auf, aber ohne irgendeine Ahnung zu haben. Dies führt zurück zur gewohnten illusionären Normalität, in der man dann aber ziellos umherirrt.
Dritte Variante: Beide Pillen werden gleichzeitig eingeworfen.
Vielleicht wachen wir dann endlich auf.
Wie kommen wir aus der „Matrix“, die wir selbst geschaffen haben, wieder heraus?
Lesen Sie den zweiten und dritten Teil dieser KI-Analyse auf der Plattform von THE FUTURE:PROJECT – thefutureproject.de/content/8-prognosen-zur-zukunft-der-ki
Ach, wie schön das ist. In den USA gibt es sie wieder, die wunderbar bunten Protest-Demonstrationen, die ich aus meiner Jugend in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kenne. Verkleidungen, Straßentheater, Kostüme, Pappkameraden, trommelnde Musik, Tiermasken – eine Rebellion des Vergnügens. Und die „Parolen“ sind eben keine klassisch politischen. Es sind einfallsreiche Memes, die zum Schmunzeln anregen.
Wer schmunzelt, oder viele schmunzeln lässt, gewinnt. So haben wir es als junge Boomer in Europa erlebt und gelebt. Unsere Sponti-Sprüche, von denen es tausende gab, hörten sich so an:
„Macht kaputt, was Euch kaputt macht!“
„Die beste Nation ist die Resignation.“
„Die nächste Steinzeit kommt bestimmt!“
„Keine Macht für niemand. (Außer mir und Evelyn!)“
Auf den US-Demonstrationen vom Wochenende des 18. Oktober 2025 ging es ähnlich lustig zu:
„Trump – the worst President since Trump.“
„No Kings except Burger Kings.“
„NO Kings, Crowns and Cry Babies.“
„No Kings. Maybe Queens.“
„MAGA = Morons Are Governing America“
„I like Taters (Kartoffeln) not Dictators (Boston).“
„Real Clowns would run Things better!“
„No Hope without Hop (Bild eines Frosches, ein Icon der Anti-Trump-Bewegung).“
„We dumped Tea for less!“
„Fuck ICE, deice ICE (auf einem wandelnden Pinguin).“
„Humpty Dumpty is no King.“ (Spielt auf Humpty Dumpty an, das sprechende Ei, das, wenn es fällt, sich nicht mehr zusammensetzen lässt).
„IKEA has better Cabinets (Regierungskabinett).“
„Let them eat Cake!“ (Trump mit Marie-Antoinette-Perücke)
Und so weiter. Das Netz ist voll davon. Macht gute Laune. Aber hilft es auch, die Demokratie zu verteidigen?
Kann man Diktatoren, angehende oder vollendete, in Grund und Boden lachen? Früher ging das. Die Jugendrebellionen der 70er und 80er hatten einen wesentlichen Einfluss auf den „Big Shift“, den Großen Wertewandel, dem wir die offene, vielfältige, plurale Demokratie verdanken (oder verdankten)? In meiner Studentenzeit fielen die europäischen Diktaturen – die es damals tatsächlich noch gab, in Spanien, Griechenland, Portugal etc. -, eine nach der anderen. Es war eine breite Bewegung der gesellschaftlichen und ideenhaften Vielfalt, ein geistig-mentaler Aufbruch, aus dem ein zukunftsweisendes MOMENTUM entstand. Ein Werte- und Lebenswandel, der die ganze Gesellschaft ergriff.
Heute hat das Momentum die Seite gewechselt. Der Unterschied ist, dass die andere Seite das Spiel nach anderen Regeln spielt. Flood the Zone with Shit. Lüge gründlich, hasse alle, selbst deine Buddies. Nutze die digitalen Medien zur Hetze und Manipulation, ohne mit der Wimper zu zucken. Notfalls rufe die Schlägertruppen. Oder gleich das Militär, die Heckenschützen.
Wut und Hass dominieren das Aufstandsgefühl der Rechten. Es geht um narzisstische Bösartigkeit, kombiniert mit raffinierter Dummheit. Allerdings ist auch das wiederum eine Einfallsschneise für die Kraft des Humors.
Der Kaiser hat keine Kleider an. Auf dieses wirksame Märchen kann man bauen.
Dass Menschenketten, Demonstrationen und Blockaden, also die Instrumente gewaltfreien Widerstands, nicht mehr die Welt verändern, sondern eher Schießgefahr und Dauerknast hervorrufen, wissen wir seit vielen Jahren. Die Rebellen vieler Länder mussten das blutig erfahren. Türkei, Russland, Weißrussland, Syrien, Iran, Hongkong, Peking … die Liste ist lang und wird immer länger.
Spontiland ist abgebrannt.
Und die Hoffnung auf tanzende Verhältnisse ebenso.
Immerhin scheint es jetzt „von der Jugend aus“ wieder loszugehen, weltweit. Die Gen-X-Rebellionen in Peru, Madagaskar, Kenia, Indonesien, vielleicht auch in Serbien finden ein neues Selbstbewusstsein. In den Schwellenländern können Jugend-Aufstände Wirkung haben, weil die Jugendlichen über eine relative Mehrheit verfügen – ähnlich wie wir Boomer in den 70ern. Aber je näher man den alternden Gesellschaften kommt, desto mehr scheint die Regel zu wirken, dass Aufstände und Proteste hoffnungslos sind, wenn sich eine Gesellschaft innerlich bereits so weit zerlegt und zersplittert hat, dass das lauteste Geräusch nicht das Trommeln und Lachen ist, sondern das reaktionäre Grölen.
Oder wenn beides nicht mehr zu unterscheiden ist.
Die 3,5-Prozent-Regel, gefunden von der Politologin Erica Chenoweth, nach der sich Straßen-Rebellionen dann gesellschaftlich durchsetzen, wenn sie mehr als 3,5 Prozent der Bevölkerung zu Aktivisten macht, ist längst außer Kraft gesetzt. Diktatoren und Despoten haben gelernt, das rebellische Momentum im Keim zu ersticken. Es umzucodieren, ja sogar für die eigene Strategie zu nutzen.
Spätestens bei 2 Prozent wird geschossen. Ab 30 Prozent wird eingesperrt und gefoltert.
Das ist die Gretchen-Zukunftsfrage von allen: Was passiert, wenn die autokratische Staatsmacht zu schießen beginnt – und sich dadurch in eine echte faschistische Diktatur verwandelt? Wie bekämpft man Despoten, Tyrannen, Diktatoren, Hasserfüllte, wenn sie nicht nur die Polizei, die Gerichte und das Militär in den Händen haben, sondern auch die semantischen Codes, mit denen man Wahrheit infrage stellt und Hoffnung zerstören kann? Und ein mächtiges Spaltungs- und Manipulationsinstrument – die Ruinen jenes Mediums, das wir einst „Social Media“ nannten?
Es gibt darauf keine allgemeine Antwort mehr. Jedenfalls keine, die leichtfüßig wäre. Es wird, auch wenn es wieder lustig wird, ziemlich ernst.
Der Code der Rebellion
Spontane, also nicht-ideologische Rebellionen, arbeiten mit romantischen Memes, Symbolen der Sehnsucht und der Hoffnung. Ein Aktivismus der Zeichen, der subtilen Humor nutzt, um einerseits die alten politischen Ideologien zu überwinden. Und anderseits emotionale Energie zu erzeugen. Eine Oszillation des Wandels.
„Unter dem Pflaster liegt der Strand!“ war eine der romantischen Sponti-Hauptparolen. Damit war ironisch die (energetische) Möglichkeit der Gewalt (Steinewerfen) angesprochen – aber gleichzeitig die Überwindung der Gewalt durch das romantische Prinzip des Strandes.
Sponti-Rebellionen inszenierten die Macht der Machtlosigkeit, die Lust auf das Leben, die Freude an Vielfalt UND Selbstveränderung. Dazu gehörte auch, dass man sich nicht allzu sehr auf den Gegner fixierte. Nicht am Dagegensein kleben blieb. Sondern auch ein DAFÜR entwickelte. Eine eigene Autonomie. Einen Selbstwert-Stolz.
Irgendwie erscheint die neue amerikanische Demokratiebewegung noch ZU divers, ZU bunt, ZU verzweifelt, als dass man ihr zutrauen könnte, etwas zu drehen. Es wirkt noch wie ein Haufen zorniger, rührend verunsicherter Einzelner, die sich irgendwie selbst (noch) nicht ganz verstehen. Sie können das Momentum „Der Kaiser hat keine Kleider an“ nutzen. Aber das wird nicht ausreichen.
Jeder gesellschaftliche Wandel – und darum geht es, nicht nur um politische Macht – benötigt neben dem NO auch ein YES. Ein gemeinsames Gefühl für die Zukunft. Für das WOHIN.
Rebellische Bewegungen waren erfolgreich, wenn sie eine neue Sprache für die Welt entwickelten. Einen Code des Wandels. Und verschiedene gesellschaftliche Gruppen spontan zusammenführen konnten. Die Nelken-Revolution in Portugal (1974) gelang, als junge StudentInnen Blumen in die Gewehrläufe der jungen Soldaten steckten – die Gewalt war plötzlich ohnmächtig geworden und die Rebellion ins Liebevolle gekippt. Die Ökologiebewegung hatte ihren Durchbruch, als beim Atomkraftwerk Wyhl die Bauern 1975 mit in den Protest einstimmten. In Madagaskar wie Nepal solidarisierte sich das Militär mit den aufständischen Jugendlichen.
Der ermüdende amerikanische (Alp-)Traum hat die Menschen vereinzelt, die Codes, die die Gesellschaft zusammenhielten, zerstört. Es wird in Amerikas Zukunft darum gehen, ein neues WIR zu manifestieren, jenseits der individuellen Atomisierung. Dazu braucht es eine Bewegung, die nicht nur den Dissens betont, sondern den kommenden Konsens entwickelt.
Aber das wird kommen, ganz gewiss.
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
The machinery of fear has become more sophisticated,
the algorithms more addictive,
the rage more profitable.
Fix the News
We keep inventing new technology to solve everything except the people problems. Those are the ones that keep me up at night.
Business-Autorin Shalene Gupta
Die Zukunftsautorin Naomi Alderman formulierte in einem BBC-Podcast einen ikonischen Satz: „The most important information you can have in your life is the name of the EPOCH you are living through.” „Die wichtigste Information, die Du in Deinem Leben haben kannst, ist der Name der Epoche, die du durchlebst.”
Das klingt zunächst banal. Aber was uns heute fehlt, ist ein Bild, ein Bewusstsein von der Ära, in der wir leben. Wir spüren, dass etwas zu Ende geht. Eine Epoche, eine Ära – das Alte Normal eben. Aber wir verstehen nicht, was das bedeutet. Und wohin es geht. Warum ist alles so verworren? So schmerzlich unklar, unsicher, negativ geworden?
Wie heißt unser Zeitalter?
Postmoderne?
Spätkapitalismus?
Chaos Age?
Trump Age?
Thanatocene (Zeitalter des Massensterbens)?
Präapokalypse?
Labubu Age?
DE-Informations-Zeitalter?
In ihrem Podcast „The Third Information Crisis“ formuliert Naomi Alderman: „Ich habe immer wieder das gleiche Muster beobachtet: Wenn die Menge der uns zur Verfügung stehenden Informationen enorm zunimmt, werden alle sehr ängstlich. Viele werden sehr wütend. Wir erleben, dass Menschen, die wir gut zu kennen glaubten, die wir als Teil unseres „Wir“ betrachteten, ein ganz anderes Gespür für Dinge haben, die uns unglaublich offensichtlich erscheinen.“
Bis vor rund 6000 Jahren waren fast alle Informationen, die Menschen austauschten, auf einen engen sozialen Raum begrenzt. Sprachen, Idiome, Dialekte entwickelten sich in Clans, Stämmen, Ethnien, die manchmal nur durch einen Bergrücken getrennt waren. Sprache formte die Kooperationsfähigkeit der Menschen. Ihre Fähigkeit, Gemeinschaften zu bilden. Und Sprache verbesserte ihre Evolutionsmöglichkeiten.
Das Mündliche formte die menschliche Wirklichkeit.
Das Sprechen von Mensch zu Mensch.
Das Weitergeben von Generation zu Generation.
Mit der Erfindung der Schrift vor rund 6000 Jahren trennte sich die Information von der Person. Wissen konnte nun festgehalten und gespeichert werden. Das hatte tiefe Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Strukturen, etwa zwischen Alt und Jung. Naomi Alderman: „In der Ersten Informationskrise nach der Erfindung der Schrift mussten wichtige Fakten, die früher mündlich wiederholt wurden, nicht mehr von Angesicht zu Angesicht mitgeteilt werden. Dadurch wurde der menschliche Kontakt beseitigt und die Ältesten der Gemeinschaft, die zuvor über Weisheit verfügten, wurden entwertet.“
Mit der Schrift entwickelten sich pyramidale Kulturen. Schriftlichkeit formte die ersten Städte, in denen Priester und Schriftgelehrte Wissen speichern und monopolisieren konnten. Gleichzeitig entstanden Märkte, Handel, Austausch. Denn mit aufgezeichneten Informationen konnte man leichter Äquivalente berechnen, „abwägen“ und vorausplanen. Die Buchhaltung und schriftliche Manifeste, in Form von Prophezeiungen und Dekreten, eröffneten die nächste Stufe der kulturellen Evolution.
Die Zweite Informationskrise
Als Johannes Gensfleisch zu Gutenberg im Jahr 1450 in Mainz den Druckstuhl mit beweglichen Lettern erfand, grassierte die Pest in Europa. Das Leben war unsicher und prekär. Die Deutungsmacht der Welt lag primär in der Hand der Kirche. Durch den Buchdruck entwickelte sich eine ganz neue Informationswelt. Als Luther 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg nagelte, erfuhr innerhalb von 48 Stunden ganz Europa davon.
Die Drucktechnik führte aber keineswegs sogleich zu kulturellem und sozialem Fortschritt. Im Gegenteil. Der erste Buch-Bestseller jenseits von Bibeltexten war der „Hexenhammer“, Malleus maleficarum. Ein Handbuch zum Aufspüren, Foltern und Töten von Frauen. Die neue Medientechnik erzeugte eine Flut von Flug- und Hetzblättern – reichlich bebilderte Schauergeschichten: Hexen, die mit dem Teufel kopulierten, Papstdarstellungen als Esel oder Schwein. Man schätzt, dass dieser medial verstärkten Menschenverfolgung mindestens 50.000 Frauen zum Opfer fielen. Auch der 30-jährige Krieg war eng mit der neuen Informationstechnik verknüpft, die die religiösen Konflikte anheizte.
Ein neues Medium entzündet die Gesellschaft.
Und führt in einen allgemeinen Kulturkrieg.
Kommt uns das irgendwie bekannt vor?
Bis aus gedruckten Texten eine Bildungskultur entstand, sollte es noch lange dauern. Erst im 18. Jahrhunderts entwickelten sich die Elemente eines durchgängigen Wissens- und Informationssystems. Die „redaktionelle Kultur“ durch Recherche und Überprüfung. Die wissenschaftliche Methodik von Experiment und Empirie. Bibliotheken, Enzyklopädien, einflussreiche Universitäten. Das Urheberrecht als gesicherte Autorenschaft. Die allgemeine Bildungsexpansion im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts führte dazu, dass auch große Gesellschaften sich kognitiv konfigurieren konnten.
Wir sind alle Kinder dieses Großen Versprechens, dieser Kern-Utopie der Aufklärung: Bildung durch Lernen und Lesen. Wissensgewinn durch Forschung und kritische Wissenschaft. Demokratie durch mediale Vermittlung. Alle unsere Institutionen, unsere Denkweisen und „Mentalitäten“ sind auf diesem Wissenssystem aufgebaut.
Aber dann kam irgendetwas dazwischen.
Was wir bis heute nicht ganz verstehen.
Die Dritte Informationskrise begann.
Literatur:
Elisabeth Eisenstein, „The Printing Revolution in Early Modern Europe“, Cambridge University Press 2019
Roman Krznarik, „History for Tomorrow“, S. 81 ff., Penguin Random House 2024
Die Große Vernetzung
Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebte ich in einer Land-Wohngemeinschaft in einem deutschen Mittelgebirge. Es gab zwei Schafe, heldenhaft gegen jede Art von Schädlingen verteidigtes Gemüse und sehr viel Regen. Auch Rotwein. Die „Wilden Jahre“ der globalen Jugendrebellion waren abgeflaut. Wir jungen Boomer versuchten, in „alternativen“ Experimenten neue Ideen zur Gesellschafts-Veränderung zu finden.
Das Leben in Selbstorganisation.
Autarkie statt Protest und Rebellion.
Aber etwas fehlte nun: Der Kontext der Vielen. Die Weltveränderung. Der Sound des Wandels.
1984 kaufte ich einen Commodore 64, die „graue Brotbüchse“, den ersten erschwinglichen Homecomputer. Noch heute erinnere ich mich an den Geruch der heißen Platinen und des süßlichen Plastiks – ein eigenartiges Parfüm, das nach ZUKUNFT roch. Wir spielten in langen Winternächten pixelige Computerspiele, was sich zu einer angenehmen Sucht entwickelte. Aber bald auch ziemlich selbstähnlich wurde.
Ich lernte ein bisschen BASIC und FORTRAN, die ersten öffentlichen Computerprogrammiersprachen.
Und dann begann das Modem zu pfeifen, und das WORLD WIDE WEB öffnete seine Tore. Nach den Enttäuschungen des Großen Aufbruchs, der in den 60er und 70er Jahren die Gesellschaft durcheinanderwirbelte, entstand wieder so etwas wie eine neue soziale Utopie.
DIE GROSSE VERNETZUNG!
Die Vision einer Art Computersozialismus.
Wenn das Modem pfiff, entstand ein magisches Weltgefühl.
Wenn alle Menschen auf der Erde einen vernetzten Computer besitzen würden, würde sich die Welt schlagartig verbessern.
Der direkte Zugang zu Information würde Bildung und Wissen bis in die letzten Winkel der Welt verbreiten.
Jede Unterdrückung könnte direkt öffentlich gemacht werden. Ohne die Zensur der „herrschenden Medien“.
Proteste, Aufstände gegen die Macht würden sich ungleich effektiver organisieren lassen.
Und so weiter. Die Vision der Großen Vernetzung hatte etwas Heiliges, Romantisches, geradezu Magisches: Waren es nicht „Netzwerke“, die die gesamte Welt durchdrangen – in der Natur, in der Gesellschaft, im Kosmos? Und würde deshalb das GROSSE NETZ nicht alle Schranken abbauen, die Menschen von ihren wahren Bedürfnissen und Gemeinsamkeiten trennten?
Eines der magischen Stichworte der Jahrtausendwende war die Schwarmintelligenz. Die Intelligenz der Vielen. Wenn sich alle mit allen verbinden, wird alles gut.
Wenn alle Information frei ist, entsteht die Zukunft.
Es dauerte ziemlich lange, bis sich herausstellte, dass das alles Illusionen waren.
Die Digitale Enttäuschung
Zunächst entwickelte sich alles in die erwartete Richtung. Aus dem Singen des Modems entstand eine weltweite Subkultur – die digitalen Nerds, die sich im Souterrain ihrer Mütter verbarrikadierten und von dort aus in ihren Hoodies die Welt eroberten. Als Elite traten die „Hacker“ auf den Plan, eine geheimnisvolle Truppe, die in der neuen Datenwelt Gutes tat; man wusste allerdings nie so genau was und warum.
Die ersten sozialen Netzwerk-Plattformen entstanden. ARPA, MySpace, Friendster. Die ersten Websites mit pixeligen und flackernden Buchstaben wurden gebastelt.
Große Euphorie!
Das @-Zeichen, der „Klammeraffe“, wurde der Code für eine neue Ära. Die digitale Befreiungs-Bewegung fand mächtige Verbündete im Reich der Wirtschaft. In den 90er Jahren wuchs im Silicon Valley ein kosmopolitischer Digitalismus heran, der seine Wurzeln in den Subkulturen der 60er und 70er hatte. Zwischen IBM mit seinen grauen Business-Kästen und den coolen Apple-Geräten kam es zu einem friedlichen Kulturkampf. In jeder Hotellobby konnte man bald die digitalen „Tribes“ an ihren Laptops unterscheiden. So wie man ein paar Jahrzehnte früher Beatles- von Rolling-Stones-Fan schon an Haartracht und Kleidung unterscheiden konnte.
Kreativität versus Büroeffizienz.
Digitale Popkultur gegen graue Datenkisten.
Kreativität gewann nach Punkten. Am Höhepunkt der digitalen Revolution trat Steve Jobs, der Guru der digitalen Erleuchtung, im schwarzen Pullunder auf die Bühne und verkündete die frohe Botschaft der Zukunft:
ONE MORE THING!
Bis heute hat das digitale Versprechen etwas Religiöses. Das leuchtende Bild des Apfels, die große Versuchung, an der schwarzen Wand der Coolness. Die andächtig lauschende Gemeinde, wenn das nächste Release (Botschaft) verkündet wird. Wer einen Apple-Shop betritt, kann sie immer noch spüren, diese kirchliche Kraft, das sektenhafte Leuchten in den Augen.
Als die ersten Hassparolen und Shitstorms im Internet auftauchten – harmlos im Vergleich zu heute –, waren dies nur vorübergehende Irritationen. Es gab im Netz eben einige Missmutige, die ihre Wut irgendwie loswerden mussten. Die „Schwarmintelligenz“ würde das schon regeln.
Als im Arabischen Frühling die Proteste und Befreiungsbewegungen im Nahen Osten niedergeschlagen wurden, ahnten wir langsam, dass politische Digitalisierung nicht funktionierte. Man konnte mit Facebook keine Tyrannen besiegen. Eher im Gegenteil: Netzwerk-Medien machten die Aufständigen empfindlich für Überwachung. Und dienten plötzlich zur Manipulation und Propaganda.
Es dauerte lange, bis wir verstanden, an welchen Faktoren die GROSSE VERNETZUNG tatsächlich scheiterte:
Der Netzwerk-Effekt (Metcalfesche Gesetz): Soziale Plattformen werden unweigerlich zu Monopolen, weil sich ihr ökonomischer Nutzwert proportional zum Quadrat der Anzahl der „User“ (ein Begriff aus der Drogenwelt) entwickelt. Am Ende gewinnt immer die Plattform, die am meisten Kapital mobilisiert. The Winner takes them all.
Das Clickbaiting-Gesetz: Wenn man Algorithmen so gestaltet, dass immer die meistgeklicktesten Links nach oben sortiert werden, kommt es in zu einem exponentiellen Selbstverstärkungs-Prozess. Dabei wird unentwegt das Schrillste, das Aggressivste, das Affektivste oder das Blödsinnigste verstärkt.
„Die Empörung ist das Feuer und die Sozialen Netzwerke sind das Benzin.“ – so Molly Crockett, Neurobiologin.
Negativitäts-Bias: Menschliche Wahrnehmungen sind um den Faktor 5 bis 10 stärker dem Negativen zugewandt als dem Positiven. Das stammt aus unserem evolutionären Erbe. Wir wollen wissen, was gefährlich ist. Alles Düstere, Dunkle, Bedrohliche oder sensationell Übertriebene wird dadurch aufgebläht, über-dimensioniert. Das Gelungene und Balancierte verschwindet aus der Wahrnehmungssphäre.
Das Blasenphänomen: Die „Confirmation Bias“, die Bestätigungsverzerrung, verführt dazu, dass wir nur jene Information wahrnehmen, die zu unseren inneren Konstruktionen passt. Dadurch zerfällt das Große Netz in lauter Wahrnehmungsblasen, die sich schnell „aufheizen“ können. Das kritische Denken, die Basis unseres Wissenssystems, zerfällt. es kommt zu einer „Vermeinung“ der Gesellschaft.
Die „Rankomanie“: Im sozialen Internet wird jede Äußerung, jede Handlung, jede Pose unentwegt bewertet, gerankt, in Hitparaden geformt: Schlafen, Arbeit, Aussehen, Ernährung, Muskel-Brustumfang – alles unterliegt einer ständigen Steigerungserwartung. Wie viele Follower habe ich? Sehe ich gut vor der Kamera aus? Was sind die neusten Tipps zum Schlankwerden? Diese Informationsstruktur führt zu einer Dominanz von „Egomotionen“: Emotionen, die sich nur ums Ego drehen.
Context Creep und Context Collapse: Durch die ständige Eskalation informeller Intensität „kriechen“ Bedeutungen aus ihren ursprünglichen Kontexten heraus. Bedeutungszusammenhänge „bluten“ in Abgründigkeiten und Übertreibungen hinein. Das kognitive Framing, die Rahmung, die jede menschliche Erkenntnis braucht, wird gesprengt. Die Zusammenhänge verschwinden zugunsten des unmittelbaren Reizes. www.psychologytoday.com
„Immediacy“: So nennt die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Anna Kornbluh jenen Jetztzeit-Effekt, der zu ständiger Überreizung und Überforderung führt. Menschliche Kognition ist auf bestimmte Zeitformen angewiesen, Zyklen von Aufmerksamkeit und Verarbeitung, von Reflexion und Information. Im rasenden Echtzeitnetz folgt jedoch Impuls auf Impuls, Affekt auf Affekt; alles wird sofort wieder gelöscht, bleibt aber trotzdem ewig gespeichert. Nichts bildet mehr einen ganzheitlichen zeitlichen Zusammenhang. Auf diese Weise verschwindet die Zukunft – und mit ihr die Wirklichkeit.
Von William Gibson, dem literarische Guru des Cyberspace stammt der Satz: „The pixels of reality seem to glitch and flicker.“
Die kognitive Apokalypse
Der französische Soziologe Gérald Bronner taufte die Folgen der Dritten Informationskrise in unserer Kultur die KOGNITIVE APOKALYPSE.
„Die beispiellose Lage, die wir heute beobachten, ist geprägt vom Zusammentreffen unseres uralten Gehirns mit dem allgegenwärtigen Wettbewerb der Objekte geistiger Betrachtung, verbunden mit einer bislang noch nie dagewesenen Freisetzung verfügbarer Gehirnzeit.“, S. 16
Mit „Gehirnzeit“ meint Bronner jene Zeitkontingente, die wir heute an den flackernden Bildschirmen der Digitalität verbringen – zwei, drei vier, acht Stunden am Tag, rund um die Uhr, milliardenfach. Die digitale Informationsstruktur zersprengt unser „Salienz-System“ – die Art und Weise, wie unser Mind Aufmerksamkeit organisiert. Salienz kommt vom lateinischen salire = hüpfen, springen. Unser kognitives System verliert die Fähigkeit, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Um später Informationen zu gewichten und in Zusammenhänge zu setzen. Salienz beginnt bei bestimmten Signalen, etwa wenn ein rotes Alarm-Licht blinkt. Und ÜBERALL im Netz blinkt es ununterbrochen.
Gérald Bronner, „Kognitive Apokalypse: Eine Pathologie der digitalen Gesellschaft“, C.H.Beck 2022
Vier Faktoren „steuern“ (oder selektieren) die Salienz: Intensität, Neuigkeit, Bedürfnisrelevanz und ökologische Validität (ein Reiz, der Informationen über die Umwelt liefert, von der wir biologisch abhängig sind).
Wenn wir diesen Kompass verlieren, verlieren wir unsere innere Konstruktion. Unsere „Stellung zur Welt“. Wir lösen uns in lauter Reiz-Einheiten auf. Wir verlieren unsere Präsenz in der Wirklichkeit und fallen in eine Art hyperinformelle Trance.
Wir verlieren auch die Bindungen, die uns in der Welt halten. „Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit“, formulierte die Welt-Mystikerin Simone Weil.
Aufmerksamkeit ist eine Grundform der Liebe. Der Aufmerksamkeitsforscher Ian McGilchrist formulierte: „Aufmerksamkeit verändert die Welt. Wie wir ihr unsere Aufmerksamkeit schenken, bestimmt, was wir dort vorfinden. Und das, was wir vorfinden, prägt wiederum die Art der Aufmerksamkeit, die wir in Zukunft für angemessen halten. So ist es, dass die Welt, die wir erkennen – und die niemals GENAU dieselbe sein wird wie die Welt eines anderen – Gestalt annimmt und ins Sein tritt. Doch wir erfinden die Welt nicht – ganz und gar nicht. Wir sind nicht ihre Schöpfer, sondern ihre MIT-Schöpfer. Gefordert ist eine wache Antwort auf etwas Reales, etwas das außerhalb von uns selbst liegt. Wir bringen es ins Sein, indem wir es nähren – oder wir tun es nicht. In diesem Vorgang liegt etwas von der Struktur der Liebe.“
Das Weltgefühl unserer Zeit ist eine zerfallende Wirklichkeit.
Wirklichkeit ist die vom Mind selektierte Realität, in der wir wirken können. In der wir also existieren.
Aber wo existieren wir heute, in dieser rasenden Jetztzeit?
Das Pandora-Syndrom
Manche Phänomene des „sozialen“ Netzes haben inzwischen wahrhaft apokalyptische Dimensionen angenommen. Nur ein Beispiel unter vielen: Der Franzose Raphaël Graven, 46, Online-Name Jean Pormanove, starb Ende August 2025 in einem Folter-Lifestream, der wochenlang andauerte, dabei 50.000 Zuschauer anzog und eine Menge Geld generierte. Graven war Opfer eines „Folterstreams“, der in einer Art Folter-WG in Szene gesetzt wurde. Er wurde von seinen Co-Streamern gewürgt, mit Farbe überschüttet, angeschrien, geohrfeigt, mit Zigaretten verletzt, mit Stromschlägen traktiert, sexuell beleidigt. Die Zuschauer konnten per Spende neue „Challenges“ auslösen – etwa musste Graven mit einer „Biete-Fellatio“-Papptafel auf die Straße gehen. Die Plattform, über die die Übertragung lief, heißt Kick. Der Kick des Grauens.
Digitalisierung hebt die Distanz zwischen Nachbarn und fernen Fremden auf, indem sie die Präsenz des Anderen in der massiven Last des Realen aufhebt: Nachbarn und Fremde sind in ihrer geisterhaften Bildschirmpräsenz alle gleich.
Slavoj ižek
Warum ist jeder Horror, der aus dem Netz strömt, immer noch schlimmer als der letzte? Anonyme Netzwerke setzten eine wichtige Funktion menschlicher Kommunikation außer Kraft: soziales Feedback. Sie entfesseln die sozialen Rückkoppelungen, die – wie man früher gesagt hätte – „sittlichen Bindungen“, in denen wir uns sozusagen selbst zivilisieren.
Freya India, eine Netzwerk-Philosophin, formulierte diese Tatsache auf der neuen Plattform Substack so aus:
„Paradoxerweise, glaube ich, dass all das ein wesentlicher Teil der psychischen Gesundheitskrise ist. Dieses Gefühl, dass es uns allen immer schlechter geht. Unser Verlust an Empathie, unsere Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen, unsere neurotische Besessenheit mit unserem eigenen Bild – das fordert seinen Tribut.
Die „Sozialen Medien“ machen uns zickig. Und egozentrisch. Mit der Zeit komme ich zu der Überzeugung, dass unsere dringendste Sorge nicht darin besteht, dass soziale Medien unser Selbstwertgefühl verschlechtern. Es ist einfach so, dass soziale Medien uns zu schlechteren Menschen machen.”
Längst haben diese Phänomene auch auf die traditionellen Sinn-Medien übergegriffen. In der rasenden Aufmerksamkeits-Ökonomie sind sie dazu gezwungen, die Reizgrade ständig zu erhöhen. Alles muss gefährlich, bedrohlich, abgründig, sensationshaft, irgendwie klickig sein. Auf diese Weise werden die klassischen Medien zum Teil des „hyperreaktiven Systems“, wie die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout es nennt. Einer Art Hysterie-Maschine, die ständig Konflikte zuspitzt, verstärkt, konstruiert. Mediale Systeme verbinden uns heute nicht mehr – wie das Wort „Medium“ es eigentlich besagt. Sie werden zunehmend zu Polarisierungsagenten. Das zerstört auf Dauer die Politik, die auf einer Semantik von Ausgleich, Moderation und Verständigung aufbaut. Und auf eine funktionierende Öffentlichkeit angewiesen ist.
Der narzisstische Politik-Brüllstil von Trump und Konsorten ist durch die sozialen Medien und das Verclickbaiting der konventionellen Medien erst möglich geworden. Im weiteren Verlauf der Kognitiven Krise greift die Erosion auch auf die traditionellen Wissens-Institutionen über. Wie wir es heute live in den Vereinigten Staaten erleben können.
Ganz zu schweigen von den mit schlechter KI gestalteten monströsen Anzeigen, die uns ständig durch alle Texte und Kontexte (selbst im SPIEGEL) geschoben werden und sich kaum noch von redaktionellem Content unterscheiden lassen. Und zuallermeist nichts anderes sind als unfassbar geschmackloser Verkaufsbetrug.
In einer etwas ironischen Darstellung könnte „Das Netz“ heute so aussehen wie eine Zeichnung meines Künstler-Sohns Julian, inspiriert von der Grafikerin Maggie Appleton:
Ganz unten im Morast des Netzes herrscht die digitale Finsternis. Dort hausen die Mächte der digitalen Gewalt, des Missbrauchs, der Wahnhaftigkeit. Es begann vor zehn, fünfzehn Jahren mit den Exzessen von 4chan und 8chan, heute durchziehen Dark-Web-Strukturen das Internet bis hinein in militärische Operationen und Cyber-Verbrechen.
Darüber hat sich eine Schicht geschützter Informationsräume gebildet. „Digitale Gärten“ (digital gardens), neue, kleinere Plattformen, in denen ein eher freundlicher Ton vorherrscht, wie Bluesky oder Substack, respektierte Blogs und Foren, die sich vor dem Wahnsinn schützen können.
Darüber die digitalen Ruinen, alte Plattformen auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit, kräftig durchgewühlt von den „Immerschneller“-Würmern à la TikTok.
Der Dunkle Wald ist die Hauptrealität des Netzes. Dort kann man sich leicht verirren und stolpert ständig. Im Gehölz lauern gefährliche Tiere und giftige Pilze. Immer verliert man seine Passwörter, und dann bleibt man im Unterholz stecken. Ein Dickicht, ein Dschungel, in dem man nie genau weiß, wo die Räuber hausen.
Darüber hängt die KI, die alles registriert und aussaugt …
Auf den ersten Blick ähnelt unsere heutige mental-mediale Situation dem Zug „Snowpiercer“, der um die Welt rast und nie mehr anhalten kann, während draußen Schnee fällt, viel Schnee, und immer mehr Schnee. In den Waggons, die nach sozialen Schichten gereiht sind – vorne die Reichen, hinten die Prekären -, kämpfen die Passagiere um das Notdürftige, den Status, das Luxuriöse, den Komfort, vor allem aber um echte Informationen. Wohin fährt eigentlich der Zug? Das weiß selbst der Zugführer nicht, der andauernd weggeputscht, ermordet und durch jemand anderen ersetzt wird …
Die Lage erscheint aussichtslos. Total absurd.
Sie ist trotz allem nicht hoffnungslos.
Jonathan Rauch, Mitarbeiter des Washingtoner Thinktanks Brookings Institution, beschreibt in seinem Buch The Constitution of Knowledge. A Defense of Truth die menschlichen Wissens-Konstruktion im Laufe der Zeit:
„Jede Gesellschaft, vom kleinen Stamm bis zum großen Land, hat ein Problem mit der Realität. Menschen nehmen die Realität unterschiedlich wahr und geraten darüber in Streit. Was ist wahr, was nicht? In einem kleinen Stamm erhält man bei Fragen, die praktisch unmittelbares Feedback hervorrufen, wie etwa „Wo ist die nächste Wasserstelle?“, „Wo befindet sich der feindliche Stamm?“ oder „Ist das ein Tiger im Busch?“, schnell Feedback. Aber bei den größeren Fragen, wie etwa „Welchen Gott verehren wir, damit es regnet?“, wird man sich nicht einig sein. Im Laufe der Jahrhunderte haben Gesellschaften diese Fragen meist durch Gewalt, Krieg und Unterdrückung gelöst. Sie verlassen sich auf autoritäre Führer, Priester, ein Orakel – schreckliche Methoden, um den Bezug zur Realität zu wahren.
Vor rund 300 Jahren haben wir im liberalen Westen eine Alternative entwickelt. Ich nenne sie die „Verfassung (Constitution) des Wissens“. Ein Regelwerk, das unsere Meinungsverschiedenheiten moderiert. Wir nennen es Wissenschaft; es umfasst aber auch Journalismus, Recht, Behörden, Museen und Bibliotheken. Die Grundregel: Bei der Wahrheitsfindung darf kein Zwang angewendet wenden. Man darf Diskussionen nicht beenden. Man ist gezwungen, sich zu erklären. Die Regierung muss an die Realität gebunden sein, sonst kann sie jemanden einfach für ein erfundenes Verbrechen ins Gefängnis werfen, was einigen Leuten tatsächlich passiert.” www.theatlantic.com
Es liegt auf der Hand, dass wir diese Verfassung des Wissens neu schreiben müssen. Aber wie kann das geschehen? Es gibt keinen Kanon, keine Bedienungsanleitung. Aber gerade darauf können wir hoffen: Informationskrisen sind auf eine paradoxe Weise Treiber unserer kognitiven Evolution. Jedes Auftauchen einer disruptiven Medientechnik hat die menschliche Kultur zunächst in große Verwirrung gestürzt. Aber am Ende stand immer eine Transformation unseres Weltverhältnisses.
Die Antike schuf die Idee der Zeitlichkeit von kairos und chronos, auf der unsere heutige Vorstellung von Wandel und Veränderung basiert. Die Renaissance re-kombinierte die Denkweisen der Antike zu einer neuen Wirklichkeit des rationalen Humanismus. Auch diesmal werden wir aus der Verwirrung neue Wirklichkeiten schaffen.
Neue Informations- und Kognitionssysteme entwickeln sich oft in Schleifenformen. Alte Kulturtechniken kehren in erneuerter Form zurück. Der Medienwissenschaftler Walter J. Ong beschrieb in Oralität und Literalität (1982), wie moderne Massen-Kommunikationsmedien wie Radio und Fernsehen die Mündlichkeit wieder aufwerteten, die in der Zeit der Schriftlichkeit an den Rand gedrängt worden waren.
Inmitten des digitalen Sturms kommt das Analoge sanft zurück. Die Vinyl-Schallplatte erlebt eine Wiederkehr (man kann sie jetzt auch digital abspielen). Physische Bücher verschwinden nicht, wie die Digitalisten es prophezeiten. Sie evolvieren sich in immer neue Formen und Formate. Eine der erfolgreichsten Medienarten sind heute Podcasts, ein langsames, lineares Medium, das auf Zuhören und dialogischer Kompetenz aufgebaut ist.
Es wirkt die Trend-Gegentrend-Logik: Je mehr alles in Pixel zerfällt, desto wichtiger wird die wahrhafte menschliche Begegnung.
Selbst die Handschrift erlebt eine Renaissance. Ich kenne Menschen, die chinesische Kalligraphie erlernen. Das mag elitär sein, hat aber Äquivalente in der breiten Gesellschaft: Heute entwickeln sich wieder verbreitet Handwerks-Leidenschaften, bei denen man sorgfältig mit Material, Form und dem Wesen der Dinge umgeht.
Endlich entstehen neue Plattformen in der Welt des Digitalen, in denen die parasitären Regeln nicht gelten. Zum Beispiel Substack: Ein offenes Netz der Gedanken und Diskurse, in dem es erstaunlich würdevoll und im besten Sinne intellektuell zugeht.
In Sachen Bildung sind wir spät dran. Vielleicht zu spät. Es ist ein Skandal, dass erst heute damit angefangen wird, Kinder und Jugendliche vor der digitalen Welt zu schützen. Obwohl das Bildungssystem als Ganzes immer noch im 20. Jahrhundert verharrt, gibt es doch überall Aus- und Aufbrüche in eine neue Bildungs-Politik, die das kognitive Element berücksichtigt. In immer mehr Schulen werden die Smartphones aus dem Unterricht verdrängt – und gleichzeitig informelle Kompetenzen gestärkt. Länder führen heute Social-Media-Verbote für unter 16-Jährige ein. Und siehe da: Sogar Kinder und Jugendlichen sind in ihrer Mehrheit DAFÜR! time.com
„Die entscheidende Frage,“ so formuliert es Gérald Bronner in seinem Kapitel „Eine Pathologie der Digitalen Gesellschaft“, „lautet, ob wir uns diesem Spiegelbild (der digitalen Medien) stellen werden. Eine weitere, ob wir unser Handeln so auszurichten vermögen, dass uns die vielfältigen narrativen Wege, die auf dem kognitiven Markt angeboten werden, nicht vom vernünftigen Gebrauch des kostbarsten Schatzes der Menschheit abbringen … … Deshalb erscheint mir die kognitive Apokalypse als eine grundlegende Propädeutik (Vorbedingung) für jedes Projekt, das sich auf unsere Zukunft bezieht … Wer das Paradies sehen will, muss erst einmal durch die Hölle gehen.“
Kognitive Selbstbestimmung oder wie heißt das „Next Age“?
Nennen wir es provisorisch das Zeitalter der Metakognition.
Metakognition bedeutet, dass wir uns selbst als erkennende Wesen verstehen lernen. Es geht um Selbstkompetenz im Sinne eines neuen Umgangs mit Informationen UND Gefühlen. Es geht darum, dass wir uns selbst endlich kennenlernen. Es geht um:
Semantische Intelligenz
Kognitive Intelligenz
Emotionale Intelligenz
Angst-Resilienz
Millionen und Abermillionen Menschen verbinden sich derzeit zu einem neuen Verständigungsprozess über die innere und äußere Wirklichkeit. Zunächst geht es um Selbst-Techniken und Entschleunigungspraktiken: Meditation auch in säkular-kognitiven Varianten, Mental-Health-Prozesse, Therapievarianten in großer Zahl, systemische und kosmologische Spiritualität.
Es geht um einen emanzipatorischen Umgang mit Technologie. Vor allem mit Informationstechnologie.
Eine Rebellion gegen die digitale Verdummung.
Eine Hinwendung des Menschen zu sich selbst.
Als Beispiel für die anwachsende Bewegung des Human Upgrade sei hier die Initiative INNER DEVELOPMENT GOALS genannt, die sich den human-transformativen Zielen verschrieben hat und vom 15. – 17. Oktober in Stockholm einen globalen Summit abhält.
David Brooks, der Guru der mentalen Selbstveränderung in den verwirrten Vereinigten Staaten, drückt den Kern des Human Upgrade so aus:
„Metakognition ist eine Achtsamkeit, bei dem die kognitiven Funktionen des Gehirns genutzt werden, um ein unvoreingenommenes Urteil über Gedanken und Gefühle zu fällen. Metakognition erfordert zwar Übung und Disziplin, aber wenn man sie beherrscht, kann man sich selbst Ratschläge geben, wie sie ein rationaler Beobachter in der jeweiligen Situation geben würde, anstatt sich von hysterischen Impulsen leiten zu lassen. Statt also zu versuchen, die Trolle zu übertrumpfen, könnte man sich einfach sagen: „Lösch die App und mach weiter mit deinem Leben.“
Bevor eine neue Blüte des Bewusstseins entsteht müssen wir allerdings noch durch die finale Phase der Dritten Informationskrise hindurch: Künstliche Intelligenz.
Die Sprache trennt sich vom Menschen.
Die Bedeutung trennt sich vom Kontext.
Das Wissen wandert in die Maschinen.
Sogar die Erkenntnis wird kapitalisiert.
Und wir werden das Denken verlernen.
Wirklich?
Davon mehr in der nächsten Kolumne …
PS: Im November erscheint das Buch von Naomi Alderman zum Thema der Dritten Informationskrise: „Don’t Burn Anyone on the Stake Today“ (Verbrenne heute niemanden auf dem Scheiterhaufen).
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Es gibt Momente, in denen es einem wie Schuppen von den Augen fällt. Und man versteht, wie die Welt wirklich tickt. Was unser eigentliches „Problem“ ist.
Und was eine konstruktive Provokation ausmacht. (Provo-care: Etwas hervorrufen, indem man sich um etwas kümmert und es dabei wirklich versteht.)
Heute morgen bekam ich ein Buch in die Hände, das es eigentlich gar nicht geben kann. Geschrieben wurde es von einem schweizerischen Professor, Arturo Bris. Er ist der Direktor des IMD World Competitiveness Centers in der Schweiz, ein klassischer Ökonom, der aber auch mit ganzheitlichen Augen auf die Welt und die Zukunft schauen kann. Es heißt – haltet euch fest! – Super Europe. The Unexpected Hero of the 21st Century.
Es vertritt die glaubwürdige These, dass Europa ein Held beziehungsweise eine Heldin ist. Ein gelingendes Experiment der Zukunft.
Wie bitte?
Seine Argumentation ist im Grunde einfach, wenn man mal NICHT dem allgemeinen Jammerstrom folgt. Sobald das Wort „Europa“ fällt, reagiert der „normale Mensch“ mit einer Kaskade von Abwinken, Schulterzucken, Augenrollen, Kopfschütteln, Abwertung. Die ständige Gewissheit lautet: Europa ist kaputt. Am Ende. Uneins, dekadent, kompliziert. Hoffnungslos hinterher bewegt es sich mit der Geschwindigkeit eines schmelzenden Gletschers in den Abgrund, während Amerika und China und „alle anderen“ mit Lichtgeschwindigkeit neue Technologien auf den Markt bringen und in die Super-Zukunft davonrasen …
Oder so ähnlich.
Haben wir jemals etwas Anderes auf eine Talkshow gehört? Oder in den Kommentaren zur „europäischen Misere“ gelesen, die seit Jahrzehnten alle Meinungsseiten überschwemmen?
Und ist es nicht seltsam, dass die radikalen Rechten, die Freiheits-Feinde, an diesem Punkt ziemlich exakt mit den progressiven, linken, liberalen Spektren übereinstimmen?
Europa ist, so Arturo Bris, die heimliche Erfolgsgeschichte des Planeten. Die interessanteste Komplexitäts-Story der Geschichte.
Europa hat sich in den Krisen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte als erstaunlich resilient erwiesen (ist Resilienz nicht das zentrale Thema unserer Zeit?). Es hat nach einer langen Kriegsperiode zu vielfältigen Verbindungen und Moderationen gefunden. Es hat einen Krieg auf dem eigenen Territorium, den Balkan-Krieg, beendet (allerdings mit Hilfe der Amerikaner). Trotz einer massiven Finanzkrise konnte es seine ökonomische Integrität bewahren (das „Griechenland-Drama“). Großbritannien stieg aus, aber das führte keineswegs zum Untergang. Corona war ein tiefer Einbruch, aber der Kontinent hat die Pandemie im Großen und Ganzen gut bewältigt, auch wenn die öffentliche Meinung bisweilen ins Dunkle abrutschte. In den heutigen kriegerischen Bedrohungen agiert Europa inzwischen entschlossener, in Umweltfragen ist es ziemlich weit voraus. Der erneuerbare Energiesektor floriert, und Europa weigert sich trotz aller fossiler Nostalgie den fossilen Backlash mitzumachen.
Wo lässt es sich auf dem Planeten wirklich gut leben? Wenn man durch Kopenhagen, Stockholm, Wien oder München ja sogar Frankfurt geht, sieht man nicht unbedingt eine Gesellschaft im Niedergang (wenn nicht gerade das Oktoberfest ist oder man den Kern des Bahnhofsviertels aufsucht). Alle weltweiten Tests sehen die europäischen Großstädte immer an der Spitze der Lebensqualität (Singapur, Sydney oder Seattle kommen noch dazu). Das Europäische Gesellschaftsmodell funktioniert alles in allem. Es gibt einen Sozialstaat, der angepasst werden muss, aber dennoch ziemlich leistungsfähig ist.
Europa ist, so heißt es, total innovationsunfähig geworden. Wirklich? Das dänische Unternehmen Novo Nordisk war die erste Pharma-Firma, die ein breites Mittel gegen Diabetes und Fettleibigkeit auf den Markt brachte. Unfassbar viele Mittelständler haben sich zu Weltmarktführern entwickelt, die in wichtigen Nischen ihre Produkte immer weiter verfeinern. Das deutsche Unternehmen BioNTech machte in rasender Zeit einen Impfstoff gegen eine globale Seuche marktfähig und ist heute auf dem Weg, den Terror von Krebs mit ganz neuen Technologien zu knacken. Nicht wenige der kompetitivsten Ökonomien liegen in Europa. Steht davon jemals etwas in der Zeitung (oder in dem, was von Zeitungen übrig geblieben ist, nachdem der digitale Sturm alles in eine einzige Klickomanie verwandelt hat)?
Keine Gesellschaft ist problemlos. Schon gar nicht in einer sich wandelnden Welt. Womöglich ist die europäische Innovationsidee aber eine andere als die gloriose amerikanische. Es geht nicht so sehr um das RASENDE NEUE und die Weltherrschaft des Ökonomischen, die alle Konkurrenten disruptiv hinwegfegen und morgen schon auf den Mars flüchten will. Es geht um eine bessere Zivilisation. Um eine Wirtschaft, die mit der Gesellschaft verbunden ist. Die Wachstum nicht als „um jeden Preis“ dekliniert. Um eine Kultur des Ausgleichs, die immer tastend nach den Wegen ins Morgen suchen muss.
Eine Kultur des konstruktiven Zweifelns.
Des ganzheitlichen Fortschritts.
„Dieses Buch“, schreibt Arturo Bris, „ist eine Rehabilitation Europas. Es ist als Verteidigung eines Kontinents geschrieben, der oft missverstanden, karikiert, unterschätzt wurde, aber still zu einem der wohlständigsten, gerechtesten und nachhaltigsten Regionen der Erde wurde. Europas Story über die letzten Dekaden ist keine des Niedergangs, sondern eine der tiefen Transformation, gekennzeichnet durch Krisen, Resilienz und Erneuerung. Das Resultat ist ein Modell, das zwar alles andere als perfekt ist, aber in starkem Kontrast zur immer fraktalisierteren politischen und sozialen Landschaft anderswo in der Welt steht.“
Spätestens an diesem Punkt öffnet sich die große ABER-ABER-ABER-Kiste. Die Truhe der unbedingten Negativität, die jeder von uns mit sich trägt:
ABER das Wachstum fehlt!
ABER die neuen Rechten, Orban und Konsorten!
ABER die Bürokraten in Brüssel, die Korruption!
ABER die Ungerechtigkeit, die sozialen Konflikte!
ABER global haben „wir“ nichts zu sagen!
ABER die Deutsche Bahn! (Ist das ein europäisches Problem? – Wird jedenfalls gleich ins Europäische eingepreist).
ABER die fehlenden Super-Technologien!
ABER die Technikfeindlichkeit, die Regulationswut, der Bürokratismus!
Es kann gar nicht anders werden als schlecht!
Keine Hoffnungen.
Keine Veränderungen in Sicht.
Keine Zukunft.
Abgang Europas.
Die große Krise, die tiefe Krankheit unserer Zeit ist wohl, dass wir NICHTS mehr positiv sehen können. Dass unser Gehirn – unseren medial geformten Minds – sich immer nur an der Negativität festkrampfen. Wir uns in ständigen Abwärtsvergleichen verlieren, bei denen immer Minus-Summen herauskommen. Wir sind negative Opportunisten: Wie oft nicken wir einfach blöde mit dem Kopf, wenn wieder einmal „die Politik“ als Ganzes in ihrer Unfähigkeit denunziert wird. Wenn in den Talkshows jedes Problem zum Weltuntergang mit Schuldzuweisung hochgejazzt wird? Wenn im Anne-Will-Markus-Lanz-Maybrit-Illner-Verhörstil in den Fragen immer schon die negative Antwort enthalten ist: Vergeblichkeit.
„Aber ist es nicht so, dass Europa sich hier (wieder einmal) als völlig unfähig erweist, zu (Beliebiges bitte einfüllen).“
Wir wundern uns, warum die radikalen Rechten immer gewinnen. Die allerdings wissen warum. Sie sitzen feixend im Hintergrund und brauchen nur zu warten, bis wir uns selbst zerlegt haben.
Der Wesenskern dieser Art, mit der Welt umzugehen, ist die Undankbarkeit. Wir haben verlernt, das Gelungene zu verstehen. Wir erwarten unentwegt das Perfekte. Das Problemlose. Das Reibungslose. Das unentwegte IMMERMEHR. Wir betrachten Politik und Zukunft, aus der Sicht eines aufgebrezelten Konsumenten, der ständig Ansprüche und Anmaßungen formuliert: Es muss geliefert werden, und zwar sofort! Ohne dass sich etwas ändert! Aber Dalli!
Wenn wir in der Liebe, in der Beziehung oder in der Familie mit derselben negativen Anspruchshaltung – es darf keine Probleme geben, alles muss perfekt sein und hat MEINEN Ansprüchen zu genügen! – agieren, dann scheitern wir existentiell. Gibt es nicht in jeder Familie auch einen Orban, eine schrille Tante – etwas, was nicht ins Erwartungs-Portfolio passt? Ist nicht gerade auch das Unperfekte, das Nichtkonforme das Liebenswerte? Oder wenigstens: das Anzuerkennende?
Gesellschaften, Kulturen scheitern an ihren selbsterfüllenden Negativ-Prophezeiungen. Oder sie wachsen entlang von Hoffnungen, die sich niemals eins zu eins, also erwartungsgerecht realisieren. Aber doch Wege, Pfade aufzeigen, auf denen es weitergehen kann. Vorangehen, Schritt für Schritt, statt Fort-Schritt (mit Bindestrich). Echter Wandel ist graduell. Immer auch schwierig. Messy. Ohne Garantie. Es ist das Leben selbst.
PS: Wichtig ist auch, dass wir aufhören, über das Jammern zu jammern. Das verdoppelt die Misere. Also werde ich an dieser Stelle kein Wort mehr über negatives Denken oder Zukunftspessimismus verlieren. Entscheidend ist aber, dass man sich entscheidet, FÜR etwas zu sein. Etwas einfach mal GUT zu finden, weil und damit es besser werden kann. Ich bin FÜR Europa. Ich bin ein Fan. Ich will einen europäischen Pass. Einen Gesamt-Pass mit gelben Sternchen. Weil mich das Neue fanatisch-Nationale über alles gruselt. Und das Europäische rührt und motiviert.
Die Welt ist voller Wutanfälle. Rund um die Uhr rasten Menschen aus. Brüllen sich an. Denunzieren sich, verachten sich, rufen einander „halt die Fresse“ zu, um dann selbst den Mund gigantisch aufzureißen. Aus dem Internet quillt eine Mischung aus Angst, Wut und Hass in die Wirklichkeit, die alles zu verseuchen scheint. Alles erhitzt sich. Deshalb funktionieren manche Menschen, ja die ganze Gesellschaft, wie ein Druckkochtopf. Die Temperatur steigt, der Druck auch. Da der Topf viele Jahrzehnte alt ist, weiß man nicht, ob das Ventil nicht längst verrostet ist und dem zunehmenden Druck Stand hält.
Das ist die Lage. Und zugleich ein Lebensgefühl: Die Luft, die Welt ist gefüllt mit Negativität. Demonstrationen, Proteste, „Meinungen“ aller Art sind fast nur noch GEGEN etwas und jemanden gerichtet. Kaum noch findet man ein Dafür. Das Wort, das in einem unerträglichen Jammerton, ständig wiederholt wird, heißt Problem. Problem Problem Problem Problem Problem.
Aus dem Großen Ganzen ist das Grobe Ganze geworden, das in seine Einzelteile zerfällt.
Ich finde, wir haben als Weltbewohner, als Zukunftswesen, eine verdammte Pflicht zum Mutig sein.
Mut ist kein Heroismus, sondern eher das Gegenteil: Einen geschickten Rückzug vom Problem anzutreten, der gleichzeitig ein Schritt in die Zukunft ist. Mut überschreitet die Alternativen von „Flüchten“ oder „Kämpfen“, die uns die Evolution als grundlegende Verhaltensmuster mitgegeben hat, in eine andere Dimension.
Mut ist eine mentale Stärke. Sie beginnt damit, aus dem herrschenden Jammerdiskurs auszusteigen und sich von ihm nicht mehr betonisieren zu lassen. Und dann den RAHMEN unserer Wahr-Nehmung zu verschieben.
Wir richten unseren Blick in eine andere Richtung.
Und sehen, spüren ganz andere Zusammenhänge.
Wir erleben eine andere Welt.
Eine Welt der mutigen Lösungen.
Etwas kann anders werden.
In Wirklichkeit.
Der Politische Mutanfall
Hier einige großartige Mutanfälle im politischen Bereich – schicken Sie mir gerne mehr:
Der albanische Ministerpräsident Edi Rama, ein Künstler, der seit mehr als einem Jahrzehnt im Amt ist, wollte etwas gegen die durchwegs pessimistische Opfer-Stimmung in seinem Land machen. Als er noch Bürgermeister von Tirana war setzte er das Projekt THE COLORS OF TIRANA in Gang. Kaufte hunderte von Tonnen bunter Farbe und verteilte sie an die Bevölkerung der grauen postsozialistischen Hauptstadt Albaniens. Eine quietschbunte Stadt entstand. Die Fassaden der Plattenbauten glänzten in allen möglichen Farben und Formen, nicht immer sehr geschmackvoll, aber eben BUNT! Etwas erhellte sich in der Stimmung der Bewohner, was bis heute nachwirkt. Und dazu beiträgt, dass sich das arme, kaputte Albanien langsam zu einem positiven Hotspot entwickelt. Politics by color – ein Mutanfall, der gewirkt hat.
Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Daniel Ursprung, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Universität Zürich
Die zweieinhalb Millionen-Stadt Medellín, einst die Drogenhochburg Kolumbiens und ein finsteres Banden-Kriegsgebiet, hat in einem „designten“ Transformationsprozess eine Art Heilungstrotz entwickelt. Mit „grünen Korridoren“ durch die Stadt, die die Auswirkungen des Klimawandels moderieren, einem hocheffizienten Seilbahn-Transportsystem und Projekten preiswerter, aber avantgardistischer Architektur wie dem „Medellín Jardin Botanico“. Mit Initiativen für Kunst, Kultur und Sport im öffentlichen Raum und gut durchdachten Investitionen in Bildung und Hochschulen konnte die Gewalt eingedämmt werden. Die Mordrate sank von 6700 im Jahr 1991 auf 375 im Jahr 2023. 2012 wurde Medellín vom Wall Street Journal zur innovativsten Stadt der Welt ernannt. reasonstobecheerful.world
Mohamed Bousaaidi, im Internet „M069“ genannt, ist ein TikTok-Streamer und ehemaliger Drogendealer, der sich selbst in einen Influencer-Streetworker verwandelt hat. Heute verbreitet er positive Energie in einem als hoffnungslos angesehenen Hotspot des Elends, dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Er kümmert sich um Obdachlose und Suchtkranke und hat eine regelrechte Charity-Welle losgetreten, die inzwischen 118 ehrenamtliche Helfer und gut 20.000 Follower zählt.
Auf der philippinischen Insel Mindanao gab es 2018 einen islamistischen Terrorismus-Krieg, der mehr als 1200 Todesopfer forderte. Rommel Arnado, der Bürgermeister der Stadt Kauswagan, die das Epizentrum der Angriffe war, schaffte es, hunderte islamistische „Terroristenrebellen“ mit Hilfe des Projektes „From Arms to Farms“ in friedliche Biolandwirte zu verwandeln. Das Programm war so erfolgreich, dass die bewaffneten Kämpfe in der Region, die einem echten Bürgerkrieg ähnelten, heute abgeflaut sind.
Die Beispiele vereint, dass sie einem Mut entspringen, die Ebene des Problems zu verlassen, aber gleichzeitig „dran“ zu bleiben. Der Rahmen des Problems wird verschoben. Und dadurch geraten die Paradoxien, die das eigentliche Problem ausmachen, ins Tanzen.
Die wirklichen Probleme lassen sich nie auf der Ebene und mit den Mitteln lösen, mit denen sie entstanden sind. Paul Watzlawick, der Psychologe und Philosoph des Konstruktivismus, sprach von zwei möglichen Wandelformen. Auf der ersten Ebene: Inkrementeller Wandel, die Korrektur innerhalb eines Systems. Beim Fahrradfahren müssen wir immer ein klein wenig korrigieren, sonst geht es nicht geradeaus. In einem Unternehmen müssen wir immer wieder etwas „umstellen“, um am Markt zu bleiben. Bei festgefahrenen Systemen kommt man damit allerdings nicht weiter. Dann hilft nur der Sprung auf die zweite, die transformatorische Ebene.
Bei Veranstaltungen schlage ich – wenn mir das ewige Anspruchsjammern auf die Seele drückt – manchmal vor, dass jeder einmal nur im Sinne von Möglichkeiten sprechen soll. Aus einer Zukunft heraus erzählen soll, wie das Problem aufgelöst wurde.
Das führt erst einmal zu betretenem Schweigen.
Aber dann passiert manchmal etwas Wunderbares.
Die Welt sieht plötzlich ganz anders aus, wenn man sie aus „Gelöstheiten“ sieht.
Man kann jetzt in guter alter Nörgelmanier einwenden, dass die Probleme bei den vier Beispielen ja nicht vollständig „gelöst“ wurden. Es gibt immer noch Junkies im Frankfurter Bahnhofsviertel. Morde in Medellin. Manchen Missmut in Albanien. Und „wer weiß, ob islamische Biobauern wirklich welche bleiben …“.
Hier liegt ein weiterer wichtiger Mutaspekt: Der Mut, auf Perfektionsansprüche zu verzichten. Also auf „Lösungen“, die absolut sind. Hinter dieser Forderung steckt nämlich der Teufel. Der bösartige Populismus nutzt diesen Hang zur Total-Lösung aus, der Leute zu Furien und Idioten macht.
Es geht beim Zukunfts-Mut auch darum, der Welt zu vertrauen, dass sie sich weiterentwickeln kann. Probleme lassen sich in Wahrheit nie vollständig „lösen“. Sie lassen sich aber in Entwicklungen auflösen, an denen wir beteiligt sind.
Man kann jetzt einwenden, dass das ja nur sehr wenige Beispiele sind. Die schrecklichen Tendenzen der Wut und des Hasses sind doch viel, viel, viel, viel größer – oder?
Auch hier hilft es, die Blickrichtung zu verändern.
Das Großartige im Kleinen
Mutanfälle sind nicht auf die politische Arena beschränkt. Gerade im Kleinen, im Persönlichen sind sie besonders großartig. Und unfassbar zahlreich.
Wenn wir uns verlieben (oder besser: in die Liebe gehen), erhöhen wir den Energielevel der Welt.
Wenn wir eine neue Aufgabe finden, die uns mit Dopamin und Zuspruch zur Welt verbindet, eröffnen wir neue Möglichkeitsräume – nicht nur für uns selbst.
Wenn wir eine Firma gründen, die nicht nur eine Cash-Maschine ist, sondern einen menschlichen Sinn erzeugt, tragen wir zur Komplexität des Universums bei. Es wird uns danken, auch mit Rückzahlungen.
Auch eine Scheidung kann ein Mutanfall sein.
Oder der Prozess der Trauer als innere Transformation.
Wer Kinder „in die Welt setzt“, hat nicht nur Mut, sondern eine ganze innere und äußere Hoffnungsarmada auf seiner Seite. Doing Future Life.
Eine Initiative für das Bessere gründen, die sich nicht kleinkriegen lässt. Als Bürgermeister eine Gemeinde oder Stadt gut regieren. Einem Chor beitreten. NEIN zu Blödsinn sagen. Die Liste der Mutanfälle ist unendlich.
Zum Zukunftsmut gehören bestimmte Tugenden, die etwas schwieriger zu meistern sind als der gemeine Wutanfall oder die verstockte Verzweiflung. Ralf Dahrendorf, der passionierte Liberale, definierte diese so:
Mut zur Freiheit in Einsamkeit.
Leben im Paradox.
Beobachten mit Abstand, aber Engagement.
Passion der Vernunft.
Transformatorischer Mut ist eher das Gegenteil von Heroismus als dessen kleiner Bruder. Die Kunst ist es, sich von den Problemen innerlich zu lösen, die zu unserer Selbstkonstruktion geworden sind. Wir sind nämlich regelrecht verliebt in unsere Probleme. Wir können sie zu allem (Un-)möglichen verwenden: Vorwürfen. Schuldgefühlen. Anklagen. Abgrenzungen. Unterstellungen. Projektionen. Ideologien. Probleme dienen uns dazu, uns abzukapseln. Die Kunst der Wandlung ist aber das Nichtrechthabenwollen .
Siehe das Buch „Nichtrechthabenwollen“ von Martin Seel, Verlag S.Fischer Wissenschaft
Erhältlich u.a. bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung).
Wenn die Mutanfälle die Wutanfälle übersteigen, entsteht Zukunft. Wenn die Wut gewinnt und zu Hass mutiert, siegt das Dunkle. So einfach ist das. Aber ich vermute, dass Menschen im Grunde mehr zum Mut neigen. Auch wenn es Zeiten gibt, in denen wir uns gegenseitig ent-mutigen.
Das geht vorbei.
„Die Kraft kommt durch das Leben, nicht die Tugend.“
Camus
„Wir leben in einer wahnwitzigen Zeit, die Irren machen die Regeln. Da müssen wir hin und wieder aus dem Fenster klettern.“
Cornelia Funke, Fantastische Autorin, in einem Interview
„We are still in the nihilist moment of disillusionment and anger, after people have lost faith in the old stories but before they have embraced a new one.“
Yuval Noah Harari, „21 Lessons for the 21st Century“
„Die Welt ist irre geworden, also gebt aufeinander Acht.“
Neill Young bei seinem letzten Konzert
Vor einigen Jahren schleichend, dann mit voller Wucht, ist alles anders geworden. Das Weltgefühl. Das Lebensgefühl. Das Glücks- sowie das Unglücksgefühl. Die Perspektive, mit der wir auf das Kommende sehen, auf den Horizont der Ereignisse.
Um es mit einer schönen englischen Vokabel auszudrücken: Alles ist discombobulated. Für diesen charmanten Zungenbrecher gibt es keine direkte deutsche Übersetzung. Aber schon der Klang verrät die Bedeutung: irgendetwas zwischen „verworren“, „fürchterlich durcheinander“ und „verstörend“.
Das Störgefühl der Gegenwart ist übermächtig.
Die Zukunft ist hinter dem Horizont verschwunden.
Sie hat uns allein gelassen, mit unseren Hoffnungen, Wünschen, Verzweiflungen.
Die Welt ist aus den Fugen.
Oder sind wir aus der Zeit gefallen?
Der Publizist Tom Junkersdorf schilderte das Lebensgefühl unserer Tage in der Zeitschrift Business Punk als „Future Hangover“. Die Zukunfts-Verkaterung.
„Wir alle haben offenbar einen Kater. Aber es geht nicht nur um eine Krankheit, sondern um das, was wir Leben nennen. Wir haben uns auf den Fortschritt gefreut. Die Technik. New Work. Die Chance auf Homeoffice, neue Werte und neue Wertschöpfung. Wir haben die Digitalisierung umarmt wie gute Gastgeber. Jetzt haben wir all das. Und spüren, dass es unserer Lebensqualität und unserem Wohlbefinden nicht besser geht.
Wir wollten Wellbeing und haben plötzlich Toxic Care. Wir wollten Wohlstand und haben plötzlich Notstand überall. Wir wollten Frieden und haben plötzlich Krieg …“
Man könnte die Liste fortführen:
Aus Demokratie wurde Spaltung.
Aus Wahrheit wurde Meinung.
Aus Protest wurde Wut und Hass.
Aus Wohlstand wurde Stress.
Aus Hoffnung wurde Angst.
Aus ich wurde Ego.
Aus Emanzipation wurde Regression.
Aus Freiheit wurde Anmaßung.
Und so weiter.
Wir befinden uns im Zustand des Zukunftsverlusts. Es herrscht das, was ein guter Freund von mir als „fortschreitende Ratlosigkeit“ bezeichnete.
Folgen wir ein wenig diesem anhaltenden Kopfweh, diesem Trauer- und Verlustgefühl. Wie mancher Schmerz haben diese uns womöglich Wichtiges zu sagen.
Das Alte Normal
Schauen wir noch einmal zurück: Wie WAR das eigentlich, das berühmte „Alte Normal“, in das wir uns heute häufig zurücksehnen? Wie fühlte sich die Welt „damals“ an, vor 9/11, den toxischen Seelenmüllhalden des Internets, den neuen Kriegen, vor Trump, Tyrann Putin, Corona und dem KI-Zombie, der unaufhaltsam auf uns zuwankt?
Erinnerungen sind immer auch Fälschungen. Aber es trügt nicht, dass es in den Millennium-Jahren um 2000 ein Gefühl von Konsistenz gab. Eine Art „Stimmigkeit“ der Welt in Richtung Zukunft.
Es gab so etwas wie eine gemeinsame Idee in den Köpfen der Gesellschaft. „Jene große, unausgesprochene Annahme, von der es nicht notwendig ist, sie auszusprechen, weil sie das Paradigma bildet, die tiefsten Überzeugungen darüber, wie die Welt funktioniert.“ So Donella Meadows, die Co-Autorin des Buchs „Grenzen des Wachstums“.
Wir konnten hoffen. Dass alles besser werden würde.
Und wir konnten uns engagieren. Unsere Handlungen hatten Wirkungen. Wir lebten in einer Wirklichkeit.
Gewiss, auch im Alten Normal gab es Krisen, Konflikte, Kriege (die wir gerne an den Rand der Wahrnehmung verdrängten). Aber diese Phänomene erschienen eher als Überbleibsel, Restbestände einer Vorzeit, die eigentlich schon abgelaufen war.
Natürlich gab es auch Streit. In gewisser Weise war die Gesellschaft des Alten Normal sogar polarisierter als heute – die „Lager“ waren deutlicher abgrenzbar; man wusste noch besser, was links und rechts, fortschrittlich und reaktionär war, und wer wohin gehörte. Die politischen Frontlinien waren noch kein Kulturkrieg, der auch das Private, das Persönliche, das So-Sein betraf. Streit hatte meistens etwas Produktives, Vorwärts-weisendes. Er zeigte die Möglichkeiten, die Alternativen auf, die die Welt zu bieten hatte.
Der gemeinsame Horizont war durch solche Wortkombinationen geprägt:
Fortschritt und Wohlstand.
Wissenschaft und Technik.
Aufklärung und Vernunft.
In diesem Sinne ging alles irgendwie voran. Langsam, mit Rückschritten, aber dennoch.
Das Ende der Moderne
Die Epoche, die jetzt zu Ende geht, nannte sich DIE MODERNE.
Die Idee der Moderne basiert auf der Vorstellung, dass die Welt verfügbar ist. Dass sie gestaltet werden kann. Mit den Kräften der Vernunft, der Planung und der Voraussicht. Mit gutem Willen und immer mehr Wissen, Bildung und Information.
Wer als „Boomer“ geboren ist, also in den Jahren zwischen 1950 und 1964 in den geburtenstarken Jahrgängen, der hat den Honig der MODERNE in ihrer höchsten Blüte aufgesaugt. In den Bildern meiner Kindheit ist die Zukunft immer glatt, schön und sauber: die Hochhäuser, die in den Himmel ragen. Straßen, auf denen die Straßenkreuzer kreuzen oder schweben, und Robotern, die mit großen Kulleraugen patrouillieren. Papis fuhren, mit Pfeife im Mund, im Atomauto. Und Muttis standen fröhlich an einem automatischen Herd. Eine Welt, in der jeder wusste, wer er war. Und was zu tun war: Aufbauen, Vermehren, Verbessern, Perfektionieren. Das Versprechen:
Die Wirtschaft steigert ständig den Wohlstand durch unendliches Wachstum.
Technologie macht unser Leben angenehm, leicht und komfortabel, damit wir uns mehr um unsere geistigen und seelischen Bedürfnisse sorgen können. Sie wird uns auf den Mond und darüber hinaus bringen, wo wir die Flagge der Menschheit hissen können.
Demokratie regelt den gesellschaftlichen Verkehr zum allgemeinen Vorteil. „Mehr Demokratie wagen!“ lautete eine Parole der aufstrebenden 70er Jahre.
Zukunft 1967. Und Zukunft heute (erzeugt mit KI). Hat sich irgendetwas verändert?
Heute kann man spüren, wie alle diese Erwartungen knirschend zerbrechen. Aber man kann auch darüber staunen, wie lange sie sich gehalten haben. Und wie sie immer wieder, auf tragische oder rührende Weise, zurückkehren. Wie bei Elon Musk, der seine kindlichen Zukunftsträume mit allen Mitteln, auch mit Gewalt und Irrsinn, durchsetzen will. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Die Postmoderne
Wer in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aufgewachsen ist, hat auch noch eine andere Denkweise und Welthaltung erlebt: den Postmodernismus. Je mehr sich die technische Moderne realisierte – und ihre Folgeschäden sichtbar wurden -, desto mehr entwickelte sich auch eine Gegenkultur des Kritischen, Skeptischen, Ablehnenden, Rebellischen.
Die Postmoderne fragte hartnäckig:
Was ist der Preis für diesen Fortschritt?
Was ist mit all dem Müll, den Schaumbergen auf den Flüssen, der Vergiftung von Natur und Mensch?
Was mit den Herrschafts- und Kapitalinteressen hinter den Behauptungen und Visionen des „Fortschritts“?
Was ist der PREIS, den man der Zukunft zahlen musste?
Ist es das wert?
Beharrte die Moderne auf Vereinheitlichung der Lebensverhältnisse im modernen Lebensstil, suchte die Postmoderne nach Autonomie, Eigensinn, Identität. Strebte die Moderne nach immerwährender Beschleunigung und Effizienz, suchte die Postmoderne das Originäre, Lokale, „Authentische“. Beharrte die Moderne auf einem karriereorientierten Lebensmodell, experimentierte die Gegenkultur mit dem Mystischen, dem Spirituellen, dem Sonderbaren. Und mit der einen oder anderen bewusstseinsveränderten Substanz.
Modernismus und Postmodernismus spielten jahrzehntelang eine Art Katz-und-Maus-Spiel. Wie Tom und Jerry jagte man einander. Aber irgendwie kam man immer aufeinander zurück. Man rieb sich heftig aneinander, aber in dieser Reibung geschah etwas Erstaunliches. Postmoderne Denk- und Fühlmuster drangen immer tiefer in die Mehrheitsgesellschaft vor. Die Ökologiebewegung wurde mächtig und einflussreich. Plötzlich konnten unsere schwulen und lesbischen Freunde heiraten – wer hätte das je gedacht? Die Rolle der Frau, die Bedeutung des Weiblichen, veränderte sich. Sogar Unternehmen, ganze Konzerne, konnten plötzlich aus dem Korsett des reinen Profits heraustreten und einen höheren Sinn für sich beanspruchen. Es bildeten sich neue Synthesen, Mischungen aus modernen und postmodernen Welthaltungen. Eine Art Metamoderne entstand.
Die Postmoderne fügte der Moderne ein neues Achsensystem hinzu:
Emanzipation und Individuation.
Eigensinn und Lebensintensität.
Kritisches Denken und Moralität.
Der Zeitgeist bewegte sich jenseits des Rechts-Links-Schemas auf einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu, der die alten Gräben überspannte. Eine Grundvision, eine Zukunftserwartung für das 21. Jahrhundert.
Nennen wir es die Ökomoderne. Oder die zuhörende Demokratie – the listening society. Die dynamische Marktwirtschaft. Oder „Technologie der Emanzipation“ – Technik, die den Menschen und seine Bedingungen und Beziehungen stärker macht.
Das ist das, was wir verloren haben.
Die Vorstellung, dass die Welt in EINE Richtung geht.
Ins Bessere.
Bis alles explodierte. Und aus dem progressiven Konsens das Paradoxe herausbrach. Wie das Alien aus einem Menschenkörper im Raumschiff NOSTROMO (siehe die erste Folge der Filmserie „Alien“).
Was, wenn wir uns geirrt haben?
Eine der mutigsten Sätze eines Politikers stammt von Barack Obama. Als der Wahlsieg von Trump schon ziemlich deutlich wurde, sagte er in einer Pressekonferenz in Lima den Satz: WHAT IF WE WERE WRONG?
„Vielleicht“, sagte Obama, „haben wir es zu weit getrieben.“ Und er zitierte die Notiz einer seiner Berater und Redenschreiber, Benjamin Rhodes: „Vielleicht wollen die Leute einfach in ihren Stamm zurückfallen.“
Heute ertappe ich mich manchmal bei der Frage: Wie konnten wir eigentlich „damals“ im Alten Normal so sicher davon ausgehen, dass das Gute, Bessere und unbedingt Richtige, so wie wir es wahrnahmen, „immer so weitergehen würde“? (Gewiss, einige haben den Bruch vorausgeahnt).
MEHR Individualität
MEHR Selbstverwirklichung
MEHR Toleranz
MEHR Moral
MEHR Kreativität
MEHR Abenteuer
MEHR Frieden
MEHR Spaß
MEHR Technik
MEHR Gerechtigkeit
MEHR Gleichheit
MEHR Geschwindigkeit …
Die heutige Omnikrise ist vor allem eine ERWARTUNGSKRISE. Eine Steigerungskrise von Ansprüchen und Anforderungen. An den Staat, die Gesellschaft, inzwischen auch an sich selbst. Wir waren so beschäftigt mit dem Kritisieren, dem Gutsein, dem Unbedingt-verändern-wollen, dem Wunsch nach Progression und Emanzipation und wirksamer Moral, dass wir gar nicht merkten, wie sich überall die Widersprüche auftürmten. Wie die Leichtigkeit verschwand, in der echter Wandel gedeihen kann. Und im Inneren der Gesellschaft ein tiefer Bruch, ein emotionaler Abgrund entstand.
Könnte es sein, dass wir anstatt Lust auf Veränderung zu machen, einem im Grunde spießigen Moralismus des Progressiven huldigten, der zunehmend selbstgerecht wurde?
Haben wir es den „dunklen Kräften“ womöglich einfach gemacht, indem wir immerzu auf das Bestehende einhämmerten, es verwünschten, sozusagen nur noch Haare in der Suppe fanden?
Haben wir womöglich kräftig zur Hysterisierung der Gesellschaft beigetragen?
Obwohl vieles doch ganz gut funktionierte, in dieser späten Moderne. Zwar nicht perfekt, aber doch auf einem guten Weg war.
Wir progressiven, moralischen, „der Zukunft zugewandten“ Menschen, waren womöglich Teil und Treiber einer gewaltigen Erwartungsexplosion, der die Gesellschaft (und uns selbst) überforderte. So verwandelte sich die Forderungs-Gesellschaft zu einer Überforderungs-Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die ständig an sich selbst zweifelt, sich von innen her selbst zerlegt, ihr Vertrauen verspielt. Und mit Imperfektionen, Defiziten, den zum Leben gehörenden Verlusten, nicht mehr umgehen konnte.
In seinem Buch „Verlust. Ein Grundproblem der Moderne“ (Suhrkamp 2024, S. 188) schreibt der Soziologe Andreas Reckwitz:
„In der modernen Gesellschaft beziehen sich Verlusterfahrungen … in erheblichem Umfang auf den Raum der Zukunftserwartungen. In der modernen Gesellschaft findet so eine Erwartungsexpansion historisch ungewöhnlichen Ausmaßes statt. Erwartungen haben jedoch grundsätzlich die Eigenschaft, enttäuschungsanfällig zu sein. Wenn solche Erwartungsenttäuschungen sich akkumulieren und verfestigen, kann sich die Erfahrung eines grundsätzlichen Verlusts der Zukunftshoffnungen einstellen, die man hegte: ein Zukunftsverlust. Die Zukunftserwartungen werden somit aus der Sicht des Subjekts noch umfassender, noch ambitionierter und noch mehr mit der eigenen Identität verknüpft. Und sie werden enttäuschungsanfälliger. Wer viel erwartet, hat auch viel zu verlieren.“
Womöglich hat der historische Bruch etwas mit dem zu tun, was die Philosophin Elisabeth Anscombe „Hyperkonsequentialismus“ nennt:
„Die Welt ist in ein dermaßen komplexes Netz an Kausalitäten verstrickt, dass jeder für einen Teil der daraus resultierenden Übel verantwortlich gemacht werden kann … Auf diese Weise erhält jede unserer Handlungen, und sei sie noch so geringfügig, moralische Bedeutung … Diesen gewaltigen Ansprüchen des Hyperkonsequentialismus kann man nie genügen, weshalb ihre Vertreter untereinander alle denkbaren sinnlosen Streitereien anzetteln … Der Hyperkonsequentialismus greift die alte Idee der Erbsünde auf.“
Bronner
„We are angry whenever we believe that we are promised paradise and get a traffic jam, lost keys, disappointing relationships, a less then optimal job. We are furious and our sense of entitlement comes back to bite us. This is the danger of the age. We cease to appreciate things when we believe that life should be perfect and we can eradicate all known problems.”
Aus: „Do Human Kinds best days lie ahead“ – The Munk Debates
Es ist Zeit, um aus diesem Schmollwinkel, diesem Jammertal, wieder herauszutreten.
Wie sagte Konfuzius so schön?
Habt nicht feste Meinungen.
Wollt nichts unbedingt.
Seid nicht starr.
Seid nicht auf Euch selbst bezogen.
Die Komplexitätsfalle
Um zu verstehen, was wirklich passiert ist in diesem vibe shift, diesem historischen Gezeitenwechsel, müssen wir uns dem Phänomen der Komplexität zuwenden. Keine Angst, es tut nicht weh. Es ist auch nicht wirklich kompliziert.
Komplexität ist das Gegenteil von Kompliziertheit. Das Komplexe ist das, was sich selbst ausbalancieren kann. Sich zusammenfügt. Sich selbst immer wieder neu und anders organisiert. Das Vielschichtige, das sich ständig weiterentwickelt.
Kompliziertheit hingegen entsteht, wenn die einzelnen Teile eines Systems auseinanderfallen. Wenn nichts mehr zusammenpasst. Die Rückkoppelungen und Ausgleichsbewegungen disparat werden.
Wenn die Welt „aus den Fugen“ gerät.
Komplexität ist das Spielelement des Kosmos. Die selbst-schöpferische Poesie, die „Poiesis“ der Welt. Aus Quanten werden Atome, aus Atomen Moleküle, aus Molekülen Einzeller, schließlich Organismen, die sich mit Hilfe von DNA-Ketten reproduzieren und in einem ständigen Rückkoppelungs-Verhältnis zu ihrer Umwelt stehen. Leben ist das Komplexe an sich. Im ständigen Wirken der Evolution gegen die Entropie entsteht diese fantastische Wundertüte, die wir unseren Heimatplaneten nennen dürfen. Die Erde, mit uns als Passagieren. Die Zivilisation, als geformte Menschenwelt.
Das menschliche Hirn ist das Komplexeste, was wir bislang im Universum kennen. Das heißt, es kann in fast unendlichen Zuständen funktionieren.
Was allerdings ein gewisses Risiko beinhaltet.
Städte sind auf wunderbare Weise komplex – oder können es sein, wenn in ihnen interagierende Vielfalt entsteht, die „Kultur“ schafft. Blumen, Wiesen, Tiere, Wälder (wenn wir sie nicht verspargeln), sind Feste der Komplexität. Zivilisationen sind komplexe Systeme, die auf Regelwerken, Ökonomien, Kulturmustern und ständigen Anpassungsleistungen beruhen.
Komplexität ist etwas Wunderbares, aber auch Fragiles. Sie ist Ordnung am Rande des Chaos. Sie kann sich abnutzen, durch zu viel Wiederholung, durch Über-Effizienz einzelner Teilsysteme. Oder ständige Perfektionsansprüche. „Überschleunigungen“. Dann versagen die subtilen Feedback-Prozesse, mit denen sich das Komplexe in immer neue Balancen transformiert. Wie das Leben selbst braucht das Komplexe Unruhe, ein gewisses inneres Chaos, in denen Räume offenbleiben, Wandlungen möglich sein können.
Wenn man der Komplexität zu viel Perfektion abverlangt, die Ansprüche mit den Möglichkeiten immer weiter auseinanderklaffen, fängt sie an, überzuschäumen.
„Komplexität verleitet uns dazu, sie zur Kenntnis zu nehmen. Komplexität spornt uns an, mitzumachen. Komplexität macht uns demütig, indem sie uns zeigt, dass wir nur Teile eines verblüffend großen Ganzen sind.“
Der Komplexitätsforscher Neil Theise
Die Überkomplexität
Komplexität kann, wenn bestimmte Bedingungen zusammentreffen, überkochen wie der Brei im Grimmschen Märchen.
Armin Steinbach, der Chefvolkswirt im deutschen Finanzministerium, hat dieses Phänomen in einem Essay mit dem schönen Tiel „Wie kommt man hier raus?“ so dargestellt:
„Die vom Liberalismus befreiten Menschen trampeln sich zusehends gegenseitig auf den Füßen herum. Die Welt ist mittlerweile proppenvoll: Die Metropolen, aus denen der Liberalismus entstammte (Stadtluft macht frei), sind dicht, in den Sozialräumen des Internets ist der nächste Hetz-Mob immer nur einen Tweet entfernt, und in der überhitzten Erdatmosphäre droht Satelliten-Stau. Was heißt es in dieser Welt, sich zu entfalten? Es heißt, jemand anderen zu beschränken. Im Grunde ist alles zu einer Reibungsfläche geworden, die in ihrer Dynamik dauernd Konflikte befeuert.“
Im Kern von Komplexitätsüberschüssen stehen oft informelle Phänomene. Die Explosion unseres medialen Systems, das in jeder Sekunde Myriaden von Punkt-zu-Punkt-Verbindungen herstellt, unendliche Echokammern erzeugt, ständig Emotionen hochjagt und Bedeutungen zerstört, ist eine Überkomplexität des Informellen. Man kann davon ausgehen, dass die sogenannte Künstliche Intelligenz dieses Schaukelspiel noch einmal radikal beschleunigen wird.
So wird aus dem Komplexen das Komplizierte. Aus dem Passenden das Paradoxe. Aus einzelnen Krisen die „Omnikrise“.
Der Gott des Chaos betritt die Bühne.
Es ist wichtig, dass wir zunächst einmal verstehen, was passiert, um die Angst vor dem Verlust „von allem“, also die Untergangs-Angst zu überwinden.
Komplexitätskrisen sind nicht das Ende vom Lied. Sie führen IMMER in eine Regeneration. In eine Wieder-Formung. Nach dem Mittelalter, das mit der Pest seine Stabilität verlor, kam die Renaissance, die ein anderes Menschenbild, einen neuen Horizont entwickelte. Nach dem Grauen der Weltkriege im 20. Jahrhundert blühte die Idee der humanistischen Demokratie und einer regelbasierten Ordnung, eines „vermittelbaren Wohlstandes“ auf.
Auch diesmal wird es wieder so sein.
Darauf kann man sich verlassen.
Wie lange es dauert, und wie tief der Fall sein wird, hängt allerdings auch von uns ab.
Wenn wir aus dem Tal der Ängste und der destruktiven Negativität herauskommen wollen, müssen wir versuchen, einen neuen Kontakt mit der Zukunft aufzubauen. Das Zukünftige ist das Komplexe, das sich aus dem Gelernten ergibt.
Progress only comes from changing how you see the world, lautet ein kluges Sprichwort. Fortschritt entsteht dadurch, dass wir die Welt anders sehen lernen.
Der erste Schritt ist die Kunst des Loslassens. Wir kleben innerlich immer noch am Alten Normal. Wie alte Spießer glauben wir, dass „unsere“ Zeit die gloriose Zeit war , während jetzt nur Armageddon und Dummheit herrschen. Und das unbedingt alles so werden muss wie früher.
Aber vielleicht drückt sich in den Krisen unserer Zeit ja auch eine Botschaft aus, die wir nur noch nicht verstehen.
Und vielleicht, nein ganz sicher, verläuft die Zeit in Zyklen.
Enttäuschung muss man mit Bindestrich schreiben. Ent-Täuschung heißt, dass wir die Illusionen loslassen. Das macht den Blick wieder frei. Allerdings ist der Prozess schmerzhaft. Deshalb meiden wir ihn.
Der nächste Schritt ist der Abschied vom linearen Denken. Gerade progressive Menschen neigen dazu, gradlinig zu denken. Auf A folgt B folgt C. MUSS folgen. Anders kann es gar nicht sein.
Die klugen Denker der Vergangenheit wussten schon vor langer Zeit, dass die Welt, die Geschichte, in Schleifen, Rekursionen, Rückschlägen und Vor-Tänzen verläuft. Der Gang der Welt ähnelt manchmal mehr einem Veitstanz oder headbanging. Was unsere Freunde von der Heavy-Metal-Fraktion sicher begrüßen werden, weil sie es mit Inbrunst praktizieren.
Jeder Trend erzeugt Gegentrends. Widerstände, Reaktionen, Widerspenstigkeiten, in denen die Komplexität sich stabilisieren will. Alles kommt irgendwann an Tipping Points. Aus Trends und Gegentrends entsteht die Dynamik der Synthese. Das Alte kehrt zurück, verwandelt sich dabei aber wieder in etwas Anderes, Neues. Es sind immer Umwege, die in die nächste Stufe führen.
Üben wir also für die nächste Zukunft:
Das Kleine im Großen schätzen.
Das Bedrohliche anerkennen, aber ihm nicht dienen.
Leichter werden. Durchlässiger.
Das Gelingende wahrnehmen und verstärken.
Zuneigung nutzen, um sich zu verbinden.
Ausweichen, wo es notwendig ist.
Kämpfen, wo es Sinn macht.
Die Widersprüche umarmen.
Und dabei im Lächeln zu bleiben.
Wie sagte der Physiker Niels Bohr so schön?
„Wie wunderbar, dass wir auf ein Paradoxon gestoßen sind. Jetzt haben wir die Chance, echte Fortschritte zu machen!“
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
In „Death Stranding 2“, einem Kult-Videospiel unserer Tage, ist die Welt zerstört. Man kennt das schon: endlose Wüsten, Wracks, die aus geronnenem Schlamm ragen; ab und zu melancholische Überreste der Zivilisation wie verrostete Tankstellen oder geplünderte Supermärkte oder rätselhafte Tunneleingänge, die man besser meidet. Die Zombies wohnen in den Bunkern. Ende Gelände. Ende Zivilisation.
Die Faszination dieser Bilder ist extrem. Auf eine seltsame Weise aber auch vertraut. Irgendwie beruhigend.
Endlich ist es vorbei, mit der ganzen Zivilisation.
Haben wir das nicht immer schon vorausgeahnt?
So musste es ja kommen.
Aber das Ende ist immer auch ein Anfang.
Ein Bote ist unterwegs. Er ähnelt den Paketboten unserer Zeit, die immerzu in einen hoffnungslosen Endkampf mit der Uhrzeit verwickelt zu sein scheinen. Aber in dieser dystopischen Welt ist alles anders. Die Boten tragen seltsame magische Gegenstände in die Welt hinaus, damit das Leben, die Zukunft, wieder entstehen kann.
Es sind Botschafter der ANTI-DYSTOPIE.
Gute Science-Fiction beschäftigt sich nicht nur damit,
was Technologie tut, sondern auch damit,
für wen sie es tut und wem sie es antut.
Cory Doctorow, kanadisch-britischer Autor
Das dunkelste Dunkel
Wie also wird das Morgen? Na klar: ein finales Desaster. Alles versinkt im Chaos, das Ende der Menschheit ist unausweichlich. Wir sind zu blöd zum Überleben. Die meisten Zukunfts-Narrative, aber auch viele Computerspiele sind heute „GRIMDARK“. In der GRIMDARK-Welt wanken Gestalten durch radioaktive Wüsten, kämpfen irre Zombies und harte Kämpfer um die letzten Konservendosen und Benzinkanister. Alles ist ein einziger Rachefeldzug. Berühmter Standard: Mad Max. Dort scheint die Sonne ohne Unterlass, aber niemand kommt auf die Idee, Sonnenkollektoren zu nutzen. Untergang durch hypermännliche Blödigkeit.
Jetzt aber entwickelt sich gegen diese Düsternis eine neue Literaturgattung, eine neue songline, die sich ganz anders liest.
HOPEPUNK kombiniert den Stolz der Rebellion mit dem Amalgam der Hoffnung. HOPEPUNK verabschiedet sich von den Erlösungsphantasien der Technologie ebenso wie vom Raumschiff-Getöse im ewigen Kampf gegen die ALIENS und die andauernde Rettung der Welt vor – allem.
HOPEPUNK ist „down to earth, back to the future“. – Es geht um Gemeinschaft, um menschliche Kooperation in schwierigen Zeiten. Um die Frage, wie wir unsere Perspektive auf eine bessere Welt erneuern können, ohne in die alten Illusionen zurückzufallen, die spätestens mit der OMNIKRISE, dem Zeitenbruch unserer Tage, hinfällig geworden sind.
Es geht gewissermaßen darum, der Zukunft die Ehre zu erweisen, indem man ein wenig zurücktritt. Und vom wahren Leben erzählt. Wie es sein wird. Aber eigentlich auch schon heute ist.
Abschied von der Utopie – UND der Dystopie
Im Jahr 2017 prägte die Fantasy-Autorin Alexandra Rowland den Begriff HOPEPUNK als Alternative zu Grimdark.
Hopepunk besteht in der Konstruktion von Welten, die positiv sind, aber keine Utopien darstellen. Die hochtechnische Zivilisation as we know it ist zwar gescheitert, aber das heißt nicht, dass es keine Alternativen gäbe. Hopepunk hat viel mit Rebellion zu tun, sieht aber Rebellion nicht als Zerstörung von Ordnungen, sondern als Wiedergewinnung menschlicher Würde. Wie Rowland es ausdrückte: Punk = Aufstand gegen die Verhältnisse + Hope = „Wir verdienen eine bessere Welt. Und wir werden sie uns herstellen!“.
Hopepunk kombiniert das Raue, Existentielle, aber auch Solidarische des Punks mit der grundlegend menschlichen Eigenschaft der Hoffnung darauf, dass sich etwas zum Besseren ändern kann.
Hopepunk handelt vom WEITERMACHEN in schwierigen Situationen.
Hopepunk erzählt von menschlichen Beziehungen, in denen sich die Liebe zur Welt, zu den anderen zeigt.
Von Aufständen, die scheitern, aber trotzdem etwas bewirken.
Von Krisen, Katastrophen, die wir überleben und mit denen wir wachsen.
Katastrophen zeigen ein „Reales“ des Menschen, seines Wesens, seiner Zivilisation, seines Sozialen. So leuchten Desaster Spielarten des Sozialen unter verschärften Bedingungen aus, von der gegenseitigen Hilfe oder Selbstaufopferung bis zum rücksichtslosen Überlebenswillen. Die Katastrophe TESTET den Menschen, seine Stärke und Belastbarkeit, die Haltbarkeit seiner Bindungen.
Die Apokalypse-Forscherin Eva Horn
Hope is a verb
Carlyle Foster-Kraye beugte sich zu mir. „Nur weil einiges von dem, was die Erde in diese Krise geführt hat, unsere Schuld ist, Ihre, meine, heißt das nicht, dass wir nicht trotzdem wirklich Gutes tun können. Wir sind immer noch hier. Am Leben. Wir haben die Fähigkeit zu handeln, zu wählen und etwas zu erreichen. Das ist real. Auch wenn unser Fortschritt durch vergangene Fehler in den Schatten gestellt scheint, heben sie die guten Dinge, die wir jetzt tun, nicht auf, bilden keine unüberwindbare Grube, aus der wir wieder herausklettern müssen, um bei Null anzufangen. Wir können Gutes tun, und unsere Vergangenheit nimmt uns diese Möglichkeit nicht. Nicht solange wir noch leben und atmen. Und es versuchen!“
Dieser Ausschnitt stammt aus dem epischen Zukunftswerk „Terra Ignota – Perhaps the Stars“ von Ada Palmer (Terra Ignota, Book 4, siehe Kolumne 142), der vielleicht profiliertesten Autorin des Hopepunk Genres. Auf der Erde ist nach vielen Jahren des Friedens wieder ein Krieg ausgebrochen, und eine Gruppe von Aktivisten, ein geistiges Netzwerk, diskutiert, was das zu bedeuten hat. Fliehen? Standhalten? Sich auf eine Seite schlagen? Welche Möglichkeiten gibt es überhaupt? Es wird weitergehen, irgendwie. Es MUSS weitergehen …
Hopepunk, oder das Nebengenre „Solarpunk“, präsentiert ein Menschen- und Gesellschaftsbild, bei dem Menschen in der Lage sind, auch RICHTIGE Entscheidungen zu treffen – und damit die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
In einem Essay über Hopepunk schreibt Palmer:
„So viele Geschichten lehren uns, dass es im Ernstfall nicht lange dauert, bis mit menschlichen Schädeln geschmückte Biker-Gangs durch die verwüsteten Straßen ziehen, und nur sehr wenige zeigen, wie sich Menschen Studien zufolge in Krisen wirklich verhalten, indem sie sich zusammentun, um Pop-up-Projekte für Vorratskammern und gegenseitige Hilfe bereitzustellen. Inmitten so vieler Geschichten über Mordspiele und gnadenlose Game of Thrones gibt es eine wirklich punkige, direkte Widersprüchlichkeit gegenüber Geschichten, in denen die Menschen in drohenden Krisen zueinander halten und Gutes tun … Punk hat eine schmuddelige Ästhetik, und Hopepunk hat das auch, indem es aus dem Müll des Schlechten etwas Besseres baut. Es drückt auch negative Emotionen aus, nicht Verzweiflung, sondern produktive Wut, aus der aber auch Freundlichkeit spricht. … Hopepunk zeigt Widerstandskraft, indem es Versagen, Rückschläge und Kompromisse nicht als heroische Fehler zeigt, sondern indem es anerkennt, dass es ein unvermeidlicher Teil des Handelns ist, Fehler zu machen.“
Hopepunk ist ein Genre, das gerade zur rechten Zeit kommt. Wir sind heute eingeklemmt zwischen den UTOPIEN und DYSTOPIEN, und genau das bringt die eigentliche, die machbare Zukunft zum Verschwinden. Es gibt nur noch zwei Varianten: die endgültige technologische Erlösung oder das unwiderrufliche Ende – durch High-Tech, KI und Unsterblichkeits-Techniken. Oder eben Untergang, Apokalypse, Zerstörung, Dystopie im Stil von Filmemacher Roland Emmerich. Alles zertrümmern, was irgendwie herumsteht. Notfalls auch den Mond.
Hopepunk verläuft im lebendigen Dazwischen. In der Oszillation zwischen dem zivilisatorischen Scheitern, das man heute spüren kann, das in gewisser Weise unvermeidlich erscheint. Und dem Wandel zum Besseren, das durch Menschen möglich wird, die sich selbst und dadurch die Welt verändern.
Etwas ist kaputtgegangen, aber nicht alles. Es gab eine Katastrophe, aber keinen endgültigen Untergang.
PROTOPIEN – von PROvisorisch oder PROduktiv (konstruktiv) sind Zustände, die verbessert werden können. Die nicht perfekt sind. Und auch nicht perfekt sein SOLLEN. Es geht um Stabilisierung des Lebens, Verstetigung des Wandels.
Leben ist immer ein Balancieren. Und Abgründe sind nie allzu fern.
Protopien erzählen die Welt als Fragment, in dem alles stattfinden kann, was im Großen Ganzen geschieht. Aber anders als Utopien, die uns überfordern, oder Dystopien, die uns deprimieren, bilden sie Optionen. Sie öffnen Möglichkeitsräume.
Isabella Hermann hat unter dem Titel „Zukunft ohne Angst“ (Oekom, S. 80) über das Wesen von Anti-Dystopien geschrieben:
„Antidystopisches Denken ist widersprüchlich, und genau diese Akzeptanz von Widersprüchen gehört zum Kern des Konzepts. Es geht weniger darum, eindeutigen Antworten oder klare Trennlinien zu finden, sondern ein Sowohl-als-auch einem Entweder-oder entgegenzusetzen. Es geht nicht um die eine und endgültige Logik, sondern um tausende Wege zu mehr Gerechtigkeit, Freude, Liebe, Zukunft …“
Heldendämmerung oder das Ende der Reinheit
Die klassische „optimistische“ Zukunftserzählung ist immer eine Weltrettung durch Heroismus. Endlos quälen wir uns durch Shootings und Stunts und Gefahren, in denen der Über-Held geschmiedet wird, der dann im letzten Moment das kosmische Übel ein für alle Mal beseitigt – das Raumschiff zum Absturz bringt, den entscheidenden Code findet, der das Schlimmste verhindert. Oder ein Wissenschaftler erfindet das „Riesending“, das die Krise auflöst. One man fits all. Wie das enden kann, können wir live in der Zukunfts-Schmiede von Elon Musk beobachten.
Auch in HOPEPUNK geht es um persönliche Verwandlungen, die ja ein Teil der Heldenreise sind. Aber diese Verwandlungen gehen nicht in Richtung überirdische Transformation in Richtung Superkräfte und „besondere Stunt-Fähigkeiten“. Es geht auch nicht so sehr darum, das Böse zu besiegen. Es geht darum, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Und dabei mit den eigenen inneren Widersprüchen zurechtzukommen. Dank ihnen stärker und „wahrer“ zu werden.
Es geht um Ethik. Statt um kitschige Moral.
Hopepunk-Helden sind immer widersprüchlich, und in ihrer Widersprüchlichkeit spiegelt sich ihre Menschlichkeit. Sie sind „hoffnungsvolle Versager“, die das Leben an sich heranlassen, wie es wirklich ist. Nämlich paradox, „messy“, irritierend.
„Gerade weil wir so müde sind, brauchen wir auch Geschichten von Menschen, die genauso müde sind wie wir. Die genauso zwischen Krisen gefangen sind wie wir. Die nicht großartig, heldenhaft, egostark einherkommen. Die schmuddelig und verschwitzt und kompromittiert sind und genauso kämpfen wie wir.“
Ada Palmer
In ihrem Buch „Against Purity: Living Ethically in Compromised Times“ weist die Kulturforscherin und Philosophin Alexis Shotwell darauf hin, dass eines der größten destruktiven Memes unserer Kultur in Vorstellungen von Reinheit liegt. Die Angst vor Unreinheit, Unperfektion, argumentiert Shotwell, erhöht die Zerbrechlichkeit, weil sie ein Ideal setzt, das niemand erreichen kann. Reinheits-Gesellschaften sind ziemlich oft „terroristische“ Gesellschaften, weil das Akzeptieren von Kritik das Eingeständnis der Schwäche übermäßige Scham bedeutet. Wir ruinieren uns in unseren Perfektionsansprüchen.
Das erleben wir heute auch in der Umweltdebatte, wo der Reinheitsanspruch an den Einzelnen geradezu übermächtig geworden ist. Das Resultat ist eine Schuldfalle, die den Aktivismus zu einem ständigen Anklagen und Schuldmachen macht. Im Namen der absoluten Moral ist plötzlich gar nichts mehr möglich – keine schrittweise Verbesserung, kein gradueller Wandel, kein sinnvolles Handeln. Das Graduelle wird denunziert, und man nutzt Reinheitsideale zur Denunziation: „Was? Du fliegst in den Urlaub? Wie kannst Du nur!!!“
Hopepunk-Erzählungen, formuliert Ada Palmer im Essay, sind Genregeschichten, die die menschliche Natur (Teamwork, Ehrlichkeit, Belastbarkeit) darstellen, dabei aber Reinheitserzählungen entgegenwirken. Sie sind in gewisser Weise „schmutzig“, aber hoffnungs- und würdevoll. Rückschläge im Hopepunk drehen sich nicht so sehr um moralische Urteile, sondern darum, was jetzt getan werden muss, um konkret zu helfen.
Apokalyptische Erzählungen enthalten eine billige Form der Genugtuung, und wahrscheinlich ist es das, was sie so attraktiv macht. Sie verachten den Menschen als Ganzes. Und sie vermeiden den schwierigen Teil der Zukunft: den Aufbau des Neuen, Besseren, nachdem der Turm des Bösen abgebrannt ist.
Die Weibliche Zukunft
In der Einleitung zu ihrem Roman „Die linke Hand der Dunkelheit“ schrieb die Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin im Jahr 1976:
„Science-Fiction ist nicht vorausschauend, sondern beschreibend.“
Mit diesem lapidaren Satz markierte sie einen ganz anderen Ansatz von Zukunfts-Literatur als den männlichen Ans-Ende-der-Welt-gehen-und-dort-grandios-Scheitern-Plot. Es ist sicher kein Zufall, dass HOPEPUNK vor allem ein weibliches Genre ist. Ursula K. Leguin, die sich später eher Fantasy-Erzählungen zuwandte, in denen die Welt sich stabilisierte, war in der Blütezeit der Science-Fiction, in den 70er und 80er Jahren, fast die einzige Frau im Genre. Heute ist das anders. Es kommt ein anderer Ton ins Spiel der Zukunft; ein Tonfall, der praktischer, konkreter, gegenwärtiger ist. Weibliche SciFi wirkt in einen anderen Realitätsbezug hinein, bei dem Gegenwart und Zukunft nicht durch „Überwindung“ oder „Sensation“ oder „Disruption“ getrennt sind. Es geht vielmehr weiter, immer weiter. Es muss weitergehen. Und Menschen können das.
Hopepunk sagt: Kümmer Dich um die Zukunft, und sei es erst einmal im Kleinen. Aber mach’s richtig, dann wird schon was draus werden.
Das ist ganz anders, als das, was wir in den männlichen Phantasien, sagen wir, einer Marsbesiedelung, sehen würden. Dort ginge es sofort um schreckliche Unfälle, irrsinnige Dramen und irgendwelche geisterhaften Erscheinungen, die auf Aliens hinweisen. In einem Hopepunk-Szenario wird zunächst einmal gefragt. Was wollen und was machen wir eigentlich hier? Welches Problem soll gelöst werden?
Wer übernimmt den Abwasch?
Hopepunk-Werke beschäftigen sich viel mit den Problemen des „Commoning“. Der Gruppenbildung von lauter schrägen und nicht immer einfachen Individualisten in tendenziell egalitären Gruppen. Ist das nicht das eigentliche, das KERNproblem unserer Gegenwart?
Es geht auch um Humor. Oder besser: Humoronie. Die sanfte Ironieform, mit der der ewige Moral-Zynismus, mit dem wir heute auf „die Welt und ihren Untergang“ starren, überwunden wird. Darin steckt auch ein Eingeständnis: Wir sind als Individuen, Spezies oder Gesellschaften nicht besonders gut darin, „alles richtig zu managen“. Die Zukunft vorzuplanen und tatsächlich zu „gestalten“ ist wahrscheinlich ein unmögliches Vorhaben. Aber wir sind ziemlich gut im Reagieren. Wenn es hart auf hart kommt, in Katastrophen, Krisen und Zusammenbrüchen können wir über uns hinauswachsen. Und erstaunlich gut und solidarisch kooperieren.
Auch in der Hopepunk-Welt spielt Technologie eine Rolle, besonders natürlich das Digitale, die große „Wunschmaschine“ unserer Zeit. Aber Technik löst nie wirklich alles. Sie funktioniert nie ad perfectum, weil das ja heißen würde, dass für das Menschliche nichts mehr übrig bleibt. Alles wird immerzu umgebastelt, zweckentfremdet, den Gesetzen des Marktes entrissen. Aus einem Öltank wird da gerne mal ein Biorektor für Lebensmittelproduktion. In der Hopepunk-Zukunft ist die Zivilisation eine Art Schrottplatz, auf dem man aus lauter Trümmerteilen „geiles Zeug“ zusammenbaut. Aus Hightech wird Human-Tech – das futuristische Bastler-Konzept (Wer seinen Kindern mal „Pettersson und Findus“ vorgelesen hat, die Geschichte einer klugen Katze und eines alten skandinavischen Bastler-Freaks, der hat das Prinzip begriffen.).
Isabella Hermann nennt das Narrativ der Anti-Dystopie, das sie anhand zahlreicher neuerer Hopepunk-Romane analysiert hat, „inhärent unperfekt“ – aber trotzdem wirksam. Kim Stanley Robinsons Roman „Das Ministerium für die Zukunft“ aus dem Jahr 2020 ist ein Beispiel für diese „produktive Nichtperfektion“. Der Klimakollaps wird verhindert, aber nicht alles wird großartig. Mit dieser Zukunft müssen wir womöglich leben. Aber sie kann auch schön, auch lebenswert sein. Weil wir in ihr WIRKEN können.
In der Zukunfts-Literatur spiegelt sich auf besondere Weise der innere Horizont unserer Kultur. Und der sieht heute wahrhaftig düster aus. Studien in vielen Ländern zeigen: Nie war die Gesellschaft, zumindest die westliche, so müde, so enttäuscht, so angepisst von der Realität. Wenn man Tag für Tag aufwacht und feststellt, dass die Welt immer noch durch unlösbare Krisen, monströse Kriege, Naturkatastrophen, Putin, Trump und grenzdebile Werbung geprägt ist, kann man leicht die innere Fassung verlieren. Eine Hopepunk-Haltung kann uns die Fassung wiedergeben.
Wut und Optimismus
„Wir brauchen jetzt bessere Modelle dafür, was zu tun ist, als einfach den Turm des Overlords in die Luft zu sprengen, denn das löst das Problem nicht.“ schreibt Ada Palmer in ihrem Essay. Im Rahmen des HOPEPUNK-Narrativs ist man/frau auch berechtigt, WÜTEND zu sein. Wut, in der Hoffnung mitschwingt, ist produktiv. Wie der Hopepunk-Autor Cory Doctorow es in seinem Text „Hope, Not Optimism“ ausdrückte: „Optimisten und Pessimisten teilen den Glauben an die Irrelevanz menschlichen Handelns für die Zukunft … Ein Optimist beschließt, die Titanic nicht mit Rettungsbooten auszustatten, weil sie unsinkbar ist. Ein Pessimist macht sich nicht die Mühe zu schwimmen, wenn das Schiff sinkt … Hoffnung zu haben bedeutet, Wasser zu treten, denn solange man nicht auf den Grund gegangen ist, ist Rettung noch möglich.“
In wenigen Sätzen könnte man die Hopepunk-Haltung so ausdrücken:
Wir retten die Welt immer wieder, auch wenn wir es gar nicht merken.
Resistenz und Resilienz sind wichtiger als die aufgeregten Bequemlichkeiten von Endzeitfantasien.
Scheitern und Irrtum gehören unbedingt zum Lernen.
Ebenso wie Freundlichkeit.
Wir wissen viel mehr, als wir glauben. Und wir sind weiter, als wir befürchten. Aber wir müssen das Wissen auch anwenden. Alle Theorien, Modelle, Annahmen über die Zukunft sind nutzlos, wenn sie sich nicht im Kleinen, im Praktischen und Zwischenmenschlichen bewähren.
Es geht um DOING FUTURE. Nicht um großartige Weltkonstrukte und langfristige Schuldzuweisungen. Sondern um konstruktive Lösungen hier und jetzt, verdammt!
Im Buch „Zukunft ohne Angst” von Isabella Hermann schildert Octavia Butler einen Dialog mit einem jungen Fan in Bezug auf ihren dystopischen Roman Parable of the Sower.
„Okay“, forderte der junge Mann sie heraus. „Wie plausibel ist ihr dystopisches Szenario, wie können wir es vermeiden?“
„Es gibt keine Antwort“, sagte ich.
„Keine Antwort. Meinst du, wir sind einfach dem Untergang geweiht?“ Er lächelte, als ob das ein Witz sein könnte.
„Nein“, sagte ich. „Ich meine, es gibt keine einzige Antwort, die all unsere zukünftigen Probleme löst. Es gibt kein Patentrezept. Stattdessen gibt es Tausende von Antworten – zumindest. Du kannst eine davon sein – wenn du willst.“
„Okay“, the young man challenged, „So what’s the answer?“
„There isn’t one“, I told him.
„No answer. You mean we are just doomed?“ He smiled as though this might be a joke.
„No“, I said. „I mean there’s no single answer that will solve all of our future problems. There’s no magic bulett. Instead there are thousands of answers – at least. You can be one of them – if you choose to be.“
Isabella Hermann, „Zukunft ohne Angst“, S. 79.
Einige wichtige Autoren und Werke des HOPEPUNK-Genres:
Cory Doctorow, „Walkaway”
Story eines Zivilisationsausbruchs einer kleinen Gruppe, der auf Umwegen zur Entdeckung der Unsterblichkeit führt. Story einer Art Alternativsekte, die aus dem „Kapitalozän” entkommt und Supertechnologien aus ganz anderen Motiven nutzt und weiterentwickelt. Erhältlich u.a. bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung).
Ada Palmer: Epische Romane von befriedeten menschlichen Zukunfts-Welten, die über die nächsten 600 Jahre wieder in Kriege fallen, aber damit umzugehen lernen. Titel wie „Der Wille zum Kampf”/ „Sieben Kapitulationen” / „Dem Blitz zu nah” / „Perhaps the Stars”.
Stan Kinley Robinson, „Das Ministerium für die Zukunft”
Der Klimarettungs-Roman von Robinson ist in gewisser Weise ein Hopepunk-Standard-Werk. In diesem Roman versuchen kluge Menschen alles, um die Klimakatastrophe abzuwenden, mit teilweise sehr ausgefeilten Methoden; sie gewinnen nicht triumphierend, aber bewegen eine Menge. Erhältlich u.a. bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung).
Judith C. Vogt, Christian Vogt, „WASTELAND”, spielt 45 Jahre in der Zukunft. Die Ruinen eines zerstörten Deutschlands bilden die Kulisse. Ein Teil der Gesellschaft lebt auf einer Art Markt. Drumherum bedrohen Gangs das Leben. Das Ehepaar Vogt beschreibt diesen Zustand als „Utopie in einer Dystopie“ (ähnlich die Netflix-Serie „Tribes of Europe”) Erhältlich u.a. bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung).
Naomi Alderman, „THE FUTURE”
Auch dieser Bestseller gehört im weitesten Sinn zu Hopepunk, auch wenn seine Dramaturgie und Schreibweise eher an klassische Hollywood-Kracher anknüpft. Erhältlich u.a. bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung).
Isabella Hermann, „Zukunft ohne Angst”
Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen.
Science-, Social- und Climate-Fiction als Mutmacher für Veränderung und gesellschaftlichen Wandel, Oekom Verlag, München 2025. Erhältlich u.a. bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung).
Aus dem Archiv: Zwei antidystopisch-dystopische Zukunftsromane von Matthias Horx aus den 80er Jahren. In einem postatomaren Europa suchen Stämme nach neuen Lebensformen. In einem Wettlauf gegen die Zeit legen sie die letzten militärischen Strukturen lahm und verhindern so den nuklearen Overkill. Nur antiquarisch zu haben.
Oder beim Autor (per Mail an michaela.nemeth@horx.com):
„Es geht voran – Ein Ernstfall Roman”, 1982
„Glückliche Reise – Nach der Zivilisation”, 1984
Ada Palmer: Hopepunk, Optimism, Purity, and Futures of Hard Work
Haupt-Essay zum Thema: beforewegoblog.com
Zitate zum Thema
„Science-Fiction und Fantasy passen gut zum Hopepunk, weil es darin diese seltsame Konstellation gibt, die überhaupt keiner Realität entspricht. Das wird also nicht in der nächsten Woche so geschehen. Es geht um etwas, das in einem oder fünf, oder sogar in zehn oder fünfzig Jahren passieren kann. Es ist eine Welt, die man vorher noch nie gesehen hat, ein ungeschriebenes Blatt. Das sind die Regeln. Und was machst du jetzt daraus?“
Alexandra Rowland, Autorin
„We are always catching up to the Future!”
„Wir rennen immer der Zukunft hinterher.”
Naomi Alderman in „THE FUTURE”
„Dieser Kooperationsgedanke, ich glaube, dass der sehr zentral ist, wirklich. Dass man nicht diese typische Fantasy-Struktur hat oder auch Science-Fiction-Struktur, dass man irgendwie zu einer Weltenrettung hinarbeitet, sondern dass da eher Episoden sind, und diese Episoden irgendwie zu einer Klärung führen zwischen Parteien, die aber nicht im Finale daraus bestehen, dass jetzt irgendwie die Welt gerettet werden muss. Es ist eher ein episodenhaftes Erzählen, kein episches Erzählen.“
Alessandra Reß, Hopepunk-Autorin
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Der transhumanistische Narzissmus
– oder wie die Zukunft plötzlich furchtbar alt aussieht
Matthias Horx, August 2025
„Wir leben in einer temporalen Erschöpfung. Wenn man dauernd mental atemlos vom dauernden Umgehen mit der Gegenwart ist, bleibt keine Energie zur Imagination der Zukunft.“
Die Soziologin Elise Boulding
Im Jahre 1970 veröffentliche der amerikanische Zukunfts-Publizist Alvin Toffler einen Weltbestseller über ein Gefühl, das damals viele Menschen empfanden: „DER ZUKUNFTSSCHOCK“. Toffler vertrat darin die Auffassung, dass die rasende Beschleunigung von Technologie und Modernisierung die allermeisten Menschen überforderte. Dass die sozialen und politischen Probleme der 60er Jahre (Vietnamkrieg, Rassenunruhen, soziale Ungleichheit) auf die ständige Akzeleration zurückzuführen wären, mit der sich die Welt veränderte.
In einem Dokumentarfilm mit dem Schauspieler und Regisseur Orson Welles wurde der „Zukunftsschock“ mit futuristisch flackernden Schwarz-Weiß-Bildern und schriller Jazzmusik illustriert. In der Eingangssequenz geht Orson Welles die Rolltreppe eines modernen Flughafens entlang, in dem es von Passagieren nur so wimmelt – damals noch ein seltenes Bild. Und spricht mit der dröhnenden Stimme eines Propheten:
“In the cause of my work which takes me to nearly every corner of the world
I see many aspects of a phenomenon which I slowly begin to understand.
Technology came to a degree of sophistication
beyond our wildest dreams
but this technology is exactly a pretty heavy price.
We live in an age of anxiety!
And final stress!
With all our sophistication
we are in fact victims of our own technology strength.
We are the victims of shock
of FUTURE SHOCK!
Future Shock is a sickness
which comes from too much change
in too short time.
The feeling that nothing is permanent any more,
it’s the premature arrival of the future.”
„Im Rahmen meiner Arbeit, die mich in fast jeden Winkel der Welt führt,
erkenne ich viele Aspekte eines Phänomens, das ich langsam zu verstehen beginne.
Die Technologie hat einen Grad an Raffinesse erreicht,
der unsere kühnsten Träume übersteigt,
aber diese Technologie hat einen ziemlich hohen Preis.
Wir leben in einem Zeitalter der Angst und des finalen Stresses,
mit all unserer Raffinesse
sind wir tatsächlich Opfer unserer eigenen technologischen Stärke.
Wir sind Opfer des Schocks,
des ZUKUNFTSSCHOCKS!
Zukunftsschock ist eine Krankheit,
die durch zu viel Veränderung in zu kurzer Zeit entsteht.
Das Gefühl, dass nichts mehr von Dauer ist,
es ist die vorzeitige Ankunft der Zukunft!
Und hier sind wir wieder. Mitten im Zukunftsschock. Wir schreiben das Jahr 2025.
Was ist heute anders?
Anders als vor 50 Jahren – als die Zukunft erschreckend, aber auch wahrhaft verheißungsvoll war – ist sie heute NUR noch erschreckend. Die Zukunft, als Orientierung und Verheißung, ist von unserem inneren Radar verschwunden. Sie hat sich hinter den Horizont verzogen. Sie droht uns nur noch. Mit endlosen Untergängen und Katastrophen.
Wir leben im FUTURE CRASH.
Nutzen wir eine Metapher: Nahm die Zukunft rund um die Jahrtausendwende noch die Form eines starken, breiten Flusses an – mit Sandbänken, Seitenverzweigungen und mäandernden Strömen -, hat sie sich jetzt in ZWEI große reißende Flüsse geteilt, die sich diametral auseinander bewegen. Sich immer mehr spreizen – und doch irgendwie zusammengehören.
Auf der einen Seite wird uns die Erlösung durch rasende Durchbrüche in der Technologie versprochen: Hypertechnologien wie KI, Robotik, Langlebigkeit, genetisches Engineering.
Auf der anderen Seite führt der Pfad geradeaus in Richtung Untergang. In die Selbstzerstörung durch die Dummheit der Menschheit.
Gibt es überhaupt noch etwas dazwischen? Eine realistische, plausible, er-leb-bare Idee der Zukunft? Eine Vorstellung, wie es nicht nur anders, sondern auch besser werden kann?
Die rasende Zukunft von gestern
Die Zukunft ist eine relativ neue Erfindung. Hunderttausende von Jahren war das Leben eine endlose Abfolge des Immergleichen, der Zyklen der Natur, des Lebens und Sterbens. Überzeitlichkeit versprachen allenfalls die Mythen und magischen Beschwörungen eines Jenseits, die schließlich in den Himmelreichen der großen Religionen mündeten.
Die Zukunft – wie wir sie heute kennen oder zu kennen glaubten – als Prozess von Innovation und Exploration, als Ergebnis von WANDEL, ist eine Erfindung der Aufklärung, der Moderne. Die ersten Utopien und Zukunfts-Beschreibungen erscheinen um 1600. Im 19. Jahrhundert gab es schon ganze Weltausstellungen, die sich der Zukunft widmeten. Aber erst vor gut 100 Jahren, im Ausklang des Fin de Siècle und in der Beschleunigung der industriellen Technologien, nahm die Zukunft richtig Fahrt auf. Sie wurde zu einer grundlegenden Ideen, einer IDEOLOGIE.
Im Jahr 1908 gründete sich in Italien die Bewegung der FUTURISTEN. Zunächst handelte es sich um eine Künstlerverbindung, einen Bohemien-Zirkel wie die Kubisten oder die DADA-Bewegung, mit geographischen Schwerpunkten in den Metropolen Paris und Rom. Ihr Anführer war ein gewisser Filippo Tommaso Marinetti, ein exzentrischer Bohemien und Dichter, der in einem reichen bürgerlichen Haushalt aufgewachsen war und sich in der relativen Ruhe der Zeit langweilte. Er raste gerne mit hubraumstarken Autos über die Pisten und scheuchte dabei Radfahrer von der Straße. Er versammelte um sich herum eine kleine Truppe von Literaten, Visionären und Intellektuellen, die sich der Idee der RADIKALEN ZUKUNFT verschrieben hatten.
Die Truppe spielte Theater, veröffentliche Pamphlete und versuchte, in den europäischen Hauptstädten Skandale zu verursachen. Heute würde man sagen: Sie machten Performances. Man formulierte Forderungen wie: die Aufhebung der Ehe und die sofortige freie Liebe, oder das Verbot von Pasta, weil diese die Italiener verdummte (daher der Ausdruck „Antipasta“). Im Februar 1909 veröffentlichte Marinetti in der französischen Zeitung Le Figaro das FUTURISTISCHE MANIFEST:
Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto Mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.
Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.
Der italienische Futurismus war Teil einer weltweiten radikalen Disruptions-Bewegung. Alles Alte sollte abgeschafft, alles Neue verherrlicht werden. Futuristische Bilder und Kunstwerke enthielten fliegende Maschinenbilder, rasende Lokomotiven, abstürzende Flugzeuge, heroische Massenveranstaltungen. In einer russischen Variante waren es die „Kosmisten“, die eine kollektive Flucht in die Zukunft propagierten. Der Kommunismus sollte mit „elektrischer Wiederauferstehung“ die Unsterblichkeit bringen. Einer der Führer dieser Bewegung, Nikolai Fjodorow, entwickelte mit dem Raketenwissenschaftler Ziolkowski schon um 1900 Pläne, fremde Planeten mit „auferstandenen“ Menschen zu besiedeln – kommunistischer Posthumanismus. Die russischen Hyper-Futuristen glaubten an die Unsterblichkeit und die vollkommene Umgestaltung des Planeten zugunsten einer neuen „Projektarier“-Rasse.
Anne von Heiden; Boris Groys;. Michael Hagemeister (Hg.), „Die Neue Menschheit: Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts“, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, ist u.a. erhältlich bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung).
Der Futurist zerstört, zerstört, zerstört ohne sich darum zu kümmern, ob das, was er Neues schafft, auch wirklich besser ist als das Alte … Er hat die klare Vorstellung, dass unsere Epoche, … ihre eigene Kunst, Philosophie, Umgangsformen und Sprache benötigt. Das ist ein klar revolutionäres Konzept.
Nicht weit entfernt sehen wir gerade Elon Musk an der Hybris der Hyperbeschleunigung scheitern. Musk verirrt sich hoffnungslos in einem narzisstischen Tanz, bei dem er immer nur hinterherrennen kann, aber behaupten MUSS, er hätte alles unter Kontrolle. Seine KI-Applikationen sind außer Kontrolle. Er baut Autos mit Elektroantrieb im großen Stil – eine technische UND herstellerische Meisterleistung. Und zersägt gleichzeitig seine Firma durch Kundenverachtung und Management-Verweigerung. Er lässt riesige Mars-Raketen explodieren mit der Idee, damit schneller Innovationen erzeugen zu können. Könnte direkt von Marinetti stammen. Innovation durch Destruktion.
Um 1912 verbanden sich die italienischen „Futuristen“ mit dem Mussolini-Faschismus. Mussolini teilte die Beschleunigungs-Ideologie, auch er wollte die Welt, insbesondere Italien, in eine gloriose Zukunft vorantreiben. Wie Teile der heutigen MAGA-Bewegung, wollte er das römische Reich in neuer Form auferstehen lassen. Er gab den sich anbiedernden Marinetti-Futuristen eine kleine Rolle in seiner „Bewegung“, obwohl er sie für infantil und unpolitisch hielt.
Als der Erste Weltkrieg begann, meldeten sich die Futuristen freiwillig zur Front. Die meisten von Marinettis Gang starben oder wurden auf den Schlachtfeldern und Schützengräben des Ersten Weltkrieges verkrüppelt, den sie als „Gloriosen Aufstand der Zerstörung gegen den Stillstand“ willkommen geheißen hatten.
Reaktionärer Posthumanismus
Das bringt uns zu Peter Thiel. Die mediale Angst- und Aufmerksamkeits-Maschine liebt Thiel, weil er permanent kognitive Disruptionen fabriziert, die einen hohen Skandaleffekt haben. Thiel ist für totalen Fortschritt, für radikalen Wandel und den radikal freien Markt; gleichzeitig hält er Monopole für die einzigen Problemlöser unserer Zeit („Konkurrenten sind die, die wir noch nicht besiegt haben; sie zeigen, dass wir noch nicht gut genug sind.“). Der Staat ist überflüssig. In seinen Interviews jongliert er mit apokalyptischen Visionen und einer verschwurbelten paradoxalen Logik. So behauptet er, eine Weltregierung, die den menschengemachten Untergang verhindern wolle, wäre der „Antichrist“ und würde selbst das Ende der Welt herbeiführen. Thiel plädiert für Kryonik, das Einfrieren menschlicher Körper zur späteren Erweckung, weil man „als Christ ja an die fleischliche Auferstehung glauben muss“.
Bereits ein Veteran des technoiden Transhumanismus ist Ray Kurzweil, der seit vielen Jahren die „Singularität“ voraussagt – jenen Moment, an dem die Superzukunft beginnt und Menschen mit Maschinen verschmelzen. Wie ein klassischer Sektenverkünder prophezeit er die „Ankunft“ immer „demnächst“. Derzeit spricht er von 2030.
In einem Interview mit der ZEIT (30. Juli 2025) sagte er:
„Die Verschmelzung wird sich in mehreren Schritten vollziehen. Ich rechne damit, dass wir in vier Jahren, 2029, in der Lage sein werden, die rund 20 Milliarden Neuronen des Neokortex unseres Gehirns in direkte Verbindung mit einem Computer zu bringen. Durch Implantate zum Beispiel. Ich gehe davon aus, dass irgendwann alle Menschen ihr Handy gegen ein KI-Implantat austauschen werden. Denn die werden so günstig sein, dass sich das jeder wird leisten können.“
Kurzweil ist ein liebenswerter Mensch, der sich in ein tiefes Lebenstrauma verrannt hat. Er gehört zu jenen sensiblen Menschen, die es in der Welt, vor allem in der Gefühlswelt, nicht aushält. Sein Hyperdigitalismus ist eine moderne Erweckungs-Theorie. Man möchte ihn umarmen und trösten. Man kann es verstehen. Das Problem ist nur, dass Leute wie er inzwischen eine unheimliche Deutungsmacht haben. Billionen werden heute in Projekte investiert, die diese Visionen irgendwie wahrmachen sollen. Und die Protagonisten solcher Projekte haben sich mit den Reaktionären verbündet, die in eine finstere Vergangenheit zurückwollen.
Die Zukunft hat Totalschaden.
Im Internet wimmelt es von Bildern, in denen Menschen und Maschinen miteinander verschmelzen. Roboter werden zu Menschenfiguren, und in Frauenköpfe wuchern digitale Schaltkreise hinein. Musk, Thiel und Kurzweil sind die Marinettis von heute. Was sich hier zusammengebraut hat, ist eine Art religiöse Post-Anthropologie. Eine Ideologie, der Menschen vollkommen egal sind, wenn es nur darum geht, alle Verhältnisse umzuwerfen, auf den Mars zu fliegen und alle Verlierer in der Evolution auszusortieren. Dystopie und Utopie sind in der Idee der AGI, der Allgemeinen Künstliche Intelligenz, endgültig konvergiert. Hier schließt die Dystopie an die klassischen Religionen an. Die Aufrückung zum Himmel. Die absolute Macht im digitalen Jenseits. Das allmächtige Wesen, das alles kann!
Humanistischer Futurismus
Immerhin gibt es auch die anderen. Die nachdenklichen Zukunfts-Denker. Die Humanistischen Futuristen, die inzwischen nur recht selten zu Interviews eingeladen werden.
Zum Beispiel Jaron Lanier. Lanier, ein echter Computer-Hippie, baute in den 90er Jahren die ersten Cyber-Brillen und gründete eine Firma zur Realisierung des Cyberspace. Die Brillen waren klobig und rochen nach Gummi, die Bilder waren ruckelig. Lanier wollte mit der virtuellen Welt das menschliche Bewusstsein erweitern und befreien, so dass man keine schädlichen Drogen mehr nehmen musste. Ziemlich schnell löste er seine Firma wieder auf. Nicht wegen technischer Probleme. Sondern weil er verstand, dass die Auflösung der Welt in eine digitale Simulation keine wirklich gute Idee war. Lanier schrieb ein Buch über den Terror der Sozialen Medien und stellte sich wacker gegen den hypertechnologischen Mainstream, der in immer neuen Runden aus dem Silicon Valley herausquoll. Und der auf jeder zweiten deutschen Tech-Konferenz bis heute verherrlicht wird. Lanier bringt es auf den Punkt:
„Das Problem ist nicht eine bestimmte Technologie, sondern der Einsatz von Technologie zur Manipulation von Menschen und die Konzentration von Macht auf eine Weise, die so verrückt und unheimlich ist, dass sie das Überleben der Zivilisation bedroht.“
„The problem isn’t any particular technology, but the use of technology to manipulate people, to concentrate power in a way that is so nuts and creepy that it becomes a threat to the survival of civilization.“
Zu den humanistischen Zukunftsdenkern gehört auch William Gibson, der mit seinen „Neuromancer“-Romanen den Cyberspace prophetisch voraussah. Er sagte neulich in einem Interview:
„Alvin Toffler warnte uns vor dem Zukunftsschock – aber was ist mit der Zukunftsmüdigkeit? In den letzten zehn Jahren beharrten sämtliche Kritiker der Science-Fiction darauf, die Zukunft sei vorbei. Das klingt ein wenig albern, wie die These vom Ende der Geschichte. Aber gemeint ist natürlich DIE Zukunft, die zu meiner Zeit ein Kult, fast schon eine Religion war. Menschen in meinem Alter sind das Produkt dieser Kultur des Zukünftigen. Die Jüngeren leben heute wahrscheinlich in einem endlosen digitalen Jetzt, das durch unsere immer effizientere gemeinschaftliche Gedächtnisprothese ermöglicht wird. Und sind sich dessen vermutlich nicht einmal bewusst. Wie die Ethnologie uns lehrt, kann man die eigene Kultur nicht wirklich verstehen.“
William Gibson, „Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack. Gedanken über die Zukunft als Gegenwart“, Seite 48, ist u.a. erhältlich bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung).
Wir stehen vor einer Entscheidung. Wollen wir wirklich die Zukunft den reaktionären Antihumanisten überlassen, die mit den leeren Bruchstücken von Fortschritt und Technikkult, angereichert mit totalitärem Denken, nichts als aufgeblasenen Irrsinn betreiben? Wir brauchen einen robusten, einen aufgeklärten, „humanistischen Futurismus“, der die Zukunft vom Menschen aus sieht. Mit all seinen Ängsten und Hoffnungen, seinen Brüchen und Unvollkommenheiten, aber auch seiner unvergleichlichen Stärke, die Welt immer wieder neu zu entdecken und zu gestalten.
PS: Vielleicht sollten wir Männer beim Projekt einer Neufassung der Zukunft auch die Frauen fragen, ob sie uns helfen können. Zum Beispiel Naomi Alderman, die den wunderbaren Zukunft-Roman „The Future“ geschrieben hat, der eigentlich in der Gegenwart spielt. Darin werden die heutigen Hyperfuturisten auf besonders listige (und lustige) Weise auf einer Insel kaltgestellt. Dort jammern sie zwar dauernd über mangelnden Service und fehlende Bandbreite. Aber lesen Sie selbst. Eine schöne Spätsommerlektüre.
Naomi Alderman: „The Future“, ist u.a. erhältlich bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung).
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s ist Reisesaison. Auf einer großen Tourismus-Veranstaltung wurde ich neulich gefragt, wohin ich als Zukunftsforscher reisen würde in diesem Sommer. Sicher irgendwohin, wo die Zukunft wäre. Jemand mit meinem Beruf würde ja wahrscheinlich über eine Zeitmaschine verfügen.
Höfliches Gelächter im Saal.
Ein Zyniker rief dann: „Russische Front!“
Nicht wirklich witzig.
Im Ernst: Wo müsste man hinreisen, um die Zukunft zu sehen? Die ersten Vermutungen sind schnell auf dem Tisch: Wie wäre es mit Dubai, Abu Dhabi, VAR, den glitzernden Himmels-Türmen eines arabischen Hyper-Future-Lifestyle, voll mit Ferraris, goldenen Pools, und tänzelnden Bitcoin-InfluencerInnen? Ein Hub in die Zukunft.
Mag sein. Aber vielleicht ist das alles nur Fake Future. Oder Future Fake.
Die nächste Idee: Star City, das Hauptquartier von Elon Musks SpaceX im äußersten Süden von New Mexiko. Von hier soll das STARSHIP zum Mars starten, mit 100 Passagieren, irgendwann demnächst. Einstweilen werden jedoch in regelmäßigen Abständen Riesenraketen in die Luft gesprengt. Um „Daten zu gewinnen“. Die Anwohner sind in einem Umkreis von 50 Kilometer weggezogen, weil es unerträglich ist.
Lieber nicht.
Der Weihnachtsmann wohnt am Nordpol – aber wo wohnt die Zukunft?
In jeder zweiten Großstadt, die etwas auf sich hält, gibt es inzwischen ein „Zukunftsmuseum“. Aus professionellen Gründen besuche ich diese Orte öfters. Aber seit einiger Zeit befällt mich dort eine seltsame Müdigkeit. Eine Langeweile. Eine Art Zukunfts-Frustration.
Die Zukunft scheint sich seit Jahrzehnten nicht zu verändern. Sie besteht aus immer denselben Klischees: Roboter, weiblich und männlich, die einen irgendwie blödsinnig anquatschen und im Gestänge quietschen. Cyberbrillen, die man sich aufsetzen kann, um in irgendeine Drei-D-Simulation abzudriften. Dass man dabei blöd aussieht und einem schwindelig wird, ist nur ein Nebeneffekt. Irgendwo in der Ecke steht ein 3D-Drucker, aus dem irgendwelches Spielzeug herausquillt. Dann gibt es meistens noch superutopische Rennwagen-Zeichnungen und Bilder von Städten, in denen Hochhäuser aus Metall von Flugautos umschwirrt werden. Ach ja, und Drohnen. Die wirken aber heute ganz anders als zukünftig. Bedrohlich.
Irgendwie ist die Zukunft heute ein Museum geworden. Das Museum einer Zukunft von gestern.
Also: Wo fahren wir hin – Richtung Zukunft?
Ich möchte fünfeinhalb Vorschläge machen:
1. Salgados Dschungel
Am 25. Mai 2025 starb der weltberühmte Fotograf Sebastiao Salgado in Paris. Salgado fotografierte 40 Jahre lang das Schicksal der Menschheit, die Katastrophen und Krisen der Welt. In eindrücklichen Schwarz-Weiß-Bildern: verhungernde Menschen, schreckliche Kriege, Umweltverwüstungen, menschliche Grausamkeiten.
Nach einem Gesundheits-Zusammenbruch, der ihm fast das Leben kostete, kehrte er auf die Farm seiner Eltern zurück. Ein karstiges Gelände, viele Quadratkilometer groß, im hügeligen Norden Brasiliens. Salgados Vater hatte im Laufe der Jahre alle Bäume verkauft, um seinen sieben Kindern Universitäten zu ermöglichen. Zurück blieb tote, zerstörte Erde. Karst.
Mit seiner Frau Lélia und ihrer Organisation „Instituto Terra“ machte sich Salgado an ein Projekt, das heute, nach seinem Tod, spektakuläre Ergebnisse zeigt. Sie pflanzen in den letzten 20 Jahren Millionen von Bäumen und Sträuchern, lockerten die Erde – und überließen alles seinem natürlichen Lauf. Heute gibt es wieder Bäche, Quellen und eine ständig zunehmende Artenvielfalt von Fauna und Flora. Dieser Ort zeigt, dass sich die Erde erholen, regenerieren und gesunden kann. Mit unserer tätigen Hilfe.
2. Die nördlichste Großstadt Europas, Tromsø
Tromsø liegt in Norwegen, nördlich des Polarkreises. Es ist die nördlichste Großstadt Europas, mit 70.000 Einwohnern. Vier Monate im Jahr ist es stockfinster.
In den 70er und 80er Jahren brach die Fischfang-Industrie zusammen. Viele Menschen wurden arbeitslos. Tromsø durchlebte eine Zeit von Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Depression. Die Alkoholismusrate stieg, Selbstmorde waren häufig, die Menschen zogen weg.
By Svein-Magne Tunli – tunliweb.no (own work), via Wikimedia Commons
Kari Leibowitz, eine junge Stanford-Psychologin, besuchte im Jahr 2015 die Stadt, um im Auftrag der EU den „Winterblues” zu untersuchen. Die anhaltende Dunkelheit galt als ein Grund für die Depressionen und die Unattraktivität der Stadt. Leibowitz machte eine erstaunliche Entdeckung: Erstaunlicherweise sahen viele Tromsø-Bewohner die Dunkelheit nicht als „Problem” an, sondern als etwas Besonderes im Jahr, auf das man sich freuen konnte. Weil in dieser Zeit das Licht viel sichtbarer wird. Der Himmel hängt voller Sterne. Das Nordlicht leuchtet. Und die Gesichter leuchten umso mehr.
Heute lohnt sich der Besuch deshalb vor allem im Winter. Es ist äußerst lebendige Zeit. Das Stadtgebiet wird von unglaublich vielen Leuchten, Lampen, Fackeln, Feuern erleuchtet. Überall gibt es Stände, Orte, an denen man zusammenkommt, Grog oder Kräutertee trinkt. Viele Menschen machen gemeinsam Sport, die Langlaufloipen sind beleuchtet, ebenso die Skipisten. Nicht selten hat es dabei minus 20 Grad. Es gibt unglaubliche viele Kunstaktionen und -events. Zwischen Weihnachten und Neujahr gibt es ein Open-Air-Filmfestival auf dem Hauptplatz. Eingemummelt sitzen die Zuschauer, die auch aus aller Welt kommen, zusammen. Sie üben „Hyyge“ (norwegisch Lykke) das seelische Zusammenrücken.
Tromsø hat sich völlig umgekrempelt. Von einer hoffnungslosen in eine optimistische, lebendige Stadt. Die Stadt erlebt Zuzug, auch von jungen Familien. Was man hier besichtigen kann, ist ein „Mindset change“: eine geistige Wende, die die Realität zum Besseren wendet. Ein großartiges Beispiel, wie innere Zukünfte die Wirklichkeit verändern und verbessern können.
„Our minds are not passive observers simply perceiving reality as it is. Our minds actually change reality. The reality we will experience tomorrow is in part a product of the mindsets we hold today.“
Alia Crum, Stanford University
3. Gelephu, Bhutan
Gelephu liegt an der Grenze des kleinen Königreiches Bhutan, das für sein „Bruttoglücksprodukt“ bekannt ist. Direkt an der Grenze zu Indien gelegen, hat der Ort mit einer Bewohnerzahl von knapp 10.000 meist flache asiatische Architektur. Gelephu ist der Ort eines sensationellen Experiments. Er soll die erste „Mindfulness City“ der Welt werden. Gut 1.000 Quadratkilometer soll das Wandlungs-Experiment umfassen, im Sinne von Lebensqualität, grüner Energie, guter Vernetzung, Forschung, Kultur, Bildung und buddhistischer Tradition. Eine Verbindung aus Spiritualität und moderner Welt. Das Hauptkriterium: das Projekt soll das in der Verfassung festgelegte Bruttonationalglück fördern.
Die Bjarke Ingels Group aus Dänemark, einer der weltweit führenden innovativen Architektur-Büros, hat den Auftrag vom König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck persönlich erhalten. Dabei geht es eben nicht um eine Retortenstadt, die aus dem Boden gestampft wird. Sondern um eine behutsame &ndquo;Kulturtechnik des Wandels”, bei der die Bevölkerung einbezogen wird. Gestaltet werden 11 verschiedene Quartiere, die sanft aus der vorhandenen Struktur „herausgeformt“ werden. Durch das Gelände fließen 15 Flüsse, an denen die Elefanten jährlich vom Himalaya in die Tiefebene ziehen und wieder zurück. Es wird eine Brückenstadt wie Venedig, mit Brücken als Universitäten, Forschungs- und Gesundheitseinrichtungen. Ein nahegelegener Staudamm, der ein spirituelles Zentrum enthält, und Solare Architektur sollen die ganze Stadt mit erneuerbarer Energie versorgen.
Gelephu heute zu besuchen, heißt Fragen zu stellen. Wie stehen die Bewohner zu dem Projekt? Wie lässt sich eine andere Utopie des Städtischen, Lokalen entwickeln, ohne in die alten Fehler aufgesetzter Stadtentwicklung zu verfallen? Kann eine Protopie wie diese funktionieren? Die Erreichung einer „wahrhaftigen Stadt der Zukunft“ ist vor allem eine soziale, mentale Frage. Aber hier könnte diese Zielvorstellung gelingen.
Die ISS ist inzwischen fast ein guter Bekannter. Hundertmal gefilmt, in dystopischen Sci-Fi-Filmen eingesetzt, eine Ikone der Weltraumfahrt, die allerdings langsam in die Jahre kommt. Hunderte von Astronauten waren schon an Bord. Inzwischen haben auch einige superreiche Privat-Touristen die aneinandergekoppelten Module besucht, die 16-mal in 24 Stunden um die Erde kreisen. Was den Passagier, wie man hört, nachhaltig verändert.
Ich würde deshalb gerne noch einmal auf die ISS, bevor sie in der Atmosphäre verglüht oder für irgendwelche militärischen Zwecke umgebaut wird. Weil man dort etwas über den Mythos erfahren kann, der mit dem „Space Mind“ zusammenhängt. Die ISS ist offensichtlich der einzige Ort, an dem Russen, Amerikaner und andere Nationen noch friedlich in einer engen Wohngemeinschaft zusammenleben können. Ist das nicht ein Wunder? Warum ist das so? Irgendetwas am Weltraum scheint eine „vereinigende Wirkung“ zu haben. Eine magische Potenz des Friedens. Vor dem großen Dunkel des Alls und der leuchtenden Erde sind wir alle Mitglieder einer einzigen Spezies. Dieses Gefühl vermisse ich.
Die Passagiere berichten von einem Gefühl der Ehrfurcht. Ehrfurcht, das „Große Staunen“, es ist das, was die menschliche Seele zusammenhält. Was uns gemeinsam in die Zukunft weist. Wenn wir dieses Gefühl verlieren, wird die Erde öd und leer.
Die einzige Möglichkeit, den Weg aus einem Labyrinth zu finden, ist, es von oben zu betrachten.
Ivan Krastev
5. Campus Vivorum – Der Friedhof der Zukunft
In der kleinen Stadt Süßen unweit von Stuttgart findet sich ein Zukunftsort der ganz besonderen Art: Ein Friedhof, der in die Zukunft weist. Wie bitte? Ja. Zukunft.
Das Projekt, 2023 fertiggestellt und ständig weiterentwickelt, widmet sich der Frage, wie Trauer und Verlust kulturell neu verstanden und geformt werden kann. Das Projekt wurde von einem interdisziplinären Think Tank aus Philosophen, Psychologen, Soziologen, Architekten, Seelsorgern, Trauerbegleitern, Bestattern, Steinmetzen, Gärtnern, Lokalpolitikern und Zukunftsforschern vorangetrieben. Finanziert und kuratiert hat es die Firma Strassacker, eine mittelständische Bronze-Gießerei, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine neue Friedhofskultur zu entwickeln.
Friedhöfe sind eine der ältesten Institutionen der Menschheit. In der modernen westlichen Welt sind sie allerdings in großer Bedrängnis: Immer weniger Menschen lassen sich begraben, immer mehr neigen wir zum „Verschwindenlassen“ des Todes in einer schnelllebigen Zeit. Die Friedhöfe gehören zu den begehrtesten Grundstücken der Städte und Gemeinden und verlieren rasend schnell ihre soziale und mentale Funktion. Trauer-Rituale sterben aus, Familien werden auseinandergerissen, die Anonymisierung nimmt epidemische Ausmaße an. „Streuwiesen“ sind heute üblich, wo früher Orte der tätigen Trauer und menschlicher Begegnung waren.
Trauer ist ein genuines menschliches Phänomen, und sie ist gleichzeitig ein gesellschaftliches Problem. Trauern hat etwas mit Zukunft zu tun, weil wir uns im Prozess des Verlustes mit Vergangenheit und Zukunft verbinden. Die Hinwendung zum Tod ist ein produktiver Teil seelischen Wandels, und die Formen, in denen eine Kultur mit der Überzeitlichkeit umgeht, sind ein Schlüssel zu ihrer Zukunft.
Man kann den Campus Vivorum besichtigen. Dort findet sich eine ungewöhnliche Architektur des Trauerns und ein „Spirit“ der Begegnung im wahrhaftigen Menschsein.
Kontakt: vivorum-kommunal.de/kontakt
Noch ein Zusatzvorschlag:
5½ : Das „Mastaba of Abu Dhabi”-Monument von Christo
Das letzte Großprojekt des Gesamtkünstlers Christo ist noch nicht realisiert, aber 5 Jahre nach seinem Tod werden die Planungen wieder aufgenommen. Es ist ein Monument für den Sieg der erneuerbaren Energien und des Zukunfts-Bewusstseins über das fossile Zeitalter. Eine gigantische Pyramide, so hoch wie die Gizeh-Pyramide, die aus einer halben Million leeren Ölfässern bestehen soll.
Das schon in Christos Zeichnungen imposant aussehende Monument wird aus vielen Kilometern Entfernung und aus der Umlaufbahn zu sehen sein. Es soll in der Wüste von Abu Dhabi errichtet werden, momentan laufen ernsthafte Gespräche mit den Verwaltern des Christo-Erbes. Man kann den Ort selbst also noch nicht besuchen. Aber man kann den enormen „Future Spirit“ des Projektes erahnen.
Ich würde mich freuen, wenn Sie mir einen weiteren ORT DER ZUKUNFT schicken würden. Egal ob klein oder groß, fern oder nah. Wir sammeln „Protopien“, Zukunftsorte, in denen die Zukunft „work in progress“ ist. Vorposten des Zukünftigen. Stützpunkte des Morgens im Heute.
Bitte direkt an horx@horx.com
Hier noch eine Erklärung für die Wortbildung „Protopie“:
„Protopia” is another recent term, coined by futurist Kevin Kelly and it is defined as the opposite of a „Dystopia”. In Dystopia, people are stuck in some kind of recurring pattern of suffering (like George Orwell’s „foot trampling a human face — for ever”, as in 1984). Utopias are oft places, where the longing für perfection becomes a terroristic approach. Kill the traitor! Lock the deviant! A Protopian society, then, is one where people are free from such gridlocks and can thus work actively to improve life. It’s a more carefully stated form of a dream of societal transformation: It doesn’t say that „everything will be good for everyone”; it focuses not on the state-of-things-at-a-given-moment, but on the possibility — the shared capacity — to move in mutually desirable directions. Simply stated, one could say that a Protopian society is one that has the capacity to become incrementally better as a result of the freedom of its members.
„Protopia“ ist ein neuer Begriff, geprägt vom Futuristen Kevin Kelly, definiert als das Gegenteil einer „Dystopie“. In der Dystopie stecken die Menschen in einem wiederkehrenden Leidensmuster fest (wie George Orwells „Fuß zertrampelt ein menschliches Gesicht – für immer“ in 1984). Utopien sind oft Orte, an denen der Wunsch nach Perfektion zu einem terroristischen Ansatz wird. Tötet den Verräter! Sperrt den Abweichler ein! Eine protopische Gesellschaft ist hingegen eine Gesellschaft, in der die Menschen frei von solchen Blockaden sind und aktiv an der Verbesserung ihres Lebens arbeiten können. Es handelt sich um eine präzisere Form eines Traums von gesellschaftlicher Transformation: Es heißt nicht, dass „alles für alle gut sein wird „; es konzentriert sich nicht auf den aktuellen Zustand, sondern auf die Möglichkeit – die gemeinsame Fähigkeit –, sich in für beide Seiten wünschenswerte Richtungen zu bewegen. Vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen, dass eine protopische Gesellschaft die Fähigkeit besitzt, sich durch die Freiheit ihrer Mitglieder schrittweise zu verbessern. metamoderna.org
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In einer Zeit der Datenbesessenheit und des KI-Wahns haben wir einen entscheidenden Katalysator für Transformation vernachlässigt: den künstlerischen Geist. Während Unternehmen immer mehr Systemingenieure und Datenanalytiker einstellen, übersehen sie dabei ihre wichtigsten Verbündeten, wenn es darum geht, Unsicherheiten zu meistern und Innovationen voranzutreiben.
Nicht den Markenspezialisten oder den Marketing-Guru. Sondern den Grenzgänger – denjenigen, der Ambiguität abbildet. Der Muster im Rauschen erkennt. Und Zukunftsmodelle entwirft, die der linearen Logik der Geschäfts-Orthodoxie trotzen.
Was wäre, wenn Ihr nächster strategischer Mitarbeiter kein Analyst wäre, sondern ein Künstler?
Solange Künstler nicht den gleichen Stellenwert erlangen wie ihre rational denkenden Kollegen aus der Ingenieurskunst, wird ein Weg durch diese globale und wirtschaftliche Unsicherheit in eine Welt, in der wir florieren können, nicht möglich sein.
Renaissance-Logik: Als Schönheit noch Strategie war
Um die Zukunft neu zu gestalten, müssen wir zurückblicken. Die Renaissance war nicht nur eine Kunstbewegung – sie war ein Systemneustart. Künstler arbeiteten Seite an Seite mit Mathematikern, Philosophen und Kaufleuten, um die Betriebssysteme der Gesellschaft neu zu gestalten. Von den Medici bis zum Vatikan wurde Macht mit Fantasie gepaart – nicht um zu blenden, sondern um zu lenken. Platon glaubte, Schönheit könne eine Brücke zur Wahrheit sein – dass Ästhetik kein oberflächlicher Genuss, sondern ein Tor zu ethischer Weisheit ist.
Einst spielte der Künstler eine zentrale Rolle bei der Sinnstiftung in Gesellschaften – ein Verwalter von Vision, Schönheit und Wandel. Doch heute, in den Korridoren von Wirtschaft und Politik, wird der Künstler allzu oft ignoriert. Ästhetisches Beiwerk. Ein nettes Extra. Alibi. Ein Außenseiter der „eigentlichen“ Arbeit von Wirtschaft und Strategie.
Doch dieses Bild ist falsch. Forschungen der RMIT University (2020) zeigen, dass Künstler und Unternehmer wichtige psychologische Eigenschaften gemeinsam haben: intrinsische Motivation, systemisches Denken und die Fähigkeit, mit Ambiguität umzugehen. Das sind keine Selbstverständlichkeiten – es sind Überlebensinstrumente in einer VUCA-Welt: volatil, unsicher, komplex, mehrdeutig.
Trotzdem bleiben Künstler von strategischen Gesprächen weitgehend ausgeschlossen.
Infographic: Designed by Manifesto — Evolved from a number of resources including Culture Hive Research and Brian Eno & Bette A. What Art Does. Screenshot: https://www.about-laura.com/journal.html
Historisch gesehen haben Künstler die Gesellschaft nicht nur widergespiegelt – sie haben sie ins Zukünftige provoziert. Ihre Werke wurden verboten, als „entartet“ gebrandmarkt oder gelöscht – nicht, weil sie wertlos waren, sondern weil sie unbequeme Wahrheiten enthüllten. Oder zeigten, wie die Dinge sein könnten.
Künstler dienen als Vermittler der kollektiven emotionalen Unterströmungen einer Gesellschaft – der unsichtbaren Daten, die Unternehmen und Institutionen dringend benötigen, aber nur schwer erkennen. Sie mögen aus unterschiedlichen künstlerischen (und darüber hinausgehenden) Bereichen stammen – Design, Mode, Wissenschaft, Philosophie, Musik usw. – quer zu den Disziplinen.
Künstler schaffen Raum für Nuancen.
Sie kompostieren die Box, über die sie hinausdenken.
Sie malen nicht innerhalb der Grenzen; sie hinterfragen, ob es diese Grenzen überhaupt geben sollte.
Brian Eno und Bette Adriaanse argumentieren in ihrem Buch „What Art Does“, dass Kunst das Bindegewebe der Kultur ist. Sie verbindet die Gesellschaft, spiegelt Identität, und schafft die Voraussetzungen für die Entstehung neuer Zukünfte. Sie reflektiert nicht nur – sie bricht auf. Sie lässt Zukünfte sowohl real als auch zutiefst persönlich erscheinen.
Und genau das braucht die Wirtschaft jetzt: keine Dekoration, sondern Orientierung. Nicht entweder/oder, sondern sowohl/als auch.
Die Rolle von Künstlern neu zu definieren bedeutet, falsche Grenzen abzubauen – nicht nur zwischen Branchen, sondern auch zwischen Erkenntniswegen.
Kunst und Strategie.
Fantasie und Umsetzung.
Keine Gegensätze, sondern Tanzpartner.
Es ist Zeit, die Kunst führen zu lassen.
Wir haben gelernt, Kreativität in Marketingabteilungen oder Brainstorming-Sitzungen zu verbannen und sie eher als Stimmung denn als Muskel zu behandeln. Kreativität ermöglicht es Kulturen, sich zu beugen, anstatt zu brechen, sich neu zu formieren, wenn alte Strukturen zu verrotten beginnen. In der Unsicherheit ist sie Überlebenstechnologie. Im systemischen Versagen ist sie ein Generator der Erneuerung.
Der Philosoph Hans-Georg Gadamer argumentierte, dass das Spiel eine Form kultureller Improvisation ist, bei der Bedeutung aus Bewegung entsteht, nicht aus Kontrolle. Stuart Brown, Gründer des National Institute for Play bezeichnet das Spiel als Grundlage für Zivilisation.
Angst klammert sich an das Bekannte. Das Spiel tanzt mit dem Unbekannten. Wie die Neurowissenschaftlerin Anne-Laure Le Cunff in ihrem Buch „Tiny Experiments“ darlegt, ist es genau diese neugierig-experimentelle Denkweise, die Transformation katalysiert.
Der Politikwissenschaftler Brian Klaas bringt diese Umkehrung auf den Punkt: Die Welt hat sich von lokaler Instabilität und globaler Stabilität (in früheren Zivilisationen) zu lokaler Stabilität und globaler Instabilität gewandelt. Ihre E-Mail wird sofort verschickt und Ihr Hafer-Flat-White kommt pünktlich an, während geopolitische Systeme aus dem Ruder laufen und KI-Regeln schneller neu definiert, als wir Gesetze erlassen können.
Unternehmen agieren heute in einer Welt, in der Risiko kein gelegentlicher Sturm mehr ist – es ist ein permanentes unruhiges Wettersystem. Auf Vorhersehbarkeit ausgelegte Strategien scheitern in einer Welt voller Wildcards. Keine Kalkulationstabelle kann alles Kommende vollständig vorhersagen.
Strategien geraten ins Stocken. Burnout steigt. Innovation wird durch Optimierung ersetzt – doch man kann sich nicht durch das Unbekannte optimieren.
Die Systemtheorie lehrt uns, dass Wandel an den Rändern beginnt. Genau dort leben Künstler. Doch sie beobachten nicht nur, sie greifen ein. Sie entwerfen Zukunftsprototypen und säen neue Mythen. Sie bauen kognitive und kulturelle Infrastrukturen auf, die Produktzyklen, CEOs und Quartalsberichte überdauern.
Künstler in strategische Ökosysteme einzubetten, bedeutet nicht nur, Volatilität besser zu managen. Es geht darum, die Bedingungen neu zu gestalten, unter denen Volatilität von Vorteil ist.
Es geht darum, Mehrdeutigkeit als Gestaltungselement und Geschichten als strategisches Kapital zu begreifen. Es geht darum zu erkennen, dass die Sichtweise des Künstlers – einfühlsam, symbolisch, nichtlinear – unsere beste Chance sein könnte, eine Zukunft zu gestalten, in der menschliches und globales Gedeihen nicht nur eine Hoffnung, sondern eine Strategie ist.
Rekrutieren Sie für den Unterschied. Stellen Sie Querdenker ein: Künstler, Generalisten, neurodiverse Köpfe und interdisziplinäre Stimmen. Gründen Sie einen Künstler- oder Ältestenrat. Entwickeln Sie Strategien in Jahrzehnten, nicht in Quartalen. Integrieren Sie Künstler in die Strategie – nicht als nachträgliche Überlegungen, sondern als vorausschauende Akteure. Hier sind einige Ideen für Jobrollen, die Sie erkunden können:
Direktor für strategische Vorstellungskraft
Erkennt Muster, scannt Horizonte und setzt kulturelle Signale in Zukunftsstrategien um.
Edgework Fellow (Eingebetteter Grenzgänger)
Ein eingebetteter Beobachter und Provokateur. Deckt blinde Flecken auf, hinterfragt Annahmen und entwickelt Prototypen für regenerative Veränderungen.
Architekt für narrative Systeme
Entschlüsselt die Mythen, nach denen Ihr Unternehmen lebt. Schreibt einschränkende Geschichten neu. Baut eine narrative Ausrichtung von innen und außen auf.
Stratege für Spielstrategien
Leitet mögliche zukünftige Proben mithilfe von Rollenspielen, Gamification und Szenarioträumen. Hinterfragt Standardannahmen durch gelebtes Experimentieren.
Leiter für Imaginationsinfrastruktur
Entwirft Räume und Prozesse für langfristige Visionen und kollektive Sinnfindung. Ein Gärtner des kulturellen Bodens, nicht nur ein Träumer.
Fazit: Lasst die Künstler herein!
Vorwärts im Kampf der Kreativen Klasse!
Hoch leben die Transformations-Agenten!
Screenshot: Amie McKnee, TEDx Manchester: The case for making art when the world is on fire https://www.youtube.com
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Wir leben in einer wahnwitzigen Zeit,
die Irren machen die Regeln.
Da müssen wir hin und wieder
aus dem Fenster klettern.
Cornelia Funke, Fantastische Autorin,
in einem Interview
In meiner Jugend in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als uns ebenfalls grauenvolles Weltgeschehen bedrängte (Vietnamkrieg, Atomgefahr, Terrorismus 1.0) war Science-Fiction ein probates Mittel, den Bedrohungen zu entfliehen, indem man sich in einen anderen Möglichkeitsraum beamte. Man konnte auf andere Planeten ziehen – und dort endlose Abenteuer bestehen.
Stellen wir uns vor, dass die heutige globale Krisenphase in eine längere Epoche des weltweiten Chaos übergeht. Ein neues Mittelalter, das fast das ganze 21. Jahrhundert andauert. Aber ebenso wenig wie das vergangene „Mittelalter“ ausschließlich finster und dunkel war, muss diese Perspektive nur apokalyptisch sein. Wie auch im persönlichen Leben formen sich die Dinge von Morgen immer in chaotischen Perioden.
In der Science-Fiction-Literatur gab es bislang kaum Frauen.
Jetzt aber verändert sich das.
Und das eröffnet neue Perspektiven der Zukunft.
Die Metakulturen der Zukunft
Einer der neuen Stars am Himmel der „Social Future Fiction“ ist Ada Palmer. Sie ist nicht nur Zukunfts-Autorin, sondern auch Historikerin mit dem Spezialgebiet Renaissance und Mittelalter. Ada Palmers vierbändiges Mammut-Werk TERRA IGNOTA (Das unbekannte Land) versucht, der Frage nachzugehen, wie die menschliche Gesellschaft als Ganzes in der Zukunft aussehen könnte. Sie nutzt dabei ihre historischen Studien für eine Art Zukunfts-Renaissance.
Die Handlung von TERRA IGNOTA beginnt in einer ruhigen Epoche rund um das Jahr 2454. Nach Jahrhunderten von Krisen und Konflikten herrscht Frieden. Ein „Geist des Optimismus und des Ehrgeizes“ ist auf der Erde eingekehrt.
In der Welt des 25. Jahrhunderts spielt der Nationalstaat keine Rolle mehr. Feste territoriale Länder wurden durch eine technische Erfindung überwunden: Im Jahr 2073 entstand die Mukta-Technologie – Flugautos, die auf der Basis von Superakkumulatoren die Erde in viereinhalb Stunden umrunden können. Die Verbreitung dieser Technologie als globales Verkehrssystem brachte das Ende lokalisierter Staatengebilde mit sich. Mit Milliarden fliegender Individualpassagiere konnten keine physischen Grenzen mehr gesichert werden.
Im Laufe der Jahrhunderte re-organisierte sich die Zivilisation in sogenannten HIVES. Die Allegorie des Bienenstocks ist beabsichtigt: Im Bienenstock fliegt alles ein und aus, in den Hive kann man sich als Mitglied einschreiben, aber auch wieder aussteigen. „Hives“ sind große Kulturgebilde mit bestimmten Werten und Organisationsformen. Das planetare Bürgerrecht im 25. Jahrhundert besteht darin, zwischen verschiedenen Gesellschaftsformen zu WÄHLEN.
Hives sind ortlose Kulturformen, ihre Mitglieder können überall auf der Erde leben (ähnlich wie in Europa heute). Aber sie haben jeweils eine Hauptstadt. Die Hives sind ökonomisch und politisch weitgehend autonom, manche von ihnen übernehmen jedoch bestimmte Funktionen für die planetare Gemeinschaft (kooperative Globalität). Zwischen den Hives herrscht ein balancierter Friedenszustand, der durch eine mächtige globale Organisation mit Hauptsitz in Rom („Romanova“) garantiert wird.
Eine UNO, die funktioniert.
Hier die sieben Hives des Jahres 2454:
Die Humanisten:
Individualisten mit hohem sozialem und kreativem Ethos. Wettbewerbskultur mit postaristokratischen Zügen.
Hauptstadt: Buenos Aires.
Sprache: Spanisch.
Kulturform: Humanistischer Individualismus.
Regierungsstruktur: Flexible konstitutionelle Demokratie.
Die Cousinen:
Eine gleichheitsorientierte Kultur des brüderschwesterlichen Altruismus, ursprünglich aus einer Organisation für allein reisende Frauen hervorgegangen. Verantwortlich für Krankenhäuser und soziale Infrastrukturen weltweit.
Hauptstadt: Casablanca.
Sprache: Englisch.
Kulturform: Ordens-Stil.
Regierungsstruktur: Vertrauens-Board und Vorschlagswesen.
Das Mason-Imperium:
Eine hierarchische Supersekte, die Stärke, Autorität und kontrollierte Macht schätzt. Nachkommen der Freimaurer, die nach Wahrheit, Effektivität, Handwerk und Aufrichtigkeit streben. Die „Maurer“ sind Manager der weltweiten Groß-Infrastruktur-Projekte und verantworten zusammen mit den Cousinen den Katastrophenschutz.
Hauptstadt: Alexandria.
Sprache: Neo-Latein.
Kulturform: Schwur-Sekte.
Regierungsstruktur: Absolute Monarchie, aber ohne Vererbungsrecht (der oberste Mason wird gewählt).
Gordianer:
Eine Wissenschaftskultur, die auf permanente Selbstverbesserung des Individuums setzt. Die gordianischen Wissenschaftler haben den „Gordischen Knoten“ der menschlichen Unzulänglichkeit zerschlagen, indem sie wirksame Programme für die Potentialerweiterung des menschlichen Hirns und des humanen Verhaltens entwickelten.
Hauptstadt: Ingolstadt.
Sprache: Neo-Deutsch.
Kulturform: Mentalkultur.
Regierungsstruktur: Denkfabrik.
Europa:
Europäer legen Wert auf Vielfalt, Flexibilität, Bildung und soziale Gerechtigkeit. Zusammenschluss regionaler Kooperations-Systeme mit hoher Diversität.
Hauptstadt: Brüssel.
Sprache: Französisch.
Kulturform: Vielfalts-Regionalismus.
Regierungsstruktur: Dynamische Cyberkratie.
Mitshubishi:
Aus den asiatischen Super-Konglomeraten hervorgegangene Disziplin-Kultur. Eigentum, Landbesitz und Naturbezug werden großgeschrieben. Mitshubishi ist verantwortlich für die Land-Eigentumsverteilung der Erde sowie für ausgedehnte Naturschutzgebiete, die als unantastbar gelten.
Hauptstadt: Togenkyo in Indonesien.
Sprache: Chinenglisch.
Kulturform: Disziplinärer Korporatismus.
Regierungsstruktur: Shareholder-Demokratie, Corporate Timokratie (Landhalter-Demokratie).
Utopianer:
Der kleinste Hive, der aus einer Elite experimenteller Erfinder besteht, die nach der radikalen Zukunft suchen (Lebensverlängerung, Terraforming des Mars, Mind-Computer-Uploading etc.). Utopianer tragen einen Umhang aus „Griffincloth“, der dem Träger in eine beliebige Illusions-Umwelt versetzt („virtuelles Cape“).
Hauptstadt: New Luna Mond-Station.
Sprache: Cyberenglisch.
Kulturform: Anarchistisches Unternehmertum
Regierungsform: „Konstellationen“ aus Netzwerken und Innovations-Teams.
“
Eine Frage an die Leser:
In welchem HIVE würden Sie sich am ehesten einschreiben? Und welcher Hive würde Ihnen noch fehlen?
(Schreiben Sie mir bitte Ihre Wahl mit Begründung unter horx@horx.com.)
Die Zukunft, die Ada Palmer uns vorschlägt, ist raffiniert. Sie löst die heutigen Kulturkriege auf einer höheren Komplexitäts-Ebene auf. Menschen brauchen Zugehörigkeiten und kohärente lifestyles, aber sie brauchen auch die Freiheit der Unterschiede, die Freiheit des Wandels. Wie kann man dieses Paradox, das uns heute so quält, in einer Zivilisationsform, die sich selbst stabilisiert, überwinden? Welche soziokulturellen Formen könnten zu einer neuen Balance zwischen ICH und WIR, IDENTITÄT und VERSCHIEDENHEIT führen? Und welche Tools, Instrumente, Institutionen bräuchte man dafür?
Die Sinnsager
Eine besonders kluge Zukunfts-Idee von Ada Palmer ist die Figur des SINNSAGERS – einer personalen Instanz, die sich bereits in unserer Gegenwart abzeichnet. Der Sinnsager erinnert an die Figur des WANDSCHAUERS in Cixin Lius Zukunfts-Epos „Der dunkle Wald“. Der kann seine Gedanken und Pläne vor den Außerirdischen verbergen. Der SINNSAGER hingegen bringt Gedanken und Weisheit ZU den Menschen.
Traditionelle Religionen sind seit den andauernden Religionskriegen im 22. Jahrhundert verboten. Stattdessen hat sich ein globaler Orden gebildet, dessen Mitglieder dem SINN dienen. Sinnsager sind eine Mischung aus Coach, Therapeut, Wanderprediger, transzendentalem Berater und Praxisphilosophen. Jedem Hive-Mitglied steht bei Bedarf ein Sinnsager zur Verfügung. Sinnsager vermitteln auch als übergeordnete Instanz zwischen den Hive-Kulturen.
Die Bash-Familienform
Im 25. Jahrhundert lebt die Mehrheit der Menschen in sogenannten Bashs. Das sind Haushalte zwischen vier und zwanzig Personen, die gemeinsam Kinder aufziehen, Firmen unterhalten, den Alltag bewältigen. Die Kleinfamilie als ständig überforderte Lebensform hat seit dem 22. Jahrhundert, als die Geburtenraten auf fast Null fielen, ausgedient. Die soziale Evolution hat eine dominante Lebensform herausgebildet, die alten Großfamilien – oder stabilen WG-Strukturen ähnelt – Freunde, Paare, Kinder, Haustiere, Mitarbeitende, ein paar einfache Roboter …
Die verschiedenen Welt-Sprachen haben eine moderate Gender-Neutralität entwickelt, mit einem „nin“ statt „er“ oder „sie“. Weibliche oder männliche Rollenmuster sind zwar nicht verschwunden, aber die meisten Menschen empfinden sich die meiste Zeit als „übergeschlechtlich“. Gerade deshalb schlüpfen sie immer mal wieder in rein männliche oder rein weibliche Rollen. Um dem evolutionären Spiel seinen Raum zu lassen …
Arbeit jenseits der Arbeit
Im 24. Jahrhundert ist die Arbeitszeit durchschnittlich auf 20 Stunden reduziert. Aber diese Zahl hat keine Bedeutung mehr. Der größte Anteil der Arbeitsformen ist „selbstorganisativ“ und hat sich längst von den Stunden-Normen des Industriezeitalters abgelöst. Vieles ist technologisch delegiert, automatische Systeme sind allgegenwärtig, aber manche Service-Dienstleistungen müssen immer noch von Menschen gemacht werden. Dazu stehen die Dienster zur Verfügung, eine weltweite Service-Kaste, die aus Verurteilten besteht, die statt eine Strafe abzusitzen in Bashs im Sinne des „guten Geistes“ wirken können. Sozialer Ausgleich statt Strafe und Gefängnis.
Technologie
Technologie spielt in der Welt von Terra Ignota eine wichtige, aber gleichzeitig diskrete Rolle. Alles ist computerisiert, „durchnetzt“, aber Computer und Bildschirme sind nicht mehr dominant, sondern unsichtbar in den meisten Gegenständen verborgen. Jeder Weltbürger trägt einen „freiwilligen Tracker“, über den er jederzeit Hilfe anfordern kann. Der Tracker lässt sich abschalten, fungiert aber gleichzeitig als universelles Verwaltungs- und Kommunikationsgerät. Viele Hive-Strukturen erinnern an Formen einer „unterstützenden Überwachung“, wie sie heute schon in hochdigitalisierten Staaten existieren.
Ada Palmer – Perhaps the Stars
Das Buch „Perhaps the Stars” ist u.a. erhältlich bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung).
Extremtechnologien werden nach schlechten Erfahrungen mit Skepsis betrachtet. Utopianer genießen auf dem Mond eine gewisse Toleranz für Extrem-Experimente, aber im Allgemeinen glauben die Menschen des 25. Jahrhunderts nicht mehr an technologische Erlösungen. Vielmehr werden die existierenden Technologien ständig an humane Bedürfnisse angepasst.
Was auch heißen kann, auf sie zu verzichten.
Politik
Die politischen Systeme der Hives sind unterschiedlich gestaltet – aus der Erkenntnis heraus, dass jede Regierungsform ihre Vor- und Nachteile hat. Und ihr Funktionieren von tiefen kulturellen Prägungen und Mentalitäten abhängig ist. Die meisten Hives nutzen Mischsysteme zwischen repräsentativen und partizipativen Formen, bis hin zu „Demokraturen“ und Monarchie-Varianten.
Das protopische Denken
Peter Schwartz, der Doyen der modernen Zukunftsforschung, definierte die Aufgabe der Zukunftsforschung einmal als die Darstellung des Möglichen, des Wahrscheinlichen und des Besseren (the possible, the probable, the preferable).
Einen solchen gewaltigen Möglichkeitsraum hat Ada Palmer in Form einer Protopie entworfen. Eine PROtopie ist, anders als eine Utopie, eine Fiktion, die nahbar ist. Sie ist eine Anti-Dystopie. Und gleichzeitig mehr als eine Fiktion – sie ist auch eine Art Vorschlag.
Palmers Zukunftswelt ist kein Endzustand, sondern work in progress, ein immerwährendes Glasperlenspiel der menschlichen Kultur.
Nichts bleibt wie es ist.
Alles bleibt anders.
Und doch kehrt vieles wieder.
Aber niemals gleich.
Vielleicht doch die Sterne?
Bevor jemand bei der empfohlenen Urlaubslektüre frustriert wird: Ada Palmers Superepos ist ziemlich unlesbar, wenn man auf Spannung und Plot Wert legt. Verfolgungsjagden und Raumschiffkämpfe: Fehlanzeige. Der Text mäandert zwischen Dialogen, philosophischen Erörterungen, Sprachspielen und Abschweifungen hin und her. Eine Art Riesen-Essay, geschrieben im Stil eines altmodischen Berichterstatters („… und ich verkünde von folgenden Ereignissen …“). Manches wirkt steif-deklamatorisch, wie in den Traktaten des 18. Jahrhunderts oder auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Anderes ist so detailverliebt, dass man es lieber überblättert.
Aber gleichzeitig macht alles SINN. Zukunfts-Sinn.
Gute Zukunftsliteratur ermöglicht es, die Gegenwart mit den Augen der Zukunft zu verstehen.
Manchmal braucht man Eskapismus, um in die heutige Wirklichkeit zurückzukehren.
Im letzten Band geraten die Hives in einen Strudel irrationalen Streits. Ein Neuer Weltkrieg beginnt. Im dem Band mit dem Titel „Perhaps the Stars“ steht die Menschheit wieder vor jener großen Grund-Entscheidung, die das Schicksal des Homo sapiens entscheidet. Und uns gleichzeitig erst zur „Menschheit“ macht.
Sollen wir in die Kälte des Alls aufbrechen – und uns dabei von unserer Menschlichkeit verabschieden, die unauflösbar mit der Erde, der Natur verbunden ist?
Müssen wir, um als Spezies zu überleben, uns selbst überformen, manipulieren, umbauen, weil wir mit unseren Emotionen/Konstruktionen/ Kognitionen „zu blöd“ zum Überleben sind?
Liegt unsere Zukunft im Inneren, in der Selbstverbesserung?
Oder da draußen, im outer space?
An diesen Fragen, mitten ins heiße Herz der Menschheit gestellt, verzweifeln selbst die Klügsten und Weisesten. Es geht um die Perspektive des Überlebens unserer sonderbaren Spezies in einem ziemlich verrückten Universum. Und eigentlich auch um die Frage nach der Existenz Gottes, beziehungsweise des göttlichen Prinzips.
Ada Palmer stellt uns diese Fragen, ohne sie endgültig zu beantworten. Das ist gut so. So können wir mitreden, mitdenken, mitfühlen, hineinleben in die Zukunft. Zukünftig werden.
Methodisches PS:
Die Psychohistorik
Ada Palmers Werk ist Teil einer Wissenschaft oder besser „Disziplin“, die die Grenzen zwischen Fiktion und Science überschreitet. Metahistorik, oder in der Diktion des Science-Fiction-Autors Isaac Asimov „Psychohistorik“, ist eine bestimmte Art und Weise, auf ganzheitliche Dynamiken der menschlichen Kultur zu blicken. Die „Story“ aus einer zeitlosen Übersichts-Perspektive zu erzählen. Geschichtliche Entwicklungen werden dabei nicht in ihren kausalen, phänomenologischen Formen beschrieben, sondern in ihren übergreifenden evolutionär-psychologischen Mustern. Es geht um eine „kybernetische Soziologie“, die aus menschlichem Verhalten Wahrscheinlichkeiten berechnet und das Prophetische in die Formungen der Zukunft einbezieht. Anders als in der tradierten Geschichtswissenschaft wagt die Meta- bzw. Psychohistorik auch Aussagen über das Kommende. Sie ist eine narrative Wissenschaft, die die Welt als NETZWERK VON REKURSIVEN WIRKUNGEN beschreibt. Solve et Coagula, wie die Alchemisten des Mittelalters sagten. Löse auf und verbinde …
„The past is history.
The future ist a mystery.
The presence is a gift.”
„Die Vergangenheit ist Geschichte.
Die Zukunft ist ein Mysterium.
Die Gegenwart ist ein Geschenk.”
Deepak Chopra, Winnie the Poo, oder Alice Morse Earle (1851–1911)
Für manches gibt es bessere Worte im Englischen als im Deutschen. Zum Beispiel „spirit“: Man könnte dieses Wort in „Geist“ übersetzen. Oder in „Geisteshaltung“. Irgendwann landet man bei „Stimmung“. Dann ist das Wort endgültig kaputt.
„Spirit“ ist ein Wort, das man spüren muss.
Es geht um den „Future Spirit“. Die Art und Weise, wie wir mit der Zukunft umgehen. Wie die Zukunft in uns wirkt und entsteht. Und wie wir uns durch sie in die Welt hineinverwandeln.
Wir leben in einer Zeit, der die Zukunft abhandengekommen ist. Bis vor einigen Jahren war sie noch als eine Vorstellung dessen, wohin die Welt geht oder gehen soll, existent. Jetzt hat sie sich beleidigt hinter den Horizont zurückgezogen, von wo aus sie uns mit endlosen Untergängen und Katastrophen droht.
Profan gesagt: Wir wissen nicht mehr, wo’s langgeht.
Trotzdem, oder gerade deshalb, wird das Wort ZUKUNFT unentwegt benutzt und wie eine Art Fetisch beschworen. Es wandert durch die Marketing-Broschüren, Management-Kurse, Politiker-Reden, durchtränkt die IT-Beilagen der Restmedien, die Papiere der Lobby-Organisationen, die damit irgendetwas fordern wollen. Aber das Wort ist seltsam hohl geworden. Es bedeutet nichts mehr, es meint nur.
Interessant ist, wie sich die Zukunft in den Reden der neuen Berliner Koalition anhört. Die ZUKUNFT (immer in Versalien) wird endlich beginnen, wenn „Wir wieder mehr arbeiten!“. Wenn „der Konjunkturmotor wieder anspringt“ und „die Wirtschaft nicht mehr stottert“. Das klingt voll und ganz nach Verbrennungsmotor. Nach Schornsteinen, die wieder rauchen. Es ist die Sprache, die Denkweise, die Mentalität des fossilen Industriezeitalters, in der wir uns irgendwie verheddert haben.
Wachstum ist gut. Dynamik brauchen wir, damit die Welt sich wandeln kann. Aber welches Wachstum? Welche Dynamik? Das Beispiel USA zeigt, dass die Wirtschaft boomen kann, während die Gesellschaft von innen heraus kaputtgeht. Ohne Gesellschaft keine Wirtschaft, aber beides trennt sich offenbar voneinander ab.
In der Gesellschaft hat sich längst ein anderer Spirit entwickelt, was die Arbeit betrifft. Jenseits der „Maloche“-Kultur, die das Industriezeitalter prägte – mit ihren Stechuhren, Anwesenheit und Lohnfortzahlung, löst sich das alte Modell der Lohnarbeit langsam auf. Die alte Arbeitswelt erodiert von den Rändern her, wo Arbeit öde und entfremdet und unverschämt ausbeuterisch ist. Aber auch und gerade bei den „guten“, den bezahlten und produktiven Jobs geht es immer mehr um Zeit und Souveränität. Um Sinn. Um die Suche nach einer Balance des Lebens zwischen dem Sozialen, dem Kreativen und dem Produktiven. Überall dort, wo sich dieser „Geist“ nicht realisieren kann, werden die Menschen krank, gestresst, oder unglücklich unproduktiv.
Dass unsere Wirtschaft derzeit nicht wächst, hat vielleicht auch damit zu tun, dass wir das Produktive immer noch am alten Industriemodell festmachen. Zurück in die Vergangenheit, das ist ja derzeit sehr angesagt. Nur funktioniert es nicht. Deshalb stagnieren wir.
Der Fetisch der Technologie
Einen garantierten Lacher (oder Gröhler) kann man auf Zukunfts-Konferenzen aller Art erzielen, wenn man das FAX erwähnt. Dieses Gerät ist schuld daran, dass wir uns nicht längst in einem Turbo-Boom und Super-Fortschritt befinden. Mit anderen Worten: es verhindert, dass die richtige, die geile Zukunft beginnt.
Wirklich?
Ich möchte nicht als Ketzer dastehen. Aber ich habe mich entschlossen, mein altes Fax aus dem Keller zu holen und reparieren zu lassen. Es gibt ja jetzt diese Repair-Shops, und auch eine einfache Adapter-Lösung, um ein analoges Gerät an schnelle Datenleitungen anzuschließen.
Vielleicht ist das Faxgerät (ähnlich wie das „dumbphone“, das gute alte Tastenhandy à la Nokia) heute so etwas wie ein Gerät des subversiven Widerstands gegen eine falsche Zukunft. Es symbolisiert eine Technologie, in der man irgendwie noch die Kontrolle behielt. Und mit Kommunikation tatsächlich Dinge bewegen konnte. Das Fax markiert eine Phase der Kommunikations-Technologie, die noch nicht von Überkomplexität und Echoeffekten plus riesiger Konzerninteressen überformt war. Vielleicht klammern deshalb so viele an ihm fest.
Wir leben heute in einem großen, uneingelösten Versprechen: Mit der radikalen Digitalisierung wird endlich alles ganz easy. Wir müssen nie mehr zum Amt oder zum Arzt gehen, alles geht vollautomatisch und hypereffizient …
Wirklich?
Womöglich ist das Gegenteil der Fall: Digitalisierung schafft unentwegt neue Schnittstellen, schlägt Brüche in bewährte Abläufe und menschliche Kommunikationsweisen, die dann mühsam wieder durch Handarbeit, Koordinationsbastelei ausgebügelt werden müssen. Allein für eine Terminkoordination schreiben wir heute achtzehn Mails, die wir dann im Wust des Browsers nicht mehr wiederfinden (Na klar, es gibt „intelligente“ Programme dafür, aber dann wird es noch komplizierter). Ständig sind wir damit beschäftigt, irgendetwas in Masken und Tabellen und Listen einzugeben. Codewörter. Passwörter. Persönliche Daten, 18-stellige Nummern. Immerzu müssen wir unser Einverständnis wegklicken, dass wir unsere Daten bedingungslos zur Verfügung stellen: consent, consent, consent …
Irgendwie sind WIR SELBST zu den Bürokraten geworden, die wir eigentlich abschaffen wollten …
Die schottische Statistikerin und Zukunftsforscherin Hannah Ritchie (ourworldindata.org), Autorin des Buches „Hoffnung für Verzweifelte“, hat den Begriff der MOLOCH-FALLE erfunden. In einer Molochfalle (Moloch ist die Bezeichnung für einen antiken Opfergott) wird man gezwungen, etwas zu tun, was man eigentlich vermeiden will, aber nicht vermeiden kann, wenn man weiter mitspielen will.
Das Buch „Hoffnung für Verzeifelte” ist u.a. erhältlich bei www.amazon.de (Affiliate Link – Offenlegung).
Die Rennradfahrer – man denke an Lance Armstrong und Jan Ullrich – mussten dopen, weil sie sonst gar nicht erst bei der Tour de France hätten antreten könnten. Das ganze Sportsystem driftet in Richtung eines Doping-Systems (amerikanische Milliardäre bieten jetzt die Lösung an: eine Olympiade für Super-Doper, die „Enhanced Games“).
Im Internet müssen Frauen einen digitalen Schönheitsfilter benutzen, sonst werden sie unentwegt weggeklickt und gesperrt. Kinder müssen ab acht Jahren ein pornofähiges Smartphone besitzen, um nicht gedisst oder gemobbt zu werden. Politiker, selbst vernünftige, müssen ständig blödsinnige populistische Rhetorik raushauen, weil sie sonst in der Aufmerksamkeits-Digitalität keine Chance haben. Jeder Journalist muss in Sachen Sensation, Zuspitzung, Übertreibung, Schlechtreden, Angstmachen oder nackte Profanität noch einen draufsetzen. Sonst wird er schnellstens von der KI ersetzt.
Wird er aber sowieso.
Künstliche Illusionen
Ganz vorne im Kanonenboot der Zukunft befindet sich derzeit die „Künstliche Intelligenz“. Die wird, wie man in zahlreichen flammenden ZUKUNFTS-Traktaten hören kann, alle Probleme einschließlich des Schlamassels, das uns die Digitalisierung eingebrockt hat, demnächst lösen. Durch ihre rasende Intelligenz und überlegene Klugheit. Neuerdings auch durch ihr charmantes Schmeicheln.
Wirklich?
KI ist, so wie sie heute entwickelt wird, ein monströses, parasitäres Experiment mit der menschlichen Integrität. Sie ist entstanden durch einen Akt universeller Plünderung. Die KI-Systeme, die heute von gigantischen Konglomeraten als nächstes Super-Monopol entwickelt werden, haben schlicht und einfach das gesamte Internet in sich aufgesaugt. Alles, was je von Menschen geschrieben, gezeichnet, gemalt, gestaltet, gesungen und getanzt wurde, wurde enteignet. Daraus wird die Illusion fabriziert, man könnte durch eine Maschine (einen stochastischen Papageien) alles lösen. Indem man alles delegiert. Oder „rationalisiert“. Denken, Analysieren, Wissen. Intelligente binäre Systeme können angeblich demnächst „intelligenter als Menschen“ entscheiden.
Könnte es sein, dass wir uns da – wieder einmal – in eine neue Erlösungs-Phantasie hineingeschossen haben, die religiöse Züge trägt? Eine Technologie soll uns erlösen in ein Himmelreich des Komforts, der Nichtanstrengung, der unbegrenzten Produktivität. Sowas hatten wir vor Kurzem schon mal, in der Illusion der befreienden Vernetzung durch Social-Media. Auch das hat ziemlich wehgetan.
Wir leben in einer „unreifen Technospähre“, wie die Kosmologen Adam Frank & David Grinspoon formulieren. Die KI ist der Opfergott, der Dämon unserer Zeit. Ein dunkler Mythos, der den Kern des Menschlichen bedroht. Seine geistige, mentale, emotionale Autonomie. Was wir brauchen, ist nicht eine künstliche, sondern eine humanistische Intelligenz, die lernt, mit den Möglichkeiten stochastischer Maschinen im Sinne des menschlichen Spirits umzugehen. Im Sinne einer Selektion zum Brauchbaren, Machbaren, Haltbaren. Einer echten Co-Evolution von Technik und Mensch.
Ein Fax verwandelt Geschriebenes in eine Botschaft „one to one”. Man sendet oder empfängt, ohne in irgendeine Plattform gezwungen zu werden, aus der man dann nicht mehr herauskommt. Es gibt einen Sender und einen Empfänger. Man muss nicht sofort antworten, und man kann nicht sofort alles umschreiben. Das Fax piept, wenn es loslegt. Und klingelt, wenn es fertig ist. Und gut ist. Den Geist des Faxes sollten wir uns irgendwie bewahren.
Die Mondfahrt
Auf eine magische Weise ist „Zukunft“ immer auch mit WELTRAUM verbunden. Im neuen Kabinett sitzen gleich mehrere MinisterInnen, die unbedingt ins All wollen. „Deutschland auf dem Mond – darin liegen riesige Chancen!“ Für was? Na klar: für die ZUKUNFT!
Ja. Aber warum?
Als Beispiel wird gerne die amerikanische Mondlandung genannt, die vor 60 Jahren die Wirtschaft anfeuerte und den Amerikanern, ja der ganzen Welt, Zusammenhalt und ZUKUNFT gab.
Ich kenne mich da ein bisschen aus, weil ich selbst sozusagen ein Kind der Mondlandung bin. Als Neil Armstrong seinen Fuß in den Staub des Mondes setzte („ein kleiner Schritt für die Menschheit …“), war ich 14 Jahre alt, der Fernseher war schwarzweiß und hatte einen hartnäckigen Bilddurchlauf. Es war eine Zeit voller Wunder und Geheimnisse. „Zukunft“ war einerseits voll und ganz gegenwärtig, in Technologien, die in schneller Folge auf den Markt und unter den Weihnachtsbaum kamen (Autos! Stereoanlagen! Nogger Eis!). Andererseits blieb sie eine magische Verheißung, ein Mysterium, das noch nicht ausgemessen war. Gerade weil das „All“ so unscharf war, eben irgendwie „alles“, blieb es eine gloriose Verheißung.
In seinem Buch„Zukunftslärm” nennt Bernhard Fischer-Appelt das „eine fiktionale Energie, die Kennedy nutzte, um sein emotional politisch festgefahrenes Land aufzuwecken, um aufzubrechen”.
Aus heutiger Rück-Sicht gab es auch andere Seiten: Das Projekt der Mondlandung hatte mindestens genauso viel mit dem Kalten Krieg und dem Rüstungswettlauf zu tun wie mit Wissenschaft, Forschung und heroischen Zielen. Es war auch eine Art Heilungsversuch: Der Vietnamkrieg hatte das amerikanische Selbstbewusstsein zutiefst verunsichert, die Nation gespalten – das Super-Projekt sollte den Spirit wiederherstellen. Der hatte allerdings auch etwas mit Eroberung und Dominanz zu tun.
Die Mondlandung hatte trotzdem einen wunderbaren menschlichen Spirit. Sie war ein besonders schönes Beispiel dafür, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie über alle Grenzen und Unterschiede hinweg kooperieren. Was wirklich zukünftig war, war das Zusammenwirken zwischen mehr als 80.000 Menschen: Menschen aller Kulturen, aller Sparten, vom Elektronik-Ingenieur über schwarze Quoten-Frauen bis zum Hausmeister in Cape Canaveral, wie die „Moonbase“ damals noch hieß, kamen zusammen und bewältigten eine ungeheure Herausforderung (es gibt wunderbare Filme dazu, z.B. „To the Moon“ oder die Alternate-History-Serie „For All Mankind“, in der die Frauen das Space-Programm erobern).
Mit Apollo 17 im Jahr 1972 ging das Mondprojekt zu Ende. Plötzlich war es nicht mehr aufregend, im Regolith zu stapfen oder wie ein Känguru bei 0,2 g herumzuhüpfen. Aber darauf kam es gar nicht an. Das wirklich Kostbare an der bemannten Raumfahrt war nicht die Ausbeute von Mondgestein, Raketentechnik und Teflon-Pfannen. Es war der Rück-Blick auf uns selbst, dieses WHOW der Selbsterkenntnis, das uns klarmachte, auf welchem wunderbaren blauen Planeten wir leben.
Ein Monat nach der ersten Landung fand das Woodstock-Festival statt. Die Mondlandung war auch der Beginn des Großen Wandels, des Aufbruchs, der nicht nur die Gesellschaften des Westens ergriff. Die Mondlandung war auch Initialzündung der Ökologiebewegung, eines anderen Verständnisses von Mensch und Natur. Und Kosmos. Sie wies weit über den technischen und politischen Raum hinaus, in ein neues Selbstverständnis der menschlichen Kultur.
Heute ist alles anders. Zahlreiche Weltraum-Programme sind auf dem Weg, die aber ganz anderen Zielen dienen. Sie sind nicht von einem gemeinsamen Geist des Aufbruchs beseelt. Es geht um monetäre oder militärische Zwecke, Machtkämpfe oder Werbeaktionen. Monopolinteressen, Eitelkeiten oder schlichten Größenwahn. Spätestens seit sich Elon Musk in einen Untoten verwandelt hat, ist die Weltraumfahrt in ihrem spirituellen Sinn tot. Unter seiner Ägide wäre die Reise zum Mars eine Zombie-Veranstaltung, eine bizarre Fernsehshow, schlimmer als Big Brother. Lauter Prominente, aber niemand kann sie mehr dort rausholen …
Und trotzdem: Zukunft braucht SPACE. Dass bis heute in der ISS, der internationalen Raumstation, Amerikaner, Russen und Europäer immer noch friedlich zusammenwohnen, ist kein Zufall. Es ist ein Zeichen. Wir brauchen diese vertikale Dimension, diese Sicht auf das Mysterium. Statt immer nur auf unsere Bildschirme zu starren sollten wir wieder unsere Köpfe erheben. Und in den Himmel schauen.
Allerdings müssten wir erst beantworten, was wir „dort“ eigentlich wollen. Ohne den Spirit gibt es keinen Aufbruch. Nur Geldverschwendung.
Zukunft als Fülle
Die amerikanischen Journalisten Ezra Klein und Derek Thompson haben ein Buch über die Frage der Zukunft geschrieben, das im liberalen Teil Amerikas eine kräftige Debatte ausgelöst hat. Es heißt „Abundance“ – Fülle. Es handelt von der ketzerischen These, dass die Zukunft üppig ist. Es ist genug für alle da. Alles wird besser werden.
Klein und Thompson gehen von der scheinbar paradoxen These aus, dass das eigentliche „Problem“ der spätindustriellen Gesellschaften das Knappheitsdenken ist, das tief in unseren archaischen Seelen verankert ist. Ständig gehen wir vom Mangel aus. Mangel an Natur. Mangel an Moral. Mangel an Glück. Mangel an Ressourcen, Wasser, Wohnungen, Geld, medizinischer Versorgung, Energie. Bei allem gibt es ein ewiges „Zu wenig“.
Supermärkte gibt es erst seit zwei Generationen. Warum können wir uns nicht über ihre Existenz freuen. In ihrer Fülle wohlfühlen, statt immer nur nach dem niedrigsten Preis zu rennen?
Die Angst vor der Knappheit hat tiefe Wurzeln. Millionen Jahre lang haben Menschen ausschließlich in existentiellem Mangel gelebt. Unsere Vorfahren überlebten immer nur am Rande des Aussterbens. Sie mussten unablässig kämpfen: für Nahrung, für Wasser, gegen wilde Tiere und Nachbarn. Der Mangel ist sozusagen in unserer (kollektiven) Psyche eingebrannt.
Klein und Thompson skizzieren eine Welt, in der der Mangel aufgehoben und die Fülle wirksam werden kann: Erneuerbare Energie wird immer billiger, intelligente Systeme ermöglichen eine CO2-freie Zivilisation, die in der Lage ist, die Nahrungs-, Wohn- und Mobilitätsbedürfnisse einer nicht mehr wachsenden Weltbevölkerung zu befriedigen. Im „Abundance“-Szenario wachsen Ökologie und Ökonomie zusammen, „ein Ökoparadies mit Kühlschränken voller Früchte von regionalen vertikalen Farmen und Fleisch aus Zellkulturen; mit von synthetischen Treibstoffen angetriebenen Flugzeugen, mit denen man um die Welt jetten kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.“ (FAZ 11. Mai 2025, „Zurück in die Zukunft”, Harald Staun).
Warum wirkt das heute so naiv, so lächerlich?
Klein und Thompson beklagen den Verhinderungs-Mechanismus, mit dem gerade progressive Menschen Veränderungen unterbinden. Während die Linke vor allem mit Knappheits- Schuld- und Gerechtigkeits-Rhetoriken argumentiert und Botschaften des Verzichts propagiert, die weder attraktiv noch effektiv sind, stockt das, was wir früher Fortschritt nannten. Solarfelder oder Windkraftwerke werden durch Naturschützer verhindert. Die Mentalität des Progressiven hat sich auf Drohung und Verhinderung spezialisiert. Folgerichtig übernimmt die radikale Rechte die Deutungsmacht des Möglichen, indem sie alle Rücksichtsnahmen und Bedenken abschaffen will. Das Vitale, Kreative, Schöpferische wandert so in den reaktionären Bereich.
Ein Spirit der Fülle könnte uns aus vielen Fallen des alten Zukunftsdenkens herausführen. Er könnte helfen, unser Weltverhältnis nicht mehr als grundlegend defizitär und schuldhaft (wie in der christlichen Idee der „Ursünde“) zu definieren. Vom Hügel der kommenden Fülle aus können wir vielleicht sogar auf vieles leicht verzichten, was uns nicht guttut. Wenn genug für alle da ist, müssen wir nicht noch mehr hineinfüllen, bevor es nicht mehr verfügbar ist.
So könnte eine neue Zukunfts-Gelassenheit entstehen, die uns wieder in einen future spirit zurückführt, in dem echter Wandel möglich wird. Dazu benötigen wir jedoch eine spirituelle Öffnung, die uns aus der Enge der Gegenwart befreit.
Der Papst- Effekt
Die Zukunft ist ein scheues Reh. Wenn man sie allzu sehr propagiert, anschreit, herbeizwingen will, verschwindet sie im dunklen Wald der Zeit. Sie wird dann zu einer Ideologie, an der man nur scheitern kann.
Die Zukunft ist auch keine Lokomotive, die aus einem dunklen Tunnel auf uns zurast und uns überfährt. In diesem weitverbreiteten Bild steckt ja immer etwas Passives, Verweigerndes. Wir negieren unseren Anteil an der Zukunft. Unsere Kraft, sie in uns selbst in Verbindung mit anderen zu verwirklichen. Als Synchronisation von Hoffnungen, Narrativen, Sehnsüchten, die zur Verwirklichung drängt.
Diese Denkweise nennen wir den Humanistischen Futurismus.
Oder wie der Kognitions- und Neurowissenschaftler Anil Seth formulierte: We predict ourself into existence.
Zukunft braucht eine überzeitliche Spiritualität (nicht zu verwechseln mit Mystik oder Magie). Spiritualität ist die Erfahrung des Verbundenseins. Sie ist auch das Erleben der Ganzheit der Welt in ihrer Verbindung mit der eigenen Existenz.
Zukunfts-Spiritualität ist das Bewusstsein des Zusammenhangs von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft im eigenen Selbst.
Man könnte auch sagen: die Erfahrung der Überzeitlichkeit.
Zukunft beginnt, wenn wir wieder Staunen können, was alles möglich wird.
PS: Ist es nicht seltsam, dass mitten in einer tiefen Kirchenspaltung plötzlich weißer Rauch aufsteigt, und jemand Papst wird, der etwas Neues repräsentiert. Etwas jenseits der Polaritäten (in der Systemsprache heißt das Emergenz). In den Tagen nach der Inauguration von Leo XIV gab es plötzlich Friedensschlüsse, wie die Auflösungserklärung der türkischen PKK, oder der Waffenstillstand Indiens und Pakistans, die sich schon wieder am Anfang eines All-out-Wars befanden. „Did the Pope pope-ing?“, fragte Dylan Page, ein 15-Millionen-Follower TikTok-Influencer. Er nannte es den „Pope-Effekt“. Natürlich, es kann auch Zufall gewesen sein. Aber etwas ver-wandelte sich. Es ist schön, dass auch die Altreligiösen das noch können. Wie war das mit dem „holy spirit“?
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
„Wir bewundern heroisch
nutzlosen Trotz.
Und belächeln
langmütigen Widerstand.”
Ursula K. Le Guin
1. Das Momentum
Es ist wieder Mai. Das weckt Erinnerungen.
Es gab eine Zeit im Mai, in der die Diktatoren reihenweise abtraten. In meiner Boomer-Jugend in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts fielen die letzten Diktaturen Westeuropas. Einer nach dem anderen verschwanden die finsteren Typen mit den verspiegelten Sonnenbrillen und den Militäruniformen von der Bildfläche: Griechenland, Türkei, Portugal, Spanien …
Auf dem Plaza de Mayo im Herzen von Lissabon war ich im April 1974 als junger Student dabei, als Hippie-Frauen und -Männer rote Nelken in die Gewehrläufe junger Soldaten steckten, die dem portugiesischen Diktator Salazar die Gefolgschaft gekündigt hatten. Langhaarige Studenten fuhren auf den Panzern mit, die noch vor Kurzem der Diktatur gedient hatten. Alles war voller romantischer, sehnsüchtiger Musik, und die Menschen tanzten auf den Straßen.
Siehe z. B. www.casadojose.de/post/die-nelken-revolution. Wer noch einmal diese Stimmung nachverfolgen will, höre das wunderbare Revolutionslied „Grândola, Vila Morena” von José Afonso. Und Paulo de Carvalhos Beitrag „E depois do Adeus“ (Und nach dem Abschied), das beim Grand Prix Eurovision 1974 teilnahm und zum Schlüssellied des Aufstands wurde.
Die Revolte, die Rebellion der Freiheit, hatte ein Momentum. Ein hoffnungsfrohes Vibrieren lag in der Luft, das ansteckend wirkte. Unaufhaltsam veränderte sich alles in Richtung Freiheit, Individualität, Offenheit, Schönheit, Erotik. Das war die Euphorie meiner Jugend. Ich muss gestehen: Ich vermisse das sehr, gerade im reiferen Alter.
Ein Momentum ist jene Energie, die einen Körper in der physikalischen Welt unaufhörlich nach Vorne treibt, wenn keine hindernde Kraft vorhanden ist. In der gesellschaftlichen Entwicklung ist dieses Momentum eine Energie, die Ideen, Menschen und Hoffnungen auf geheimnisvolle Weise zu einer Kraft zusammenfügt, die soziale Veränderungen beschleunigt, die längst schon in der Gesellschaft vorhanden sind. Diese Kraft bringt irgendwann den schlimmsten Tyrannen zu Fall – so war es jedenfalls lange Zeit.
Heute hat sich das Momentum umgekehrt. Es geht zurück ins Dunkle. Die Frage nach der Zukunft lautet nun: Wie bekommt man Tyrannen, Autokraten, ein Regime von Idioten jemals dazu, abzutreten?
Wie bringt man das Böse, das sich verfestigt und eingenistet hat, auch in den Köpfen und Seelen, ins Wanken?
Und wie entsteht wieder jener Drive, der die Dinge auf neue Weise zusammenfügt?
Was damals leicht erschien, tänzerisch eben, scheint heute immer unmöglicher zu werden.
2. Die Ära der Farbenrevolutionen
Eine Farben-Rebellion oder Regenbogen-Revolte ist ein Aufstand der Vielfalt. Minderheiten tragen ihre Unterschiedlichkeiten auf die Straße und formen daraus etwas Neues – das Narrativ einer besseren Zukunft. Farbenrebellionen sind kein Massenprotest mit marschierenden Kolonnen und martialischen Parolen. Man erkennt sie daran, dass auch Zauberer, Magier und Verkleidungskünstler teilnehmen.
Die Farbenrevolution ist nicht nur GEGEN etwas („Nieder mit! Weg mit!“). Sie ist auch FÜR etwas, das im Protest symbolisch aufscheint. Sozusagen vor-gelebt wird. Ein anderes Miteinander. Eine andere Sozialität. Eine zarte Empfindlichkeit liegt in der Luft liegt, die die Herzen auch derer berührt, die zunächst nur am Rand zuschauen.
Der Prototyp für diese mächtige Form der Gesellschaftsveränderung war die Pariser Mai-Revolte im Jahr 1968. Damals wurde ein junger Rebell mit jüdisch-französischen Wurzeln, Daniel Cohn-Bendit, zum Sprecher einer antiautoritären Bewegung, die von den Studenten ausging, aber weite Teile der Gesellschaft erfasste. „Achtundsechzig“ stürzte den französischen Staat in einen Notstand, eine Legitimationskrise. Und leitete eine lange Epoche der Reformen und kulturellen Demokratisierungen in ganz Europa ein.
Einige Jahre später erfanden wir in der Frankfurter Sponti-Bewegung die Regenbogen-Fahne.
Andere Reklamationen werden gerne entgegengenommen. Einigen wir uns darauf: Die Regenbogen-Fahne ist bestimmt mehrere Male an verschiedenen Orten „erfunden” worden.
Die Fahne mit den bunten Streifen stand damals nicht für bestimmte Minderheiten oder sexuelle Orientierungen. Eher für eine Idee der Unterschiedlichkeit, in der viele Ideen und Varianten Platz hatten. Es ging nicht zuletzt um eine Alternative zu den roten Fahnen der kommunistischen Kaderorganisationen, die damals noch viele Demonstrationen beherrschten. Aber auch um eine Alternative zum dunklen Schwarz der Lederjacken-Militanten, die in Richtung Straßenschlachten als Machtdemonstration abdrifteten.
In der Regenbogen-Fahne verbanden sich die Ideen und Gefühle der weltweiten Jugend- und Hippie-Kultur mit dem politischen Aktivismus. Der bunte Aufstand entwickelte sich auch als Alternative zum Bürgerkrieg, der damals in vielen Ländern tobte. Die IRA in Irland, die ETA im Baskenland, die „Roten Brigaden“ in Italien, die irre RAF in Westdeutschland, die in Hass und Gewalt endete. In Südamerika entstanden aus den heroischen Siegen der Linksguerilla gleich wieder die nächsten Diktaturen. Farbenrevolutionen signalisierten eine andere Idee des gesellschaftlichen Wandels, der nicht aus der Machtergreifung, sondern aus dem Herzen kommen sollte. Ihre Kernenergie war die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben.
Eigentlich ging es um die Liebe.
3. Die Niederlage der Sehnsucht
Um die Jahrtausendwende verstärkte sich noch einmal der Wind des Wandels. Nach der friedlichen Revolution in der DDR, der samtenen Revolution in Prag und anderen östlichen Staaten sang die halbe Welt das Lied The Winds of Change. Im Jahr 1999 tanzten eineinhalb Millionen Menschen in Berlin zur Love Parade. Die Farbenrebellionen setzen sich fort: Der Sturz von Milosevic in Serbien 2000 und die Orangene Revolution in der Ukraine 2004. Die Tulpenrevolution in Kirgisien 2004, die Rosenrevolution in Georgien 2003 und die Safran-Revolution in Myanmar. Dazu kamen die vielfältigen „Issue“-Bewegungen“, die sich schon in den 80er Jahren gebildet hatten. Frauenbewegung, Ökologiebewegung, Schwulenbewegung. Später kamen Black Life Matters, MeToo, Fridays for Future dazu.
In den Nuller Jahren schien das Internet, die Möglichkeiten digitaler Netzwerke, die Kraft der Rebellionen noch zu verstärken. Der arabische Frühling dehnte den Regenbogen auf die arabischen Länder aus, und von da aus würde er sich weiter über die Welt bewegen.
Alles würde besser werden.
Friedlicher, toleranter, gerechter, solidarischer.
Die Tyranneien würde verschwinden, sooner or later.
Gewalt und Krieg ebenso.
Obwohl es schon lange Gegen-Anzeichen gab.
Im Jahr 1989 fuhren auf dem Tian’anmen-Platz in Peking Panzer auf und erstickten eine studentische Revolte. Es gibt bis heute kaum Bilder von diesem Aufstand mit über 2.000 Toten, er blieb völlig folgenlos. 25 Jahre später scheiterte die fantasievolle Regenschirm-Revolte in Hongkong an den Repressionsstrategien der kommunistischen Regierung in Peking. Alles wurde in Gerichten und Gefängnissen erstickt.
Der Zusammenbruch des arabischen Frühlings mündete in einen apokalyptischen Bürgerkrieg in Syrien.
Endgültig kippte das Momentum der Farbenrevolution im Maidan-Aufstand von Kiew im Jahr 2014. Zunächst verlief alles nach dem gewohnten Muster: Die Revolte erzeugte enorme gesellschaftliche Energien, die Menschen solidarisierten sich bis weit in die Mittelschichten hinein, der Maidan war ein Flickenteppich bunter Vielfältigkeit (allerdings gab es auch Neonazis). Doch dann wurde geschossen – von Paramilitärs. Es gab über 100 Tote. Tote Helden sind immer der Anfang eines Krieges.
In Weißrussland wurde auf wunderbare Weise fröhliche, fantasievolle und weibliche Rebellion, innerhalb kürzester Zeit brachial niedergeschlagen. Für Putin und seine diktatorischen Freunde waren Farbenrevolutionen schon lange der Gottseibeiuns, der um jeden Preis im Keim zu ersticken ist. Lange bevor sie sich zu einem Kraftfeld, einem unwiderstehlichen Momentum zusammenfügen können.
Sie haben leider gelernt, wie man das macht.
Ende der Nuller Jahre definiert die Harvard-Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth die 3,5-Prozent-Regel. Chenoweth führte in ihrer Analyse „The Success of Nonviolent Civil Resistance” aus, dass sich ein Wandel immer dann vollzieht, wenn 3,5 Prozent einer Bevölkerung sich konsequent und friedlich dafür engagieren. Dahinter stand das Gesetz der rebellischen Ansteckung: 3,5 Prozent klingt wenig, aber das gesellschaftliche Resonanzsystem reagiert auf bestimmte Muster und Verdichtungen, wenn „die Zeit reif ist“.
Wie aber konnte es dazu kommen, dass das Momentum des Wandels so offensichtlich in die andere Richtung umschlagen konnte?
4. Reaktionärer Rebellismus
Das Momentum des Rebellischen ist auf seltsame Weise nach rechts gewandert. Wobei auch der Begriff „rechts“ nicht mehr viel aussagt. Der ZEIT-Journalist Johannes Schneider formulierte es in einem Kommentar so: „Heute verschwören sich Rechte gegen ein gemutmaßtes Establishment, heute schätzen und überschätzen sich rechte Nachplapperer als Quer- und Selberdenker, heute wittern Rechte überall Tod und Verderben, kurz: Heute klingen Rechte wie Achtzigerjahre-Kabarettisten in der ARD-Sendung Scheibenwischer oder wie Reinhard Mey in seinen schlechteren Liedern.”
Wer mit einem AfD-Fan in Sachsen oder Mannheim oder mit einem Trump-Anhänger in den Weiten von Kentucky spricht, hört erstaunliche viele Wörter, die früher zu einem ganz anderen Sprachkosmos gehörten. Gerne wird von Freiheit gesprochen, vom „Widerstand“ gegen „die da oben“. Fast immer wird beansprucht, gegen „die Eliten“ zu kämpfen. Betont wird der eigene Stolz, das „sich nicht verarschen lassen“.
Es geht um Kränkungen, die sich aber nicht mehr mit Stolz und Würde, sondern nur noch mit Aggressionen und Abwertungen beantworten lassen.
Entstanden ist ein monströser Typus rebellischer Reaktionarität. Eine Art Mutation des Rebellischen, eine Zombieform.
In ihrem Buch „Verkehrungen ins Gegenteil: Über Subversion als Machttechnik“ spricht die Literaturwissenschaftlerin Sylvia Sasse von der „Subversion von oben“ und „Invertiertem Totalitarismus“. „Wenn Begriffe umcodiert werden, Symbole und Praktiken umgenutzt werden und die Wirklichkeit uminterpretiert wird, kann man seine eigene Passivität als Partizipation, ihre Folgsamkeit als Revolte, ihren Opportunismus/Unterwerfung als Dissidenz bewerten. Die neuen Totalitaristen BELOHNEN ihre Anhänger mit dem Prädikat des Widerstands, des Freiheitskampfes, um sie zu unterwerfen.“
Man spricht hier auch von „Retorsionen“: Die Umdrehung eines Deutungsmusters in sein Gegenteil. Auf eine paradoxe Weise scheint sich diese neue Tyrannis, die hasserfüllte Verweigerung der Zukunft, gerade aus dem Widerstand gegen sie zu speisen. Das ist etwas, was wir nicht verstehen können, was uns zutiefst irritiert. Vielleicht auch deshalb, weil wir uns für zu schlau halten.
Sylvia Sasse schreibt weiter: /„Der neue Autoritarismus spricht die Sprache des Anti-Autoritären. Und das macht ihn so schwer zu bekämpfen. Weil man in einer rekursiven Paradoxie (einer Paradoxie, die sich sozusagen selbst dauernd widerlegt) das Monster durch Widerstand und Dagegensein immer nur weiter füttert.”
Es wäre unklug, den Anteil zu leugnen, den die Protest- und Rebellionskulturen selbst an dieser Entwicklung haben. In den letzten Jahren verloren die progressiven Bewegungen weitgehend ihre Leichtigkeit, ihre Grazilität. Eine Re-Dogmatisierung fand statt. Es entstand eine zum Narzisstischen tendierende Opfer-Moral, die sich immer nur um die eigenen Ansprüche kümmerte. Kümmern ist das richtige Wort. Die rebellische Energie verkümmerte in einem moralistischen Rigorismus, der die rechte Dreistigkeit umso attraktiver machte.
5. Die Ohnmacht der Massen
Es ist ja nicht so, dass alles still und stumm wäre. Es gibt sie ja wieder, die großen Demonstrationen, die mit Hoffnung und Energie gegen Autokraten und Tyrannen auftreten. In Istanbul waren es Millionen, die gegen Erdogan auf die Straße gingen. In Tiflis hielten die urbanen Schichten mit Schönheit und Würde dem Tränengasnebel der Polizei stand. Wir ahnen aber, dass das nicht reichen wird. Die Energien der Straße knacken nicht mehr das finstere Schloss.
Immerhin gibt es interessante neue Varianten des Protests. In Serbien steht die Studentenschaft auf und aktiviert starke Sympathien aus der Bevölkerung. Mit hoher Disziplin und Geschlossenheit wird gegen die Korruption demonstriert, nach einem tödlichen Schlamperei-Unglück in der nordserbischen Stadt Novi Sad. Der Schlachtruf der Demonstranten lautet „Pumpaj! Pumpaj!“ – „Druck, Druck!“. Es geht um den ständigen Aufbau rebellischer Energie. Besonders clever an dieser Ausdauer-Strategie ist, dass sie sich nicht an Ministerpräsident Vucic als frontales Feindbild richtet, sondern ihn in einer Art metamoderner Ironie „dekonstruiert“: „Wir demonstrieren eigentlich nicht gegen Vucic. Der Präsident ist völlig irrelevant!“
Hilflos erscheint hingegen die Rückkehr zu alten Minderheiten-Protestformen. Im autokratischen Ungarn gab es vor Kurzem tapfere Pride-Paraden. Dort zeigte man sich in guter alter Performance-Tradition in grauen Kleidern und trug einen grauen Regenbogen mit sich. Doch die Symbolik funktioniert nicht mehr mobilisierend. In der rasenden Aufmerksamkeits-Ökonomie unserer Tage war das nicht einmal eine Meldung wert. Kurz nach den Protesten verabschiedete das ungarische Parlament ein Gesetz zum Verbot von Pride-Paraden.
Durch die rasende Virtualisierung von allem verirren wir uns in einem dunklen Wald, in dem wir nicht mehr unterscheiden können, was Wahrheit und Wirklichkeit ist.
HYPNOKRATIE lautete der Titel eines Essays des in Berlin lebenden chinesischen Medienphilosophen Jianwei Xun. Er beschreibt darin die Manipulationskraft des Reaktionären, wenn es sich mit den Mitteln der Virtualität, der Simulation bewaffnet. Ein brillantes Stück, das alles zu erklären schien …
Allerdings stellte sich Jinwai Xun selbst als eine Fiktion heraus. Als Erfindung eines italienischen Verlegers, der etwas ganz besonders Kritisches veröffentlichen wollte. Der Essay selbst war von der KI geschrieben.
6. Die neue Bedeutung von Boykott
Warum wird gerade in den USA so wenig demonstriert und protestiert? Vielleicht ist das auch das Ergebnis einer kollektiven Klugheit: Manchmal muss man innehalten, um sich neu zu sammeln. Manchmal muss man einen Schritt zurücktreten, um aus seinen Enttäuschungen klüger zu werden.
Allerdings lässt sich in den Aktionen gegen TESLA ein neuer Wind spüren. Akteure tragen lustige Schilder: „Honk if you think Elon is a dork!“ (Hupen Sie, wenn Sie denken, Elon sei ein Trottel!
Jemand in einem Gorillakostüm hält ein Plakat hoch, auf dem steht „Er tötet auch Affen!“. Diese Demonstrationsmethode basiert auf dem „Cardboards-Stil“ – durch witzige Provokations-Meme entsteht eine Leichtigkeit, die sich dem schlichten „Dagegen“ entzieht, und an die heutige Medienstruktur angepasst ist. Overthrow the oligarchs
Don’t buy a Swasticar
De-Musk America
Make Amerika THINK again!
Trump has a tiny Penis!
If that was really about getting rid of criminals why did you elect one as a president?
You wanted Cheap Eggs, but got measels instead …
Humor ist existentiell im Kampf gegen die Macht – er lässt die Macht sozusagen aus der Herrschaft auslaufen ins Überflüssige.
Es gibt es eine Schlüsselgeschichte dazu: Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Es handelt von einem eitlen Herrscher, der auf der Hauptstraße seines Reiches promeniert, dabei aber vollkommen nackt ist, weil seine Berater ihm unsichtbare Kleider als höchstes Statussymbol angedreht haben. „Er hat ja gar nichts an!“
Man stelle sich vor, in den USA zeigten sich auf allen Mauern, Plakaten, Autobahnen, Klowänden plötzlich millionenfach Sätze wie „LETS GET RID OF THESE IDIOTS!“. Oder „TIME IS OVER!“ Riesengroß, winzig klein, mit Kugelschreibern gekritzelt oder auf Billboards angebracht. Re-Coding reality. Die analoge Wirklichkeit als Storyboard einer memetischen Rebellion.
Nicht weiterverraten!
Boykott war viele Jahre lang ein probates Mittel wirksamen Protests. In der überbordenden Konsumgesellschaft wurde dieses Mittel jedoch irgendwann stumpf; teilweise wurde es sogar von der Werbung „umgepolt“ im Sinne negativer Verkaufsförderung („Kaufen Sie unser Produkt, weil Greenpeace es Scheiße findet!“). Jetzt aber formieren sich Boykott-Strategien überall neu. In der Türkei läuft eine Riesenkampagne gegen die „Erdogan-Industrien“ – Firmen, die dem Autokraten oder seiner Partei gehören, werden massenhaft boykottiert. In Kanada ist „Buy Canadian“ inzwischen eine regelrechte Volkskampagne geworden: Kaffee heißt nicht mehr Americano, sondern Canadiano. Ähnliches passiert in Mexiko, wo die lokale Wirtschaft mit gestärktem Selbstbewusstsein auftritt, statt alle amerikanischen Produkte nachzuahmen. Hier entsteht ein Gegen-Effekt des trotzigen Patriotismus, eines rebellischen Stolzes.
Selbstbewusstsein: Darum geht es zunächst einmal beim Aufbau eines tragbaren Widerstandes. Vom Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen stammt diese Überlegung:
„Wir brauchen unterschiedliche kommunikative Register. Die offene Gesellschaft muss lernen, im richtigen Moment der Intoleranz mit Intoleranz zu begegnen – nicht mit Beliebigkeit, sondern mit Klarheit, nicht mit dem Sich-Wegducken, sondern mit Konfrontationsbereitschaft. Was mir vorschwebt, ist eine Zukunftstugend, die ich „respektvolle Konfrontation“ nennen möchte. Die Position womöglich scharf kritisieren, aber die Person stets mit dem nötigen Minimum an Achtung behandeln – auf dem Weg zu etwas, was der britische Historiker Timothy Garton Ash als „robuste Zivilität“ bezeichnet.”
David Brooks, der liberale Prophet aus The Atlantic, dem Sprachrohr des westlichen Liberalismus, macht uns mit einem universalistischen Widerstandsbegriff Mut. Die konkrete Praxis im Kleinen ist der Widerstand der sich in Zukunft zum Momentum aufbauen wird:
Langfristig ist der Trumpismus zum Scheitern verurteilt. Macht ohne Besonnenheit und Demut scheitert unweigerlich. Nationen wie Menschen verändern sich nicht in guten Zeiten, sondern als Reaktion auf Leid. In einem Moment, in dem der Trumpismus alles zu verschlingen scheint, ist die Versuchung groß zu glauben, dieses Mal sei alles verloren. Doch die Geschichte bleibt nicht stehen. Selbst jetzt, wenn ich durch das Land reise, sehe ich, wie sich in Nachbarschaften und Gemeinden die Kräfte der Erneuerung sammeln. Wer Teil einer Organisation ist, die klassenübergreifendes Vertrauen aufbaut, bekämpft den Trumpismus. Wer als Demokrat seinen abgeschotteten Progressivismus über Bord wirft, bekämpft den Trumpismus. Wer für einen Moralkodex der Toleranz und des Pluralismus eintritt, der Amerika zusammenhalten kann, bekämpft den Trumpismus. Im Laufe der Zeit führen veränderte Werte zu veränderten Beziehungen, die zu Veränderungen im bürgerlichen Leben führen und diese schließlich zu Veränderungen in der Politik und Gesellschaft. Es beginnt langsam, aber wie es im Buch Hiob heißt, die Funken werden nach oben fliegen. www.theatlantic.com/magazine/archive
7. Rebellion und Weisheit
Vor einem halben Jahrhundert waren Rebellionen das Privileg der Jugend. Erfolgreich wurden sie, als die Jüngeren sich mit anderen Gruppen der Gesellschaft zusammentaten und sich daraus breite Wandlungs-Bewegungen entwickelten. Etwa die Ökologiebewegung, oder die verschiedenen Emanzipationsbewegungen, mit denen Minderheiten immer mehr zum Teil der Mehrheitskultur wurden. Und tatsächliche eine tolerante Gesellschaft entstand.
Heute ist es Zeit für neue historische Allianzen. Und die könnten ganz anders aussehen als in den „wilden Zeiten“. Demonstrierte man früher gegen den Staat oder den „Kapitalismus“, geht es heute darum, den Staat gegen seine Demonteure zu verteidigen. Mit der Wirtschaft könnte es ganz neue mächtige Allianzen geben, denn die rechten Populisten und Autokraten sind ja auch Gegner einer weltoffenen Wirtschaft. Wirtschaft kann auf einem vernetzten Planeten aber nur weltoffen sein, wenn sie Erfolg haben will. Ähnlich könnten sich die Konservativen und Progressiven gegen die rechtsradikale Regression zusammentun (wie es sich im Politischen schon andeutet).
Oder wie wäre es mit einem neuen Generations-“Deal“?
Wie mein Sohn Tristan es so schön formulierte:
„In erster Linie ist es wichtig zu verstehen, dass der Generations-konflikt gut und wichtig ist. Das rebellische, hinterfragende Potenzial der jüngeren Generationen ist wichtig für die Gesundheit von Unternehmen, vor allem in unserem Zeitalter des Übergangs. Ebenso wichtig ist aber auch die Erfahrung der Älteren. Strukturwissen, wie man die Ruhe bewahrt und eine Organisation führt, sind eben genau so wichtig wie der Innovationsdrang. Gerade die Kombination dieser beiden Fähigkeiten macht Deutschland so fantastisch: viel Erfahrung KOMBINIERT mit endlosem Innovationspotenzial, vor allem im produzierenden Bereich. Alle Unternehmerfamilien kennen diesen Konflikt vermutlich schon vom Abendbrot-Tisch. Diese Stärke können sie nutzen, wenn sie einen produktiven Generationskonflikt zulassen. Das Beste ist, wenn sich Weisheit und Rebellion zusammentun.“
Weisheit ist eine durch Erfahrung erworbene Gelassenheit, kombiniert mit Empathie und Weitsicht. Weisheit ist aber auch das Wissen um die Balance zwischen dem Bleibendem und Veränderbaren. Dem was ist, und dem was wird.
Weisheit drückt sich in der Erfahrung aus, dass die Welt ein dynamisches Gleichgewicht von Kräften ist, die sich immer irgendwie ausgleichen. Zu jedem Trend erscheint ein Gegentrend. Aus dem scheinbaren Paradox entsteht die Zukunft.
Gandhi hat den Satz „Be the change you want to see in the world“ – „Sei der Wandel, den Du in der Welt sehen willst” – nie so gesagt. Das richtige Zitat lautet: „Während der Mensch seine eigene Natur ändert, neigt sich auch die Haltung der Welt zu ihm.“ (As a man changes his own nature, so does the attitude of the world change towards him.).
Für Veränderung müssen wir nicht auf eine bessere Welt warten. Der Wandel beginnt immer mitten in der Krise. In unserer inneren Wandlung, der höheren Selbstwerdung. Wenn es eine Weisheit der Rebellion gibt, dann die, dass man nie stehenbleiben darf. Auch nicht im Dagegensein. Sonst wird man infantil.
Also: Weitertanzen!
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Ich werde derzeit oft gefragt, wie wir aus diesem tiefen Loch der Weltverzweiflung herauskommen, in das wir spätestens „seit Trump und Co.“ gefallen sind. Es stimmt ja: Die Welt ist zum Verzweifeln. Aber wie oft kann man das Düstere, Drohende, Hoffnungslose, das Disruptive der Geschichte noch beschwören? Wie lange wollen wir noch mit diesem selbstmitleidigen „Die-Welt-ist-Am Ende“-Hundeblick durch die Gegend schleichen?
Oder wie ein ZEIT-Leserbriefschreiber es neulich formulierte: „Wie lange noch wollen wir uns von einer Dumpfbirne herumschubsen lassen?”
Ich schlage vor, einen ganz bestimmten Trotz zu entwickeln.
Einen Trotz, der unsere Würde wahren kann.
Trotz hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Er gilt als Ausdruck von Unerwachsenheit, Verweigerung, unreifem Egoismus. Aber das Wort hat einen ganz anderen Ursprung: Im Mittelhochdeutschen stand tra(t)z oder tru(t)z für Herausforderung oder auch Unerschrockenheit, Mut, Standhaftigkeit. Auch für Schutz, Fürsorge, Stolz. Davon zeugen alte Redewendungen wie Trutz bieten oder Trutzburg.
Trotz gilt der Selbsterhaltung und ist zugleich eine Frage nach den eigenen Fähigkeiten. Man möchte über sich selbst hinauswachsen, traut es sich aber noch nicht zu. Deshalb geht man in eine Verweigerungshaltung, die einen Freiraum bietet, kann es aber noch nicht ganz. So testet man sein Weltverhältnis. Trotz „wächst sich aus“, wenn wir in eine andere Phase unseres Lebens wechseln.
Mit einer bestimmten Art von Trotz kann man die Welt aus den Angeln heben (wer Kinder hat oder eine erfolgreiche Rebellion erlebte, kennt sich da aus).
Punks sind trotz oder gerade wegen ihrer Trotzigkeit im Grunde freundliche, sogar charmante Leute. Sie möchten mit ihren Widrigkeiten angenommen werden. Deshalb bleiben sie im Noch-nicht-da-sein. Wie eigentlich auch die Wähler von Trump und AfD.
Der Trotz führt uns zunächst ins TROTZDEM – in die Erkenntnis, dass die Welt andere Seiten hat. Dass man die Dinge aus mehreren Perspektiven sehen kann. Eine besonders spannende Sichtweise ist die Perspektive aus der Zukunft auf die Gegenwart.
Das Trotzdem der Demokratie
Die Demokratie ist am Ende. Sie wird von einer dunklen Allianz von Wutbereiten, Tyrannen, Hetzern und Hypernarzissten Stück für Stück demontiert. Ein Land nach dem anderen fällt der tyrannischen Bösartigkeit zum Opfer, bis alle Länder Diktaturen sind. Aller Widerstand scheint diese dunklen Kräfte nur stärker zu machen. Jeder Protest scheint das Monster nur weiter zu füttern. Wenn man den Trumps dieser Welt irgendeine Schweinerei vorwirft, reagieren sie mit einem Grinsen. Wenn man den Bösartigen ihre Bösartigkeit vorhält, sagen sie: Genauso sind wir, allerdings! Und prompt werden sie noch mehr gewählt und bejubelt.
In dieser aussichtslosen Narration haben wir uns komfortabel leidend eingerichtet. Wir sind geradezu süchtig danach. In der Verhaltenspsychologie nennt man das eine Hyperfixierung: Wir sind so fixiert auf die dystopische Erzählung, dass wir gar nicht mehr von ihr lassen können. Wir können die Welt gar nicht mehr anders denken als im Fatalen.
Drehen wir die Perspektive einmal um. Wagen wir eine Gegen-Erzählung.
Man nennt diesen Prozess auch RE-GNOSE. Bei PROGNOSEN bewegen wir uns mental immer an einer einmal festgestellten Tendenz, entlang dessen, was wir schon zu wissen glauben, ohne zu verstehen, dass die Entwicklungen immer widersprüchlich und paradoxial verlaufen. In einer Re-Gnose nehmen wir mit einer Zukunft Kontakt auf, die uns überrascht.
Die Demokratie wird sich in dieser Krise TROTZDEM durchsetzen. Gerade WEIL sie in Gefahr ist, wird sie sich neu erfinden.
Zum Beispiel Großbritannien. Der Brexit war ein erster Triumph eines national-autokratischen Wutanfalls. Die meisten dachten, dass die Demokratie im Mutterland der Demokratie damit erledigt sei. Heute finden 70 Prozent der Briten, dass der Brexit ein Fehler war. Ein Sozialdemokrat ist Premier, und Boris Johnson gilt inzwischen eher als Clown, an den man sich eher mit ironischem Kopfschütteln erinnert. „Wen haben wir da nur gut gefunden?“ Typisch englisch.
Das heißt nicht, dass die Briten bald wieder in die EU eintreten (oder dass der populistische Spuk völlig vorbei ist). Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Vielleicht gibt es ganz andere Wege.
Autokratische Populisten haben die Tendenz, sich selbst zu zersägen. They are pathologically self-destructive. Zu Dauerdiktatoren oder totalitären Führern entwickeln sie sich nur unter ganz besonderen historischen Umständen, in der langwirkende Abhängigkeiten und Traumata zu einer gesellschaftlichen Regression geführt haben. Wie in Russland oder Nordkorea.
Den etwa zehn Demokratien, die in den letzten Jahren in Richtung Autokratie gedriftet sind, stehen rund zehn Demokratien gegenüber, die sich nach einer populistischen Phase wieder gefangen haben. Brasilien fand aus dem Bolsonaro-Hype zurück in seine südamerikanische Normalität. Polen befreite sich aus dem rechtsreaktionären Programm wieder in Richtung auf eine liberale Demokratie. Andere Länder wie Indonesien, Thailand oder Sambia, das inzwischen von einer Frau regierte Sri Lanka, die ebenfalls durch einen autokratischen Zyklus gegangen sind, aber sich re-demokratisieren, nehmen wir gar nicht erst auf der Landkarte wahr. Hat irgendjemand etwas von den Verhältnissen in Kolumbien oder der stabilen Demokratie in Uruguay gehört? Hat irgend jemand davon gehört, dass in Slowenien nach einer ziemlich finsteren Rechtsregierung eine liberal gewendete grüne Partei in einem Wahlkampf von nur 100 Tagen die Mehrheit bekam – und seit 2022 den Ministerpräsidenten stellt? Nein, Slowenien ist zu klein.
Schon kommt das massive ABER. Sind das nicht Ausnahmen, schwache Rettungsanker? Ist nicht in Russland und Israel und Ungarn und im übermächtigen Amerika alles vollkommen hoffnungslos? Steigt nicht die AfD dauernd in den Umfragen?
So dreht sich alles immer im Kreis. Unsere Selbstverängstigung führt uns am Nasenring durch die Manege. Unser demokratischer Fatalismus ist in sich selbst fatal. Er hilft den Populisten, die mit unserer Hilflosigkeit spielen. Und macht uns blind für das Wesen der Welt, in der das Eine stets auch das Andere erzeugt.
Trend macht Gegentrend.
Gegentrend macht neuen Gegentrend.
Momentum erzeugt Gegen-Momentum …
Die Welt bleibt nicht stehen. Auch nicht im Dunklen.
Es gibt ein recht gutes Modell für die Demontage der Demokratie, das Drift-to-Danger-Modell des Psychologen Ralph Hertwig, der Erkenntnisse aus der Reaktor-Risiko-Forschung auf den Zerfall von Demokratien übertrug.
(Siehe z.B. www.spektrum.de)
Das Modell schildert, wie die Erosion der Demokratie durch immer mehr kleine Regelüberschreitungen entsteht, wie in einem Reaktor, bei dem man nach und nach die Kühlkreisläufe aus Kostengründen ausbaut, die Kontrollräume verkleinert, das Personal abzieht. Ähnliches können wir derzeit tatsächlich in manchen Ländern der Welt beobachten.
Aber TROTZDEM – oder gerade, weil – die Demokratie unter Druck ist, wird sie sich regenerieren. Sie entstand nicht, weil ein paar Intellektuelle irgendwann beschlossen haben, etwas Idealistisches zu erfinden, und dabei leider danebenlagen. Demokratie ist das Resultat einer langen gesellschaftlichen Evolution. Sie entstand in vielen Kämpfen, weil Gesellschaften immer wieder mit dem Phänomen der Macht-Verselbstständigung konfrontiert waren. Weil Gesellschaften immer komplexer wurden, und dafür neue Regelsysteme fanden.
Allerdings müssen wir wissen: Das Alte Normal kommt nicht zurück. So wie es war, kann das System Demokratie nicht bleiben. Demokratie as we knew it, ist an eine Grenze geraten, an der sie mit ihren inneren Widersprüchen nicht mehr zurechtkommt.
Wir brauchen ein Upgrade. Wie könnte eine Demokratie aussehen, die sich selbst besser stabilisieren kann? Die lebendiger ist und gleichzeitig konstruktiver? Die mit Paradoxien klüger, geschickter, integraler umgeht? Darüber sollten wir nachdenken, nein vordenken, anstatt uns immer nur zu fürchten.
Der Planet ist kaputt. Die Natur am Ende. Kurz vor dem Kollaps. Die Welt ist am Sterben. So höre ich es immer wieder, von Journalisten, Aktivisten, Fachleuten, Experten, von lieben, besorgten Menschen, die auch meine Freunde sind.
Die aber meistens keine Ahnung von der Natur haben. Sondern nur ein sehr vages romantisches Verhältnis zu ihr.
Ich kenne einen Astronauten, einen freundlichen, ausgeglichenen Menschen, der voller Sorge und Zuneigung zu unserem Planeten ist, den er viele Male umrundet hat. Mit einem feinen Lächeln sagt er: „Wenn Du da draußen warst, und dieses Juwel gesehen hat, weißt du: Es ist fragil, aber gleichzeitig unglaublich robust. Ständig basteln Organismen daran herum. Unsere Erde wird noch viele Millionen Jahre blau, rund und schön sein. Ob wir‘s glauben oder nicht.“
Die postfossile Wende ist in vollem Gange, TROTZDEM (oder gerade, weil) so viele die Klimakrise ignorieren, beschimpfen oder sogar für „illegal“ erklären. Seit drei, vier Jahren explodieren die Zuwachs-Raten der erneuerbaren Energien in alle Richtungen. Die Kapazitäten von Wind- und Sonnenenergie verdoppeln sich heute alle zwei Jahre. Neue Batterietechniken entstehen im Monatsabstand. Neue Verfahren, natürliche Energie zu gewinnen, zu speichern, umzuformen, werden rund um die Uhr entwickelt. Die Erwartungen der IPCC, des Weltklimarates an den Energiewandel, sind in einigen Parametern bereits übertroffen. Heiße These: Wir gewinnen den Kampf um die Zukunft des Planeten TROTZ des fossilen Backlashs. Kennen wir das nicht auch aus anderen menschlichen Bereichen? Kurz bevor sich etwas Neues durchsetzt, gibt es noch einmal einen Trotzeffekt. Ein Zucken des Alten. Dann kommt das Neue aber doch. Es hat sich längst schon, latent, auf dem Weg durch habituelle Veränderungen und Wertewandel, durchgesetzt.
Kennen wir das nicht von den Trotzanfällen unserer Kinder? Oder unseren eigenen?
Wird Trump, nachdem er den Welthandel zerstört hat, den Welthandel zerstört haben? Ist die Globalisierung dann „kaputt“? Natürlich nicht. Wie die Demokratie und die Natur ist auch der Welthandel ein meta-adaptives Phänomen. Meta-adaptive, oder metakomplexe Systeme, passen sich schnell an neue Bedingungen an und folgen den evolutionären Netzwerk-Gesetzen: Wo Verbindungen gekappt werden, entstehen schnell neue.
In der nächsten Phase der Globalisierung werden die Container immer mehr zwischen Tansania, Thailand, Kanada und Indonesien hin- und hergeschoben. Wäre das so schlecht? Den Containern folgen die Ideen. Den Waren folgen die Kulturformen. Es ist kein Zufall, dass die Blüten der menschlichen Zivilisation sich mit dem offenen Handel öffneten, und durch Abschottungen immer das Gegenteil entstand. Es ist normal, dass überall wo es Handel gibt, auch Piraten und Halsabschneider ihr Unwesen treiben. Es ist auch kein Zufall, dass das Prinzip des Kolonialismus – Auspressung, Aneignung, Unterwerfung – historisch gescheitert ist. Schon lange.
Die Globalisierung ist am Ende? Vielleicht ist sie auch mitten in einem neuen Beginn. Das dabei entstehende Chaos verursacht jede Menge Stress. Es weist uns aber auch auf falsche Abhängigkeiten hin, die wir jetzt bereinigen müssen. Das ist schmerzhaft, weil es uns, wie so vieles dieser Tage, auch auf unsere eigenen Illusionen hinweist.
Der europäische Frühling
„Die Weltordnung, in die wir hineingewachsen sind, zerfällt.“ (Joschka Fischer in einer Talkshow). Das lässt sich nicht leugnen und nicht relativieren. Es erzeugt eine notwendige Trauer. Wir verabschieden uns von einer Phase des Friedens und eines scheinbar endlosen Fortschritts, den wir unser ganzes Leben lang genießen durften.
Trauer ist ein schmerzender Abschied vom Gewohnten, Erwarteten. Und als solcher ein sehr menschlicher, heilender Prozess.
Hinter der Trauer beginnt immer ein neuer Möglichkeitsraum.
Zum Beispiel Europa. Europa war viele Jahre eher ein politischer punching ball, ein Spielball für schlechte Laune und politische Unterstellungen. Alle haben sich an Europa abgearbeitet, Linke, Rechte, Liberale. Immer war dort die Wurzel des Übels verortet, bei „den Bürokraten in Brüssel“. Das war der ganz normale Anti-Europa-Populismus, den sogar wir Progressiven mitmachten.
Dass uns Europa in den letzten Jahrzehnten unglaubliche Vorteile in einem freien Leben gebracht hat, offene Grenzen, großartige Kulturprojekte, eine gemeinsame Währung, weitgehend haltbare ökologische Standards (die auf nationaler Ebene garantiert gescheitert wären) – wer konnte das schon würdigen?
Jetzt ändern sich plötzlich die Sichtweisen. Wir entdecken plötzlich das Kostbare an Europa. Auch das Notwendige. Wir begreifen plötzlich, langsam, die Erzählung dieses Kontinents. Eine Erzählung der Überwindung von Polaritäten. Eine Suche nach den Balancen einer komplexen Gesellschaft, die Freiheit UND Verbindlichkeit sucht.
Ich spiele mit dem Gedanken, der Partei VOLT beizutreten. Der einzigen kompletten Europa-Partei. Die politische Grundidee von Volt besteht in Überwindung der Rechts/Links-Lagerlogik durch eine Politik der best practices. Statt sich wie die Kesselflicker über überkommene Ideologismen zu streiten, orientiert man sich an dem, was wirklich funktioniert. Zum Beispiel das Rentensystem Schwedens. Die rückgekoppelte Demokratiepolitik der Schweiz. Das Bildungssystem Finnlands. Die italienische Küche (kleiner Scherz). Politik als Synthese. Als Osmose des Möglichen.
Das geht nicht?
Das kann nichts werden?
Warum eigentlich nicht?
Das ist viel zu schwierig, zu komplex?
Das wird niemals perfekt.
Eben darum!
Die zwei Zukunfts-Denkweisen
Es gibt grundsätzlich zwei Arten und Weisen, die Welt und die Zukunft zu konstruieren. Das Nullsummen-Denken. Und das Win-Win-Denken. Beides hat mit unserem Weltgefühl zu tun, unserer inneren Konstellation. Es handelt sich um einen fundamentalen mindset, mit der wir nicht nur Informationen verarbeiten, Positionen entwickeln. Sondern auch unser Verhalten steuern.
In der Nullsummen-Logik betrachten wir die Welt als einen begrenzten, knappen Raum, in dem jede Interaktion immer nur EINEN Gewinner kennen kann. Wenn ich/wir gewinnen, verliert der/die anderen. Und umgekehrt. Hier gibt es nur oben und unten, es geht letztlich darum, zu herrschen oder beherrscht zu werden. Das ist das Trump-Denken. Das Squid-Game-Denken. Das Paranoia-Denken. Nazi-Denken. Eine Art falsch verstandener „Darwinismus“, der keine Entwicklung, keine Veränderung zulässt, die von Dauer sein kann. Alles besteht nur aus Kampf, der alle Energien verbraucht.
Darwin, der seine Evolutionstheorie vor allem an der Beobachtung von Kooperations- und Adaptionsformen der Natur entwickelte, würde sich im Grab umdrehen.
Im Win-Win-Modus gehen wir davon aus, dass das Spiel der Welt gegenseitige Vorteils-Prozesse auslösen kann. Win-Win-Spiele, oder Interaktionen, erzeugen einen Überschuss, ein Surplus, der das Möglichkeitsfeld der Welt generell erweitert. Das Ergebnis ist größer als die Summe seiner Teile. Es entsteht ein Überschuss, der der ins WEITER führt.
Wer im Win-Win-Modus ist, dessen Hirn funktioniert anders als jemand, der sich im Nullsummen-System befindet. Nullsummen-Menschen befinden sich ständig im Alarmmodus, was man schon an der leicht brüllenden oder nörgelndenden Stimme erkennt. An der ständigen Kampfbereitschaft. Auch Frauen können in diesem Modus sein, neigen aber weniger dazu.
Das Win-Win-Denken basiert auf dem Grundrohstoff des Vertrauens. Empathie spielt dabei eine Rolle, aber auch eine Selbstwirksamkeit, die nicht nur von Angst geprägt ist. Mit Enttäuschungen umzugehen, ist ein wichtiger Teil davon. Das Leben zeigt uns, dass das nicht alle Spiele gelingen. Kriege sind nicht nur Nullsummenspiele, sondern MINUS-Spiele, in denen alle Parteien verlieren. Selbst die Sieger, wenn es welche gibt. So ist es auch bei Scheidungen oder dummen Konflikt-Debatten in Talkshows.
Auch Fußball ist ein Win-Win-Spiel, selbst wenn meistens nur eine Mannschaft gewinnt. Und ein Unentschieden als Nullsumme erscheint. Fußball erzeugt das Win-Win durch die Resonanz der Zuschauer: Beim Akt des Dabeiseins, beim Fan sein, in der Eleganz des Spiels selbst entstehen kognitive und emotionale Überschüsse, die zu einem echten MEHRWERT führen – nicht nur im geldlichen Sinn. Fußball führt uns vor, wie das Leben wirklich spielt: Es ist eine oszillierende Mischung aus Regeln, Wille, Kompetenz und Zufall. Besonders wichtig ist es, wie man etwas wegsteckt (mein Großvater sagte beim Fußball schauen im Fernsehen immer „Gebt doch beiden Mannschaften einen Ball!“. Kein guter Tipp).
Win-Win-Logik beschreibt das Grundprinzip des Universums ebenso wie das Wesen des Fortschritts: Zwischen Atomen, Molekülen, Zellen, Elementen, Energien bilden sich im ewigen Spiel Überschüsse aus, die zu Vielfalt und Schönheit führen. So entsteht das Komplexe, wie der Mensch, der Wald, die Bäume, die Tiere, Galaxien und Schwarze Löcher.
Der beste Booster für das kosmische Win-Win, alias „die Zukunft“, ist die Liebe. Das wussten die Religionen immer schon, auch wenn sie sich nicht immer so verhielten.
In der Zeitschrift „Science“ kann man eine interessante Studie darüber lesen, wie das Nullsummenspiel-Denken vor allem in der westlichen Welt in den letzten Jahren zugenommen hat. Danach glauben immer mehr Menschen, dass Macht wichtiger ist als Gemeinsamkeit. Das hat sehr viel mit der heutigen „Spielsituation“ zu tun. Mit den Beschleunigungseffekten der modernen Welt, jener medialen Expansion, die wir noch kaum verstanden haben, in der wir aber ständig zappeln. In einer überreizten, geradezu entzündeten Reiz-Gesellschaft besteht die Tendenz, immer nur nach dem unmittelbaren (Aufmerksamkeits-) Vorteil zu greifen, weil man der Zukunft nicht mehr traut. Kränkungen sind die Folge. Hysterien, die wiederum ihre eigenen Resultate erzeugen.
Es wird alles davon abhängen, wie wir in den nächsten Jahren aus der Hysterie aussteigen lernen. Und wieder ins Win-Win kommen. Das ist uns als Spezies in den letzten Million Jahren schon mehrmals gelungen.
Shai Davidai, Martino Ongis: The politics of zero-sum-thinking: The relationship between political ideology and the belief that life is a zero-sum game. www.science.org
Sahil Chinoy, Nathan Nunn, Sandra Sequeira, Stefanie Stantcheva: Zero-Sum Thinking and the Roots of U.S. Political Divides scholar.harvard.edu
Der Sinn der Krise
Mir gefällt dieses Diagramm des Sozialphilosophen Roman Krznaric:
Roman Krznaric definiert „Krise“ als einen stetigen Prozess des Übergangs, der Transformation. Krise bedeutet, dass etwas an sein Ende gelangt ist. Dadurch entwickelt sich die Nachfrage nach neuen Ideen. Das erzeugt neue Narrative, die zu sozialen und mentalen Bewegungen und Neu-Formungen führen. Woraus wieder Krisen entstehen, denn nun prallen alte und neue Kräfte aufeinander und erzeugen vermehrt Paradoxien. Die wiederum durch neue Ideen auf einer höheren Stufe gelöst werden können …
Wenn man dieses zirkuläre Modell innerlich bejaht, wird aus dem Untergangsgefühl ein Gefühl von Kontinuität im Wandel.
Allerdings bedingt das den Abschied von der Erwartung, dass alles immer so bleiben muss, wie es gestern zu werden schien.
Die Krise zu überwinden fängt bei uns selbst an. Als Herausforderung, die Dinge anders zu sehen als im gleichen Erwartungsmuster. Neu zu bewerten. Akzeptanz zu üben. Sich auf die wahre Realität einzulassen. Das wäre der richtige, der wahre Trotz. Der Trotz gegen die Trotzigkeit. Der Schritt ins Werden.
Ich muss ein Geständnis machen, das mich mit einer gewissen Scham erfüllt.
Ich war lange ein Fan von Elon Musk.
Was mich trösten kann ist, dass ich damit nicht allein bin. Waren wir nicht so gut wie alle begeistert von diesem unkonventionellen Typen, der sich einfach die Zukunft aneignete, mit einer Mischung aus Coolness, Chuzpe und Charisma? Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als der Name „Elon Musk“ mit einem Hauch von Sternenstaub auf den Lippen ausgesprochen wurde. Wenn ER nach Deutschland kam, um eine Giga-Fabrik zu eröffnen oder einfach nur schmuddelig auf Empfängen herumzustehen und irgendetwas zu nuscheln, lagen alle zu seinen Füßen. ALLE. Die Konservativen, die ihn als den Helden einer neuen Unternehmer-Moral huldigten – alle müssen notfalls 24 Stunden in der Fabrik sein, in der „Produktionshölle“, um etwas voranzubringen. Die Politiker, die von ihm eine magische Zukunftsvision erwarteten, mit ein bisschen Abglanz für die Wähler. Die Nerds, die ihn anhimmelten, weil sie von „geilen Disruptionen“ aller Art träumten, Hauptsache digital. Aber auch die Linken, Progressiven, die von ihm Träume von radikalen Innovationen zugunsten der Menschheit erhofften.
Es war damals alles schon ein bisschen peinlich. Personenkult ist immer peinlich.
Aber jetzt ist es schlimmer als peinlich.
Es ist ein Abgrund.
Wie kommt es, dass Zukunftsträume auf schreckliche Weise entgleisen? Das Zukunfts-Helden plötzlich zu Dämonen werden, denen man den Irrsinn eigentlich immer schon hätte ansehen können (sollen, müssen) …
Das Kindchenschema der Zukunft
Wie Elon Musk bin ich in der goldenen Zeit der unschuldigen Zukunft aufgewachsen. Musk ist zwar kein Boomer wie ich, sondern Mitglied der Generation X (Jahrgang 71). Aber er wurde von denselben Zukunftsvisionen geformt, die auch meine Kindheit prägten. Alles würde fröhlich und supertechnisch werden. Roboter, Weltraumfahrt, Gedankenübertragung – und alle Autos würden „demnächst“ fliegen. In den Morgenbildern meiner Kindheit wimmelte es von Muttis, die sich, umgeben von fleißigen Heimrobotern, in der Hollywood-Schaukel räkelten. Papis mit Hut, die mit dem Atom-Auto (und der Pfeife im Mund) ins Büro fuhren, über breite, ewig leere Straßen hinweg. Irgendwie war alles „atomar“, und überall wuchsen Mond- und Marsstationen in den Himmel der Phantasie.
Elon Musk hat diese kindlichen Träume wohl noch gründlicher eingesaugt als ich. Und er war wie alle Träumer ein Außenseiter, der Probleme zu kompensieren hatte. In seinen Biographien kann man lesen, dass er in seiner Kindheit Opfer von kindlichem Mobbing wurde. Das war damals keineswegs harmlos. Man wurde nicht nur fett und hässlich genannt, sondern auch gerne mal die Treppe hinuntergeworfen. Musk wurde vom eigenen Vater, einem gewalttätigen Choleriker, misshandelt.
Auch das war ganz normal. Es war nur die Frage, was man daraus machte. Jedenfalls: Wenn man da rauskommen wollte, musste man hoch hinauf.
Musk hat aus „seinem Asperger“ nie einen Hehl gemacht, im Gegenteil. Das Asperger-Syndrom, eine moderate Form des Autismus, gilt im modernen Neurodiversitäts-Diskurs sogar als eine Art Adelsprädikat. Es deutet immer auf so etwas wie Genialität hin. Da sind einerseits „Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie ein eingeschränktes, stereotypes, sich manchmal wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten“, wie es auf den Diagnoseseiten von Wikipedia heißt. Andererseits zählt eine scharfe Beobachtungsgabe, ein „mnemotisches Gedächtnis“, eine gesteigerte Mustererkennung zu den kognitiven Fähigkeiten von Aspergern.
Ich kenne Aspergers, die wunderbare soziale Menschen sind. Weil sie in einem mühsamen und schmerzvollen Prozess Verantwortung für sich selbst übernommen haben. „Die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie“, sagte Musk neulich. Empathie werde als „Waffe“ eingesetzt und zerstöre die Gesellschaft. Das war die Zeit, in der er schon mit einer Kettensäge, einem faschistischen Gruß und einer dunklen Sonnenbrille auftrat. Etwas geriet grundsätzlich außer Kontrolle.
Per Anhalter durch die Galaxis
In den neunziger Jahren las Musk „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams.
Im „Anhalter“ gibt es eine ziemlich hässliche Alien-Rasse, die Vogonen, die dicken Bürokraten mit Warzen ähnelt. Die Vogonen wollen die Erde für den Bau einer galaktischen Hyperraum-Umgehungsstraße abreißen. (Wie war das mit den Bürokraten des „Deep State“?) Als auf der Erde allgemeine Panik ausbricht, beschwert sich der Führer der Vogonen, Prostetnic Vogon Jeltz vom galaktischen Hyperraum-Planungsrat, über die Sprechanlage des Vogonen-Flaggschiffs, dass die Pläne dafür schon seit Jahrzehnten im nur vier Lichtjahre entfernt gelegenen (Sternensystem) Alpha Centauri ausgelegen hätten und kein Einspruch erhoben worden sei.
Das Vogonen-Flaggschiff ist ein Arbeiterschiff, gelb und ziemlich hässlich. Ford Prefect und Arthur Dent werden ohne Wissen der Vogonen in ihm aufgenommen, als sie versuchen von der Erde zu fliehen, da diese zum Bau einer Hyperraumumgehungsstraße gesprengt wird. Auf ihnen arbeiten neben den Vogonen noch die Dentrassis. Sie sind die Köche der Vogonen und tun alles dafür, die Vogonen zu ärgern, beispielsweise Anhalter mitnehmen.
Nachdem der Held der Heldenreise, Arthur, nach einem Streit mit dem Vogonischen Personal durch eine Luftschleuse ins Vakuum des Alls „gespaced“ wird, wird er in letzter Sekunde vom Raumschiff Herz aus Gold gerettet, das einen unendlichen Unwahrscheinlichkeits-Drive besitzt – damit kann man an jeden Ort und in jede Zeit gelangen, wenn man genau berechnen kann, wie unwahrscheinlich es ist, sich dort zu befinden.
Im weiteren Verlauf errechnet der Supercomputer Deep Thought nach 7,5 Mio. Jahren, dass der Sinn des Lebens „42“ ist. Nachdem ein gewisser Slartibartfast die Gruppe mit einer Gruppe von Mäusevertretern bekannt gemacht hat, versuchen diese Arthur dazu zu überreden, sein Gehirn zu „spenden“, um aus diesem den Rechenfortschritt der Erde entnehmen zu können. Dafür sei es aber erforderlich, dass sie Arthurs Gehirn entnehmen und (irreparabel) in Scheiben schneiden. Nachdem Arthur abgelehnt hat, versuchen die Mäuse, ihm das Gehirn mit Gewalt zu entnehmen. Aber Arthur und seine intergalaktischen Freunde beschließen, etwas essen zu gehen … – die Überleitung zum zweiten Teil der Romanreihe, „Das Restaurant am Ende des Universums” …
Ich fürchte, dass Musk dieses fantastische Werk nicht nur gelesen, sondern irgendwie ernstgenommen hat. Und zum Skript seiner Karriere gemacht hat, die mit sehr großen Visionen begann und mit einem fürchterlichen Sturz enden wird.
Die Ur-Futuristen
Irgendjemand hat einmal behauptet, die Geschichte wiederhole sich nicht, reime sich aber ziemlich. Gilt das auch für die Zukunft? Oder für die IDEE von der Zukunft?
Die ursprüngliche Bewegung der FUTURISTEN entstand vor gut 120 Jahren in den Übergängen von der Traditionsgesellschaft des 19. zur Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts. Zunächst handelte es sich um eine Künstlerverbindung, einen Bohème-Zirkel wie die Kubisten oder die DADA-Bewegung. In den Metropolen Paris und Rom, die zu Beginn der Moderne einen gewaltigen kulturellen und ökonomischen Aufschwung erlebten, wurde die provokative Truppe ziemlich schnell berühmt. Ihr Thema war die „totale Zukunft“. Die rasende Beschleunigung. Das „radikale Morgen“.
Im Jahr 1909 veröffentlichte der Gründer der Futuristen, der italienische Jurist und Dichter Filippo Tommaso Marinetti, in der französischen Zeitung Le Figaro ein Pamphlet, das die Anliegen der Futuristen verdeutlichte:
FUTURISTISCHES MANIFEST!
Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.
Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.
Die Marinetti-Futuristen propagierten die Ablehnung und Überwindung der Natur. Marinetti raste selbst gerne mit Sportwagen herum, mit denen er Radfahrer von der Straße drängte. Ihr Hauptfeind war die damals grassierende Romantik der Poeten und „Weichdenker“ (heute: Wokeness). Die rasende technische Zukunft sollte ALLES Alte über den Haufen werfen – alle Tradition, Trägheit und Konvention, alle Bindungen, Normen und Moralvorstellungen. Marinetti schrieb ein „Manifest gegen den Mondschein“, dessen unverzügliche Abschaffung er forderte. Immerhin gab es so etwas wie Humor. In seinem bekanntesten Werk, dem FUTURISTISCHEN KOCHBUCH, finden sich unkochbare Rezepte ausschließlich ohne Spaghetti („Antipasta!“) – Teigwaren hasste er als „Traditionsfraß“, der die Italiener verdummte. Die Ehe war den Futuristen ein Graus, und vieles, was sie veröffentlichten, war radikal frauenfeindlich. Sein „Handbuch zur Verführung von Frauen“ handelte von einer geradezu skurrilen Anmach-Kunst, die jede Frau in die Flucht schlagen musste (wohl ein Vorbild für heute gängige Spezialisten wie Andrew Tate).
Marinetti sympathisierte mit den Radikalen aller Couleur, zunächst den Anarchisten, dann den radikalen Linken. Aber aus diesen politischen Sympathien bildete sich bald ein „Futurismus“, der weniger Konstruktives als Destruktives beinhalte.
Der Futurist zerstört, zerstört, zerstört ohne sich darum zu kümmern, ob das, was er Neues schafft, auch wirklich besser ist als das Alte … Er hat die klare Vorstellung, dass unsere Epoche, … ihre eigene Kunst, Philosophie, Umgangsformen und Sprache benötigt. Das ist ein klar revolutionäres Konzept.
In einer russischen Variante waren es die „Biokosmisten“, die eine ähnliche Flucht in die Zukunft propagierten. Der Kommunismus sollte mit „elektrischer Wiederauferstehung“ die Unsterblichkeit bringen. Einer der Führer dieser Bewegung, Nikolai Fjodorow, entwickelte mit dem Raketenwissenschaftler Konstantin Ziolkowski schon um 1900 Pläne, fremde Planeten mit „auferstandenen“ Menschen zu besiedeln – kommunistischer Posthumanismus. Die russischen Hyper-Futuristen glaubten an die Unsterblichkeit und die vollkommene Umgestaltung des Planeten zugunsten einer neuen „Projektarier“-Rasse.
Boris Groys; Anne von Heiden; Michael Hagemeister, „Die neue Menschheit“, Suhrkamp 2005
Erinnert uns das alles nicht an die futuristischen Hysterien der Gegenwart? Verbreitet nicht der Posthumanist Ray Kurzweil mit sanften Worten einen Endzeit-Utopismus, mit dessen Hilfe wir in der kommenden „Singularität“ (ca. 2042) uns in die Quantencloud hochladen und ein ewiges Leben führen können? Und sind die dystopisch verdrehten Eskapismus-Weltbilder eines Peter Thiel und anderer Supernerds aus der Trump-Truppe nicht genau an dieser reaktionär-utopischen Frontlinie aufgebaut?
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs um 1914 vereinigte sich der Marinetti-Futurismus mit dem Mussolini-Faschismus in Italien. Die meisten Futuristen meldeten sich als Freiwillige für den „Gloriosen Aufstand der Zerstörung gegen den Stillstand“, wie sie den Krieg bezeichneten. Die meisten von Marinettis Gang kamen in den Schlachtfeldern und Schützengräben des Ersten Weltkriegs ums Leben oder wurden verkrüppelt. Marinetti selbst wurde erst untauglich geschrieben, „schaffte“ es dann aber doch – vorübergehend – an die Front in Abessinien, wo er im Schreibbüro eingesetzt wurde. Er kam als kranker Mann zurück und starb an einem Herzinfarkt im Alter von 65 Jahren.
Die Dämonik der Imagination
Ich möchte keine neue Faschismus-Debatte anzetteln. In meiner Jugend haben wir in unserem jugendlichen Blödsinn jeden einen „Faschisten“ oder „Nazi“ genannt, der üble Laune oder die falsche Frisur hatte. Das tut mir leid, und ich entschuldige mich dafür.
Aber vielleicht können wir einige Deutungen hinbekommen – auf der symbolischen Ebene.
Faschismus kommt von „fasces“, was die römischen Rutenbündel meint, die die Macht des Imperiums symbolisierten. Faschismus hat zunächst einmal etwas mit Macht-Symbolen zu tun, die auf Kraft, Stärke und den Willen zur (kollektiven) Gewalt hinweisen. Man denke an das Hakenkreuz und den Totenkopf-Button der SS.
Das X, mit dem Musk inzwischen auch seine Kinder „brandet“, ist in seinem Firmenimperium allgegenwärtig. X hat in der Sprache der Symbole etwas mit Auslöschung zu tun. Auskreuzen. Oder auch ankreuzen. Markieren. Je nachdem.
Das „Z“ auf den russischen Panzern bedeutet übrigens „Sieg“ und „Westen“.
Faschismus ist gesellschaftliche Formung zur kollektiven Gewalt. Das hat wenig mit Rechts oder Links zu tun. Das Nordkoreanische Regime, das aus einer kommunistischen Narration stammt, ist ebenso faschistisch wie – zunehmend – das russische „Projekt“ mit seinem Z auf den Panzern.
Auf eine paradoxe Weise hat das Faschistische aber auch etwas mit Kreativität zu tun. Es ist eine perverse Form der Imagination, die das Heil in der Zerstörung sucht. Und dadurch eine kranke Zukunft erzeugt.
„Imagination“ schrieb der französische Philosoph Blaise Pascal im 17. Jahrhundert, „ist der trügerische Teil des Menschen, die Herrin des Irrtums und der Falschheit.“ Und fügte hinzu: „Ich spreche nicht von Narren, ich spreche von den Weisesten.“
Sozialwissenschaftler haben sich eingehend damit befasst, ob hochkreative Menschen ethischer handeln als der Bevölkerungsdurchschnitt. Einige Studien zeigen einen positiven Zusammenhang, andere keinen. Allerdings basieren solche Studien oft auf Selbstauskünften, in denen sich die Kreativen selbst beurteilen.
Künstler wie Dali oder Picasso, auch nicht wenige Rock ’n‘ Roll-Stars und Schauspieler, waren (sind) nicht gerade menschenfreundliche Charaktere. Dali nutzte seine genialische Kreativität, um seinen „unendlichen Ruhm“ zu füttern, was ihn immer tiefer in den Sumpf der Eitelkeit und des manipulativen Verhaltens zog. Zum Zeitpunkt seines Todes war er in tiefe Depressionen versunken und völlig allein.
Seit der kulturellen Dominanz des Silicon Valley gilt die Devise: „Think bold and break things.“ Wie fatal diese Parole ist, wird uns erst jetzt langsam klar, wo sich die Herrscher der Digitalen Imperien mit einem Unhold zusammentun, der die Welt zerstören und sich gleichzeitig einverleiben will.
Wenn wir den Begriff der Kreativität lebendig halten wollen, wäre es hilfreich, uns auf die ethischen Kontexte zu besinnen, mit denen sich der Unterschied zwischen WAHNhafter und wahrhafter Kreativität erkennen lässt. Der amerikanische Lebensstil-Essayist Arthur Brooks schildert das so:
„Ich verwende für meine eigene kreative Arbeit einen geordneten Algorithmus, um sicherzustellen, dass sie meinen ethischen Standards entspricht. Sie muss 1.) das Spirituelle beinhalten, 2.) andere erheben und 3.) für mich interessant sein. Erfüllt ein Werk nur Kriterium 1 oder 1 und 2, kann ich es trotzdem umsetzen; erfüllt es jedoch nicht 1 und 2, werde ich unter keinen Umständen weiterarbeiten.“ https://www.theatlantic.com
Wohin geht die Reise?
Ich bin TESLA-Fahrer der ersten Stunde. Was mir immer tiefe Bewunderung abverlangte war, dass Musk ein Artefakt in die Welt bringen konnte, das scheinbar Unmögliches möglich machte und dabei Zukunftsprobleme löste. Rebellische Technologie: Jahrelang hatten die Autobauer auf allen Podien und Pressemitteilungen behauptet, dass E-Mobilität technisch unmöglich sein würde. Ebenso wie die Energiekonzerne behauptet hatten, dass man mit Erneuerbaren niemals ernsthaft Energie erzeugen könnte.
Teslas waren nicht nur funktional. Sie waren elegant, komplex und gleichzeitig sinnhaft. Sie rochen förmlich nach Zukunft, und hörten sich auch so an. Kein Krach und Verbrennen. Stattdessen ruhiges Gleiten, unterstützt von regelnden Computersystemen. Mit Teslas wurden Autos wieder zu Reisevehikeln, in denen man vorankam. Musks Ideen heilten die schmerzhaften Paradoxien zwischen Ökonomie und Ökologie. Eleganz und Technik. Modernität und Moral.
Dachten wir.
Heute fühle ich mich, wenn ich mit meinem Tesla unterwegs bin (200.000 Kilometer auf dem Tacho, kaum Reparaturen, immer noch 93 Prozent Batteriekapazität), verletzt und betrogen. Alles funktioniert (noch) einwandfrei, die Charger laden immer schneller, die Elektronik leitet mich verlässlich von A nach B. Aber dahinter steht – nichts. Ich fühle mich betrogen, nicht nur, weil ich inzwischen weiß, dass die Umwelt für Musk nie eine Rolle spielte (womöglich produziert er demnächst Verbrennermodelle). Ich fühle mich missbraucht – als Fan und Nutzer von etwas, was nie wirklich Vision war, sondern immer nur narzisstischer Egoismus.
Musk ist verloren. Alle seine Projekte und Firmen sind im Grunde längst auf Grund gelaufen. Weil er sie weder zu Ende denkt noch wirklich in ihren Kontexten und Zusammenhängen versteht. Der „Hyperloop“, ein rasender Zug in einer Vakuum-Röhre, wird sich weder technisch noch ökonomisch im Markt etablieren können, schon weil es die Konkurrenz des Flugverkehrs gibt. Tesla, und seinen wirklichen Erfolg, reitet Musk gerade durch Vernachlässigung und kranke Fahrzeugkonzepte wie den Cybertruck zu Tode. Und durch eine gefährliche Lüge, die er unablässig wiederholt: Dass „demnächst“ alle Teslas vollautomatisch fahren werden. Er glaubt, dass er mit ständiger Wiederholung damit durchkommt, wie ein kleines Kind, das ständig dasselbe plärrt. Die Plattform X, als (vor-)letztes Zerstörungs-Projekt, verwandelt sich in eine Hass- und Propaganda-Hölle und wird gerade von der nächsten Höllenmaschine (xAI) übernommen. Space X hat seine ursprünglich erfolgreiche Innovationsmethode („sprenge so viele Raketen in die Luft wie möglich, werte die Daten aus und verbessere“) überreizt. Im Starship, der „Big Fucking Rocket“ (BFR), die gleich ganze Hundertschaften zum Mars bringen soll, liegt wahrscheinlich ein Konstruktionsfehler, der sich auch durch noch so viele Explosionen nicht ausmerzen lässt. Beim ersten größeren Unfall mit Menschenschäden – er wird kommen – wird sich der Aktienkurs von Space X ebenso in Richtung Abgrund bewegen wie bei Tesla.
Auch Musk’s private „Investments“ sind katastrophal. Die Art und Weise, wie Musk mit seinen Kindern umgeht, sollte eigentlich sofort eine behördliche Intervention auslösen (wahrscheinlich löst er diese Behörde gerade auf). 14 Kinder von 5 Frauen, die alle vernachlässigt und zum Teil traumatisiert sind. Die Art und Weise, wie er an seinen Beziehungen mit Frauen gescheitert ist, sieht man ihm nach, weil „Stars“ eigentlich immer auf solche Weise agieren. Welche Abgründe darin liegen, könnten uns vielleicht die Frauen erzählen (wer ein bisschen etwas darüber von Grimes, der Musikerin erfährt, mit der er drei Kinder hat, unter anderem X Æ A-12 und Tau Techno Mechanicus, merkt, dass hier das pure Elend waltet).
Das geht niemanden etwas an, das ist privat? DOCH, es geht uns etwas an! Musk mischt sich ja auch in unsere Beziehungen ein. Indem er die AFD aggressiv unterstützt, versucht er, unsere europäische Lebensweise, die wir auf bestimmten ethischen und zwischenmenschlichen Regeln entwickelt haben, zu zerstören. Er mischt sich in alles ein, was uns lieb ist. Er überschreitet alle Grenzen von Zivilisation und Respekt.
Was ich ihm vor allem niemals verzeihen werde ist, dass er den spirituellen Zauber der Weltraumfahrt zerstört hat. Als alter Space-Fan war für mich „Weltraum“ immer eine Völker- und Kulturen verbindende Menschheits-Vision. Wer aber würde auf einer von Musk kuratierten Mars-Mission mitfliegen wollen? Zu einer Truppe, die nur noch die amerikanische MAGA-Fahne in den Marsstaub rammen will, um dann irgendwas mit goldenen Wasserhähnen oder genetisch kontrollierten Robotern aufzubauen, würde sogar Douglas Adams nichts Lustiges mehr einfallen.
Wenn Musks Leben einen Sinn hat, dann hilft dieser uns, zu verstehen, dass das Neue nicht immer das Gute ist. Dass Zukunfts-Narrative fürchterlich „schiefgehen“ können. Dass die Zukunft etwas Dämonisches entwickelt, wenn man sie ohne die tiefe Idee menschlicher Verbindungen versteht.
Wie es enden wird, lässt sich voraussehen. Der einsame König des Universums sitzt am Ende auf seinem Thron auf einem völlig unwirtlichen Planeten (ob auf der Erde oder außerhalb ist dabei völlig unwichtig). Aber kein menschliches Wesen ist mehr mit ihm. Nur noch ein paar geschwätzige Roboter. Leere. Schweigen. Der Fall wird kommen. Über allem liegt die Trauer über den Verlust der Sehnsucht nach dem Morgen. Das tragische Scheitern des Geistes an sich selbst.
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Gegentrends. Was für ein merkwürdiges, ja lästiges Wort. Es lässt uns kurz innehalten. Ist das nicht ein Paradox? Ein Widerspruch in sich selbst?
Trend sind Trends. Sie gehen nur in eine Richtung!
So sind wir es gewohnt.
Warum jetzt auch noch ein „Gegen“?
Das menschliche Hirn ist ein sehr spezieller Apparat. Als Spezies mit einem großen Hirnvolumen und einer extremen Synapsendichte sind wir zu enormen mentalen Leistungen fähig. Wir können ganze Universen in unserem Kopf erschaffen, komplexe Zukünfte imaginieren. Und sie auf dem Wege der Kultur mit vielen anderen Menschen teilen. Mark Zuckerbergs METAVERSE ist vielleicht auch deshalb so erfolglos, weil wir sowieso virtuelle Wesen sind. Wir brauchen nicht auch noch Simulations-Krücken, die uns als Avatare in künstliche Umwelten versetzen.
Wenn es allerdings um die reale Welt geht, um den wirklichen Wandel der Welt, sind wir manchmal ziemlich faul. Denkfaul. Wir lieben das Lineare. Das was immer geradeaus geht. In eine EINdeutige Richtung.
Der Begriff „Gegentrends“ hat gleichzeitig eine eigenartige Faszination. Eine Art Oszillation. Zunächst entsteht eine Abwehr. Wozu das Ganze? Wollt ihr uns verwirren? Wir wollen wissen, wo es langgeht – nicht wo es NICHT langgeht!
Aber dann öffnet sich etwas in den Synapsensystemen. Eine seltsame ERLEICHTERUNG macht sich breit. Manchmal kommt sogar ein Strahlen in die Gesichter.
Die Zukunft wird plötzlich wieder offen. Es entsteht eine Form der kognitiven Entspannung. Der mentalen Erleichterung. Der Zukunfts-Krampf, in dem sich heute viele befinden – Wo soll das alles hingehen? Panik, Angst, Depression! –, löst sich. Manchmal hört man sogar eine Art Stöhnen der Erleichterung. Ein tiefes Durchatmen. Endlich!
Die Zukunft, die schon verstorben war, ist plötzlich wieder lebendig.
Goodbye Megatrends
Das meistbenutzte Tool der Trend- und Zukunftsforschung in den letzten Jahrzehnten war das System der MEGATRENDS. Dieser schon phonetisch mächtige Begriff wurde Anfang der 80er Jahre vom amerikanischen Publizisten und Wirtschaftsberater John Naisbitt erfunden. Naisbitt beschäftigte sich mit vielen kleinen Trends in Politik und Gesellschaft, die er schließlich zu großen Bündeln zusammenfasste. MEGA, das war einfach unwiderstehlich.
Viele Jahre waren die „Standard-Megatrends“ tatsächlich so etwas wie verlässliche Zukunfts-Wegweiser. Globalisierung, Individualisierung, Urbanisierung, Digitalisierung: schon mit diesen „Big Four“ ließen sich zahllose PowerPoint-Vorträge füllen und Phänomene erklären. Megatrends repräsentierten einen verlässlichen „Future Frame“, einen Rahmen, durch den man immer geradeaus in die Zukunft blicken konnte. Sie standen für den „Fortschritt“ allgemein, der sich in einem ewigen „immer mehr“ ausdrückte.
Immer mehr Globalisierung führt zu einer ewigen weltweiten Dauerkonjunktur, führt zu Frieden, Freiheit, Wohlstand …
Immer mehr Individualisierung prägt die Lebensstile und Wertenormen; am Ende sind wir alle „perfekte Ichs“.
Immer mehr Digitalisierung macht alles praktisch, effizient und zuverlässig.
Immer mehr Menschen ziehen in Großstädte, die urbane Lebensform wird absolut dominant.
Wie heißt es so schön? Wer einen Hammer in der Hand hat, sieht in der Welt einen Nagel. Wer Megatrends im Kopf hat, weiß immer, wohin der Hase läuft.
Scheinbar.
Der Schlüssel zur Zukunft ist der Begriff der Komplexität. Komplexität ist die Integration des Verschiedenen, Differenzierten, zu einem funktionalen System. Ein komplexes System hat viele Teile, viele Subsysteme, die durch Rückkoppelungen, Feedback-Schleifen zusammenwirken. Dadurch stabilisieren sie sich selbst.
Komplexe Systeme wie Gesellschaften, Ökonomien, Kulturen, „Zivilisationen“, ja sogar die gesamte Evolution, bringen irgendwann allerdings Komplexitätsüberschüsse hervor. Dann wird aus dem Komplexen das KOMPLIZIERTE. Das, was nicht mehr zueinander findet. Die Paradoxien, die durch lineare Trends entstehen, können dann nicht mehr in ein GANZES integriert werden. Umweltveränderungen können nicht mehr kompensiert werden – das System beginnt, „aus den Fugen“ zu geraten.
In der Evolution kommt es dann zu Artensterben-Events.
In menschlichen (Gesellschafts-)systemen zu OMNIkrisen-Phänomenen. Großräumigen Epochenbrüchen.
Megatrends sind Teil und Ursache dieser Komplexitätsüberschüsse, weil sie durch ständige Steigerungen Dinge „auf die Spitze“ treiben.
Globalisierung holt das Entfernte immer näher heran; schafft Gleichzeitigkeiten, wo vorher Distanzen waren; erzeugt dadurch aber ständig neue Konflikte.
Der Individualisierungs-Trend macht das Gemeinschaftliche empfindlicher, brüchiger, weil Abermilliarden Einzel-Identitäten, „Singularismen“ sich koordinieren müssen, damit die Gesellschaft weiter funktionieren kann. Das zusammenhaltende Element der „Kultur“ wird schwächer.
Digitalisierung verwandelt alle Prozesse in Echtzeit-Ereignisse, beschleunigt Erregungs- und Kommunikationsformen, macht Einzelsysteme immer effizienter. Dadurch erzeugt sie jedoch immer neue Schnittstellen, die antisystemisch wirken.
Großstädtische Lebensformen sind spannend, abwechslungsreich und energetisch. Sie saugen allerdings auch das Land aus, entleeren Regionen, in denen sich Frust und Perspektivlosigkeit ausbreitet.
Auf systemischer Ebene kann man die Existenz von Gegentrends als eine Brechung von Linearität begreifen. Kein Trend kann ewig in die gleiche Richtung verlaufen. Oder gar „immer schneller“ werden. In der Natur (das Metasystem, in dem alles stattfindet) endet das Exponentielle in der Entropie (in der Implosion der Schwarzen Löcher oder, beim Wuchern von Krebs im menschlichen Körper, im Tod). Ungebremste lineare Trends in Ökonomie und Gesellschaft führen früher oder später zu SÄTTIGUNGEN: Märkte sind überfüllt. Städte werden unwirtlich. Mehr Konsum geht nicht mehr hinein in die Menschen. Mehr „Fun“ lässt sich nicht mehr generieren.
Tipping Points entstehen dort, wo eine Kurve ihre Richtung ändert. In ihrem Zenit bilden Kurvensysteme oft eine Zackenlinie aus, die ihren Niedergang ankündigt. Dieses „Zittern“ weist auf das oszillierende Spannungsverhältnis zwischen Trend und Gegentrend(s) hin.
Oft bleiben Tipping Points allerdings unbemerkt. Der Trend ist längst gebrochen, aber wir glauben immer noch, dass er ewig weitergeht. Weil wir immer noch in alten Erwartungs-Systemen in die Welt blicken, die wir irgendwann einmal erlernt haben.
Beispiele:
Die Geburtenrate der Erde liegt heute nahe am Erhaltungsniveau – in wenigen Jahrzehnten wird die Weltbevölkerung heftig zu schrumpfen beginnen. Viele Menschen glauben aber immer noch an die „Bevölkerungsexplosion“, also einen exponentiellen Verlauf der Kurve (das schürt gefährliche Ideologien).
In vielen Bereichen der Konsumwelt zeichnen sich „Peaks“ ab: Maxima von Marktentwicklungen: Peak Meat – das Maximum des Fleischverbrauchs. Peak Car: Es sieht so aus, als ob die Anzahl der gefahrenen Kilometer und die Anzahl der fahrbereiten Autos in den Industrieländern ihren Zenit erreicht haben. Peak Oil/Coal: Die fossilen Energieträger sind immer noch mächtig, aber gerade hier deuten sich massive Rückgänge an (bei gleichzeitigem exponentiellem Anstieg der Erneuerbaren).
Sättigungen erzeugen in ökonomischen Systemen „Krisen der Akkumulation“, die wir als Wirtschaftskrisen oder „Rezessionen“ deuten.
Kann man in diesem Muster Gegen-Trends womöglich sogar prognostizieren? Eine der größten Tendenzen unserer Tage könnte man als Bösartigkeits-Trend bezeichnen. Als Trend der AVERSION. Immer mehr Umgangsformen, Kommunikationsweisen werden immer ruppiger, aggressiver, wütender, unversöhnlicher. Das gesellschaftliche Gespräch wird toxifiziert, niemand kann sich mehr auf etwas einigen – noch nicht mal mit sich selbst.
Könnte es gerade deshalb so sein, dass sich so etwas wie eine „Freundlichkeits-Bewegung” entwickelt? „Immer mehr Menschen suchen und praktizieren eine offene, empathische Kommunikationsweise. Suchen nach sozialen Zusammenhängen, in denen Zuneigung und Ehrlichkeit herrschen, humanistische Werte eine Rolle spielen und statt Spaltung KONSENS entwickelt wird.”
Könnten wir diesem Trend einen Namen geben? Etwa auf Englisch: The Kindness-Trend?
Das Gute ist, dass die Gegentrend-Logik auch gegenüber negativen (destruktiven) Trends gilt.
Die spannende Frage, die uns heute bewegt, lautet: Wann ist eigentlich Peak Trump?
Vielleicht werden wir in gar nicht so langer Zeit verstehen, dass wir schon darüber hinaus sind …
Varianten der Gegentrends
Das Trend-Gegentrend-Modell leitet uns nun dazu an, radikal interdisziplinär zu denken. Gegentrends „schleichen“ sich manchmal aus völlig unerwarteten Richtungen heran, sie „tarnen“ sich in Stimmungen, Meinungen, unscharfen Phänomenen. Sie entstehen auf anderen Ebenen als der Initialtrend.
Sie bleiben zunächst latent. Sie zu identifizieren erfordert eine ganzheitliche Wahrnehmungskunst.
Grundsätzlich lassen sich Gegentrends in folgende Unterkategorien aufteilen:
Comeback-Trends (Retro-Trends): Typisches Beispiel: Das Phänomen Tradwifes oder Neo-Macho (Neue Mysogynie). Oder das Comeback analoger Gegenstände, die längst ausgestorben sein sollten (Vinyl-Plattenspieler, Füllfederhalter, „Papier als Datenträger“). Hier gilt die Faustregel: Alles Alte kehrt irgendwann zurück – aber nie wie es gewesen sein soll.
Destruktive Trends (Brechungs-Trends): Sie wirken wie Parasiten AN einem Haupttrend. Etwa das Momentum des Hass-Populismus, das sich inzwischen zu einem Megatrend-Momentum ausgewachsen hat, und an der Demokratie schmarotzt.
Erweiternde Trends (Konstruktive Trends): Der Achtsamkeits-Trend. Oder „Digital Detox“, der Versuch, seinen digitalen Medienkonsum zu modifizieren, viele Gesundheits-Trends und mentale Trends zählen zu dieser Kategorie. Sie entwickeln sich in Reaktion auf bestimmte Stressoren, sind aber nicht nur „Anti“. Es sind Ausgleichs-Phänomene, die neue Möglichkeitsräume eröffnen.
Syn-Trends oder Meta-Trends: Phänomene, die Paradoxien auf einer höheren Ebene verbinden: „Glokalisierung“ oder „Co-Individualität“ (Kooperative Selbstverwirklichung).
Rekursions- Synthese: Die „seltsame Schleife“
Was geschieht, wenn Trend und Gegentrend sich gegenseitig blockieren?
Das ist das Wesen des Paradoxons: Eine Spannung, die sich aus sich selbst nicht auflösen kann.
Aus dem Spannungsverhältnis zwischen Trend und Gegentrend entsteht dann eine REKURSION. Die Trendlinie „biegt sich“ in sich selbst, erzeugt eine „seltsame Schleife“:
Brechung
Abschwung
Re-naissance (Re-Kombination)
Re-Entry (in den Trendpfad)
In der mathematischen Logik kennen wir die „Iteration“ – die Anwendung einer Formel auf sich selbst. Bei jedem Durchlauf kommt es jedoch zu kleinen Abweichungen, so dass am Ende, wie beim Stille-Post-Spiel, etwas ganz Anderes herauskommt.
Solche „seltsamen Schleifen“ zeigen sich auch in vielen natürlichen Formen und Prozessen.
Die Evolution ist nichts anderes als ein ständiges „Überarbeiten“ der DNA, die immer neue organische Varianten hervorbringt, die sich dann in der Umwelt bewähren müssen. Solche Phänomene der „REadaption“ zeigen sich auch in der Kulturgeschichte, wo im Prozess der „Renaissance“ alte Kulturmuster mit neuen Ideen re-kombiniert werden. Naturmuster verlaufen in der Nichtlinearität oft nach einer Fibonacci-Formel; spiralförmig, von innen nach außen oder von außen nach innen. Wir kennen solche Fraktal-Systeme auch aus der abstrakten Mathematik, wo sie die Übergänge zwischen Ordnung und Chaos darstellen.
In der „rekursiven Trendschleife“ verbinden sich die Kräfte paradoxer Trends zu einer höheren Komplexität. Nehmen wir das Paradox zwischen GLOBALITÄT und NATIONALITÄT (oder Globalismus und Nationalismus/Lokalismus). Es ist offensichtlich, dass beide Kategorien in Widerspruch, in „Feindschaft“ zueinander stehen.
Wie aber wäre es mit GloKALität?
Als GLOKALISTEN hätten wir beides: Wurzeln und Flügel. Horizont und Verankerung. Weitblick und Nahsicht. Wir wären zugleich Landbewohner und Planetenbewohner. UNmöglich? Gerade unsere Urvorfahren, die überwiegend Nomaden waren, hatten diese Fähigkeit der mehrfachen Identität. Die Jäger und Sammler waren mental mit bestimmten Orten verbunden, gleichzeitig aber auch mit den „übernatürlichen“ Naturkräften in Kontakt. Das ist eine evolutionäre Grundlage unseres enorm komplexen Hirns: Mehrdimensionalität. Wir mussten immer schon in variablen, „mehrschichtigen“ Umwelten leben. Und damit auch unsere innere Welt komplex konstruieren.
Wie wäre es also, wenn wir über die Zukunft in vereinheitlichten Widersprüchen denken würden (wer dabei an Hegels These-Antithese-Synthese denkt liegt womöglich nicht ganz falsch):
RUR:BANISIERUNG: Verschränkte Urbanisierung: Urbanisierung ländlicher Strukturen, Verdörflichung der Stadt.
HUMAN:DIGITAL oder REAL:Digital: Das Menschliche und das Digitale in einem vernünftigen, respektvollen Wirkungs-Verhältnis.
KOOPERATIVER INDIVIDUALISMUS (CO-Individualität): Die Herausbildung von Eigenständigkeit IM BEZUG auf variable Gruppenidentitäten. Individualität und Solidarität. Eigenheit und Gemeinschaft, würden eine ERGÄNZUNG statt einen Widerspruch bilden. Das muss man nicht erfinden. Es ist längst Realität in differenzierten, freien, offenen Gesellschaften, in denen sich eine stabile Form „Offener Individualität“ ausgebildet hat. Die jetzt allerdings massiv herausgefordert wird, durch Rückstürze in hierarchische und autokratische Strukturen.
Die Trend-Gegentrend-Logik ist nicht nur ein abstraktes Modell. Sie ist ein Mindset. Eine bestimmte Art und Weise, ganzheitlich zu denken. In Zusammenhängen zu fühlen und wahr- zunehmen.
Durch die Trend-Gegentrend-Logik wachen wir in einer anderen Beobachtungs-Position auf. Wir verstehen, dass Krisen nichts anderes sind als Paradoxien, die sich (derzeit) nicht auf höherer Ebene auflösen können. Wir verstehen sogar die Pathologisierung der Politik, wie sie heute stattfindet: Wenn die Paradoxien rapide ansteigen, werden alle Systeme zunächst einmal „verrückt“.
Wir können gleichzeitig wahr-nehmen, dass in jedem Trend bereits sein Gegenteil eingebaut ist. Diese Latenz zu erkennen, ist die wahre Kunst der Vorausschau.
Alle Systeme – biologische kulturelle, ökonomische, organisationale – haben die Tendenz, sich auszugleichen.
Ab und zu kommt es zu Brüchen, die – aus der Zukunft gesehen – befreienden Charakter haben.
Oder zu spontanen Sprüngen auf eine neue Ebene führen (Emergenz).
Im Trend-Gegentrend-Modus sehen wir nicht mehr nur „Probleme“ (Probleme wachsen umso mehr, je mehr wir auf sie starren). Sondern auch die Fügungen, Passungen. Lösungen und Auflösungen.
Wir geraten wieder ins Staunen.
In der Trend-Gegentrend-Sichtweise richtet sich unser Blick wieder auf den Horizont der Zukunft. Wir können plötzlich über die erschreckende Gegenwart hinausschauen, ins „Beyond“. Wer sich auf diese Sichtweise einlässt, der erfährt die Schönheit der Welt im Wandel – und kann anders mit Schrecken, Ängsten, Ver-unsicherungen umgehen. Neue Blüten der Komplexität sprießen auf dem Kompost des Alten. Tod ist nicht das Ende. Aus der Zukunft heraus zu sehen verwandelt die Welt in SINN. Und im SINN ihrer Richtung können wir handeln.
All das ist letztlich nicht neu. Es ist uraltes Wissen der Philosophen, Mystiker und Rebellen der Geschichte. Corsi e ricorsi – Strömung und Gegenströmung – so nannte Giambattista Vico, der italienische Gelehrte der Aufklärung im 18. Jahrhundert, das Grundprinzip der Welt. Solve et coagula lautete die Losung der Alchemisten, die zwar nicht das endlose Gold, aber immerhin das Porzellan erfanden. „Keines von den Dingen vergeht oder entsteht, was nicht vorher schon vorhanden war. Indem sie sich aber mischen und trennen, verändern sie sich.“ Das stammt von Anaxagoras 499 – 428 v.Chr., einem der ersten Universalphilosophen der Antike. So ist der Fluss der Welt, und wir sind Teil von ihr.
Fred, der eigentlich Ferdinand heißt, ist ein alter Freund von mir. Ich kenne ihn seit den sogenannten Urzeiten, also jenen Jahren und Jahrzehnten, in denen alles ganz anders war. Weil es damals immer besser wurde.
Wir sind beide „Boomer“, wenn auch einige Jahre auseinander (er ist eigentlich Generation X). Unsere Biographien verliefen ähnlich, nur etwas zeitverschoben: Wir haben in der Pubertät gegen die Eltern rebelliert. Die Welt auf den Kopf stellen wollen, was uns manchmal sogar gelang. Wir sind aufgewachsen in den wilden Achtzigern bis Neunzigern, erfolgreich und familiär geworden in der Millennium-Zeit, als alles kontinuierlich Richtung Zukunft zeigte.
Fred war immer schon ein melancholischer Typ. Wie bei allen liebenswerten Menschen zeigt sich auch etwas Zerbrechliches in ihm. Gleichzeitig hat er manch berufliche und persönliche Krise nicht nur weggesteckt, sondern mutig gemeistert. Aber seit einigen Monaten hat es ihn komplett aus der Bahn geworfen. Er kann nicht mehr schlafen. Er hat Alpträume. Er hat unklare Symptome, wie bei einem Schlaganfall. Schwindel. Ohrenrauschen. Herzklopfen.
Aber da ist nichts – Physisches.
„Ich habe mein ganzes Leben in eine klare Richtung gelebt“, sagte Fred, als wir uns neulich zu unserem Frühlings-Wandern trafen, das wir jedes Jahr absolvieren, um unsere Freundschaft zu erhalten. „Nach vorne leben, das war erfolgreich, das hat gestimmt. Und es war immer die Musik, die die Welt öffnete, die alles klärte, nach vorne in die Zukunft. Aber jetzt ist da dieses ständige Gefühl, dass uns der Teppich unter den Füßen weggezogen wird. Alles, wofür wir gelebt haben, ist plötzlich…“
Er stockte. Rang nach Worten.
„WEG. Zerstört. Vergiftet. Nur weil ein paar Idioten Lust daran haben, die Welt kaputtzumachen. Und weil ihnen immer mehr andere Idioten folgen. Alles in den Dreck ziehen, was kostbar ist, was wahr ist, was wirklich zählt. Alles ist nur noch Lüge, Wahnsinn, Irrsinn, Zerstörungslust! Die Idioten übernehmen die Welt, und wir können nichts dagegen tun!”
Pause. Lange Pause.
„Sogar die Musik klingt nicht mehr. Alles klingt nur noch … nach nichts!“
When the Music is over
Ähnliches konnte man neulich in der Zeitschrift Business Punk lesen, wo der Publizist Tom Junkersdorf unter dem schönen Titel „Postfuture Hangover“ einen Abgesang auf die Zukunft formulierte:
„Wir alle haben offenbar einen Kater. Aber es geht nicht nur um eine Krankheit, sondern um das, was wir Leben nennen. Wir haben uns auf den Fortschritt gefreut. Die Technik. Die Chance auf Homeoffice, neue Werte und neue Wertschöpfung. Wir haben die Digitalisierung umarmt wie gute Gastgeber. Wir wollten Wellbeing und haben plötzlich toxic care. Wir wollten Wohlstand und haben plötzlich Notstand überall. Wir wollten Frieden und haben plötzlich Krieg. Man gibt den Menschen das Internet, das das Wissen der Jahrtausende enthält und noch viel mehr. Und sie suchen nach Katzenvideos. Oder speien ihren Hass hinein. Man gibt ihnen das Smartphone, das sie mit der ganzen Welt verbindet. Und sie inszenieren sich bis zur Selbstauflösung in Selfies. Oder speien ihren Hass hinein. Man gibt ihnen die Demokratie. Und sie wählen Menschenfeinde. Oder speien ihren Hass hinein …“
Von einem ähnlichen Kaliber ist der wunderbare rant, der Wutanfall der schottischen Schriftstellerin A. L. Kennedy in der „Süddeutschen“:
„In den USA, im Vereinigten Königreich und in Europa haben einige der verhätscheltsten Monster der Welt beschlossen, dass wir alle mehr Traumata brauchen, um uns für Eigenschaften zu bestrafen, die sie nicht haben. Wir können lieben, Freude erleben, Einheit erfahren. Sie glauben, dass sie uns mit Sozialdarwinismus, eugenischen Fantasien, brutaler Profitmaximierung und jeder nur erdenklichen psychologischen Manipulation unterjochen werden.“
Wir durchleben gerade ein kollektives Zeitenende-Gefühl. Zeitenende statt Zeitenwende. „Wir“ alle, oder zumindest VIELE unter uns, haben das Gefühl, dass wir um unseren Lebens-Sinn, unseren Lebens-Ertrag betrogen werden. Und obwohl wir dies auf erstaunlich ähnliche Weise empfinden, scheint uns diese Erfahrung gleichzeitig sehr einsam zu machen.
Wer aber ist dieses „Wir“?
„Wir“ sind aufgewachsen in einer selbstverständlichen Erwartung des Fortschritts. Nicht nur wirtschaftlich, auch im Sinne von Ideen, Idealen, Lebensweisen, die den Raum der Möglichkeiten ständig erweiterten. Auch wenn es immer wieder Krisen, Turbulenzen, Rückschläge gab: Die Zukunft lag immer irgendwie vorne, in einer klar erkennbaren Richtung.
Doch überall häuften sich Risse, Brüche, die man nun nicht mehr zukleben kann.
Wir sind aufgewachsen in technologischen Mythen, die sich heute alle auf die eine oder andere Weise als Horror erweisen. Jahrelang hatten wir ja selber an die befreiende Macht der Computer geglaubt. Wir haben fleißig mitdigitalisiert, begeistert mit den Gadgets der neuen Zeit gespielt. Jetzt wird uns allmählich klar, dass mitten in der Künstlichen Intelligenz ziemlich viel Dummheit haust. Und in den Sozialen Medien die Gewalt nistet.
Wir waren die Wissens-Generation. Teil einer Bildungs-Explosion, die Schulen und Universitäten zu Lebensräumen machte, in denen man den Lebensstil des Lernens übte. Lernen und Wissen als Lebenskonzept. Beruf nicht als Fron, sondern als Verwirklichung.
Wir sind eine Queer-Generation, eine Teil-Kohorte, die sich durch die Generationen Boomer, X, Y, und Z hindurchschlängelt.
Wir sind die Zukunfts-Generation. Geboren irgendwann zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den mittneunziger Jahren hielt uns ein bestimmter Mindset zusammen: der Glaube an das Gute.
Wir waren die romantische Generation. Wir glaubten an eine immer besser werdende Gesellschaft. Die WIR verändern konnten. Wir glaubten sogar an so etwas wie die „Menschheit“ als Ganzes, quer über Landes- und Kulturgrenzen hinweg. An eine Zukunft, die etwas mit Solidarität, Gemeinschaft, Gegenseitigkeit und moralischen Regeln zu tun hatte, die immer verlässlicher wurden, je mehr man sie praktizierte.
Musik, als Weltmusik, bildete tatsächlich immer so etwas wie den Energiekern, die Trägerwelle unseres Lebens. Das hatte seinen Höhepunkt in der Trance-Elektro-Techno-Blüte, als 1999 plötzlich eineinhalb Millionen Menschen in Berlin zur Love Parade tanzten.
„Die Millennials sind die letzte Generation, die noch so etwas wie die Zukunft erlebt haben“, sagte mein Sohn Tristan neulich, der selbst zu den Millennials gehört. Wie kann man nur so altklug sein? Aber irgendwie hat er verdammt recht.
Die Fassungslosigkeit
Heute befinden wir uns in einem anhaltenden Zustand der Fassungslosigkeit.
Als Zukunftsforscher werde ich in den letzten Jahren mit einer ständig steiler werdenden Welle von Zukunftsverlust konfrontiert. Noch vor wenigen Jahren spielte das Morgen und seine wahrscheinliche Gestalt in politischen, gesellschaftlichen und auch persönlichen Debatten eine große Rolle. Und das Zukünftige war ganz klar, weil es auf einer linearen Fortsetzung großer Megatrends aufbaute: Individualisierung, Globalisierung, der „Kulturisierung“ der Gesellschaft, der Digitalisierung etc. All das bestimmte und formte die große Aufwärtsbewegung des letzten Halbjahrhunderts. UNSERER Zeit.
Heute ist die Zukunft eine Lokomotive, die aus einem engen Tunnel auf uns zurast, und uns demnächst überfahren wird. Mit einem schrillen Kreischen. Oder sie wird aus den Schienen springen – und alles zerstören, was in der Nähe der Gleise liegt …
Die Zukunft ist aber nicht einfach eine Fantasie, eine fixe Idee, auf die wir verzichten können, um „ganz entspannt im Hier und Jetzt“ zu sein. Zukunft ist eine existentielle Dimension des Menschen. Einem Wesen, das durch innere Voraussagen die Voraussetzungen seiner Handlungen schafft.
Wie aber gewinnen wir sie zurück, die Zukunft?
Ich bin mir mit Fred einig, dass es mit diesen Methoden nicht wirklich funktionieren wird:
Elitäre Ignoranz: Alle Medien abschalten, nichts mehr an sich ranlassen. Fünf Stunden am Tag meditieren, nur noch Körner essen.
Apokalyptischer Zynismus: Die Welt ist sowieso ein Scheißhaufen, vergiss es. Lass uns Party machen, solange es noch geht, es geht sowieso nicht mehr lange!
Hoffnungspathos: „In jeder Krise liegt eine Chance!“ Geht es Ihnen auch so, dass Sie diesen Satz nicht mehr hören können?
Kämpfen: Widerstand leisten. Dem neuen Faschismus die Stirn bieten, bis zum … Ja, bis was?
Wenn es mit all dem nicht geht – wie soll es dann gehen?
Die Angst umarmen
Angst ist ein Botschafter. Eine Information, dass etwas nicht stimmt in unserem Weltverhältnis. Wir sind mit einer Bedrohung, einer Gefahr konfrontiert, die unser MIND nicht als lösbar begreifen kann.
Wir erstarren.
Ein erster Schritt, um die Zukunft zurückzugewinnen, ist die Kunst, durch die Angst aufrecht hindurchzugehen. Und dabei zu atmen. Die antiken Stoiker hatten dafür eine Technik, die meditatio malorum. In dieser Meditationsübung stellen wir uns intensiv vor, es käme zum Allerschlimmsten.
Etwa so:
Alice Weidel wird Bundeskanzlerin, 500.000 jubelnde Bürger bei der Inauguration am Brandenburger Tor. Alle kritischen Medien werden verboten. Bei ihrer Inaugurationsrede tritt sie mit einer Reitpeitsche auf und kündigt an, alle „woken Idioten“ einzusperren. „Ja, auch Du bist gemeint, Du Windmühlen-Verbrecher!“
Russland besetzt unter Drohung mit Atomwaffen die baltischen Länder, Finnland, Rumänien, Bulgarien. Ungarn und Serbien schließen sich der Russischen Föderation an, Österreich überlegt noch.
Überall finden grauenhafte Messerstechereien statt, rund um die Uhr, in der Straßenbahn, in der Familie, im Büro. Neuerdings werden auch Schraubenzieher benutzt.
Trumps Sohn übernimmt die Macht. Musk übernimmt die Russische Rüstungsindustrie und produziert Verbrenner-Teslas.
Amerika erklärt Europa den Krieg.
Unser Lieblingshund stirbt.
Wir selbst sterben.
Die meditatio malorum kristallisiert unsere Ängste und überwindet sie in einer Art mentalem reset. Sie weist uns höflich, aber bestimmt darauf hin, dass das Allerschlimmste im Grunde unwahrscheinlich ist. Die Angst-Meditation zieht den Vorhang vom inneren Welt-Theater. Wir können wieder die Wirklichkeit sehen, wie sie ist:
Jeder Trend erzeugt Gegentrends.
Jede Kraft sucht nach Balance.
Jedes Dunkle erzeugt auch Helles.
Vieles, was hinfällig erscheint, erweist sich als erstaunlich resilient (womöglich auch die Demokratie).
Die Hoffnung loslassen
ZUVERSICHT! plakatierte der gute Robert Habeck bei der Bundestagswahl. Aber irgendetwas stimmte an dieser Parole nicht. Sie wirkte aufgeblasen, künstlich. Man kann Zuversicht nicht durch die Propaganda der Zuversicht erzeugen. Zuversicht ohne Sehnsucht funktioniert nicht.
Das Problem mit der Hoffnung ist, dass sie uns den Weg in den Wandel versperren kann.
Wie bitte?
Die Hoffnung versperrt den Weg in den Wandel, weil sie uns in einer inneren Passivität festhält. Dadurch entsteht eine innere Verkrampfung. Hoffnung und Unglück können miteinander regelrecht verkleben.
Menschen, die schwere Krankheiten wie Krebs haben, erfahren manchmal einen Punkt, wo Hoffnung ins Gegenteil umkippt. Sie wird zu einem Zwang, der in die falsche Richtung weist. Durch die Hoffnung blockiert man die Möglichkeit, die in der Akzeptanz liegt.
Um wieder innerlich frei zu werden, geht es darum, sich sinnvoll zu enttäuschen. Ent-Täuschung, mit Bindestrich geschrieben, heißt, die Illusionen hinter sich zu lassen, die man mit sich herumgetragen hat. Und die zunehmend zu einer Last geworden sind.
In gewisser Weise brauchen wir so etwas wie Re-Signation. Auch hier weist der Bindestrich auf eine andere Bedeutung hin. Re-signare heißt „wiederzeichnen“. Wir schließen einen neuen Kontrakt mit der Wirklichkeit ab, die jenseits der Illusionen wieder real wird.
What if we were wrong?
Einer der zauberhaftesten Sätze eines prominenten Politikers stammt von Barack Obama. In einer Talkshow kurz vor der ersten Trumpwahl sagte er: „What if we were wrong?”
Was wäre, wenn wir uns geirrt hätten?
Ein wichtiger Schritt zurück in Richtung Zukunft ist die Selbstüberprüfung. Das ist nicht leicht. Man kann sich selbst nur sehr schwer infrage stellen. Oder man neigt dazu, in die Falle des Selbstmitleids zu geraten.
Der größte Selbst-Vorwurf lautet meistens: Wir waren naiv.
Wir hätten es früher wissen müssen.
Wir hätten mehr tun müssen, um „es“ zu verhindern!
Waren wir zu arrogant, zu sorglos, zu „privilegiert“?
Zu elitär, wie es jetzt immer heißt?
Auf diese Weise machen wir uns die Vorwürfe des bösartigen Populismus zu eigen. („Schurken bemächtigen sich unserer Phantasie mit einer Kraft, mit der kein Tugendheld jemals mithalten kann.“ ).
Der Anthropologe Lyall Watson, „ Die Nachtseite des Lebens. Eine Naturgeschichte des Bösen” S. 21;
Franz M. Wuketits, „Warum uns das Böse fasziniert”, Hirzel-Verlag 2000
Damit verbunden ist ein Schuldgefühl, das uns quält und einen großen Teil unserer Zukunfts-Depression ausmacht. Wir sind deprimiert, weil wir das Gefühl haben, dabei versagt zu haben, die Welt in die „richtige Richtung“ zu lenken. Man hätte alles ganz anders machen müssen. Wir haben kläglich versagt!
Wirklich?
Angela Merkel, die ja über beträchtliche Macht verfügte, wird unentwegt für ihre „Russische Naivität“ angegriffen. Hätte sie nicht früher dem angehenden Diktator Putin „in den Arm fallen sollen“? Hätte sie „es“ nicht wissen müssen, spätestens, nachdem Putin seinen Hund mitbrachte? Sie hat diesen Vorwurf in ihren Memoiren ganz gut gekontert, indem sie das Situative ihres Handelns erklärte: An einem gewissen Punkt ist man verpflichtet – ethisch moralisch, menschlich -, das Beste zu tun, was JETZT geht. Was unter den Umständen möglich ist. Man muss es versuchen. Auch wenn man den Ausgang nicht bestimmen kann. Nur das ist ethisch und verantwortlich.
Irren heißt nicht etwas „falsch machen“. Man kann irren, aber trotzdem richtig agieren. Wir irren immer, weil der Irrtum ein notwendiger Teil des Richtigen ist. Nur so lernen wir. Wachsen wir. Leben wir.
Die Frage, ob wir geirrt haben, lässt sich ins Positive drehen. In eine Selbstakzeptanz, in der wir höflich mit uns selbst, unseren Irrungen und Wirrungen, unseren Ansprüchen und Über-Ansprüchen umgehen. Das ist eine weitere Bedingung, um in Bezug auf die Zukunft wieder neu und frisch zu werden.
Die Zärtlichkeit der Krise
„Wenn alles zusammenbricht“, schreibt die Zen-Meisterin Pema Chödrön, „und nichts mehr funktioniert, können wir verstehen, dass wir an etwas dran sind. Wir können fühlen, dass dies ein sehr verletzlicher und zärtlicher Platz ist, und das Zärtlichkeit beide Wege gehen kann.“
Pema Chödrön, „When things fall apart. Heart advice for difficult times”, Kapitel: „The joy of letting go”, S. 13
„We can shut down and feel resentful or we can touch in on that throbbing quality. There ist definitely something tender and throbbing about groundlessness.
Things falling apart is a kind of testing and also a kind of healing. We think that the point is to pass the test or to overcome the problem, but the truth is that things don´t really get solved. They come together and they fall apart again. Its just like that. The healing comes from letting there be the room for all of that to happen: room for grief, room for relief, for misery, for joy …”
„Wir können uns verschließen und Groll empfinden oder wir können diese pulsierende Qualität berühren. Haltlosigkeit hat definitiv etwas Zartes und Pochendes, Pulsierendes. Dinge, die auseinanderfallen, sind eine Art Prüfung und auch eine Art Heilung. Wir denken, dass es darauf ankommt, die Prüfung zu bestehen oder das Problem zu überwinden, aber die Wahrheit ist, dass die Dinge nicht wirklich gelöst werden. Sie kommen zusammen und fallen wieder auseinander. So ist es einfach. Die Heilung kommt, wenn man Raum für all das lässt: Raum für Trauer, Raum für Erleichterung, für Kummer, für Freude …“
Im Grunde lässt sich alles, was uns zurück in die Zukunft führen könnte, im Rahmen eines Trauerprozesses verstehen.
Trauer ist der Prozess, in dem wir über uns selbst hinauswachsen in etwas Neues, was aber zu Beginn der Reise noch nicht sichtbar wird.
Die sieben Phasen der Trauer sind: Schock, Verneinung/Nichtwahrhabung, Wut, Depression, Erkundung, Anpassung, Integration. Sie finden sich auch im Umgang mit einer „verrückt gewordenen Realität“, die nicht mehr unseren Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen entspricht.
Bei der Trauer geht es jedoch nicht um ein Ende, sondern um einen Neubeginn. Es geht eigentlich auch nicht so sehr um völligen Abschied, denn Trauernde integrieren die „verschwundene“ Person auf neue Weise in sich selbst. Und entwickeln auf diese Weise ein neues Verhältnis zu ihr.
Könnten wir mit der Zukunft, die einst unsere Zukunft war, ein ähnliches Verhältnis beginnen? Es war gut und richtig, wie es war. Jetzt aber beginnt eine andere Zeit, in der es neue Dinge zu entdecken gilt.
Wir haben ein Leben gelebt, das viele Jahrzehnte auf der Sonnenseite der Geschichte verlief. Wir haben im Kairos der Geschichte gelebt. So nannten die alten Griechen die günstige Zeit, den Moment der Fülle, in dem sich etwas Neues, eine neue Epoche manifestiert. Vielleicht sollten wir das bedingungslos als ein Geschenk anerkennen. Mehr als ein halbes Jahrhundert Frieden, Fortschritt, Freiheit!
In dem Moment, in dem man die Geschichte annimmt, deren Teil man ist, dreht sich die Welt Richtung Zukunft. Denn wenn es eine Wahrheit aus unserem Leben in der bislang „besten aller Zeiten“ gibt, dann diese: Die Welt geht nicht immer nur geradeaus. Wenn etwas schlechter wird, sogar richtig schlecht, furchtbar, dann zeigt sich auch, dass es wieder besser werden kann.
Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend.
Auch der Schlechte.
Alles kehrt wieder.
Aber niemals in derselben Form.
Aus Paradoxien erzeugt sich das Neue.
Aus der Zukunft gesehen,
Wird so das Neue Normal entstanden sein.
Und die Musik wird wieder klingen.
Es lebe die Zukunft!
„Nichts kann existieren ohne Ordnung.
Nichts kann entstehen ohne Chaos.”
Albert Einstein
„A crisis represents the appetite for growth that hasn’t found another way of expressing itself. Many people, after a horrific few months or years of breakdown, will say: „I don’t know how I’d ever had got well if I hadn’t fallen ill.”
Alain de Botton, The school of life, S 75
„Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben. Wir verfügen über alle Werkzeuge, die wir brauchen, die Gedanken und Ideen von Milliarden bemerkenswerter Köpfe und die messbaren Energien der Natur, die uns bei unserer Arbeit helfen. Und wir haben noch EINES – eine Fähigkeit, die vielleicht einzigartig unter den Lebewesen auf dem Planeten ist – uns die Zukunft vorzustellen und darauf hinzuarbeiten.”
David Attenborough
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Wir stecken in einer Art emotionaler, relationaler und spiritueller Krise, und das ist die Ursache unserer politischen Dysfunktion und der allgemeinen Krise unserer Demokratie. Was geht hier vor sich?
David Brooks, „How America got mean” The Atlantic
Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.
Antonio Gramsci, ital. Politiker (1891-1937)
Hat die Demokratie noch eine Zukunft? Das fragen wir uns heute alle. Ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis der Hasspopulismus alle europäischen Länder übernommen hat? Die Verfassung zersägt und ein weltweites Imperium des Bösen errichtet, mit Trump und Putin an der Spitze und grölenden Massen als Hasstreiber?
Wird die Zivilisations-Geschichte wieder auf ihren hässlichen, mörderischen Kurs zurückfallen? Auf den Kurs der Tyrannei, Unterdrückung und der Kriege?
Ist der nächste Faschismus unvermeidbar?
Bei solchen Fragen besteht die Gefahr der Angst-Komplizenschaft. Man starrt in einer Art Trance auf eine Wand, auf der nur die Bilder von Faschismus, KZ und Weltenbrand flackern. Angst verblendet uns, macht uns blind für die Komplexität und den Wandel der Welt. Sie macht uns irgendwann zu Komplizen des Gefürchteten. Self-fulfilling prophecy …
Meine These:
Die Demokratie as we knew it, ist tatsächlich am Ende.
Aber das ist nicht das Ende der Demokratie.
Im Gegenteil.
Demokratie, revisited
Was IST eigentlich Demokratie? Eines ist sie eben nicht: die „Herrschaft des Volkes“. Als solche aber wird sie immer gerne missverstanden. Und im Hassdiskurs des Populismus umgedeutet.
Ein „Volk“ setzt immer eine Einheitlichkeit voraus. Eine „Identität“, die sich machtmäßig manipulieren lässt. Der Volksbegriff schließt aus und konstruiert Feinde, um ein hermetisches „WIR“ stabilisieren zu können. Genau DAGEGEN wurde die moderne Demokratie unter langen Kämpfen entwickelt: als Methode, die Gesellschaft vor zu viel Machtwillen und Formungsmacht zu schützen.
Ein Kern der Demokratie ist das Repräsentationsprinzip. Durch die Wahl leihen wir unsere Stimme bestimmten Personen. Aber in einer echten Demokratie verpflichten wir unsere Repräsentanten nicht nur auf unsere eigenen Interessen. Sondern auch auf etwas Höheres: „das Gemeinwohl“. Demokratie bedarf also einer Abstraktionsleistung vom „Ich“ zum „Wir“, von den eigenen Interessen und Nöten zu den gemeinsamen Zielen. Und sie benötigt eine Zukunfts-Dimension: Der Wohlstand der Gesellschaft soll erhalten werden, etwas Besseres soll entstehen. Fortschritt. Das ist die Aufgabe der Demokratie: Sie konstruiert mit den Mitteln der Politik Wandlungsprozesse, und dafür braucht sie eine Idee der Zukunft, des Besseren FÜR ALLE.
Demokratie setzt allerdings Dinge voraus, die sie von sich selbst aus nicht garantieren kann:
Eine gewisse Distanz zwischen „Masse und Macht“ (Repräsentationsprinzip).
Ein grundlegendes Vertrauen in diejenigen, denen wir unsere Stimme leihen – auch in diejenigen, die wir NICHT gewählt haben, also in die Opposition.
Konfliktstrategien, die sich entlang bestimmter Formen bewegen (Diskurs, Argument, Reversibilität).
Die Akzeptanz von regelnden Institutionen, die sich gegenseitig kontrollieren.
Ein Maßhalten mit den eigenen Ansprüchen.
Respekt vor dem Mehrheitsprinzip UND dem gleichzeitigen Schutz der Minderheiten.
Begrenzung des Einflusses wirtschaftlicher Machtinteressen auf die Politik (Korruptionsgesetze).
Heute scheinen alle diese Grundlagen in Gefahr zu sein. Dabei wird eine grundsätzliche Paradoxie der Demokratie freigelegt: Demokratische Strukturen sind dazu geschaffen, Macht ständig so zu zerlegen, zu zersplittern, zu relativieren, dass nie Endgültiges oder Irreversibles entsteht. Das Wort „Gewaltenteilung“ bringt es auf den Punkt. Demokratie ist im Grunde eine Organisation von Machtlosigkeit. Wenn sich die Zeiten jedoch ändern – wenn Drängendes entsteht, Bedrohliches, Kränkendes – wächst das Bedürfnis nach Macht, die bedingungslos agieren, also „durchgreifen“ kann. Die Sehnsucht nach der Faust, die alles regelt, wird über-mächtig.
Das Fortschritts-Paradox
Um zu verstehen was Fortschritt eigentlich ist, müssen wir uns ein wenig mit der Spieltheorie beschäftigen. Die Gesellschaft ist nichts anderes als ein Ergebnis von Billionen und Aberbillionen von „Spielen“, Interaktionen, die zwischen Menschen, aber auch zwischen Menschen und der Natur ablaufen. Es gibt drei Sorten: Win-Win-Spiele, Nullsummenspiele und Minussummenspiele. Letztere sind Interaktionen mit negativen Folgen für beide Seiten (schlechte Scheidungen, Kriege). Bei Nullsummenspielen gewinnt nur der eine, der andere verliert (Trumps Lieblingsspiele).
Win-Win-Spiele sind die Basis des Fortschritts. Durch Interaktionen zwischen den verschiedenen Gruppen, Interessen und Individuen entstehen bei diesen mehr Vorteile FÜR ALLE. Eine Art Nettogewinn. Das geschieht in fairen Märkten, intelligenter Kooperation, in der Liebe, in der Kunst, die etwas bewegt.
Durch Win-Win-Spiele wird der Möglichkeitsraum der Gesellschaft erweitert, was zu neuen Freiheiten führt. Die Geschichte des Fortschritts ist genau das: Immer mehr Menschen kamen in den Genuss von Bildung (das Spiel des Wissens), Gesundheit, Verwirklichungs-Chancen, Sicherheiten und Optionen, ihr eigenes Leben zu gestalten. Dadurch entsteht eine komplexe, von Millionen von Interaktionen zusammengehaltene Struktur von Wechselwirkungen. Ab einem gewissen Punkt dieses Spiels entstehen allerdings Komplexitätsüberschüsse, die zu Paradoxien führen, die nicht mehr ohne Weiteres aufgelöst werden können.
Nehmen wir die Migrationsfrage. Unser industrieller Wohlstand basiert weitgehend auf Wanderungen. Schon immer haben sich arme Menschen aus der Armuts-Sesshaftigkeit auf den Weg gemacht, um ihre Arbeitskraft in der Fremde zu verkaufen (in der Vormoderne wurden sie versklavt). Das war weitgehend ein Win-Win-Spiel, weil Menschen aus dem Elend entfliehen konnten, und die Ankommenden den vorhandenen Wohlstand mehrten. Im Mittelalter trieb es Ethnien und Kulturen quer über den Kontinent, die sich irgendwann niederließen und mit Fleiß und Geschick neue Möglichkeiten schufen. Das Ruhrgebiet wurde schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Menschen aus dem Osten Europas besiedelt, die heute die Bevölkerung bilden. In deutschen Krankenhäusern arbeiten heute alle Nationalitäten der Erde. Die Integrationsprozesse sind oft hart, kulturelle Reibungen sind unvermeidlich. Aber das ist das Erfolgsgeheimnis des modernen Wohlstands: Das Spielfeld der Wirtschaft, der Kultur, wird erweitert. Mehr Komplexität ist möglich.
Die Kontexte von „Migration“ haben sich in den Globalisierungsschüben der letzten Jahrzehnte jedoch stark verändert. Die weltweite Mobilität ist gestiegen, durch den Flugverkehr und die globalen Medien, die die Verlockungen des Wohlstands in die ganze Welt tragen. Warum sollten arme Menschen NICHT versuchen, Chancen in anderen Ländern zu suchen? Nun wird Migration auch noch von Diktatoren funktionalisiert – als Waffe zur Destabilisierung der Demokratien. Die Möglichkeit von Asyl in wohlhabenden Ländern ist für jeden Diktator eine Carte blanche, ein gutes Instrument, die Opposition loszuwerden.
Die offene Gesellschaft stößt nun auf ein moralisches Dilemma. Sie braucht neue Arbeitskräfte, aber viele Menschen fühlen sich in den Modernisierungsschüben benachteiligt. Es gibt sozusagen zweimal Flüchtlinge: Die von Außen, die nach Teilhabe und Lebenschancen suchen. Und die von innen, die vor den Anforderungen der modernen Gesellschaft in Wut-Enklaven flüchten. So entsteht ein Dilemma, eine Spannung, die irgendwann Verrücktheit und Verbrechen erzeugt.
Wie kann man diesen Konflikt lösen? Wenn man ehrlich ist: Gar nicht. Jedenfalls nicht endgültig. Auch wenn man versucht, nur die „guten“ Migranten zu selektieren, wird man keinen endgültigen Erfolg haben. Migrationsgesellschaften entwickeln immer auch kulturelle Konflikte, Reibungen, die produktiv wie destruktiv sein können. Man kann den Konflikt nur so gut wie möglich einhegen, ausbalancieren, und ja doch: verwalten. Aber genau das kann in einer Erregungs- und Anspruchskultur nicht mehr akzeptiert werden. Kompromisse? Abwägungen? Unmöglich!
„Wenn es ein Signum der heutigen Kultur gibt, dann ist es ohne Zweifel die exponentielle Ausweitung der Sprecherpositionen.“ schreibt der Soziologe Armin Nassehi in seinem Buch „Das große Nein“ (S. 37). Heute kann sich jede Gruppe, Lobby, Pressure-group in einer hypermedialen Öffentlichkeit lautstark zu Wort melden, um ihre eigenen (egoistischen) Interessen einzuklagen. Jeder hat zu allem eine Meinung, und diese Meinung wird ständig medial verstärkt, bis sie zu einem einzigen brüllenden NEIN geworden ist.
„Der Hass, den die Menschen gegenüber Privilegien empfinden, wächst im Verhältnis zur Abnahme dieser Privilegien, so dass die demokratischen Leidenschaften am heftigsten zu lodern scheinen, wenn sie am wenigsten Brennmaterial haben.”
Der französische Publizist und Politiker Alexis de Toqueville, 1855, über das Demokratie-Paradox
Der Deliverismus oder die Erwartungskrise
Die heutige Krise der Demokratie ist vor allem eine Erwartungskrise. Der Soziologe Andreas Reckwitz führt in seinem Buch „Verlust: Ein Grundproblem der Moderne“ aus, wie moderne Wohlstandsgesellschaften immer weniger mit Verlusten umgehen können, die aber gerade in Wohlstandsgesellschaften unvermeidlich sind. Wohlstandszuwachs führt zu einem Schaukeleffekt: Je höher der Wohlstand steigt, desto höher werden ja die Ansprüche an Ungestörtheit, Perfektion, Komfortabilität. Gleichzeitig wachsen die Ängste vor Verlusten aller Art immer steiler in die Höhe.
„Die Politik muss endlich liefern !!!“ ist der meistgehörte Satz in allen Talkshows, Kommentaren und Stammtischen der Republik. In der angelsächsischen Politikdebatte nennt man das „Deliverismus“: Politiker geraten in eine Art Zwangsspirale, und der Bürger wird immer mehr zum Konsumenten, der jedes „Paket“ zurückschickt, weil es ihm irgendwie nicht gefällt. Politiker sitzen in einer Anspruchsspirale: MÜSSEN immer höhere Versprechen machen, um überhaupt noch kommunikativ durchzudringen. Sie müssen ständig den Einsatz erhöhen, aber gerade dadurch werden sie immer angreifbarer. Viele Interviews, die Journalisten heute mit Politikern führen, ähneln einem Verhör: Was haben Sie versprochen? Wann werden Sie liefern? Ist das etwa genug? So ging man früher mit Dienstboten um. Mit Subalternen.
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Erwartungsexpansion
In der modernen Gesellschaft beziehen sich Verlusterfahrungen nicht allein auf das, was man im Verhältnis zur Vergangenheit verloren hat, sondern sie betreffen in erheblichem Umfang auch den Raum der Zukunftserwartungen. Damit tut sich ein weites Feld zusätzlicher Möglichkeiten dessen auf, was alles als Verlust beklagt werden kann. Dass sich in hohem Ausmaß positive Zukunftserwartungen mit Blick auf die Ökonomie, die Politik, die Techni und die subjektive Lebensführung ausbilden, ist ein Resultat der Institutionalisierung des Fortschrittimperativs. In der modernen Gesellschaft findet so eine Erwartungexpansion historisch ungewöhnlichen Ausmaßes statt. Erwartungen haben jedoch grundsätzlich die Eigenschaft, enttäuschungsanfällig zu sein. Wenn solche Erwartungenttäuschungen sich akkumulieren und verfestigen, dann sich die Erfahrung eines grundsätzlichen Verlusts der Zukunftshoffnungen einstellen, die man hegte: ein Zukunftsverlust. Je höher die Erwartungen steigen, umso größer wird die Verlustaffinität. Wie wir bereits gesehen haben, sind für die moderne Erwartungsexpansion drei Elemente charakteristisch, die zusammengenommen die Möglichkeit von Verlustwahrnehmungen potenzieren.
Der deutsche Philosoph Odo Marquard hat einmal das „Fahrstuhlproblem“ beschrieben. „Während wir in Sachen Komfort, Wohlstand, Sicherheit immer weiter nach oben fahren, scheint die Welt nach unten, ins Prekäre durchzusacken.“ Dahinter steht die „Prospect Theory“ – die Erwartungstheorie. Der Grenznutzen von Wohlstands-Zuwächsen nimmt ständig ab. Die Unzufriedenheit steigt paradox ins Bodenlose. Alles wird zu einem Abwärtsvergleich. Alles wird immer schlechter, weil es noch viel besser hätte werden müssen! Unser Erwartungssystem ignoriert die Errungenschaften und übertreibt maßlos die Defizite. Aus diesem tiefen Fass speisen sich die Strudel und Ströme des Wutpopulismus.
Populisten sind Meister der Wortverdrehung. Gestern war Freiheit noch ein Hoffnungsbegriff. Heute ist Freiheit plötzlich die Möglichkeit, jede Unverschämtheit, Gemeinheit und Gewaltandrohung zu platzieren. Aus Energieanlagen, die uns helfen können, den Planeten nicht zu überhitzen, werden „Windmühlen der Schande“. Flood the area with shit.
Gleichzeitig fehlen uns Worte, die uns helfen könnten, eine Gelassenheit des Wandels zu bewahren. So sind zum Beispiel zwei Vokabeln weitgehend aus dem demokratischen Diskurs verschwunden:
REFORM
und
EMANZIPATION
Der Begriff Reform handelt von der Idee der graduellen Veränderbarkeit der Dinge – der schrittweisen Verbesserung, die nicht absolut sein kann, aber auch nicht sein muss, denn es handelt sich ja um einen andauernden Prozess. Parteien warben früher mit „Reformprogrammen“, und das machte Appetit auf das Bessere. Heute bringt der Begriff nur müdes Hohnlachen hervor. Lieber gleich Revolution! Disruption! Umsturz! Weg damit!
Echte Veränderung vollzieht sich jedoch immer in kleinen, rückgekoppelten Schritten. Eine Art Wandel-Tanz. Der Soziologe Armin Nassehi formulierte das in seinem bereits erwähnten Buch „Das große Nein“ so:
„Am Beispiel des Wandels der Geschlechtertoleranzen kann man sehen, dass Neues, Ungewohntes, Transformatives sich nicht disruptiv durchsetzt, sondern evolutionär. Es muss sich bewähren können. Restabilisieren, seinen Überraschungswert verlieren können, normalisieren.“
In den 70ern und 80er Jahren, der Zeitspanne des Aufbruchs, wurden viele Gesetze reformiert: Vom Familienrecht über das Erbschaftsrecht bis zum Scheidungsrecht. Die Legislative hörte der Gesellschaft und ihrem Wandel zu. Und formte daraus neue Regeln, die wiederum die Gesellschaft von innen heraus veränderten.
Ähnlich funktioniert(e) das Wort Emanzipation. Bei diesem eleganten Begriff ging es um Befreiung von alten Zwängen, Normen, Rollenbildern. Aber emanzipieren kann und muss man sich nicht nur VON etwas, sondern auch ZU etwas. Zur Freiheit gehört auch ein Selbst-Wandel, bei dem wir in eine neue Verantwortung, eine neue Größe hineinwachsen. Genau diese positive Doppelbedeutung machte den Begriff so romantisch, so wirkmächtig. Diese Emotion handelte von einer Geschichte des inneren Aufstiegs.
Heute hat das Opferdenken weitgehend den Emanzipationsgedanken ersetzt. Jeder beschwert sich nur noch über seine Unterdrückung, seine Defizite, die immer nur von außen kommen. Alle sind nur passive Opfer von „Denen Da Oben“. Oder „den Eliten“. Niemand scheint mehr einen Anteil an sich selbst zu haben. Political Correctness fordert Regeln ein, die einen schützen sollen, aber den Respekt gleichzeitig in ein neues Norm-Verhältnis zwingen. Doch wenn etwas zur Norm gezwungen wird, kann es sich eben nicht in der gelebten Erfahrung normalisieren.
Das aus dem Lot geratene Spiel zwischen Freiheit und Verantwortung findet sich in den heutigen politischen Parolen wieder. Nehmen wir den „Bürokratieabbau“. Dieses Wort, dass so süffig klingt, hat fatale Nebenwirkungen. Es führt dazu, dass man Verwaltungen, Institutionen, Regelsysteme, als Ganzes abwertet. Nicht nur, dass das Millionen von Mitarbeitern in Behörden zu Parias und Taugenichtsen erklärt – ganz im Sinne von Elon Musks Abschaffungs-Furor. Es ignoriert auch, dass wir als Bürger mitverantwortlich für das sind, was wir da beklagen.
„Bürokratien“ entstehen nicht, weil sich „Staatsdiener“ oder „Bürokraten in Brüssel“ neue Folterwerkzeuge zur Knechtung der Bürger ausdenken. „Bürokratie“ ist das Ergebnis zahlloser Einwände und Widersprüche, die Konflikte regeln und verrechtlichen sollen. Der Nachbar will den Baum des Nachbarn fällen lassen – und fordert neue Regelungen. Der Verein zur Erhaltung des deutschen Gartenzwerges fordert eine Norm für Zipfelmützen gegen chinesische Importe – und so fort. Rund um die Uhr werden neue Regelungen, Vergütungen, Ausnahmen gefordert, von juristisch bis an die Zähne bewaffneten Lobbys. It‘s the society, stupid!
Nehmen wir als Beispiel die Bauernrevolten in vielen europäischen Ländern. Es brannten die Barrikaden, weil ein Teil der Bauern militant gegen „die staatliche Bürokratie“ polemisierte. Vorwiegend ging es um die Berichtspflicht bei Tierhaltungen, die Registrierung von Krankheiten, Antibiotikagaben, Gülleverklappungen. Oder um Rückhalteflächen für ökologische Vielfalt. All das war ein Versuch, die wiederkehrenden grausigen Exzesse bei der Tierhaltung einzudämmen. Die Behörden hatten sich für Berichtspflichten entschieden, weil sie nicht mit Polizei und Strafbefehlen in die Bauernhöfe einmarschieren wollten.
Man kann das falsch finden – wahrscheinlich ist der harte Weg über Verbote, Kontrollen und Strafen, am Ende doch der Richtige. Aber in einer lebendigen Demokratie sollte es eine Grundregel geben: Wer gegen Institutionen argumentiert, sollte zumindest die Probleme, die sie zu lösen versuchen, anerkennen. Zwischen der Freiheit des Einzelnen und dem Gemeingut existiert eine Spannung, mit der Behörden umgehen müssen. Bürokratie ist eben auch ein Teil von Lösungen – es kommt darauf an, sie elegant zu gestalten.
Der Parteien-Schwurbel
Eine Grundform der Demokratie fasst sich in der „Partei“. Parteien repräsentieren Ideen der sozialen Organisation. Sie bilden Erkenntnis – und Interessensräume, in denen sich Gestaltungsformen der Zukunft entwickeln lassen.
Allerdings scheint dieser Formungsprozess nicht mehr gut zu funktionieren. Wenn man die Parteivertreter in den Talkshows beobachtet, merkt man schnell, dass etwas nicht mehr stimmt. Alle reden unentwegt durcheinander, und man hat den Eindruck, dass sie oft nicht wissen, was sie sagen sollen. Es herrscht eine seltsame Art von Konfusion, in der unentwegt alte Parolen und „Stanzen“ wiederholt werden, die irgendwie nicht mehr zueinander und in die Zeit passen.
Die alten politischen Narrative der Industriegesellschaft sind auserzählt – aber sie rattern unaufhörlich weiter. Ungerechtigkeit muss weg. Die Reichen sollen mehr besteuert werden. Preise müssen runter. Der „kleine Mann“ hat immer recht. Die Wirtschaft muss beschleunigt und befreit werden. All diese Forderungen wirken im Grunde hilflos, unterkomplex. Natürlich kann man eine Vermögenssteuer für Superreiche einführen. Aber würde das tatsächlich die erhoffte Veränderung bringen? Ist die (angebliche) Superkrise der Wirtschaft wirklich „gelöst“, wenn wieder alle im Stil der alten Malocher-Gesellschaft arbeiten? Mit den Denkweisen und Methoden der Vergangenheit schießt man auf die Gegenwart – und verhindert so die Zukunft.
Unser politisches Achsen-System ist auf eine veraltete Weise binär geblieben. Das Links-Rechts-Schema ist nach der Sitzordnung des französischen Parlaments nach der Revolution von 1789 geformt. In den Klassengesellschaften des aufsteigenden Industrialismus hatte das Wechselspiel zwischen Rechts und Links seine Berechtigung, es führte zu einer komplexen Evolution. Wir erinnern uns: Links = Umverteilung, Kontrolle der Wirtschaft, Starker Staat. Rechts = Ordnungsbetonung, kultureller Konservativismus, Wirtschaftsorientierung.
Heute sind Rechte anarchistisch-rebellisch und wollen zusammen mit hyperlibertären Clowns den Staat abschaffen. Linke wirken dagegen bisweilen als hätten sie einen Dauerschlips an. Man spricht auch vom „Hufeisensyndrom“: Es gibt inzwischen rechte Linksparteien und illiberale Liberalparteien. Und ständig kommen neue bizarre Kombinationen dazu:
* Anarchistischer Kapitalismus (Elon Musk)
* Kollektiver Egoismus (ein Wort von Bernd Ulrich, DIE ZEIT).
* Liberaler Autoritarismus.
* Wie wäre es mit Demokratischem Faschismus?
Was machen wir mit dieser Verschwurbelung der politischen Grenzlinien? Ich schlage vor, wir verschwurbeln erstmal richtig, statt hektisch in die alten Frontlinien und Schützengräben zurück zu flüchten.
Ich fühle mich inzwischen als eine Art Multiwähler. Ich finde eigentlich alle Parteien des demokratischen Bogens gut. Ich finde Sozialdemokratie wichtig – eine Balancekraft zwischen Wirtschaft und Staat. Aber auch die Grünen, die mit ihrem Naturverhältnis einen wichtigen Punkt markieren. Die Konservativen sind unabdingbar, weil sie auf Bewahrungen beharren, auf Kontinuitäten, die wir brauchen. Auch die Liberalen sind unverzichtbar, denn ohne Freiheit kann nichts werden.
All das sind legitime Perspektiven, die man auf die Gesellschaft haben kann. Falsch werden sie erst, wenn man sie aufs Ausschließliche verengt. Gesellschaft ist eben mehr als Wirtschaft. Gerechtigkeit mehr als Umverteilung. Ökologie mehr als Konsumverzicht.
In den USA boomt die Wirtschaft. Aber die Gesellschaft scheint sich ins Unglück zu verkriechen. Und die Demokratie zerfällt.
Das alte Denken wirkt nicht mehr in die Zukunft hinein.
Die Politik hat ihre Poesie verloren.
Manchmal wünsche ich mir so etwas wie eine Multipartei. Nein, nicht EINHEITSpartei. Sondern eine VIELFALTS-Partei, die das Widersprüchliche im Sinne der Zukunft VERBINDEN kann: Das Ökonomische mit dem Ökologischen. Das Liberale mit dem Sozialen. Das Wirtschaftliche mit dem Kulturellen. Das Fortschrittliche mit dem Bewahrenden. Das Autonome mit dem Verbindenden. War Politik nicht immer dann stabil und erfolgreich, wenn sie genau das fertigbrachte?
Was wäre, wenn es nur noch ZWEI Sorten von Politik gäbe: Konstruktive Politik
und Destruktive Politik.
Destruktive Politik sucht nach den Schnittstellen. Und versucht sie für Spaltungen zu nutzen.
Konstruktive Politik achtet die Teilmengen. Sie versucht, das Gemeinsame zu erweitern.
Destruktive Politik arbeitet nur mit dem DAGEGEN.
Konstruktive Politik betont das DAFÜR.
Destruktive Politik treibt durch Entweder-oder-Logik Keile in die Gesellschaft.
Konstruktive Politik funktioniert im Sowohl-als-auch Modus.
Destruktive Politik stellt immerzu nur die Machtfrage, im Sinne der MachtERGREIFUNG.
Konstruktive Politik sieht Politik als Raum des Zusammenwirkens.
Eine neue Aufteilung des Parteienspektrums müsste sozusagen den Emotionsgrad berücksichtigen, mit dem eine Partei im Kommunikations- und Diskursraum agiert. Etwa so (finden Sie Ihre eigenen Positionierungen):
Next Democracy
Hat die Demokratie „in dieser Welt“ überhaupt noch irgendeine Zukunft?
Zunächst sollten wir ihre Widerstandsfähigkeit nicht unterschätzen. In einer Studie zur Autokratisierung hat ein englisches Wissenschaftler-Team herausgefunden, dass die Drift von Demokratien in autoritäre Verhältnisse in den wenigsten Fällen dauerhaft ist. Vielmehr bewegt sich die Entwicklung in einer Art Schleife. Die Wissenschaftler schreiben:
„Unsere Analyse bietet einen systematischen empirischen Überblick über Muster und Entwicklungen von „demokratischen Rückfällen”. Ein wichtiges Ergebnis ist, dass 52 % aller Autokratisierungs-Episoden zu U-Turns werden, was sich auf 73 % erhöht, wenn man sich auf die letzten 30 Jahre konzentriert. Die überwiegende Mehrheit der Kehrtwenden (90 %) führt jedoch zu einer Wiederherstellung oder sogar Verbesserung der Demokratie… Die Autokratisierungs-Episoden dauerten im Durchschnitt nur 2,5 Jahre, gefolgt von einer 2,5-jährigen Stillstands-Periode, die in einer Re-Demokratisierung endeten; nach durchschnittlich weiteren drei Jahren standen die Länder höher im Demokratie-Ranking des World Democracy Index als vor der Autokratisierung.
Marina Nord, Fabio Angiolillo. Martin Lundstedt. Felix Wiebrecht. Staffan I. Lindberg: When autocratization is reversed: episodes of U-Turns since 1900
https://www.tandfonline.com/doi/epdf/10.1080/13510347.2024.2448742
Vor lauter Trump-Panik und AfD/FPÖ-Getöse nehmen wir solche demokratische Erholungen kaum wahr. Dass in Sambia und auf den Malediven autoritäre Regimes wieder abtraten, in Bangladesh eine Despotie auf glückliche Weise beendet wurde, das ist weit weg. Dass in Slowenien und Dänemark radikale Nationalisten die Wahl verloren, in Polen sich das Liberale regeneriert oder dass Brasilien seinen populistischen Tyrannen abschüttelte, bleibt in unserem überhitzten Wahrnehmungssystem weitgehend unbemerkt. Auch die erstaunliche Wende in Syrien verbuchen wir irgendwie nicht auf der positiven Seite – ist alles zu schrecklich und zu kompliziert. Auf diese Weise sind wir dem Populismus auf den Leim gekrochen, der uns suggeriert, unbesiegbar und unaufhaltbar zu sein.
Um die Zukunft der Demokratie zu verstehen, müssen wir „von vorne“ denken lernen: Aus der möglichen Zukunft heraus, in der sich Demokratien bewähren, indem sie sich verwandeln. Wovon können wir uns dabei inspirieren lassen?
Das Schweiz-Prinzip
Das demokratische System der Schweiz ist nicht am Reißbrett entworfen worden, sondern hat sich in harten Konflikten entwickelt; es ist ein Beispiel für „Evolution durch Krisen“. Das Schweizer Demokratiemodell basiert auf einer Macht-Schichtung, die der lokalen Ebene die höchste Verfügungsmacht zuweist – die Kantone haben sogar weitgehende Steuersouveränität. Der eigentliche Nationalstaat erscheint schwach, wie ein Verwaltungs-Konsortium. Aber das macht gerade seine Stärke aus: Die direkte Demokratie ist äußerst talentiert darin, gesellschaftliche Konflikte zu verarbeiten, indem sie diese zur Abstimmung stellt. Es ist ein Bottom-Up-Feedback-System, das sich selbst stabilisiert.
Schweizer Behörden arbeiten sparsam, aber effektiv – der Bürger ist tatsächlich Kunde, und benimmt sich auch so. Im Zentrum der Schweizer Regierungsform liegt das sogenannte „Konkordatssystem“. ALLE gewählten Parteien stellen die Regierung. Das dämpft den Polarisierungseffekt. In diesen Strukturen entsteht eine stabilisierende Rückkoppelung: Wer langfristig an der Macht bleiben will, der teilt sie.
Expertenregierungen
Politiker ist ein Spezialberuf, der heute eigentlich niemandem mehr zuzumuten ist – als Politiker wird man meistens nur verachtet, verhört und schließlich undankbar vom Hof verjagt. Auffällig ist, dass Regierungen – etwa in Frankreich und Österreich – in denen statt Politikern Fach-Experten saßen, viel weniger Verachtung und mehr Anerkennung erfuhren.
Expertenregierungen werden einberufen, wenn das Land aufgrund unmöglicher Mehrheit vorübergehend unregierbar wird. Könnte daraus auch ein „Normalbetrieb“ werden? Wie viel negative Energie könnte sich die Demokratie ersparen, wenn die Teilnehmer nicht im Raum der moralischen Erregung, sondern entlang von Kompetenzen und Erfahrungen argumentieren ließen? Vielleicht könnte für Expertenpolitiker sogar ein globaler „Markt“ entstehen, ähnlich wie der für Fußballtrainer … Mario Draghi for Germany!
Buntkoalitionen
In Benelux und in immer mehr kleinen Ländern sitzen zehn bis zwölf Parteien im Parlament. Das macht Koalitionsgespräche zu einem langwierigen Projekt.
In Belgien merkte in den Jahren 2019 – 2022 niemand, dass sich gar keine Regierung mehr bildete. Das Land funktionierte trotzdem.
Was sagt uns das? Hat Unregierbarkeit womöglich irgendwelche Vorteile?
In vielen Ländern kommen immer mehr „Sonderparteien“ ins Parlament: Tierparteien, Piratenparteien, Behindertenparteien, Parteien für die Einführung alltäglicher Meditation, Witzparteien… Vielleicht wird es in dieser interessensbasierten Vielfalt sogar wieder leichter, die notwendigen Kompromisse und Verständigungen zu finden. Man konkurriert ja nicht um Ideologien, sondern um Interessen. Zwischen diesen ist ein pragmatischer Kompromiss womöglich einfacher zu finden. Eine ähnlich disziplinierende Funktion können auch Minderheitenregierungen haben.
Herz-Jesu-Politik
Die ständige Dauerforderung an die Politik lautet, dass sie sich „kümmern“ muss. Sie soll die Menschen „abholen“ (was im Kontext rechtsradikaler Rhetorik etwas Gruseliges hat). In einigen Städten Österreichs regieren seit Jahren „kommunistische“ Parteien, die sich auf den Kern eines historisch gewachsenen Linkskatholizismus beziehen. Hier herrscht der Segen der praktischen Barmherzigkeit: Ständig werden von der Stadtregierung Altersheime besucht, Behindertenorganisationen gelobt, Gemeindebauten mit milden Gaben bedacht, Hilfsaktionen für Arme gestartet. Die Politik übernimmt die Aufgaben der Kirche von früher. Das schafft womöglich mehr Raum für die Zivilgesellschaft, die nicht mehr durch Lager-Wahlkämpfe und ideologische Kämpfe zerrissen wird. Könnte man sich eine solche Care-Demokratie als eine neue Form des Sozialstaats vorstellen?
Kybernetische Demokratien
Die CDU kann mit den Grünen außenpolitisch. Aber sonst überhaupt nicht. Die Linken hassen die Liberalen, obwohl sie in vielen Bereichen liberal denken. Die Liberalen liebäugeln mit den woken Minderheiten, aber nicht mit dem Wokismus. Die SPD glaubt, die beste Partei von allen zu sein, weil sie die „Gerechtigkeit“ avisiert. Aber Gerechtigkeit ist ein Schwammbegriff, der sich mit allen möglichen Forderungen und Erregungen aufladen lässt.
Wäre ein politisches Sortiersystem möglich, mit dem man Wahlmotive „stapeln“ kann, etwa indem man bei einer Wahl Punkte verteilen oder direkt bestimmte „Issues“ abstimmen kann, anstatt Parteien zu wählen, mit denen man nur zu maximal 30 Prozent übereinstimmt? Hier wäre eine sinnvolle Aufgabe für die Künstliche Intelligenz: Sie könnte dabei helfen, unsere politische Intelligenz zu verbessern, indem sie den Political Mind strukturiert. Auf digitalem Wege könnte man eine echte Interessens-Demokratie entwickeln. Basisdemokratisch digital. Allerdings würden wir dabei schnell auf die Erkenntnis stoßen, dass unsere Wünsche paradox sind: Wir wollen, wenn wir ehrlich sind, immer genau DAS. Und gleichzeitig genau das Gegenteil …
Neoparteien
Es hat in den letzten Jahrzehnten einige Versuche gegeben, das Rechts-Links-Schema zu überwinden. Durch Bewegungsparteien wie die Piraten oder die „Fünf Sterne“ in Italien, die ziemlich schnell an ihrer eigenen Chaotik scheiterten. Im Norden entwickelten sich die „Moderaten“ als Brückenparteien zwischen den Flügeln. Sind neue Parteien wie VOLT (die erste transeuropäische Partei) oder die NEOS (Österreich) als neo-neoliberale Partei die Lösung? Vielleicht. Vielleicht aber muss das Parteiensystem erst einmal vollständig demontiert werden, bevor etwas wirklich Neues entstehen kann.
Der Nordic Code
Und dann gibt es im Norden Europas noch jene Länder, die sich gegenüber dem populistischen Megashitstorm als erstaunlich robust erweisen. Was machte den „Nordischen Code“ so attraktiv?
Ein kräftig ausgebauter Sozialstaat, der ständig weiterentwickelt und reformiert wird.
Eine hohe Integration der Frauen auch in die wirtschaftlichen Hierarchien und die Politik.
Ein Individualismus, der sozial rückgekoppelt ist, verbunden mit einer liberalen Grundhaltung gegenüber Lebensstilen und Lebensverhältnissen.
Eine hochtechnisierte Wirtschaft, die Produktivitätsfortschritte generiert, die die hohen Löhne kompensieren können.
Eine sehr aktive Zivilgesellschaft, die ihre Wurzeln in alten Gemeinde-Strukturen und Bildungs-Systemen hat.
Natürlich gibt es Rechtspopulismus auch in den Nordländern. Aber er erreicht irgendwie nicht den Kern der Demokratie. Auf die populistische Herausforderung reagierten die Skandi-Länder mit einer Art pragmatischer Gummi-Strategie. Zum Beispiel die Migrations-Politik der dänischen Sozialdemokraten, die eine konsequente Law-and-Order-Ausländerpolitik durchsetzte, ohne den Kern von Weltoffenheit und Toleranz zu beschädigen. Heute sind die Wahlanteile der Rechtsradikalen in Dänemark kräftig geschrumpft, und die Brüllerei im Parlament wirkt irgendwie von gestern. Die Dänen einigten sich auf vielerlei Klimaschutzgesetze, unter anderem auf eine CO2-Steuer für die Landwirtschaft. Der Anteil erneuerbarer Energie liegt bei 83 Prozent. Klimaschutz wird nicht spaltend betrieben, sondern „entdeckungsvergnügt, smart, elegant“ (DIE ZEIT vom 13. 2. 2025, „Klimaschutz in gut gelaunt“). In der Filmserie „Borgen“ wird der Hintergrund dieser Entwicklung in den Nuller Jahren nachgezeichnet, als die dänischen Rechten plötzlich sehr stark wurden, weil das dänische Toleranzsystem aus dem Ruder geriet. Toleranz, so die schmerzliche Erkenntnis, öffnet auch allen möglichen Entgrenzungen und Missbräuchen Tür und Tor. Wer darauf nicht reagiert, verliert das politische Spiel.
Diese Erkenntnis hat Skandinavien auch in seine Sozialsysteme eingebaut. Staatliche Versorgungssysteme sind durch private Systeme ergänzt, die aber wiederum staatlich reguliert werden. Sozialmissbrauch wird systemisch bekämpft, und niemand bezweifelt, dass es diesen gibt. So ist etwa der Kündigungsschutz fast gleich null, so dass den Unternehmen viel Freiheit bleibt, Mitarbeiter zu entlassen. Allerdings geraten die Entlassenen sofort in ein „Bouncing Net“ des Sozialstaats, das auf massiven Förderungen und einer üppigen Umschulungsbranche basiert.
Das Grundmodell der skandinavischen Gesellschaft ist auf einem verantworteten Individualismus aufgebaut, der den Bürger nicht nur einfach machen lässt, sondern ihn auch in die Pflicht nimmt. Opfergejammer ist unbeliebt. Der Zauber des „Nordic Code“ liegt in der virtuosen Verbindung zwischen gesellschaftlicher, staatlicher und wirtschaftlicher Sphäre. Einem gesellschaftlichen Meta-Design, das die Paradoxien der modernen Welt ständig in neue dynamische Gleichgewichte adaptiert.
The Listening Society
Einer der wenigen utopischen Ansätze der Demokratie hat auch hier, in Skandinavien, seinen Ursprung: Die Coaching-Gesellschaft. Oder auch: „The Listening Society“. Die Gesellschaft des Zuhörens.
Im Rahmen des METAMODERNISMUS – einer neuen historischen Philosophie, die derzeit in einem weltweiten Netzwerk intellektueller Vorwärtsdenker entwickelt wird – handelt es sich um den Versuch, die nächste Stufe der demokratischen Wohlstands-Gesellschaft Demokratie vorzudenken. Als neues Element einer Zukunfts-Gesellschaft vertritt dieses Modell die Idee eines „human upgrading“. Ziel ist es, mehr Selbstkompetenz bei den Individuen zu schaffen, und die Individualisierung als soziale Kompetenz-Anforderung zu verstehen. Zitat:
Jeder sollte die Möglichkeit haben, während des Heranwachsens mit einem freundlichen, zuhörenden professionellen Therapeuten über seine Lebensziele und seine Zukunftsbilder zu sprechen.
Jeder sollte lernen, sowohl Achtsamkeits-Training wie auch Meditations-Techniken zu lernen, um besser mit Stress umgehen und mit seinen eigenen Emotionen in Kontakt zu kommen.
Jeder sollte von klein auf gutes Fitnesstraining bekommen, damit er mit einem guten Körperbewusstsein, einem positiven Körperbild, und mit gesunden Gewohnheiten heranwächst.
Jeder sollte in Dialog und Argument geschult werden und die Chance bekommen, an öffentlichen Debatten oder Beratungen teilzunehmen.
Jeder sollte Hilfe bekommen, um mit der Angst vor dem Tod umzugehen und den harten Tatsachen des Lebens ins Auge blicken zu können – um uns dabei zu helfen, zu erkennen, dass unsere Zeit hier kostbar ist.
Natürlich kann man eine solche Vision leicht mit Kostenargumenten oder Elite-Vorwürfen niederkartätschen. Aber auf diese Weise wurde auch in der Vergangenheit das heutige Sozialsystem für unmöglich erklärt. Im Grunde geht es um die Erkenntnis, dass wir für eine bessere Gesellschaft, für die Demokratie der Zukunft, selbst-kompetentere Menschen brauchen. Eigentlich handelt es sich um eine Weiterentwicklung des Bildungsgedankens im ganzheitlichen Sinne: Wenn tatsächlich die menschlichen Kooperationsfähigkeiten der Schlüssel zum Wohlstand der Zukunft sind, wäre dieses Modell der logische nächste evolutionäre Schritt einer „vorsorglichen Demokratie“. Hanzi Freinacht, der Avatar des Metamodernismus, schreibt in „The Listening Society: Possible and Necessary“:
„Was in unserer Zeit fehlt, ist die Fähigkeit der Menschen, komplexe Probleme zu bewältigen, die Geduld, Wissen, Übersicht, Kreativität, gegenseitiges Vertrauen und freundliche Zusammenarbeit über Sektoren, wissenschaftliche Disziplinen, Kulturen und Subkulturen hinweg erfordern. Mit einem Wort: das Management der Komplexität.“
„What is lacking in our day and age is the ability for peo¬ple to manage complex problems that require patience, knowledge, over¬sight, creativity, mutual trust and friendly co-operation across sectors, scientific disciplines, cultures and subcultures. In a phrase: the management of complexity.“
Der Begriff Demokratie geht auf die Silbe „kratia“ = Regel zurück. Menschliche Gemeinschaften werden sich IMMER Regeln geben. Welche Varianten zeichnen sich ab? Hier noch einige Vorschläge:
Olchokratie: Pöbelherrschaft, Dominanz der Wütenden.
Lottokratie: Eine Demokratie, in der Verantwortungspositionen auch verlost werden, nach dem Vorbild der antiken Demokratien.
Gerontokratie: Die Übermacht der Alten und Verbitterten.
Herokratie: Eine Kultur, die in einer heroischen Phase steckengeblieben ist, ihre Helden vergöttert und dafür ihre Gegenwart opfert (Beispiel: Kuba).
Domokratie: Wir ziehen uns ins Haus, ins private Glück zurück, und lassen das Gemeinwohl hinter uns.
Gynaeokracy: Frauenherrschaft.
Kakistrokratie: Eine Gesellschaft des Krawalls, der Streits, aber auch der chaotischen Stabilisierung (Beispiel: Italien).
Pseudokratie: Für bestimmte Gesellschaftsformen eignen sich die klassischen Streit-Demokratien des Westens eher nicht. Das „Modell Singapur“ verbindet legislative und exekutive Strenge mit einer hohen multikulturellen Toleranz. Die arabischen Länder wie Saudi-Arabien oder VAR praktizieren eine Mischung aus Feudalstaat und (ökonomisch begründeter) Toleranz. Auch DAS ist ein Teil der demokratischen Evolution, auch wenn es vorerst noch auf einem Heer von Billigarbeitern in einem Semi-Sklavenstatus beruht.
Und dann gibt es noch eine Sonderform, die uns in den nächsten Jahren besonders beschäftigen wird:
Die Bullykratie!
Der Blogger-Ökonom Adam Tooze, hat einen wunderbaren Begriff für einen Politikstil gefunden, der sich derzeit von Westen kommend ausbreitet: Bullying. Der „Bully“, der Klassenschläger, der Gangster-Typ mit dem größten Maul, der geringsten emotionalen Intelligenz und dem schlechtesten Karma wird zum Staatschef gewählt. Seine Methode ist das Schikanieren, Erpressen und Bedrohen. Diese Methode wird von einer relativen Mehrheit der Bevölkerung bewundert und unterstützt. Weil sie erfolgversprechend erscheint.
Tooze schreibt:
„Was macht BULLYING zu einer besonderen Regierungsform? BULLYING ist nicht dasselbe wie Autoritarismus, Tyrannei, Diktatur oder Unterdrückung. BULLYING beinhaltet den Einsatz von Macht zur Demütigung sowie zur Einschüchterung, Verletzung oder Nötigung. BULLYING ist grenzüberschreitend und exzessiv. Es geht über herkömmliche Polizeistrategien, Bestrafung oder Zwang hinaus und ist dennoch weniger. Es ist weniger zielgerichtet und instrumentell als andere Machtformen. Letztendlich kann das wiederholte Herbeiführen von Demütigungen ein Selbstzweck sein. BULLYING ist gewalttätig, aber es ist nicht das Verhalten eines Meisters oder Helden.”
Tooze zitiert Hegel, der den Kampf zwischen Herr und Knecht als „Kampf zum Tode“ definiert. Beide brauchen die Anerkennung des anderen, sie sind existentiell in dieses Bedürfnis verstrickt. Es gewinnt immer derjenige, der bereit ist, seine volle Existenz zu riskieren, während der, der das Leben wählt, zum Leibeigenen/Sklaven wird. Dieses Verhältnis ist allerdings instabil. In dem Moment, in dem er in seinem Streben nach Anerkennung auch nur einen Moment nachlässt, wird der Tyrann zum Opfer einer möglichen Wendung, die unweigerlich zum Sturz führt. Shakespeare lässt grüßen.
Tooze schreibt weiter:
„Bullying kann als eine degenerierte Form dieser Dialektik betrachtet werden. Es kann die Form eines frustrierten Sklaven annehmen, der seine Mitmenschen schikaniert, ohne die grundlegende Hierarchie in Frage zu stellen. Oder es kann sich um einen gelangweilten und sadistischen Meister handeln, der den Moment der Unterwerfung nur simuliert, weil er die wirkliche Macht als Verantwortung scheut. In beiden Formen ist Bullying gewalttätig und dramatisch, aber es bringt den historischen Prozess nicht voran. Bullying schafft keine neue Ordnung, sondern schlägt nur um sich, bedroht und zerstört bestehende Dinge. In diesem Sinne ist Bullying eine sekundäre Machtform.“
Machen wir uns nichts vor: Wir werden in den nächsten Jahren durch ein dunkles Tal der Demokratie gehen. Was uns in den kommenden harten Zeiten trösten kann, ist, dass die Herrschaft solcher Gang-Mobs meistens kurzlebig ist. Die Bullys und ihre Adjutanten stolpern meistens schnell über die Schuhsenkel ihres Größenwahnes. Im Bullyismus kann viel passieren, sich aber nichts stabilisieren. Ein gutes Beispiel ist der englische Anti-Europa-Tory-Populismus, der sich mit dem Brexit selbst zersägte. Kann sich noch jemand an Boris Johnson erinnern?
Was können wir tun, um diese dunkle Zeit nicht nur zu überstehen? Ich schlage ein „Doing Future“ vor. Ein Handeln im Sinne der Zukunft. Das setzt voraus, dass wir uns aus dem Angst- und Streit-Diskurs verabschieden. Früher nannte man das „Aussteigen“, heute scheint das wieder nötig zu sein. Üben wir Demokratie von unten her, machen wir sie lebendig: In der Familie, in den Unternehmen, in der Schönheit kreativer Prozesse, in Netzwerken von Freundlichkeit und praktizierter Zuneigung. Lernen wir, konstruktiv zu sein, mit uns selbst und anderen. Unsere Gemeinsamkeiten besser zu schätzen, unsere Unterschiede zu preisen und unsere Ansprüche zu moderieren. Lang lebe die Demokratie der Zukunft!
Kleines Wörterbuch des metamodernen Demokratiediskurses
Reaktionärer Modernismus
Jeffrey Herf, ein amerikanischer Historiker, hat die Kombination aus kapitalistischem Radikalismus und gesellschaftlichem Konservatismus bereits im Jahre 1981 als reactionary modernism bezeichnet. Es geht, so Herf, um einen „grenzenlosen Enthusiasmus für die Möglichkeiten der Technologie“ und eine gleichzeitige Infragestellung der Errungenschaften einer liberalen Gesellschaft. In diesem Muster lässt sich auch die Janusköpfigkeit des Nationalsozialismus verstehen. Heute kann man reaktionären Modernismus schlüssig auf die Klammerung zwischen der republikanischen Antiwoke-Rhetorik und dem Musk’schen „Wir fliegen zum Mars – wer braucht dafür schon Bürokratie?“- Größenwahn verstehen. (Jeffrey Herf, „Reactionary Modernism: Technology, Culture and Politics in Weimar an the Third Reich”).
Opfernationalismus
Der koreanische Historiker Jie-Hyun Lim prägte diesen Begriff durch sein gleichnamiges Buch im Jahr 2024. Lim beschreibt damit die vielfältigen Formen aggressiv entgleisender nationaler Identitätsbildungen, die auf historische Demütigungen zurückgehen. Die polnische Nationalbewegung wurde erst durch die mehrfache Teilung des Landes im Verlauf europäischer Kriege provoziert. Israel und die Ukraine sind Beispiele, wie die Opfererfahrung zum entscheidenden Baustein der Nationenbildung werden kann. Mag die nationale Identität vor dem russischen Überfall fragwürdig gewesen sein – in Putins brutalen Angriffs-Krieg ist sie mit Sicherheit entstanden. Gefährlich wird Opfernationalismus, wenn die Opferrolle auf Dauer gestellt wird – oder nur polemisch erfunden wird, wie es Donald Trump tut, der die USA von allen Seiten, vor allem von Europa, ausgenutzt und ausgeplündert sieht. (Jens Jessen, „DIE ZEIT”)
Der polit-thermostatische Effekt
Politikwissenschaftler und -statistiker sprechen gern von thermostatischen Effekten in der öffentlichen Meinung. Die Reaktionen auf Obamas und Bidens Amtszeiten sind gute Beispiele dafür. Die Stimmung in der Öffentlichkeit verschob sich gegen die Agenda des Präsidenten, während die Regierung „zu links“ erfunden wurde, stellten viele Menschen den inneren Thermostaten auf eine antiliberalere Einstellung um. Umgekehrt driftet die Stimmung bei als rechts empfundenen Regierungen wieder in die andere Richtung. Das Ermüdende und gleichzeitig Gefährliche an diesem Spiel ist die Hochschaukelung, die schließlich zu einem „Überkippen“ der Demokratie führt. Die Meta-Politik der nächsten Epoche wird diese Links-Rechts-Schaukel zugunsten einer höheren Ebene überwinden müssen.
Die Rechtsruck-Illusion
Gegen den thermostatischen Effekt wirkt allerdings auch eine Gegenkraft: Während das Rechte sein Momentum bekommt, gruppieren sich die Mentalitäten neu entlang von Polarisierungs-Achsen. Frauen werden in Zeiten reaktionärer Initiativen eher linker/moralischer, während Männer rechter/aggressiver werden. Dieser Haltungsaustausch ist mit einer Diskrepanz zwischen unbewussten und bewussten Motiven zu verstehen: Während einige Frauen sich von reaktionären Bewegungen die Wiederherstellung „sicherer“ weiblicher Rollen versprechen, fühlen andere sich in ihrer Identität bedroht. Männer wiederum sind in den Emanzipationsbewegungen zwar unter Rollendruck geraten, haben aber durchaus auch Vorteile genossen. Die misogynen Cliquen, die sich heute in der Politik ausbreiten, haben also keineswegs alle Männer hinter sich.
Der „Änderismus“ ist die Vorstellung, dass Wandel nur durch einen totalen Bruch mit der Gegenwart herzustellen wäre, ist für das überreizte Gehirn von großer Faszination. Allerdings erweist sich die Formel, dass sich „ALLES“ ändern könnte, und immer MUSS! auch als eine existentielle Drohung, die vielfältige Widerstände auslöst. Wer behauptet, dass sich ALLES ändern lässt, verspielt die graduellen Veränderungen, die möglich sind.
Wir stecken in einer Art emotionaler, relationaler und spiritueller Krise, und das ist die Ursache unserer politischen Dysfunktion und der allgemeinen Krise unserer Demokratie. Was geht hier vor sich?
David Brooks, „How America got mean” The Atlantic
Ich möchte eine Prognose, eine Voraussicht wagen, die sicher heftigen Widerspruch hervorruft.
Aus der Serie: Wie kann man nur so naiv, so blauäugig sein …
Ich vermute, dass das Grüne, das Ökologische, die Klimawende, ein Comeback erleben wird. Und zwar bald.
Ziemlich naiv, oder? Spätestens nach dem „Habeck’schen Heizungsgesetz“ (was für ein Wortungetüm!) ist die Klimawende, die postfossile Transformation, mausetot. Ersetzt durch den rückwärtsgewandten oder anarchokapitalistischen Furor, der Ängste durch die Landschaft jagt und daraus Ignoranz destilliert. Und am liebsten alle Windkraftwerke abreißen will. Auch die Klimabewegung selbst hat ihren Teil zu diesem Desaster beigetragen. Nach den stümperhaften Klebeversuchen der Letzten Generation und der Selbst-Entlarvung von Greta Thunberg als politische Ideologin müssen wir einsehen, dass das grüne Thema VORBEI ist.
Also gut.
Geben wir auf.
Oder wir atmen einmal tief durch. Und schauen ein bisschen tiefer hinein. In die Begriffe. Die Fakten. Die Zusammenhänge. Die gefühlten und unsichtbaren Wandlungen der Welt.
Sechs Gründe, warum die ökologische Wende trotzdem kommen wird
Erstens: Die Behauptung, dass das Ökologiethema auf eine kleine Gruppe woker urbaner Privilegierter zusammengeschrumpft ist, ist falsch. In den echten Umfragen spielt der Klimawandel für die Mehrheit der Menschen eine große Rolle. Allerdings wird er in der rasenden Aufmerksamkeitsökonomie ständig von anderen Themen überschrieben und überdeckt.
Zweitens: Die entscheidende Kraft, die wir für die Klimawende brauchen, hat sich als erstaunlich resistent gegen den antiökologischen Trend erwiesen: Die Wirtschaft. Viele große Konzerne halten an ihren Dekarbonisierungs-Zielen fest, bauen sie sogar noch aus. Aus Greenwashing ist inzwischen immer mehr ein Greendoing geworden. Auf viele Weise ist das ökologische Thema in die Köpfe, die Herzen, die Seelen der Unternehmen eingedrungen. Das Ökologische hat viele Firmenkulturen von innen heraus verändert – in einen anderen mindset hinein.
Drittens: Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit gehen die erneuerbaren Energien weltweit durch die Decke. In den Wüstengürteln der Erde entstehen derzeit quadratkilometergroße Solarkraftwerke, die man mit bloßem Auge aus der Umlaufbahn sehen kann. Der erneuerbare Sektor befindet sich in einem dynamischen Innovationsprozess; Batterien, Materialtechniken, Speichermedien, Wirkungsgrade, Systemverbesserungen – all das geht viel schneller als gedacht. Was viele Jahre als unmöglich und naiv galt – dass wir den Energiebedarf jenseits von Kohlenwasserstoffen abdecken können – rückt plötzlich in den Rahmen der Faktizität.
Viertens: China wird womöglich schon 2025 den Gipfel seines CO2-Ausstoßes verkünden. Da China mit Abstand größter CO2-Emitteur der Welt ist (und immer gerne aus Ausrede fürs Nichtstun dient), wird dies erhebliche Auswirkungen auf die Perspektiven der Klimawende haben. Wenn China „kippt“, ist auch der globale „Carbon Peak“ nicht weit.
Fünftens: In einer Zeit globaler Konflikte und Unsicherheiten sind erneuerbare Energien ein Sicherheits- und Autarkie-Vorteil. In der Ukraine ist bereits ein erneuerbares Energiesystem im Aufbau, das militärischen Angriffen und Sabotage besser widerstehen kann.
Sechstens: Die Ökologie beschreibt die Welt als ein ganzheitliches System von Verbindungen, Kreisläufen, Balancen und Ausgleichen. Dieses Narrativ ist derzeit die einzige Erzählung, die in der Lage wäre, die Paradoxien und Spaltungen unserer Zeit auf einer höheren Ebene aufzulösen. Wir brauchen, als Menschen, als Spezies, als Erdbewohner eine BIG STORY für die Zukunft.
Eine neue universelle Ordnung könnte ausgerechnet entlang der Klimakrise und gemeinsamer Strategien zu ihrer Bewältigung entstehen. Ironischerweise scheint dies unsere beste Hoffnung auf eine neue Synthese zu sein – deshalb fasziniert mich das Klimaproblem derzeit so sehr. Es ist eine Rückkehr zum Hochmodernismus alter Schule, aber auf planetarischer Ebene.
Der Globalökonom Adam Tooze
Natürlich ist es an dieser Stelle einfach, aus den heiß gelaufenen Kanonen des erlernten Pessimismus zu feuern. Aber vielleicht lohnt es sich, uns zunächst noch einmal zu fragen, warum „das Fossile“ derzeit wieder so stark, so übermächtig zurückkehrt.
Mit der schönen Wortprägung Petro-Melancholie bezeichnet man die Rückwärts-Sehnsucht in Richtung auf ein fossiles Zeitalter, in dem alles irgendwie „richtig“ erschien“. Dort verbrachten die meisten von uns ihre Kindheit und Jugend: In Petroland, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Ich habe nach 60 Jahren (!) noch den wunderbaren Geruch von Straßenteer im Kopf, jener klebrigen Substanz, mit dem in den 60er Jahren die Straße vor unserem Haus geteert wurde – vorher war es eine rumpelnde Kopfsteinpflasterstraße. Es stank nicht, es duftete. Nach Fortschritt, Zukunft, neuer Zeit. Das setzte sich im üppigen Benzingeruch an der Tankstelle fort, wenn mein Vater unseren Ford 17 M auftankte. Tief im limbischen Gedächtnis geblieben ist mir auch der köstliche Kerosingeruch, als ich zum ersten Mal ein Flugzeug besteigen durfte…
Womöglich kleben wir viel mehr an diesem Stoff aus den Tiefen der Erde als wir glauben. Wir sind süchtig danach. Eine neue Wissenschaft, die „Energy Humanities“ – die Energie-Humanwissenschaften – beschäftigen sich mit diesem Aspekt der Kulturgeschichte. Der englische Historiker Timothy Mitchell weist anhand der Geschichte der englischen Industrialisierung nach, wie die „Große Fossilisierung“ das Denken und Fühlen der Menschen in Richtung auf völlig neue Weltzugänge veränderte (Carbon Democracy: Political Power in the Age of Oil). Öl, Kohle und Gas sind eben nicht nur Energieträger. Das Fossile, als ungeheuer potenter und allseits verfügbarer Energieträger, generierte einen Lebensstil, der nicht nur ungeheure Warenfülle und Kaloriendichte mit sich brachte. Sondern auch spektakuläre Erweiterungen und Befreiungen des Lebens. Mit den brummenden und spotzenden Autos des Großen Aufschwungs konnten wir Studenten in den 70er Jahren bis an die Strände Spaniens oder die romantischen Landschaften Irlands entkommen. „Das Fossile“ transportiert bis heute einen Mythos, der zutiefst in uns eingebaut ist: der Mythos des grandiosen Fortschritts.
„Der Mann der morgens in seinem Auto mit Verbrennermotor zur Arbeit in ein Industriegebiet fährt, während die Frau zuhause, umgeben von den neuesten Haushaltsgeräten, die Kinder betreut und auf seine Rückkehr wartet – eine Hommage an ein Fantasiegebilde des US-Amerikanischen Lebens. Mitte des 20. Jahrhunderts, als Männer in Vollzeit noch das Leben ihrer Familie regelten.“
(Spiegel 33 / 10.8.2024, Andreas Bernard über die „Petromelancholie“)
Man könnte hier nahtlos Elon Musk einfügen, der mit seinen riesigen Weltraum-Verbrenner-Raketen diese Tradition fort und auf die Spitze führt. Die Politikwissenschaftlerin Cara Daggett erkennt in diesem Zusammenhang eine „Petro-Maskulinität“, die unsere Kultur gleichsam von innen durchwirkt. Das äußert sich in der männlichen Brüllbereitschaft im Netz ebenso wie in den Böllerorgien zu Sylvester oder im demonstrativen Kreischen von Gummi auf Asphalt, dem Röhren und Blubbern von getunten Verbrennungsmotoren, das immer mehr den Hintergrundsound von Städten ausmacht. In ihrem 2018 veröffentlichen Essay argumentiert die Politikwissenschaftlerin, dass der heutige „Aufstand der Männer“ etwas damit zu tun haben könnte, dass das männliche Verbrennungs-Privileg in der liberalen Modernisierung immer mehr unter Druck geriet. Hass auf Windmühlen und Verachtung für Solarpaneele könnten etwas mit einer Verlust-Panik zu tun haben, einer Kastrationsangst, die sich im bösartigen Populismus verselbstständigt. Und an der erstaunlicherweise sogar Frauen teilnehmen.
„Die jüngsten Triumphe reaktionärer Politik, nicht nur die Trumps, sind ein Ergebnis von Kränkungen und Ängsten, die mit dem Ende der sogenannten Petromoderne zu tun haben. Im Übergang vom Erdölzeitalter zur Ära der erneuerbaren Energien stehen nicht nur 100 Jahre alte Heiz- und Verbrennungstechniken zur Disposition, sondern auch überlieferte Konzepte von Subjektivität und sozialer Ordnung. Kurz: Es geht nicht bloß um Öl, sondern auch um den Menschen und darum, wie er sich in der Welt verortet“. (Spiegel 33 / 10.8.2024, Andreas Bernard über die „Petromelancholie“)
Für eine Ökologie der Zweiten Stufe – eine nichtgrüne Ökologie (zur Farbwahl später) – müssen wir diese Gefühlsströme nicht einfach akzeptieren. Aber wir müssen sie verstehen. Das fossile Zeitalter lässt sich nicht mit moralischen Argumenten oder der Drohung des Untergangs beenden. Wenn man ständig die Apokalypse an die Wand gemalt bekommt, beginnt man lieber, das Ganze durch Leugnung abzuwehren.
Zum Beispiel in der Studie Addressing climate change with behavioral science. Dort untersuchten amerikanische Verhaltenswissenschaftler die Wandlungsmotive, die Menschen zu umweltbewusstem Verhalten führen. Die Studie war mit 59.000 Teilnehmern aus 63 Ländern ziemlich groß. Interessant ist, dass die „Herbeiführung negativer Emotionen” – wie Angst und Katastrophenbilder – zwar eine sehr hohe Aufmerksamkeitsquote entfaltet (C – Share). Aber gleichzeitig die GERINGSTE Aktions-Quote, oder Bereitschaft, sich für praktische Lösungen zu engagieren (D – Action).
Vielleicht muss der Weg andersherum gehen: Die fossile Vergangenheit muss, damit wir uns von ihr verabschieden können, gewürdigt werden. „The Age of Oil“ stellte einen ja auch einen Ausgang aus der Unmündigkeit dar, eine Menschheits-Phase, in der Abermillionen, ja Milliarden von Menschen ihre Träume von einem materiellen Grundkomfort und äußerer Freiheit verwirklichen konnten. Erweisen wir dem Fossilen also unsere Referenz, unsere Anerkennung: Danke, Öl! Danke, Kohle! Danke, Erdgas! Ihr wart großartig! Wie verdanken Euch viel!
Aber jetzt ist auch mal genug.
In jedem Politiker-Papier, jedem Geschäftsbericht, jedem gutgemeinten Schüler- und Praktikantenaufsatz kommt heute jenes magische Wort vor, mit dem wir unserem schlechten Gewissen huldigen: Nachhaltigkeit.
Der Begriff steht für das Ökologiethema per se. Gleichzeitig geht er selbst denen, die ihn häufig verwenden, gewaltig auf die Nerven.
Bewegen wir das Wort auf der Zunge hin und her: Nach-Haltigkeit. Da heißt, dass man etwas „nachhält“, also einen Vorrat anlegt. Genug vom Gleichen im Keller hat, um Verluste zu ersetzen. Hier wird ein Aspekt der Hortung angesprochen, der auf Angst beruht, es könnte nicht reichen.
Ich meinen Vorträgen machen ich zum Aufwecken manchmal einen frechen Witz. Ich frage mein Publikum:
Hätten Sie gerne einen NACHHALTIGEN PARTNER?
Die Reaktion ist umwerfend komisch. Erst Stille. Dann verdruckstes Lachen. „Treu sollte er schon sein“, kommt es leise aus dem Parkett.
Das „schon“ meint: Es reicht nicht für die Liebe, treu zu sein.
Und „Nachhaltigkeit“ reicht eben nicht für eine bessere Zukunft.
Damit keine Missverständnisse entstehen: Natürlich ist Nachhaltigkeit nicht falsch. Aber kann man die Welt aus dem schlechten Gewissen heraus verändern? Braucht man nicht auch so etwas wie Freude? Ich werde den Verdacht nicht los, dass mit der Idee der Nachhaltigkeit im Grunde etwas Statisches gemeint ist. Eine Nicht-Dynamik, die weder gute Geschäftsmodelle noch jene Attraktivität hervorbringt, die Menschen für die Zukunft begeistern kann.
Der Nachhaltigkeit fehlt es an Energie. Und Energie ist das Entscheidende.
„Nachhaltigkeit“ ist keineswegs eine Erfindung der grünen Bewegung seit den 1970er-Jahren. Das Wort stammt vielmehr aus dem Beginn der Industrialisierung. Erfunden hat es Carl von Carlowitz, ein sächsischer Forstmeister aus dem Spätbarock, der auf Abbildungen stets mit einer fürstlichen Lockenperücke und grimmiger Miene gezeigt wurde. Carlowitz schrieb in seinem Traktat Sylvicultura oeconomica – Über die Ökonomie der Wildbäume im Jahr 1713:
„Wird derhalben die größte Kunst/Wissenschaft/Fleiß und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weil es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land nicht bleiben mag.“
(S. 105-106 in der „Sylvicultura Oeconomica“ – Wikipedia)
Carlowitz war angehalten, der boomenden Minenindustrie im sächsischen Erzgebirge immer genug Bäume „zuzuführen“, so dass diese zu Holzkohle verarbeitet werden konnten. Carlowitz hat einen nicht unwesentlichen Anteil an der Verspargelung unserer Wälder. Eine continuierliche, beständige und nachhaltende Nutzung konnte nämlich am besten durch Reihenpflanzungen von schnellwachsenden Bäumen wie etwa der Fichte bewerkstelligen … Also jenen Bäumen, die heute in unseren Wäldern jämmerlich vertrocknen.
Intelligente Verschwendung
Michael Braungart ist ein wunderbarer Ketzer der Ökologiebewegung, und gleichzeitig ihr bester Apologet. Er hat schon vor einem Jahrzehnt mit seinem Freund William McDonough ein Buch geschrieben, das in China ein Bestseller wurde, hierzulande aber Irritation hervorrief. „Intelligente Verschwendung“ – wie kann Verschwendung „intelligent“ sein? Müssen wir nicht immerzu sparen, verzichten, Gürtel enger schnallen, endlich aufhören, zu „prassen“?
Braungart, der mit seinem Institut EPEA, in dem rund 300 Chemiker arbeiten, reihenweise Unternehmen in Cradle-to-Cradle-Kreislauf-Prozesse hineintransformiert, begreift „Ökologie“ in einem ganzheitlichen, dynamischen Sinne. Als ständige Vermehrung von Kreislauf-Optionen. Als kreatives Entwickeln neuer Systeme. Er geht mit der alten grünen Ideologie hart ins Gericht: „Es hat überhaupt keinen Sinn, alles nur zu 90 Prozent schlecht zu machen, statt zu 100 Prozent. Es bringt überhaupt nichts, nur vermeiden zu wollen!
Bruno Latour, der Philosoph und Soziologe, der den Begriff der „ökologischen Klasse“ erfand, formulierte ziemlich drastisch:
„Der Klimabewegung fehlt es an einer Ästhetik, die in der Lage wäre, die menschlichen Leidenschaften in Richtung auf eine positive Veränderung zu schüren. Bislang besteht der Erfolg der politischen Ökologie darin, die Menschen in Panik zu versetzen und sie gleichzeitig aus Langeweile zum Gähnen zu bringen.“
Der fundamentale Irrtum der Ökologiebewegung besteht in der Konstruktion absoluter Knappheit als Weltprinzip. Aber ist die Welt wirklich knapp? „Spart“ die Natur ständig an Allem, und wir müssen uns in diese Sparprogramme einpassen?
Ist der Mensch ein „Überflüssiger“? Und deshalb zum Aussterben verdammt?
Vor einigen Jahren war ein Öko-Duschgel in Mode, dass dazu aufforderte, beim Einseifen das Wasser abzustellen. Abgesehen davon, dass das zu Verrenkungen führt (und irgendwie nicht richtig funktioniert): Was passiert eigentlich mit Wasser, wenn man es fließen lässt? Geht es verloren? Kaputt? „Vertilgen“ wir es? Nur wenn man in komplett un-ökologischen Kategorien denkt. Wasser fließt einfach zurück in den Kreislauf. Und täglich durch uns hindurch (Ja ja, ist schon gut! In trockenen Sommern und Gegenden, die ein Wasserproblem haben, muss man den Gebrauch verringern. Ansonsten schädigt Wassersparen die Wasserleitungen).
Michael Braungart vertritt als Praktiker die Idee des „Upcyclings“. Im Gegensatz zum Re-Cycling, das meistens ein Downcycling ist, aus dem schlechte Plastikparkbänke entstehen, wird dabei Materie nicht einfach degradiert, sondern in ihrer Qualität verbessert. Dadurch entsteht aus einem Nullsummenspiel ein Win-Win-Spiel mit der Natur, bei der der Mensch die Rolle des Veredlers übernimmt.
Schriller Gedanke, oder? Haben wir nicht rund um die Uhr schuldig zu sein, an unserer sündigen Existenz zu verzweifeln?
Braungart, der einmal über die die deutsche Umweltbewegung sagte, sie sei „ein Klub lustbefreiter Schuldmanager“, kann sich stundenlang über einen Begriff wie „Fußabdruck“ aufregen. Jene Messeinheit, in der wir IMMER in zu großen Füssen durch die Welt laufen, „und uns am besten alle an große Luftballons aufhängen oder gleich ganz von der Erde verschwinden sollten“.
In einem Interview des SPIEGEL formulierte er:
Nachhaltigkeit wünsche ich mir für die Biosphäre. Ich wünsche mir, dass es Löwen, Tiger und Elefanten, Eichen und Birken und Buchen auch noch in 5000 Jahren gibt. Aber in der Technosphäre führt eine solche Nachhaltigkeit dazu, dass der Status quo erhalten wird, anstatt positiv zu definieren, was besser sein könnte. Cradle-to-Cradle geht nicht mit Nachhaltigkeit zusammen. Nachhaltigkeit fördert die Optimierung des Bestehenden. In ihrem Namen wird Gewicht gespart und falsches Recycling erhöht, anstatt Produkte neu zu denken.
SPIEGEL 28.04.2024, „Plastikflaschen als Mehrweg? – das Dümmste was man machen kann.“
Stellen wir uns einmal etwas ganz anderes vor:
Die Natur wäre keine Sparanstalt mit Hang zum Konkurs, sondern ein endloser dynamischer Transformationsprozess, in den ständig Energie in Materie und umgekehrt umgewandelt würden – in immer neuen Formen und Möglichkeiten.
Wir als Menschen wären keine Schädlinge oder Saboteure in dieser Dynamik, sondern aktiver, kreativer TEIL des Ganzen.
Die Sonne, dieser ziemlich verlässliche Fusionsreaktor (Laufzeit ca. 5 Milliarden Jahre) bringt uns so viel Energie auf die Erde, dass wir ein hunderttausendfaches dessen zur Verfügung hätten, was wir als technische Zivilisation jemals „verbrauchen“ könnten. Zum Leben und Überleben brauchen wir nur Energie (reichlich) und Moleküle (üppig), und die Fähigkeit, aus Beidem immer das Neue zu schaffen.
Stellen wir uns vor, „die Ökologie“ wäre nicht teleologisch auf einen fixierten Endzustand der Balance hin ausgerichtet. Sondern auf Blühen, Gedeihen, ständige Innovation. „Cradle to Cradle braucht ein echtes Verständnis von Innovation, Qualität und Schönheit“, sagt Braungart. Wenn man aus der Knappheit heraus in die Zukunft denkt, wird alles zu einem Verteilungskrieg. Statt sich darum zu kümmern, dass die Fülle die uns umgibt, intelligenter organisiert und weiter gestaltet wird, klammern wir an der Panik fest, es könnte „nicht reichen“. Das führt zu engstirnigen Weltkonstruktionen, in denen wir uns in Ängsten verlaufen.
“
„I’ve seen too many activists hold the heaviness of the climate clock within them, a well meaning martyr complex that prevents the intake of abundance.”
Rebecca Solnit
Die Faltung der Welt
Wie aber gehen wir mit dem Wachstumsparadox um, dem tragischen Dilemma unserer Tage? Das Ökologische ist ja auch deshalb so unter Druck geraten, weil es der Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum im Wege zu stehen scheint. Ökologische Theorien sind fast immer Schrumpfungstheorien.
Ist am Ende Ökologie immer nur „für die Reichen“ da – diejenigen, die sich einen Verzicht auf Öl und Kohle und Gas „leisten können“?
Um aus dieser blödsinnigen Denk-Falle herauszukommen ist ein wenig intelligente Magie gefordert.
In seinem Buch „Die Faltung der Welt“ benutzt der Chaosforscher Anders Levermann – er arbeitet beim Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung – die Metapher eines GOLDENEN SCHNATZES als Wandlungs-Agent. Der Schnatz ist ein magischer Ball, der bei den Quidditch-Wettbewerben im Harry-Potter-Universums als Spielball dient. Ein Ball, der seine Flugrichtungen blitzschnell ändern kann, mit situativer Intelligenz. Wenn man einen fliegenden Besen hat – und das sollte mit moderner Technik heute eigentlich möglich sein – wird daraus ein mehrdimensionales Spiel, das richtig spannend ist.
„Was geschieht, wenn wir dem Goldenen Schnatz nicht nur die Möglichkeit geben, sich frei zu bewegen, sondern auch die Möglichkeit, zu entscheiden, welche Richtung ihm gefällt? Wir können wohl annehmen, dass er dann NICHT in die Sonne fliegt. Manch ein Schnatz würde diesen Weg wählen. Aber wenn Schnatze Luft zum Überleben brauchen, dass würden sie die Atmosphäre sicher nicht verlassen. Sie würden die Grenze der Natur respektieren, und in der Nähe der Erde bleiben. Aber trotzdem „frei“ sein.“
Das klingt beim ersten Lesen ein bisschen bizarr. Es „framt“ aber systemisches Denken. Es verweist auf Selbstorganisationsprozesse, die in Natur und Kultur andauernd vorkommen.
Intelligenz ist die Fähigkeit, mit Hilfe von Begrenzungen höhere Komplexitäten und Möglichkeiten zu generieren.
„Ich glaube“, schreibt Levermann, „… dass der Gedanke von Reduktion und Verzicht die Sicht auf die eigentliche Aufgabe verstellt. Anstatt über Verzichtsideologien zu streiten oder über die Forderung, wir müssten irgendwie „zurück zur Natur“, müssen wir innovativ nach vorne Denken im Sinne einer dritten industriellen Revolution… „Zurück zur Natur“ hat seit Rousseau und der deutschen Romantik eine lange Tradition. Aber die Idee einer Gesellschaft, die auf dem Fundament der erneuerbaren Energien Wachstum und Wohlstand ANDERS definiert und generiert – das wäre eine wirkliche Transformation in die Zukunft.“
Levermanns Ansatz definiert „Faltung“ als jenen Prozess, in dem ein System – in diesem Fall die „fossile Zivilisation“ – fraktales Wachstum erzeugt. Auf diese Weise entsteht ein erweiterter Möglichkeitsraum IM endlichen Raum. Wie im TARDIS, jener Raum-Zeit-Maschine aus dem englischen Fernsehen, die innen viel mehr Platz hat als in ihren äußeren Dimensionen.
Nach diesem Prinzip der Faltung funktioniert übrigens auch das menschliche Hirn. Da unsere Hirnmasse im Verlauf der Evolution an die Grenzen der Schädeldecke gestoßen ist (ein größerer Schädel würde zum Aussterben führen, weil der Geburtskanal nicht mehr erweiterbar ist), „faltet“ sich das Hirn, um seine innere Dichte und seine Möglichkeiten zu erweitern. Das hat letztendlich zum Wunder des Bewusstseins geführt – unsere Hirnmasse ist durch die Faltung dermaßen „komplexiert“, dass darin ein ganzes Universum stattfinden kann.
Kennen Sie das Gefühl, ein ganzes Universum in ihrem Kopf zu haben?
Sehen Sie, es funktioniert!
Ein handfestes Beispiel für die Zukunfts-Rekursion des Ökologischen ist die Elektro-Mobilität. Elektroautos werden heute in so gut wie allen Medien unablässig in Grund und Boden geschrieben. Oft höhnisch und mit einem „Siehste“-Duktus. Irgendwas lässt sich immer finden, um zu begründen, dass der Übergang zur E-Mobilität völlig unmöglich ist. Elektroautos sind fahrende Sündenböcke, die dazu dienen sollen, die Transformation, die vor uns steht, als unmöglich darzustellen.
Ich fahre seit 2010 Elektroautos. Mit meiner Familie habe ich so ziemlich alle Modelle ausprobiert. Zuerst lustige Plastikdosen wie den norwegischen „Think“ mit 90 Kilometer Reichweite und 20 Stunden Ladezeit. Ein Schlumpfmobil – die Passanten blieben stehen und lachten. Dann die Sparautos für Öko-Pioniere mit klingenden Namen wie Miev oder Leaf. Schließlich den Pseudostromer Ampera von Opel, der mit einem kleinen Benzinmotor seinen eigenen Strom erzeugte, dabei aber ziemlich gut aussah (das Konzept kommt heute zurück). Dann ging es los mit den Teslas, mit denen alles ganz anders wurde. Man muss es trotz Elons Totalabsturz leider sagen.
Mit Hilfe von Elektronen bin ich nach Kilometern inzwischen einmal zum Mond und zurück gefahren. Ich bin kein einziges Mal stromlos liegengeblieben. Notfalls tat es auch eine einfache Steckdose in einem Ferienhaus. Heute lade ich an den Chargern, die übrigens überall zu finden sind, wenn man sich nicht komplett dämlich anstellt, in 13 Minuten 250 Kilometer. Ich komme gar nicht mehr zum gemütlichen Kaffeetrinken, wie früher, als die Ladezeiten noch deutlich länger waren. Ich vermisse das: Mit dem elektrifizierten Fahren wurde das Autofahren wieder zum entspannten Reisen anstatt zur Hetzstrecke auf der linken Spur. Man kann mit diesen Gefährten wunderbar gleiten.
Das E-Auto-Beispiel zeigt drastisch, wie sehr negative Erwartungen die Wahrnehmung nicht nur trüben, sondern ersetzen. Immer, wenn ich über das Thema mit Menschen spreche, lande ich in einer völlig anderen fiktiven Welt:
Die Batterien sind ja bald hin (meine hat nach 200.000 km noch 91 % Kapazität).
Es gibt ja viel zu wenig Ladestationen (die Dauerausrede).
Man kommt mit den Dingern doch nicht weiter als 150 Kilometer im Winter (sind alle Norweger blöd?).
Die Chinesen werden uns bald den Lithium-Hahn zudrehen.
Dass ist doch viel zu teuer! (Stimmt inzwischen immer weniger).
Die sind doch viel umweltschädlicher als jedes Verbrennerauto.
Und so weiter. Es ist wie, wenn man mit Zeugen Jehovas um das bevorstehende Armageddon streitet: Aber wir WISSEN doch, dass es wahr ist! Erstaunlicherweise teilen auch manche meiner grünen Freunde solche Ressentiments. Nur mit einer anderen Begründung: E-Autos seien ja AUCH Autos. Und als solche auf keinen Fall „nachhaltig“.
Lange Zeit habe ich mich echt geärgert. Wie kann man nur so ignorant, so wandelfeindlich, so informationsrenitent sein?
Aber auch hier möchte ich eine Prognose wagen: es wird so nicht bleiben.
Bei allen echten Neuerungen gibt es zunächst eine massive Abwehr. Das Neue fordert immer einen Änderungs- Aufwand, es stört alte Gewohnheiten, erlernte Deutungsmuster, auf denen man beharrt, in denen man sich gemütlich eingerichtet hat. Aber mit fortschreitender Verbesserung entsteht irgendwann ein „Tipping Point“, in dem die Meinungs- und Wahrnehmungs-Systeme ziemlich schnell umkippen.
Dieser Punkt wird ab einer kritischen Masse von etwa 40 Prozent E-Auto-Käufern entstehen. Das ist die so genannte „Transformative Minderheit“. Die noch verbleibende Mehrheit kommt dann unter Deutungsdruck. Sie fühlt sich plötzlich benachteiligt. Man wird regelrecht wütend, dass man eine solche alte Schraube noch fahren muss. Man wittert Statusverlust. Wenn so viele umsteigen – mache ich dann womöglich einen Fehler? Bin ich benachteiligt?
Neid hilft dem Wandel.
Sinnvolle technische Innovationen funktionieren häufig nach dem Prinzip der REVERSEN AFFINITÄT: Am Anfang sind viele dagegen. In zwanzig Jahren werden wir rückblickend darüber lächeln, wie wir es damals so toll finden konnten, mit explodierenden Flüssigkeiten herumzufahren. Und natürlich wird es auch dann noch Verbrenner-Autos geben: Als nostalgische „Kutschen“ oder illegale Provokationen.
Es gibt ja auch heute noch Pferde. Und Böller.
Eine einmal etablierte Technologie setzt sich auf vielen Pfaden durch: Wussten sie, dass Äthiopien einen regelrechten E-Auto Boom erlebt. In der Hauptstadt Addis Abeba werden fast nur noch Elektroautos verkauft. Nicht unbedingt, weil es ökologisch oder modisch ist. Das Land kann sich keine großen Importe von Öl leisten, hat aber Elektrizität im Überfluss.
Ich bin sicher: Das elektrifizierte Auto wird den Sieg davontragen. Schon aufgrund der Tatsache, dass ein Elektromotor ungleich effizienter und auch kraftvoller ist als ein kompliziertes Pleuelgestänge mit integrierter Explosion.
Wir werden uns wundern, wie schnell das dann gegangen ist.
Man nennt das übrigens Fortschritt. Es passiert immer wieder.
Ob wir daran glauben oder nicht.
Von Grün zu Blau: Metamoderne Ökologie
Bleibt die Frage, ob auch das „politische Grün“ ein Comeback erleben wird. In Form relevanter Wahlergebnisse und einer Image-Renaissance für die Grünen.
Natürlich soll man nie nie sagen. Aber vielleicht kommt es auch gar nicht mehr darauf an. Vielleicht müssen sich die Grünen (wie eigentlich alle Parteien) erstmal zerlegen, sich im größeren Ganzen auflösen und sich dadurch von ihren inneren Paradoxien befreien, bevor sie wieder wirkmächtig werden können.
Was sich schließlich durchsetzen wird, ist die Blaue Ökologie. Das tiefe, leuchtende Blau der Erdatmosphäre aus dem Weltall. Das Blau als Symbolfarbe der Technologie, der Innovation. Des Wasserstoffs, der Hoffnung, der Weite …
Was ist der Unterschied?
Die grüne Ökologie sucht die Einschränkung. Blaue Ökologie sucht die Erweiterung der Möglichkeiten.
Grüne Ökologie bevorzugt das Kleine, Idyllische, Alternative – die „Eutopie“, in der man für sich selbst „authentisch“ sein kann. Auch im Blau-Ökologischen spielt das Lokale, Konkrete eine Rolle. Es geht aber darum, aus der Position der handelnden Praxis, des „Doing Future“, eine Linie zum globalen Horizont zu ziehen.
Das Grüne negiert das Technische eher und fürchtet sich vor ihm.
Das Blaue sucht die Ergänzung menschlicher Fähigkeiten durch eine humane(re) Technologie.
Das Grüne will zurück zur Natur. Das Blaue will, auch wenn das derzeit kein schöner Begriff ist, einen neuen „Deal“ zwischen Mensch und Natur. Eine Übereinkunft. Ein Win-Win-Spiel im Sinne gegenseitigen Respekts.
All das wird sich fügen, ob wir es grün, blau oder lilabunt nennen. Wie alles wahrhaft Zukünftige.
PS: Die besten „blauen“ Öko-Modernisten sind Frauen. Hannah Ritchie von der Datenplattform ourworldindata, Florence Gaub vom Strategie-Think-Tank der Nato, Maya Göpel, auf der Suche nach der dem gesellschaftlichen Kern des Ökologischen.
Ich werde derzeit heftig gefragt, was eigentlich der größte Megatrend ist.
Also jene Veränderungskraft, die unsere Welt am stärksten verändert.
Noch vor vier fünf Jahren wäre die Antwort einfach gewesen. Es wäre die Digitalisierung gewesen, die alles effizient und „konnektiv“ macht. Oder die Globalisierung, die alle Wirtschaftsräume und Kulturformen zusammenbringt. Oder die Individualisierung, als stärkste soziokulturelle Idee. Der Drang, sein eigenes Leben ganz und gar in die Hand zu nehmen. Sein „eigenes Ding“ zu machen. Sich zu unterscheiden von allen anderen, aus der Masse herauszuheben, sein eigenes Selbst zu sein.
Inzwischen aber hat sich etwas gedreht. Grundlegend.
Das Wort, das mir als erstes und zunehmend einfällt, wenn ich die „gegenwärtige Weltlage“ (man könnte auch sagen: den Zeitgeist) beschreiben soll, ist: DUMMHEIT.
Natürlich kann Dummheit eigentlich kein Trend sein. Aber was ist Dummheit dann? Eine Denkweise? Eine Handlungsart? Eine Eigenschaft? Ein Charakterzug? Passt irgendwie alles nicht.
Geholfen hat mir hier ein alter Freund im Geiste. Der amerikanische Publizist (humanistische Philosoph, Kolumnist, Rat-Geber) David Brooks. Ich verfolge seine klugen Texte und Essays in der New York Times und der Zeitschrift Atlantic schon lange. Brooks schreibt immer über das, was man nur sehr schwer be-schreiben kann: Gefühle, Beziehungen, Ideen, gesellschaftliche, aber auch mentale Verhältnisse. Über alles, was mit unserer Verfasstheit als Menschen zu tun hat. Brooks Texte sind immer philosophisch UND psychologisch, in einer erwachsenen Weise spirituell, sie geben uns Halt im Chaos der Zeit, indem sie uns in eine tiefe Selbstverantwortung nehmen. Er ist einer der wenigen „Gurus“ der Selbstveränderungs-Bewegung, der einem nicht mit Standardparolen („Hey, erkenne dein inneres Selbst!“) auf die Nerven geht. Er ist, glaube ich, ein weiser Mensch, der das aber nie von sich selbst behaupten würde.
Brooks hat jetzt unter dem Titel „Die sechs Prinzipien der Dummheit“ einen Text veröffentlicht, indem er etwas sehr Kluges macht: Er trennt die Person von der Dummheit. Er schreibt:
„Ich sage nicht, dass die Mitglieder der Trump-Regierung nicht intelligent sind. Wir alle kennen Leute mit hohem IQ, die sich saudämlich verhalten. Ich glaube nicht, dass es dumme Menschen gibt, sondern nur dummes Verhalten. Wie der italienische Historiker Carlo M. Cipolla es einmal formulierte: „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Person dumm ist, ist unabhängig von allen anderen Eigenschaften dieser Person.“
Wenn man sich über Dummheit äußert, gerät man immer in die Gefahr, den gewaltigen Splitter im eigenen Auge zu übersehen. Das ist die Arroganz-Falle. Dumm sind immer die anderen. Die bösartigen Populisten im Stile von Alice Weidel geben schon mit ihrer Körperhaltung, ihrem ganzen Duktus, zu erkennen, dass sie alle anderen für dumm halten, sich selbst aber für die Grandiosesten unter der Sonne. Aber ist Alice Weidel dumm? Nein, sie ist schlau. Und gerade das ist das Furchtbare. Dumme Schlauheit neigt zum Mörderischen, weil sie ihr MOMENTUM auf Hass aufbaut. Siehe Putin, siehe alle Tyrannen der Welt.
Brooks schreibt weiter:
„Ich definiere Dummheit als Verhalten, bei dem die Frage ignoriert wird: „Was würde als Nächstes passieren?” Wenn jemand zu Ihnen kommt und sagt: „Ich glaube, ich werde bei einem Gewitter mit einer Kupferantenne auf dem Kopf wandern“, antwortet die Dummheit: „Das klingt nach einer wirklich tollen Idee!“ Dummheit ist die Tendenz, Dinge zu tun, die Ihnen und den Menschen um Sie herum schaden.“
Was würde als nächstes passieren? In diesem Satz kommen wir zur ZUKUNFT zurück. Er ist der Schlüsselsatz unserer humanen Existenz. Zukunft ist nämlich nicht irgendein fixer Zustand im Morgen, den man exakt ausrechnen oder „voraussagen“ kann. (Zukunft ist zwar antizipierbar, aber immer auch offen). Oder ein irgendwie utopisches GANZES, in das sich die Welt sortieren muss. ZUKUNFT entsteht durch unsere Reaktionen, unser lebendiges Sein. ZUKUNFT ist zugleich eine mentale Fähigkeit, zu erkennen, was als nächstes passieren könnte.
Unser ziemlich komplexes Hirn wurde von der Evolution genau dafür geformt: Dass wir uns die Zukunft vorstellen können, in ihren Zusammenhängen mit Gegenwart und Vergangenheit, als Ergebnis von Handlungen, die wir beeinflussen oder selbst ausführen können. Sie ist eine innere Dimension unseres Lebens, sozusagen eine Brille, durch die wir die Welt sehen. Auch unsere Gefühle sind ja in gewisser Weise Informationen über die Zukunft – Informationen, die uns vor etwas warnen oder zu etwas hinziehen sollen.
„Die Zukunft“, also das, was wird, hängt davon ab, wie wir Zukunft „rückwirkend antizipieren“. Wir nennen das auch die REGNOSE: durch die Vor-Stellung dessen, was werden kann, können wir Rückschlüsse auf die Gegenwart und unsere Entscheidungen ziehen. Diese magische Schleife ist das, was unsere Spezies als Fähigkeit ausmacht. Das ist der Kern des Zukunftswesens Mensch – das, was uns von den Tieren unterscheidet. Und was uns zum WIR unserer Spezies befähigt: Die Fähigkeit zu Bewusstheit in der Zeit. Der „Future Mind“.
Die Dummheit, verbunden mit Aggression, Hass und Rache, mit fatalen Reaktionen auf Kränkungen, legt diese wunderbare Fähigkeit lahm. Sie sabotiert unseren Zukunfts-Sinn, der auch so etwas ist wie ein Lebens-Instinkt. Wie aber gehen wir nun mit der Dummheit um? Wie begegnen wir dem DUMMEN, ohne selbst blöd zu werden? Dazu helfen Brooks‘ sechs Prinzipien, die uns vor allem unterscheiden lernen, was Dummheit ist und was nicht:
Prinzip 1: Ideologie erzeugt Meinungsverschiedenheiten, aber Dummheit erzeugt Verwirrung. Wenn Dummheit die Kontrolle hat, so argumentiert Politikwissenschaftler Patrick Moreau, werden Worte „aus ihrem Bezug zur Realität“ herausgedreht. (Es geht also darum, Worte sorgfältig zu wägen, sie in ihren Bedeutungen zu erkennen und verantwortungsvoll zu nutzen).
Prinzip 2: Dummheit liegt oft in Organisationen, nicht in Einzelpersonen. Wenn Sie eine Organisation schaffen, in der ein Mann die ganze Macht hat und alle anderen seinen Vorurteilen schmeicheln müssen, dann ist Dummheit die Folge. Wie der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer es ausdrückte: „Dies ist praktisch ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht des einen braucht die Dummheit des anderen.“
Prinzip 3: Menschen, die sich dumm verhalten, sind gefährlicher als Menschen, die sich böswillig verhalten. Böse Menschen haben zumindest ein genaues Gespür für ihr eigenes Interesse, das sie zurückhalten könnte. Dummheit wagt Großes, hat aber bereits alle Antworten, und wirkt dadurch zerstörerisch (sie ist das Gegenteil von Lernfähigkeit).
Prinzip 4: Menschen, die sich dumm verhalten, sind sich der Dummheit ihrer Handlungen nicht bewusst. Sie haben vielleicht schon vom Dunning-Kruger-Effekt gehört, der besagt, dass inkompetente Menschen nicht die Fähigkeit haben, ihre eigene Inkompetenz zu erkennen (Kompetenz ist eine der unterschätztesten Kategorien in unserer rasenden Aufmerksamkeits-Kultur; sie ist in vieler Hinsicht das Gegengift zur Dummheit).
Prinzip 5: Dummheit ist fast unmöglich zu bekämpfen. Bonhoeffer bemerkt: „Gegen Dummheit sind wir wehrlos“. Weil dumme Handlungen keinen Sinn ergeben, kommen sie ausnahmslos überraschend. Bonhoeffer fährt fort: „Bei alledem ist der dumme Mensch im Gegensatz zum böswilligen Menschen äußerst selbstzufrieden und wird, da er leicht reizbar ist, gefährlich, indem er zum Angriff übergeht.“
Prinzip 6: Das Gegenteil von Dummheit ist nicht Intelligenz, sondern Rationalität. Der Psychologe Keith Stanovich definiert Rationalität als die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, die Menschen helfen, ihre Ziele zu erreichen. Menschen, die im Griff der populistischen Denkweise sind, neigen dazu, Erfahrung, Besonnenheit und Fachwissen, hilfreiche Bestandteile der Rationalität, zu verachten. Sie leben nicht in einem strukturierten Gedankengebäude, sondern in einem Rave-Party-Chaos von Vorurteilen.
In diesen sechs Prinzipien liegt auch eine bittere Wahrheit, ein Schmerz: Wir sind gegenüber der Dummheit weitgehend ohnmächtig. Alle Versuche, sie direkt zu bekämpfen, sie „anzugehen“, scheitern, weil sie in einer Art Echosystem das Dumme nur verstärken. Da die Dummheit auf Kränkungen beharrt, zieht sie ihre Legitimation immer aus moralischen Bösartigkeiten. Auch die brave Grundidee, dass „mehr Bildung“ hilft, hat sich als Illusion herausgestellt: Die „Gebildetsten“ sind of von grandioser Dummheit erfüllt, weil sie glauben, alles zu wissen. Die Dummheit stellt uns eine Falle: Je mehr wir sie bekämpfen, desto stärker wird sie. Sie MÄSTET sich geradezu mit klugen Vorwürfen und Wertungen. Wenn sie kritisiert wird, läuft sie erst richtig zur Form auf – das haben wir im Aufstieg des dummen Populismus erlebt.
Um aus dieser Paradoxie herauszukommen, müssen wir die Kräfte, die die Dummheit um sich herum mobilisiert, irgendwie austricksen. Und uns selbst aus der Angstzone bringen. Das funktioniert leider nicht mit Klugheit oder Vernunft. Dagegen ist die Dummheit immun wie der Krebs gegen die Kräfte des Immunsystems (das ist ja gerade ihr Trick: Sie speist sich auf negative Weise aus der Klugheit). Am ehesten hilft noch der Humor – eine zugewandte Ironie – die alles, was die Dummheit bierernst nimmt (Dummheit hat keinen Humor, nur Grölen), nicht so ernst nimmt.
Und vielleicht brauchen wir als Zaubermittel auch wieder so etwas wie Naivität. Radikale Naivität. Wie bitte? Naivität ist etwas, das der Welt mit einer grundlegenden Bejahung vorbehaltlos gegenübertritt. Naivität ist eine genuine Freundlichkeit und Offenheit, wie Kinder sie in ihren besten Wachstumsphasen haben. Naivität ist auf eine gewisse Weise die Verteidigung einer besseren Zukunft. Gegen diese Kraft ist die Dummheit machtlos, weil sie sie nicht manipulieren kann. Nützliche Illusionen sind hier hilfreich.
Versuchen wir’s einmal: Die Welt ist besser, als wir es in unserem von der Dummheit deprimierten MIND vormachen. Wir können sie besser machen. Jeden Tag, immerzu. Denn die Welt ist das, zu dem wir in Bezug stehen. Wer das nicht glaubt, bleibt dumm.
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Bei all den schlechten und bedrohlichen Meldungen, die uns in dieser verwirrten Zeit erreichen, gibt es manchmal doch etwas Sinnvolles, Klärendes. Etwas wird plötzlich überdeutlich, was früher nur als dunkle Ahnung vorhanden war. Oder unter einer Decke von Illusionen verborgen blieb.
Ein solcher Moment war das X-Gespräch zwischen Elon Musk und Alice Weidel. Als Alice Weidel stolpernd und unendlich unsicher, mit ständiger Buckelei zum GROSSEN MUSK und in grauenhaftem Anbieder-Englisch („yesyesyes!“), Hitler als Kommunisten umdefinierte, wurde endgültig klar, worum es in unserer Gegenwart und Zukunft eigentlich geht.
Es hat lange gedauert. Viel zu lange.
Aber niemand kann sich jetzt mehr rausreden.
Wir leben im DIGITALEN FEUDALISMUS.
Es kommt in allem, was wir politisch, gesellschaftlich oder kulturell äußern, überhaupt nicht mehr darauf an, WAS gesagt wird. Es geht auch nicht um Lügen. Weil es nämlich gar keine Wahrheiten mehr gibt. Die Kategoriensysteme und Denkweisen, in denen wir uns bewegen, haben ihre Bedeutungen verloren. Links oder Rechts? Freiheit oder Unterdrückung? Was bedeutet das noch, wenn wir längst so etwas haben wie Anarchistischen Kapitalismus? Oder Libertäre Tyrannei?
Es geht um den Klick. Sonst nichts. Um den milliardenfachen Kick im Netz, der Milliarden Hirne zu irgendetwas zusammenschaltet, was man ausbeuten kann. Wahr ist, was Aufmerksamkeit generiert. Erregung ist die einzige Ware, die im hyperdigitalen Universum zählt.
Verkauft wird uns das Ganze als Freiheit.
Und immer wieder fallen wir darauf rein.
„Digitaler Feudalismus“ ist kein neuer Begriff. Er wurde schon vor zehn Jahren vom EU-Diplomaten Ramon Blecua, einigen Journalisten oder auch dem linken griechischen Heißsporn Yanis Varoufakis benutzt. Bislang ging es dabei eher um Überwachungs-Staatlichkeit, Datenschutz und unfaire Geschäftspraktiken. Jetzt erst hat der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen den Begriff in einen neuen gesellschaftlichen Kontext gestellt – und siehe da, er erstrahlt in einem anderen Licht. Im Licht der aktuellen Wirklichkeit.
Es geht nicht mehr um die Gefahr staatlicher Überwachungen. Oder um irgendwelche Datenlecks. Es geht um die Verbindung von Macht, Algorithmus und narzisstischem Wahn zu einem welterobernden Irrsinn. Um die digitale Tyrannei.
Der digitalistische Kult
Wie konnte es überhaupt soweit kommen?
Die Idee, dass Computer und Netzwerke die Welt verbessern, zum Guten, Demokratischen, Dezentralen, ja sogar Ökologischen, wurde in den späten 80-ern geboren. Aus dem Abklingbecken der großen Jugendrevolte und der neuen digitalen Technologie speiste sich eine digitale Graswurzelbewegung, die ihre eigenen Rituale und Denkmuster entwickelte. Eine heilige digitale Utopie entstand, die im Silicon Valley Hippies und „Techs“ zusammenführte. Und zu einer Art utopischem Super-Projekt verschmolz.
Ich weiß das, weil ich zeitweise selbst ein tiefgläubiger Jünger dieser Bewegung war. Mitte der 80-er Jahre kaufte ich mit einen Commodore 64, den ersten bezahlbaren Homecomputer. Im Krächzen und Zwitschern des Modems schien die ganze Welt zu einem einzigen Wirklichkeitsraum zusammenzuwachsen. Eine schöne neue Netzwerk-Welt entstand, in der alles Wissen geteilt und alles Wahre verbreitet wurde. Dachten oder vielmehr fühlten wir.
Als nach der Jahrtausendwende der Zusammenbruch des „Neuen Marktes“ die wunderbare digitale Anarchie beendete, in der tausende von kreativen Firmen an der neuen Welt bastelten, änderte sich jedoch der Kurs des digitalen Projekts. Aus Netzwerken wurden gesteuerte Plattformen, aus ikonischen Startups gigantische Konzerne. Der sogenannte „Plattformeffekt“ hinterließ schließlich vier, fünf Weltmonopole, die inzwischen machen können, was sie wollen. Und jetzt, im Durchbruch des anarchistischen Kapitalismus à la Musk, endgültig zu Manipulationsmaschinen werden.
In den Nuller Jahren Zweifel am Digitalen Mythos zu äußern, war so gut wie unmöglich. Und auch heute ist es noch schwer. Bis heute ist das Hohelied des Digitalismus Standardtext jeder Firmenbroschüre, jeder Digital-Beilage jeder Politiker- und CEO-Rede, jedes „Deutschland-ist-am-Ende-wenn-wir-nicht-sofort-alles-digitalisieren”-Kommentars in Wirtschaftszeitungen. Es ist erstaunlich, wie die klügsten und intellektuellsten Geister die Folgeschäden des Digitalen immer nur verharmlosten. Und bis heute in großen, wortschönen Kommentaren unentwegt die sozialen Medien verteidigen, als handele es sich um ein unveräußerliches Kulturgut …
Es fiel nicht weiter auf, dass die „Piraten“, eine einst hoffnungsvolle Partei, die sich die digitale Transformation auf die Fahnen geschrieben hatte, nach kurzer Zeit in schrillem Streit und Gemurmel verschwand.
Es fiel auch nicht auf, WER alles ins Silicon Valley fuhr. In den Zehner Jahren machten sich so gut wie alle CEOs großer mächtiger Konzerne zur Wallfahrt ins Valley auf. Schließlich sogar Springer-Chefredakteure, die mit Bart zurückkamen und einen ganz sonderbaren Tech-Speak verbreiteten, in dem es von Anglizismen und scheinprogressivem Geschwurbel wimmelte. Das Reaktionäre und das Revolutionäre fing an, sich auf einer ganz neuen Ebene zu vereinen.
Alle schimpften unablässig gegen die Googles und Zuckerbergs dieser Welt, gegen den ganzen Grusel und Horror und Müll, der unermüdlich aus dem Netz quoll. Und fütterten doch die Maschine unentwegt mit ihren eigenen Ängsten, Süchten, Meinungen und Erregungen.
In meiner rebellischen Jugendzeit gab es so etwas wie den „Boykott“. Damit konnte man erstaunliche Effekte gegen rücksichtslose oder machtgierige Konzerne erringen. Allerdings erforderte das auch einen gewissen Aufwand. Man musste dann auch mal auf etwas strategisch verzichten.
Dass die Digitalisierung womöglich auch deshalb so schleppend verläuft, nicht weil alle so „technikfeindlich“ sind, sondern weil es einen hartnäckigen (unbewussten) Widerstand gegen ihre „Errungenschaften“, eine Art stille Sabotage gibt, die durchaus ihre Gründe hat, kommt niemandem in den Sinn.
Wer hat letztlich dieses Spiel um Macht, Geld, Einfluss und Hybris gewonnen?
Es ist der Troll.
Der Troll entstand irgendwann als Randfigur aus den Subkulturen des ausgehenden 20.Jahrhunderts. Eine Mischung aus Hacker und Punk, der im Keller von Mama und Papa verharrte und nur selten nach oben kam, um Fast Food zu sich zu nehmen. Meistens litt er unter einem starken Vernachlässigungs-Syndrom bei gleichzeitigen Größenfantasien.
Wie die isländischen Trolle in den Sagen sich zu gigantischen Monstern aufblähen, wuchs der Troll im Verlauf der digitalen Expansion aus seiner Schmollhöhle heraus in einen gigantischen Aufmerksamkeitsraum. Bis er irgendwann auf dem Mars seine eigene Welt gründen wollte.
Trolle müssen ständig ihren Weltradius ausweiten, um nicht in sich zusammenzufallen. Musk ist ein Super-Troll. Trump ist ein typischer Über-Troll. Die ganze Trump-Truppe besteht aus Trolls, etwa Stephen Miller, der designierte Stabschef des Weißen Hauses. Oder Vivek Ramaswamy, der mit Musk das Department of Government Efficiency leiten wird. Ebenso wie der Spross der Kennedys, der aus der Würde einer klassischen Dynastie herausgefallen ist. Und so weiter. Und natürlich findet sich der Troll-Typus scharenweise in den europäischen Populismus-Parteien, an sein schiefes Reden haben wir uns längst gewöhnt.
Natürlich gab es Trollerei längst schon vor dem Internet. Romane und Erzählungen von Dostojewski wimmeln von Troll-Charakteren. In einer Geschichte aus dem Jahr 2016 mit dem Titel „The First Troll“ in der Zeitschrift „The Atlantic“ erkannte der Autor James Parker trollische Anklänge im Werk von Thomas De Quincey, einem exzentrischen englischen Schriftsteller, der mit seinen 1821 erschienenen Memoiren über seine Sucht, „Confessions of an English Opium-Eater“, bekannt wurde.
Trollsein hat mit Drogengebrauch und Drogendealen zu tun – auch im erweiterten Sinne. Anerkennung, Reichweite, „Influence“ sind der eigentliche „Stoff“. Welches Instrument wäre dafür besser als ein Hyper-Medium, mit dem man andere Menschen verlässlich süchtig machen kann?
Um den Bannstrahl des Monstertrolls zu entkommen, müssen wir uns gleichzeitig von zwei Illusionen befreien: Dem heroischen „Digitalismus“ als Erlösungsmaschine, die ALLE Probleme der Menschheit lösen wird. Und der Vorstellung, dass die digitale Existenz in der Lage wäre, die Analogität unserer Existenz, unser sterbliches, fleischliches Leben zu ersetzen. Wir müssten verstehen, dass wir einem Opferkult zum Opfer gefallen sind, von dem wir uns schleunigst EMANZIPIEREN sollten. Im Sinne eines Humanistischen Futurismus, der die Zukunft aus der Perspektive des Menschlichen sieht. Und verteidigt.
Die Dritte Informationskrise
Betrachten wir das digitale Desaster noch einmal aus einer überzeitlichen „epochalen“ Perspektive.
Wir, die Menschheit, die menschliche Kultur, befinden uns heute in der DRITTEN INFORMATIONSKRISE.
Die erste Informationskrise fand in einem Zeitraum von 8000 bis 2000 vor Christus während der Entwicklung der Schrift statt. Wogegen in der Jäger- und Sammlerkultur Wissen nur „gegenwärtig“ verbreitet werden konnte (von Mund zu Mund, Generation zu Generation), konnte man jetzt Wissen und „Content“ speichern – und monopolisieren. Schrift diente zunächst nicht primär der Kommunikation, sondern der Registratur – in der frühen agrarischen Welt hatten sich Überschüsse entwickelt, die in Handelsprozessen gezählt und verwaltet werden mussten. Der Anfang der Schrift war die Bürokratie. Aus diesen Kulturtechniken erwuchsen die „pyramidalen“ Kulturen – die Groß-Hierarchien der Zivilisationen am Euphrat und Nil. Es entwickelte sich eine Kaste von „Schriftgelehrten“, die das informelle Wissen verwaltete und den Herrschern zur Verfügung stellte.
Die zweite Informationskrise begann mit der Erfindung des Buchdrucks um 1450. Auch hier kam es zunächst zu einer Verstärkung von Herrschafts- und Gewaltformen: Die ersten Massendruck-Erzeugnisse waren „Hetzschriften“ – Flugblätter, mit denen etwa die Hexenverbrennung angefeuert wurden. Der verheerende 30-jährige Krieg, dem ein Drittel der zentraleuropäischen Bevölkerung zum Opfer fiel, hatte eine Menge mit dem Aufkommen massenhafter religiöser Traktate zu tun, die den Konfessionskrieg anheizten. Es dauerte Jahrhunderte, bis die Drucktechnik sich in der Idee der Bildung und Redaktion demokratisierte und zivilisierte.
Informationskrisen markieren immer den Übergang von der einen in die andere Epoche. Vom „Alten Normal“ in ein „Neues Normal“. Ursache für diese Transformationen sind kognitiv-kollektive Prozesse, in denen Menschen lernen, anders zu denken, zu sprechen, zu fühlen. Die Welt auf komplexere Weise in sich selbst und untereinander zu konstruieren.
In der dritten Informationskrise, auf deren Höhepunkt wir heute zulaufen, steigern sich die informellen Prozesse in einer unfassbaren Weise. Information beschleunigt sich in einer „Echtzeitwelt“, in der alles nur im Moment erscheint. Alles ist nur noch Reiz, Impuls, Erregung – und morgen schon wieder vorbei. Diese Überbeschleunigung zerstört Wissenszusammenhänge, die „Frames“, mit denen die menschliche Kultur Wahrheit und Wirklichkeit, also Zusammenhang konstruiert. Der Horizont unserer Wahrnehmung wird gleichzeitig unendlich ausgedehnt und aufs Kleinste geschrumpft: den Klick.
Mit der Künstlichen Intelligenz lagern wir nun auch noch die Wissensproduktion an Maschinen aus. Zumindest glauben wir das. Die KI, so heißt es, sei ja unseren menschlichen Fähigkeiten überlegen. Sei „intelligenter“ als wir. Daraus entsteht eine ständige Selbstabwertung, eine Entkernung menschlicher Identität. Man hat bisweilen den Eindruck, viele Menschen könnten es gar nicht erwarten, sich selbst in Maschinen zu verwandeln, die nach berechenbaren Algorithmen funktionieren.
Unser derzeit amtierender Meta-Philosoph und Historiker Yuval Noah Harari schreibt im Vorwort seines neuen Buches „Nexus“:
„Über zehntausende von Jahren knüpften Sapiens ihre großen Netzwerke mithilfe von Fiktionen, Fantasien und Trugbildern – über Götter, Hexenbesen, KI und vieles mehr. Für sich genommen sind Menschen in der Regel daran interessiert, die Wahrheit über sich und die Welt herauszufinden, doch große Netzwerke arbeiten mit Fiktionen und Illusionen, um ihre Mitglieder an sich zu binden und für Ordnung zu sorgen. So kam es zu Nationalsozialismus und Stalinismus. Beides waren extrem mächtige Netzwerke, die durch außergewöhnlich verworrene Ideen zusammengehalten wurden. Wie George Orwell schon sagte: „Ignoranz ist Stärke“.
An diesem Punkt stehen wir heute. Wir bringen offensichtlich nicht genug „Ignoranz“ im Sinne einer kognitiven Autonomie auf, um uns gegen den Ansturm der Hypermedialität zu behaupten. Wir gehen den digitalen Sirenengesängen immer wieder auf den Leim.
Ist die Lage also hoffnungslos? Die vergangenen informellen Krisen zeigen, dass Menschen sehr wohl in der Lage sind, sich an neue Umwelten zu adaptieren. Die informelle Krise ist eine Anregung zur geistigen Evolution. Früher, in den guten alten Hippie-Zeiten hätte man gesagt: Bewusstseinserweiterung. Indem wir wieder lernen, informelle Technologien im Sinne von Komplexität und sozialem Fortschritt zu nutzen (etwa zwischen dem Digitalen und dem Analogen eine sinnvolle GRENZE ziehen), können wir die hypermediale Krise überwinden. Noch einmal Harari:
„Wir sollten nicht annehmen, dass auf Wahnvorstellungen basierende Netzwerke automatisch zum Scheitern verurteilt sind. Wenn wir aber ihren Sieg abwenden wollen, müssen wir einige Anstrengungen auf uns nehmen.“
Tun wir es also. Schalten wir ab. Ernüchtern wir uns ins Wahrhaftige. Kehren wir zurück in eine Wirklichkeit, in der die reale Beziehung zwischen Menschen Bedeutung hat. Bauen wir die innere Welt neu, damit die äußere sich wieder wandeln kann. Und der Troll sich endlich trollt.
Tristan Horx: „Danke Elon!“
Einst war ich ein Fan von Elon Musk – darauf blicke ich nun leicht beschämt und vor allem enttäuscht zurück.
Es braucht Menschen, die immer etwas zu groß träumen, um die Welt zu verändern. Leider kann eine Mischung aus Größenwahn und Kränkung einen Menschen völlig verändern. Vom Träumer zum Oligarchen, was für ein bitterer Werdegang. Vielleicht ist sein Verrücktwerden aber auch ein wichtiges Learning für uns.
So peinlich und befremdlich seine politischen Einflussnahmen doch sind, so zeigen sie uns auch sehr klar, wie grotesk soziale Medien geworden sind. Wenn Zustimmung so süchtig macht, dass der reichste Mann der Welt seinen Ruf und sein Vermächtnis dafür opfert, öffnet uns das die Augen. Es braucht die Zuspitzung, das Groteske, um es wirklich sichtbar zu machen. Die Degradierung von Twitter, zu was auch immer es jetzt geworden ist, wird ein Mahnmal für die Zukunft der sozialen Medien setzen – und das ist gut so.
Wir merken auch, wie veränderbar unsere vermeintlichen „Positionen“ doch sind. Auf einmal sind Elektroautos doch auch für die rechte „Fridays for Hubraum“-Fraktion cool. Wer hätte das gedacht! Es ging gar nicht darum, welcher Antrieb im Auto ist, sondern nur darum, GEGEN die anderen zu sein. Diese Erkenntnis könnte auch eine heilende Wirkung entfalten. Innovation ist keine Frage der politischen Couleur, wir haben uns nur in diese Denkrichtung manipulieren lassen. Auf der Suche nach unserem „Tribe“ haben wir die Rationalität völlig verloren.
Wir sollten Elon Musk dafür danken, dass er diesen Wahnsinn in aller Öffentlichkeit, Durchschaubarkeit und Peinlichkeit durchführt. Denn was hier sichtbar wird, geschieht schon lange – nur eben hinter verschlossenen Türen. Das beste Mittel gegen Korruption ist Licht, auch wenn es uns anfangs kurz blendet.
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„Nichts kann existieren ohne Ordnung.
Nichts kann entstehen ohne Chaos.”
Albert Einstein
„What goes too long unchanged destroys itself.”
Ursula K. Le Guin
1. Der Name der Epoche
In dieser schwebenden Zeit zwischen den Jahren lese ich ein Buch, das sowohl Science-Fiction als auch raffinierte Gegenwarts-Story ist. Naomi Alderman heißt die Autorin eines Weltbestsellers mit dem schönen Titel „The Future“ (auch auf Deutsch erhältlich). Darin geht es um einen simulierten Weltuntergang, durch den der wildgewordene amerikanische Anarcho-Kapitalismus endlich zu Fall gebracht wird. Wie? Indem die Elon Musks, Jeff Bezos und Mark Zuckerbergs mit ihren Familien auf einer einsamen Insel ausgesetzt werden. Und dort in einer Simulation des Weltuntergangs gehalten werden, dem sie scheinbar in letzter Minute entkommen sind …
Ein raffinierter Plan von Frauen.
Geht es nur so? Betrug durch Betrug, Illusion durch Illusion zu bekämpfen?
Naomi Alderman formulierte neulich in einem Podcast einen denkwürdigen Satz:
„Die nützlichste Information, die du über Dein Leben haben kannst, ist der Name der Epoche, in der du lebst.“
Dieser Satz übt eine seltsame Magie aus. Zunächst klingt er banal: Ist es nicht vollkommen egal, wie eine „Epoche“ heißt? Was soll das überhaupt sein, eine „Epoche“? Wenn man den Satz aber auf der Seele zergehen lässt, entsteht eine tiefe Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Orientierung. Nach Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen. Nach Verbundenheit mit der Zeit, in der wir leben. Oder leben werden.
Wir sind von der Evolution geprägte Zukunftswesen. Wir können gar nicht anders, als uns die Zukunft vorzustellen. Unser übergroßes und unruhiges Hirn ist ständig mit Vor-Denken und Hinaus-Denken beschäftigt, mit Projektionen und Visionen, auch wenn wir es gar nicht merken. Diesen Future Mind hat uns die Evolution mitgegeben.
Wir wollen wissen, in welchen Kontexten wir uns befinden.
Wir wollen wissen, worauf alles „hinausläuft“.
Umso dramatischer ist es, wenn wir die Zukunft verlieren. So, wie es derzeit der Fall ist.
In unserer rasenden Gegenwart haben wir den Glauben an eine Werdende Zeit verloren. Eine solche Narration, eine „Morgen-Story“, ist aber für eine Zivilisation, eine Kultur, unabdingbar. Zukunfts-Vorstellungen synchronisieren die Gesellschaft, machen sie überhaupt erst handlungs- und konsensfähig. Heute aber hat sich die Zukunft hinter den Horizont verzogen. Von dort aus droht sie uns mit schrecklichen Katastrophen und Untergängen. Sie bietet uns nicht viel mehr als Schrecken und Ängste, Verzweiflung und endlose Talkshows, die uns immer wieder vor Augen führen, dass irgendwie nichts mehr besser werden kann.
2. Der Zukunftsbetrug
Der Publizist Tom Junkersdorf verfasste neulich unter dem Titel „Postfuture Hangover“ einen wunderbar poetischen Text in der Zeitschrift Business Punk:
„Wir alle haben offenbar einen Kater. Aber es geht nicht nur um eine Krankheit, sondern um das, was wir Leben nennen. Wir haben uns auf den Fortschritt gefreut. Die Technik. New Work. Die Chance auf Homeoffice, neue Werte und neue Wertschöpfung. Wir haben die Digitalisierung umarmt wie gute Gastgeber. Jetzt haben wir all das. Und spüren, dass es unserem Wohlbefinden nicht besser geht. Wir wollten Wellbeing und haben plötzlich Toxic Care. Wir wollten Wohlstand und haben plötzlich Notstand überall. Wie wollten Frieden und haben plötzlich Krieg. Man gibt den Menschen das Internet, das das Wissen der Jahrtausende enthält. Und sie suchen nach Katzenvideos. Oder speien ihren Hass hinein. Man gibt ihnen das Smartphone, das sie mit allem und jedem auf der Welt verbindet. Und sie inszenieren sich damit bis zur Selbstauflösung in Selfies. Oder speien ihren Hass hinein. Man gibt ihnen die Demokratie, und sie wählen Menschenfeinde, Antidemokraten (w/m/d, aber oft dann nur noch m). Speien also ihren Hass hinein.“
Man kann dieses bittere Lamento leicht weiterführen. Sind wir nicht alle zutiefst enttäuscht vom Gang der Dinge, vom „Wesen der Welt“, wie es sich heute darstellt? Klafft da nicht ein riesiger Enttäuschungs-Spalt zwischen unseren Erwartungen, unseren legitimen Wünschen, und der Realität?
Aber was ist das überhaupt, „Realität“?
Und wie kommen wir aus dieser Jammerspirale hinaus?
Der zukunftslose Zustand ist relativ neu. Vor Corona war die Zukunft noch ziemlich klar am Horizont erkennbar: Sie bestand aus einer Verlängerung des „Immer besser, immer mehr“, die wir im Großen und Ganzen in 80 Jahren Frieden und Wohlstandsgewinn erfahren durften. Man musste nur die bestehenden Groß-Trends, die MEGATRENDS, weiter nach vorne verlängern: Mehr Globalisierung – die Welt würde zu einem einzigen Kultur- und Wirtschaftsraum zusammenwachsen. Mehr Handel und Wandel, wodurch die Demokratie ihren Siegeszug fortsetzen würde. Aus der alten Industriegesellschaft mit ihren Klassenkämpfen und Schichtenspaltungen entstand die Wissensgesellschaft, in der hohe Bildung für alle die Ungleichheiten der Gesellschaft auflösen würde. Segensreiche Digitalität würde alle weiteren Probleme lösen, der Fortschritt würde sich immer weiter beschleunigen (Innovation! Disruption!), bis unsere Straßen von Robotern bevölkert sein würden, die uns die dumme Arbeit abnehmen und alle Züge pünktlich fahren ließe. Und alles wäre nachhaltig! So sah die Zukunft aus. Nur klingt das heute wie das Rattern und Quietschen eines schon längst aus den Gleisen gesprungenen Zuges.
3. Das Kafka-Gefühl
Wer war die wahre Kultfigur des vergangenen Jahres 2024? Britney Spears? Chat GPT? Ich glaube es war Franz Kafka. Kafka lebte Anfang des vergangenen Jahrhunderts, er stolperte durch eine Welt, in der nichts zusammenpasste. Überall sind die Türen zu groß, man wird nicht vorgelassen und schon gar nicht angehört. Man wacht morgens als Käfer auf und kann nichts dagegen tun als zappeln. Im Haus wohnt ein Wesen namens Odradek, ein sprechendes Wesen in Form eines Zwirnsterns (einer Spule, auf die ein Faden gewickelt ist – das kennen wir nur allenfalls noch aus der Nähkiste unserer Großmutter).
(In der Kafka-Erzählung „Die Sorgen des Hausmeisters“)
Wer würde hier nicht an die Künstliche Intelligenz denken, die alles besser weiß, aber jeden Sinn sabotiert?
Ein antiislamistischer Mediziner und Psychologe aus Saudi-Arabien, AfD-Sympathisant, überfährt mit seinem Auto 200 Menschen und tötet 5 auf einem Weihnachtsmarkt. Er benutzt dabei die Flucht- und Rettungswege, die für Notfälle vorgesehen sind. Was die AfD nicht daran hindert, mit dieser Monstrosität rechtsradikalen Wahlkampf zu machen.
Kafka hätte nur sein leeres Lächeln gezeigt.
Frank Kafka lebte in einer Epoche, in der die alten Ordnungen brüchig geworden waren – ähnlich wie heute. Er beschreibt dies als den Zustand „unhaltbarer Existenz“. Da die Welt im Großen nicht mehr stimmig erscheint, lebt jeder in einer eigenen Wahrnehmungsblase. Jeder hat irgendwelche Meinungen, ohne dass daraus ein Gesamtbild entsteht, auf das wir uns beziehen können. Nichts kommt zusammen, um ein tragfähiges Neues zu bilden.
Man kann diesen Zustand aber auch als ein deutliches Anzeichen für einen Epochenwechsel sehen.
Das Alte hat noch nicht aufgehört, es zappelt und rumort besonders laut. Aber längst klopft etwas Neues an die Tür. Ein neuer Zusammenhang.
Die Frage ist nur, ob wir das überhaupt hören. Ob wir die Tür öffnen. Oder vor lauter Angst gleich wieder zuschlagen.
Vielleicht wachsen die Monster nur, solange keine frische Luft hereinkommt.
4. Die Omnikrise
Der Langzeit-Futurist Ari Wallach nennt in seinem Buch „Longpath“ – Becoming the Great Ancestors of our Future Needs“ den Übergang von einer Epoche zur anderen einen „Gezeitenwechsel“:
„Viele Menschen fragen mich, was einen Gezeitenwechsel so besonders macht und warum er sie interessieren sollte. Wir erleben ständig kleine Paradigmenwechsel innerhalb einer bestimmten Branche oder einer Kultur. Das Aufkommen des Internets, das Fallen der Geburtenraten, den Anti-Grün-Trend oder die Veränderung der Gesetzgebung zugunsten von Minderheiten. Das Leben scheint trotzdem normal weiterzugehen. Ein echter Gezeitenwechsel tritt ein, wenn sich die Paradigmenwechsel verschärfen und miteinander verflechten, wenn der Grad der Komplexität und Verwirrung den Rahmen sprengt. Und was am wichtigsten ist: Wenn die zugrunde liegenden Ideen, Narrative und Regeln dessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, in Frage gestellt werden.“ (S. 38)
Wir haben dieses Phänomen die OMNIKRISE getauft. Omnikrisen unterscheiden sich von „normalen“ Krisen dadurch, dass in ihnen nicht nur irgendein Bereich eine vorübergehende Störung hat. Etwa der Finanzsektor oder das Gesundheitswesen oder die Ökonomie, die nicht wachsen will, wie wir es erwarten. In einer Omnikrise wirken viele krisenhafte Erscheinungen aufeinander ein, verstärken sich gegenseitig, werden zu einem krisenhaften Gesamt-Erleben, bei dem „die Welt aus den Fugen“ gerät.
Die Omnikrise unserer Tage ist vor allem eine kognitive Krise. Wir erkennen die Welt nicht mehr. Wir leben in einer „radikalen Medialität“, die unsere Wahrnehmungen in lauter Bruchstücke zerfallen lässt. Ist nicht ALLES inzwischen Fake, Lüge, Simulation, Betrug und Selbstbetrug? Alles scheint plötzlich gegeneinander zu stehen, auseinanderzufallen in Paradoxien, Unlösbarkeiten, Gegnerschaften: Ökonomie GEGEN Ökologie. Individualität GEGEN Gemeinschaft. Technologie GEGEN Erfahrung. Kommunikation GEGEN Verbindung und Verbindlichkeit …
Henne gegen Ei …
Daraus kann ja nichts werden.
Omnikrisen entstehen, wenn die Systeme, die uns umgeben, in einen Zustand der Übersättigung geraten. Nichts lässt sich mehr steigern, muss aber um jeden Preis gesteigert werden. Aus dem „Immer mehr“ wird das „Viel zu viel.“ Zu viel Billiges. Zu viel Information, die wir nicht zu Wissen (das Verstehen von Zusammenhängen) verarbeiten können. Zu viel Marmeladesorten, Gleichzeitiges, Ungünstiges, Peinliches, Banales.
In einer Omnikrise verwandeln sich die Systeme unserer Zivilisation in „Molochfallen“. „Moloch“ ist die Bezeichnung für einen archaischen Opferritus, bei dem Kinder geopfert werden mussten. In einer Molochfalle wird jeder und jede zum Zwangsteilnehmer eines Systems, das sich von innen zersetzt. Man wird gezwungen, etwas zu tun, was man eigentlich vermeiden will, aber nicht vermeiden kann, wenn man weiter mitspielen will. Radfahrer müssen dopen, weil sie sonst gar nicht erst bei der Tour de France antreten können. Politiker müssen ständig populistische Rhetorik raushauen – das Söder-Syndrom – weil sie sonst nicht mehr gewählt werden (zumindest fürchten sie das, was schon ausreicht, um den Effekt zu erzeugen). Im Internet müssen Frauen einen digitalen Schönheitsfilter benutzen, was unentwegt Hässlichkeits-Reflexe erzeugt und Menschen in Puppen verwandelt. Wir alle müssen haufenweise Müll und CO2 erzeugen, damit wir konsumieren oder mobil sein können. Jeder Journalist muss in Sachen Sensation, Zuspitzung, Übertreibung noch einen draufsetzen, sonst wird er von KI ersetzt.
So entsteht eine Wirklichkeit, in der man nicht mehr wirken kann. Man muss immer schneller rennen, so wie es die Rote Königin in Alice im Wunderland verlangt. Und bleibt noch nicht mal auf der Stelle.
Der amerikanische Kinderarzt und Pharmazeut Jonas Salk (1914-1995) schenkte der Menschheit Anfang der 50er Jahre den Impfstoff gegen die Kinderlähmung, eine der schrecklichsten Infektionskrankheiten überhaupt. Auf die Frage, warum er sein Impf-Patent einfach an die Weltgesundheitsbehörden verschenkt hatte, antworte er in einem Interview:
„You can’t patent the sun.“
(Man kann die Sonne nicht patentieren.)
Neben seiner medizinischen Forschertätigkeit war Salk ein universalistischer Humanist. Dabei griff er auf philosophische Konzepte wie Tikkun Olam zurück. Das hebräische Wort stammt aus der judäischen Philosophie und heißt „Welt-Reparatur“ oder „Konstruktion für Dauer“.
Salk beschäftigte sich – wie später der Unternehmensberater Charles Handy – intensiv mit der Dynamik von Kurven-Systemen. In ihnen sah er die Grundmatrix jeden Wandels: Sigmoide oder „Schwanenhalsfunktionen“, beschreiben Absatzentwicklungen, Populationsverläufe, Konjunkturzyklen, das Auf und Ab von Lebenszyklen. Mit ihnen lassen sich die Dynamiken von Liebesbeziehungen oder Unternehmensbilanzen ebenso modellieren wie die Zyklen von Sternen und Galaxien. Mit Sigmoiden lassen sich vor allem die Übergänge von Gesellschaftsformen und Zivilisationen darstellen.
Salk sah bereits in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts voraus, dass die globale Populationskurve im 21. Jahrhundert ihren Zenit erreichen würden. Schon zu seiner Zeit sanken die Geburtenraten in den Industrieländern. Salk konnte als Immunologe und Kinderarzt die Zusammenhänge zwischen Kindersterblichkeit, wachsendem Wohlstand und Geburtenrate prognostizieren, weil er in Zusammenhängen dachte. Seine Prognose, dass die Bevölkerung der Erde gegen Mitte dieses Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichen und die Menschheit danach wieder schrumpfen wird,
Wenn eine Kurve nach oben strebt, kann die Illusion entstehen, es ginge immer so weiter, ins Exponentielle. Aber das Universum kennt keine Exponentialität (jedenfalls keine, die die umlegende Komplexität nicht zerstören würde, Beispiel Krebs). Die Kurve neigt sich also wieder. Entweder entsteht dann ein neues Äquilibrium – Selbststabilisierung auf einem neuen Niveau. Oder die Kurve „stürzt ab“, nachdem sie einen „Tipping Point“ erreicht hat.
Nach Salk haben Sigmoidkurven zwei Phasen, es handelt sich eigentlich um ZWEI Kurven: Die aufsteigende und die abschwächende Phase. In der Mitte einer Sigmoidkurve existiert ein inflection point, ein Wendepunkt, an dem sich „die Richtung ändert“. Dieser trennt den ersten Teil der Kurve vom zweiten.
Im acceleration growth herrschen expansive Erwartungen: Optimismus, Euphorie, Aufbruch – alles passt irgendwie zusammen. Das Denken ist erwartungsvoll und optimistisch – zukunftsorientiert eben. Die Haltungen und Handlungen der Menschen sind expansiv, vorwärtsstrebend, „progressiv“. Wie sang die Band Fehlfarben in den neunziger Jahren? – „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht – ES GEHT VORAN!“.
Wenn die Kurve sich wendet (deceleration growth), dreht sich der Erwartungshorizont der Kultur: Man spürt, dass es „so nicht mehr weitergehen kann“. Aber man will es nicht so gerne wahrhaben. Ängste breiten sich aus, Bezichtigungen wuchern. Kommende Knappheiten werden vermutet – und durch gesteigerte Furcht regelrecht hergestellt. Unruhen und Hysterien häufen sich. Die Gesellschaft spaltet sich in jene, die um jeden Preis noch schneller voran wollen – in die rasende Exponentialität. Und einen Teil, der eher auf die Bremse treten möchte. Um sich neu orientieren zu können, mit dem Blick auf eine mögliche Stabilisierung.
Man kann den Epochen-Übergang auch in einer „Zitterkurve“ darstellen, zwischen ansteigender und absteigender Kurve liegt eine Phase der chaotischen Turbulenz. Wie lange diese Turbulenz dauert, ist schwer vorherzusagen. Es hängt von der Reife einer Bevölkerung ab. Von der Weisheit von Leitpersonen. Von der Wandlungsfähigkeit, der Future Fitness der Gesellschaft – der Fähigkeit, in veränderten Umständen adaptiv zu werden.
Der Gesamtverlauf von Epochen lässt sich auch in einer oszillierenden Linie darstellen. In den Anfangsphasen eines „Zeitalters“ (einer Zivilisationsform/Lebensweise/Kultur) stabilisieren sich die Verhältnisse durch ständige kleine Aufs und Abs von selbst. Danach nehmen die Schwingungen und Amplituden fortlaufend zu – bis zu jenem Entscheidungspunkt, an dem das System entweder auf eine höhere oder eine niedrigere Komplexitäts-Ebene springt. Nach den Sprungpunkten verzweigen sich die Verläufe weiter – in einen unruhigen Abstieg in weniger komplexe Zivilisationsformen. Oder einen weiteren Aufstieg in höhere Komplexität und Integration.
Wenn neue Epochen entstehen, synchronisieren sich die verschiedenen Elemente, die zu einer Gesellschaft gehören. Sie ordnen sich zu einer neuen Dynamik (Alignment).
Wenn Zivilisationen zerfallen, verwirren sich die einzelnen Stränge der Komplexität, die Ebenen unserer Lebensweise, die Elemente unserer Gesellschaftsform (Resolution).
Salks Überlegungen zur Kurvendynamik waren nicht im strengen Sinn mathematisch. Sie basierten auf einer intuitiven Wahrnehmung von Komplexität und Chaos, Wirkung und Rückwirkung. Salk dachte in seinen Modellen kein bisschen moralisch, oder „idealistisch“. Er wandte die Gesetze der Evolutionstheorie auf den menschlichen Kulturzusammenhang an. In der aufstrebenden Phase werden bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen wie Individualität, Machtpräferenz, Wettbewerb, Autonomiestreben, Tendenz zu Extremen sozusagen „ausgelesen“ – sie entsprechen der evolutionären Fitness, die in dieser Phase notwendig ist. Nach dem „Inflection Point“, wenn die expansiven Kräfte nachlassen, werden jedoch andere Parameter wirksam. Verbesserte Kooperation in Arbeitswelt und Politik, Kompromissfähigkeit, „Coopetition“, also eine milde Konkurrenz, mit der Unternehmen untereinander UND mit der Gesellschaft kooperieren. Sensibilität für Andere und das Streben nach Balance statt Dominanz wird nun evolutionär erfolgreicher.
„Wir stehen an einer Grenze“, schrieb Salk in seinem Buch „A New Reality“. „Aber sie ist weder territorial noch technologisch, sie ist menschlich und sozial. In dieser Zeit sich verändernder Bedingungen und Werte kommen Zweifel auf, ob wir diese Grenze überschreiten und den Anforderungen der Zukunft gerecht werden können … Wenn uns das gelingt, werden wir aus der gegenwärtigen Zeit nicht nur als Überlebende hervorgehen, sondern als Menschen in einer neuen Realität.“
Ein späteres Buch von Jonas Salk hieß „Survival of the Wisest“. Hier definierte er den Gang der Humangeschichte als Bewusstseinsprozess, in dem Menschen, Kulturen, Gesellschaften durch Krisen lernen. Hier lag der Kern seines evolutionär-humanistischen Optimismus. Und dort findet sich auch der Schlüssel zum wahren Hoffnungs-Horizont unserer Zeit: Nach Zeiten der Verwirrung und Chaotisierung entstehen immer auch neue Ordnungs-Systeme. Die meisten von ihnen auf einer höheren Ebene der Komplexität.
Jonas Salk und Jonathan Salk: A NEW REALITY – Human Evolution for a sustainable Future. City Pint Press 2018, S. 22
Wie also lautet der Name des „Next Age“, des nächsten Zeitalters? Das können wir nicht wissen, aber wir können unsere Ahnungen entwickeln. Neue Epochen entstehen nicht durch Planung, sondern durch Reaktionen auf Krisen. Sie stabilisieren sich sozusagen „rückwärts“, durch Neuanfänge, aus denen irgendwann Kontinuität wächst.
In Zeiten der Omnikrise sollten wir zunächst Enttäuschungskompetenz üben. Ent-Täuschung, mit Bindestrich geschrieben. Damit wir nicht innerlich am Alten kleben bleiben, und immer nur Verluste bejammern, ist es wichtig, nutzlose Illusionen loszulassen.
Wir gewinnen die Zukunft, wenn wir wieder zu Staunen beginnen. Was alles trotzdem möglich ist. Was alles noch werden kann. Chaotische Zeiten müssen nicht immer nur Zeiten des Leidens und des Niedergangs sein. Nicht alles muss so schlimm kommen, wie befürchtet. Man denke an Syrien, ein Land, das wir, wenn überhaupt, noch bis vor Kurzem als toten Fleck auf der Landkarte wahrgenommen haben. Plötzlich wird ein Tyrann vertrieben. Eine erstaunliche Positiv-Energie entsteht. Und schon reagieren wir mit einem selbstgerechten Belehrungs-Pessimismus: Das kann ja gar nicht gutgehen! Das böse Ende kommt bestimmt!
Es geht um Würde. Eine Art Zukunfts-Würde die uns aus der ewigen Jammer-, Angst- und Beschwerderoutine herausführt. Nicht ins Abseits, sondern ins Doing Future.
Doing Future meint: Mit der Zukunft im Jetzt beginnen. „Die Zukunft ist keine ferne Zeit, sondern etwas, das alle Menschen ständig erzeugen.“ (Florence Gaub. Eine neue Epoche beginnt immer im Kleinen, im Provisorischen, im Zwischenmenschlichen. Neue Lebensformen zu entwickeln. Neue Ökonomien zu probieren. Durch neue Gedanken über sich selbst hinauswachsen. Der Verunsicherung eine „Protopie“ entgegenzusetzen – ein Handeln über den Tag hinaus, mitten in der Praxis des Lebens.
Wenn wir die Zukunft höflich nach ihrem zukünftigen Namen fragen, verwandelt sich unser Bewusstsein durch die Frage selbst. Wie sagte der Neurowissenschaftler Anil Seth so schön? „We predict ourselves into the future!“
„Erst wirbeln wir Staub auf, dann beklagen wir uns,
dass wir nichts sehen können.”
George Berkeley, Theologe, Sensualist und
Philosoph der Aufklärung, 1740
„Die eigentliche Ursache des Leids liegt in unserer Unwilligkeit, Tatsachen als reelle Tatsachen und Ideen als bloße Ideen zu sehen, und dadurch, dass wir ununterbrochen Tatsachen mit Konzepten vermischen. Wir tendieren dazu, Ideen für Tatsachen zu halten, was Chaos in der Welt schafft.”
Paul Watzlawick
Welches ist das wichtigste Gefühl aller menschlichen Gefühle?
Die Angst, sagen jetzt viele. Die Angst frisst alles auf.
Die Liebe, behaupten manche. Die Liebe kann, nein muss uns retten.
Aber vielleicht ist es doch eher die Sehnsucht. Die Sehnsucht ist mehr als ein Gefühl. Sie beinhaltet die Liebe und absorbiert die Angst. Sie ist eine innere Spannung, die uns lebendig hält. Sie verbindet uns gleichzeitig mit dem Morgen, als Möglichkeits- und Hoffnungsraum. Aber auch mit uns selbst, mit unseren Wünschen, Ängsten, Vor-Stellungen, die aus unserem tiefsten Inneren entspringen.
Menschen sind Zukunftswesen. Wir sind von der Evolution dazu geschaffen, ja dazu designt, uns die Zukunft vorzustellen. Und aus diesen Vorstellungen Pläne, Handlungen, Erneuerungen zu erschaffen. „Having a future is part of what being human is about.“, schrieb der amerikanische Zukunftsforscher Kevin Kelly. „When you take away the future for humans, you take a lot of their human-ness.” (Eine Zukunft zu haben, ist Teil des Menschseins. Wenn man den Menschen ihre Zukunft nimmt, nimmt man ihnen viel von ihrer Menschlichkeit.)
Wenn wir die Zukunft verlieren, verlieren wir uns selbst. Nur als hoffende, sehnende Wesen können wir wachsen und gedeihen. Und weil das so ist, sind wir derzeit in einer dramatischen, ja tragischen Situation.
Denn wir leben in einer Zeit der Zukunftslosigkeit. Des Verlustes von Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Der Endzeit einer Fortschritts-Epoche, die sich als eine Illusion zu erweisen scheint. Die Zukunft hat sich hinter den Horizont zurückgezogen. Von dort aus droht sie uns. Mit schrecklichen Katastrophen und endlosen Weltuntergängen. Mit entsetzlicher Öde (wir verwandeln uns alle in Maschinen). Oder mit einem Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation. An deren Zivilisiertheit wir mehr und mehr zweifeln.
Es ist Zeit, unsere Zukunfts-Sehnsucht wieder zu beleben. Dafür müssen wir zunächst unterscheiden, auf welche Weise wir die Zukunft in unserem Inneren konstruieren. Auf welche Weise SEHNEN wir die Zukunft herbei? Wie setzen wir uns mit ihr in Verbindung? Unsere Vorstellungskraft stellt uns viele Möglichkeiten zur Verfügung: utopische, protopische, dystopische, meta-visionäre und hyper-halluzinative. Wir „zukünften“ die Welt durch unsere inneren Wahrnehmungen, geben ihr eine Gestalt, die dann unseren MIND in eine bestimmte Richtung zwingt.
Wie wir die Welt imaginieren, so kann, so wird sie in gewisser Weise auch werden …
Brauchen wir nicht in einer Zeit der zunehmenden Zukunfts-Losigkeit mehr UTOPIEN? Das fordern viele. Aber Vorsicht! Utopien haben schwere Nebenwirkungen.
Die Utopie ist ein Idealzustand am Horizont, den man nie erreichen kann. Denn wenn man sich ihm nähert, erweist er sich als unwirklicher „Nichtort“. Utopien scheitern an einer Festlegung, die keinen Raum mehr für wirklichen Wandel lässt. Alles ist von vornherein festgelegt. Deshalb gehen die Utopien immer an einem Akt der Verzweiflung zugrunde: Wenn wir eine Utopie zu verwirklichen versuchen, geraten wir in eine verengte Form der Wahrnehmung, die immer alles am Perfekten misst – und dadurch negativ beurteilt. Schnell suchen wir nach den Verrätern, die den hehren Traum verderben. Schnell zerfällt alles in Fraktionen, die um Ideologien streiten statt Wirklichkeit zu schaffen. Statt Aufbau entsteht Verfolgung. Statt Freiheit beginnt Tyrannei. Auf diese Weise sind schon so viele Utopien tragisch gescheitert, so viele Revolutionen an sich selbst zerbrochen, dass wir zum Utopischen lieber eine kluge, ironische Distanz halten sollten.
Die Dystopie ist die Rückfallposition des Utopischen. Wenn wir von der Zukunft nichts mehr erhoffen, wenden wir uns einer negativen Utopie zu, in der wir eine ganz eigenartige Form von Genuss finden können (der Antipsychiater Lacan nannte das die „jouissance“). In der endzeitlichen Phantasie überhöhen wir uns selbst und kompensieren unsere Schuldgefühle und Aggressionen zu lustvollen Straf-Emotionen. Die Menschheit ist selbst schuld! „Der Mensch“ ist so blöd, dass er endlich aussterben muss! Im Weltuntergang wird eine negative Gerechtigkeit wieder hergestellt: Alle sterben, niemand überlebt, niemand kann Besseres erschaffen. Läuterung durch Zerstörungsphantasie. Die Dystopie ist in Wahrheit ein narzisstischer Größenwahn, in dem wir uns vorstellen, so mächtig zu sein, dass wir die ganze Welt zerstören können. Allerdings wird auch das nicht gelingen.
Der Begriff der PROTOPIE wurde vom Zukunftsforscher Kevin Kelly geprägt – als Gegenentwurf zu den hypertrophen Visionen und Utopien der High-Tech-Zeit. Eine Protopie ist ein Entwurf. Ein aufrichtiger Versuch des Besseren. Sie ist ein Provisorium, ein Prototyp, den wir verbessern können, in kleinen, graduellen Schritten, die sich dann durch Lernprozesse weiterentwickeln lassen. In der Protopie verzichten wir auf den Perfektionswahn des Utopischen; wir wissen, dass auch Scheitern und Unglück zum Leben dazugehören. Anders als die Utopie lässt uns die Protopie die Freiheit der Wahl, die Würde des Experiments. Daraus entsteht Zukunft als ständige Verwandlung.
Wer eine Vision hat, soll zum Arzt gehen. Schon hunderttausendmal ist dieser Satz durch die Behauptung des Gegenteils widerlegt worden. Aber auch das Gegenteil ist falsch. Visionen können tatsächlich pathologisch werden.
Hypervisionen sind Trugbilder, die uns in täuschende Wahrnehmungen der Wirklichkeit zwingen. Sie sind übertriebene, verzerrte Wunschbilder. In ihnen sehen wir die Zukunft ausschließlich durch unsere Ego-Projektionen und konstruieren sie als das Zerrbild der Gegenwart. Wir geraten in Übertreibungen und Halluzinationen, die uns einsam und hilflos werden lassen. Aber gleichzeitig fühlen wir uns ungeheuer mächtig, denn WIR allein wissen über die Welt Bescheid. Das Elon-Musk-Syndrom.
Der polnische Philosoph Zygmunt Bauman taufte mit diesem Begriff die Rückwärts-Utopie. Retrotopien sind immer dann angesagt, wenn der Weg in die Zukunft versperrt scheint und wir uns dem Wandel, der mit Schmerzen verbunden ist, verweigern. Retrotopien scheitern auf vielfältige Weise: Erstens, weil man die Vergangenheit nicht einfach wieder„herstellen“ kann – sie sähe, wenn wir sie betreten würden, vollkommen fremd und anders aus, wie ein Puppentheater oder ein schreckliches Museum. Zweitens war die Vergangenheit nie „besser“. Unsere „Retro-Bias“ lässt uns vielmehr in der Illusion, Erinnerung wäre eine Speicherung des Früheren. In Wirklichkeit KONSTRUIEREN wir die Vergangenheit durch Erinnerung als Illusion.
Der einzige Weg, in dem wir „die Zukunft erreichen“ können, ist die (Selbst-)Verwandlung. Wie eine Raupe, die sich beim Verpuppen in einen Schmetterling umformt, müssen wir die alte Form auflösen, um eine neue Wirklichkeit zu gewinnen (Wirklichkeit ist die Realität, in der wir wirken, also existieren können). Es ist ratsam, eine neue Atmosphäre atmen zu lernen, wenn wir einen neuen Planeten betreten. Nur indem wir uns beim Übergang in eine neue Welt selbst verwandeln, erzeugen wir die Zukunft.
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Daniel Görtz und Emil Ejner Friis alias Hanzi Freinacht gehören zu den interessantesten Vordenkern der Jetztzeit.
Hanzi Freinacht hat einen imposanten Bart und einen coolen Glanz in all seinen Gesten und Aktionen. Sein Stil ist elegant und immer auch ein bisschen ironisch. Er hat etwas Aristokratisches, oder sagen wir: Post-Aristokratisches.
Hanzi Freinacht ist ein Privatgelehrter unserer Zeit. Er lebt hoch in den Bergen Mitteleuropas, womöglich in der Schweiz, wo er ausgiebige Spaziergänge in der Natur macht. Er lebt in freiwilliger Enklave, ist aber verbunden mit vielen Andersdenkern, Aktivisten und Zukunfts-Geistern dieser Welt. Ein intellektueller Alm-Öhi, der konservativ und progressiv zugleich ist.
Es wird Sie womöglich nicht überraschen, dass Hanzi Freinacht nicht existiert. Freinacht ist eine künstliche Figur, die auf eine gewisse Art trotzdem sehr real ist. Er wurde von zwei jungen soziologischen Philosophen (oder philosophischen Soziologen) aus Schweden und Dänemark erfunden. Sie heißen Daniel Görtz und Emil Ejner Friis, und sind nicht die einzigen, aber die derzeit bekanntesten Vertreter einer neuen Denkweise, von der wir in Zukunft noch viel hören werden: Dem Metamodernismus.
What the fuck ist METAMODERN?
„Bitte nein!“, – könnte man jetzt schreckhaft ausrufen. Nicht schon wieder eine von diesen Super-Theorien, mit denen wir seit Jahr und Tag aus den Hochburgen des Intellektualismus belästigt werden!
Ich bitte um etwas Geduld. Vielleicht bietet sich hier tatsächlich eine Gelegenheit, unser Welt-Bild, die Art und Weise, wie wir über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denken, mit einer konkreten Philosophie zu vermitteln. Die dänische Futuristin Lene Rachel Anderson schreibt in ihrem Buch Metamodernity – Meaning and Hope in a Complex World:
„Die Metamoderne bietet uns einen Rahmen, um uns selbst und unsere Gesellschaften auf eine viel komplexere Art und Weise zu verstehen. Sie ist eine Möglichkeit, das lokale, nationale, kontinentale und globale kulturelle Erbe zu stärken. Sie enthält sowohl indigene als auch vormoderne, moderne und postmoderne kulturelle Elemente und bietet somit gleichzeitig soziale Normen und ein moralisches Gefüge für Intimität, Spiritualität, Religion, Wissenschaft UND Selbsterforschung.“
Ganz schön hoher Anspruch, oder?
Aber fangen wir von vorne an. Mit einer Begriffsklärung.
Woran denken Sie, wenn Sie „Moderne“ hören? An skandinavische Möbel vielleicht. Den Grand-Comfort-Sessel von Corbusier oder die Bauhaus-Architektur. Wie wäre es mit abstrakter Kunst, modernen Einbauküchen, Astronauten-Anzügen oder Flugzeugen, die „pfeilschnell“ und silbern durch die Luft fliegen, mit immer fröhlichen und glücklichen Passagieren an Bord (kann sich noch jemand an die Concorde erinnern –, ein Flugzeug, das wie nichts anderes die Neue Zeit repräsentierte, bevor sie verschrottet wurde?)?
Die Moderne ist die Zeit, das Lebensgefühl unserer Kindheit, in den Jahrzehnten, bevor alles kompliziert wurde. Als alles immer geradeaus lief, und irgendwie immer besser wurde. Werden musste. Ging gar nicht anders.
Man kann die Metamoderne als eine Art Bewusstseinsmutation begreifen. Wir fangen an, die Welt neu zu begreifen, indem wir sie aus den Bruchstücken der vergangenen Zukünfte neu zusammensetzen.
Die Moderne war eine Zeit, in der alles zusammenpasste – im Sinne eines euphorischen Fortschrittsgedankens, der die Zukunft mit SINN erfüllte. Ein ständiger Strom von Innovationen, Sensationen, Neuigkeiten veränderte die Welt zum Besseren, Komfortableren. Das Neue war immer sensationell, und ausschließlich positiv: Modern waren Supermärkte, Autobahnen, Strukturen aus Beton. Computer, Roboter, all das, was man uns auch heute noch als Zukunft verkauft, und vor dem es kein Entrinnen gibt. Modern waren Kleinfamilien, Autos mit immer mehr „Pferdestärken“, alles, was die Welt beschleunigen konnte, einschließlich Öl, Kohle, Gas (man spricht auch von der „fossilen Moderne“).
Die „Moderne“, wie man diese Episode nennt, hat die letzten 200 Jahre der menschlichen Geschichte tiefgreifend geprägt. Und zwar weit über jenen Kulturkreis hinaus, den wir „den Westen“ nannten.
Typische Grund-Ideen der Moderne waren oder sind:
Die Wissenschaft ist objektiv und gestaltet die Zukunft.
Fortschritt und Entwicklung gehen immer schneller immerzu weiter.
Vernunft bringt alle Menschen zusammen; Demokratie verwandelt die Welt überall zum Besseren.
Freiheit ist der allerwichtigste Wert, wenn er verwirklicht wird, ist alles gut (es gab auch eine kommunistische Moderne, in der alles anders war – eine Art spiegelverkehrte Moderne, die schnell an sich selbst scheiterte).
Die Menschen können, müssen die Natur beherrschen und formen.
Was die Moderne vor allem auszeichnete war, dass sie als Erwartungs- und Lebensgefühl konsistent und konsequent war. Die Moderne, verbunden mit den Produktionsweisen des Industrialismus (in Ost und West), vereinte die Gesellschaft in einer eschatologischen Erwartungshaltung. Jenseits von Klassen-, Bindungs- und Kulturschichten markierte sie die Grundperspektive einer Welt, die an die Zukunft glaubte.
Doch genau diese Gewissheit ist heute grundlegend zerstört und verwüstet.
Die Postmoderne: Rebellion, Zweifel, Sinnzerfall, immerwährende Kritik
Der Zweifel an der Moderne begann bereits in ihrer kraftstrotzenden Zeit. Schon mitten im Nachkriegs-Boom mit seinen überwältigenden Konsum- und Wohlstandsversprechen geriet der Fortschritt irgendwie ins Stolpern. Die Ölkrise, der Vietnamkrieg, eine zunächst marxistische, dann hedonistische Jugendrevolte, die ALLES infrage stellte… Die beginnende Ökologiefrage, die Kritik an der „Technokratie“, die den Menschen immer mehr als Teil einer einzigen (Fortschritts-)Maschine sah – das erzeugte eine andauernde Turbulenz, einen Sinn-Riss inmitten der Gesellschaft. Die Skepsis klopfte laut an die Mauern des rasenden Fortschritts. Und dahinter klang es plötzlich hohl.
Im Jahr 1973 erschien der erste große postmoderne Roman: „Die Enden der Parabel“ (Gravity’s Rainbow). In Thomas Pynchons Kunstwerk wurde die Welt nicht mehr synchron, sondern zufällig und gnadenlos dargestellt. Nicht die geraden Linien des Fortschritts bestimmten die Zukunft, sondern die gekrümmten Bahnen von Raketen (kommt uns das heute nicht wieder bekannt vor?). Das Leben erweist sich als ständiger Einschlag, der nicht zu berechnen ist, als permanente Verstörung, Zumutung, Verunsicherung. Die Zukunft lag in dieser Erzählung nicht mehr geradeaus, in den Linien der steten Verbesserung und Beschleunigung. Sie überfiel uns plötzlich von hinten, narrte uns, verwirrte unsere Menschlichkeit.
Wie die Moderne entwickelte auch die Postmoderne ihre eigene Ästhetik. Sie löste die Stromlinien-Formen wieder ins Barocke und Widerspenstige auf. Da war die nihilistische Fröhlichkeit des Punks, der an nichts glaubte – aber mit viel Gefühl rebellierte. Die verschobenen Fassaden und Formen der postmodernen Architektur, eines Designs, das fröhlich alles zitierte und dekonstruierte. In der Kunst entstanden postmoderne Superstars wie Andy Warhol oder Jeff Koons. Postmodernismus lebte von Übertreibung, Zuspitzung, Sarkasmus, rebellischen Posen, die aber immer schnell in Affirmation umschlugen. Wir sind Kunstwesen, alles ist nur Pose – lasst uns wenigstens DAS feiern!
Typische postmoderne Ideen sind:
Misstrauen gegenüber ALLEN Narrativen, die einen größeren Zusammenhang ausdeuten wollen.
Moral entwickelt sich immer nur aus dem Subjekt oder bestimmten Interessen heraus. Es gibt keine allgemeine Ethik.
Be against it! Dagegensein, Verneinung, als Weltprinzip.
Es gibt nur Zitate, keine „reale Wirklichkeit“.
Die Menschheit hat die Biosphäre zerstört und muss büßen – recht so!
Zynismus als Lebenskonzept.
Auf eine komplementäre Weise passten Moderne und Postmoderne wunderbar zusammen. Während die Moderne immerzu bejahte, aber das, was nicht in ihr Konzept passte, einfach ignorierte, verneinte die Postmoderne von vornherein alles, stellte alles infrage und gefiel sich in Kritik. Dabei verlor sie ihren spielerischen Charme, wie er noch im Punk, in den Noir-Filmen oder in den verspielten Designformen vorhanden war.
Der Spätmoderne fehlt jede Sehnsucht, jede Vision, jede Ferne. Sie ist daher ganz ohne Aura. Ohne Zukunft.
Byung-Han, Die Krise der Narration
Karl Hosang, einer der wichtigsten Vertreter der deutschsprachigen Metamoderne, bringt es so auf den Punkt: „Die Postmoderne blieb letztlich gelähmt; sie buddelte die Untaten der Fortschrittsmoderne aus und fand das Schlechte im Menschen. Sie dekonstruierte den Fortschritt – aber ließ auch keine Lösungen übrig. Sie wurde ob der ökologischen und sozialen Probleme zynisch und träge.“ („Der Methodenkoffer der Metamoderne”, in „Die Metamoderne”, hrsg. v. Maik Hosang, Gerold Hüther, S. 301).
METAmoderne – ein Neubeginn der Aufklärung?
„Meta“ bedeutet ursprünglich eine übergeordnete Ebene, eine höhere Stufe der Betrachtung (dass Mark Zuckerberg an der Umbenennung seines Konzernes in META scheiterte, lag wohl daran, dass er das nicht verstand). In der Spieltheorie meint META eine Regel-Einigung zwischen Spielern, die nicht von vornherein festgelegt ist, sondern sich im Spiel als Übereinkunft bildet. Und schließlich ist META auch ein griechischer Vorname. Er bedeutet LICHT.
Die METAmoderne ist eine Position, von der aus wir die Dinge in einem anderen Licht betrachten können. Dem Licht der Zusammenhänge.
Kennen Sie das Gefühl, dass in einer Talkshow eigentlich ALLE recht haben? Dass alle Teilnehmer auf ihre Weise eine wichtige Sichtweise, einen notwendigen Aspekt einbringen? Dass sie aber durch irgendeine Verhexung, angeheizt durch affektgeile Moderation, nur blödsinnig durcheinanderreden? Und das Problem, um das es geht, nicht lösen, sondern immer weiter aufspalten, bis keine Wahrheit mehr übrig bleibt?
Ein wesentlicher Begriff der Metamoderne ist Oszillation. Das klingt schon wieder nach einem Klugscheißer-Begriff aus dem Arsenal des französischen Poststrukturalismus. Aber übersetzen wir es einmal mit Variabilität. Mit Flexibilität der Wahrnehmung. Die amerikanische Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin nannte es Denken in Rundungen. In einer METAmodernen Sicht können wir anerkennen, dass die Wirklichkeit komplex, vielschichtig, widersprüchlich und gerade dadurch „real“ ist. Wie sagte der dänische Physiker Niels Bohr so schön? „Wie wunderbar, dass wir auf ein Paradoxon gestoßen sind. Jetzt haben wir die Chance, Fortschritte zu machen!“
Die Metamoderne führt uns ins kulturelle DAZWISCHEN, ins politische DANACH und ins mystische DARÜBERHINAUS.
Jonathan Rowson, schottischer Schach-Großmeister
Typische metamoderne Denkmuster sind:
Das Unlösbare unserer Gegenwart lässt sich womöglich „aus der Zukunft heraus“ in Zusammenhänge verwandeln.
Die Zukunft entsteht durch Synthesen, Verbindungen, Re-Kombinationen.
Aktuelle Probleme kann man nicht mit den Betrachtungswinkeln der Vergangenheit lösen.
Die Wirklichkeit entsteht in der BEGEGNUNG (Enaktivismus).
Mindestens so wichtig wie die Weltveränderung ist die Selbstveränderung.
Metamodernes Denken verabschiedet sich von der ENTWEDER-ODER -Logik, jener Binarität, in der die Welt in lauter Einzelstandpunkte, „Meinungen“, Fraktale zu zerfallen droht. Es geht um ein beherztes SOWOHL ALS AUCH. Nicht einfach nur „Kompromiss“. Oder „Nachgeben“. Sondern ERGÄNZUNG zu einem Neuen Ganzen.
Innenwelt und Außenwelt.
Individualität und Bindung.
Natur und Technologie.
Ökonomie und Ökologie.
Gefühl und Verstand.
Romantik und Effizienz.
Produktivität und Gemeinwohl.
Intensität und Distanz.
Verbundenheit und Freiheit.
Alle diese Begriffe, so behauptet der Metamodernismus, sind nur durch ihre Begrenzungen und Ergänzungen verstehbar. Im Ganzheits-Denken macht plötzlich alles wieder Sinn.
In REDDIT bin ich kürzlich auf folgende feine Überlegung gestoßen:
„Modernistischer Optimismus und postmodernistische Kritik sind zwei gegensätzliche Pole, zwischen denen wir hin- und herschwanken müssen. Wir müssen Dinge schaffen, die kritisiert werden können, und wir müssen Kritik als kreativen Akt erlernen. Indem wir gleichzeitig konstruieren und dekonstruieren, können wir Kreativität ohne Dogma und Fortschritt ohne Agenda erreichen.“
(Reddit, „Can someone explain metamodernism like I’m 5? Especially how it related to post-modernism and modernism.”)
Akzeptanz und Vergebung
Neben dem Zusammendenken ist ein weiterer Aspekt metamoderner Mentalität die Bereitschaft, das Gewordene zu akzeptieren. Und damit weiterzuarbeiten.
Nehmen wir den Fortschritt selbst: Gibt es nicht alle Gründe, die Idee des Fortschritts selbst in Bausch und Bogen zu verdammen? Sich einfach von diesem Lügengebäude des Kapitalismus, Kolonialismus und der scheinbaren Rationalität zu verabschieden?
In seinem Essay „Relative Utopia“ schreibt Hanzi Freinacht: „In gewisser Weise leben wir in der Utopie unserer Vorfahren. Wenn sie unser heutiges Leben hätten miterleben können, hätten sie ihren Augen wahrscheinlich kaum getraut: So viel Essen wie man essen kann, ein Minimum an harter körperlicher Arbeit, die Erwartung, dass alle Kinder erwachsen werden, nur selten betrunkene Herren, die einen misshandeln – wirklich ein Paradies im Vergleich zu dem, was die meisten von ihnen ertragen mussten. Die Moderne mit all ihren technologischen und sozialen Fortschritten hat gewissermaßen alle Probleme früherer Gesellschaften gelöst: Hungersnot, Krankheit, Unterdrückung, Krieg, Armut, mangelnde Bildung, langsame und gefährliche Transportmöglichkeiten, Aberglaube, ja sogar Krieg; selbst wenn wir die Weltkriege und die aktuellen Kriege mitzählen, war das Risiko, von einem anderen Menschen getötet zu werden, nie geringer als heute.“
Hanzi Freinacht teilt die Probleme, die durch die Moderne entstanden sind auf in:
Restprobleme: Überbleibsel aus der Zeit vor der Moderne, also Armut, die IMMER NOCH existiert. Krankheiten, die nicht besiegt wurden. Ungerechtigkeiten, die nicht überwunden werden konnten.
Emergente Probleme: Unerwartete Probleme, die durch die Moderne selbst verursacht wurden, etwa Entfremdungseffekte in Konsumgesellschaften, Stress-Epidemien, Folgeschäden digitaler Kommunikation etc.
Verlorene Schönheiten: Bewundernswerte Eigenschaften früherer Gesellschaften, die in der Moderne verloren gegangen sind.
Neue Höhen-Probleme: Probleme, die vorher einfach nicht „erreichbar“ waren, jetzt aber in unsere Reichweite gerückt sind, etwa Langlebigkeit, Besiedlung anderer Planeten, KI.
Im metamodernen Denken kann man die Moderne als PROTOPIE betrachten &ndashM; eine unfertige Utopie, die viele ihrer Versprechungen einlöste – aber eben viele auch nicht. So wie das Leben selbst. Das uns ja auch immer wieder enttäuscht. Aber Ent-Täuschung ist wichtig, damit wir uns von Illusionen verabschieden können.
Auch die Postmoderne hatte ihren Sinn, ihren Charme. Indem sie den Furor, die Ignoranz der Moderne infrage stellte.
Bei alledem hat die Metamoderne ein zentrales Anliegen: Die eigene Verantwortung für die Zukunft anzunehmen. Im Kern geht es darum, sich von der Jammerei der Postmoderne ebenso zu verabschieden wie von der Arroganz des Modernismus. Sich wieder in Beziehung zu setzen zur Wirklichkeit, zum Wandel. Zum Unfertigen, aber noch Werdenden.
Was der Metamodernismus der Moderne hinzufügt, ist eine neue Dualität … Königsweg einer guten zukünftigen Entwicklung ist persönliche Entwicklung und seelisches Wachstum.
Hanzi Freinacht, „Die Metamoderne“rdquo;, S. 275
Eine poetische Metapher dazu findet sich im Märchen „Der Zauberer von Oz“ von 1939. Am Ende ihrer Reise auf der Yellow Brick Road trifft das tapfere Mädchen Dorothy den bösen Zauberer in seinem Schloss. Dorothy ist mit ihren „unfertigen“ Freunden unterwegs – der Vogelscheuche, die statt Stroh im Kopf gerne mehr Verstand hätte, dem mutlosen Löwen und dem Zinnmann (Roboter), der kein Herz hat. Der Zauberer erweist sich als schwebender Kopf, der auf einer Rauchsäule erscheint (ein moderner Illusionstrick). Es stellt sich heraus, dass der Zauberer in Wirklichkeit ein Jahrmarktschauspieler ist, der sich nur getarnt hat.
Dorothy: „Warum bist Du so böse, Zauberer?“
Zauberer: „Ich bin gar nicht böse. Ich bin nur ein sehr schlechter Zauberer!“
Der Zauberer verleiht dem Löwen eine Medaille für Mut, der Vogelscheuche ein Diplom für Verstand und dem Zinnmann eine Uhr in Form eines Herzens. Von hier aus ist wieder Wandel möglich. Die Macht gesteht ihre Schwäche ein. Die Wahrheit kommt ans Licht. Und alles kann neu beginnen.
Meta-Religion: Das spirituelle Darüber-hinaus
Metamodernismus ist keine fixe Theorie, die „alles richten soll“. Sie ist, ein Gedankenexperiment, ein bestimmter Modus, mit der Welt umzugehen. Eine Struktur des Hineinfühlens in die Welt.
Während sich Moderne wie Postmoderne im scharfen Gegensatz zum Religiösen entwickelten, sucht die METAmoderne wieder den Weg ins Metaphysische. Sie stellt ohne Scheu die Frage nach den höheren Bezügen des Menschen (ohne dabei immer nur das Gehalt zu meinen). In der Metamoderne traut man sich (wieder) Wörter wie „Geist“, „Seele“ „Kosmos“, „Spiritualität“ auszusprechen. Und zwar IM Sinne der Aufklärung, nicht gegen sie.
Die spirituelle Verbindung mit der Zukunft beginnt mit der Entwicklungs-Psychologie, die den Menschen als Wesen definiert, das sich seelisch, geistig und emotional entwickeln kann. Wir existieren nach den Worten des Systemforschers Heinz von Foerster nicht als „human beings“ (als feste statische Entitäten), sondern als „human becomings“ – als Möglichkeitswesen, die fähig sind, sich selbst zu überraschen. Von da aus ergeben sich Anknüpfungspunkte mit holistischen Weltbildern wie der „Integralen Theorie“ von Ken Wilber, die die Vereinigung von Philosophie, Wissenschaft, Religion und spiritueller Erfahrung zum Ziel hat. Weiter hinauf geht es in die verschiedenen Versionen der „Spiral-Dynamic“-Modelle. Mensch-Welt-Co-Evolutionen in einer in die Komplexität hinein offenen Spirale.
Übersetzung:
?X? = Das Mysterium
Selbst-Bewusste Narration
Der postmetaphysische Gott
Metarationalität überwindet den Nihilismus
Planetarische Regierung
Allseits-Berücksichtigung
Kosmopolitischer Schamanismus
Selbstbestimmte Gemeinschaften
Ökologien der Praxis
Metamoderne Spiritualität
Eine dem Metamodernismus nahstehende neue Organisation ist die „Inner-Development-Goals-Initiative“ (IDG), die einen gut besuchten jährlichen Kongress in Stockholm veranstaltet. „Inner Development Goals“ setzt den Global Goals, den 17 Zukunfts-Zielen der Vereinten Nationen 23 ergänzende Innere Ziele gegenüber – Grund-Elemente der (Selbst-)Entwicklung des Menschen. Die Grundthese lautet: Wir können die Rettung des Planeten, die Heilung der Demokratie, die humane Transformation nicht erreichen, wenn wir es nicht schaffen, uns als EIGENE (nicht Einzelne) VON INNEN HERAUS zu verwandeln.
Spiritualität ist das Gefühl von tiefer Verbundenheit mit anderen Menschen, und zwar allen Menschen aller Kulturen (der humanistisch-kosmopolitische Aspekt).
Spiritualität ist die Erfahrung der Größe und Weite, zu der wir uns in Bezug setzen (der kosmische Aspekt).
Spiritualität handelt von Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft, unserer Verbundenheit mit der langen Zeit, deren Teil wir sind.
Wir können gemeinsam versuchen, über uns selbst hinauszuwachsen.
Das ist der Kern einer neuen Moderne.
Gerald Hüther, Neurobiologe
Ironie der Zukunft
Schließlich führt uns metamodernes Denken in eine bestimmte Art des Humors hinein. Eine leichte Ironie der Freundlichkeit, die mit den Augen zwinkert.
Zum Schluss hat sich Hanzi Freinacht noch eine kleine Gemeinheit ausgedacht: die „umgekehrte Christlichkeit“ (Reverse Christianity):
„Umgekehrtes Christentum ist die Idee, dass uns beigebracht wurde, dass es einen Gott gibt, der uns unsere Sünden vergeben kann. Aber es ist andersherum: WIR sind es, die Gott vergeben sollten, ob wir nun an einen persönlichen Gott glauben oder nicht. Wenn wir uns die Unvollkommenheiten der Realität ansehen, all den verrückten Scheiß, der passiert – je besser wir darin sind, dieser Totalität zu vergeben, desto mehr Seelenfrieden werden wir finden. Vergebung steht an der höchsten Stelle in den Geboten, dies ist das höchste Ziel, das es zu erreichen gilt, denn dann entspringt alles, was wir tun, nicht mehr aus Groll, sondern vielmehr aus Fürsorge und Liebe oder der Suche nach der Wahrheit.“
ANHANG: Vier poetische Welthaltungen der Metamoderne
Informierte Naivität
Kinder sind auf eine unverstörte Weise mit der Wirklichkeit verbunden. Die Metamoderne ist auch die Wiederentdeckung des Zaubers der Welt, die sich im Kindlichen erschließt. Bleiben wir neugierig im Sinne der Überraschungsfähigkeit, ohne dabei „kindisch“ (regressiv) zu werden.
Pragmatischer Idealismus
Metamodernisten sind Romantiker, aber die Welt muss auch in der Praxis, im Konkreten funktionieren. Zu viel Idealismus führt uns auf Abwege, deshalb muss das Idealisierende durch Vernunft und Maß gezähmt werden. Es lohnt sich, Ziele zu setzen, Visionen zu verfolgen. Aber diese Visionen dürfen uns weder den Kopf verdrehen noch zu einem starren Blick führen. Ideale bewähren sich, wenn sie in der Realität überprüfbar und „er-lebbar“ werden.
Verbundenes Selbstsein
Wir alle wollen uns als Individuen entfalten, aber der „Individualismus“ züchtet das EGO und vernachlässigt das Selbst, das nur im Gemeinsamen existieren kann. „Die Tür der Zukunft geht nach Innen auf. Wer hindurch will, muss erst einen Schritt zurück tun.“ (Martin Kornberger, Philosoph).
Ironische Ernsthaftigkeit
Humor ist nicht, wenn man trotzdem lacht, sondern wenn man ein liebevolles Verhältnis zu den Paradoxien der Wirklichkeit entwickelt. Zynismus verengt uns ins Dunkle, im Gegensatz dazu hält die Ironie unseren MIND offen für immer neue Bezüge und Erkenntnisse. „Die zentrale Motivation der Metamoderne ist es, unsere inneren, subjektiv erfahrenen Erfahrungen vor der zynischen Distanz der Postmoderne, dem wissenschaftlichen Reduktionismus der Moderne und der blinden Trägheit der Traditionen zu schützen.“
Greg Dember, („Die Metamoderne, hrsg. v. Maik Hosang, Gerald Hützer, S. 275)
Maik Hosang / Gerald Hüther: Die Metamoderne – Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedung der Gesellschaft
Eine gute Einführung in den Kosmos der METAmoderne in deutscher Sprache
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With every tightening of the screw, the tyrant makes our hope more precise.
Anne Micheals
Let’s imagine that we are looking back on our present from the year 2050. We are seeing a strange figure who once called himself „Trump“? What would the result be? What would we most likely say and feel about his legacy?
Well done, we would say.
He managed it.
The T. phenomenon as I will henceforth call it, did its job.
Well someone had to do it.
Excuse me?
Let’s jump back to the present. The messy, annoying, disturbing present. I know many lovely people who are desperate. Who can no longer bear the morning news that announces the end of the world as we know it. They are despairing in the face of the T. – phenomenon. Despairing about life, meaning, themselves. And above all about the future.
It is a deep, deep pain that affects the whole world.
Mister T. has long been living in our heads as a rowdy squatter. He occupies our attention, he has bewitched us. It is time to deport him (without an asylum procedure). But how?
Many still try to understand the T phenomenon through causal reasoning and „causes.“ Was it the terrible social neglect of the people of the Midwest? Excited WOKE supporters exaggerating their concerns? What caused so many women, minorities, Latinos, to vote for the one who despises them? Who the hell is to blame for this disaster? Kamela? The Fed? Wall Street? The Internet? The infinite evil and stupidity of man?
No matter how much we twist and turn and ponder, the T phenomenon cannot be explained by means of causality. It simply doesn’t make sense. It’s like a black hole in space, a negative singularity that just sucks everything into itself.
But perhaps an answer can be found. An answer from the future.
The demon
First of all we can get closer to the phenomenon of T. by studying old myths and mythologies. Especially, demons.
Trump is a demon. In almost all human cultural systems there are demons. They that testify to humanity’s ancient way of dealing with complexity, time and chaos. In animistic, agrarian, feudal, pastoral, religious and secular societies, demons exist as incarnations of existential terror. They suddenly emerge from the darkness and corrupt the world. They represent the power of negativity and despair.
There are such demons in the modern world too. For example, in the Harry Potter world, where they suck the life energy out of people as Dementors. In ancient times, demons were bound to divine powers. One such myth is that of the ancient Greek Hydra. The eight-headed snake creature grows two new heads every time one is cut off. Does that sound familiar? Every time Mister T. revealed an unbelievable mess, a moral monstrosity, a stupid lie, he triumphantly gained even more followers?
In Hindu mythology there are no real gods, but rather „deities“ who do not represent fixed entities, but rather depict universal – and contradictory – forces of evolution. In the Hindu world, „The God of Chaos“ plays a central role. There are several of them, and they are always the strongest. The deity Kali (Sanskrit, f., काली, lit. „The Black“) is a force of death, destruction AND renewal. At her birth, Kali is said to have filled the universe with terrible roars that shook everything and threw it into disorder. In Tantrism, Kali is called Shakti, it is the basic female energy of the universe. Kali is considered one of the few goddesses who actually grants wishes. Next to it sits the elephant god Ganesha (Sanskrit गणेश ‚entourage‘, or ‚lord of the hosts‘). His ears are huge, his eyes small, his gaze piercing. A round belly represents wealth and the ability to absorb all experiences. And finally there is SHIVA, the gender fluid dancer of destruction (Vedic entities are gender diverse). The deity with the snake heads and many arms who dances for destruction, chaos AND renewal.
Trump is the god of chaos.
A dancing eight-armed elephant god of destruction.
And that is exactly his job.
His goddamn job!
He really does it pretty well, doesn’t he?
He can dance, yes he can!
Chaosmosis
Chaosmosis, a word invented by Félix Guattari, one of the poststructural heroes of good old Parisian intellectualism, whos texts nobody ever understood but pretended to do so (an by the way the name of the 11th Album of the Scottish band Primal Scream) describes the „process of becoming“, where order is created by chaos.
The physical chemist Ilya Prigogine worked out how far new structures emerge spontaneously from thermodynamic equilibrium. This is also called emergence, or new life. A living organism is an informed, autocatalytic, non-equilibrium organisation. And this is how social systems, civilisations, nations and cultures function. They balance „on the edge“, in the spaces between structure and chaos. At some point paradoxes arise, excesses of complexity that can no longer be integrated. Then chaos arises to make renewal possible.
This transformation need „agents“, which can manage the discontinuity and bring a new cycle to life. It`s hard to find Facharbeitskräfte for this job.
Deconstructing America
As the super elephant of chaos, the T-phenomenon has an important job. It must deconstruct US society. Plunge it into chaos so that it can regenerate.
The American cultural and social system has long been stuck in deep contradictions, paradoxes that have hardened into pathologies. The basic American narrative, the „American dream“, has turned into a paradoxical nightmare that is literally driving its inhabitants crazy.
There is, for example, the paradox between the heroic American ideal of freedom and the longing for community that is also part of the American myth. We, the people versus everyone, must be allowed to do everything. Or the security obsession – the fear of violence – in the paradox of rampant gun ownership. Or the gaping contradiction between the casual idea of equality that is deeply rooted in the constitution and culture and the extreme inequality that is created by hyper capitalism and is now being taken to extremes by anarchic capitalism à la Musk.
A society that lives to a large extent from the exploitation of cheap labor wants to make this very labor illegal – and in the process increase the gross national product at the expense of the partners to whom America also owes its wealth. And the central narrative of the dishwasher who becomes a millionaire collapses lwhen it becomes clear that not EVERYONE can becomes a millionaire, but only a tiny elite of super billionaires who threaten to emigrate to Mars or to tax-free islands if everyone doesn’t dance to their tune.
America was always „great“ and fascinating when it was generous. When it represented its values universally, as an offer to the future of the world. The T phenomenon will dwarf America. There is no easier way to dismantle a civilisation than to ruin its dignity and reputation. The T phenomenon is extremely successful in this respect.
„America First“ was a hopeful slogan of progress in the founding days of the USA: America should be the spearhead of freedom in the world, of human progress. „MAGA“, or „America Home Alone“, tips the whole thing into the next paradox. Into a retrotopia in which everything should be like it was yesterday, but as it never was.
The Renaissance Principle
According to the Italian holistic thinker Giambattista Vico (1668-1744), civilisations go through heroic, decadent and „human“ cycles at cyclical intervals. Through a process of „waves and counter waves“ (Corsi et ricorsi) and the process of „dissolution and merging“ (solve et coagula, the original formula of the alchemists), a stabilised new arises from a fusion of the old, the proven, WITH the emergent, the innovative.
New eras always arise from recombinations. In order for such recombinations – or renaissances – to arise, the old paradoxes must first be taken to the extreme and thereby resolved. Then the wisdom of balance, the patience of reconstruction, and the art of healing, of integration into a new whole are needed.
People, civilisations, cultures can do this. History has proven this. For example in Germany.
And here we are. At that tragic, inevitable, exciting point in history. When the old disintegrates and a NEXT AGE emerges from the fog of chaos in the distance. A new planetary civilisation that still has a long way to go. It hurts a lot, that’s true. It hurts, because the future is now so far away, that it is barely visible. It hurts in every limb and in the soul. But the prospects are strong.
So: what would we say if we looked back from 2050, in regnostic wisdom? Thank you, T., that was a real achievement. Dismantling America was something we had to do first.
It was also not so easy to maneuver Europe, which still had a tendency to cheaply quarrel, into a self-confident unity.
Or to finally end the fossil age after a phase of unsavory drilling.
What does Goethe say so beautifully? „I am the force that always wants evil…“
Someone had to do it. You were, literally, great!
PS: A few more words of comfort
Of course, that doesn’t answer the question of how we can survive this demonic time unscathed. But perhaps a wise old pop icon can offer us some comfort. Patti Smith, the grand old lady of Punk wrote in a short post-election note titled „A Few Words“:
There are times in our lives when we must go underground. Not to retreat, but to heal ourselves. To rebuild our community in the spirit of good. Not out of partisanship, not out of self-interest, but as a mobilising energy fuelled by goodness. This is not rhetoric. It is a plan. I started with my offspring this morning and then slowly with friends.
Don’t feel cornered, constricted. Don’t let others dictate your mental and emotional space. Navigate the world around you as best you can and live in the world of your world. That’s what I wrote today. Back to work.
In the language of humanist futurism: Our job is now Doing Future. Preserving and developing the future in the present. Let’s get started. Let’s get to work.
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Mit jedem Anziehen der Schraube macht der Tyrann unsere Hoffnung präziser.
Anne Micheals
Stellen wir uns vor, wir würden aus dem Jahr 2050, also in 25 Jahren, auf unsere Gegenwart zurückblicken. Auf eine seltsame, ja bizarre Figur, die sich einmal „Trump“ nannte? Was wäre die Bilanz? Was würden wir aus der Zukunft heraus sehr wahrscheinlich über das Erbe von T. (den Namen wollen wir von jetzt an nicht mehr nennen) formulieren?
Gut gemacht, würden wir sagen.
Er hat es irgendwie hingekriegt.
Das Phänomen T. hat seinen Job erfüllt. Und irgendjemand musste es ja machen.
Wie bitte?
Springen wir zurück in die Gegenwart. In die unordentliche, nervende, verstörende Gegenwart. Ich kenne viele liebe, wunderbare Menschen, die angesichts der „Zeitläufe“ auf eine regelrecht tragische Weise verzweifelt sind. Die die morgendlichen Nachrichten, die vom Ende der Welt as we know it künden, einfach nicht mehr aushalten können. Die angesichts des „Phänomens T.“ zutiefst verzweifeln. Am Leben, am Sinn, an sich selbst. Vor allem an der Zukunft.
Er ist ein tiefer, tiefer Schmerz, der die ganze Welt betrifft.
Viele versuchen immer noch, das T.-Phänomen durch kausale Begründungen und „Ursachen“ zu verstehen. War es die schlimme soziale Vernachlässigung der Leute des mittleren Westens? Aufgeregte Anhänger von WOKE, die ihre Anliegen übertrieben? Was führte dazu, dass viel Frauen, Minderheiten, Latinos, auch noch denjenigen wählten, der sie verachtet? Wer ist, verdammt nochmal, schuld an diesem Unglück? Kamala? Die Fed? Wallstreet? Das Internet? Die unendliche Bösartigkeit und Dummheit des Menschen?
So sehr wir es auch drehen und wenden und grübeln. Mit den Mitteln der Kausalität lässt sich das Phänomen T. nicht erklären. Es macht einfach keinen Sinn. Es ist wie ein Schwarzes Loch im All, eine negative Singularität, die alles in sich hineinsaugt.
Aber vielleicht findet sich gerade aus dieser Betrachtungsweise eine Antwort, die in die Zukunft reicht. Und von dort wieder zu uns zurückkehrt.
Der Dämon
Vielleicht kommt man dem Phänomen T. näher, wenn man sich mit alten Mythen und Mythologien beschäftigt. Zum Beispiel mit Dämonen.
T. ist ein Dämon. In so gut wie allen Kultursystemen der Menschheit gibt es Dämonen. Diese Figuren künden vom uralten Umgang der Menschheit mit Komplexität, Zeit und Chaos. Sie tauchen plötzlich aus dem Dunkeln auf und zerstören den Sinn – die innere Kohärenz der Welt. Sie sind Emanationen negativer Metaphysik.
Auch in der modernen Welt gibt es solche Dämonen. Zum Beispiel in der Harry-Potter-Welt, wo sie als Dementoren die Lebensenergie aus den Menschen saugen. In der Antike waren Dämonen an göttliche Kräfte gebunden. Zum Beispiel die altgriechische Hydra. Dem vielköpfigen Schlangenwesen wachsen jedes Mal zwei Köpfe nach, wenn man einen abschlägt. War es nicht genau so – dass jedes Mal, wenn eine unfassbare Schweinerei von Mister T. zum Vorschein kam, eine moralische Monstrosität, eine dumme Lüge, er triumphal NOCH mehr Anhänger gewann?
In der christlichen Mythologie mit ihren Heiligen und eschatologischen Rettungsmythen ist das Böse, Dämonische in einen mystischen Teufel gebannt, der „in den Dingen steckt“ und ständig zur Sünde verlockt. Dabei handelt es sich meistens um gefallene Engel. Aber das eigentliche Problem ist womöglich, dass das Phänomen T. noch nicht einmal zur Sünde fähig ist.
In der hinduistischen Mythologie, die womöglich viel besser zu unserer turbulenten Jetztzeit passt als das Christentum, gibt es keine echten Götter, sondern eher „Gottheiten“, die keine festen Instanzen darstellen, sondern universelle – und widersprüchliche – Kräfte des Evolutionären abbilden. In der hinduistischen Welt spielt „Der Gott des Chaos“ eine zentrale Rolle. Es gibt gleich mehrere davon, und es sind immer die stärksten. Die Gottheit Kali (Sanskrit, f., काली, wörtl. „Die Schwarze“) ist eine Kraft des Todes, der Zerstörung UND der Erneuerung. Bei ihrer Geburt soll Kali das Weltall mit schrecklichem Brüllen erfüllt haben, das alles erschütterte und in Unordnung brachte. Im Tantrismus heißt Kali Shakti, es ist die weibliche Grundenergie des Universums. Kali gilt als eine der wenigen Göttinnen, die tatsächlich Wünsche erfüllen.
Daneben thront der Elefantengott Ganesha (Sanskrit गणेश „Gefolge”, oder „Herr der Scharen“). Seine Ohren sind riesig, seine Augen klein, sein Blick stechend. Ein kugelrunder Bauch steht für Reichtum und die Fähigkeit alle Erfahrungen zu absorbieren. Und da ist schließlich SHIVA, der genderfluide Tänzer/Tänzerin der Zerstörung (vedische Entitäten sind geschlechtlich divers). Die Gottheit mit den vielen Armen, der für Zerstörung, Chaos UND Erneuerung tanzt.
T. ist der Gott des Chaos.
Ein tanzender achtarmiger Elefantengott der Zerstörung. Und genau das ist seine Aufgabe.
Sein gottverdammter Job!
Er macht das wirklich ziemlich gut, oder?
Er kann gut tanzen.
Die Chaosmose
Chaosmose benennt eine Verbindung von Chaos und Osmose, also Verbindung – oder Symbiose. Jenen Zustand, in dem aus dem Chaos das Neue als Formung entsteht. Nach Felix Guattari, Paul Strathern und dem elften Studioalbum der schottischen Band Primal Scream. Thank you, Paul!
Ordnung, Komplexität, erzeugt immer auch ein intrinsisches Chaos, das sich irgendwann Bahn bricht. Weil Komplexität – die Ordnung des Vielfältigen – irgendwann an ihre Grenzen stößt. Einen Überschuss erzeugt, der zur Kompliziertheit wird, die sich nicht mehr stabilisieren kann, weil sich die Paradoxien ins unvereinbare Steigern.
Aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Es ist nur das Ende einer Epoche.
Der Physikochemiker Ilya Prigogine arbeitete heraus, wie fern von thermodynamischen Gleichgewichten spontan neue Strukturen entstehen. Man nennt das auch Emergenz, oder neues Leben. A living organism is an informed, autocatalytic, non-equilibrium organization….
Ilya Prigogine, What is life? Part 1: Dissipative Structures and Catalysis.
Und so funktionieren auch gesellschaftliche Systeme, Zivilisationen, Nationen, Kulturen. Sie balancieren „on the edge“, an den Zwischenräumen zwischen Struktur und Chaos. Irgendwann kommt es zu Paradoxien die nicht mehr „eingeholt” also integriert werden können. Dann entsteht Chaos, um Erneuerung möglich zu machen.
Diese Transformation braucht „Agenten“, die die Diskontinuität bewältigen und einen neuen Zyklus ins Leben rufen können. Es ist schwer, Fachkräfte für diese Aufgabe zu finden.
Amerika dekonstruieren
Als Superelefant des Chaos hat das T.-Phänomen eine wichtige Aufgabe. Es muss die US-amerikanische Gesellschaft dekonstruieren. Ins Chaos stürzen, damit sie sich regenerieren kann.
Das amerikanische Kultur- und Gesellschafts-System steckt seit langem in tiefen Widersprüchen fest, die sich zu Pathologien verhärtet haben. Das amerikanische Grundnarrativ, der „american dream“, hat sich in einen paradoxialen Albtraum verwandelt, der seine Bewohner im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückt macht.
Da ist etwa die Paradoxie zwischen dem heroischen Freiheitsideal und der Gemeinschafts-Sehnsucht, die ja auch tief im amerikanischen Mythos steckt. We, the people gegen jeder Einzelne muss alles dürfen. Oder der Sicherheitswahn – die Angst vor Gewalt – im Paradox zum grassierenden Waffenbesitz. Oder der klaffende Widerspruch zwischen dem lässigen Gleichheitsgedanken, der tief in Verfassung und Kultur verankert ist, und der extremen Ungleichheit, die durch den Hyperkapitalismus erzeugt und jetzt durch den Anarchokapitalismus à la Musk auf die Spitze getrieben wird.
Eine Gesellschaft, die zu einem großen Anteil von der Ausbeutung billiger Arbeitskräfte lebt, will eben diese Arbeitskräfte illegalisieren – und dabei noch das Bruttosozialprodukt rasend steigern. Das zentrale Narrativ vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, bricht spätestens dann zusammen, wenn deutlich wird, dass eben nicht ALLE Millionäre werden, sondern nur eine winzige Elite von Quadrilliären, die ständig damit drohen, auf den Mars oder auf steuerfreie Inseln auszuwandern, wenn nicht alle nach ihrer Pfeife tanzen.
Amerika war immer „groß“ und faszinierend, wenn es großzügig war. Wenn es seine Werte universalistisch vertrat, als Zukunfts-Angebot an die Welt. Seine Botschaft, seine Message war die Gleichheit der Verschiedenheit.
„America First“ war in den Gründerzeiten der USA eine hoffnungsvolle Parole des Fortschritts: Amerika sollte die Speerspitze der Freiheit in der Welt, im humanen Fortschritt bilden. „MAGA“, also „Amerika allein zu Haus“, kippt das Ganze in eine nächste Paradoxie. In eine Retrotopie, in der alles wieder so werden soll wie gestern, aber wie es nie war.
Das Prinzip Renaissance
Nach dem italienischen Gesamt-Denker Giambattista Vico (1668-1744) gehen Zivilisationen in zyklischen Abständen durch heroische, dekadente und „menschliche“ Zyklen. Durch einen Prozess der „Wellen und Gegenwellen“ (Corsi et ricorsi) und den Prozess der „Auflösung und Zusammenfügung“ (solve et coagula, die ursprüngliche Formel der Alchemisten) entsteht das stabilisierte Neue – aus einer Verschmelzung des Alten, Bewährten, MIT dem Emergenten, Innovativen.
Neue Epochen entstehen immer aus Rekombinationen. Damit solche Rekombinationen – oder Renaissancen – aufblühen können, müssen zunächst einmal die alten Paradoxien auf die Spitze getrieben und dadurch aufgelöst werden.
Danach entsteht eine neue Epoche, in der sich das Neue zusammenfügt. Sie entsteht aus der Weisheit des Ausgleichs, der Geduld des Wiederaufbaus, und der Kunst der Heilung, der Integration zu einem neuen Ganzen.
Menschen, Zivilisationen, Kulturen durchlaufen immer wieder solche Zyklen. Die Geschichte hat das häufig bewiesen. Zum Beispiel in Deutschland.
Und hier sind wir also. An diesem tragischen, unvermeidbaren, spannenden Punkt der Geschichte. An dem sich das Alte zerlegt, und aus dem Nebel des Chaos in der Ferne ein NEXT AGE sichtbar wird. Eine neue planetare Zivilisation, die noch einen weiten Weg vor sich hat. Die Zukunft rückt derzeit in weite Ferne. Es tut ziemlich weh, das stimmt. Es schmerzt an allen Gliedern und in der Seele. Aber es hat auch eine starke Aussicht.
Also: was würden wir sagen, wenn wir aus dem Jahr 2050 zurückblicken, in regnostischer Weisheit? Danke, T., das war eine echte Leistung. Amerika zu zerlegen, das musste man erstmal schaffen.
Es war auch nicht so leicht, Europa, das immer noch dazu neigte, sich billig zu zerstreiten, in eine selbstbewusste Einigkeit zu manövrieren.
Oder das fossile Zeitalter nach einer Phase des unappetitlichen drillings endgültig zu beenden.
Wie heißt das so schön bei Goethe? „Ich bin die Kraft, die stets das Böse will…“
Irgendjemand musste es ja tun. Du warst, im Wortsinne, großartig!
PS: Noch einige Worte des Trostes
Natürlich beantwortet das noch nicht die Frage, wie wir diese dämonische Zeit unbeschadet überstehen können. Vielleicht kann uns eine weise alte Pop-Ikone Trost spenden. Patti Smith, die uns Boomer vor einem halben Jahrhundert zum Shiva-haften Tanzen brachte. Die Grand Old Lady des Punk schrieb in einer kurzen Notiz nach der Wahl unter dem schlichten Titel „A Few Words“:
Es gibt Zeiten in unserem Leben, in denen wir in den Untergrund gehen müssen. Nicht um uns zurückzuziehen, sondern um uns selbst zu heilen. Unsere Gemeinschaft im Sinne des Guten wieder aufzubauen. Nicht aus Parteilichkeit, nicht aus Eigeninteresse, sondern als mobilisierende Energie, die von Güte angetrieben wird. Das ist keine Rhetorik. Es ist ein Plan. Ich habe heute Morgen mit meinem Nachwuchs angefangen und dann langsam mit Freunden.
Fühlen Sie sich nicht in die Enge getrieben, eingeengt. Lassen Sie sich Ihren geistigen und emotionalen Freiraum nicht von anderen diktieren. Navigieren Sie durch die Welt um Sie herum, so gut Sie können, und leben Sie in der Welt, Ihrer Welt. Das habe ich heute geschrieben. Zurück zur Arbeit.
In der Sprache des humanistischen Futurismus: Unsere Aufgabe ist jetzt, Doing Future. Die Zukunft in der Gegenwart bewahren. Im Kleinen das Große entwickeln. Fangen wir an.
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Mit dem Futurismus ist das so eine Sache. Seine Ursprünge finden sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die ursprüngliche Bewegung der »Futuristen« war eine eher durchgeknallte Künstler-Boheme-Sekte um den italienischen Dandy Filippo Tommaso Marinetti, der später vom Anarchismus zum Faschismus konvertierte. Marinetti veröffentlichte 1909 sein »Futuristisches Manifest«, in dem es vor allem um die Verherrlichung von rasendem Fortschritt, Geschwindigkeit, und industriellen Maschinen ging, ebenso um die radikale Abschaffung alles Alten, Überkommenen. Wie leicht diese Idee zu einem Wahn werden konnte, zeigte sich in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, in dem die meisten der damaligen Futuristen starben, weil sie den Krieg als eine Art Beschleunigungsmaschine der Geschichte verherrlichten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg galten als Futuristen eher die Vertreter der typisch technisch-US-amerikanischen Zukunftsgläubigkeit, mit ihrem Hang zu Überschallflugzeugen, Weltraumfahrt, stromlinienförmigen Autos und Atomkraft (in der kommunistischen Welt gab es ebenfalls eine Entsprechung). Heute existiert Futurismus als bekennender Zukunftsglaube vor allem in den verschiedenen Strömungen des Transhumanismus, die den Menschen an die (hypertechnische) Zukunft anpassen beziehungsweise ihn lieber gleich ganz abschaffen und gentechnisch und superdigital neu konstruieren will.
Gegen diese Radikalisierung des technoiden Zukunftsglaubens hat sich in den letzten Jahren eine neue Schule der Zukunftsforschung entwickelt, die sich wieder dem Menschen und seinen Bedingungen und Bedeutungen zuwendet. In dieser Disziplin geht es zunächst vor allem darum, wirklich gute Fragen zu stellen.
Zum Beispiel: Wenn es eine Unsterblichkeitspille gäbe – würden Sie/würdest Du sie nehmen?
Das wäre eine gute Eingangsfrage für einen Club der humanistischen Futuristen. Gerne dürfen Sie Mitglied werden, egal wie Sie antworten. Es geht nicht um die »richtige« Antwort, sondern um einen Weg zum Erkennen, was der Mensch wirklich ist. Was ihn ausmacht. Die Mitgliedschaft im Club erhält man nicht, wenn man mit »Niemals!« antworten würde oder mit »Na klar, aber sofort!« Sondern wenn man gute Gründe für beide Entscheidungen vorbringen kann, im Sinne des Menschlichen und in der Wahrheit der Widersprüche.
Die Tradition des humanistischen Denkens führt weit in die Antike zurück. In der Renaissance des 13. und 14. Jahrhunderts begannen zunächst einzelne intellektuelle Wanderer und Wunderer wie Petrarch, Botticelli und Dante sich in das unsichere Gelände des Humanums vorzuwagen. Und ein neues Denken zu erproben, das den Menschen in den Mittelpunkt der Weltbetrachtung stellte. Es ist vielleicht kein Zu- fall, dass diese neue Geistesrichtung inmitten einer Pandemie begann, die in Teilen Europas zwei Drittel der Bevölkerung dahinraffte – der Pest. »Inmitten von Szenen von Unordnung, Krankheit, Leiden und Tod nahmen einige Enthusiasten die Fragmente einer tiefen Vergangenheit und benutzen sie für einen frischen Start«, schreibt die britische Historikerin Sarah Bakewell in ihrem Buch Humanly Possible.
In den folgenden Jahrhunderten entwickelten die Denker der Aufklärung den humanistischen Glauben als eine Befreiungs- und Emanzipationsvision, die den Namen »Aufklärung« erhielt. Im Englischen enlightenment – Erleuchtung, Erhellung. »Freethinking, enquiry and hope« – so bringt Sarah Bakewell die drei Kernpunkte des Humanismus auf den Punkt. Freies Denken, Hinterfragung und Hoffnung.
Man kann das auch unter dem Begriff der »Konstruktivität« zusammenfassen. Es geht darum, der Welt nicht mit magischen Projektionen, verkürzten Parolen oder mentalen Reduktionen entgegenzutreten. Den Mind an die Komplexität der Wirklichkeit anzugleichen. An dieser Tradition setzt der humanistische Futurismus an, wohl wissend, dass wir heute in einer anderen Welt leben, die von Maschinen, Memen und bisweilen monströsen Möglichkeiten geprägt ist. Wir brauchen eine neue Aufklärung, die folgende Elemente beinhaltet:
Evolutionäre Aufklärung: Die Zukunft ist nicht in Details vorhersagbar, aber sie entwickelt sich entlang der Gesetze der Evolution. Evolutionäre Prozesse von Mutation, Selektion und Adaption sind auf soziale, gesellschaftliche, sogar technische Prozesse übertragbar, auch wenn es wichtige Unter- schiede zwischen biologischen und technischen Adaptionen gibt. Neben der biologischen gilt für Menschen noch die kulturelle Evolution. Es sind die Sozialsysteme und Kommunikationsformen, die sich ebenso nach den »darwinistischen« Gesetzen entwickeln: Was sich in bestimmten Umweltsituationen bewährt (und Kulturen können selbst eine Umwelt bilden), pflanzt sich fort. Zur evolutionären Aufklärung gehört auch, zu wissen, dass Evolution nicht im moralischen Sinne »gut« ist. Zu jedem evolutionären System gehören Symbionten, Parasiten, »Räuber«, Strategien, die Entropie nutzen – sie sind Teil jeder evolutionären Dynamik. Allerdings überwiegen sie nicht zugunsten der Symbiosis, dem Prinzip der gegenseitigen Kooperation.
Systemische Aufklärung: Die Welt funktioniert fundamental in Systemen. Gesellschaften, Organisationen, Technologien oder Körper lassen sich als »systemische Einheiten in Vielfalten« beschreiben. Man kann Systeme in ihrer Struktur erkennen, bestimmen und in gewissem Sinne prognostizieren, etwa indem man ihre Resilienz, Adaptivität, Variabilität versteht. Der Kern der Systemtheorie ist das Komplexitätsmodell, das sich mit der Unterschiedlichkeit von Systemelementen und ihren vielfältigen Wechselbeziehungen und Feedbacks beschäftigt.
Memetische Aufklärung: Neben dem genetischen Code der DNA, der die Reproduktionen steuert, gibt es noch eine andere Wandel-Formungskraft: das MEM (nicht zu verwechseln mit den Internet-Memen, die als schnelle Gags kursieren). Der Begriff stammt vom britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins, der die Meme als »zweiten Replikator« bezeichnet, der die menschliche Kultur formt. Meme sind Ideen, Vor-Stellungen, Denkweisen, Anschauungen, die durch Kommunikationen von Mensch zu Mensch übertragen werden. Meme »kopieren« sich in menschliche Hirne, wie die DNA in Zellen. Sie vermehren sich durch Imitation; in der heutigen globalen Hypermedialität können sie zu großen »Memplexen« anschwellen – sich rasend schnell verbreiten, aber auch rasend schnell mutieren.
Spirituelle Aufklärung: Die klassische Aufklärung entwickelte sich überwiegend in der Differenz zum Religiösen. Aber heute wissen wir, dass Menschen ohne eine vertikale Dimension nur schwer leben können. Aufgeklärte Spiritualität ist das Erkennen und Erfahren der »Verbindlichkeit«, mit der wir untereinander und mit dem Kosmos verbunden sind. Ohne die Dimension einer Zukunfts-Spiritualität bleiben wir in der tragischen Position einer »singulären Gegenwart« stecken.
Humanistischer Futurismus würdigt die Kraft des Menschen, sich in seinen existenziellen Paradoxien und unvermeidlichen Leidensprozessen immer wieder neu zu behaupten. Er sieht gerade in der Unfertigkeit, der Schwäche und dem Irr- tum die Zeichen des Zukünftigen.
Humanistischer Futurismus sieht den Menschen als Zukunftswesen, das nach dem Anderen und Besseren strebt, ohne das Perfekte jemals zu erreichen zu können. Menschliche Zukunft bleibt immer »Work in Progress«. Fortschritt findet statt, langsam, graduell, trotz oder wegen aller Rückschläge.
Humanistischer Futurismus sieht das Zukünftige als eine Steigerung unseres lebendigen Verhältnisses, unserer Vitalität im Verhältnis zur Welt (zu anderen Menschen und zu uns selbst).
Humanistischer Futurismus beschränkt sich nicht allein auf das Zukunftsmodell des westlichen Industrialismus. Er würdigt die Erfahrungen aller menschlicher Kulturen aller Zeiten in ihrem Beitrag zum Menschheitsprojekt. Er sieht die menschliche Kultur als Ganzheit und »kosmische Perspektive«.
Humanistischer Futurismus beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von innerer und äußerer Zukunft. Wie formen Visionen, Utopien, Zukunftsnarrative mächtige Meme, die Vor-Stellungen und Handlungen der Menschen auf dem Wege Sich-selbsterfüllender Prophezeiungen?
Humanistischer Futurismus ist eine Zukunftsforschung der Verantwortung, in der das eigene Handeln als Agent der Zukunft wirkt. Wie schon Bert Brecht sagte: »Eine Aussage ist dann eine Wahrheit, wenn sie eine Voraussage gestattet – bei dieser Voraussage muss aber der Aussagende als Handelnder auftreten.«
Einige »Sponti-Parolen« des Humanistischen Futurismus
In den Siebziger Jahren gab es in meiner Herkunftsstadt Frankfurt die „Spontis”, eine Gruppe von Aktionisten, die die Welt mit Spaß und Freude und Kreativität verändern wollten. Aus dieser Zeit stammen Sprüche wie:
Alle können denken; nur bleibt es den meisten erspart.
Alle wollen zurück zur Natur, nur nicht zu Fuß.
Alle Menschen sind klug: Die einen vorher, die anderen nachher.
Alle Menschen werden als Original geboren, die meisten sterben als Kopie.
An die Waffeln, Bürger!
Entsprechend könnte man Parolen für den Human-Futurismus erfinden:
Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich manchmal fürchterlich. In diesem Lärm versteht man seine eigenen Gedanken nicht.
Das Neue löst das Alte nicht ab, es spielt nur eine neue Melodie.
Krisen sind Zukunftsagenten, mit denen man klug verhandeln sollte!
Lass dich nicht vom Neuen blenden! Achte auf das Bessere!
Die meiste Zukunft von heute ist längst schon von gestern, nur keiner merkt’s.
Während vieles immer schneller wird, wird manches endlich langsamer.
Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Aus Trend und Gegentrend (und Gegen-Gegentrend) entsteht der Tanz des Wandels.
Wir sind dabei, Götter zu werden. Wir sollten uns deshalb schleunigst wieder mit der Ketzerei beschäftigen (frei nach Stewart Brand).
Maschinen werden Menschen nie völlig ersetzen, es sei denn, wir selbst verwandeln uns in Maschinen.
Man verwandelt die Welt nicht durch Forderungen, sondern durch ergreifende Geschichten.
Die Zukunft ist kein fertiges Wohnzimmer, in das wir nur einziehen müssen. Sie ist keine Lokomotive im Tunnel, die auf uns zurast, und wir können noch nicht einmal beiseite springen. Sie ist auch kein Fluss, in den wir hineingehen, um uns davontreiben zu lassen. Zukunft ist eine Dimension des Lebens, eine Kraft die uns bewegt und verändert, wenn wir fürsorglich mit ihr umgehen. Ein Spiegel, in dem wir unsere Rolle in einem fantastischen Universum erkennen können.
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Wie digitale Technologie zur neuen Religion wurde – und warum das Analoge immer wiederkehrt.
Matthias Horx, September 2024
Theodizee: [teodiˈʦeː] von altgriechisch θεός theós ‚Gott‘ und δίκη díkē ‚Gerechtigkeit‘) – „Rechtfertigung Gottes“: Die Prüfung der Frage, wie das Leiden in der Welt mit der Annahme zu vereinbaren sei, dass ein Gott sowohl allmächtig, allwissend als auch gut sei. Bezweifelung Gottes durch Realitätsvergleich.
Technodizee: Die Prüfung der Frage, ob und wie Technologie uns wirklich von allen Übeln der Welt erlösen kann.
“When you invent the ship, you [also] invent the shipwreck.”
Paul Virilio
Werner Horx in seiner „Automatischen Wohnung“, 1950 in Berlin
Fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und fünf Jahre vor meiner Geburt erfand mein Vater den ersten vollautomatischen Haushalt Deutschlands. Im vierten Stock eines Trümmerhauses in Berlin, von dem eine Fassadenseite von Bomben weggerissen war. Im anderen Teil wohnten – frisch verheiratet – meine Eltern. In einer kleinen Dreizimmerwohnung entstand dort ein Smart Home der ersten Stunde. Unter dem Titel: „Er lebt wie der letzte Mensch” heißt es in der Frauenzeitschrift Constanze vom 4. Juni 1950: „Eine Treppe hoch, dann steht man in einer großen Mansarde in einem Gewirr elektrischer Drähte und Geräte, gewärtig, mit 220 Volt hingerichtet zu werden. Wer kennt sich als normaler Sterblicher in diesem Gestrüpp elektrischer Drähte aus? 800 Meter hat der junge Mann im Laufe eines Jahres hier eingebaut, 48 Kontrollanzeigen verwirren den Außenstehenden, 200 Dübel stecken in den Wänden und halten die vielen Lampen, den Zeichentisch, den Spiegel. ‚Keine Sorge‘ lacht der junge Mann. ‚Das ist alles gut gesichert…. Hier unterm Dach wohnen fünf Parteien. Ich mag niemanden unnötig stören. Außerdem muss ich Zeit sparen. Bei mir funktioniert alles selbsttätig. Früh um 6.30 Uhr schaltet sich der Kocher ein, auf dem Kaffee und Rasierwasser stehen. 6.33 folgt das Radio, 6.36 treten meine Ventilatoren in Tätigkeit und ermuntern mich mit sanftem Morgenwind. 6.37 ertönt ein kräftiger Summerton, den ich vom Bett nicht ausschalten kann. Bevor ich zur Universität gehe, stelle ich das Suppenkochgerät ein und setze mein Mittagsbrot darauf: Kennen Sie den Schlager ‚Meine Klingel ist kaputt?‘ Bei mir nie! Wenn hier die rote Birne aufleuchtet, weiß ich, dass der Briefträger Post durchgeworfen hat. Blaue Lampe heißt: ‚Toilette besetzt‘ – die ist im Zwischenstock drei Stockwerke tiefer. Bei Grün liegt Stromstörung vor, dann schaltet sich alles auf Batterie um.’”
Werners elektrisches Gehirn erspart ihm die Frau im Hause. Er ist mit der Elektrizität verheiratet. „Der ganze Klumpatsch verbraucht höchstens 2 Mark mehr Strom als sonst.”
Die „ersparte Frau” lebte tatsächlich mit in der Wohnung. Meine Mutter, so geht die Familienlegende, fand das ganze „Elektrik-Gelump” (Sächsisch) nicht so gut. Zitat meiner sächsischen Großmutter (in waschechtem Sächsisch): „Anita hatte immer Angst, einen elektrischen Schlag zu bekommen, wenn sie sich aufs Sofa setzte. Und der Werner fummelte ja den ganzen Tag nur mit den Drähten rum.”
Mein Vater Werner Horx war ein Ingenieur, der als junger Soldat in den Krieg zog. Im Februar 1945 kam er als Leutnant der Wehrmacht in zerlumpten Kleidern nach Hause, in eine Kleinstadt in der Nähe von Dresden. Dort lagen seine Eltern tot unter den Trümmern ihres Hauses, das am Tag vor seiner Ankunft von einer Fliegerbombe getroffen worden war, beim letzten Angriff der englischen Luftwaffe. Im besonders kalten Kriegswinter 1944/1945 war die Stadtverwaltung weitgehend zusammengebrochen, Begräbnisse fanden nicht mehr statt. Mein Vater grub im steinhart gefrorenen Waldboden selbst ein Grab für seine Eltern.
Mein Vater hatte einen echten Weltuntergang erlebt.
Er war kein fanatischer Nazi. Aber ein begeisterter Jungvolkführer. Und ein fescher Unteroffizier. Von seiner Zeit in Rommels Afrikafeldzug erzählte er gerne. Wie seine Truppe in der glühenden Sonne Spiegeleier auf den Panzerrohren briet. Und mit den „Tommys” zu Weihnachten Fußball in der Wüste spielte … Das waren die Geschichten, die man erzählen konnte.
Später im Krieg verlieren sich seine Spuren in den Rückzügen der deutschen Armee im Osten.
Davon erzählte er kein Wort.
Noch später wählte er Helmut Schmidt.
In den Sechzigern konstruierte mein Vater gigantische Eisenbahnanlagen auf dem Dachboden. Mit Schaltpulten, die so schwer waren, dass vier Möbelpacker sie kaum tragen konnten. Vollgestopft mit Relais, Transformatoren und Kabelbäumen, übersät mit blinkenden Lämpchen, erinnerten sie an die Kommandopulte von Raumschiffen. An den Wochenenden zog er sich in den Keller zurück, wo er stundenlang bastelte. Für mich war das ein Paradies. Der Geruch von heißem Lötzinn als halluzinogene Duftmischung. Dort unten, im Reich von Lötkolben, Sägen und Schraubzwingen, konnte man die Welt immer neu in Ordnung bringen.
Es war ein sehr entschlossener Kontrollversuch. Wenn die Eisenbahn fuhr, lief alles vollautomatisch, und wenn mein Vater das Licht ausschaltete, sah man die Lichter der Lokomotiven unendliche Kreise ziehen, wie Glühwürmchenschwärme. Mein Vater saß an seinem Schaltpult und regelte. Ich durfte mit der Zugpfeife pfeifen, wenn die Züge in die Tunnel aus Pappmaschee einfuhren. Ich hatte eine rote Schaffnermütze auf. Durfte aber nichts anfassen, außer ein Zug fiel endlich in einer Kurve um.
Digitale Anfänge
Mein erster Computer war beigegrau.
Ich kaufte ihn im Jahr 1984 in meiner Land-Wohngemeinschaft. In einer Zeit, als alles ziemlich deprimierend war. Es regnete dauernd, mein Gemüsegarten war eine Schlammlandschaft, die Weltrebellion war irgendwie abgesagt und in einer anderen Wirklichkeit drohten Atomkraftwerke und die Atomraketen der „Nachrüstung”.
Aber da war er nun endlich, die Zukunftsverheißung aus meiner Kindheit. Ein Commodore 64, das Kultgerät des frühen Computerzeitalters. Als Aussteiger und Ökologisten waren wir zwar grundsätzlich skeptisch, was Hightech betraf. Aber diesem magischen Gerät konnten wir uns nicht entziehen. Plötzlich entstanden Computer, die von Hippies in Garagen in Amerika zusammengeschraubt wurden, für eine ganz andere Idee als die Überwachungscomputer von Orwells 1984.
Mein erster Computer 1984: Ein Commodore 64
1984 erschien auch der erste Apple Macintosh und setzte einen neuen Mythos in die Welt. Ein Gerät, das sie Welt verändern würde, weil man es mit einer „Maus” bedienen konnte.
Technik, die sich an Menschen anpasste, nicht umgekehrt. Ich lernte ein wenig programmieren. Basic und ein bisschen Fortran.
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Mit dieser entschlossenen Sprache, die keine Zweifel zuließ, konnte ich Formen und Farben über den Bildschirm laufen lassen. Später ließ ich Raumschiffe in selbst gebastelten Spielen explodieren. Das war kindlich, fühlte sich aber bedeutsam an. Bald ging es bei den ersten pixeligen Videospielen darum, Hubschrauber unter schwierigen Bedingungen in den Höhlen von Fort Apokalypse zu landen. Und dann ging es hinaus in die Welt. Das Modem zwitscherte und jodelte, und plötzlich war man „drin”. Begeistert lasen wir Texte über die Schwarmintelligenz, über das Wesen der Computer als universelle Wissensmaschinen. Die Menschheit würde sich mithilfe des revolutionären Computers über alle Begrenzungen und Restriktionen hinwegsetzten. Würde sich verbinden, über alle Kontinente, Sprachen und Ideologien hinweg, zu einer einzigen leuchtenden, lernenden, kreativen, universellen Menschheit …
One More Thing
Im Januar 2007 trat ein hagerer Mann auf eine dunkel ausgekleidete Bühne in San Francisco. In einem schwarzen Rollkragenpullover und ausgewaschenen Bluejeans machte Steve Jobs zunächst einige Scherze über Microsoft, den alten Rivalen, der für graue Tischcomputer und Büroklammer-Technologien bekannt war. Dann sagte er diesen magischen Satz: „WE ARE MAKING HISTORY TODAY!”
Drei neue Geräte kündigte Jobs an, „in einer nie dagewesenen Symbiose von Smartness und Kreativität”.
• A widescreen iPod with touch controls
• A revolutionary mobile phone
• A breakthrough internet communication device
THE ONE DEVICE!
Und da war es, das iPhone. Das tatsächlich unser Leben verändern sollte.
Jobs Hochamt wurde von ungefähr so viel Menschen angeschaut wie die Mondlandung (zirka 650 Millionen). Seine neuen Geräte erlösten uns von dem Übel rein funktionaler, seelenloser Technologie, die keinen „Geist” hatte, keinen Spirit, kein Design, das in Richtung Zukunft wies. Jetzt hatte Technologie eine kreative Seele bekommen. Sie folgte auf die Befehle unserer Fingerkuppen. Sie folgte unserem Bedürfnis nach Customer Centricity. Sie war für uns da, ganz allein für uns Individuen der Neuen Welt!
Gibt uns die kreative Kraft! Shake the world, baby!
Viele Jahre war das Apple-Logo in meinem Leben eine Art Glaubenssiegel. Wenn man in ein urbanes Café kam, in ein Starbucks irgendwo in einer Großstadt, wies man sich, wenn man sein PowerBook aufklappt, sofort als Mitglied der Kreativen Klasse aus. Später standen die bunten Knutschkugeln der ersten iMac-Serie auf meinem Tisch. Apple gab der Technologie die Würde zurück und uns Symbole der ästhetischen Rebellion in die Hand.
Die Zukunft konnte kommen. Sie sah verdammt gut aus.
Dass das Ganze einem Techno-Kult ähnelte (ähnlich dem Cargo-Kult, bei dem die Bewohner der Südsee nach den Reisen von Thomas Cook auf die neuesten Wunder aus der neuen Welt warteten), wurde mir erst viel später klar. Gehen Sie in einen Apple-Shop. Achten Sie auf die religiösen Insignien, die seltsame Ergriffenheit. Das mönchische Verhalten der Apple-Bediensteten. Geheiligt sei dein Gerät! Die Anbetung des angebissenen Apfels, der opak über allem schwebt, vermittelt eine asketische Sünde.
Schauen Sie sich heute einen aktuellen Apple-Werbespot an. Sie werden staunen, welche religiösen Heilsversprechungen in der Technologie stecken.
Im Jahr 2011 starb Steve Jobs an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Wie bei so vielen jungen Heroen unserer Generation war sein früher Tod das Beste, was seinem Mythos passieren konnte. Eine Zeit lang hatte er mit alternativen Heilmethoden versucht, gegen den Krebs anzukommen; schließlich war er ein alter Hippie. Die harten Methoden der technischen Medizin misstraute ausgerechnet jener Heilige, der die härteste Medizin des Techniums in die Menschenwelt gebracht hatte. Auf einer seiner letzten Reden vor 500 Studenten der Stanford University zog Jobs noch einmal die große Linie von der Gegenkultur bis in die Zukunft, und er vergaß dabei nicht, dem Tod als großen Innovator zu huldigen.
Im Reich des Techniums
Was ist das überhaupt – „Technologie”?
In der ursprünglichen Form ist Technik (τέχνη, téchne, Kunst, Handwerk, Kunstfertigkeit) eine Erweiterung menschlicher Körperfunktionen. Steinmeißel, Streitaxt und Speer verlängern die Arme. Kameras, Brillen und Teleskope erweitern die Augen. Das Rad ist eine Extrapolation der Beine. Technik wird zunächst aus einer Erweiterung unserer existenziellen Körperlichkeit geboren.
So weit, so gut, könnte man meinen. Wer möchte nicht wilden Tieren entkommen und seine Sinne erweitern?
Nach Kevin Kelly, dem berühmten US-amerikanischen Zukunftsforscher, der in den Neunzigerjahren das Zukunfts-Kultmagazin Wired mitbegründete, ist Technologie aber noch etwas ganz anderes. In seinem Buch „What Technology Wants” (2010) erklärt Kelly Technologie zu einer eigenständigen Evolution. Er definiert das „Technium” als siebtes Königreich der Natur (nach den Einzellern, Mehrzellern, den Eukaryonten, Pilzen, Pflanzen und Tieren/Menschen). Eine Art Superorganismus, der nach seinen eigenen Gesetzen die Welt gestaltet. Und zwar im Unterschied zur natürlichen Evolution rasend schnell.
„Wenn wir auf die Altsteinzeit zurückblicken, können wir eine Evolutionsphase beobachten, in der menschliche Werkzeuge noch im Embryonalstadium waren. Aber da die Technologie älter war als der Mensch, müssen wir über unsere eigenen Ursprünge hinausblicken, um die wahre Natur der technologischen Entwicklung zu verstehen. Technologie war nicht nur eine menschliche Erfindung; sie wurde auch aus dem Leben geboren … Mit geringfügigen Unterschieden. Die Evolution des Techniums ahmt die Evolution genetischer Organismen nach. Die Evolution beider Systeme bewegt sich vom Einfachen zum Komplexen, von der Einheitlichkeit zur Vielfalt, vom Individualismus zum Mutualismus (gegenseitigem Vorteil). Von Energieverschwendung bis hin zu Effizienz. Die Art und Weise, wie sich eine Art Technologie im Laufe der Zeit verändert, folgt einem Muster, das einem Stammbaum der Artenentwicklung ähnelt. Aber anstatt die Arbeit von Genen auszudrücken, drückt Technologie Ideen aus. Und diese Ideen sind schnell, radikal und wütend.”
So wurde aus der Anwendungsdebatte eine Anpassungsdebatte: Wir müssen uns zwangsläufig dieser rasenden Evolution anpassen, wenn wir nicht den Anschluss an die Zukunft verlieren wollen. One more thing, forever. Das Technium nimmt uns in sein Reich auf, ohne zu fragen.
Um die Jahrtausendwende gaben die Brüder Andrew und Laurence Wachowski mit ihrer Matrix-Triologe dieser Vision kräftiges Futter – allerdings in dystopischer Form. In der Matrix dienen die Menschen den Maschinen als Energiequelle, das Technium hat sich komplett über das Humanum gestülpt – im Austausch von unendlichen Simulationen dürfen die Menschen weiterträumen, sie lebten im Raum der Wirklichkeit.
In seinem Buch The Inevitable: Understanding the 12 Technological Forces That Will Shape Our Future listet Kelly das Unvermeidliche auf, das die digitalen Technologien mit sich bringen:
Beginning: Alles beginnt immer wieder von Neuem.
Flowing: Alles gerät unentwegt in Fluss.
Screening. Alles wird ständig auf Bildschirme gebracht.
Accessing: Alles wird zugänglich, nichts bleibt Geheimnis.
Sharing: Alles kann und muss geteilt werden.
Filtering: Alles kann durch Filter eingegrenzt werden.
Remixing: Alles wird immer neu zusammengesetzt.
Interacting: Alles agiert ständig mit allem in Echtzeit.
Tracking: Alles wird ständig verfolgt und &bdqo;monitort”.
Cognifying: Alles wird ständig in Erkenntnisse eingepasst.
Questioning: Alles wird ständig infrage gestellt.
Becoming: Alles ist ständig im Werden und Wandeln.
Man könnte diese Liste der Metamorphosen auf einen einzigen Satz bringen: Nichts bleibt, wie es war. Oder frei nach Karl Marx: Alles Stehende (Analoge) wird verdampft! Spätestens hier war die Technologiedebatte an einer Grenze angelangt. Dass all diese &bdqo;Auflösungen” in Wirklichkeit ein ziemlicher Horror waren, fiel in der allgemeinen Technik-Euphorie kaum auf. Der technische Fortschritt ähnelte nun einer deterministischen Ideologie, die dem Marxismus des 20. Jahrhunderts ähnelte.
Und wer auf einer Bühne auftrat, um Einwände zu wagen, um Technologie vom Menschlichen aus zu befragen, wurde höflich, aber bestimmt durch den Hintereingang wieder hinausgeführt.
Die Zukunft herbeibrüllen
Mitte der Zehnerjahre wurde aus der digitalen Zukunft immer mehr ein hysterischer Kult. Manager und Unternehmer, mit denen wir Zukunftsarbeit betrieben, kamen mit glänzenden Augen (und manchmal mit Hipster-Bärten) aus dem Silicon Valley zurück, wo sie angeblich die wahre Zukunft gesehen hatten. Vergesst alle Businesspläne und Innovationen! Vergesst die Trends und die Kunden (die jetzt User hießen, eine Bezeichnung, die man sonst nur aus der Drogenbranche kannte). Vergesst das ganze Zeug über neue Firmenkultur und Work-Life-Balance! Das große Geld macht man mit Daten, Daten, Daten!
Der israelische Historiker Yuval Noah Harari nannte das treffend &bdqo;Dataismus” oder &bdqo;Die Daten-Religion”. In Homo Deus schreibt er: „Dataismus invertiert die traditionelle Pyramide des Lernens. Daten wurden früher als der erste Schritt in einer langen Kette geistiger Aktivität gesehen: Aus Daten destilliert man Information, aus Information Wissen, aus Wissen Weisheit und sinnvolle Handlung. DATAISTEN glauben, dass das alles überflüssig ist. Die Daten SELBST sollen die geistige Aktivität ersetzen, weil sie die Prozessoren die Kapazität des menschlichen Hirns überschreiten. In der Praxis bedeutet das, skeptisch gegenüber den humanen Fähigkeiten zu sein und alles in die Hände von Computeralgorithmen zu geben.”
Ich erinnere mich an einen Digital-Event in München, der auf mich wie eine schwarze Messe wirkte. Für die Keynote war einer der angesagten Digital-Gurus eingeladen, der auf der Bühne ein öffentliches „Chipping” anbot. Es handelte sich um einen rasend schnell redenden Menschen mit einem „digitalen Zugang” im Oberarm; eine mechanische Öffnung, an die man ein UBS-Kabel anschließen konnte. Zu meinem Erstaunen fand das niemand lächerlich. Er bezeichnete sich selbst als Cyborg und hatte auf der Bühne ein kleines Labor aufgebaut, mit einen mit rotem Leder bezogenen Zahnarztstuhl. Er selbst hätte dieses „geniale Teil” eines Chips in seiner Hand implantiert, mit dem er – Simsalabim! – Türen öffnen und alle möglichen „Devices“ steuern konnte.
Er brüllte das Publikum regelrecht an, ihm auf dem diesem Weg zu begleiten: „SIE KÖNNEN IHRE INTELLIGENZ um tausend Prozent erhöhen! ALLES WIRD IMMER SCHNELLER! WIR LEBEN IN EINEM ZEITALTER DER AKZELERATION! Wir MÜSSEN UNS AN DIE NEUE ZEIT ANPASSEN! ALLES WIRD DIGITAL! ROBOTER KOMMEN! ARBEIT WIRD ABGESCHAFFT! ALLES IST VERNETZT!”
Die jungen Businesstypen aus dem Publikum – die sehr wenigen Frauen wirkten eher distanziert – klatschten frenetisch Beifall. Dann stellten sich die jungen Männer brav in einer Reihe an, um sich einen Mikrochip unter die empfindliche Haut zwischen Daumen und Zeigefinger implantieren zu lassen. Dorthin, wo’s richtig wehtut. Ihr Stöhnen, wenn das Implantationsgerät ein metallenes Klacken von sich gab, machte den Saal zu einer skurrilen und irgendwie perversen Folterkammer.
Mich erinnerte diese Szene an einen Satz von Big-Bang- Theory-Serienheld Sheldon Cooper in der finalen Staffel: „Als ich ein Kind war und man mich gefragt hat, was ich werden will, wenn ich groß bin, habe ich immer gesagt: ein Gehirn in einem Glas.”
Es war unmöglich, gegen das Zukunfts-Brüllen Einwürfe zu erheben. Das ständige Müssen-Müssen-Müssen prägte bald die ganze öffentliche Zukunftsrhetorik. Zukunft wurde von einer Richtung, einem Geheimnis, einer Sehnsucht nach Wandel zu einer Zwangsvorstellung.
Wir müssen uns anpassen!
Die digitale Welt wartet nicht auf uns!
Der Zug könnte bald abgefahren sein!
Wir brauchen mehr radikale Innovationen! MEHR! MEHR! MEHR!
Immer schneller! Die Zukunft wartet nicht! Drück aufs Gas, Idiot!
Rauschen, Knacken …
Das Future Evolution House
Ende 2010 bauten wir als Zukunftsforscher-Familie unser Zukunftshaus am Stadtrand von Wien. Es war eine analoge Schlacht von Bauschlamm, Koordinationsproblemen und endlosen Handwerker-Nervereien, die meine Frau Oona heldenhaft meisterte. Als das Haus nach achtzehn Monaten Bauzeit endlich stand, waren wir erschöpft, aber glücklich. In Oonas Buch Wir bauen ein Zukunftshaus. Ein Familiendrama in drei Akten (2015) ist die Wahrheit über das Bauen von Zukunftshäusern verewigt. Zukünftig ist daran wenig.
Aber was zum Teufel ist ein Zukunftshaus? Eigentlich ist es ein Oxymoron. Wohnen kann man ja immer nur in der Gegenwart, und ein Zukunftshaus ist normalerweise eher eine Skizze, ein Prototyp, oder bald schon ein Museumsstück. In der Tat hatten wir mehrere der futuristischen Laborhäuser besichtigt, die in den Empfangshallen von Technologiekonzernen standen oder auf Messen gezeigt wurden. Es lief immer auf dasselbe hinaus: Panels, mit denen man alle Funktionen bedienen konnte, einschließlich des Herdes aus dem Wohnzimmer. Und mit Servern vollgestopfte Keller, mit denen man das ganze Haus hätte heizen können. Die unbewohnbaren feuchten Träume von Elektroingenieuren, die alles, was nicht niet- und nagelfest war, automatisieren wollten.
Ich musste ständig an meinen Vater denken.
Das Erste, was wir an Smart Tech einbauten – gesponsert durch eine Firma –, war eine Haussteuerungsanlage. Mit vielen Steuerungsmodulen in den Wänden und einem eleganten mobilen Panel, mit dem man alle Funktionen des Hauses steuern konnte. Das Ganze war sündhaft teuer, aber wir konnten selbst die Gartentür von der Ferne aufschließen, die Jalousien im ganzen Haus nicht nur hoch- und runterfahren, sondern auch unregelmäßig oder regelmäßig hoch- und runterfahren LASSEN. Je nachdem, ob wir die Stimmung „Convenience” oder „Energy” wollten (die Beleuchtung wechselte dann zu grün oder rot) oder bei Abwesenheit mögliche Einbrecher abschrecken wollten (heftig wechselnde Lichtstimmungen).
Das Ganze war gekoppelt mit einer ausgefuchsten Alarmanlage, die per Raumdrucksensoren gesteuert wurde. Es dauerte drei Wochen, das System zu programmieren. Die nächsten Wochen waren erschöpfend, weil zu allen unregelmäßigen Zeiten die Alarmanlage plötzlich losheulte, Alarm- E-Mails an alle Familienmitglieder schickte und an die Polizei, die jeweils 150 Euro berechnete.
Wir fanden schließlich heraus, dass das System auf Winddruck reagierte, der ab und zu unsere großen Glasscheiben zum Schwingen brachte. Sie auszutauschen, hätte ein Vermögen gekostet. Also wurde die Alarmanlage stillgelegt. In der Haussteuerungsanlage selbst traten immer wieder seltsame Bugs auf, die Reprogrammierungen erforderten. Der Schalter für das obere Seitenlicht im Flur ließ plötzlich die Jalousie im Wohnzimmer herunter. Oder das Steuerpanel war abgestürzt und ließ sich nicht mehr hochfahren, was nur durch einen Softwarewechsel behoben werden konnte. Nach einem Jahr ging der Programmierer des Systems, ein freundlicher älterer Herr, in Rente. Der neue, den uns die Firma schickte, hatte keine Ahnung und fuhr kurz darauf in Urlaub. Er ließ sich am Smartphone nie mehr erreichen.
Die Firma, die unser Haussystem geliefert hatte, ging pleite. Oder wurde an die Chinesen verkauft.
Wir lernten: Futuristische Haustechnik ist schwierig, wenn sie die Gegenwart betrifft.
Irgendwie war es praktischer, einfach zum Lichtschalter zu gehen, der tatsächlich noch „Klick” machte.
Ein paar Monate später empfahl uns die Polizei bei einer Einbruchsberatung, einen Hund anzuschaffen. Das wäre das beste Mittel gegen Einbrecher (die in unserer Gegend am Waldrand häufig ihr Wesen trieben). Seitdem haben wir unsere wunderbare Bubbles, eine leicht neurotische, aber sehr selbstbewusste und eigensinnige Maremmano-Hündin.
„Wo immer das Wort ›smart‹ oder ›smartness‹ auftaucht, sollte man es als freundliche Metapher für digitale Ausbeutung verstehen”, so die Managerin Marie-Luise Wolff in ihrem Buch „Die Anbetung”. Über eine Superideologie namens Digitalisierung.
Das Amish-Prinzip
Im Jahr 2010 lernte ich Alexa Clay kennen, die aus der US-amerikanischen Amish-Sekte kam und sich „The Amish Futurist” nannte. Sie trat auf unserem großen Zukunftstag in der Tracht dieser Volksgruppe auf und erklärte den Zugang ihrer Glaubensgemeinschaft zur Technologie. Sie war bei den Amish eine Art Tech-Agentin, die neue Technologien testete, bewertete und ihren Gebrauch empfahl. Oder eben nicht.
Mitten im hyperkapitalistischen Amerika hat eine traditionelle Lebensweise überlebt, die das Verhältnis zwischen Technium und Sozium, zwischen Technologie und Alltagswelt, völlig anders regelt als die Mainstream-Gesellschaft. 300.000 Menschen in sechsunddreißig Bundesstaaten leben einen Lebensstil der radikalen „Low Tech”. Das ist erstaunlich. Wie konnte sich diese Enklave bewahren?
Die Amish-Bevölkerung wächst immer noch, was vor allem an der hohen Geburtenziffer liegt – chemische Verhütungsmittel sind verpönt. Amish-Familien haben im Durchschnitt sechs Kinder, die ganze Soziostruktur ist auf Großfamilien eingestellt, die exzellente Sozialstruktur einschließlich gemeinsamer Kinderbetreuung bietet eine echte Alternative zur Konsum-Moderne. Obwohl viele Mitglieder die Sekte im jungen Erwachsenenalter verlassen, behalten sie ihre Bindungen, und viele kehren auch zurück. Existenzieller Stress, wie er heute die US-amerikanische Kultur quält, ist bei den „Amischen”, die vom Schweizer Wiedertäufer-Prediger Jacob Amann vor 300 Jahren gegründet wurden, so gut wie unbekannt.
Aus Amish-Sicht ist Technologie nicht generell böse oder teuflisch. Sie ist aber zum großen Teil überflüssig. Sie stört die Gemeinschaft. Technik, so wissen die Amish, kann die Bindungen und Seelen beschädigen. Und das ist für einen Amish das Schlimmste.
Genutzt wird nur Technik, die das Gemeinsame fördert und keine übertriebenen Eitelkeiten oder Ablenkungen erzeugt. Amish arbeiten gerne. Sie sind begeisterte Handwerker, die den Prozess des Schöpfens schätzen. Amish nutzen bisweilen Autos für längere Strecken – für den Alltag reicht die Pferdekutsche. Sie lassen sich motorisiert meistens von Chauffeuren fahren. Die Amish nutzen in ihren Werkstätten Drucklufttechnik und für manche Teile der Buchhaltung einfache alte PCs, begrenzen aber deren Gebrauch zeitlich und funktional auf den eigentlichen Zweck. Sie verwenden sogar genetisch veränderten Mais, weil sich die Resistenz gegen den Maiszünsler und andere Schädlinge als existenzbewahrend erwiesen hat. Sie nutzen Plastiktüten, die sie wiederverwenden – sehr oft. Ihre Kutschen sind aus Fiberglas. Bis sie sich für den richtigen Gebrauch einer Technologie entschieden haben, dauert es manchmal Jahrzehnte.
Die Amish haben Zeit, viel Zeit. Generationen Zeit.
Die Amish verzichten auf gar nichts. Und freuen sich an der Fülle, die uns die Technik bietet. Es ist ihre Souveränität gegenüber der Technik, ihre selbstbewusste Wahl, die sie faszinierend und auf gewisse Weise progressiv erscheinen lässt. Sie selektieren den sozialen Nutzen der Technologie, aber gehen den technischen Superversprechen nicht auf den Leim.
Das Technotüm
Siri und Alexa gingen den Weg der meisten Smart-Home- Anwendungen in unserem Haus. Sie wanderten in die große Kiste im Keller mit entschlafener Technik, die jedes Jahr größer wurde, bis sie zu einem echten Monster heranwuchs. Wir nannten es das „Technotüm”. Es stapelten sich Lautsprecher aller Bluetooth-Generationen, abgewrackte Module und Modems, drei Generationen von Internetradios, verblichene Drucker, Stapel von alten iPads und iPhones, Alarmanlagen mit Bewegungsmeldern, umwunden von einem Wust von Netzteilen und Kabeln, die alle miteinander Sex zu haben schienen und sich dauernd vermehrten. Dazu tausend verblichene Tastaturen, ganze Schaltschränke für komplizierte Haustechnik, Gadgets in schrillen Farben, die uns irgendwelche Freunde geschenkt hatten, weil das irgendwie „Future” war.
Wir standen vor diesem Monster und wunderten uns, wie es so weit kommen konnte. Und wie man das recycelt. Wie viel Geld und Zeit wir für sinnlose Technik verballert hatten! Technik auf der Suche nach Problemen, die angeblich das Leben erleichtern würde, aber genau das Gegenteil taten. Aus dem großen Gewirr vermeinten wir manchmal ein sanftes „Womit kann ich helfen?” zu vernehmen.
Was unser Haus wirklich „zukünftig” macht, sind dagegen die Design-Aspekte, die in der Architektur stecken. Wir haben versucht, das Gebäude nach den Bedürfnissen einer individualistischen, multimobilen, also heute ganz normalen Familie zu gestalten.
Unser Haus ist ein Multihaus. Ein gelandetes Raumschiff mit vier Segmenten: Kin, Lounge, Love und Work. In „Kin” (von englisch „kinship”) wohnen die Kinder, wenn sie zu Hause sind. Dass sie auch bis in ihr dreißigstes Lebensjahr immer wieder bei uns leben, war nicht vorauszusehen, aber beabsichtigt. Sie haben ihr eigenes kleines Bad und eine Teeküche und verschwinden tatsächlich manchmal tagelang in ihrem Raumschiffmodul, dass man lautdicht vom Rest des Hauses „abkoppeln” kann (allerdings habe ich noch nie Boxenlärm aus ihrem Trakt gehört, mit dem ich meine Eltern ständig genervt habe. Sie sind eingestöpselt, und es ist mucksmäuschenstill). „Lounge” ist die große Wohnküche, in der sich die Familie trifft, wenn sie Lust dazu hat (leckere Currys von Oona helfen). „Love” ist das autonome Wohlfühlreich von Oona und mir. Und „Work” ist unser Homebüro, das fünfundzwanzig Meter entfernt auf der Wiese steht. Dort arbeiten wir mit zwei Angestellten und empfangen manchmal Kunden (wenn Bubbles uns lässt).
Wohnen ist und bleibt Entschleunigung im Bleibenden. Höhlendasein. Wohnen ist sinnlich, körperlich und bis zu einem gewissen Grad notwendigerweise chaotisch. Häuser sind Ordnungssysteme – oder sagen wir: Ordnungsvorschläge. Funktionen müssen flexibel sein, im Lauf der Zeit wechseln können. Das Bad kann ein Leseraum werden. Das Wohnzimmer mutiert zur Küche, Computerraum ist überall, auch auf dem Klo. Gerade weil wir in einer elektronischen Welt leben, in der wir alle beruflich in Bildschirme starren müssen, sind wir auf das Sinnliche, das Haptische, das Fühlbare angewiesen, das mit uns altert. Warum unser Kühlschrank mit der Kaffeemaschine vernetzt sein soll, damit endlich das „Internet of Things” entsteht, will uns einfach nicht einleuchten.
Unser Haus ist ein Versuch, den Unterschied zwischen „Zukunft” und dem „Zukünftigen” zu verdeutlichen. Zukunft ist ein fixierter Endzustand, eine konstruierte Utopie, die meistens einer Ideologie folgt, einem fixen Set von Regeln und Normen, die schon vorher festgelegt werden. Das Zukünftige hingegen entwickelt sich im Leben selbst, als Praxis und Routine, die funktioniert und ins Kommende weist. Es ist, evolutionsfähig, es steht in lebendigem Kontakt mit unseren Bedürfnissen, es wandelt sich durch unsere veränderten Wünsche.
In der Architektur des Wandelbaren und Gewordenen entsteht eine Schönheit, die man sofort spüren kann: Alte Englische Landhäuser haben so etwas oder französische Chalets oder niederländische Grachtenhäuser oder alpine Lofts der neuen Generation. Selbst gut renovierte Beton-Brutalismen können Wandelhäuser sein. Auch Stadthäuser aus der Gründerzeit haben sich als wandelfähig erwiesen; in ihnen kann alles Mögliche gegründet werden, von Firmen über Dynastien bis zu WGs. Sie verweisen auf die Vergangenheit, aber sie erzählen auch ein zeitloses Morgen. Ein zukünftiges Haus gewinnt in der Dauer an Würde, auch seine Technologien „reifen”, wie man an alten Öfen oder Möbelklassikern sehen kann.
So soll es sein zwischen dem Humanum und dem Technium. Vornehme Distanz bei gleichzeitiger Kooperation.
Der Nettogewinn der Technologie
Der US-amerikanische Medienprophet Neil Postman formulierte es einmal so schön: „Sobald die Maschine gebaut ist, entdecken wir immer zu unserer Überraschung, dass sie eigene Ideen hat; dass sie nicht nur unsere Gewohnheiten verändert, sondern … auch die Gewohnheiten unseres Geistes verändert.”
Jede Technologie verändert das Denken. Sie spaltet dabei zuerst die Wahrnehmungen. Nutznießer und Verlierer, Fans und Skeptiker bilden ein Spannungsfeld, in dem menschliche Möglichkeiten und Grenzen neu ausverhandelt werden. Technik disruptiert gewachsene menschliche Fähigkeiten, das erzeugt Verlustängste ohne Ende. Sie schafft gleichzeitig neue Optionen, die sich erst zu Nutzungsweisen entwickeln müssen, die immer mit Kulturtechniken zu tun haben.
Beim Prozess der „Adaptation”, der gegenseitigen Veränderung von Technik und Mensch, geht es zunächst primär um Sicherheitsaspekte, um die „Entschärfung” der Risiken. Automobil und Flugzeug brauchten Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte, um von einem mörderischen Risiko zu einem sicheren Fortbewegungsmittel zu werden. Es waren immer grauenhafte Unfälle, Abstürze, die zu den entscheidenden Verbesserungen führten – etwa der große Doppelcrash auf Teneriffa im März 1977 mit 583 Toten, der weltweit eine völlig neue Flugsicherheitsarchitektur etablierte. Lebensgefahr führt bei vielen Technologien zu schnellen Adaptionen. Dass uns heute jedes Auto unentwegt übergriffig anpiept und Verhaltensänderungen verlangt, ist wohl der Preis, den wir für einen niedrigen Blutzoll des Verkehrs zahlen müssen. (In Deutschland lag der „Peak Car Death” im Jahr 1973 bei 23 000 Todesopfern; eine unvorstellbar hohe Zahl, wenn man berücksichtigt, dass die Fahrzeugdichte heute das Vierfache beträgt; heutige Todesopferzahl: jährlich ungefähr 3000.)
Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem eine Technologie sich weitgehend „humanisiert” hat – eingepasst in die menschliche Umwelt. Ihr Nutzen ist dann größer als ihre Gefahren, ihr Beitrag zu menschlichen Möglichkeiten größer als die Sabotage alter Gewohnheiten. Sie haben einen humanen Nettogewinn. Das Mensch-Technik-Spiel ist dann ein Win-Win-Spiel. Ein Nicht-Nullsummenspiel.
Das ist der Moment, an dem wir tatsächlich Fortschritt vermelden können. Allerdings ist dieser Punkt nie ganz einfach auszumachen.
Für echten Fortschritt sind viele kleine Schritte nötig. In den Organisationsformen, den Rechtsformen und Regularien, den Normen und Normierungen, den Infrastrukturen, Zugangsrechten, den alltäglichen Verhaltensformen. Jede Technik braucht eine Soziotechnik, die auf sie in einer günstigen Art und Weise reagiert.
Allerdings sind diese sozialen Reaktionsweisen für unterschiedliche Interessengruppen unterschiedlich nützlich. Für Betreiber digitaler Netzwerke ist es vorteilhaft, wenn möglichst viele Menschen möglichst lange vor dem Bildschirm kleben. Für die menschliche Kultur und Lebensweise ist das eher fatal.
Die Drucktechnik musste erst Regeln des Verlegens und Veröffentlichens, der Strukturierung geschriebenen Wissen, der Kuratierung hervorbringen – Verlage, Autorenrechte, Verantwortungen etc. (was heute durch das informelle Internet plus KI prompt wieder eingerissen wird). Die Eisenbahn als Alltagsvehikel erforderte mehr als nur den Verzicht, im Bahnhof lautstark auf den Boden zu rotzen (was vor 100 Jahren noch gang und gäbe war). Sie erzeugte auf Dauer eine Kultur des höflichen Reisens, daraus erwuchs auch die Herausforderung, vernünftige Regeln ebenfalls an ihren Zielorten einzuhalten. Wo das nicht gelang, führten die Gleise ins Nichts.
Menschliche Adaption gegenüber Technik ist ziemlich großzügig. Ich wundere mich immer wieder, was uns dazu bringt, uns in eine enge Flugzeugröhre zu pressen, in der der wir so nahe nebeneinandersitzen, dass wir Geruch und Geräusche eines Unbekannten im wahrsten Sinne hautnah erleben. Und uns im Klo um uns selbst winden müssen. Es scheint uns wirklich ungeheuer viel daran zu liegen, uns durch die Luft schießen zu lassen. Dafür akzeptieren wir anscheinend alles, sogar Ryanair.
Warum das Alte wiederkehrt
Die letzten Jahrzehnte der Technologieentwicklung waren von einer Rhetorik der Abschaffung geprägt. Der Begriff „Hightech” markierte einen Technikbegriff, der das Alte radikal überwinden und durch „überlegene Technik” vollkommen ersetzen wollte. Das gelang bisweilen. Aber dadurch entstanden auch dauerhafte Leerstellen menschlicher Natur. Und erstaunliche muntere Comebacks.
Warum kehrt das Vinyl zurück, die Schallplatte, die wir in unserer Jugend auf den heiligen Plattenteller legten, um das leiste Knistern als Vorfreude zu genießen? Warum werden heute in einem Presswerk nahe des Müritz-Sees bei Berlin wieder jährlich vierzig Millionen Schallplatten hergestellt, obwohl doch jeder, aber auch jeder Musiktitel mit einem winzigen Klick auf all meinen Lautsprechern abgespielt werden kann, per Stream?
Eine Antwort lautet vielleicht: genau deshalb. Eben weil das Auflegen einem Ritual, einer kleinen Inszenierung ähnelt, mit der wir unseren Mind auf Musik einschwingen – während der Klick im Netz zu einer „Breibildung” führt, einer inneren Beliebigkeit, bei der die Musik zu einem Geräuschteppich wird. Kunden von neuen Vinylplatten sind über fünfzig Jahre alt; es finden sich aber auch viele Jugendliche im Alter zwischen achtzehn und zweiunddreißig Jahren darunter.
Warum verschwinden die Bücher nicht, diese Anhäufungen von Papier, in denen man nur von vorne nach hinten lesen kann, anstatt überall hineinzuklicken, wo man will? Eben deshalb. Man will nicht immer klicken. Denn das Klicken führt einen immer häufiger in ein Rabbit Hole, in gedankliche Abwege. Die weltweiten Buchproduktionen sind durch das Internet kaum geschrumpft, jedenfalls weitaus weniger, als wir es noch vor zwanzig Jahren voraussagten. Bücher haben gerade den Vorteil, dass sie uns zur Linearität zwingen, zur Immanenz des Gelesenen in der eigenen Fantasie.
Warum erlebt Schach plötzlich eine Rückkehr als eine Art Kultsport, wo doch Computer inzwischen unbesiegbar Schach spielen können, viel besser als Menschen? Vielleicht gerade deshalb. Man will ein zauberhaftes Spiel nicht den Maschinen überlassen, die nicht besser, sondern nur datenstärker, also brutaler Schach spielen. Schach hat auch eine ästhetische, soziale, mentale Komponente, die nichts mit dem Gewinnen allein zu tun hat.
Der US-amerikanische Tech-Kritiker Ian Bogost schrieb in einer Besprechung der neuen Apple-Vision-Pro-Cyberbrille im Februar 2024: „Was aber, wenn die Kluft, die Apple überbrücken will, eine grundlegende Grenze der Technologie darstellt? Eine Zeit lang, auf dem Höhepunkt der Macht des Internets, wurde es populär, so zu tun, als ob die digitale und die materielle Welt zusammenhängend wären – dass die ›reale‹ Welt keine besondere Bedeutung hätte, weil der Cyberspace ein Teil davon geworden sei. Das stellte sich als falsch heraus. Wir leben in Autos und auf Sofas und getrennt davon auch auf Telefonen. Apple glaubt, dass es diesen Konflikt lösen kann – dass die digitale und die materielle Welt miteinander verschmelzen können –, aber es hat den Konflikt nur in eine höhere Auflösung gebracht. Ein Headset ist eine Brille. Aber ein Headset ist auch eine Augenbinde.”
Technik als Trost
Wenn der Futurist Ray Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google LLC, auf leisen Gummisohlen einen Saal betritt, der immer voll besetzt ist, dann herrscht jene tief erwartende Stille, die man in Kirchen hören kann, wenn der Heilige Geist nicht fern ist.
Ein Heiliger, der das nahende Reich verkündet.
Ein Prophet.
Ein erleuchteter Erlöser aus dem Technium.
Kurzweil berichtet uns von der bevorstehenden Singularität. Dieser Begriff wird normalerweise für jenen Zustand benutzt, an dem der Event Horizont eines Schwarzen Lochs in die Raumzeit kollabiert. Kurzweil verwendet den Begriff allerdings anders: Singularität benennt für ihn jenen „einmaligen” Zeitpunkt, an dem sich die rasende technische Beschleunigung zu einem einzigen Event verdichtet, einem Urknall oder Neuknall, in der die Maschinen hyperintelligent werden und der Mensch unsterblich. Unser Bewusstsein wird dann auf Quantencomputern laufen, wir können alle Krankheiten heilen; ob wir überhaupt noch einen Körper brauchen, ist dann eher zweitrangig. Vielleicht entscheiden wir uns für einen, vielleicht nicht, je nach Bedarf.
Um 2045 soll es nach Kurzweils Berechnungen so weit sein, dass sich der Mensch mithilfe der ungeheuren Maschinen-Intelligenz aus seinem fleischlichen Jammertal erhebt. Um bis zum Event fit zu bleiben, nimmt er selbst einen täglichen Cocktail von 200 Tabletten. Als absoluten Beweis für das Nahen der Singularität zeigt Kurzweil auf seinen Vorträgen Grafiken mit exponentiellen Kurvenverläufen. Linien, die immer steil nach oben weisen: die Taktbeschleunigung von Chips, die Kapazität von Rechnern, die installierte Rechenkraft der Computer auf der Erde, Fortschritte bei der Nanotechnik. Im Grunde sind diese linearen Aussagen völlig leere Aussagen. Sie geben einzig kund, dass Computer immer schneller rechnen können. Dass Partikel ständig kleiner manipuliert werden können. Nur was folgt daraus? Kurzweil ist ein Linearist, der sich einen Traum gestaltet hat. Der aber eigentlich ein Alptraum ist.
In der Natur ist Exponentialität meistens fatal. Sie reißt Systeme auseinander. Zum Beispiel die Vermehrung von Populationszahlen von Spezies in einer Umgebung mit begrenzten Ressourcen. Oder Krebszellen im menschlichen Körper.
Wie viele große Mystiker ist Ray Kurzweil von einer existenziellen Melancholie durchdrungen. Man spürt, dass es sich um einen enorm verletzlichen Menschen handelt. Kurzweil hat mit zweiundzwanzig Jahren seinen Vater verloren, den er sehr liebte. In zahlreichen Interviews spricht er über die Hoffnung, seinen Vater wiederzubeleben. Ray Kurzweils Vater Frederic (”Fritz Friedrich”), geboren 1912 in Wien, war offenbar ein wunderbarer Mensch. Ein Autor, Komponist, Dirigent, Philosoph. Ein seelentiefer Humanist. Kurzweil hat in seinem Haus in Massachusetts Kisten von Briefen, Dokumenten und Fotos von seinem Vater gesammelt. Er ist sich sicher, dass die Technik schon demnächst in der Lage ist, aus diesem Material einen authentischen Avatar zu formen. „Ich werde in der Lage sein, mit seiner Re-Kreation zu sprechen”, sagt Kurzweil. „Am Ende würde diese Repräsentation vielleicht sogar realistischer sein als mein Vater selbst, wäre er noch am Leben.”
Kurzweil ist der bekannteste Vertreter des Transhumanismus. Mit seinem Konstrukt der Singularität hat er ins Herz einer Gemeinde getroffen, die in der Technologie endlich die Erlösung sucht. Diese Gemeinde möchte die leidende menschliche Existenz durch Hypertechnologie auflösen. Und damit beenden. Das „Aufgehen” in den superintelligenten Maschinen würde menschliche Existenz ja nicht einfach transportieren, sondern terminieren. Im Inneren des Megacomputers wären wir keine Menschen mehr, sondern allenfalls noch Programme, irrlichternde Muster, wabernde Strukturen. Nicht-Wirs. Un-Ichs.
Was möchten Sie lieber sein? Tot oder ein Irrlicht in einem Quantencomputer?
Man braucht keinen allzu großen Menschenverstand, um zu spüren, dass Kurzweil trauert. Dauerhaft um seinen Vater trauert. Beziehungsweise nicht trauern kann.
Was uns in die Vision einer erlösenden Technologie treibt, ist die Angst vor dem Tod. Oder besser: die Angst davor, nicht mehr existieren zu können. Verlassen zu werden. Um dieser Angst entgegentreten zu können, versuchen wir alles. Sogar den Tod in den Datenströmen der Quantencomputer würden wir womöglich in Kauf nehmen.
Der Soziologe Stefan Selke zeigt in seinem Buch „Technik als Trost” den Verheißungscharakter der KI auf. In ihr spiegelt sich die schwarze Anthropologie, der Mensch als Mangelwesen, der durch die „Übertechnik” überwunden werden muss. „Eine demoralisierte, erschöpfte und entfremdete Gesellschaft kann am Ende nur durch die Re-Zentrierung des gesellschaftlichen Gravitationszentrums stabilisiert werden. Und genau diese Stabilisierung oder auch ›Heilung‹ ist das Kernversprechen von KI, deren Verheißungen zwischen exorbitanten funktionalen Aspekten und prognostizierten Wundern changieren.” In der Verwirrung unserer Zeit sehnen wir uns nach einer unfehlbaren Instanz, die uns die Richtung zeigt.
Und wünschen und befürchten Dinge und Phänomene, die mit der Menschen-Welt nicht in Einklang gebracht werden können. Wir fürchten und erhoffen das Falsche. Weil wie alle Kategorien in diesem Spiel ständig durcheinanderwerfen.
Das Menschliche bewahren
Was bleibt zu bewahren, womöglich sogar gegen das Technium zu verteidigen? Der britische Kognitionspsychologe Graham Lee listet in seinem Buch „Human Being: Reclaim 12 Vital Skills We’re Losing to Technology” zwölf menschliche Kompetenzen auf, die uns kostbar sein sollten. Es sind jene Eigenschaften, die wir uns von der Technik nicht erset-zen lassen sollten. Diese zwölf Kompetenzen sind:
Bewegung
Konversation
Alleinsein
Lesen
Schreiben
Kunst
Handwerkliche Fähigkeiten
Gedächtnis
Das Träumen
Das Denken
Die Zeit
Navigation
Wieso Navigation? Warum ist das eine wichtige, eine zu verteidigende Fähigkeit? Wir haben doch längst Navigationssysteme, die uns diese „Arbeit” abnehmen …
Ich bin ein Kind des Kartenlesens. In meiner Jugend waren Landkarten, Mondkarten, Sternenkarten etwas Wunderbares, weil sie in einem irritierenden Universum Orientierung gaben. Ich bin aufgewachsen mit Karten, die auf meinen Knien im Auto meines Vaters lagen und mit denen ich ihn dirigierte. Damals ließ man seine Hand am Steuer und die Augen auf der Straße, und trotzdem krachte es dauernd. Auto lagen brennend links und rechts der Fahrbahn, wenn wir zu Urlauben an die Ostsee fuhren. Man sah die Rauchwolken schon von Weitem. Die Karten gaben einem ein seltsames Sicherheitsgefühl. Ein Fluchtgefühl. Man würde einen anderen Weg finden.
Ich finde mich heute in rund hundert Städten einigermaßen zurecht. Ich habe noch virtuelle Drahtgittermodelle in meinem Kopf, virtuelle Stadtpläne, die ich aufrufen kann, um mich orientieren. Weil ich mich so oft verirrt habe, habe ich das Navigieren gelernt.
Es ist wichtig, sich zu orientieren. Nicht nur, um vor Räubern und wilden Tieren weglaufen zu können. Sondern auch, um die Richtung zu finden, in die man gehen will.
Sind wir mobiler geworden, weil wir nicht mehr mit Karten herumfummeln müssen? Unser Weltverständnis ist auf Punkte zusammengeschnurrt. Ich finde das traurig. In der Nacht weiß ich, wo ich den Nordstern finde. Ich empfinde das als großes Glück – zu wissen, wo die Richtung sein könnte. Im Zeitalter digitaler Navigationssysteme bewegen wir uns jedoch immer nur von Punkt zu Punkt. Und dieser Punkt hat keine Verbindung mehr; er ist ein Finitum in einem infiniten Universum. Er erzeugt in unserem räumlichen Gedächtnis keine Spur.
Das hat Auswirkungen auf unseren Mind. Unseren Future Mind. Die äußeren Karten werden im Inneren reflektiert. Das erklärt vielleicht auch einen Teil der Dimensionslosigkeit unserer Zeit. Wir sind desorientiert, weil wir glauben, auf jeden Fall irgendwie rauszukommen, an einem anderen Punkt.
Navigation als Fähigkeit ist eine Metapher für Zukunfts-Kompetenz. Und ein erwachsenes Welt-Verhältnis, das wir brauchen, um mit dem Leben klarzukommen.
Die Welt navigieren
Die Polynesier, die Bewohner des pazifischen Inselraums, navigieren in den 165 Millionen Quadratkilometern des Pazifiks seit Jahrtausenden von Insel zu Insel, von Archipel zu Archipel. Sie überwinden dabei Entfernungen von bis zu 4000 Kilometern. Und egal ob es stürmt oder still ist, ob Strömungen oder Winde den Kurs verändern oder nicht – sie finden immer (so gut wie immer) ihre Zielinsel.
Die Polynesier haben ein System der Orientierung entwickelt, das sie Etak nennen. Etak ist eine bestimmte Art, die Zeichen der Welt in dynamischer Weise zu lesen. Und dadurch dynamisch seine Position verändern zu können.
An Bord der Endeavour, James Cooks Expeditionsschiff, das von Tahiti aus den polynesischen Seeraum erforschen sollte, befand sich im August 1769 ein Priester der Bevölkerung Tahitis namens Tupaia, der über besondere Navigationskenntnisse verfügte. Er brachte den britischen Seefahrern zumindest ein paar Elemente dieser Fähigkeit bei. Graham Lee: „Navigatoren wie Tupaia konnten genau die Form von Wellen im offenen Meer beurteilen, um die Richtung von Strömungen festzustellen, Schichten, die innerhalb von Wellen oder unterirdischen Strömungen auftreten, zusammen mit den Serpentinenlinien von Treibgut, die sich am Zusammenfluss entgegengesetzter Strömungen sammeln. Navigatoren mussten sich mit wesentlichen Teilen des Nachthimmels vertraut machen, sich ausreichend Sterne und Konstellationen merken und beobachten, wie sie sich von der Abenddämmerung zur Morgendämmerung verändern.”
Die polynesischen Navigatoren integrierten ihre Beobachtungen in eine dynamische Repräsentation der Welt. Im Etak-System verborgen ist die Weisheit, dass alles unentwegt in Bewegung ist und dass der Kurs des eigenen Kanus nur eine von unendlich vielen Bewegungen ist, also niemals eine gerade Linie von A nach B bilden kann. Alles blieb immerzu in Relation: die Wellen, die Winde, die Inseln, das Boot, die Vögel, Ein ewiger Tanz, in dem sich ständig Wandlung vollzieht, die Sinn macht.
So wie das ganze Leben, die Welt.
Die verlorene Revolution
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht in unserer digitalen Welt. Mir geht es dort derzeit nicht besonders.
Wenn ich morgens meinen Computer hochfahre wie Abermillionen andere Menschen oder mein Smartphone anschalte, das ja irgendwie sowieso nie wirklich ausgeschaltet ist, sondern auf Standby immerzu auf mich wartet, um mir Botschaften zuzuflüstern, auf die ich reagieren muss, wenn, ja wenn – ich nichts verpassen will. Ich bin dann ziemlich schnell auf eine seltsame Weise erschöpft und genervt. Aber gleichzeitig kann ich dieser Erschöpfung gar nicht mehr richtig empfinden. Sie ist zu normal geworden. Es ist eher ein Taubheitsgefühl.
Ich gehe mit meinen digitalen Tools nicht mehr raus in die Welt wie in den Zeiten des zwitschernden Modems. Vielmehr geht das Netz in mich hinein. Bevor ich überhaupt anfangen kann, etwas zu tun, muss ich erstmal einmal für die Maschine arbeiten. Etwas wegklicken. Etwas hinklicken. Etwas umklicken und ausklicken. Etwa uploaden aktualisieren, bestätigen, und downloaden. Ich bestätige Codes. TANs. Anfragen. Abfragen. Hinfragen, Herfragen.
Ich bin ein ewiger Bestätiger. Ein Akzeptierer. Ein Systempfleger.
Ich bin ein Bittsteller, der um Zugang bittet. Ich klicke, dass ich kein Roboter bin. Klicke wie ein Kleinkind auf Felder mit Bussen, Ampeln oder Vögeln (sollten das nicht wirklich eher die Maschinen tun – wie blöde bin ich eigentlich?).
Klicke, dass ich die AGB gelesen habe. Und mit irgendetwas, was mich nicht interessiert, einverstanden bin.
Consent! Consent! Consent!
„Ihr Update ist zum Download verfügbar.”
Und wo zum Teufel ist das verfluchte Ladekabel? Haben die Kinder es geklaut?
Geht das nur mir so? Ich habe das Gefühl, dass das Netz, das so etwas wie unser Lebensraum war, anfängt, auseinander zu bröseln. Es gibt jetzt die These (die ich ganz plausibel finde), dass das kommunikative Internet im Jahr 2026 gestorben ist. Vertreten wurde sie 2021 von einem User namens Illuminati-Pirate, nachdem er festgestellt hatte, dass ein großer Teil der Kommunikation im Netz nur noch von Bots betrieben wurde.
Das Netz, mit dem wir in die große weite Welt starten wollten, hat sich in eine schreckliche Aufmerksamkeitsfalle verwandelt. Es hat – seien wir ehrlich – einen umfänglichen Teil der menschlichen Kommunikationsfähigkeit in unserer komplexen Gesellschaft zerstört. Das Netz verbindet uns nicht mit der Welt und den Menschen. Es zerschneidet vielmehr die lebendigen Resonanzen, die leibhaftigen, gewachsenen Verbindungen. Es erzeugt unentwegt Schnittstellen, um dann alles neu zusammenzufügen – im Sinne monopolitischer Algorithmen, die vor allem Werbung verkaufen wollen. Werbung, die alles, was wir am Bildschirm lesen und aufnehmen, ständig verrückt und verschiebt. Und damit Sinn dekonstruiert.
Besonders betrügerisch arbeitet das Netz, wenn es die berühmte „Schwarmintelligenz” organisieren soll: Bewertungen von Restaurants, Filmen, Büchern (die mit den möglichen fünf Sternen) sind zu einem großen Anteil gefälscht oder gekauft. Meinungen werden durch Echoeffekte ins Unendliche verstärkt, obwohl nur ein paar wenige Wütende irgendetwas „meinen”. Events, die gar nicht stattfinden oder stattgefunden haben, bekommen die höchsten Klickzahlen. Die Karte hat das Gebiet längst in sich aufgefressen, sie überschrieben. „Irgendwo kichert schadenfroh Jean Baudrillard”, schrieb Titus Blome in der „Süddeutschen Zeitung”.
Das Internet ist ein dunkler Wald, in dem wir verloren gegangen sind, ohne es überhaupt zu merken. Wer ist der Wolf? Wer ist die Großmutter? Oder gibt es gar keinen Unterschied mehr zwischen Wolf und Großmutter?
All diese Missverständnisse öffnen die Tore zu einem hyperaktiven Techno-Feudalismus mit religiösen Zügen. Einer Pseudo-Religion, die uns immerzu das Blaue vom Himmel verspricht, aber am Ende scheitern muss.
Wir befinden uns am Ende eines technologischen Zyklus, der jetzt seinen Tipping Point erreicht hat. Daraus entsteht eine neue Sehnsucht, ein humanistischer Aufstand. Der US-amerikanische Extrembergsteiger und Unternehmer Yvon Chouinard formuliert die Richtung dieser neuen Revolte so: „Ich glaube, der Weg zur Beherrschung jedes Unterfangens besteht darin, auf Einfachheit hinzuarbeiten; ersetzen Sie komplexe Technologie durch Wissen. Je mehr Sie wissen, desto weniger brauchen Sie. Durch meine schwachen Versuche, mein eigenes Leben zu vereinfachen, habe ich genug gelernt, um zu wissen: Sollten wir einfacher leben müssen oder wollen, wird es kein verarmtes Leben sein, sondern ein reicheres Leben in all den Dingen, die wirklich wichtig sind.”
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Ein Gespenst geht um in der ganzen Welt und weit darüber hinaus. Es spukt in unseren Köpfen und Seelen. Es lässt uns nicht ruhig schlafen. Es quält und verwirrt unsere Gedanken, unsere Unternehmen, unsere Gesellschaften, unseren Mind.
Es ist das Gespenst der Künstlichen Intelligenz.
Auf unheimliche Weise scheint KI das Schicksal der ganzen Menschheit zu bestimmen. Sie saugt alles, was wir wissen, glauben und hoffen, in sich hinein. Sie enteignet die Gedanken, die Bilder, die menschlichen Gefühle. Sie stürzt uns in einen Strudel der Selbstabwertung, der gefühlten Unterlegenheit gegenüber der Macht des Digitalen.
Sie zerstört unsere Vorstellungen von der Zukunft.
Doch jetzt ist es an der Zeit, diesen Zustand der Angst und Unterwerfung zu überwinden. Wir sind aufgerufen, neu zu verstehen, wer wir – als Menschen – sind. Und was Zukunft für uns bedeutet.
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KI ist ein Hype, der sich aus ökonomischen Hysterien speist.
Der digitale Kapitalismus mit seiner Beschleunigung der Datenprozesse reißt die Wünsche, Hoffnungen, Träume und Gedanken des Menschen in das Raster der digitalen Akkumulation. KI lagert die Produktionsinstrumente des Geistigen scheinbar aus den Köpfen und Hirnen aus. Dies wiederum erzeugt eine glühende Illusion, eine Gier endloser Profite, die sich mit unbeschränkten mentalen Kapazitäten erzielen lassen. Und es schafft einen neuen Klassen- und Kulturkampf: Wem gehört das geistige Eigentum?
Im IT-Sektor haben sich in den vergangenen 20 Jahren vier bis fünf große Monopolisten entwickelt, deren Geschäftsmodelle erschöpft und brüchig geworden sind. Die digitalen Imperien, die Alphabets, Metas und Microsofts dieser Welt, brauchen in ihrem existenziellen Konkurrenzkampf um jeden Preis das „Next Big Thing”. In diesem Kampf werden Milliarden Dollar eingesetzt, um die Vorherrschaft über „die größte Technologie aller Zeiten“ zu sichern.
Doch das könnte sich als Illusion erweisen.
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Je weiter sich KI entwickelt, desto dümmer wird sie.
Was „kann“ Künstliche Intelligenz? Und was wird sie können, wenn sie noch viel „weiter“ ist?
Hier ist eine widerborstige These: Generative KI wird, wenn sie „perfekt“ und mit noch mehr Daten trainiert ist, weniger können als heute.
Generative Künstliche Intelligenz ist ein stochastischer Papagei, der nachplappert oder nachbildet, was bereits existiert. Dies führt zu einem evolutionären Paradox: Je weiter sich KI entwickelt, desto dümmer wird sie. Da die Ergebnisse der KI immer wieder in die KI-Systeme eingespeist werden, entsteht eine regressive Schleife: Das Wiederholte wird wiederholt, und das wiederholt Wiederholte wird wieder wiederholt… Die KI wird mit ihren eigenen Produkten überfüttert, was in eine Digitale Dekadenz mündet. Einer Art Selbst-Kannibalismus.
Überraschungen sind jedoch das, womit der menschliche Geist seine Balance zwischen Chaos und Struktur bewahrt. Womit er seine Energie generiert. Was uns zum Lesen bringt, ist das Bedürfnis nach Staunen. Das Erleben des Neuen und Zauberhaften.
Die KI wirkt auf mich beruhigend dumm.
– Helge Schneider, Komiker und Künstler
Viele der von KI erwarteten Produktivitätsgewinne sind trügerisch. Die Hauptmängel von KI-Produkten, etwa die Tendenz zum Halluzinieren, könnten sie in wichtigen Marktumgebungen – etwa in Gerichten, Krankenhäusern, Regierungsbehörden, Schulen – unbrauchbar machen.
Ein Großteil der menschlichen Arbeit erfolgt immer noch manuell, zwischenmenschlich, in echten Interaktionen. Der Versuch, diese Arbeit virtuell zu substituieren, trägt Züge eines Wahngebildes.
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KI zwingt uns zu einem „Creative Uplift“.
Generative KI drängt Kreative zu einer harten Selbstüberprüfung: Kann das, was ich herstelle, besser von einer KI erzeugt werden?
Die Frage klingt vernichtend. Sie hat aber auch einen befreienden Charakter, wenn man sie ehrlich stellt. Denn wenn wir von der KI ersetzbar sind, heißt das, dass wir uns von der genuinen Kreativität entfernt haben. Wir sind in gewisser Weise selbst zu Maschinen geworden. Zu Anhängseln.
Dann ist es Zeit, neu aufzubrechen.
KI wird den Mainstream der kreativen Arbeit „vertilgen“ – und gleichzeitig aufblähen. Dies wird einen neuen Sektor der radikalen Mittelmäßigkeit erzeugen, in dem weder Löhne noch Honorare gezahlt werden, weil die KI alles übernimmt. Doch zugleich entsteht ein schnell wachsender neuer Markt, in dem die genuine Human-Kreativität wieder neu bewertet und gewürdigt wird.
Maschinen können Kombinationen finden. Materialien sichten. Aber sie haben keine „Wahrnehmungen“. Und sie verstehen nichts von Leidenschaften und Selbstvertrauen, den großen Treibern der Kreativität. All das können sie nur simulieren.
Zu den großen Eigenschaften des Menschen zählt die Wahrnehmung der Wahrhaftigkeit. Auch dafür gibt es einen Markt. Einen riesigen und wachsenden – wenn wir es richtig anstellen.
ur Frage, ob die Demokratie eine Zukunft hat, würde ich gerne meine Großmutter befragen. Sie wäre heute 118 Jahre alt – Jahrgang 1906. In ihrem sanften Sächsisch würde sie Demogradie sagen, mit guttural-weichem G und D. Das klänge irgendwie liebevoll.
Meine Großmutter war eine sächsische Liberale. Parteibuch Nummer sechs nach Hans-Dietrich Genscher, wie sie immer stolz erzählte. Sie flüchtete, wie meine ganze Familie, in den fünfziger Jahren aus der DDR in den Westen, weil sie in ihrer Heimatstadt Pirna bei Dresden keine Lebensperspektive mehr sah. Sie war eine bürgerliche Frau, die in der Weimarer Republik und Fall der jungen deutschen Demokratie erlebte, nach dem Krieg die Familie versorgte und ein grundlegend humanistisches Weltverständnis hatte.
„Der Mensch muss leben“, sagte sie. „Man kann nicht Leute auf Dauer einsperren. Demokratie macht die Möglichkeit, ein Bürger zu sein statt ein Untertan. Sich zu entwickeln.“
Das Wort „Bürger“ war in meiner Jugend eher ein Schimpfwort. „Bürgerlich“ war das Letzte, was man sein wollte, wenn man sich jung und rebellisch fühlte und die Welt verändern wollte. Heute ist das anders. Man sehnt sich förmlich nach Bürgern, die die Demokratie nicht ständig beschimpfen, verdammen, in Grund und Boden reden. Sondern gestalten. Das Bürgerliche als verantwortliches Lebens- und Gesellschaftsverständnis ist zu einer unerfüllten Sehnsucht geworden.
Was würde meine Großmutter angesichts der heutigen Lage der Demokratie sagen? Sie wäre sicher entsetzt. Ich wäre sehr interessiert, zu wissen, was sie von der verbreiteten These hält, dass jetzt „die Nazis“ wiederkommen. „Nüscht“, würde sie wahrscheinlich in ihrem immer leicht ironischen Tonfall sagen. „Dieselbe Bäbe (sächsischer Kuchen, der zum Leichenschmaus gegessen wurde) wird nicht zweimal gebacken.“
Die falsche Diagnose
Dass die Demokratie am Ende ist, wird meistens damit begründet, dass es furchtbar viele böse Rechte gibt, die sie abschaffen wollen.
Das ist ein bisschen so, wie wenn man sagen wollte: „Es regnet, weil es nass ist.“
Versuchen wir eine andere Perspektive: Das rechtsradikale, demokratiefeindliche Spektrum wuchert, weil die Demokratie ein Problem hat. Dieses Problem lässt sich nur systemisch und (meta-)psychologisch verstehen. Das erste Stichwort ist Komplexität. Die „Umwelt“, auch die Innenwelt der Gesellschaften, in denen wir leben, hat sich verändert. Die Nachkriegsgesellschaft, in der ich als Boomer aufgewachsen bin, war eine schnell wachsende industrielle Klassengesellschaft mit ziemlich hoher nationaler Souveränität, die jedes Jahr ein bisschen mehr „Wohlstand für alle“ hervorbrachte. In ihr gab es ziemlich klare Schichten, Klassen und Interessen; Ordnungen, auf die man sich beziehen konnte, gerade indem man dagegen rebellierte. In der Politik ging es zunächst vor allem um die Umverteilung des Wohlstands-Kuchens, der ständig größer wurde. Später auch um Kultur- und Wertefragen. Als geteilte Zukunftsvision gab es die Idee einer Bildungsgesellschaft, in der alle sich in einem permanenten, auch geistigen Aufstieg befanden.
Auch damals gab es Spaltungen und Lager, die sich bekämpften. Es gab aber eine Synergie, die gerade aus den Widersprüchen entstand. So stammten wichtige Umweltgesetze von der CDU, sogar das Heiratsrecht für Schwule und die breite Kinderbetreuung wurden von den Konservativen verabschiedet. Die wirksamsten Gesetze zur Ankurbelung der Wirtschaft kamen oft von den „Sozis“, man denke an die vielgescholtenen Hartz-Gesetze. Im Wechselspiel von Regierung und Opposition, von konservativ und progressiv, entstand ein Win-Win-Spiel, das sich selbst stabilisierte: Die Demokratie funktionierte als lernendes System.
Die Gesellschaft war in Bewegung, und stellte der Politik Fragen. Die Politik antwortete. Sie antwortete auf das, was in der Gesellschaft geschah, mit maßvollen Reformen.
Verhexte Probleme
Heute ist die Gesellschaft in die in tausend kleine Interessensgebilde, Gefühlslagen und Lebensweisen zersplittert. Unsere komplexe Gesellschaft ist geprägt von „Wicked Problems“. Problemen, die man nicht so ohne weiteres lösen kann, und die in ihrem Kern ein Paradox aufweisen. Migration zum Beispiel: Einerseits wird heute Fluchtmigration als Waffe in Globalen Konflikten benutzt (Putin lässt grüßen), schon deshalb muss sie eingedämmt werden; sie ist in einem doppelten Sinne „illegal“ geworden. Das aber richtet sich in der einen oder anderen Weise gegen die grundlegenden Menschenrechte. Gleichzeitig brauchen spätindustrielle Wirtschaften mit sinkenden Geburtenraten Einwanderer, die schlechtbezahlter Jobs übernehmen. Aber auch Fremde, die verantwortungsvolle Berufe ausüben können. Die nur kommen, wenn es keine fremdenfeindlich verseuchte Atmosphäre gibt.
Wie will man diese Paradoxie jemals auflösen?
So gut wie alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens sind durch solche „Verhexungen“ geprägt: Wie soll man jemals die steigenden Gesundheits-Kosten für eine Bevölkerung in den Griff kriegen, die im Altern immer länger kränker wird, gerade WEIL ständig neue Behandlungsmethoden erfunden werden, die das Leben verlängern, die aber immer TEURER sind? Wie will man das moderne Einsamkeitsproblem „lösen“, wenn die Individualisierung immer weiter fortschreitet und Bindungen immer mehr erodieren? Wie soll man den Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie lösen, wenn jedes Wachstum, existentiell für eine rasende Konsumgesellschaft, immer mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre bläst? Und neuestes Beispiel: Wie soll man die Notwendigkeit erfüllen, sich gegen bösartige Diktatoren neuen Typus zu rüsten, wenn ein Ethos des „Sterbens fürs Vaterland“ total aus der Zeit gefallen ist?
In all diesen Paradoxien stößt die Politik an die Grenzen ihrer Formungsmacht. Sie wird aber gleichzeitig als „Lösung für Alles“ gesehen. Jede gewählte Regierung, steht von der ersten Minute an unter einem übermächtigen Erwartungsdruck, der sie schon ohnmächtig macht, bevor das erste Gesetz erlassen, die erste Lösung auf dem Weg ist. Ständig bilden sich Empörungs- und Trotzgemeinschaften, die allerdings ebenso schnell wieder verschwinden und sich anderen Themen zuwenden. In der Parteienwelt herrscht ein heilloses Tohuwabohu (Kuddelmuddel würde meine Großmutter sagen): Linke Parteien liebäugeln plötzlich mit reaktionären Parolen, weil sie hoffen, die rechten Empörungsreservoirs einzufangen. Volksparteien zerfasern sich in endlosen Verkrampfungen, nicht ratlos zu erscheinen. Das radikal Rechte wird plötzlich rebellisch, und das Linke erstarrt in endlosen moralischen Forderungskatalogen. „Konfusionismus“ nannte der französische Politologe Phillippe Corcuff diese Selbst-Verschlingung des Parteisystems, in der alle nur noch in einer Art Riesentheater aufeinander einschlagen, und jeder Zukunfts- und Sinngehalt verschwindet. www.zeit.de/philippe-corcuff
Die Echokammer der Medien
Bevor ich Zukunftsforscher wurde, war ich Journalist und Redakteur, unter anderem in der Hamburger ZEIT. In der Redaktion hatten wir damals eine interessante Mischung aus Nähe- und Distanzkultur; es galt das „Hanseatische Sie“. „Helmut, habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie gerade diese und jene These vertreten?“, sagte man zum Beispiel auf wöchentlichen Redaktionskonferenzen zum damaligen Herausgeber Helmut Schmidt. Die Kombination von Vornamen und Höflichkeitsform hatte etwas Aristokratisches, Vornehmes, aber eben auch etwas zutiefst Demokratisches. Weil es Hierarchien und Distanzen anerkannte – und gleichzeitig überbrückte.
In dieser Zeit vor Jahrtausendwende und Digitalisierung waren „Medien“ noch das, was der Name eigentlich sagt: Vermittler. Es ging darum, die Unterschiedlichkeit der Gesellschaft mit Diskursen und Verbindungen zu versorgen. Der Herausgeber des Spiegels, Rudolf Augstein, sah sein Blatt sogar als „Sturmgeschütz der Demokratie“. Was bedeutete, den Politikern, der „Politik“, immerzu mit gnadenloser Kritik zu Leibe zu rücken, um sie dadurch zu verbessern.
In einer Aufmerksamkeits- und Erregungs-Ökonomie hat sich diese kritische Rolle aber in etwas Dämonisches verwandelt. Journalistische Technik besteht immer mehr im „Clickbaiting“, jener immer raffinierter ausgeübten Methode, durch drastische, absurde, angstmachende Überschriften und Bilder Klick-Reaktionen auszulösen. „Früher“, sagte neulich ein namhafter Journalist, „ging es darum, Werbung zwischen den Themen zu verkaufen, die mit dem Inhalt nichts zu tun hatte. Heute geht es darum DURCH ein möglichst schräges Thema möglichst viele Werbe-Klicks zu erzeugen. Das macht den ganzen Unterschied.“
Der mediale Stil gegenüber der Politik tendiert zu dem, was man im Englischen „Horse-Race-Journalism“ nennt. Es geht nur noch darum, wer „das knappe Rennen gewinnt“. Vielmehr: verliert. Hier eine typische SPIEGEL-Schlagzeile (30.6.24): „Pistorius führt, Baerbock verliert!
Der Verteidigungsminister ist jetzt beliebter als der Bundespräsident. Für Annalena Baerbock und Volker Wissing läuft es nicht rund, anders sieht es bei Nancy Faeser aus…“
Politiker werden wie Pferde behandelt, die mit der Peitsche durch den Parcours getrieben werden. Unentwegt wird verglichen, abgewertet, hochgejubelt, verurteilt, skandalisiert, „vermeint“. Fernseh- Interviews ähneln eher monotonen Abfragen: „Was sagen sie zum Versagen der Politik in diesem und jenem Bereich? Wann erklären sie endlich ihre Kandidatur zum Bundeskanzler? Finden Sie nicht auch, dass…“ All das stärkt die „Trotzdemokratie“ (Sloterdijk), die immer weniger von und über sich selbst wissen will, sondern immer nur neue Erregungen sucht.
Das übermächtige Echosystem der Medien hat zu dem beigetragen, was man eine „Hysterese“ nennen könnte. Eine schleichende Hysterisierung der Gesellschaft, in der nur noch das Gefährliche, Nichtfunktionierende, Nichtperfekte gesehen und mit Angst und Vorwurf aufgeladen wird. Man kann nichts mehr zugestehen, nichts anerkennen. Nichts mehr einfach mal gut finden. Die Gesellschaft gerät in einen Emotions-Überschuss, und verliert ihren inneren Kern des Zusammenhalts.
Selbst Augstein, der gnadenlose Rächer der Demokratie, muss diesen Echo-Effekt der negativen Selbstverstärkung geahnt haben. In einem Interview kurz vor der Jahrtausendwende sagte er: „Es liegt wohl im Wesen der politischen Kritik, die Krisen, die aufgezeigt werden, immer noch zu verschärfen. Wie man das ins Positive wenden kann, dazu habe ich nichts zu bieten.“
Der Begriff Hysterese (altgriechisch: Hysteresis = Zuspätkommen), stammt aus der Physik. Erklären lässt sich das Phänomen an der Heizungstechnik. Thermostaten messen die Temperatur eines solchen Systems an bestimmten Stellen, und lösen, wenn etwas zu heiß oder zu kalt wird, eine Reaktion aus. Dabei entstehen zeitversetzte Vorlauf- und Nachlauf-Kurven, die über Feedbackschleifen die Temperatur „regeln“. Auch unser Körper, das menschliche Leben, der menschliche MIND, ist durch solche Feedback-Schleifen geregelt. Ständig „springen“ Routinen, Prozesse, Abläufe an, mit der wir versuchen, wieder in Balance zu kommen, körperlich und seelisch. Was bei Heizungssystemen eine durchgängige Wohlfühltemperatur ist, ist bei Menschen die „Homöostase“.
In einer (mentalen) Hysterese geraten die Vorlauf- und Nachlauf-Schleifen (Antizipationen/Rezipationen) dauerhaft aus dem Ruder. Es gelingt nicht mehr, eine sinnvolle Rückkoppelung zwischen Angst und Beruhigung, Furcht und Aktivität herzustellen. Störgrößen entstehen und schaukeln sich auf. Die „Feedbacks“ des gesamten Systems verändern sich erst langsam, dann schneller in eine chaotische Richtung (etwas Ähnliches findet in unserem Körper beim Altern statt, wenn die Homöostase nicht mehr funktioniert).
Hysterese verändert das Denken. Unser Erwartungs- und Wahrnehmungssystem wird umgebaut. Statt mit Zuversicht begegnen wir der Welt mit immer mehr Misstrauen. Der Satz „Es wird schon schiefgehen“ hat keinen ironischen Tonfall mehr.
In der Hysterese entsteht der so genannte Abwärtsvergleich als Norm des Denkens. Wir vergleichen nicht mehr unsere Wünsche, Träume, Hoffnungen mit den Möglichkeiten, und versuchen Wege der Realisierung zu finden – die Zukunft leitet uns. Wir sehen stattdessen alles nur im Zeichen des Verlustes. Wir rechnen auf: Früher war alles besser, heute wird alles schlechter, also kann es demnächst nur noch schlechter werden.
Wir konstruieren und selbst in einer Negativspirale der Zukunftslosigkeit.
Die Konsequenz sind Jammern, Bitterkeit und Wut, die schnell in Aggression umschlagen können.
Vom Bürger zum Konsumenten
Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Als Konsument muss man sich um die Umstände nicht kümmern. Alles wird im Supermarkt bereitgestellt. Oder per Internet am nächsten Tag geliefert, mit Rückgaberecht. Die Macht des Konsumenten ist die Reklamation: Wenn etwas nicht gefällt, wird es zurückgeben. Oder man geht zum Verbraucheranwalt. Oder schreibt wütende Zerrisse auf Facebook.
Konsum, als Verhaltens- und Erwartungsform, hat offensichtlich längst auf die politische Sphäre und den gesellschaftlichen Diskurs übergegriffen. Vom Staat erwarten wir zuallererst Vorteile, „Erleichterungen“. „Lösungen“ „Effizienz“, „sinkende Steuern“. Der Staat soll alles regeln, Gerechtigkeit herstellen, alle Krisen beseitigen, Pandemien beenden, ohne dass wir unsere Freiheit einschränken müssen. Er soll mit wenig Geld alles finanzieren, und zwar subito! Man erwartet von „der Politik“ „instant delivery” – sonst ist alles kaputt!
In ihrem Buch „Citizens – warum die Lösung in uns Allen liegt“ schreiben die Autoren Jon Alexander and Ariane Conrad:
„In den letzten Jahren haben wir für ein Buch mit dem Titel „Citizens“ recherchiert, in dem wir eine hoffnungsvollere Erzählung für das 21. Jahrhundert vorschlagen als die des Konsumismus. In dieser Zukunft sind die Menschen aktive Bürger, und keine Untertanen oder Konsumenten. Mit dieser Identität wird es leichter zu erkennen, dass alle von uns smarter sind als jeder Einzelne. Und dass die Strategie, um schwierige Zeiten zu meistern, darin besteht, die vielfältigen Ideen, Energien und Ressourcen aller zu nutzen. Bei dieser Form der Staatsbürgerschaft geht es nicht um den Reisepass, den wir besitzen, und sie geht weit über die Pflicht hinaus, bei Wahlen abzustimmen. Sie stellt die tiefere Bedeutung des Wortes „Citizen“ dar, dessen etymologische Wurzeln wörtlich „gemeinsame Menschen“ bedeuten: Menschen, die durch ihre grundlegende gegenseitige Abhängigkeit definiert sind, Leben, die ohne Gemeinschaft bedeutungslos sind. Als Bürger sehen wir uns um, identifizieren die Bereiche, in denen wir Einfluss haben, finden unsere Mitarbeiter und engagieren uns. Und unsere Institutionen ermutigen uns dazu.
Die größte Gefahr für die Demokratie geht womöglich von einer Nullsummenlogik aus, in der es gar nicht mehr um Verbesserungen geht, sondern um „Racheakte aus Enttäuschung“. Untersuchungen in Frankreich über die Wähler von Rassemblement National zeigen, dass es sich in der Mehrzahl eher nicht um Marginalisierte und „abgehängte“ Bevölkerungsschichten handelt. Sondern um relativ Etablierte, die oft ein Eigenheim besitzen, die um ihren Status fürchten, und eine Art Abwärts-Wut kultivieren. Sie wollen nicht wirklich, Verbesserungen, etwa bessere Gesundheitsversorgung oder mehr Verkehrsmittel auf dem Lande. Sie wollen, dass andere – Minderheiten, Migranten, Nichtverwandte, Kulturfremde – weniger bekommen. (Félicien Faury, Des électeurs ordinaires). www.deutschlandfunk.de/felicien-faury
Das ist das, was Hans-Magnus Enzensberger einmal den „molekularen Bürgerkrieg“ nannte.
Das Wesen der Demokratie
Um die Krise der Demokratie zu verstehen, müssen wir verstehen, was Demokratie eigentlich ist. Demokratie ist eine Methode der Machtkontrolle. Sie erzeugt durch „checks and balances“ Entscheidungs-Mehrheiten und schützt dabei Minderheiten. Man kann Mächtige immer wieder abwählen und etwas Neues versuchen, und dadurch entstehen á la long Lernprozesse. Bessere Politik und klügere Politiker, aber auch eine Gesellschaft, die sich in ihren Differenzen besser (selbst)organisiert.
So sollte es jedenfalls sein.
In der digitalen Moderne funktioniert das jedoch immer weniger. Hier herrscht ein anderer Zeit-Takt. Eine „Red-Queen-Logic“: „Hierzulande musst Du immer schneller laufen, wenn Du auf der Stelle bleiben willst!“, sagt die Rote Königin im Wonderland zu Alice.
Genauso fühlen wir uns alle: Als würde wir ständig auf der Stelle rennen (müssen).
Demokratien haben gelernt, mit Paradoxien und Konflikten umzugehen, indem sie sie sozusagen „fein zermahlen“. Mit anderen Worten: Die „Bürokratie“ ist die Grundlage des Demokratischen, weil nur durch „bürokratische“ Verkehrsformen Feinabstimmungen von Interessen stattfinden können. Jetzt aber wird unaufhörlich gegen „die Bürokratie“ geschimpft. Das hat fatale Auswirkungen, vor allem auch auf jene, die die Arbeit der Interessensausgleiche machen.
Bürokratie wird nur dann übermächtig, oder verselbstständigt sich, wenn die Selbst-Initiative nachlässt.
Das Rezept der Rechten ist die Retrotopie: Früher soll alles besser gewesen sein, also zurück in die Vergangenheit. Nur können Gesellschaften nie „nach hinten“ entwickeln. Die Herausforderungen und Lösungen liegen immer in der Zukunft.
Das Rezept der Linken war früher die Befreiung, die Emanzipation und die Gerechtigkeit. Heute ist die Parole das Kümmern um die Armen, Schwachen, Abgehängten. Wer könnte diesem moralischen Gebot widersprechen? Nur – wie? Die Instrumente des Staates, oder „der Politik“,, sind vor allem Gesetze und Geld. Geld allein aber verändert niemals Lebenslagen, auch wenn es auf den ersten Blick so scheint. Gesetze können wenig ausrichten, wenn die Betroffenen dagegen sind.
Das Elend der linken „Kümmerungs“-Strategie liegt schon im Begriff. Kümmern kommt von Kümmernis, und besteht darin, etwas von oben herab verändern zu wollen, dass aber nicht so leicht verändern lässt. Es entsteht aus einer im Grunde herablassenden, „gekrümmten“ Haltung. Gerade das verletzt den Stolz und führt zu Widerstand. Das sagt nichts gegen die nötige Umverteilung, die existentielle Absicherung. Aber es ist an der Zeit, sich von der Illusion zu verabschieden, Geld würde die Welt „sozialer“ machen (hier hat die FDP ausnahmsweise recht, nur versteht sie es selbst nicht).
Ungerechtigkeiten entwickeln sich nicht nur „von oben“, sondern auch von unten – indem unterschiedliche Gruppen die Dinge anders bewerten, Individuen sich nicht so verhalten, wie man es erhofft. Womöglich haben die Bekümmerten gar kein Interesse am Gekümmert werden. Sie wollen eher auf den Tisch hauen, durch Wut ihre Identität stärken – und die Kümmerer zum Teufel jagen, um irgendeiner regressiven Fantasie nachzujagen.
Was die Politik kann ist: Auf konstruktive Initiativen der Gesellschaft reagieren. Aber sie ist hilflos, wenn es keinen konstruktiven Veränderungswillen gibt. Dann wird der notwendige gesellschaftliche Streit zum sinnlosen Zank.
Vielleicht ist es an der Zeit, Demokratie als das zu sehen, was sie ist: Ein Problemlösungs-Tool für Machtfragen. Nicht mehr, nicht weniger. Politik kann Ziele setzen, Prozesse koordinieren, auch Visionen entwickeln. Aber nicht die Welt gestalten. Für echten Wandel ist die Politik auf die Energie und die Kreativität der Zivilgesellschaft angewiesen. Sie braucht aktive, konstruktive Bürger, die die vielen kleinen Schritte im Lokalen und Konkreten gehen. Demokratie ohne Emanzipationswillen ist hilflos.
Wie bekommt man die Kräfte von Gesellschaft, Politik und Individuum wieder in einen Wirkungszusammenhang? Die Publizistin Samira El Ouassil formuliert es so: „Eine neue, zukünftige Narration müsste den sweet spot des Stolzes auf sich selbst treffen – Eine Erzählung der Selbstwirksamkeit.“ www.spiegel.de/warteschlange-der-gleichwertigkeit
Gisela Erler, ehemalige Staatsrätin für Bürgerbeteiligung in Baden- Württemberg, hat ein Schlüssel-Buch zum Zukunfts-Wandel der Demokratie geschrieben. „Demokratie in stürmischen Zeiten – für eine Politik des Gehörtwerdens“ handelt von ihrer persönlichen Geschichte als linksalternative Aktivistin hin zur Bürger-Demokratin. Und von einem breit angelegten Versuch, die gesellschaftlichen Kommunikationssysteme neu zu verstehen und konstruktiv zu verändern.
Ausgangspunkt ist der Protest gegen den Stuttgarter Tiefenbahnhof, in dem vor 20 Jahren der „Wutbürger“ geboren wurde. Aus den Erfahrungen dieses Konflikts heraus entwickelte Gisela Erler eine neue Kultur der Teilhabe, die die Abstimmungsprozesse bei konfliktreichen Entscheidungen anders strukturiert. Eine zentrale Rolle dabei spielt der Zufallsbürger.
Wenn man zu einer klassischen Bürgerversammlung einlädt, etwa bei Streits um Windparks, Ortsumfahrungen, Schulprojekte, Verkehrsentscheidungen oder Bauvorhaben, kommen meist nur diejenigen, die sich als Allein-Experten betrachten, und die ihre Wut in einer Konfrontation loswerden wollten. Meistens sind das ältere Männer mit viel Zeit zum Dagegensein und kräftigen Verbitterungsgefühlen. Solche Veranstaltungen, bei denen die lautesten Brüller gewinnen, führen in tiefe Frustration. Wer NICHT zu solchen Treffen, oder dort niemals zu Wort kommt, sind Jugendliche, Frauen und ältere Menschen.
Um das zu verändern, hilft ein ausgeklügeltes Losverfahren. Aus der Einwohnermelde-Datei werden per Losverfahren zunächst etwa tausend Bürger angeschrieben und gefragt, ob sie sich für einen demokratischen Entscheidungsprozess zur Verfügung stellen wollen. Aus den Rückmeldungen wird eine ungefähr repräsentative Auswahl nach Kriterien wie Alter/ Geschlecht/ Experte/Laie/ Betroffenheit zum Thema ausgewählt. Dann werden diese Menschen von erfahrenen Moderatoren durch einen Diskussions- und Entscheidungs-Prozess geführt, der auf LÖSUNGEN hinzielt.
Wer solche lebendigen Abstimmungsprozesse einmal „life“ erlebt hat, versteht plötzlich, dass Demokratie vor allem eine Art und Weise des Sprechens, des Selbst- und Sozialerlebens ist. Es ist erstaunlich, wie „Zufallsbürger“ bei der aktiven demokratischen Arbeit regelrecht aufblühen, sich verwandeln. Rasch zu kompetenten Experten werden, die die Zusammenhänge verstehen und berücksichtigen. Und oft viel konsequentere und fortschrittlichere Forderungen stellen als die eigentlichen Experten selbst.
Aus dem Wutbürger wird ein Mutbürger.
Der Zufallsbürger ist auch ein Zukunftsbürger.
Wenn Menschen zugehört wird, aber dabei auch selbst zuhören, sind sie auch in der Lage, Verantwortung zu übernehmen.“Es geht dabei weniger um ein Umdenken in der Bevölkerung als eine neue Haltung in Verwaltung und Politik“, schreibt Gisela Erler in ihrem Buch. Erstaunlicherweise benötigen solche Prozesse gar nicht so viel Zeit wie befürchtet; sie reduzieren vielmehr die Anzahl der Klagen, Einwürfe und Verhinderungen. Konservative fürchten, durch solche Verfahren würde die repräsentative Demokratie in ihrer Autorität beschädigt. „Bürgerräte“ klingt nach Kommunismus, ist aber es ganz anderes: Offene Entscheidungsfindung in demokratischen Verhältnissen. Konvente und „Bürger-Konklaven“ können die repräsentative Demokratie nicht ersetzten, aber um einen entscheidenden Faktor ergänzen: Das (Selbst-)Erleben von WANDEL, mit dem man persönlich etwas zu tun hat.
Dass besonders Frauen dabei eine konstruktive Rolle spielen, sei hier nur am Rande bemerkt.
Verschiedene Formen der Konvents- und Bürgerbeteiligungs- Bewegung haben sich bereits in einigen Ländern ohne große öffentliche Wahrnehmung durchgesetzt. Auch auf EU-Ebene und im politischen Berlin ist die Beteiligungs-Demokratie bereits angekommen. Die Stadt Paris hat eine ständige Bürgerversammlung eingeführt, die jährlich über 100 Millionen Euro des Stadtetats verteilt. Mexiko-Stadt hat eine Stadtverfassung für seine neun Millionen Einwohner per Crowdsourcing ausgearbeitet. Am beeindruckendsten ist vielleicht der partizipative Weg Taiwans durch die Corona-Krise. Das Projekt baute auf drei Prinzipien auf – „schnell, unterhaltsam und fair“. Die taiwanesische Regierung legte ihre Pandemie-Daten offen und vertraute den Bürgern, dass sie ihre Bewegungsfreiheit auf Grundlage der „partizipativen Selbstüberwachung“ einschränkten. Das Ergebnis: Eine der niedrigsten Todesraten der Welt, ohne dass jemals eine Ausgangssperre verhängt wurde.
In manchen Ländern sind Teilhabe-Formen bereits in komplexe politische Prozesse integriert, vor allem in Skandinavien, aber auch in manchen Ländern Afrikas. In Irland wurde nach der Finanzkrise ein breiter Bürger-Konvent zur Zukunft der irischen Demokratie in Leben gerufen, der auf erstaunliche Weise zu einem grundlegenden liberalen Transformationsprozess des Landes führte. In Dänemark wurde eine große Krankenhausreform über Jahre von „Bürgerexperten“ begleitet und gestaltet – und verlief erstaunlich konfliktlos. Dänemark schaffte es sogar, als erstes europäisches Land eine CO2-Steuer für die Landwirtschaft einzuführen. In Deutschland würde ein solches Unterfangen wahrscheinlich zu schwersten Traktor-Aufläufen und schrecklichen Talkshows führen (in Frankreich zu brennenden Mülltonnen). In Dänemark gestalteten Landwirte, Behörden, Industrie, Agrarspezialisten, Lebensmittelproduzenten, Naturschützer ein sinnvolles Steuerungsinstrument für die Dekarbonisierung, mit dem (fast) alle zufrieden sind.
Wer die Politserie BORGEN gesehen hat weiß, wie die Mechanismen des Populismus die Demokratie von innen heraus zerstören kann. Die dänische Politik hat darauf radikale Antworten gefunden. Zum Beispiel durch eine klare Forderung/Förderung-Politik bei der Migration, die den hilflosen Moralismus überwunden hat, mit dem dieses Thema die Gesellschaft vergiftet. Dänemark, ein Land, in dem Bürger Vertrauen zueinander immer wieder aktiv entwickeln, arbeitet an der „Next Democracy“; einer erweiterten, rückgekoppelten, „fließenden“ Demokratie, in der das Verhältnis zwischen Bürger, Staat und Gesellschaft neu kalibriert wird. Wie erfolgreich das ist zeigt, dass die Rechtspopulisten in Dänemark heftig geschrumpft sind.
Während sich das alte Parteigefüge langsam auflöst, sprießen neue Parteiformen, die den alten Rechts-Links-Konflikt überwinden wollen. Volt zum Beispiel, die gesamteuropäische Bewegung, die Ökologie, Ökonomie, Kreativität und Sozialverantwortung zusammenfügen will. Manche dieser Post-Parteien verschwinden schnell wieder, verzetteln sich in Nebenschauplätzen, wirken eher wie Sekten (wie etwa die Piratenpartei oder die Scherzkekse-Parteien). Aber das politische System experimentiert – endlich. Das aktuellste Beispiel ist Frankreich, dass sich durch Macrons gewagten Schritt, das Parlament aufzulösen, plötzlich in einer Art politischem Modernisierungszwang befindet. Entweder gelingt es den Franzosen, ihre regressive ideologische Polarisierung in eine neue Erzählung zu überführen, mit neuen Allianzen und Synthesen und Lernprozessen. Oder das ganze System wird dekonstruiert.
Nach der alten Regel der Alchemisten, „Solve et cuagola“ – Auflösung und Zusammenfügung – fügen sich die Dinge manchmal erst zusammen, wenn sie auseinanderfallen. Die Alchemisten fanden zwar nicht das Gold, aber das Porzellan. Die Demokratie mag zerbrechlich wirken, aber in Wirklichkeit ist das Zerbrechliche, das Fragile, immer auch der Anfang des Neuen. Das gilt sogar für Amerika.
Der glühende Liberale und ehemalige Chefredakteur der ZEIT und Intendant des Schweizer Rundfunks formulierte in seinem Buch „Die Kraft der Demokratie“: „Wir stehen vor der Aufgabe, aus der Demokratiekrise eine erfolgreiche Krise zu machen.”.
Und Stewart Brand, der humanistische amerikanische Zukunftsforscher, fasste seine Erkenntnis über den Wandel der Systeme, also auch der Demokratie-Systeme, so zusammen:
In einem System Kleinigkeiten zu ändern
Ist nicht nur die effizienteste Art
Es in eine bestimmte Richtung zu bewegen
Sondern auch die sicherste.
Denn wenn du versuchst
Es komplett zu drehen
Dreht es gerne mal durch
Aber wenn Du nur
Eine kleine Schraube bewegst (die Richtige)
Wird es sich verwandeln.
Literatur
Roger de Weck, Die Kraft der Demokratie – Eine Antwort auf die autoritären Revolutionäre: www.suhrkamp.de
Gisela Erler, „Demokratie in stürmischen Zeiten – für eine Politik des Gehörtwerdens“: www.herder.de
Eine schöne Reportage über den „transparteilichen“ Bürgermeister von Altenburg: www.zeit.de
Anhang: Wo Demokratie gewinnt oder sich behauptet
Gegen die Angst vor der Diktatur hilft auch ein Perspektivenwechsel. Wo widersteht die Demokratie, oder sogar den Kampf gegen die Autokratien?
England, Brasilien und Polen haben bereits eine populistisch-autokratische Schleife hinter sich. In Brasilien konnte ein Möchtegern-Diktator die Gesellschaft nicht wirklich verändern – die brasilianische Kultur ist einfach zu vital um sich dauerhaft „despotisieren“ zu lassen. In Polen gelang ein „Aufstand des Urbanen“ gegen die Verfinsterung des Provinziellen, der sich auf eine kluge Weise nicht auf frontale Gegnerschaften einließ. In England ist der bizarre Brexit-Schwurbel bereits nach acht Jahren vorbei. Englands Demokratie ist resilient, nicht weil sie „eisern“ wäre oder „stabil“. Sondern weil die englische Gesellschaft lernfähig ist, frustrierfähig, ironiefähig….
Vielleicht gibt es so etwas wie einen populistischen Zyklus, den Demokratien durchlaufen müssen, um sich neu zu erfinden. Demokratische Krisen eröffnen dabei immer wieder den Zugang zu Neuen Formen und neuen Narrativen des Politischen und Gesellschaftlichen.
In Island war zur Finanzkrise ein ganzes Land bankrott, Politiker wanderten in den Knast (nun ja: isländische Knäste sind ziemlich komfortabel). Danach wurde die Demokratie auf eine neue Weise lebendig, Frauen übernahmen mehr Posten und Verantwortung, und das Land ging in eine Orientierungsphase Richtung Zukunft.
In Indien stieß eine nationalistische Religions-Autokratie bei der letzten Wahl an ihre Grenzen, weil im Modernisierungsprozess der Kultur das Konservativ-Religiöse an Bedeutung verlor.
Im Iran wurde trotz der eisernen Herrschaft der Mullahs ein Wahlprotest zur Protestwahl; Peseschkian, ein Semi-Reformer, schaffte tatsächlich eine Mehrheit. Immerhin ist hier ist die Zivilgesellschaft alive and kicking.
In der Türkei entwickelt sich in den großen Städten eine starke Gegen-Bewegung gegen den Erdoganismus. Der liberale Bürgermeister von Istanbul feierte einen triumphalen Wahlsieg.
Selbst in Ungarn kommt es derzeit zur Formierung einer (konservativen) Opposition, die die Demokratie bewahren will. Das Aktionsbündnis um Peter Magyar könnte sich in den nächsten Jahren durchaus ein eine verändernde Macht verwandeln.
Die Schweiz hat seit Jahrzehnten einen rechtspopulistischen Block von rund 25 Prozent. Gleichzeitig ist die Schweiz ist ein gutes Beispiel für eine adaptive Demokratie. Erprobte Formen der direkten Demokratie sowie das Konkordats Prinzip führen zu einer Einhegung rechter und linker Radikalität. In der Schweiz MÜSSEN alle gewählten Parteien an der Regierung beteiligt sein. Es herrscht sozusagen eine Diktatur der Mitte, die allerdings mit vielen basisdemokratischen Mitteln ausgestattet ist, die die Gesellschaft immer in Bewegung halten.
Selbst die triumphale Giorgia Meloni musste erleben, dass ein populistischer Sieg sehr schnell wieder auf einer lokalen gesellschaftlichen Ebene eingeholt werden kann. Bei den Kommunalwahlen im Juni 24 in Italien holten die meisten Städte und Regionen linke oder liberale oder grüne Mehrheiten zurück. Eine besondere Rolle spielten dabei ausgerechnet die Frauen – offenbar haben sie den Fehdehandschuh angenommen, den ihnen eine rechtsradikale Frau entgegenwarf.
Diese und viele Beispiele mehr erzählen, dass sich die Demokratie nicht am Ende, sondern in einem Such- und Transformationsprozess befindet. Einem Phasensprung, der langsam Gestalt annimmt. Demokratie ist lebendiger als wir glauben können, wenn wir ständig wie nur hypnotisiert in die hässliche Fratze des Populismus starren.
Ich treffe derzeit vermehrt Menschen, die sich in eine düstere Wolke aus Zynismus, Pessimismus und Menschenverachtung hüllen.Sie haben die Veränderung, den Wandel zum Besseren, aufgegeben. Sie vertreten eine Ideologie der „Schwarzen Anthropologie”: „Die Menschen” sind „zu blöd zum Überleben”, „wir” werden den Planeten zerstören, weil „wir” mit unserer Lebensweise alles kaputt machen.
Eine solche Lebenshaltung kippt allerdings leicht ins Reaktionäre/Regressive; in eine generelle Menschenfeindlichkeit. Sie hat etwas Selbstgerechtes. Und sie ist blauäugig. Die Untergangs-Zyniker glauben alles Negative, was in den medialen Diskursen endlos wiederholt, im Netz unendlich kopiert und nachgebetet wird. Das hat aber mit der „wirklichen Wirklichkeit” wenig zu tun.
Eine der am meisten verbreiteten bad future rumors, also Negativ-Gerüchte über die Zukunft, ist die Annahme, dass die Klimakatastrophe „verloren” ist. Der Kampf für die Dekarbonisierung ist aussichtslos geworden. Die Rechten, die Trumps und Lindners und anderen Bösewichte dieser Welt, haben längst die Zeiger auf Untergang gestellt, die Zerstörung der Welt ist nicht mehr aufzuhalten…
Wirklich?
In den letzten Wochen haben Nachrichten sanft an der Wahrnehmungspforte angeklopft, die etwas Erstaunliches sagen: TROTZ aller rechten Anti-Ökologie-Kulturkämpfe, TROTZ der perfiden Offensive des „fossilen Sektors”, der mit allen Mitteln versucht, das Geschäft mit Öl, Gas und Kohle auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verlängern, TROTZ des bizarren Rund-um-die-Uhr-Grünen-Bashings, TROTZ der Aufweichung des Green Deals in der EU, geht es mit der ökologischen Wende ziemlich gut voran.
Wie bitte?
Ja, doch.
Selbst Institutionen wie die IEA, die Internationale Energie-Agentur, vermelden eine erstaunliche Entwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien. Die globalen Wachstumsraten von Solarenergie, Windenergie, Wasserenergie, verlaufen viel steiler als vermutet beziehungsweise befürchtet. Die Energie-Wende ist alive and kicking. Im positiven Sinne „beunruhigende” Details machen die Runde:
In den Wüstengürteln der Erde sind heute an die 1.000 gigantische Solarprojekte am Entstehen, mit Kapazitäten von mehreren Gigawatt und Flächen bis zu 60 Quadratkilometern. Viele von diesen Kraftwerken sind heute bereits Rund-Um-Die-Uhr-Solarkraftwerke, die mit Hochtemperatur-Dampf arbeiten. Und ungefähr die doppelte Anzahl ist in Planung.
In den meisten Industrienationen sinken seit Jahren die CO2-Ausstösse. Nicht immer in den genauen Erwartungen, aber dennoch in der richtigen Richtung. Und zwar erheblich. Gleichzeitig weisen die meisten Indikatoren der Energiewende inzwischen einen exponentiellen Charakter auf.
Notwendige Ergänzungs-Techniken zur erneuerbaren Energiegewinnung wie die Batterie- und Speichertechniken erleben derzeit rasante Innovations-Zyklen und gehen in die Skalierungs-Phase über.
Elektroautos sind, entgegen der klassischen deutschen Dauer-Medien-Vermutungen, keine „Ladenhüter”. Weltweit steigt ihr Absatz rapide, nur in Deutschland und (teilweise) den USA, gibt es darum einen blödsinnigen Kulturkampf, in dem sich alle nur dumpf auf die Nase hauen (und natürlich gibt es noch nicht genügend wirklich faszinierende Automodelle; Musk versaut gerade seine Erfolge).
In Deutschland steigt der Anteil der Erneuerbaren an der Stromproduktion jedes Jahr um rund 6 Prozent. Wir sind heute bei 60 Prozent angelangt; noch vor gut zehn Jahren hieß es auf jeder Energieversorger-Veranstaltung, dass eine Industrienation wie Deutschland höchstens 10 Prozent JEMALS hinbekommen würde. Das Ziel von 80 Prozent im Jahr 2030 ist plausibel erreichbar – selbst wenn der Strombedarf steigt.
Die Kosten für erneuerbare Energiesysteme sinken und sinken, die Effizienz steigt und steigt.
Große Teile der Industrien und Konzerne Europas haben sich heute längst zur Dekarbonisierung ihrer Energie- und Produktionsweisen bekannt – und arbeiten daran.
Zwei Drittel aller Neubauten in Deutschland werden mit Wärmepumpen betrieben, die angeblich keinen Absatzmarkt haben (in anderen Europäischen Ländern, gerade im Norden, sind es bis zu 80 Prozent im Gesamtbestand).
Der argumentative Grund dafür, dass Dekarbonisierung „hierzulande” keinen Sinn hat, muss oft das böse China herhalten, das bekanntlich unendliche Mengen Kohle verbrennt und sich einen Teufel um die Umwelt kümmert. Ein typisches Verleugnungs-Narrativ. China hat allein im letzten Jahr mehr Wind- und Sonnenenergie online gebracht wie ganz Europa und die USA zusammen. Dahinter steckt eine Strategie: Man muss in der Dekarbonisierung erst die Energiesysteme konsequent in Richtung Elektrizität umbauen (siehe Grafik), bevor die gesteigerte Produktion der Erneuerbaren sinnvoll wird. Jetzt ist der Punkt erreicht, wo sich dieser Umbau auszahlt: CO2– Ausstoss Chinas wird in diesem oder den unmittelbar nächsten Jahren anfangen, zu sinken.
Sogar in Bayern, dem Land des verschärften Wurstwahlkampfes, stimmen die Bürger jetzt bisweilen für einen Windpark ab (das nur ironisch am Rande).
Die Liste positiver Nachrichten ist ziemlich lang und hat viele Details. Aber es ist zwecklos, sie immer weiter zu verlängern. Denn das GROSSE ABER kommt bestimmt. In Deutschland – den deutschsprachigen Ländern – gibt es Heerscharen von Schlechterwissern, die zu jeder Möglichkeit eine Untergangsvariante konstruieren. Der Vorwurf, dass etwas „nicht klappt”, oder „nicht genug ist” wird mit der Gewissheit verwechselt, dass es nie funktionieren KANN. Ich nenne das auch das apokalyptische Spiessertum. Oder den Untergangs-Narzissmus.
Die zwei Wirklichkeiten
Wie kommt es zu dieser Eklatanz zwischen Wahrnehmungen und Wirklichkeiten? Das liegt vor allem daran, dass wir in zwei komplett unterschiedlichen „Welten” leben. Zwei Welten, die wir miteinander verwechseln. Und die nach eigenen Logiken funktionieren.
Da ist einerseits die reale Welt, mit ihren unendlichen Verzweigungen, Rückkoppelungen, Komplexitäten, die niemals voll zu durchschauen oder vorauszusehen sind. Hier herrschen die Gesetze der Evolution, der Durchdringung der Dynamiken in einem ständigen Tanz des Wandels.
Da ist andererseits unsere mediale Welt, die wir in unserem Hirn aus „News” und „Informationen” konstruieren, die wir für Realitäten nehmen. In der medialen Wirklichkeit dominieren die Angst- und Befürchtungs-Diskurse, die Konstrukte der Gefahren, der Vorwürfe und Meinungen. Wobei „Meinungen” in der Erregungs-Gesellschaft eben nichts anderes sind als (oft moralisch aufgeladene) Affekte, die man sich gegenseitig an den Kopf wirft. Mit solchen Reflexen konstruiert man ein „identitäres” Weltbild, das schnell zu einer Art Käfig wird, aus dem man nicht mehr herauskommt.
Die mediale und die reale Welt unterscheiden sich generell voneinander – was man leicht erfahren kann, wenn man das Meinungs. und Informationsgetöse einmal abstellt und einfach mit offenen Augen in die Welt geht. Aber die Welten haben eine Schnittmenge. Diese Schnittmenge liegt dort, wo die Vorstellungen und Konstrukte zu Prophezeihungen werden. Prophezeihungen verändern unsere Handlungen im Sinne der Realitätsformung; sie werden selbsterfüllend. Die mediale Wirklichkeit kann durch Prophezeihungen auf die Realität übergreifen. Menschen verhalten sich dann so, als sei ein bestimmtes Konstrukt eine endgültige Wahrheit.
Der eigentliche Kern unserer „Omnikrise” ist das, was man „Kognitive Dekadenz” nennen könnte. Der Neurowissenschaftler Philipp Sterzer beschreibt dies seinem Buch „Die Illusion der Vernunft” als Phänomen der „Aberranten Salienz” – der fehlgeleiteten Aufmerksamkeit:
„Wir bemerken, das sich die Welt um uns herum verändert, dass das Licht anders wird als sonst und die Menschen seltsam aussehen… Alltägliche Dinge, von denen man nicht normalerweise Notiz nehmen würde, fühlen sich ungewohnt an und wirken auffällig. Das sind Wahrnehmungen, die Betroffene zu Beginn einer Psychose häufig beschreiben. Es liegt etwas in der Luft, irgendetwas scheint im Busch zu sein. … Aberrante Salienz ist bedrohlich (eine Variante der Kognitiven Dissonanz). Sie vermitteln ein überstarkes Bedrohungssystem. Die überstarken Vorhersagefehler, die der fehlgeleiteten Auffälligkeit zugrundeliegen signalisieren, dass das innere Modell der Welt nicht mehr stimmt. Das muss ja heissen, dass die Welt sich verändert hat, und was gibt es Bedrohlicheres als eine veränderte Welt, die nicht mehr vorhersagbar ist, so wie wir es gewohnt sind?”
Es ist also die verängstigte Innenwelt, die uns die Realität in ihrer Vielschichtigkeit ausblenden lässt. Das ist allerdings die Chance des Trotzes. Er kann sich hinter unseren Wahrnehmungs-Illusionen verstecken. Und von dort ganz zauberhafte Dinge bewirken.
Tipping Points
Das TROTZDEM ist jene Kraft, die die Welt verwandelt, auch wenn wir das nicht glauben. Es handelt sich um eine Art Selbstorganisation, eine Autopoiese, die aus Krisen Wandlungsprozesse formt. Der ziemlich grantige Investor und Publizist Nicholas Taleb hat diese Kraft einmal „Antifragilität” getauft. Antifragilität besteht darin, dass ein System aus seiner Auflösung heraus formende Energie erzeugen kann. Wie eine Raupe, die zum Schmetterling wird.
Es war abzusehen, dass der ökologische Trend irgendwann einen Widerstand, einen Rollback erzeugen würde – in allen grossen Systemübergängen kommt es früher oder später zu einem Widerstand der alten Deutungsmuster, einem Reflex des Überkommenen. Aber man kann diesen reaktionären Aufstand, der zurück will in die Vergangenheit, auch als Zeichen dafür lesen, dass es nun tatsächlich ernst wird mit dem Wandel.
Der Rollback ist die Schleife, die die Zukunft dreht, bevor der Wandel Realität wird…
Es gibt in der Dynamik der Veränderung einen Grundeffekt: Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Aber auch der Gegentrend – in diesem Fall der reaktionäre Anti-ökologische Trend – erzeugt wiederum einen Gegentrend. Die ökologische Transformation steht kurz vor dem Tipping Point, an dem das Vermutete (oder Befürchtete) ins Reale umkippt. Das ist in vielen Wandelungsprozessen so, im Privaten wie im Gesellschaftlichen: Erst kann man es nicht glauben, plötzlich sind fast alle dafür…
Man nennt das auch die normative Kraft des Faktischen.
Wenn in den nächsten Jahren zum ersten Mal die CO2-Ausstösse der menschlichen Zivilisation zu sinken beginnen – und das werden sie! – dann wird die Stimmung kippen. Die ökologische Transformation wird dann zum normativen Trend, zur Neuen Normalität.
Am besten versteht man diesen Kipp-Effekt mit Hilfe einer Regnose. Also einer mentalen Reise in eine Zukunft, in der sich nicht nur die Fakten, sondern MIT den Bedingungen auch die MINDSETS, die mentalen Bewertungen, verändern.
Auf dieser Tabelle können Sie vorwärts in die Zukunft und rückwärts in die Vergangenheit reisen. Wie werden sich die Fakten der Energiewende im Lauf der Zeit entwickeln, und sich damit auch die Wertungs-Muster? Reisen Sie vorwärts ins Jahr 2030, verweilen sie dort eine Weile, betrachten Sie die Zusammenhänge. Schauen Sie zurück, wie wir HEUTE über die Energiewende, die Dekarbonisierung denken. Reisen Sie in die Realität von 2015, und schauen sie nach, wie es „damals” aussah. Und wie alle diese Faktoren zusammenhängen.
Veränderung entsteht nicht durch Wandel. Wandel entsteht vielmehr aus Reaktionen auf Veränderungen, die die Bedingungen verschieben. Das ist der erweiterte TROTZ-Effekt in Aktion: Erst erscheint etwas unmöglich, dann wird es „ganz natürlich”….
Stellen wir uns vor, das TROTZDEM-Prinzip würde auch für alle anderen Krisen unserer Gegenwart gelten. OBWOHL die Demokratie gefährdet ist, regeneriert sie sich mittelfristig , indem sie sich IN der Krise neu erfindet (darauf weisen auch die Erfolge von Neo-Demokratischen Bewegungen hin). TROTZDEM wir heute schreckliche Kriege erleben, formt sich – langfristig und unter Qualen – eine neue Welt-Ordnung, eine andere Mtrix des Friedenserhalts und der Konfliktlösung (die neue Funktion des Haager Strafgerichtshofs deutet darauf hin). TROTZDEM – oder eben gerade weil – heute Bösartigkeit, Lüge und Verwirrung das gesellschaftliche Klima dominieren, entstehen langfristige Initiativen der Freundlichkeit und Konstruktivität – „Zukunfts-Bewegungen”, die sich spontan und selbstorgansiert herausbilden. OBWOHL oder vielleicht WEIL Europa unentwegt verdammt, kritisiert, verachtet, beschimpft, lächerlich gemacht wird, wird die Idee Europas stärker. Die Zahlen zeigen das: ein grö&shlig;erer Anteil der Europäer fühlt sich heute europäisch, auch WEIL Europa so bedroht erscheint. Allerdings spielen solche positiven Gegentrends bei der medialen Repräsentation der Ereignisse keine Rolle.
Die Welt regeneriert sich unentwegt in Krisen. Man nennt das auch Evolution. Oder Emergenz. Aus chaotischen Turbulenzen entwickeln sich die neuen Ordnungen, aus den Bedrohungen entstehen Wege der Re-Stabilisierung. Ich weiss, das ist schwer zu verkraften. Wir alle hätten es gerne perfekt, vernünftig, gradlinig hin zum Besseren. So, wie wir es uns vorstellen, es erwarten. Aber Enttäuschungen gehören zum Wandel dazu; genau genommen sind sie sogar seine Bedingungen. Zukunft ist eine Entscheidung. Sie ist auch ein Glaube des Trotzdem, den wir teilen können, in gemeinsamer Verantwortung für das Kommende.
If you survive long enough to see tomorrow,
it may bring you the answer that seems so impossible today.
Ben Horowitz, The Struggle
Die Welt wird nicht von einer Krise heimgesucht, auch nicht von vielen Krisen, sondern von der Krise des Ganzen. Die Distanz zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein ist zusammengebrochen. Das Tabu ist jetzt gebrochen und wird erneut geltend gemacht, als ob es nichts wäre (technisch gesehen ist es das). Institutionen werden zerrissen und wieder zusammengesetzt.
Krisen werden in einem Atemzug behauptet und ignoriert.
Willkommen in der Omnikrise!
Edmund Wilson
Kein Zweifel – wir leben in Krisenzeiten. Aber war nicht immer schon Krise? Bankenkrise, Flüchtlingskrise, Rentenkrise, Klimakrise – die moderne Welt ist ein dauerhafter Krisen-Zustand. Allerdings gibt es doch etwas, was die heutigen Krisen von denen der vergangenen Jahrzehnte unterscheidet. Es handelt sich nicht mehr um einzelne, isolierte Ereignisse oder Phänomene, die erwartbar „vorbeigehen“. Das heutige Krisengeschehen ähnelt eher dem, was der Publizist und Kunstagent Holm Friebe vor einigen Jahren in einem unserer Trendletter als „Clusterfuck“ bezeichnet hat.
„Clusterfuck“ (Slang, vulgär) … ist eine chaotische Situation, wo alles schiefzugehen scheint. Das Wörterbuch „dict.cc“ übersetzt treuherzig mit „Riesendurcheinander”.
Clusterfuck, das ist, wenn Murphy’s Law mit voller Wucht zuschlägt; wenn gefühlt alles, was schiefgehen kann, auf einmal schiefgeht; wenn, wie in dem Experimentalfilm „Der Lauf der Dinge” (Fischli und Weiß, The Way Things go, 1987 – bei YouTube) die Katastrophen geschmeidig ineinandergreifen und man nur noch gelähmt dabei zusehen kann; wenn man beginnt, sich Hiob als einen vergleichsweise glücklichen Menschen vorzustellen.
Salopp auf Englisch ausgedrückt: „a muddled mess“.
Das Wort „Omnikrise“ beschreibt nicht nur die Phänomene, die uns heute beunruhigen und ängstigen, sondern auch ein generelles Lebensgefühl. Alles scheint irgendwie zu zerfließen. Seinen Sinn zu verlieren. Ein Gefühl der Vergeblichkeit, der Traurigkeit und Hilflosigkeit breitet sich aus. Die Gegenwart erscheint unwirklich, wie in einem Science-Fiction-Film, in dem wir in ein Paralleluniversum geraten sind, in dem die Naturgesetze völlig andere sind. Wie heißt das so schön in einem Filmtitel? „Everything Everywhere All at Once“ (aus dem Jahr 2022).
Die Welt ist kaputt. Die Zukunft hat sich hinter den Horizont zurückgezogen. Von dort aus lockt sie uns nicht mehr. Sie DROHT uns stattdessen mit einem dauerhaften Untergang.
Nennen wir das, was seit Corona unsere innere und äußere Weltlage bestimmt, nicht Polykrise oder Multi-Krise sondern Omnikrise. Das lateinische Wort OMNI – OMNIUS steht für den Zusammenhang des Vielfältigen. Für „mehr als die Summe seiner Teile“. In einer Omnikrise bedingen und verstärken sich die einzelnen Phänomene durch Wechselwirkungen gegenseitig:
Der neo-imperiale Krieg im Osten Europas beeinflusst unsere Energieversorgung, was wiederum den Diskurs um die ökologische Wende verändert und ausbremst.
Der rechtsradikale Aufstand bedroht die Zentren der Demokratie – und gefährdet über neue Systemkonflikte die sowieso schon fragile Weltordnung.
Die digitale Explosion der Medien beeinflusst unsere Welt-Wahrnehmung ins immer Negativere – und führt zu einer Hysterisierung der Gesellschaft.
Und so weiter.
Im Einzelnen können wir sieben „Fraktale“ der Omnikrise ausmachen, die miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig hochschaukeln:
Die Sieben Zukunfts-Plagen
Die Krise der Globalisierung:
Das Zusammenwachsen der Welt zu einer Großen Ganzheit, war der ökonomische und kulturelle Leit-Trend der letzten 30 Jahre. Nach dem Fall der Mauer Anfang 1989 schien sich die Welt in allen Dimensionen zu öffnen. Gewaltige Handelsnetze überspannten die Welt und brachten den westlichen Wohlstand in die Schwellenländer. „Just in Time“-Produktionen erhöhten die Produktivität, Internationale Organisationen blühten und gediehen. Die Welt erlebte einen Wohlstands-Schub. Weniger Kriege, weniger Hunger, mehr Wohlstand, längeres Leben war die selbstverständliche Grundrichtung der Zukunft. Aber vielleicht waren es gerade diese Erfolge, die die Grundlage neuer Konfliktlinien schufen. In den veränderten globalen Kräfteverhältnissen brechen heute überall neue Risse hervor, wie in den Vulkanfeldern Islands. Neuimperiale und neo-nationale Begehrlichkeiten wuchern, Konflikte aus dem 19. Jahrhundert kommen wieder zum Vorschein. Wir stehen plötzlich vor der Möglichkeit von großen, nicht mehr nur regionalen Kriegen.
Wie könnte eine neue Weltordnung der Globalisierung aussehen, die diese Brüche überwindet? Der Historiker Herfried Münkler vermutet als globales Ordnungsmodell der Zukunft eine PENTARCHIE – eine Fünfer-Weltordnung von Amerika, Europa, Russland, Indien und China. Das erscheint aus heutiger Sicht als unmöglich. Aber, wie Münkler schreibt: „Offenbar haben Fünferkonstellationen starke stabilisierende und pazifizierende Effekte.“ (Welt im Aufruhr, S.409)
Die Krise der Demokratie:
Der Zweite Weltkrieg endete mit der Niederlage der faschistischen und autoritären Nationalstaaten. Das war der große Jugend-Kredit, die Gnade der jüngsten Geschichte, mit der die Boomer-Generation erwachsen wurde, und was den Generationen X, Y und Z als selbstverständlich vorausgesetzt wurde. Heute ist das demokratische Prinzip mit seinen komplexen Checks und Balances massiv unter Druck geraten. Die Kultur des Demokratischen scheint von innen heraus zu erodieren, durch eine ewige Steigerung von Konfliktspiralen und Polarisierungen, von Diskurs-Entzündungen und Verschwörungs-Konstrukten. Nach der Logik von Trend und Gegentrend formiert sich gerade hier allerdings eine Gegenbewegung: Der rechte Aufstand könnte auch zu einer Neuentdeckung und Resilienz-Steigerung der Demokratie führen. Neue Parteiformen und Bewegungs-Muster entstehen im politischen Raum; die Beispiele Polen, Brasilien, Türkei, die Demonstrationen in Deutschland zeichnen das Bild einer möglichen Renaissance demokratischer Bewegungen. Wenn man demokratische Formen evolutionär weiterentwickelt, kann die Demokratie gerade durch ihre Bedrohung „zu sich selbst“ finden.
Siehe das Buch von Gisela Erler: „Demokratie in stürmischen Zeiten: Für eine Politik des Gehörtwerdens“ (eine Besprechung folgt demnächst).
Die Wohlstandskrise:
Das Groß-Narrativ des „Alten Normal“ besteht aus dem Zwang zum ununterbrochenen Wachstum des Bruttosozialprodukts. Das erzeugt eine hysterische Wachstums-Panik, die allmählich die Realität überschreibt. In vielen westlichen Ländern glaubt die Mehrheit der Bürger inzwischen, dass es „schlechter wird“, selbst WENN die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosenzahlen sinken und der Konsum brummt. Gleichzeitig wandeln sich die Werte ins Postmaterielle: Immer mehr Menschen suchen heute nach mehr Zeit- und Erlebensqualität. Dieses Paradox des Wohlstandsbegriffes spaltet derzeit die Gesellschaft und führt zu neuen Ideologie- und Kultur-Kriegen, die die Politik lähmen und den notwendigen Wandel behindern.
Die Wohlstandskrise ebenso wie die Demokratiekrise könnten auch mit einem fatalen Wandel von der Bürger- zur Konsumenten-Gesellschaft zusammenhängen. In ihrem Buch „Citizens“ beschreiben Jon Alexander und Ariane Conrad diesen kulturhistorischen Prozess: Konsumenten haben einen völlig anderen Mindset als Bürger. Bürger sehen sich als Teilhaber der Gesellschaft und versuchen ihren Teil zum Gemeinwohl beizutragen. Konsumenten sehen sich als Anspruchsträger, als Nutznießer von sofortigen Marktprozessen ausschließlich zu ihren Gunsten.
Konsumenten wollen billiges Fleisch. Bürger wollen Tierwohl.
Im Konsumentenmodus wird Politik als „Serviceleistung“ verstanden – Politiker sollen schnell und ungefragt „meine“ Wünsche erfüllen. Eine Regierung gehört schon spätestens drei Wochen nach Amtsantritt in „die Tonne getreten“, wenn sie nicht liefert!
Bürger GEBEN der Gesellschaft, und erhalten dafür Rechte. Konsumenten NEHMEN sich etwas aus den Regalen.
In der Konsumenten-Demokratie steigt das Anspruchs-Niveau ständig. Während die Engagements-Bereitschaft ständig sinkt.
Bürger sind dialogisch. Konsumenten lieben die Beschwerde.
Die Ökologiekrise:
Mehrere Jahrzehnte sah es so aus, als ob das Ökologie-Thema der Schlüsselcode für das „Next Age“, die kommende Ära nach dem klassischen Industriekapitalismus, werden würde. Ökologische Themen eroberten die Mittelschichten, Naturschutz und Nachhaltigkeit schienen die Basis einer neuen Zukunftserzählung zu bilden. Der Kampf gegen den Klimawandel entwickelte sich auch auf globaler Ebene zum verbindenden Element der Nationen. In den letzten Jahren drehte sich dieses Narrativ allerdings um: Das Ökologische wird plötzlich als Freiheits-Beraubung umcodiert, die „denier“, die Leugner des Klimawandels, organisierten ihre Truppen und machten aus der ökologischen Frage einen Kulturkampf oder einen hoffnungslosen Streit. Putins Angriffskrieg ist ohne viel Mühe auch als „fossiler Gegenkrieg“ zu begreifen – ein Aufbäumen des alten Rohstoff-Staates gegen den ökologischen und sozialen Wandel.
Wie ist dieser „Backlash“ zu interpretieren, in dem alles „Grüne“ an den Rand gedrängt, bekämpft und denunziert wird? Vor jedem großen Wandel entstehen reaktionäre Bewegungen, die versuchen, das Unvermeidliche zu verhindern. Da zu jedem Backlash jedoch auch ein Gegen-Backlash gehört, wird die ökologische Bewegung in den nächsten Jahren ein mächtiges Comeback erleben. Ökologie wird sich dabei umcodieren – von einem sozialromantischen Konzept, das auf Sparen, Verzicht, Schuldgefühl basierte, zu einer echten Modernisierungs-Bewegung. Als „Blaue“ oder „Neo-Ökologie“, einer Regeneration Economy, in der Technologie, Systemwandel und das Bedürfnis nach mehr Lebensqualität Hand in Hand gehen.
Die Gesundheits-Krise:
Die enorme Erweiterung der Lebensspanne in den letzten 50 Jahren ist eine der größten Errungenschaft der globalen Moderne. Die mittlere Lebenserwartung eines Menschen liegt heute bei 72 (!) Jahren, in Afrika über 64 Jahre! (Umso bizarrer, dass sich die Kulturkriege ausgerechnet an IMPF-Fragen entzündet haben – Impfungen sind die wichtigste Grundlage der globalen Gesundheits-Gewinne). Jetzt beginnen die Lebensspannen in einigen Wohlstandsländer wieder zu sinken. Besonders in Amerika hat sich eine zivilisatorische Gesundheitskrise ausgebreitetmeta die die Lebenserwartung um mehrere Jahre gedrückt hat. Damit ist ein zentrales Zukunfts-Versprechen gebrochen: die Verlängerung des Lebens. Gleichzeitig haben wir mehr und mehr das Gefühl, in einer multi-morbiden Gesellschaft zu leben, in der JEDER irgendwie krank ist – körperlich, psychisch, mental, eingebildet oder real. Krankheit ist ein universelles Gefühl geworden, und das Gesunde trägt zunehmend neurotische Züge in einem Optimierungs-Trend, der nur noch kränker macht. Das inneren und äußere „Gesundheitssystem“ neu zusammenzusetzen und zu kalibrieren, wird eine wichtige Aufgabe sein, an der die ganze Gesellschaft teilhaben muss und kann.
Die Meta-technische Krise:
Bisher war Technologie der verlässliche Garant eines Fortschritts, der Vorteile für ALLE mit sich brachte. In gewisser Weise war technologischer Fortschritt sogar so etwas wie eine Erlösungs-Religion. Aber schon die fatalen Nebenwirkungen von Social Media haben den Glauben an den technischen Fortschritt schwer erschüttert. Zwischen dem „Technium“ und dem „Humanum“ scheint es eine Beziehungskrise zu geben, die mit der Künstlichen Intelligenz jetzt eskaliert: Technologie scheint menschliche Fähigkeiten nicht mehr zu ergänzen und zu beflügeln, sondern zu ersetzen und zu sabotieren. Technologie scheint dabei nicht mehr gesellschaftlich verhandelbar und entwickelt sich zum „dämonischen Selbstläufer“ in den Händen monopolitischer Konzerne oder wildgewordener Super-Kapitalisten. Die neuen digitalen Technologien attackieren auch die Grundlagen der Bildung und sabotieren das, was man „Wissensgesellschaft“ nannte. Eine neue Mensch-Technik-Emanzipation ist die Bedingung für eine Überwindung der Omnikrise und für ein neues Verhältnis zur Zukunft.
Die Kognitive Krise:
Im Zentrum der Omnikrise befindet sich ein Schwarzes Loch der Bedeutungen, das allen Sinn in sich einsaugt. Was Menschen für wahr, richtig, „verbindlich“ halten, scheint einem unaufhaltbaren Erosionsprozess zu unterliegen. Was mit der „Blasenbildung“ des Internets begann, greift heute auf die gesamte Kultur über: Jeder lebt zunehmend in einer eigenen Wahrnehmungs-Welt, die seine Identität nur noch als Abgrenzung bestimmt. Der amerikanische Kognitionsforscher Jonathan Haidt nannte dieses Phänomen das „Babylon-Syndrom“: Als die Bewohner der antiken Stadt Babylon den Turm der Zukunft bauen wollten, der selbst den Himmel erreichen konnte, verwirrten sich ihre Sprachen und sie verstanden einander nicht mehr. Die „Baustelle“ blieb liegen, „und das Volk zerstreute sich in alle Winde“.
Die sieben Fraktale der Omnikrise stellen die wichtigsten MEGATRENDS infrage, mit denen die Zukunftsforschung in den letzten 30 Jahren arbeitete. Globalisierung, Individualisierung, Digitalisierung, Konnektivität, Urbanisierung, der Megatrend Gesundheit, Wissensgesellschaft – alle diese „Big Shifts“ scheinen einer Erosion zu unterliegen. Die klassischen Megatrends entwickeln Gegen-Trends, Wirbel, Turbulenzen, die ihre lineare Dynamik brechen. Das ist historisch nichts Neues: Schon der italienische Denker der Aufklärung Giambattista Vico (1668 – 1744), sprach von den „Corsi et Ricorsi“, den fortlaufenden und rücklaufenden Wellen der Geschichte, in denen sich aus der Turbulenz das tatsächliche NEUE, ein neues „Zeitalter“, formt. Wenn wir achtsam sind und die größeren Zusammenhänge verstehen, können wir durch den Nebel der Omnikrise hindurch das „Next Age“, die kommende Epoche erahnen.
Change your Media-Mind!
Um einen realistischen Optimismus zu stärken, hier noch einige Tipps für andere Sichtweisen der Welt durch konstruktiven Journalismus:
„Future Crunch“, die wunderbare australische Optimismus-Seite für positive Welt-Meldungen heißt jetzt „Fix the News“ – und ist noch besser geworden. https://fixthenews.com
„The Progress Network“ (USA) hat einen ähnlichen Ansatz, ist aber analytischer. Alle Texte werden mit einer konstruktiven FRAGE begonnen: „WHAT COULD GO RIGHT? – Was könnte gutgehen? So heißt auch der Newsletter. https://theprogressnetwork.org
Deutschlands konstruktives Medien-Portal „Perspective Daily“ entwickelt sich weiter in Richtung auf ein konstruktives Voll-Magazin. https://perspective-daily.de
Hannah Ritchies Buch „Hoffung für Verzweifelte“, das die gängigen Untergangs-Mythen dekonstruiert, ist auf dem Weg zum Bestseller; sogar große deutsche Medien haben Interviews mit ihr gemacht.
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
Kennen Sie Elmo? Elmo ist die kleine, freche kindliche Figur in der „Sesamstraße“, die immer sehr niedlich und freundlich über sich selbst und die Welt redet. Elmo entdeckt die Welt, und die Welt in sich selbst, immerzu mit kindlichem Staunen. ELMO ist das Kürzel für „Enough, Let’s Move On“.
Jetzt hat ELMO auf dem Hashtag #EmotionalWellBeing (bei X) eine ganz einfache Frage an das breite Publikum gestellt. „WIE GEHTS EUCH ALLEN EIGENTLICH?”
Und das Netz explodierte:
„Elmo, ich bin deprimiert und pleite.”
„Ich wurde gerade entlassen.”
„Die Welt brennt um uns herum, Elmo.”
„Die Welt ist doch schon so kaputt, dass man gar nichts mehr fühlen kann.“
„Wir sind alle verloren!“
„Ich habe keine Lust mehr, in dieser Sch… Welt zu leben!“
Und so weiter, zigtausendfach.
Sogar Präsident Biden mischte sich ein. Und rief zur Solidarität auf. Solidarisch zeigte sich auch das Krümelmonster. Es schrieb: „Ich bin hier, um darüber zu reden, wann immer du willst. Ich werde auch Kekse liefern.“
Wie kann es sein, dass eine Kunstfigur, eine Puppe, einen derartigen „Sadstorm“ verursacht (im Gegensatz zum Shitstorm)?
Ich treffe derzeit immer mehr Menschen – jeden Alters, jeder Profession – die die Welt und die Zukunft vollkommen verloren geben. Sie sind in einer Grübel-Schleife gefangen, die immer mehr ins Apokalyptische tendiert. Nach einer neueren Umfrage glauben 54 Prozent der jüngeren Generation nicht nur in den westlichen Ländern, dass die Menschheit nicht zu retten ist.
Ich kann das verstehen. Als Zukunftsforscher habe ich noch keine Zeit erlebt, in der die Zukunft so an den Horizont verdrängt war wie heute. Die Krisen häufen sich, und sie hängen miteinander zusammen.
Andererseits gibt es auch viel Großartiges zu verteidigen. Und viel, was bereits in Gang ist, zu beschleunigen und zu verbessern.
Aber diese Umdrehung ins Konstruktive fällt schwer. Auf das Angst-Monster zu starren ist viel leichter.
Wir alle sind an dieser Situation des Weltverdammens nicht ganz unschuldig. So gut wie alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien. Wir glauben einfach das, was uns jeden Tag reingeliefert, reingeklickt, weis-gemacht wird. Und deshalb haben wir keinen blassen Schimmer von der Welt. Wir glauben aber, genau Bescheid zu wissen, über alles. Wir haben ja Angst. Und Angst scheint in einer Erregungs- und Aufmerksamkeitsgesellschaft immer recht zu haben.
Nicht nur Putin freut sich drüber.
Das Erbe des Possibilismus
2017 starb Hans Rosling, der Zauberer der Welt-Statistiken. Im damals schon anschwellenden Untergangs-Pessimismus-Trend erhob dieser „schwedische Arzt“ (Wikipedia) eine humorvolle, liebevolle Stimme eines konstruktiven, kritischen Optimismus: „Hört auf zu jammern, schaut Euch die Fakten an!“. Fakten und reale Welt Entwicklungen, so Hans, werden im hypermedialen Zeitalter eigentlich gar nicht mehr gesehen. Sie werden immer aus dem Zusammenhang gerissen, oder spielen im ewigen Angst- und Moraltaumel gar keine Rolle. Hans warnte vor dem medial-kollektiven Untergangsgeschwurbel. Er hatte einen richtigen Ekel davor, fand das Negativ-Gejammer eitel, narzisstisch, uncool, gerade WEIL er die schrecklichen Dinge der Welt erlebt hatte, und seine Verantwortung darin erkannte (er war jahrelang als Arzt in den ärmsten Regionen der Welt unterwegs, unter den schwierigsten Bedingungen).
Jetzt hat Hans Rosling eine würdige Nachfolgerin gefunden. Die Schottin Hannah Ritchie hat ein wichtiges Buch über die globalen Fakten und unser Verhältnis zu Angst und Zukunft geschrieben. Es heißt „Not the End of the World” und fängt so an:
„Es ist mittlerweile üblich, Kindern zu sagen, dass sie durch den Klimawandel sterben werden. Wenn eine Hitzewelle sie nicht erwischt, kann es zu einem Waldbrand, einem Hurrikan, einer Überschwemmung oder einer Massenhungerattacke kommen.
Dennoch klingt Pessimismus immer noch intelligent und Optimismus dumm. Es ist mir oft peinlich zuzugeben, dass ich eine Optimistin bin. Ich kann mir vorstellen, dass es mich im Reputations-Vergleich um ein oder zwei Punkte zurückwirft. Aber die Welt braucht dringend mehr Optimismus. Das Problem ist, dass Menschen Optimismus mit blindem Optimismus verwechseln, dem unbegründeten Glauben, dass die Dinge einfach besser werden. Blinder Optimismus ist wirklich dumm. Und gefährlich. Wenn wir uns zurücklehnen und nichts tun, wird es nicht gut ausgehen. Optimismus bedeutet, Herausforderungen als Chancen für Fortschritte zu sehen: Es geht darum, zuversichtlich zu sein, dass es Dinge gibt, die wir tun können, um etwas zu bewirken (S. 9, engl. Fassung).“
Hannah Ritchie arbeitet beim Welt-Daten-Portal ourwoldindata als Head of Research. Auf dieser Plattform, gegründet von Max Rosen, lassen sich die großen Trends der Welt in soliden Daten und Kurven abfragen. WENN man sich dafür interessiert. Nur: Wer interessiert sich noch für das Lang- und Mittelfristige, für die wahren Trends, wenn überall das Blitzlichtgewitter der Meinungen und Schreckensmeldungen tobt, und grausame Ereignisse alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen?
Hannah Ritchie erzählt in ihrem Buch, wie sie als 18 jährige selbst vom Doomsday-Gefühl erfasst war, wie sie nicht mehr herauskam aus dem Grübeln und Verzweifeln. Und wie sie sich aus dem Korsett des negativen Denkens befreite, indem sie sich gegenüber den laufenden UND gegenlaufenden Trends öffnete.
Die falschen Rechnungen im Kopf
Hannah Ritchie zerlegt die Doomsday-Formeln, die wir ständig wie dunkle Mantras vor uns her murmeln – Artensterben, Klimakatastrophe, Bevölkerungsexplosion, Rohstoffmangel etc. –, in ihre Einzelteile: Stehen wir heute wirklich vor dem „Sechsten großen Artensterben“? Unsinn, wenn man genauer die Faktenlage betrachtet. In der Tat sinkt in manchen Ländern und Gegenden die Biodiversität. Das ist beunruhigend. Es gibt aber auch eine Menge Gegenbewegungen. Es gibt weltweit neue Aufforstungen, viele bedrohte Tierarten vermehren sich wieder prächtig. Zum Beispiel die meisten Wal-Arten.
Es gab fünf große „Extinctions“ in der Erdgeschichte. Bei einigen davon ging die Artendiversität um 90 Prozent zurück. Keine davon war von Menschen verursacht. Und immer stieg danach die Artenvielfalt weiter an.
Ist es wirklich wahr, dass die Bevölkerungsexplosion alle Ressourcen verbrauchen wird? Dass es viel zu wenig erneuerbare Energie gibt, und das postfossile Zeitalter niemals zu erreichen ist? Dass Elektroautos umweltschädlicher sind als Verbrenner? Mehr als die Hälfte der Bevölkerung weiß gar nicht, dass die Bevölkerung der Erde längst nicht mehr „explodiert“. Dass die Geburtenraten auch in den ärmeren Ländern rapide gesunken sind, während die Energieeffizienz der meisten industriellen Produktionen sich vom Wachstum abgekoppelt hat.
Ist es wirklich wahr, dass Palmöl nur schädlich für die Umwelt ist?
Ist es wirklich wahr, dass die Meere durch die Überfischung bald leer sein werden?
Ist es wirklich wahr, dass wir in einer Welt leben, in die man keine Kinder setzen sollte?
Beim Lesen entsteht, wenn man sich darauf einlässt, eine interessante Kognitive Dissonanz. Man spürt, wie die einzelnen Doomsday-Narrative zu so etwas wie unseren Lieblings-Geschichten geworden sind. Wir sind regelrecht verliebt in sie. Wir verteidigen sie bis aufs polemische Messer. Untergangs-Narrative geben uns eine moralische Überlegenheit, eine überlegene Deutungsmacht. Ein negatives Größengefühl, verbunden mit einer Art Häme über die Blödheit der Menschheit, die sich gerade selbst abschafft.
Provozieren kommt vom lateinische pro-vocare. Hervorrufen, eine Reaktion erzeugen. Hanna Ritchie provoziert uns zum Beispiel wundervoll mit folgenden Sätzen:
„Ich glaube nicht, dass wir die letzte Generation sein werden. Die Beweise deuten auf das Gegenteil hin. Ich denke, wir könnten die ERSTE Generation sein. Wir haben die Chance, die erste Generation zu sein, die die Umwelt in einem besseren Zustand hinterlässt, als wir sie vorgefunden haben.“
Im Kern des Buches findet sich ein wichtiger Diskurs über die negativen Auswirkungen von Untergangs-Weltbildern:
Apokalypse-Geschichten sind oft unwahr. Sie rechnen bestimmte Fehlentwicklungen in einer bizarr übertriebenen Weise hoch. Die Menschheit geht nicht unter. Beim besten Willen nicht. Zynisch könnte man sagen: Wir können uns noch so anstrengen, wir kriegen den Planeten nicht kaputt. Und uns selbst als Spezies auch nicht!
Untergangs-Narrative tragen indirekt zum Zerfall wissenschaftlicher Reputation bei. Wenn Wissenschaftler (und Medien) ständig vor „Apokalyptischen Gefahren“ warnen, und die dann nicht eintreten, verlieren sie leicht ihre Glaubwürdigkeit. Das ist ein Einfallstor für Klima-Leugner, aber auch für alarmistischen Journalismus, der sich seiner fatalen Rolle gar nicht bewusst ist. „Da sieht man’s wieder, die Welt ist nicht untergegangen“, sagen die Leugner, „Es gibt in diesem Winter sogar Schnee, die Wissenschaftler haben doch keine Ahnung!“
Doomsday-Gerüchte erzeugen Passivität und Zynismus und verhindern Veränderungen, die tatsächlich nötig sind. „Die Option des Aufgebens ist nur von einer privilegierten Situation aus möglich.“, schreibt Ritchie. Zack, das sitzt.
PS: Vorschlag zur Abschaffung eines Wortes
Ich möchte noch einen vorsichtigen Vorschlag zur Abschaffung eines Wortes machen, das unfassbar verbreitet, aber gleichzeitig ziemlich unproduktiv ist.
Geht es Ihnen auch so, dass Ihnen das Wort „Nachhaltigkeit“ schrecklich auf die Nerven geht? Es steht in jeder zweiten Zeile von Geschäftsberichten. Es geistert quer durch die Sprachwelt und leidet unter grassierendem Bedeutungsverlust. Wem auf einem Business-Kongress nichts mehr einfällt, spricht von „Nachhaltigkeit der Investitionen“. Sprich: Garantiert springt Kohle raus. Neulich sprach ein militanter Islamist davon, dass er „Menschen nachhaltig für den radikalen Islam gewinnen“ will. Nachhaltigkeit ist ein glitschiges Null-Wort geworden, ein Füllsel, das das Image des Ökologischen eher beschädigt als voranbringt. Lassen sie es sich einmal auf der Zunge zergehen: Nach-Haltig. Klingt süßlich nach Vorrats-Haltung, oder? Wir haben noch etwas im Lager und füllen die Regale wieder auf. Vorratshaltung.
To sustain heißt im Englischen „aushalten“ bzw. „ertragen“. Alles soll so bleiben wie es ist. Kein Wunder, dass man im Namen der Nachhaltigkeit eher einschläft als für eine neue, bessere Welt zu kämpfen (erfunden wurde das Wort übrigens vom sächsischen Forstrat Hans Carl von Carlowitz 1713). In seinem Traktat Sylvicultura oeconomica benutzt er es, um die Energiebedürfnisse der frühen sächsischen Minenindustrie auszudeuten – auch die „Verspargelung“ unsere Wälder als reine Rohstofflieferanten geht darauf zurück).
Mein Gegenvorschlag für ein konstruktiveres Wort: Re-Generation. Das kommende Zeitalter, THE NEXT AGE, wird re-generativ sein. Es wird uns die Energie zurückgeben, die wir im fossilen industriellen Zeitalter so „nachhaltig“ verbrauchen, so dass wir ganz erschöpft sind. Es wird die Natur üppiger denn je machen. Es wird die Generationen zusammenführen („Re-Generation“). Die zerbrochenen industriellen Lebensweisen reparieren. Das Postfossile wird wie ein Generator wirken, der jede Menge Energie erzeugt, die wir für die Zukunft brauchen.
Vorwärts ins RE-GENERATIVE ZEITALTER!
Klingt doch schon viel besser, oder?
Vielleicht brauchen wir wieder mal anregende und lustige Parolen.
Arbeiten wir dran!
„Not The End of the World“ von Hannah Ritchie erscheint auf Deutsch unter dem schönen Titel „Hoffnung für Verzweifelte“. Bei TED gibt es einen interessanten Vortrag von ihr, in charmantem Schottisch: www.ted.com
Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Die Zukunfts-Kolumne.
„Oh it’s very simple. My secret had been I know what to ignore.“
Francis Crick, Nobelpreisträger
Fragen, die mit „müssen wir…?“ beginnen, sind Scheinfragen. Sie erzeugen suggestive Zustimmungen. Indem man die Frage so stellt, beantwortet man bereits mit JA. Deshalb werden solche Angst-Haben-Müssen- Fragen gerne in Talkshows benutzt, um Angststimmungen anzuheizen.
„Ist es nicht so, dass unsere Demokratie längst verloren ist?“
„Ist es nicht so, dass die ökologische Transformation sowieso keine Chance mehr hat – und die Grünen sowieso das Letzte sind?“
Merken Sie, wie ihr Hirn, ihr MIND, affirmativ reagiert? Hm, da ist was dran…
Wenn es schon so gefährlich ist…
Dann bin ich auch dieser Meinung…
Man nennt das auch die negative Fragebejahung. Mit ähnlichen suggestiven Methoden arbeiten übrigens auch Rechtsradikale: Seid ihr nicht alle auch der Meinung, dass die da Oben alle Gesindel sind, die weggejagt gehören!!?“
Grölen! Hurra!
Fragen wir also anders: Hat der Faschismus in Zukunft überhaupt noch eine Chance?
Diese Antwort lautet schlichtweg: nein.
Wenn wir von „Faschismus“ sprechen, beziehen wir uns auf den Faschismus, den, den wir aus Schwarzweiß-Filmen kennen. Die im Gleichschritt marschierenden, heroischen (Männer-)Massen. Die totale Formierung einer Gesellschaft. Die Entfesselung menschenfeindlicher Gewalt.
Faschismus ist die Formierung von Gesellschaften zu einer amorphen Masse, nach dem Prinzip des Führerkultes und der fanatisierten Unterordnung von Millionen Menschen. Dazu braucht man ein gewaltiges und gewalttätiges Potential, eine kaputte Gesellschaft, und ein mächtiges, heroisches Narrativ. Man benötigt Feind-Narrative, die die Bereitschaft des Opferns und des Hasses in übermächtiger Weise ansprechen. Faschismus endet immer im Krieg, in der Zerstörung, in der mörderischen Aggression. Das ist sozusagen seine Seele.
In manchen historisch traumatisierten Gesellschaften wie Nordkorea und (teilweise) Russland kann eine solche gesellschaftliche Regression noch funktionieren. Aber unsere Lebensweisen, unsere Denk- und Fühlformen, sind heute völlig andere als vor hundert Jahren. Wir leben in einer offenen, liberalen, allen Unkenrufen entgegen auch ziemlich solidarischen Gesellschaft. Einer Kultur, die sich auf vielen Ebenen individualisiert und befreit hat von vielen alten Dumpfheiten und Dummheiten.
Das Problem ist nur, dass wir das selbst nicht mehr glauben. Wir zweifeln gerade an alledem. Wir trauen uns selbst nicht mehr, und unsere Ansprüche sind so hochgewachsen, dass wir mit Schwierigkeiten nur noch schlecht zurechtkommen. Wir neigen zur Paranoia. Und genau das ist die Hebelwirkung bösartiger Populisten. Sie versuchen, den Selbstzweifel zu schüren, uns zu zermürben in unserem Selbstverständnis, unserem Zukunftsvertrauen. Was ihnen mit Hilfe der Medien und einer Politik der Angstmachung leider ziemlich gut gelingt.
Das Einzige, womit Faschisten an die Macht kommen könnten, ist die Hypnosekraft der Angst. Donald Trump arbeitet ausschließlich mit Angst und Erniedrigungen. Er schreit, er tobt, er droht, er beleidigt. Das funktioniert so gut, weil es in er amerikanischen Gesellschaft viele Menschen gibt, die an einem Gloriositäts-Syndrom leiden. Sie sehen in Trumps Toben und Lügen eine Stärke, die sie selbst gerne hätten. Mit allem durchkommen und immer gewinnen!
Aber weder ist Donald Trump ein Faschist, noch ist die amerikanische Gesellschaft „faschistisierbar“. Selbst ein Republikaner, Geoff Duncan aus Georgia, sagte: „Trump hat den moralischen Kompass eines Axtmörders.“ Axtmörder sind schlechte Diktatoren. Trump ist ein hoffnungsloser Narzisst, ein Clown, ein Versager seines eigenen Lebens, und die US-Gesellschaft mag gespalten sein, aber sie lässt sich kaum zu marschierenden Massen formieren. Ihr innerer Kern ist der Individualismus; auf eine manchmal exzessive Weise, die aber auch einen liebevollen Gegenkern hat: Freundlichkeit und menschliche Kooperation.
Der Ballon Trump wird zerplatzen. Oder eher mit einem hässlichen Ton in sich zusammenschrumpfen.
Die wirkliche Gefahr für unsere Zukunft besteht in einer „thymotischen Gesellschaft“ (Sloterdijk). Einer Gesellschaft, die nur noch in Wut und Angst um sich selbst kreist, sich in narzisstischen Streits verliert. Davon sind wir, auch mit Hilfe eines großen Teils der Medien, leider nicht mehr weit entfernt.
Das SCHÖNE, das wir jedoch in den letzten Wochen in Deutschland erleben konnten, war ein demonstrativer Widerstand, der sich nicht (oder wenig) ängstigte. Die großen Demokratie-Demonstrationen überall im Land hatten einen überwiegenden Ton der Freude. Der Positivität. Des Selbst-Bewusstseins. Weil viele Menschen zusammenkamen, die auch wussten, WOFÜR sie sind.
Vieles gelingt. Vieles ist möglich. Bei manchem stehen wir uns nur selbst im Weg. Oder es ist eben schwierig. Es ist keine Schande, schwierige Probleme, nicht sofort lösen zu können. Das ist eine gute Grundeinstellung, um dem rechtsradikalen Dämon seine Dynamik zu nehmen.
Faschisten und bösartige Populisten haben vor allem vor EINEM Angst: Dass die Menschen sich nicht vor ihnen fürchten. Deshalb müssen sie immer lauter schreien. Wir sollten dagegen den Mut haben, die konstruktive Verachtung zu üben. Konstruktive Verachtung besteht in einer Verbindung von Angstverweigerung und einem beharrenden Stolz, der sich nicht verunsichern lässt. Einer ansteckenden Festigkeit der Zuversicht.
Der New York Times-Kolumnist David Brooks brachte die Haltung der konstruktiven Verachtung so auf den Punkt: I try to be a reasonable person. I try to be someone who looks out in the world with trusting eyes. Over the decades I’ve build up certain expectations about how the world works and how people behave. And I’ve found that Donald Trump has confounded me at every point.
I’d rather not let him infect my brain. I’d rather not let the guy alter my views of the world. If occasional naivety is the price for mental independence from Trump, I’m willing to pay it. I don´t want to see him, minute to minute, to take up residence in our brains.
Trump is a Tyrant. As Aristoteles observed, tyranny is about arbitrariness. When a tyrant has power, there is no rule of law, there is no governing order. There is only the whim of the tyrant. There is only his inordinate desire to have more than his fair share of everything. The categories we use to evaluate the World lose their meaning – cruelty and kindness, integrity and corruption, honesty and dishonesty, generosity and selfishness, lie and truth. We should forget the idea that there should some connection between the beliefs you have and the words that come out of your mouth.“
„Ich versuche, ein vernünftiger Mensch zu sein. Ich versuche jemand zu sein, der mit vertrauensvollen Augen in die Welt blickt. Im Laufe der Jahrzehnte habe ich bestimmte Erwartungen darüber aufgebaut, wie die Welt funktioniert und wie sich die Menschen verhalten. Und ich habe festgestellt, dass Donald Trump mich in jeder Hinsicht verwirrt hat.
Ich möchte lieber nicht zulassen, dass er mein Gehirn infiziert. Wenn gelegentliche Naivität der Preis für die geistige Unabhängigkeit von Trump ist, bin ich bereit, sie zu zahlen. Ich möchte nicht von Minute zu Minute sehen, dass er sich in unseren Gehirnen festsetzt.
Trump ist ein Tyrann. Wie Aristoteles feststellte, geht es bei der Tyrannei um Willkür. Wenn ein Tyrann die Macht hat, gibt es keine Rechtsstaatlichkeit, keine herrschende Ordnung. Es gibt nur die Laune des Tyrannen. Es gibt nur seinen übermäßigen Wunsch, von allem mehr als seinen gerechten Anteil zu haben. Die Kategorien, die wir zur Bewertung der Welt verwenden, verlieren ihre Bedeutung – Grausamkeit und Freundlichkeit, Integrität und Korruption, Ehrlichkeit und Unehrlichkeit, Großzügigkeit und Egoismus, Lüge und Wahrheit. Die Idee, dass es einen Zusammenhang zwischen Ihren Überzeugungen und den Worten geben sollte, die aus Ihrem Mund kommen, sollten wir vergessen.“
David Brooks, The New York Times, Juni 2023, „I Won’t let Donald Trump Invade My Brain“
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An den Feiertagen habe ich einen Film gesehen, der mich tief berührt hat. „Leave the World Behind“ mit der wunderbar zickigen Julia Roberts und dem zerknitterten Ethan Hawke in den Hauptrollen. Ein schrecklicher Endzeit-Film der besonderen Art. Produziert wurde der Film (unter anderem) vom Ehepaar Obama. Was bemerkenswert ist. Oder beängstigend. Haben sogar die Obamas jetzt den Glauben an das Gute, an die Zukunft, verloren?
Die Handlung geht so: Ein wohlstands-gestresstes amerikanisches Paar — sie Werbemanagerin, er Dozent an einer Hochschule — fährt mit seinen Kindern in einen Spontanurlaub in ein Luxushaus auf Long Island. Schon auf dem Weg fallen die Handyverbindungen und das Internet aus. Und dann beginnt ein endloser Horror, bei dem die Zivilisation richtig satt den Bach heruntergeht. Es fängt damit an, dass ein Öltanker einfach in einen bevölkerten Badestrand hineinfährt.
Man kann den Film einfach als Action-Film sehen — Horror-Entertainment á la carte. Die beste Horrorszene ist, wie tausend leere weiße Teslas auf einer Landstraße ineinander krachen — so endet Elon Musks Versprechen vom automatischen Fahren. So endet auch der ganze hypertechnologische Traum, der der Wirklichkeit nicht standhält.
Aber der Film hat noch eine zweite, wichtigere Ebene: Das Verhältnis der Menschen zu sich selbst. Und zur Zukunft.
„Ich hasse Menschen“ sagt Julia Roberts gleich zu Beginn. „Menschen sind einfach schrecklich (awful)“.
Der Zivilisations-Zusammenbruch, wir ahnten es eigentlich immer schon, kommt nicht von außen, nicht durch Aliens oder böse Finsterlinge. Er kommt von Innen.
Die Zombies, das sind wir selbst.
Ich habe in den letzten Tagen Freunde, Bekannte, Nachbarn gefragt, was sie für 2024 erwarten: „Was sind Ihre/Eure Hoffnungen, Wünsche, Erwartungen für das nächste Jahr und „Beyond“ (darüber hinaus)?”
Zwei Drittel haben gleich abgewinkt: „Hör mir auf! Was soll DIESE Frage denn noch?”
„Wenn das nächste Jahr auch nur ein wenig schrecklicher wird als dieses, dann wird es schon ein Superjahr.“
„Vergiss es! Das nächste Jahr wird garantiert noch versiffter als das Vergangene.“
„Ich erwarte gar nix mehr, schon gar nicht von der Zukunft!“
Auffällig der Sound des Zynismus, der in den meisten Antworten den Ton bestimmt. Mindestens fünfmal hörte ich einen Satz, der zu einer Art Untergangs-Bullshit-Mantra geworden ist: „Die Menschheit wird sich sowieso ausrotten!”
Und dann, als Zusatz: „Ist sowieso gut.
Die Natur braucht uns nicht. Die kommt prima ohne uns aus.”
Begründet wird dieser wurstige Zynismus immer damit, dass man ja „nur mal in die Medien schauen muss, um zu sehen, dass die Welt den Bach heruntergeht“. Aber bilden die Medien wirklich „die Welt“ ab? Sollten wir nicht inzwischen ein bisschen weiter sein? Und verstanden haben, dass „die Medien“ nicht dazu da sind, uns die Wirklichkeit zu zeigen? Sondern uns zu Klicks zu verführen, damit die Werbung weitergeht. Was besonders gut mit Angst, Übertreibung, Hysterie und zynischer Negativität funktioniert.
Ich glaube, wir können vom Jahr 2024 (ff) durchaus etwas erwarten.
Wir könnten zum Beispiel erwarten, dass Trump krachend scheitert. Entweder bei der Wahl, oder durch irgendetwas Magisches oder Verrücktes/Absurdes danach. „Etwas“ wird passieren, das diesen aufgeblasenen Hanswurst, diesen eitlen Superclown, zu Fall bringt.
Unmöglich?
Das Denken jetzt alle. Und das ist Trumps eigentlicher Triumph.
Dabei ist Trumps Fall in den Orkus sehr wahrscheinlich. Das System Trump ist so überzogen, überreizt, bizarr, so hyperfragil, dass es vor, eigentlich schon NACH dem Kollaps steht. Es handelt sich, wie wir in der Systemsprache sagen, um überzogene Probabilität. Der Tipping-Point ist längst überschritten, die Wirklichkeit hinkt nur noch ein bisschen hinterher…
Man muss nicht Shakespeare-Stücke ansehen, um das zu verstehen. Man braucht nur einen gesunden Menschenverstand. Es kann nur schiefgehen. So oder so wird es das. The Atlantic: Why Trump Won’t Win
Wenn Trump abstürzt, könnten wir uns womöglich aus jener Ohnmachts-Trance, jenem Bannfluch befreien, in dem wir glauben, dass die Populisten und Autokraten IMMER siegen werden, je gewaltbereiter und bösartiger sie werden.
Ich kann mir für das Jahr 2024 vorstellen, dass ausgerechnet aus dem Horror des Gaza-Krieges eine politische Wende in Israel hervorgeht. So wie in Polen. Dass sich die israelische Gesellschaft über ihre eigenen Abgründe erhebt. Und sich im Nahen Osten neue Bündnisse für eine Befriedung dieses scheinbar ewigen Konfliktes herausbilden.
„Geht nicht”, sagen die ewigen Doomsayer. „Kann gar nicht gehen.”
Wirklich?
Wir könnten uns wundern.
Wenn wir uns nicht mehr wundern können, gibt es in der Tat keine Zukunft.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass China bereits im kommenden Jahr (oder in den nächsten drei Jahren) seinen „Carbon Peak“ erreicht. Von da an würden die CO2-Outputs dieses gigantischen Industrielandes ständig sinken, wie heute schon in den alten Industrienationen.
Chinas Karbonwende würde unsere Wahrnehmung der Klima-Wende stark verändern. Wenn die bald größte Wirtschaft der Welt das schafft, dann ändert sich womöglich auch unsere panische, negative Wahrnehmung: „es kann sowieso nicht funktionieren“. Dann nehmen wir endlich WAHR, dass wir in einem gewaltigen Boom neuer postfossiler Technologien leben. Dass verdammt vieles in Richtung Dekarbonisierung vorangeht, obwohl, na klar doch, es „immer noch nicht genug ist“.
Ich glaube, dass jeder Einzelne von uns eine Mit-Verantwortung für die Hoffnung hat. Und das heißt: auch für seine Wahr-Nehmungen. Ich glaube, dass es an der Zeit ist, sich dem ewigen Jammern und Klagen, dem Ver-Meinen und Negativieren, der Weltverderbung, die regelrecht zu einer Seuche geworden ist, zu verweigern.
Was uns weiterbringen würde, ist eine bestimmte Form von nicht-naivem Optimismus. Von aufgeklärter Zuversicht. Die schottische Daten-Analystin — (sie arbeitet bei der Datenplattform ourworldindata.org) Hannah Ritchie nennt das den „hartnäckigen Optimismus“.
Oder DRINGENDEN Optimismus.
Oder würdigen Optimismus
Verantwortungsvollen Optimismus
Oder auch WÜTENDEN Optimismus (Copyright: mein Sohn Tristan).
Einen Optimismus, der etwas aushält. Der sich nicht bei jeder Gelegenheit verunsichern lässt. Und nicht jedes Weltuntergangsgerücht nachplappert und dadurch verstärkt.
Eine Art Zukunfts-Resilienz.
Apokalypse heißt wörtlich übersetzt „Offenbarung“. Nicht Untergang.
Ebenso wie „Krise“ nicht „Ende der Welt“ bedeutet.
Sondern Übergang.
Am Anfang von „Leave the World Behind“ befindet sich jedes der vier Familienmitglieder in einer eigenen Blase. Alle sind irgendwie an sich selbst und an den anderen gescheitert. Die Frau am Mann, der Mann an sich selbst, die Kids sind in ihren Screens gestrandet.
Je mehr die Auflösung des Gewohnten voranschreitet, desto mehr werden jedoch die Schichten der Entfremdung abgelöst. Im Ernstfall kommt das wahre Menschliche wieder zum Vorschein. Es entsteht wieder Beziehung.
„Wenn wir Menschen schon alle so schrecklich sind – sollten wir nicht gerade deshalb versuchen, besser miteinander auskommen?“ sagt Julia Roberts in einem erleuchteten Moment.
Im Zivilisations-Untergang versammeln sich die Tiere neugierig um die Menschen, die nun keine Gefahr mehr darstellen. In der Apokalypse ordnen sich die Dinge neu und überraschend. Die Gestrandeten des Untergangs merken, wie viel sie einander bedeuteten. Wieviel ihnen die Welt bedeutet. Wie sehr es sich lohnt, füreinander und miteinander zu sein. IN der Welt zu sein.
Wie wichtig es ist, den Zynismus, die digitale Einsamkeit, die innere Selbstverdammung, hinter sich zu lassen. Das ist das Wunder der Verwandlung.
Der Schluss des Films ist rätselhaft wie das Leben selbst. Nur so viel: Es geht um Hoffnung. Um das, was alleine die Zukunft möglich macht: Zusammengehörigkeit.
P.S.: Hier noch ein Lesetipp fürs neue Jahr:
Hannah Ritchie: Not the End of the World
How we can be the first Generation to build a sustainable Planet.
Erscheint am 11. Januar auf Englisch.
Im März auch auf Deutsch, unter dem schönen Titel: „Hoffnung für Verzweifelte“
„Beyond Trends“ oder
Plädoyer für eine andere Zukunftsforschung
Matthias Horx, November 2023
Es ist nicht leicht, über die Zukunft zu sprechen, ohne gleich in Beschleunigungs-Hysterie oder
in ein anderweitig apokalyptisches Fahrwasser zu geraten.
Deshalb frage ich nicht, ob wir Zukunft haben oder nicht haben,
sondern wie wir Zukunft ERLEBEN und herstellen.
Aleida Assmann
aben Sie irgendwo die ZUKUNFT gesehen?
Ich meine: Die richtige Zukunft. Nicht nur Waldbrände, Artensterben, Krieg, Kulturkrieg und digitale Super-Intelligenz, die uns entweder umbringt oder von allen Übeln erlöst. Sondern eine Zukunft als Vorstellung eines Besseren Morgens.
Es sieht ganz so aus, als ob uns diese Zukunft in einem rasenden Jetzt verloren gegangen ist. Sie hat sich, ähnlich wie die Politik, in zwei diametrale Lager aufgespalten:
In einen naiven Technik-Utopismus, in dem Zukunft ausschließlich als Produkt technologischer Sensationen und digitaler Erlösungen verstanden wird. Mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz werden alle Probleme der Menschheit gelöst, Roboter übernehmen den Alltag, wir schrauben uns demnächst Sensoren ins Hirn, die uns hundertfach intelligenter machen. Und demnächst leben wir auf dem Mars …
Oder sie tritt uns als Untergangs-Dystopie gegenüber, in der die Apokalypse längst schon angefangen hat: Alle Wälder werden brennen, Bürgerkriege die Städte zerstören, und der Meeresspiegel steigt auf die Höhe Kitzbühels. Der Mensch ist überflüssig und überzählig und wird demnächst aussterben …
Beide Varianten sind im Grunde das Gleiche. Sie sind beide dystopisch. Wie sagte der Feuilletonist Dietmar Dath so schön? „Zukunft ist immer das, was uns aufgeilt und erschreckt.“
Man könnte auch sagen: Die Zukunft funktioniert nicht mehr. Sie dient uns nicht mehr als Wegweiser, Orientierung und Ausrichtung für unser Leben. Was ihre eigentliche Aufgabe wäre – eine nützliche Fiktion zu sein, die uns leitet und anleitet -, kann sie nicht mehr erfüllen.
Megatrends, revisited: Die Zukunft liegt nicht geradeaus
In den letzten zwanzig Jahren hat der Begriff MEGATREND eine steile Karriere zurückgelegt. Dieser Begriff, den der amerikanisch Publizist John Naisbitt in den 80er Jahren prägte, bezeichnet die langfristigen BIG SHIFTS, die unsere Welt Richtung Zukunft verlässlich verändern: Individualisierung, Globalisierung, Urbanisierung, Digitalisierung, Wissensgesellschaft, Alterung („Silver Society“) und so fort. Also das, was bislang authentisch den Wandel unserer Welt beschrieb.
Megatrends haben den Vorteil, die Vielschichtigkeit der Welt auf einen klaren linearen Begriff zu reduzieren. Sie suggerieren ein glaubwürdiges GERADEAUS. Das entlastet unser kognitives System, führt aber auch zu Wahrnehmungs- und Wirklichkeits-Verzerrungen.
Nehmen wir die GLOBALISIERUNG, den gewaltigen ökonomischen Leit-Trend der letzten 30 Jahre. Wir erwarte(te)n, dass es immer so weitergeht im globalen Marktgeschehen. Dass das rasend schnelle Zusammenwachsen der Weltwirtschaft zu einer einzigen ökonomischen Sphäre, einem Superweltmarkt des immerzu wachsenden Wohlstands, unwiderruflich ist. Und dass die wirtschaftliche Verflechtung Konflikte und Kriege verhindert. Aber man sieht heute eher das Gegenteil. Neue Brüche entstehen, Kriege und Turbulenzen wuchern, Pandemien verändern die Spielregeln, und wir erleben ein Zerfasern der globalen Wertschöpfungs- und Wertschätzungsketten. Kulturelle Formungen und uralte Konflikte überschreiben plötzlich die scheinbar ehernen ökonomischen Gesetze.
Auch der Individualisierungs-Trend fliegt uns derzeit um die Ohren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Individualisierung und Individualismus häufig verwechselt werden.
Individualismus ist eine Ideologie der egoistischen Abgrenzung.
Individualität ist die Formung eines stabilen Selbst in Verbundenheit.
Eindimensionaler Individualismus macht uns zu Konsumenten, Einzelnen, Ichlingen. Echte Individualität macht uns zu Mit-Menschen, die sich auf neue und respektvolle Weise übereinkommen. Individualismus handelt nur vom Wollen. Individualität auch von dem, was wir der Gesellschaft GEBEN können. Das zu differenzieren ist der Schlüssel zur Frage, wie eine NEXT SOCIETY aussehen könnte.
Auch der Begriff der „Wissensgesellschaft“, der noch bis vor Kurzem jede Zukunfts-Diskussion abschloss, ist seltsam hohl geworden. Irgendwie hat es mit der Bildungsutopie nicht geklappt. Heute ist sogar in Zweifel gezogen, was „Wissen“ überhaupt ist. Was ist eigentlich noch Wahrheit, was ist Wirklichkeit, in einer Welt der rasenden Fake News und der Lüge als neue Wahrheit?
Oder nehmen wir die Digitalisierung selbst, diesen Über-Trend unserer Epoche. Je mehr das Digitale in unsere Alltagswelt eindringt, unser Leben von innen heraus umformt, desto mehr enthüllt es seine Schattenseiten. Auf eine geradezu unheimliche Weise verbindet Digitalisierung nicht Menschen, Systeme, Kulturen zu immer höherer Konnektivität. Sondern trennt sie. Digitalisierung produziert Myriaden von „Schnittstellen“ (wörtlich) , die gewachsene menschliche Kommunikations- und Verständigungs-Systeme zerstören. Das überfordert viele Menschen. Es bringt eine vibrierende Unsicherheit in die Welt. Eine Welt-Entfremdung.
Yuval Noah Harari schreibt in seinem Buch „Homo Deus“: „Der Dataismus invertiert die traditionelle Pyramide des Lernens. Daten wurden früher als der erste Schritt in einer langen Kette geistiger Aktivität gesehen: Aus Daten destilliert man Information, aus Information Wissen, aus Wissen Weisheit und sinnvolle Handlung. DATAISTEN glauben, dass das alles überflüssig ist. Die Daten SELBST sollen die geistige Aktivität ersetzen, weil die Prozessoren die Kapazität des menschlichen Hirns überschreiten. In der Praxis bedeutet das, skeptisch gegenüber den humanen Fähigkeiten zu sein und alles in die Hände von Computeralgorithmen zu geben.“
Das heißt nicht, dass wir Trendbegriffe nicht mehr nutzen können, um Veränderungen zu beschreiben. Aber wir müssen ihre Widersprüche erkennen, ihre paradoxen Zusammenhänge. Jeder Trend, ob groß oder klein, gerät irgendwann an einen TIPPING POINT, an dem er seine Richtung ändert. Jeder Trend erzeugt früher oder später GEGENTRENDS – darin zeigt sich eine Art Selbstregulierung der Systeme. Nichts kann immer in dieselbe Richtung gehen. Nur wenn wir diese Trend-Gegentrend-Dynamik begreifen, können wir das VERSCHLUNGENE WESEN DER WELT (der Begriff stammt vom Zen-Philosophen Matthieu Richard) erkennen. Und damit die Zukunft verstehen.
Von Prognose zu Re-Gnose: Von der Zukunft aus sehen
Um die inneren Perspektiven zu verändern hat sich die Technik der REGNOSE als nützlich erwiesen. Die Regnose ist eine Art geistiger Zeitreise, in der wir unser visionsfähiges Gehirn, unseren „Future Mind“, nutzen, um uns in eine mögliche und wahrscheinliche Zukunft zu begeben. Und von dieser Position aus auf uns selbst in der Gegenwart reflektieren.
In Krisenzeiten bedeutet das: Versetzen wir uns in eine mögliche Welt NACH den Krisen. Und fragen:
WAS IST NÖTIG GEWESEN, UM HIERHER ZU GELANGEN?
Was wäre zum Beispiel nötig, um den Ukraine-Krieg, oder den neuen Nahost-Krieg, zu einem Ende zu bringen? Eine geradezu monströse Frage, die sofort Kopfweh erzeugt. Aber sie ist sinnvoll. Offensichtlich kann eine mörderisch-kriegerische Dynamik weder durch die richtige Moral noch durch neue Waffentechniken gestoppt werden. Kriege sind ein endloses Lose-lose-Spiel, in dem es keine Gewinner gibt. Sie erzeugen unentwegt ihre eigenen Anlässe. Die wenigsten Kriege können durch Siege entschieden werden.
Eine Lösung könnte nur aus einer Transformation der gesamten Weltordnung entstehen. Eine Veränderung, die das Verhältnis zwischen Staaten, Globalen Institutionen, Zivilgesellschaften und Global Playern neu ordnet. Das erscheint aus heutiger Sicht unmöglich. Aber diese Entwicklung ist längst im Gange. Wenn sich alte Ordnungen auflösen, entstehen IN den Auflösungsprozessen immer schon die neuen Ordnungen. Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts brachten noch IM Krieg eine neue globale Ordnung hervor. Ebenso wie der Westfälische Friede 1648 in den drei Jahren VOR dem Ende des 30-jährigen Krieges ausgehandelt wurde.
Ein ähnliches Beispiel ist die Klimakrise. Wenn wir heute über Klimawandel und Dekarbonisierung sprechen oder nachdenken, fixiert sich unser Hirn auf vertrackte Probleme. Weil die politischen Probleme der Klimawende noch nicht gelöst sind, erscheinen sie als unüberwindbares Hindernis. Wir verirren uns in einem Labyrinth von Unlösbarkeiten, in dem kein Ariadnefaden mehr hilft.
Wenn wir aber „von vorne“, aus der Perspektive der Lösung, herausschauen, also aus einer postfossilen Realität? Dann können wir den Zukunfts-Faden von der anderen Seite her auflösen. Alles erscheint plötzlich MÖGLICH und „ganz normal“: Die Techniken und Systeme, die sich heute schnell im Sinne der Dekarbonisierung entwickeln, sind (waren) in ihrem Zusammenwirken und ihrer innovativen Dynamik durchaus in der Lage, den Abschied von Öl, Kohle und Gas zu ermöglichen. Vom Ende der Entwicklung her wird das sichtbar. Wir sind in der postfossilen Wende viel weiter, als wir glauben.
Regnose heißt:
Aus der Unmöglichkeit wird ein Möglichkeitsraum.
Wir denken die Welt in Lösungen.
Und damit VERÄNDERT sich die Welt, weil sich unsere Wahr-Nehmungen verändern.
Die Theorie des ENAKTIVISMUS besagt, dass wir durch unsere Wahr-Nehmungen die Realität erst „aktivieren“. Die kommende Wirklichkeit entsteht aus unseren Vorstellungen. Das hat nichts mit dem magischen Wirken von „Manifestationen“ zu tun. Dieser Ansatz, der von Huberto Maturana und Francisco Varela in ihrer Forschungsarbeit „Der Baum der Erkenntnis“ vertreten wurde, ist der Kern einer der Ideen des „Future Mind“- des schöpferischen Geistes. Und geht heute in quantentheoretische Modelle von Zeit und Wirklichkeit ein.
Miriam Kyselo: Enaktivismus. In: A. Stephan, S. Walter (Hrsg.): Handbuch Kognitionswissenschaft. Stuttgart, J.B. Metzler 2013, S. 197–202.
Einer der Ursprünge der modernen Zukunftsforschung geht auf eine schräge Truppe zurück, die Anfang des 20sten Jahrhunderts die Zukunft als Ideologie und Revolutionspathos benutzten. Die FUTURISTEN rund um den Italiener Filippo Tommaso Marinetti traten kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Italien und Frankreich und anderen europäischen Ländern in großen Sälen auf und hielten spektakuläre Vorträge zur „radikalen Abschaffung des Alten!“. Das Alte, die Tradition, galt den Futuristen als eine Art Verschwörung der Eliten zur Sabotage des Fortschritts. Es ging um die heroische, rasende Beschleunigung, um allumfassenden Umsturz und totale Auflösung des Bestehenden (Der Bohemien und Lebemann Marinetti wollte sogar die PASTA abschaffen, weil sie die Italiener faul und vergangenheitshörig machte; wenigstens hatte er manchmal Humor).
„Zukunft“ war für diese Aktionsgruppe, die zunächst dem Dadaismus und den Anarchisten nahestand, später aber immer mehr ins Faschistische driftete, Fetisch und Utopie zugleich. Die Futuristen gerierten sich als Umstürzler, die den Fortschritt als „Genuss der Beschleunigung“ empfanden. Einschließlich der dazugehörigen Gewalt. Folgerichtig landeten sie in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges, den sie als „Orgie der rasenden Veränderung“ feierten. Von dort aus kamen sie mittellos und als Krüppel zurück, wenn überhaupt.
Merke: Das rasende Zukünftige kann leicht ins Reaktionäre kippen …
In der Logik des Silicon Valley drückt sich dieser „Cult of the New“ heute in einem Satz „Move fast and break things!“ aus: Dieser Spruch von Marc Zuckerberg ist eine Art Superparole des „Akzelerationismus“, einer hyperkapitalistischen Auffassung der Zukunft, in der Technologie als das Allheilmittel für alles und als Treiber einer Art Hyper-Evolution gesehen wird, in der nur die ganz Starken und die ganz Schnellen überleben. Vieles daran ähnelt den Auftritten von Elon Musk und Peter Thiel – weg mit dem Alten, Hinfälligen, Schwachen! Auf zum Mars und zur Unsterblichkeit – auch wenn alle Raketen auf dem Weg dahin explodieren!
Ursula K. Le Guin, die einzige Frau im Olymp der Zukunfts-Autoren, formulierte einmal in einem „Rant on Technology“: „Wir wurden so desensibilisiert durch einen 150-jährigen technischen Heldentums-Rausch, dass wir glauben, man könnte nichts, was weniger komplex ist als ein Düsenbomber oder ein Computer, „Technologie“ nennen. In Wirklichkeit ist Technologie nichts anderes als die Art und Weise, wie die Gesellschaft mit der physischen Realität umgeht.“
Die amerikanischen Publizisten Lee Vinsel und Andrew Russell vertreten in ihrem Buch „The Innovation Delusion“ (Der Innovations-Wahn) einen interessanten Gegen-Ansatz: Der rasende Kult des IMMER-NEUEN, so die Autoren, hat unsere Gesellschaft mental ausgelaugt und ökonomisch deformiert. Da alle Investitionen immer nur in spektakuläre (meist digitale) Super-Hypes gelenkt wurden, die vor allem den Sinn verfolgten, neue Märkte monopolitisch zu besetzen, haben wir die tragenden Strukturen der Zivilisation vernachlässigt. Die Idee der ERHALTUNG ist völlig in den Hintergrund geraten, deshalb sind wir jetzt mit bröckelnden Infrastrukturen und kaputten Brücken, maroden Krankenhäusern und Schulen konfrontiert. Wir sind umgeben von technischen Systemen, die immer fragiler und fehleranfälliger werden. Die Autoren plädieren für einen „Maintenance Mind“, ein „Bewusstsein der Wartung und Erhaltung“, in dem das Verhältnis zwischen Kultur, Dauer und Technologie wieder in ein sinnvolles Gleichgewicht gebracht wird. (Siehe auch die Initiative meines amerikanischen Zukunftsforscher-Freundes Stewart Brand: „The Maintenance Race“)
Wer muss dabei nicht an den Hype der Künstlichen Intelligenz denken? Und an die inzwischen fad und abgeschmackt wirkenden Parolen vom „Schneller Scheitern“, dem heiligen Glauben an die Tugend des Geldverbrennens durch Start-ups und Cybergeld? Obwohl es vielleicht viel wichtiger wäre, die REALE, physische, existierende, dauernde Welt am Laufen zu halten – und graduell zu verbessern.
Manches ist uralt und beständig.
Es entwickelt sich auf seine eigene Weise.
Vieles Bewährtes ist erhaltenswert.
Die Zukunft entsteht in intelligenten Synthesen.
Neues und Altes, klug kombiniert, ergeben das BESSERE.
Oder wie Steward Brand auch das System der „Mehrschichtigkeit der Veränderung“ (Pace-Layer-Modell) beschreibt:
Es ist sinnvoll und realistisch
Sich eine Zivilisation als etwas vorzustellen,
das gleichzeitig in verschiedenen
Geschwindigkeiten funktioniert.
Mode und Handel verändern sich schnell.
Natur und Kultur ändern sich langsam.
Infrastruktur und Politik begleiten beides
in einem mittleren Tempo.
Aber weil wir uns vor allem auf die sich
schnell verändernden Elemente konzentrieren,
vergessen wir die wahre Kraft
in den Sphären der langsamen, tiefen Veränderung.
Was ist „Humanistischer Futurismus“?
Die Zukunftsforschung hat eine verzweigte Geschichte, in der sie sich immer wieder neu erfunden und umbenannt hat. Ihre Wurzeln reichen bis in die antiken Orakel, die gar nicht so sehr „orakelten“, sondern kluge Rück-Fragen an ihre Kundschaft stellten. Und dadurch Weisheit erzeugen wollten. In den Denk-Zirkeln der frühen Humanisten seit dem 14. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung, bestand das Zukünftige in der Hoffnung auf den Austritt des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Daraus wiederum entfaltete sich die Grundidee des „Humanismus“, der den Menschen als universelles Wesen begreift, das in der Lage ist, Selbstverantwortung und Zukunftsformung zu übernehmen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen neue Denkansätze hinzu. Die „Kybernetik“ wurde als Planungs- und Risiko-Wissenschaft erfunden: Zunächst ging es um die Strategie möglicher Atomkriege (Herman Kahn und der Think Tank der Rand Corporation). Dann erweiterte sich das Feld in Richtung der Systemwissenschaften. In den 90er Jahren kam die Trendforschung auf, die sich mit der Semiotik der Gesellschaft beschäftigte, aber ziemlich schnell vom Marketing absorbiert wurde. Zukunftsforschung führte später in die Strategieberatung mit Megatrends und Szenarien. All das waren notwendige und sinnvolle Ansätze. Aber sie hatten eine bestimmte Zeit. Einen bestimmten Kontext. Heute geht es wieder darum die Zukunftsforschung als Universal-Wissenschaft zu einer neuen Ganzheitlichkeit zu führen. Sie auf ihre universalistischen, humanistischen Elemente zurückzuführen.
Humanistischer Futurismus überwindet den zu engen Blickwinkel von Technologie und Ökonomie. Ohne ein Verständnis des Sozialen, des Gesellschaftlichen, bleibt das Technologische entfremdet. Ohne Verbindung zu den echten menschlichen Bedürfnissen verselbstständigt sich die Ökonomie und wird destruktiv.
Humanistischer Futurismus beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von INNERER und ÄUSSERER Zukunft (Bewusstsein UND Welt). Wie wirken Visionen, Utopien, Zukunfts-Narrative, mächtige MEME, auf die Wirklichkeit zurück – und gestalten in Form der Futurogenese die Realität?
Humanistischer Futurismus sieht den Wandel als ständigen SYNTHESEprozess. Darin spiegelt sich Hegels Dialektik, aber auch das, was der Renaissance-Gelehrte Giambattista Vico die „corsi e ricorsi“ nannte, die „Flüsse und Rückflüsse“ der Geschichte. Trends und Gegentrends, Aufstieg und Dekadenz, Turbulenz und Neubeginn …
Humanistischer Futurismus entwickelt ein konstruktives Verhältnis zum Phänomen der „Krise“. Krise bedeutet, dass das Alte und das Neue in eine Dissonanz getreten sind, das die „Frames“ unserer Weltwahrnehmung nicht mehr mit den Realitäten zusammenpassen. Das macht Angst, aber Angst kann auch ein Treiber von Veränderung werden.
Humanistischer Futurismus ist dem neuen Langzeitdenken verpflichtet. Er verabschiedet sich vom „rasenden Jetzt“, von der Verengung aller Wahrnehmung auf die Gegenwart. Es überwindet den Akzelerationismus, das utopistische Beschleunigungs-Denken. Und versucht, die langfristigen Perspektiven der menschlichen Existenz zu erforschen – auch diejenigen Perspektiven, die über unser persönliches Leben hinausreichen.
Humanistischer Futurismus funktioniert INTEGRIEREND. Wir erforschen die Zukunft/das Zukünftige nicht nur in der einseitigen Perspektive des Technologisch-Ökonomischen. Sondern in den Verbindungen und Schnittmengen zwischen den vier „Hauptachsen“ des Wandels: Technologie, Kultur (Gesellschaft), Ökonomie und Bewusstsein.
„Es ist dringend notwendig, dass wir die Kräfte und Erkenntnisse der verschiedenen Disziplinen der Natur-, Techno-, Geistes- und Sozialwissenschaften bündeln und auf die alles entscheidende Frage fokussieren,
wie wir als Menschen sind und wer wir sein wollen.”
Markus Gabriel, Philosoph
„When we think about how the future might be different, we better understand how we might be different too.“
Jane McGonigal, Futuristin
„A trend is a trend is a trend
But the question is – will it bend?
Will it alter its course
through some unforeseen force
and come to a premature end?“
Alexander Cairncross
Manchmal knickt das Fernrohr, mit dem wir in die Zukunft schauen. Vielleicht ist es dann zu lang und zu schwer geworden …
Obwohl – schaut man mit großen Teleskopen nicht sowieso eher in die Vergangenheit?
Wie war das nochmal mit dem SEGWAY, dem Wundergerät der mobilen Revolution? Ein Wunderwerk der Technik, das sich wunderbar zum BEING-Transport eignete. Warum floppte es trotzdem?
Was wäre, wenn der Digitale Kaiser gar keine Kleider anhätte, aber ständig neue WUNDER verkünden würde, während seine Untertanen und Adepten ständig an den Gimmicks der Künstlichen Intelligenz herumfummeln?
In der typischen REGNOSE-Position blickt das FUTURE BEING aus der Zukunft in seine eigene Vergangenheit zurück – zum BEING DER GEGENWART.
Der PROBLEM-TROLL versucht dem BEING einzureden, es ginge sowieso alles nicht, schon gar nicht mit der Zukunft … Erleuchtete Ignoranz ist die einzige Möglichkeit, dem Monster zu entkommen.
Vermeiden Sie sie die MEINERITIS. Meinungen sind zukunftsfeindlich, weil sie immer nur einen Teil der ganzen Wahrheit abbilden. Meinungskriege sind narzisstisch – als Zukunfts-Being sollte man sie meiden.
Wozu, werde ich manchmal gefragt, ist der Begriff ZUKUNFT überhaupt noch nützlich? In einer Zeit, in der es ja eigentlich gar keine Zukunft mehr zu geben scheint. Wo doch alles immer mehr „den Bach runtergeht“, sich die Krisen vor uns auftürmen und Verwirrungen und Ver-Zweiflungen über die Welt, die Zustände, sich häufen?
Früher wurde das Feld der Zukunft von Fortschritts-Utopien oder Religionen besetzt. Sozialismus und Christentum boten verlässliche Orientierungen an, mit denen man die Schrecken der Gegenwart überbrücken konnte: „Später“ würde alles besser werden. Heute ist der Blick in die Zukunft durch millionenfache Meinungen versperrt, die irgendetwas vermuten, die verängstigen, übertreiben, moralisieren. Wir hauen uns unentwegt Meinungen um den Kopf, und dabei verlieren wir die mögliche Zukunft aus den Augen.
Die Zukunft ist wie ein scheues Reh, das vor dem Lärm der rasenden Gegenwart flieht.
Wer eine Meinung hat, erfährt nichts mehr. Er schließt sein kognitives System und koppelt sich von der Wirklichkeit ab. Sieht die Dinge nur noch durch einen Tunnel, einen „Frame“, der immer enger wird.
Was aber wäre das Gegenteil von Meinung?
Weisheit.
Weisheit ist, wie ein bekannter Philosoph einmal formulierte, eine Mischung aus Gelassenheit, Empathie und Voraussicht. Man könnte noch die Toleranz hinzufügen. Die Großzügigkeit.
Die Weitsicht.
Und die Zuversicht.
Wenn ein Mensch weise ist, dann strahlt er eine ganz bestimmte Zukunftsenergie aus, die über seine eigene Existenz hinausreicht. Meine Großmutter zum Beispiel – die zwei Weltkriege erlebt und ihre soziale Existenz verloren hatte, aber immer noch voller „Possibilismus“ war („Wird schon schiefgehen!“) – hatte diese Energie. Ich habe sie heute noch in mir. Die meisten Menschen haben dieses innere Energiefeld. Aber in unserer rasenden Streitgesellschaft, in der es immer nur um die schrillsten Töne und die aufgeblasensten „Sager“ geht, wird sie verschüttet.
Weisheit ist eine stille Macht. Sie kann Kriege beenden, fatale Entscheidungen vermeiden oder der Zukunft einen neuen Sinn geben. Wer heute eine Rede des US-Präsidenten Biden hört (und wirklich ZUHÖRT – wer macht das schon noch?), kann Weisheit spüren. Biden verknüpft die Phänomene zu konstruktiven Zusammenhängen, er macht Hoffnung, vermeidet, wo immer es geht, Gegnerschaften. Er mahnt zur Vorsicht, zur Weitsicht, wie jetzt gerade im Israel-Hamas-Krieg. Er gesteht Fehler ein, die die Amerikaner gemacht haben. Das ist die wirkliche Größe der Weisheit, dass sie sich selbst einbezieht in die Erkenntnis der Fehlbarkeit.
Weisheit bedingt zweierlei: Lebenserfahrung und Selbsterkenntnis. Dazu gehört die Einsicht, dass nicht alles, was kommt, kontrollierbar und voraussagbar ist, sehr wohl aber „fühlbar“. Der weise Mensch ist mit der Zukunft verbunden. Er verirrt sich nicht in den Affekten und Emotionen der Gegenwart. Er weiß, dass die Welt komplex ist, aber eben auch dynamisch – dass Dinge sich ändern können, Wandel möglich ist.
Dass das Langfristige über das Kurzfristige siegt.
In den USA ist eine neue Zukunfts-Bewegung entstanden, das „Langzeitdenken“ oder der „Longtermism“ (siehe Kolumne 81: „Die Uhr des Langen Jetzt“). Diese Bewegung versucht, die rasende Kurzfristigkeit, in der wir unsere Gegenwart konsumieren, durch eine neue Beziehung zur Zukunft zu ersetzen. Im Langzeitdenken fragt man nicht mehr: „Was BRINGT uns die Zukunft?“ Sondern: „Was SCHULDEN wir der Zukunft?“ Man sucht nicht mehr nach Trends, denen man sich anpasst. Sondern nach den Zusammenhängen, in denen wir leben und handeln. Was bedeuten unsere Handlungen, unsere Entscheidungen für die Umwelt, die Menschen, die nach uns leben? Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden wieder verknüpft und aufeinander bezogen.
Um all das ein bisschen näher zu erläutern, und unser Verhältnis zur Zukunft auf neue Beine zu stellen, hat sich ein neues Experiment entwickelt. Das „FUTURE:PROJECT“, ein Think Tank für einen Humanistischen Futurismus: THE FUTURE:PROJECT
Zum Beginn dieser Expedition habe ich mit meinem Zeichner-Talent Julian ein Buch herausgebracht, das von den „Zehn Zukunfts-Weisheiten“ erzählt. Man kann es hier bestellen: www.thefutureproject.de
Geht es Ihnen auch so? Dass Sie es kaum noch aushalten können, was derzeit mit den Grünen geschieht? Da gab es einmal eine Partei, die Hoffnung auf Veränderung machte. Die für die großen Zukunfts-Themen stand, die uns alle betreffen und bewegen: Umwelt, Menschenrechte, der Idee eines anderen Wohlstands als das Immer-mehr der Konsumgesellschaft. Ist so eine Partei nicht unbedingt nötig, ja existentiell für die Zukunft, gerade in unserer krisenhaften und welterhitzten Zeit?
Und haben die Grünen nicht viele Dinge auch ziemlich gut gemacht? Haben sich von alten Dogmen verabschiedet, sind pragmatisch geworden, in vieler Hinsicht doch ziemlich erwachsen?
Und jetzt dieses Desaster.
Die Grünen sind in eine Zwickmühle geraten, aus der sie nicht mehr herauskommen. Grüne Politiker werden in Wahlkämpfen nicht nur angegrölt, bespuckt und inzwischen auch mit Wurfgeschossen beworfen, sie werden gehasst, in unfassbarer Weise beleidigt und erniedrigt. An ihnen kann sich inzwischen eine breite Phalanx von Populisten, von den Neuen Nazis über die populistischen Teile der CDU/CSU und FDP bis zu den Neo-Marxisten à la Wagenknecht, abarbeiten. Einschließlich der Medien, die genüsslich das Lied von den Grünen Versagern mitsingen. Nicht nur an jedem Stammtisch, auch in jeder Talkshow regiert die antigrüne Häme.
Das hält niemand auf die Dauer aus.
Das geht längst an die Existenz.
Aber wie kommt man da raus?
Ich fürchte, dass das auch nicht mit der Methode Habeck funktionieren wird. Es ist bewundernswert, wie beherrscht und demütig sich der Wirtschaftsminister zeigt, wie er souverän jedes Beleidigtsein, jede Gekränktheit von sich weist. Aber das grenzt fast an eine Art Unterwerfungserklärung an einen parasitären Journalismus, der jede Schwäche bis zur Neige ausbeutet.
Politik handelt eben auch von Macht. Von Autorität in einem positiven Sinne. Man manövriert sich früher oder später ins politische Nirvana, wenn man immer nur seine verwundbaren Stellen zeigt.
(Ich würde übrigens genauso argumentieren, wenn es sich um PolitikerInnen der SPD, FDP oder CDU handeln würde. Ich bin demokratischer Wechselwähler und habe eine Grundsympathie gegenüber demokratischen Politikern.)
Wie aber ginge es anders?
Schauen wir nach Frankreich. Dort hat Macron kürzlich ein „ökologisches Beschleunigungsprogramm“ verkündet. Das neue Dekarbonisierungs-Gesetz hat drei Punkte: „Wir werden in Frankreich pro Jahr eine Millionen Wärmepumpen bauen und mindestens eine Million Elektroautos.“ „Wir werden ab nächstem Jahr Elektroautos für eine monatliche Leasinggebühr von 100,- Euro bereitstellen.“ „Wir werden die Klimaziele früher erreichen als andere Länder und dabei zum Technologieführer werden.“
„Ökologie à la française“: Das ist so ziemlich das Gegenteil des deutschen Heizungsgesetzes. Macron appelliert sowohl an den Innovations-Sinn der Bürger wie an den Nationalstolz. Je weniger fossile Energien Frankreich braucht, desto souveräner wird das Land. Auf diese Weise entsteht ein konstruktiver Sog des Stolzes, und sogar eine Dynamik des Neides. Man möchte dem Nachbarn nicht alleine seine Wärmepumpe gönnen. So wird die Klimawende zu einer Bewegung, bei der man gerne mitmachen will. Weil man sich sonst blöd und rückständig vorkommt.
Man kann jetzt natürlich meckern, dass Frankreich Atomkraftwerke hat (Deutschland hat dafür sehr viel mehr Erneuerbare). Oder irgendetwas anderes ideologisch beanstanden. Man kann aber auch verstehen, worum es eigentlich geht: um einen „semantic shift“, einen Wandel der politischen Semantik. Macron hat das Desaster der deutschen Grünen ebenso intensiv studiert wie den Aufstand der Gelbwesten in seinem eigenen Land. Er hat verstanden, wie man „Affektive Polarisierung“ – ein Begriff des Soziologen Steffen Mau – möglichst verhindern kann. Durch eine kluge Ermöglichungs-Politik, die „von vorne“, aus der Zukunft heraus, motiviert.
Erinnern wir uns an Zeiten, in denen die Grünen erfolgreich waren. Damals waren sie auf ihre eigene Art und Weise „populistisch“. Aber positiv populistisch. Der Wandel, den sie verkörperten, war mit Zugewinn, Verbesserung, Hoffnung verbunden. Let’s do it! Es gab eine Veränderungsbereitschaft in der Gesellschaft, die von den Grünen aufgegriffen und verstärkt wurde.
Diese Veränderungsbereitschaft gibt es heute noch. Allem rechten Getöse zum Trotz.
Wie konnte es zum Beispiel gelingen, dass Schwule heute weitgehend in der Gesellschaft angekommen sind? Dass es schließlich die CDU war, die die Gesetze zur „Ehe für alle“ durchsetzte?
Um die Jahrtausendwende vollzog die Schwulenbewegung (zunächst in den USA) einen Strategiewechsel. Statt weiter mit wütenden Protesten auf „Rechte“ und „Akzeptanz“ zu pochen, also die Gesellschaft mit moralischem Druck zu konfrontieren („Liebt uns gefälligst!“), codierten die Aktivisten die Bedeutungskontexte um. Große Anzeigen erschienen in den Medien, in denen schwules Leben als Beziehungsleben gezeigt wurde. Mit der Möglichkeit zur Treue und Verbindlichkeit, wofür das Recht auf Hochzeit stand. Auf diese Weise war Homosexualität plötzlich nicht mehr das Bedrohliche, Fremde, das Rechte provokativ „einforderte“, sondern das „Familiäre“, Vertraute, das Rechte verdiente. Es entstand ein Inklusions-Code: Wir sind so wie ihr (oder wie ihr sein wollt). Wir sind Teil eines größeren, gemeinsamen Wertes.
Dieses recoding ist das Geheimnis von Politik im 21. Jahrhundert.
Der Grüne und der Blaue Code
Umwelt- und Ökologiethemen, gerade der Diskurs über den Klimawandel, sind heute immer noch in einem „Schuld-Moral-Kreislauf“ gefangen. In einem Deutungsmuster, in dem Kategorien wie Verlust, Mangel, Verzicht, Angst dominieren. Das führt geradewegs in Deutungs- und Kulturkriege, die dem bösartigen Populismus in die Hand arbeiten.
Wir haben uns deshalb in der systemischen Zukunftsforschung bemüht, einen anderen „Zukunfts-Code“ für das Ökologische zu entwickeln. Wir nennen diesen den „Blauen Frame“ (siehe die Studie: DIE KLIMA-REGNOSE). Im Gegensatz zum GRÜNEN Frame, also dem Rahmen der „Ökologie als Verlust“, wird hier die ökologische Wende als ein MÖGLICHKEITSraum dargestellt.
Die postfossile Wende wird nicht als Notoperation zur Verhinderung des Untergangs dargestellt, bei der wir alle „draufzahlen“ müssen, sondern als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten. Die Farbe Blau steht für Vision, für Technologie, Wasserstoff, die Atmosphäre der Erde, die Hoffnung. Für den Wandel sind dynamische Technologien, aber AUCH intelligente Systeme nötig. Das Resultat — eine ökologische Wende — ist nicht Mangel, sondern Fülle, Schönheit, Fortschritt.
Michael Braungart, ein Pionier der zirkulären Wirtschaft, hat den Begriff der „Intelligenten Verschwendung“ geprägt. Auch hier werden zwei scheinbar paradoxe Kategorien zu einer neuen Sinnhaftigkeit zusammengefügt. Wenn wir es richtig machen in der ökologischen Wende, wird es uns an nichts mangeln, weder an Materie, Rohstoffen noch an Energie. Die Sonne bringt uns jeden Tag eine Million Mal mehr Energie auf die Erde, als wir jemals verbrauchen können. Eine Kreislauf-Ökonomie ist eine Ökonomie der Üppigkeit. Der Fülle. Des WAHREN Wohlstands. Wir können gar nicht blöd genug sein, diese Möglichkeiten nicht zu ergreifen!
Die Wurst-, Fleisch- und Fossil-Propagandisten sehen in diesem Bedeutungs-Kontext plötzlich uralt aus. Und das fossile Genörgel der FDP wirkt irgendwie peinlich.
“
Bislang besteht der Erfolg der politischen Ökologie darin,
die Menschen in Panik zu versetzen, und sie gleichzeitig aus Langeweile zum Gähnen zu bringen. … So erklärt sich die Handlungslähmung, die sie oft hervorruft.
Bruno Latour, „Zur Entstehung einer ökologischen Klasse“
Natürlich kann man mit solchen Umdeutungen keinen eingefleischten reaktionären Benzinfan überzeugen (und auch keinen schuldgetränkten Öko). Aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, dem Wandel eine neue Sprache zu verleihen, in der er wieder attraktiv wird.
Die Grenzen des Moralismus
Natürlich versuchen die Grünen bereits, neue Allianzen zu schmieden, in denen Ökologie und Ökonomie konvergieren können. Aber dieser Versuch wird immer wieder in die Wirkungslosigkeit getrieben, weil die Grünen in ihrer Mehrheit immer noch im idealistischen MEM ticken. Sie glauben in ihrer Mehrzahl immer noch, dass Wandel durch Einkehr und die Durchsetzung moralischer Prinzipien entsteht. Deshalb wirken sie irgendwie verklemmt. Sie drucksen herum, und bei den wirklich großen Herausforderungen kommen sie immer zu spät.
Auch hier die Frage: Wie könnte es anders gehen?
Nehmen wir das Beispiel Dänemark. Dort hat die Premierministerin Mette Frederiksen nach Jahren der Krise der Sozialdemokratie und dem Wachstum der Rechtsradikalen eine neue Ausländerpolitik durchgesetzt. Ein Urteil ist schnell gefällt: Das ist „rechts“ und unmoralisch. Kurze Aufenthaltsfristen für Asylsuchende, kurze Ausweisungsfristen, Bildungszwänge für Ausländerkinder, Moderation von gettohaften Quartiersentwicklungen und so weiter. Aber ist das wirklich die ganze Wahrheit? Wenn man ein wenig genauer hinschaut, ist es vielleicht ganz anders. In der Tat ist das deklarierte Ziel: weniger Immigration. Aber gleichzeitig: bessere Integration. Es gibt Verstärkungen von Integrationsleistungen, Bildungsinitiativen, bessere Wohnverhältnisse, sozialpolitische Unterstützung etc.
Die Dänen sind keineswegs rassistisch und inhuman geworden. Sie wissen auch, dass moderne Staaten ohne Immigration ihre Wirtschaft gar nicht aufrechterhalten können. Aber die dänische Regierung hat in langen politischen Kämpfen verstanden, dass chaotische Immigrationen, in denen Kriegsflucht, Wirtschaftsflucht und mafiöse Strukturen sich vermengen (was schließlich zu mörderischen Gangkriegen führen kann wie derzeit in Schweden), den Sozialstaat und die Demokratie gefährden. Putin macht längst erfolgreich Destabilisierungspolitik mit der Not-Migration. Soll man ihn einfach gewähren lassen? Die dänische Politik versteht, dass eine unmoralische Lücke in der Migration entsteht, die nicht nur den Rechtsradikalen Tür und Tor öffnet. Sie handelt nicht unmoralisch, sondern verantwortungsethisch.
(Wer sich mehr für das Entstehen dieser „neoethischen“ Politik interessiert, dem empfehle ich die fantastische Serie BORGEN, die die Evolution der skandinavischen Politik in den letzten 20 Jahren schildert).
Mal ehrlich: Was können wir ernsthaft gegen das Argument von Giorgia Meloni sagen, dass die Flüchtlinge im Mittelmeer bitte von jenen Staaten übernommen werden sollen, deren Flaggen die organisierten Rettungsschiffe tragen?
Die Grünen werden sich in dieser turbulenten Welt neu erfinden müssen. Das ganze politische Parteiensystem krempelt sich derzeit um. Die Kategorien von „links“ und „rechts“ diffundieren in atemberaubender Weise. Die CDU wird sich, so wie es aussieht, in einen populistischen und einen konservativ-liberalen Flügel zerlegen, wie die Christdemokraten in anderen Ländern es bereits getan haben. Neue Partial- oder „Bewegungsparteien“ werden aufsteigen und wieder absteigen. Diese „demokratische Turbulenz“ macht uns Angst, aber sie muss keineswegs in den Autokratismus oder die Wiederkehr des Faschismus führen. Demokratien sind resilienter als wir glauben. Sie können, ja sie müssen sich dauernd wieder(er)finden.
Ich würde mir wünschen, dass die Grünen zu diesem „Projekt demokratische Zukunft“ dazugehören. Vielleicht müssen sie dann gleich ganz auf die europäische Ebene wechseln. Oder sie müssen sich vom „Grün“ verabschieden, denn als „One-Issue“-Partei haben sie längst ihre Schuldigkeit getan. Vielleicht können sie in einem anderen „frame“ zu ihrer konstruktiven Energie zurückfinden. Zu ihrem Witz, ihrem Charme, ihrer zauberhaften Energie des Wandels – die Welt, Gesellschaft und Politik neu zu erfinden, lohnt sich immer. Zwickmühlen löst man nur von der Zukunft aus, auf die man sich einlässt.
Gibt es eine andere Ökonomie? oder: Aufbruch ins Symbiozän
Das Vorwort von Matthias Horx zum Buch von Oona Horx Strathern „Kindness Economy”
Existiert eine Alternative zum »Kapitalismus«? Diese Frage spielte in meiner Jugend eine wichtige, geradezu existenzielle Rolle. In meiner Universität tummelten sich ungefähr 20 marxistische Gruppen: Marxisten, Leninisten, Trotzkisten und alle ihre bizarren Abspaltungen, die sich auf irgendeinen ganz besonderen oberschlauen Theoretiker bezogen. Sie bekämpften sich wütend gegenseitig, bezichtigten sich unentwegt als Verräter, marschierten aber stets gemeinsam gegen den Kapitalismus.
Gottseidank hat es damals mit der Abschaffung des Kapitalismus nicht so ganz geklappt. Denn immer dann, wenn man den Kapitalismus abschaffte, kam sofort die nächste Diktatur, das nächste brutale Regime zum Vorschein. Bis heute ist das so, und es scheint nicht aufzuhören.
Irgendwann haben wir verstanden: Abschaffen alleine bringt nichts. Es ist sogar ziemlich dumm. Aber irgendwie ist die Sache mit dem »Kapitalismus« nie so ganz geklärt worden. Und heute wird sie wieder heiß diskutiert.
Ich setze »Kapitalismus« immer in Anführungsstriche, weil es sich um eine Worthülse handelt, mit der man Unheil anrichten kann. Was ist das eigentlich? Die »Herrschaft der Wallstreet«, wie es jetzt die ganz Linken und ganz Rechten im gleichen Tonfall herbeten? Die Börsenspekulation,
die 2009 zur größten möglichen Bankenkrise führte? Die Tatsache, dass Mieten (auch mal) steigen? Der Eigentumsbegriff? Man kann sich fürchterlich in solche Reizworte hineinsteigern und dadurch die Sicht auf die Welt verengen. Sind die eher sanften Sozialstaaten des Europäischen Nordens »kapitalistisch«? Gibt es nicht auch so etwas wie eine ausgleichende, kreative Marktwirtschaft? Oder regiert überall nur der finstere »Neoliberalismus«, der sein blutiges Haupt immer wieder aufs Neue erhebt?
Ist Kapitalismus die Herrschaft der »bösen Ökonomie«? Und wie verhält sich beides in Richtung Zukunft?
Dieses Buch von Oona, meiner klugen und zukunftsgewandten Frau, stellt eine interessante These in den Raum der Möglichkeiten: Könnte, so fragt dieses Buch, eine Ökonomie auch freundlich sein? Auf menschlichen Begegnungen und Verbindungen basieren? Könnte Ökonomie eine Art Evolution durchlaufen, in der sie ihre innere Logik verändert?
Unmöglich, sagt die Phalanx derjenigen, die die Welt in ordentliche Kästen und Ideologien eingeteilt haben. Ökonomie muss immer kalt, starr, funktional, ausbeuterisch sein. Das ist ihr Wesen. Sie muss unterdrücken und ausbeuten und »ungerecht« sein, sonst gäbe es ja kein Wachstum und keinen Wohlstand…
Wie sagte der unlängst verstorbene weise Intellektuelle Hans-Magnus Enzensberger so schön?
»Geld allein macht nicht unglücklich.«
Wenn man mich fragen würde, was am meisten zu einer besseren Zukunft beitragen könnte dann würde ich zwei Wörter wählen. Oder besser drei: Freundlichkeit, Zugeneigtheit, Respekt.
Alle drei Begriffe sind im englischen Begriff »Kindness« vereint; ich beneide meine Frau immer um ihre englische Muttersprache, wo Komplexes und Emotionales ungleich eleganter ausgedrückt werden kann.
Ist es nicht das, was uns in der überheizten, überreizten, digitalbeschleunigten, zur Atomisierung neigenden Erregungs-Gesellschaft unserer Tage am meisten fehlt? Was, wenn man so will, einer riesige Marktlücke, die auch eine Gesellschafts-Lücke ist? Zu-Neigung. Das Interesse am anderen. Die Kraft, und Kompetenz, sich miteinander zu beschäftigen, aufeinander zuzugehen, konstruktiv zu kooperieren statt sich ständig anzuschreien…
»Märkte sind Konversationen«, lautete vor nahezu 20 Jahren, am Beginn der digitalen Umformung, der Titel des »Cluetrain«-Manifestes, ein von Digital-Idealisten veröffentlichter Zukunfts-Aufruf. Man sah damals im Potenzial des Digitalen eine neue humane Marktwirtschaft aufdämmern, in der Menschen, Kunden, Mitarbeiter neue emanzipative Rollen einnehmen würden. Seitdem hat es viele Desillusionen gegeben. Das Digitale hat Menschen weniger zusammengeführt als getrennt, es hat dem Turbo-Kapitalismus (lassen wir hier mal die Anführungsstriche weg) eher noch einen Turbo draufgesetzt.
Aber gleichzeitig ist in den letzten Jahren etwas geschehen, was wir weitgehend ignorieren. Oder erst in der Corona-Zeit langsam erahnt haben: Es verändert sich etwas Substanzielles in der Arbeitswelt, von innen heraus, in den Firmenkulturen. In den neuen, jüngeren und weniger männlichweißen Führungsetagen. Neue Generationen stellen den »Old Deal« infrage, und zwar von unten und von oben. Die alten Arbeitsformen des Industrialismus, die geschlechtergetrennte Nine-to-five-Logik, bricht auf. In gewisser Weise vertauschen sich sogar die Machtpositionen im Herzen der Ökonomie: von Kapital zu Arbeit. Die wahre knappe Ressource der Zukunft ist die menschliche Arbeitskraft. Aber nicht mehr im Sinn funktionaler Einpassung in funktionsteilige Maschinen. Sondern als Können und Wollen.
Das, was man »Arbeitsethos« nennt, verändert sich von der reinen Leistungsbereitschaft zur Sinnforderung. »Was hat dieses Unternehmen mir zu bieten?«, heißt es heute. Statt »Wo bekomme ich noch einen Arbeitsplatz?«.
Im Zentrum dieser beginnenden Transformation steht die größte ökonomische, technologische, politische Herausforderung unserer Epoche: die »Blaue Revolution« – der Übergang von einer auf fossilen Rohstoffen und Ausbeutung der Ressourcen (auch der Humanressourcen) basierenden Wirtschaft zu einem Zivilisationsmodell des Ausgleichs.
Die Kindness-Ökonomie ist eine Wirtschaftsweise, in der das Verhältnis eines »Unternehmens« (ob klein, groß, Mittelständler oder Einzelunternehmer) zur Natur, zur Gesellschaft und zur Zukunft eine viel größere Rolle spielt als im alten industriell-fossilen Modell. Früher wurden gesellschaftliche Themen in den Hinterzimmern der Chefetagen besprochen. Heute gibt es keinen CEO mehr, der sich nicht zu den Ver-Antwortungen seines Unternehmens öffentlich verhalten muss. Wofür steht das Unternehmen? Was sind seine Werte? Was hat es vor, um Antworten auf die Gegenwartskrisen zu finden? Was sind seine Lösungsangebote?
Kindness-Ökonomie benennt eine Wirtschaftsweise, in der man den Kunden, oder Konsumenten, nicht nur als »Verbraucher« wahrnimmt. Sondern auch als Freund. Den man womöglich sogar kritisieren darf, ja muss. Indem man ihm zu Beispiel ein Produkt anbietet, das sinnvoller ist als das, was er gewohnt war. Nachhaltiger. Schöner nicht nur im Sinne der Verpackung. Intelligenter im Zukunfts-Kontext.
Man spürt genau, ob ein Unternehmen im Sinne dieser neuen Verantwortung tickt. Oder ob es nur trickst. Nebelkerzen verschießt. Aber dabei auf dem alten Prinzip des »Mehr um jeden billigeren Preis« (statt besser) beharrt. Mit anderen Worten: sich der Transformation, die längst begonnen hat, verweigert.
Unsere Aufgabe als Zukunftsforscher-Paar und Zukunfts-Familie sehen wir darin, Möglichkeitsräume zu eröffnen und zugänglich zu machen. Dabei geht es auch um Begriffe, die uns die Zukunft entschlüsseln können . Wir leben im Anthropozän. In der »Herrschaft des Menschen« über den Planeten. Oona hat für das Zeitalter, das dahinter auf uns wartet, den Begriff »Symbiozän« gefunden. Das Wort handelt von einem anderen Denken, Fühlen und Handeln. In Zusammenhängen statt Spaltungen. In Möglichkeiten statt »Problemen«. In Verbindungen und konstruktiver Zuversicht. Ein bisschen (irischer) Humor ist unerlässlich. Und eine ordentliche Portion Gelassenheit. Versuchen Sie es einmal. Es wirkt. Es geht ganz leicht. Man muss nur einfach damit anfangen.
Kann man über oder MIT Science-Fiction Zukunftsforschung betreiben? Gibt es BEZIEHUNGEN zwischen den visionierten Welten der Sci-Fi und inspirierenden Denkmodellen der Zukunfts-Prognostik?
Wenn Sie das irgendwie interessiert, dann empfehle ich Ihnen die Science-Fiction-Serie FOUNDATION, die gerade bei Apple-TV läuft. In diesem Epos, das sich über tausende von Jahren erstreckt – ein unfassbar verschachteltes Konvolut von Meta-Historie, das gegenüber Star Trek bieder wirkt -, spielt ein Zukunftsforscher die Hauptrolle. Hari Seldon ist ein Wissenschaftler, der „die Zukunft“ voraussagen kann. Alle Informationen dazu hat er in einem Art Zauberwürfel abgespeichert, dem PRIME RADIANT. Man ÖFFNET den Prime Radiant, der nichts anderes ist als ein Quanten-Hypercube (ein vierdimensionaler Quantencomputer, der eine dreidimensionale Welt simuliert), indem man ihn in einer bestimmten Reihenfolge antippt und dreht. Dann entspringen ihm lange Fäden von „Werdens-Evolutionen“; Datenwolken von verbundenen Evolutionen, die langsam im Kreis rotieren. Man kann dann die Verzweigungen der Zeitstränge sehen, die Krisen in blutigem Rot, die Sprünge des Fortschritts in leuchtendem Blau.
FOUNDATION handelt vom Aufstieg und Untergang eines galaktischen Imperiums, das von Klon-Herrschern regiert wird – immergleichen, die generativ nachwachsen. Bruder Morgen, Bruder Mittag, Bruder Abend wechseln sich in den Herrschaftsgeschäften immer wieder ab. Damit werden Fragen von Evolution und Lernvermögen angesprochen. Können Herrschaftsformen, die immerzu DAS GLEICHE reproduzieren, überleben? Das fragt man sich manchmal, wenn man Kim Jong Un im Fernsehen sieht, oder Putin. Sind die auch geklont? Irgendwie schon …
Natürlich ist der Prime Radiant eine Fiktion, und niemand von uns Zukunftsforschern hat ein solches Gerät. Aber es ist ein fiktionaler Gegenstand mit einer hohen „Realitätskompetenz“. Immer schon hat man versucht, die Zukunft in Computern abzubilden und zu modellieren. Was immer schiefging. Aber wenn man Daten UND psychologisch-menschliche Reaktions-Prozesse kombiniert, dann kann man tatsächlich in gewisser Weise „in die Zukunft sehen“. Zumindest in den Möglichkeitsraum des Kommenden mit seinen Myriaden von Verzweigungen und Wahrscheinlichkeiten.
FOUNDATION wurde von einem alten Genie der Science Fiction bereits im Jahr 1951, vier Jahre vor meiner Geburt geschrieben. Asimow war ein unfassbarer Universalist, ein Hyper-Denker mit wirklich erstaunlichen Fähigkeiten, der in Quantenphysik, Massenpsychologie, Kybernetik und noch tausend anderen Disziplinen bewandert war. Auch das verbindet ihn mit uns Zukunftsforschern, die wir versuchen, interdisziplinär die Zukunft und ihre RÜCKWIRKUNGEN zu ergründen.
Es geht in FOUNDATION auch um das „Prophetische Paradox“, ein Phänomen, mit dem wir in der Zukunftsforschung immerzu konfrontiert sind. Es lässt sich auf den Begriff der „normativen Aussage durch selbsterfüllende Prophezeiung“ zurückführen. Jede Aussage über die Zukunft wird, wenn sie „geglaubt“ wird, zu einem zukunftsformenden Phänomen. Die Essayistin und Theaterautorin Sara Ruhl formulierte das so:
„Narrative is an accumulation of knowledge about the future.“
Foundation zeigt, wie die Realität in eine „seltsame Schleife“ einbiegt, wenn sie in den Bann einer Prophezeiung gerät – und sich sozusagen in den Schwanz beißt. Das Imperium – die Herrschenden – fürchten sich so vor der Prophezeiung Seldons (dass das Imperium untergehen wird und eine tausendjährige Zeit von Tod und Terror beginnt), dass sie dieses Ergebnis durch ihre eigenen Handlungen HERSTELLEN. Shakespeare lässt grüßen. Hari Seldon wiederum, der „Prophet“, spielt genau mit diesem Effekt, indem er ihn bewusst gegen die Herrschaft einsetzt. Und sie dadurch zu Fall bringt.
Auf ähnliche Weise ist vor 1600 Jahren wahrscheinlich das römische Reich untergegangen – durch Selbst-Prophezeiung.
Die Quantentheorie sagt uns, dass es Dinge gibt, die es gibt und doch nicht gibt. Wer jemals von „Schrödingers Katze“ gehört hat, weiß, was ich meine. Die Wissenschaft der PSYCHOHISTORIK, die in FOUNDATION die Hauptrolle spielt, ist auf geheimnisvolle Weise eine PROTOWISSENSCHAFT. Eine künstliche Wissenschaft, die es „eigentlich nicht gibt“, die sich aber auf ominöse Weise immerzu weiterentwickelt (etwas Ähnliches, in sehr bescheidenem Maßstab, ist mir in den 80er Jahren mit dem „Bebraismus“ gelungen).
Bebraistik ist die Lehre von der Schönheit und Wirksamkeit und Kraft des Hässlichen, Nicht-designten, Rückständigen, Nicht-Zukünftigen. Siehe www.horx.com/archive/80-er/
Im Internet kursieren jedenfalls eine Menge von interessanten bis abgedrehten Schaubildern und Charts, die die verschiedenen Aspekte der Psychohistorik beschreiben. Eine fiktive Wissenschaft aus einem Science-Fiction-Epos mutiert zu einer eigenständigen Denk-Disziplin – das ist schon ziemlich ungewöhnlich.
Das noch verrücktere ist, dass die „Wissenschaft“, die Hari Seldon in dieser Fiktion verkörpert, etwas sehr Realistisches hat. Sie nennt sich PSYCHOHISTORIK und berechnet die Zukunft aus den voraussichtlichen REAKTIONEN von Menschen auf Ereignisse und Entwicklungen. Dabei macht sie sich – wie beim Verhältnis von Wetter und Klima – zunutze, dass individuelles Verhalten zwar nicht „berechnet“ werden kann, die Massendynamik von Millionen oder Milliarden Menschen aber schon.
Hari Seldon im O-Ton:
„Ich kann das Schicksal eines einzelnen Menschen nicht voraussagen. Aber ich sehe die Menschen. Ich sehe sie sehr genau. Sie alle machen die Zukunft, jeder Einzelne. In Quadrillionen Entscheidungen.“
Könnte man das nicht auch für so viele Prozesse unserer Zeit sagen? Dass diese von MASSENPSYCHOLOGIE geprägt sind, wobei der einzelne Mensch keine Rolle spielt, aber die kollektive menschliche Dynamik ALLES ist?
Man denke an den Ukrainekrieg …
Oder den bösartigen Populismus in der Politik …
Sehen Sie sich hier unten einige Schaubilder und Charts der PSYCHOHISTORIK an, die im Internet kursieren. Es gibt sogar FACHBÜCHER darüber. Fake oder Wahrheit? Ernst oder Scherz? Manchmal sind solche Unschärfen richtig interessant. Vielleicht hat die Zukunft längst angefangen und wirkt über Fiktionen zu uns zurück. Vielleicht leben wir selbst in einer seltsamen Schleife, die sich ständig in den Schwanz beißt. Oder sind in ein galaktisches Rabbithole gefallen. Ein Kontinuum, wo alles wiederkehrt, aber sich trotzdem nichts wiederholt … Wie kann das sein? Genau das wollen wir herausfinden …
Ansonsten gibt es in FOUNDATION auch wunderbare Planetenbilder und grandiose Weltraumschlachten, Androiden, Rebellen, kampfstarke Frauen und schwule Kommandanten. Und einen Raumschifftypus, der einfach unschlagbar sexy ist: Imperiale Sprungschiffe! Dagegen kommen intergalaktische Gurkenschiffe wie eine Star-Wars-Falcon nicht an …
Ich verspreche, das war meine letzte Sci-Fi-Besprechung.
Weitere werden vielleicht trotzdem folgen.
Der Ausdruck „Noumena“ kommt bei Sextus Empiricus vor und bezeichnet dort „das Gedachte“, (mit dem Nous als zugeordnetem Vermögen) im Gegensatz zum den Sinnen Erscheinenden, den φαινόμενα.
Periodicals in the Collection
Journal of Psychohistory, Volume 33, No. 2, Fall 2005 – The Psychology and Theocracy of George W. Bush
Journal of Psychohistory, Volume 33, No. 1, Summer 2005 – Peace Counseling: A New Profession
Journal of Psychohistory, Volume 32, No. 4, Spring 2005 – Ending Child Abuse
Journal of Psychohistory, Volume 32, No. 3, Winter 2005 – The New 9/11 Scandal
Journal of Psychohistory, Volume 21, No. 2, Fall 1993 – Group-Fantasies of World Collapse
Nachrichten sollten uns erzählen, was in der Welt passiert. Das tun sie nicht. Stattdessen sind aus Medienorganisationen durch eine Mischung von kommerziellem Druck, kognitivem BIAS und kulturellen Gewohnheiten moderne Doom-Weltuntergangs-Maschinen geworden. Man gibt noch nicht einmal vor, eine Balance anzubieten. Deshalb glauben wir, dass das größte Problem der Öffentlichkeit heute nicht Fake News sind, oder Filter Bubbles, oder Polarisierung, oder Elitismus. Das größte Problem des Journalismus sind SCHLECHTE NACHRICHTEN.
Future Crunch, internationale Website für konstruktiven Journalismus. 9.8.23
Sind Sie auch der Überzeugung:
dass der Kampf gegen die Klimakatastrophe „in Wahrheit“ verloren ist?
dass in Sachen CO2-Reduzierung überhaupt nichts vorangeht und alle Regierungen versagen?
dass Menschen prinzipiell unfähig sind zum Wandel.
dass also die Zukunft verloren ist. Und sich unser Planet in eine unrettbare Gluthölle verwandeln wird?
Nach uns die Sintfluten!
Wie kommt es eigentlich, fragt die einflussreiche Journalistin und Kolumnistin Rebecca Solnit, dass so viele Menschen lieber unentwegt und intensiv nach Gründen und Beweisen für den unweigerlichen Weltuntergang suchen, als ihre Energie in WANDEL zu investieren? Und nach praktischen Wegen für eine LÖSUNG der Klimakrise zu suchen?
Der Erneuerbare-Energien-Experte Mark Z. Jacobson twitterte neulich:
„Angesichts der Tatsache, dass Wissenschaftler, die die Entwicklung der erneuerbaren Energien studieren, die globale Energiewende sehr wohl für machbar und möglich halten, hören wir täglich auf Twitter und allen anderen Kanälen von denjenigen, die das NICHT studieren, dass es völlig unmöglich sein soll!“
Zwei Gruppen gibt es, die derzeit den Diskurs über die Ökologie- und Klimafrage dominieren:
Denier: Die Leugner, die die Erderwärmung entweder für nicht-existent halten, oder denen es völlig egal ist, dass sich die Atmosphäre erhitzt. Verankert sind sie meist im reaktionär-rechten und rechtsradikalen Lager und nutzen die Frage der Ökologie für ihren Kulturkrieg. Sie sind in der Minderheit, aber sehr lautstark.
Doomer: Die Verzweifelten, die den Kampf gegen die Klimakatastrophe verloren gegeben haben und sich in eine Haltung von Frustration, Wut und Hilflosigkeit zurückziehen. Sie sind in der Mehrheit, aber sehr hilflos.
Denier und Doomer liefern sich einen ständig eskalierenden Deutungskampf. Die Denier müssen dabei den defätistischen Job („Die Klimakatastrophe ist sowieso unaufhaltsam!“) gar nicht mehr machen. Das besorgen die Klima-Doomer viel besser. Die sind eher grün und progressiv, und wollen die Welt retten. Aber weil sie verzweifelt sind, machen sie den Job der Verunmöglichung besser als die Leugner. Sie glauben oft das, was in den Medien dauernd verbreitet und von „Experten“ behauptet wird: E-Autos sind eigentlich umweltschädlich. Wenn man weniger Öl verbrennt, verbrennen andere mehr. So entsteht eine Allianz der Verhinderung: Die Argumente der Doomer und Denier treffen sich in einer Art moralischem Triumphalismus: Die Doomer machen die Denier für den Untergang der Menschheit verantwortlich. Die Denier freuen sich über die Schützenhilfe bei der Darstellung des Wandels als Unmöglichkeit.
Das Tabu der guten Nachricht
Warum hören wir so wenig von positiven Veränderungen, gerade im Ökologischen?
Die erste Antwort ist einfach: Alles, was wir über die Welt erfahren, stammt aus den Medien. Positive Meldungen werden so gut wie nie wahrgenommen, weil sie kein Aufmerksamkeitspotential haben. Sie sind im Algorithmus der Erregungs-Steigerung, der „Clickbaiting-Logik“, nicht relevant.
Welche Meldung würde wohl häufiger angeklickt? – Klimawandel führt zu immer schlimmeren Katastrophen! (Die Bilder dazu sind beeindruckend.)
Oder: – Solarenergie wird zum weltweiten Boom! (Statistiken sind abstrakt.)
Dazu kommt die moralische Barrikade. Positive Informationen unterliegen im Kontext katastrophischer Warnungen dem Vorwurf der Verharmlosung. Wenn man sie „wahr-nimmt“, könnten das den Eindruck erwecken, „es wäre gar nicht so schlimm und man müsste gar nichts mehr tun“.
Man muss durch schlechte Nachrichten die Menschen sozusagen vor falschem Optimismus schützen.
Die Vorstellung, dass Angst, Schrecken und moralischer Druck Menschen zum Wandel motivieren, ist aber leider falsch. Auch unsere gute Greta ist in gewisser Weise an diesem Paradox gescheitert: Je mehr man sich fürchtet, desto starrer wird man. Das Anzeigen des Schlimmsten bewirkt meistens das Gegenteil: Reaktanz.
Der Dreischritt des Wandels
Gesellschaftliche Veränderungen geschehen immer in einer Art Dreischritt. Zuerst kommen starke Ideen auf, mit einer faszinierenden Aura. Zum Beispiel das „Grüne Super-Mem“, das in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bereits weite Teile der Gesellschaft eroberte.
Im zweiten Schritt werden die Kosten und Mühen der Transformation immer deutlicher. Es kommt zu einer Art Backlash – die „reaktionäre“ Phase. Die Schwurbel-Phase. In dieser Phase stecken wir heute fest. Es scheint, dass der ökologische Wandel zu Ende ist, weil er unentwegt „bestritten“ wird. Aber das ist eine Täuschung. Gerade in der Phase des Tumults, der Umstrittenheit, formt sich das Neue endgültig aus.
Aktualisierung schafft neue Realität
Heute sind trotz des andauernden anti-ökologischen Shitstorms 90 Prozent der Deutschen der Meinung, dass ein ökologischer Umbau unserer Wirtschafts- und Lebensweisen nötig und sinnvoll ist. Ist das nicht erstaunlich? Trotz des unentwegten Trommelfeuers, der unheiligen Allianz von Deniern, Doomern und Defätisten, sind die grundlegenden Einsichten immer noch intakt.
Hier liegt der Kern des Wandel-Paradoxes: Während Menschen verängstigt sind, sind sie doch gleichzeitig für ein Thema sensibilisiert. Sobald sich konkrete HANDLUNGS-FENSTER auftun, entscheiden sich viele Menschen zu konstruktivem Verhalten. Und so beginnt die dritte Phase der gesellschaftlichen Veränderung durch AKTUALISIERUNG: Menschen treffen Entscheidungen in ihrem privaten Umfeld, wenn diese möglich werden.
Echter Wandel, das zeigt die Geschichte, kann ganz klein anfangen. Und dann zu einem großen Strom zusammenfließen.
Eine besondere Rolle spielen beim Übergang in ein neues Prinzip die Tipping Points. Tipping Points kennen wir normalerweise nur aus katastrophischen Zusammenhängen: beim Schmelzen der Eiskappen, beim Umdrehen des Golfstroms. Es gibt aber auch POSITIVE Tipping Points. Punkte, an denen Durchbrüche stattfinden, die sich gegenseitig verstärken und dann nicht mehr aufzuhalten sind.
Solche Akzelerationen geschehen gerade in der Energiewende. Die Erneuerbaren sind deutlichen an einem Tipping Point nach oben angekommen.
Der Solar-Turbo
Die Absatzzahlen für Solaranlagen auf Privathäusern (aber auch bei größeren Maßstäben) gehen seit etwa einem Jahr steil nach oben. Ein regelrechter Solar-Boom ist entstanden. Dabei spielen Mikro-Balkon-Anlagen eine Rolle, aber vor allem der Markteintritt großer Solar-Anbieter, die die Installation auf Privathäusern preiswert und komfortabel machen. Oder gar Leasing-Modelle anbieten.
Der Anteil des erneuerbaren Stroms in Deutschland hat sich in diesem Sommer drastisch erhöht, im Schnitt zwischen 15 und 20 Prozent.
Das ist deutlich mehr, als wir für das 80-Prozent-Ziel für das Jahr 2030, das die deutsche Bundesregierung ausgegeben hat, benötigen würden.
Der geplante Zuwachs bei Windkraftwerken liegt zwar immer noch unter der Ziellinie (um ca. 15 Prozent), die beschleunigten Genehmigungen kommen erst langsam in Gang. Dafür liegt die Solar-Installation mehr als 20 Prozent ÜBER Kurs!
Wärmepumpen waren – erinnern Sie sich? – vor einigen Monaten das Allerletzte. Nicht erhältlich, teuer, will keiner haben, schlechte Technik. Habecks Wolkenkuckucksheim. Jetzt wurde in deutschen Medien berichtet, dass Wärmepumpen „starke Einbrüche” erleben. Stimmt das? Gesunken sind die Anträge auf staatliche Zuschüsse – vor allem weil es noch kein fertiges Gesetz gibt. Der private Markt für Wärmepumpen hingegen boomt. Die Hersteller stellen sich international auf, bauen neue Werke, die Preise sind am Fallen.
Lesen Sie auch überall, dass Elektroautos sich nicht verkaufen? Stimmt nur nicht. Angela Merkel wurde ausgelacht, als sie vor zehn Jahren das Ziel von 1 Million E-Autos auf deutschen Straßen 2020 ausgab. Heute, drei Jahre später sind es 2 Millionen, allerdings mit Hybrid-Fahrzeugen (was sich aber demnächst ändert). In Bezug auf die Gesamtflotte sind das immer noch nur 2 Prozent, aber durch positive Tipping Points kann sich der Zuwachs leicht pro Jahr verdoppeln.
Rechnen wir: 2-4-8-16-32 … Damit wären 15 Millionen E-Autos im Jahr 2030 leicht zu schaffen… Nein, so steil wird es nicht nach oben gehen. Aber selbst, wenn es nur 10 Millionen wären, wäre das auch schon ganz gut! In den 30er Jahren könnte es dann ganz schnell gehen. Ab dann gilt die Regel des kulminierten Kipp-Punkts: Ab einer gewissen Schwelle will keiner mehr einen rumpeligen Brenner fahren. Selbst die FDP nicht.
Es entsteht sozusagen ein Neues Normal.
In China sind über ein Drittel der Neukäufe inzwischen elektrisch – die Hälfte aller Elektroautos weltweit fahren auf chinesischen Straßen (an die 20 Millionen). China geht den „Norway Way“ (dort sind 90 Prozent der Neukäufe heute elektrisch). China droht ein Autohändlersterben – weil die Händler auf Verbrennermodellen sitzenbleiben. Einer der Gründe ist die neue chinesische Abgasnorm 6b. Sie soll dafür sorgen, dass die chinesischen Städte smogfrei werden und ist strenger als die EU-Norm 7.
Die neuen Emissionsstandards der amerikanischen Umweltbehörde zielen darauf, dass mehr als die Hälfte aller Neuwagenkäufe 2030 an E-Autos gehen. EPA-Chef Michael S. Regan: „Leute, die Elektroautos kaufen, werden über die Lebensdauer der Fahrzeuge hinweg Einsparungen sehen, weil sie nichts für Benzin und wenig für Wartung ausgeben müssen.“
In den ärmeren Schwellenländern sind Rikschas und Dreirad-Fahrzeuge Durchbruch-Träger bei der E-Mobilität. 2025 sollen allein in Indien 70 bis 80 Prozent der knatternden Zweitakter, die einen Großteil des urbanen Verkehrs in den Schwellenländern ausmachen, elektrisch fahren – heute sind es schon 50 Prozent. In vielen anderen Ländern, Indonesien, Sri Lanka, ist ebenfalls ein gewaltiger Boom für E-Rikschas entstanden. www.mckinsey.com
Der grüne Energieboom weltweit
In den Wüstengebieten der Erde werden im Moment hunderte von gigantischen Solarkraftwerken gebaut, die durch ständige Absenkung der Kosten eine relevante Wasserstoffproduktion immer wahrscheinlicher machen. Das größte Kraftwerk (in China) hat eine Fläche von 64 Quadratkilometern. Bis 2030 schätzt man ein Gesamtvolumen von 6000 GW Wind und 5000 GW Strom. Neue Techniken ermöglichen die Stromproduktion zunehmend auch in der Nacht.
Die globale Stromproduktion hat einen »erneuerbaren Kipppunkt« erreicht: 2023 wird der globale Zubau CO&sub2;-neutraler Energieversorgung erstmals größer sein als die Zunahme des globalen Energieverbrauchs (Ember:) „Das Wachstum in Wind- und Solarerzeugung allein (plus 557 Terawattstunden) reichte für 80 Prozent des Nachfragewachstums im Jahr 2022 (plus 694 Terawattstunden). Im Jahr 2023 wird das Wachstum sauberer Energie wahrscheinlich das Nachfragewachstum übertreffen.”
In seiner neuesten Meta-Studie hat das Rocky Mountain Institut, gegründet vom bekannten Ökologen Amory Lovins, die positiven Trends der weltweiten Dekarbonisierungs-Anstrengungen zusammengefasst. Fazit: Wir sind noch lange nicht am Ziel – aber viel weiter als wir fürchteten. Erneuerbare Energien und Dekarbonisierungs-Techniken erleben weltweit an vielen Fronten einen Durchbruch. Hier die Schlüssel-Charts:
Der Amazonaswald hat in den Bolsonaro-Jahren schwer gelitten. Jetzt aber tragen die Anstrengungen der neuen Regierung, illegale Goldminen und Rodungen zu verhindern und den indigenen Gruppen wieder mehr Selbstverwaltungsrechte gegeben zu haben, Fürchte. Die diesjährigen Waldverluste werden um ca. 60 Prozent unter den letzten Jahren liegen, Tendenz weiter sinkend. Übrigens waren die Rodungen des Amazonaswaldes vor 20 Jahren noch viel höher als in der Bolsonaro-Zeit.
Holen Sie am Ende dieses kleinen Kognitions-Experiments tief Luft.
Und lassen Sie Ihr ABER heraus:
ABER diese Zahlen sind ja viel zu optimistisch. Stimmen die überhaupt?
ABER die globale Erwärmung schreitet ja weiter voran…
ABER die Ölkonzerne sind ja so ungeheuer mächtig…
ABER das reicht ja noch lange nicht…
Stimmt.
ABER denken Sie bitte jetzt noch einmal darüber nach, welche Funktion das ABER für die Zukunft hat.
Wäre es nicht besser, das Gelingende anzuerkennen? Es wahr-zunehmen und auch zu genießen? Das Schlechte dabei nicht schönzureden, es aber nicht auf Dauer zu akzeptieren?
Ist das nicht auch das Rezept für ein gelungenes Leben?
Und wäre das nicht besser für uns alle, die Welt, die Zukunft?
Positive Weltnachrichten in den nächsten Ausgaben:
Indiens Geburtenrate ist fast so niedrig wie die Islands (Wussten Sie das?).
Die Welt wird gleicher – wenn man in globalen Maßstäben denkt.
Die Ausweitung von Naturschutzgebieten beschleunigt sich weltweit.
China wird zum Erneuerbaren-Transformations-Vorreiter (Schock!).
Der Kampf gegen Plastik feiert in Afrika Erfolge.
Die Menschheit macht erstaunliche Fortschritte beim Zugang zu Wasser-, Sanitär- und Hygiene-Zugängen.
Leseempfehlung:
Rebecca Solnit & Thelma Young Lutunatabua: NOT TOO LATE – Changing the Climate Story from Despair to Possibility (leider nur auf Englisch).
Ein ähnlicher Ansatz wie Maya Göpel oder andere öko-positive Ansätze: Der Versuch, die Transformation unserer Zeit mit neuer (erneuerbarer) geistiger Energie zu versorgen.
Zwei schöne Zitate zum Schluss:
Hope is not optimism. Optimism assumes the best, and assumes its inevitability, which leads to passivity, as do the pessimism and cynicism that assume the worst. Hope, like love, means taking risks and being vulnerable to being and being vulnerable to the effects of loss. It means recognizing the uncertainty of the future and making a commitment to try to shaping it.
„Es geht darum, von einem angstgesteuerten und konfusen Diskurs, der nur zur Apathie und Hysterie führt, zu einem zuversichtlichen Verständnis der Möglichkeiten zu kommen.“
Chad Frischman, Chairman des „Project Drawdown“, einer neuen systemischen CO2-Reduzierungs-Initiative, in einem TED-Vortrag 2018
Über das weitverbreitete Apokalypsegefühl und die Pflicht zur Zukunfts-Zuversicht
Zeichnungen: Julian Horx, aus der Serie „Sentient Beings“ www.julian-horx.com
In meinem Freundes- und Bekanntenkreis treffe ich derzeit auf ein Phänomen, das mich an meine Jugend in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erinnert: die „Doom-Spirale“. Es sind oft kluge, intelligente, empfindsame Menschen, die ihr Leben lang für Veränderung, Wandel, Fortschritt eingetreten sind, die jetzt die Flinte ins Korn werfen – um ein altes Sprichwort aus Jägerzeiten zu bemühen (oder waren es Kriegszeiten?).
Die Doom-Spirale führt dazu, dass man sich in eine zunehmende Negativität, ein Untergangsgefühl, einspinnt wie in einen Kokon.
Die Welt geht dem Ende zu, das sieht man doch überall.
Man kann ja sowieso nichts machen, der Planet ist kaputt.
Die Menschheit ist verrottet.
Die Zivilisation wird untergehen.
Der dunkle Kern der Doom-Spirale besteht in der Zukunftslosigkeit. Es gibt nichts mehr, worauf wir hoffen können. Wofür wir uns einsetzen wollen.
Moment, möchte ich dazwischenrufen. Seht ihr nicht, dass ihr betrogen werdet? Dass ihr einer Fata Morgana, einer fälschenden Spiegelung anheimgefallen seid, wie Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer in der Wüste Nirgendwo? (Boomer wissen, dass gleich Tur Tur, der Scheinriese, um die Ecke biegen wird, der sich erst als furchterregend, dann als höflicher teetrinkender englischer Gentleman erweist).
Wisst ihr nicht, dass unser Erregungs-Medien-System aus unseren Angst-Reflexen unentwegt Aufmerksamkeitsvorteile generiert? Alles muss skandalisiert, polarisiert, katastrophiert, übertrieben, zerlegt, zerstritten werden. Wenn eine Talkshow nicht mindestens mit der totalen Verarmung, dem Sterben aller Tiere und mit demnächst-100-Prozent für die AFD droht, wird sie gar nicht erst angesehen. Wenn die Haus-Preise hochgehen, ist es eine Katastrophe. Wenn sie runtergehen, steht der Untergang der Mittelschicht bevor. Der Staat soll alles regeln, aber auf keinen Fall irgendetwas klären. Deutschland ist unentwegt kaputt, alles ist am Ende. All diese Katastrophierung bringt Aufmerksamkeit, Erregung. Anzeigenumsätze. Aber ist es die Wirklichkeit?
Wonach sind wir geradezu süchtig, so dass wir es uns ständig irgendwie reinziehen müssen? Nach dem Negativen. Gefährlichen. Abstürzenden. Skandalösen. Mörderischen. Dem hemmungslos Übertreibenden. Hysterischen. Nichtgelingenden. Dem, was geradewegs in den Untergang führt.
Eben, sagen meine klugen apokalyptischen Freunde. Daran sieht man ja, dass alles verrottet. Dass wir uns in einem Zustand der Selbstauflösung befinden.
Ich versuche dann, der Untergangs-Melancholie mit positiven Informationen entgegenzuwirken.
Wusstet ihr, dass sich die bittere Armut auf der Welt in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als halbiert hat? Dass derzeit weltweit JEDEN TAG so viele Solar- und Windenergie-Anlagen installiert werden wie 2013 in einem ganzen Jahr?
Schon ernte ich ein mildes Lächeln. Aber dieser Superclown Trump wird die nächsten US-Wahlen gewinnen…
Seht ihr nicht, dass die Demokratie sich zwar in einer Krise befindet, dabei aber auch viele Gegenkräfte entstehen? Autokraten sind nicht überall im Vormarsch, im Gegenteil, im letzten Jahr haben sich in vielen Ländern demokratische Rechte weiter durchgesetzt (die wir aber nicht auf dem Schirm haben). www.theguardian.com/world/2023/
Wusstet ihr, dass allein in diesem Jahr der Anteil der erneuerbaren Stromerzeugung in Deutschland um rund 15 Prozent steil nach oben gegangen ist und weiter steigt – OBWOHL, oder vielleicht gerade WEIL, die Wärmepumpen-Hysterie tobte? Dass China so unfassbar viel in erneuerbare Energien investiert, dass es wahrscheinlich 2030 seinen Carbon Peak, den Gipfel seiner CO2-Ausstöße, erreichen wird?
Dass sich die Weltgemeinschaft auf erstaunliche Naturschutzziele geeinigt hat – auf gigantische neue Meeres- und Landschutzgebiete?
Noch mehr mitleidiges Lächeln. Die Chinesen bauen doch nur Kohlekraftwerke…
Haben wir uns jemals darüber gefreut, dass derzeit wieder 25.000 Blauwale durch die Meere ziehen? Dass so gut wie alle Wal-Arten sich wieder stabilisiert haben, gerettet wurden, weil wir uns als Menschheit tatsächlich darauf einigen konnten, den Walfang einzustellen?
Haben wir das jemals wahr-genommen?
Könnte das nicht auch für die CO2-Frage gelten? Am Anfang scheint es unmöglich, aber dann schaffen wir es doch…?
Den statistikaffinen Freunden empfehle ich den „Global Ignorance Test“ von Ola Rosling, der den Trotzdem-Fortschritt der Menschheit im Kontext der GLOBAL GOALS der Vereinten Nationen erklärt (www.gapminder.org). Oder die Website www.ourworldindata.org, die ein komplexes, realistisches Bild der generellen Veränderungen auf diesem Planeten liefert. Zum Beispiel zeigt sie, wie sich die Weltbevölkerung stabilisiert (ourworldindata.org/population-growth). Oder die australische Constructive-News-Website FUTURE CRUNCH (futurecrunch.com), auf der man alles lesen kann, was in den Redaktionen der Welt als „zu positiv, liest keiner“ in den Papierkorb geworfen wird…
Achselzucken.
Das Positive ist immer unsichtbar
Die Liste des Positiven ist lang, trotz allem unabweisbar Schlimmen. Nur:
Es interessiert niemanden.
Kein Empfang unter dieser Nummer.
Japan macht ja immer noch Walfang.
Und willst Du etwa die Klima-Apokalypse leugnen?
Wenn ich ein bisschen zynisch drauf bin, nenne ich das manchmal das Apokalyptische Spießertum. Die Untergangs-Komfortabilität. Man richtet sich bequem im Keller der Zukunftslosigkeit ein. Schaut ein paar Zombiefilme. Und hat es immer schon gewusst.
Ich habe diesen Untergangs-Genuss in meiner Boomer-Jugend in den 80ern selbst genossen. Als in Deutschland die Nachrüstungsdebatte tobte, die Atomkraftwerke noch tödliche Strahlung aussandten (wie sehr haben wir triumphiert, als wir 1986 Recht bekamen: Tschernobyl!). Als in den Flüssen noch Schaumberge schwammen, in der damaligen ENDZEIT, war alles sehr intensiv. Die Punks kamen mit ihrer „No Future“ Parole gut an. Umso mehr musste – oder konnte – ich mich dann wundern, dass die Welt im Kalten Krieg nicht unter-, sondern in eine ganz andere Richtung ging.
In eine erstaunliche Richtung.
Das war damals etwas anderes, sagen meine Doomsday-Freunde.
DIESMAL wird es klappen!
Diesmal fährt die Welt tatsächlich gegen die Wand.
Diesmal ist tatsächlich alles zu spät!
Endgültig.
Wir werden Recht gehabt haben.
Ich fürchte, es geht in Sachen Zukunft längst nicht mehr um „Informationen“. Es geht auch nicht um Wirklichkeit und „Realität“. Es geht um das innere FRAMING. Um die mentalen Fenster, durch die wir in die Welt schauen.
Wir FRAMEN die Welt mit Katastrophen. Und dann sehen wir durch diesen Tunnel in die Zukunft. Und was sehen wir: noch mehr Katastrophen. Größere Katastrophen. Das ist die „Availability-Bias”: die Verfügbarkeits-Verzerrung. Wir glauben an die Plausibilität dessen, was als „drastisches Bild“ am schnellsten verfügbar ist. Immer weiter gesteigerte Katastrophen, bis auch der Himalaya überschwemmt wird (mit diesem Trick ist Roland Emmerich ein Regisseur-Star geworden).
Der Begriff „Availability Bias” geht auf die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahnemann zurück, die ihn 1973 prägten. In ihrer Arbeit zeigten sie damals, dass Menschen dazu neigen, die Eintrittswahrscheinlichkeiten eines Szenarios zu überschätzen, wenn sie sich dieses leicht vorstellen oder sich daran erinnern konnten.
Nehmen wir das Wetter. Auch früher gab es Hitzeperioden. Man schwitzte, und in den Krankenhäusern oder Altersheimen starben alte Menschen. Das war aber keine Tagesschau-Meldung. Bereits in meiner Kindheit kam es zu „Sintfluten“: Im Süden Europas und wurden Dörfer, Städte, Straßen überschwemmt, Keller liefen voll, Autos trieben durch die Straßen. Im amerikanischen Westen tobten Tornados. Nur waren damals noch nicht so viele Kameras aufgestellt, die das „Wetter“ filmten. Und Kommentatoren zur Stelle, die das Ganze als ZEICHEN DES KOMMENDEN interpretierten. In den Nachrichten kam so etwas höchstens unter „weitere Ereignisse“ vor.
Jetzt sind in München 36 Grad, und die Medien überschlagen sich mit TÖDLICHE-HITZE-Schlagzeilen. Und Tipps, wie man die „Höllenhitze“ überleben kann.
„Gewitterfront zieht über die Schweiz – 90 000 Blitze bis zum frühen Morgen.“
Hätte irgendjemand vor zehn, zwanzig, hundert Jahren Blitze gezählt? Und aus einer Gewitterfront eine Titelseite gemacht?
Der KONTEXT von Wetter ist jetzt die „Klimakatastrophe“. Und das codiert ein solches Ereignis völlig anders: Gewitter ist gleich Anzeichen des kommenden Untergangs. Aha. Auf diese Weise begeben wir uns wieder in einen inneren Harmoniezustand. Wir wissen Bescheid!
Vor acht Jahren war es in der Stadt, in der ich lebe, volle zwei Wochen lang über 40 Grad heiß. Damals war die Klimakatastrophe noch ein Minderheitenthema. Es war die Zeit der „Flüchtlingskrise“. Die „Wahrheit“ über die Hitze war, dass sie „importiert“ war. Es war „drückende Hitze aus Afrika“.
Vor 20 Jahren, 2003, wurde ich in meiner Ferienwohnung in einem mitteleuropäischen Waldgebiet Opfer einer fürchterlichen Flutkatastrophe, die tausende von Menschen obdachlos machte und auch Todesopfer forderte. Es war in der Tat ein apokalyptisches Ereignis, von dem ich heute noch manchmal Albträume habe. Bei Recherchen kam ich darauf, dass die Hochwasser in dieser Region im 19. und frühen 20. Jahrhundert noch höher gewesen waren. Damals waren die Regionen aber noch viel weniger besiedelt, es gab keine Ferienwohnungen, und kaum Straßen. Wenn jemand ertrank, wusste das so gut wie niemand.
Im 12. Jahrhundert erfasste eine riesige Flut, die „Grote Mandränke“, das damals noch viel größere Schleswig-Holstein und schlug die Westküste in Stücke. Ungefähr 50.000 Menschen starben. So entstand die nordfriesische Insellandschaft, unter anderem die Reichen-Insel Sylt, auf der heute „schon wieder“ die Steilküste abbröckelt.
Damit will ich nicht den menschengemachten Klimawandel verharmlosen oder leugnen. Im Gegenteil. Es geht mir darum, wie unser MIND alles in eine Art katastrophische Bedeutung codiert. Und daraus eine Sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung entsteht, die unsere Doom-Spirale unentwegt antreibt.
Meine Vermutung ist, dass wir uns durch die ständige Untergangs-Übertreibung vor der Kontingenz der Welt, ihrer chaotischen Unberechenbarkeit schützen wollen. Wir erreichen nie ganz die Ziele, die wir im Leben erwarten. Ständig können uns schreckliche Dinge ereilen. Wir können krank werden. Verlassen werden. Sterben. Das Risiko dafür ist ziemlich hoch, nämlich 100 Prozent. Das Apokalyptische bringt wieder Ordnung in diese Hilflosigkeit. Ordnet alles in einen Gesamtzusammenhang.
„Die Natur rächt sich an uns!“ ist ein Standardsatz meiner apokalyptischen Freunde.
Strafe muss sein.
Weltuntergangsdrohungen führen jedoch, das sehen wir immer wieder, nicht zu Wandel. Sondern zu einer „pessimistischen Genugtuung“. In der wir steckenbleiben wie in einem zähen Morast.
Die Hysterese
Hysterese, auch Hysteresis („Nachwirkung“; griech. hysteros (ὕστερος) „hinterher, später“), ist eine Wirkung, die verzögert gegenüber einer Änderung der Ursache auftritt. Der Begriff bezieht sich zunächst auf technische Steuerungs-Systeme. Etwa auf Thermostatsteuerungen einer Heizung. Die Temperaturen der Wohnung laufen den Sollwerten der Heizung immer hinterher. Daraus kann eine Interferenz entstehen, die das System in eine bestimmte Richtung „aufschaukelt“.
In der Systemsprache formuliert, handelt es sich bei Hysterese um ein Verhalten der Pfadabhängigkeit. Das System kann bei gleicher Eingangsgröße einen von mehreren möglichen Zuständen einnehmen. Auf die Gesellschaft übertragen heißt das: Erschütterungen, Krisen, Schocks können langfristige Nachwirkungen haben, die sich in einer Eigendynamik verselbstständigen.
Warum funktioniert NACH Corona irgendwie alles nicht mehr so wie im „Alten Normal“? Die Handwerker kommen nicht mehr. Ständig geht irgendwas kaputt. Daten auf Handys verschwinden. Man vergisst dauernd etwas. Verspätungen türmen sich. Leute sind nicht mehr zu erreichen. In Behörden und Krankenhäusern herrscht andauernder Nervenzusammenbruch. Flugzeuge bleiben auf dem Vorfeld stehen, Züge auf offener Strecke. Irgendwie ist „der Wurm drin“, in allen früheren Routinen und Selbstverständlichkeiten.
Es liegt womöglich daran, dass wir in eine gesellschaftliche Hysterese geraten sind.
Corona hat uns „traumatisiert“, weil das Virus uns drastisch darauf hingewiesen hat, dass die Welt unsicher ist. Diese Erfahrung übertragen wir – unbewusst – auf die Wirklichkeit. Wir über-reagieren in vielen Situationen. Wir agieren mit erhöhter Gefahren-Reaktanz. Wenn irgendetwas nicht klappt, geraten wir in einen Panik-Schwurbel. Dadurch schaukeln sich kleine Unwuchten, Fehler, die früher leicht kompensiert werden konnten, immer weiter auf.
Der Passagier drückt die Notbremse, wenn das Klo verstopft ist.
Flugreisende kommen 4 Stunden früher zum Flughafen, falls etwas beim Gepäckband schiefgeht, und verstopfen die Gänge.
Viele Leute sind ständig wütend und verhalten sich eskalierend.
Wenn Menschen verunsichert sind, übertreiben sie ihre Reaktionen auf Störungen. Es reicht, wenn nur einige ausrasten, um laufende Systeme zu chaotisieren. Das gilt für den Zugverkehr, das Gesundheitswesen, den Straßenverkehr, die Demokratie. Unwuchten schaukeln sich hoch, wenn wir uns nicht mehr beruhigen können.
Das nennt sich chaotische Selbstverstärkung.
Gesellschaften können in eine lang andauernde Hysterese fallen. Das begründet zum Beispiel die Zähigkeit totalitärer Diktaturen. Der Korea-Krieg vor 70 Jahren führte in Nordkorea zu einer hermetischen, totalitären Gesellschaft, die aus den Traumata eines brutalen Krieges entstand. Das Trauma führte zu einer „hysteresen Evolution“, aus der es kein Entrinnen mehr zu geben scheint.
Ähnlich kann man die Entwicklungen in Russland verstehen: Eine Gesellschaft, die IMMER an ihren Revolten scheiterte, IMMER vom nächsten Despoten tyrannisiert wurde, kaum eine starke Zivilgesellschaft bilden konnte, entwickelt als Grundzustand die lügende Paranoia. Und Paranoia ist ein sich-selbst-erzeugendes System.
Wenn man Krieg führt, bestätigt man damit die Grundannahme, dass überall nur böse Feinde lauern.
Man PRODUZIERT Feinde.
Diese werden sich in Selbstdefinition wieder als Opfer einspeisen…
Und so weiter.
Doom-Loop auch hier.
Lob der Enttäuschung
„Was wir sehen“, sagt der US-Autor Musa Al-Gharbi in seinem Buch We have never been woke, „ist ein sich selbst verstärkender negativer Zirkel. Ein DOOM LOOP, in dem Zynismus und Verzweiflung oft Nihilismus entstehen lassen, und Menschen kosmetisch-radikale Positionen einnehmen, weil sie im Grunde NICHTS mehr tun. Zynismus erodiert jene Arten von Verhalten, die öffentliches Vertrauen wachsen lassen, was wiederum unsere Kapazität unterminiert, tatsächlich Wandel zu erreichen. Wenn wir alle Probleme der Welt lösen wollen, überfordern wir uns ständig, und wir lösen kein einziges mehr.“
Wie entkommen wir dieser Negativ-Spirale, die uns in die Hysterese treibt?
Ich schlage vor, dass wir uns bewusst ENTTÄUSCHEN lassen.
Das klingt paradox. Ist Enttäuschung nicht etwas Negatives?
Vielleicht nicht. Der Untergangs-Glaube hängt ja vor allem damit zusammen, dass wir GEWOHNTE ANSPRÜCHE nicht loslassen können.
Wir wollen, dass alles immer so weitergeht.
Ohne Störungen.
Ganz perfekt.
Ich mache die Erfahrung, dass ein verblüffender Effekt entsteht, wenn ich etwas LOSlasse, auf das ich mich früher schrecklich angewiesen fühlte. Wenn ich weniger Fleisch esse, schmeckt das Fleisch besser. Oder das Gemüse wird plötzlich lecker. Man überlebt den Verlust, und STAUNT. Verzicht kann einen Möglichkeitsraum eröffnen. Und uns von Illusionen befreien, an denen wir festklammerten.
Wer es wirklich schafft, mit dem Rauchen aufzuhören, kennt das.
Wer wieder lernt, an die Zukunft zu glauben, auch.
Tara Isabella Burton schreibt im ATLANTIC: Eine Möglichkeit, aus dem „Doom Circle“ herauszukommen ist, sich wieder auf „Das Berühren des Grases“ zu beziehen („touching grass“). Das heißt, sich wirklich mit der Wirklichkeit, dem KONKRETEN statt dem Symbolischen zu beschäftigen. In kleineren Gruppen, die sich etwas vornehmen, was die Welt wirklich verändern kann, im Kleinen, aber Wahren. Solche impersonalisierte Arbeit kann uns helfen, unsere kollektiven Enttäuschungen in Zu-versichten zu verwandeln. Und uns daran erinnern, dass unsere heutigen Enttäuschungen untrennbar sind vom Glauben an eine bessere Welt, die wir uns selbst schulden – und einander.
Wenn man im Großen und Ganzen nicht mehr weiterkommt, hilft es, im Kleinen das Große zu finden.
Dort Verantwortung zu übernehmen, wo man kann.
Die Grundenergie der Zukunft ist die Zuversicht. Der Glaube daran, dass auch wenn etwas schlecht wird, es (wieder) besser werden kann. Diese Energie schulden wir unseren Kindern, der Welt. Aber auch uns selbst.
Die Welt wird wieder frisch, wenn wir sie mit neuen Augen sehen. Von vorn, von der wahrhaftigen Zukunft aus. Dann trollt sich das Doom-Gespenst in die Weiten des Universums. www.theatlantic.com
Ich habe eine Vision. Die Hoffnung einer kooperativen Demokratie.
Jedes Mal, wenn ich die aktuellen Politik-Debatten in den Medien verfolge – etwa Talkshows über Krieg, Klimawandel, Inflation, Bahnversagen, Verarmung, Teuerung, Hausbaukrise und jetzt eben Heizungshammer Wärmepumpe – Habeck versagt –, befällt mich ein merkwürdiges Gruseln.
Eine seelische Übelkeit.
Ich schaffe es dann trotzdem selten, abzuschalten. Irgendwie klebe ich am Bildschirm fest und lasse mich hineinziehen in diesen Sumpf der Klage, Gegenklage und Bezichtigung, angeleitet von ModeratorInnen, die im polemisierenden Verhörstil versuchen, möglichst viel Zunder aus der Debatte zu ziehen.
Nur einmal, ganz kurz, hat Sandra Maischberger dieses dunkle Spiel unterbrochen. Sie bat zwei Politiker aus „konträren Lagern“ am Anfang eines Gesprächs etwas Positives übereinander zu sagen.
Plötzlich lang ein ganz anderer Ton in der Luft.
DARF man Politiker gut finden?
Ich habe ein merkwürdiges Handicap in meiner politischen Wahrnehmung. Ich nenne es die Wohlwollens-Krankheit. Ich finde vieles, was Politiker in den öffentlichen Debatten sagen, ziemlich gut und richtig. Und zwar weitgehend unabhängig vom politischen „Lager“.
Kennen Sie das Gefühl, dass in einer Debatte eigentlich ALLE recht haben? Dass jeder Standpunkt bestimmte Facetten einer Realität abbildet, die man aber nur ALS GANZES verstehen kann?
Ich finde auch die Parteien gut (bis auf eine). Ich finde die Liberalen gut, weil sie sich um die Freiheit und Innovation kümmern. Ich finde die Grünen gut, weil sie sich ernsthaft um das große Zukunfts-Thema unserer Zeit kümmern, die ökologische Transformation. Ich finde die Konservativen gut, weil sie (meistens) auf Ausgleich und Vernunft setzen und in der Idee der Bewahrung verankert sind. Ich finde sogar die Linke gut, ich habe zumindest Empathie dafür, wie sie an ihrem hohen Moralismus sichtbar leiden.
Ich weiß nur nicht, warum das alles immer GEGENEINANDER stehen muss.
Manchmal denke ich mir still und heimlich: Könnten sich nicht die vernünftigen PolitikerInnen ALLER Parteien zusammentun und eine Partei der Lösung gründen? (Ich hätte sogar schon eine Kabinettsliste).
Eine rotschwarzgelbgrüne Koalition.
Sagen wir: die GP, die GUTE PARTEI.
Oder die KP. Die KONSTRUKTIVE PARTEI.
Sorry, das war ein kleiner Scherz. Ich höre schon die strengen Kritiker mit dem gereckten Zeigefinger: Aha, Sie wollen eine Einheitspartei! Sie haben offenbar das Wesen der Demokratie nicht verstanden! In einer Demokratie muss es krachen! Das ist das Wesen der Demokratie! Daraus entwickeln sich die besseren Möglichkeiten!
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das in einer hypermedialen Erregungs- und Aufmerksamkeits-Gesellschaft noch so stimmt.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass der EMPÖRISMUS – die jederzeitige Bereitschaft, sich aufzuregen, den anderen zu bezichtigen, den Skandal für die Wirklichkeit zu halten, mit Meinungen die Welt zu vernageln – uns auf einen gefährlichen Pfad führt:
In eine Hysterisierung der Öffentlichkeit, in der es nur noch um Ängste, Panik und Paranoia statt um Wege nach vorne geht.
In eine Infantilisierung des politischen Diskurses, die in Richtung auf eine Tribalisierung der Politik führt.
In eine düstere Negativität, in der kein Problem mehr als lösbar erscheint.
Jenseits von Lechts und Rinks
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, die in mancher Weise polarisierter war als heute. Damals bildete die Zuordnung zu den „Lagern“ von LINKS und RECHTS eine verlässliche Grundachse. Links war Freiheit, Jungsein, Toleranz, Progressivität, Demokratie, Veränderung. Rechts stand für Vergangenheit, Autoritarismus, dumpfes Denken. Inzwischen ist die Linksrechts-Achse so verschwurbelt, dass sie nicht mehr zur Orientierung taugt.
Konservative werden plötzlich infantil rebellisch. Linke Moralisten klingen wie autoritäre Priester. Rechte Parteien, die eigentlich die Diktatur wollen, marschieren mit Rebellions-Rhetorik auf. Sarah Wagenknecht spaltet die Linke mit rechtsemotionalen Parolen. Faschisten propagieren den fürsorglichen Sozialstaat. Der französische Politologe Philippe Corcuff nennt das Phänomen den „Konfusionismus“. Es gibt monströse Entwicklungen wie den libertären Autoritarismus (Elon Musk). Auch kommunistischer Kapitalismus (China) ist heute im Angebot.
Verbreitete Gründe für falsche Entscheidungen:
Annahmen, die auf zu engen Umfrage-Samples basieren.
Der Wille, dass die Welt so funktionieren soll, wie WIR es uns wünschen.
Konformität in Bezug auf Erwartungen/Autoritäten/Gruppen („group think“).
Um wieder ins Zukünftige zu kommen, brauchen wir ein konstruktives Denken (Fühlen) jenseits der alten Lager-Polaritäten. Ein Denken, das in Zusammenhängen statt Spaltungen funktioniert. In Verbindungen statt Identitäten. Sich an plausiblen Zukünften orientiert und VON DORT AUS Entscheidungen trifft, anstatt sich in erregten Gegenwarten zu verlieren.
Beispiel: Wie sieht eine Welt ohne Kohlenwasserstoffe aus, und wie kommen wir da hin? Was ist noch nötig? Was können wir verbessern? Was haben wir schon geschafft? (Anerkennung der Erfolge ist unglaublich wichtig; in den Medien lesen wir fast nur das Gegenteil; das Versagen, die Katastrophe). Was können WIR als Individuen, Organisationen, Unternehmen, Gruppen, dazu beitragen?
Nicht: Wer ist schuld, dass es so langsam vorangeht, und wer muss jetzt dringend mal niedergemacht werden … (es geht übrigens viel schneller voran als wir denken).
Zu einer solchen Zukunfts-Haltung gehört die Fähigkeit, liebevoll mit Komplexität umzugehen. In komplexen Gesellschaften gibt es „Wicked Problems“, die schwierig zu lösen sind. Zum Beispiel kann man nicht die Probleme im Gesundheitswesen einfach mit Forderungen „lösen“. Das Gesundheitssystem ist ein unfassbar komplexes System, mit unfassbar vielen kontroversen Interessen und inneren Paradoxien. Aber das heißt nicht, dass man es nicht VERBESSERN kann – in der Anerkennung der Schwierigkeit, dies zu tun.
Denken in Zusammenhängen kann man lernen. Wie sagte Robert Habeck einmal so schön? „Es könnte sein, dass auch der andere recht hat.“ Und der amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald („Der große Gatsby“) formulierte: „Die wahre Prüfung einer erstklassigen Intelligenz ist die Fähigkeit zwei gegensätzliche Ideen im Kopf zu behalten und weiter zu funktionieren.“
Kooperative Demokratie als Praxis
Es lohnt sich, kooperativen Demokratien bei der Arbeit zuzuschauen. Denn sie sind nicht nur Wolkenkuckucksheime. Es GIBT sie tatsächlich.
In Irland regiert seit einigen Jahren eine progressiv-grün-konservativ-liberale Koalition. Ein offen schwuler Politiker mit Migrationshintergrund und ein eher konservativer Premier wechseln sich im obersten Staatsamt ab. Es erweist sich, dass Konservativismus, Ökologie und Liberalität in der politischen Wirklichkeit gut zusammenpassen. Das Land atmet eine zukunftsgewandte Leichtigkeit, ohne dabei in Übertreibungen und Hysterie zu verfallen.
Die Schweiz praktiziert seit mehr als 100 Jahren eine ALLES-Koalition – jede gewählte Partei entsendet Vertreter in die Regierung, das nennt sich „Konkordanz“. Die Regierung selbst ist eher ein Moderationsgremium als eine „Führungsmacht“. Ergänzend lässt eine lange geübte Basis-Demokratie die Bürger über zentrale gesellschaftliche Themen außerhalb von Parteigrenzen abstimmen.
In der Schweiz gibt es eine erfolgreiche GRÜNLIBERALE Partei. Welchen Blödsinn könnte uns eine solche Partei ersparen!
Man kann von der Schweiz halten, was man will (etwa von der Tendenz, fröhlich weiter als planetares Gelddepot zu funktionieren und auf „Europa“ herabzuschauen). Aber die Schweiz hat ein System der Selbststabilisierung des Demokratischen geschaffen, das so leicht nicht aus der Balance zu bringen ist. Auch von hauseigenen Populisten nicht.
In Dänemark hat sich nach vielen Polarisierungs-Tendenzen eine neue „Politik der dynamischen Mitte“ etabliert. Die Sozialdemokratie unter der Führung von Mette Frederiksen hat gelernt, sich den „Wicked Problems“ aktiv zu stellen. Und betreibt eine lagerübergreifende Reformpolitik (siehe die wunderbare Politik-Serie BORGEN, die die Vorgeschichte nachzeichnet).
Kein Mensch käme auf die Idee, über Wärmepumpen einen Kulturkampf anzuzetteln. Wärmepumpen sind in Dänemark ganz normal.
Der Gestaltungs-Zauber
Nennen wir es Neo-Politik: Eine Politik, die pragmatisch versucht, das ZUSAMMENSPIEL zwischen Staat, Gesellschaft, Institutionen, Bürgern, Wirtschaft zu verbessern. Auf regionalen, lokalen Ebenen funktioniert konstruktive Politik auch heute schon oft recht gut: Städte, Gemeinden, Dörfer, können regelrecht aufblühen, wenn sich die örtliche Politik statt Konflikte auszutragen in SYNERGIEN organisiert. Dann entsteht das, was der Philosoph Wilhelm Schmid den Anfänglichen Geist nannte („Was uns beflügelt“, ZEIT vom 1. Juni 23):
Es gibt offenbar zwei Arten von Geist. Der gute, anfängliche Geist ist naiv im besten Sinne. Er kommt ohne viele Worte aus. Menschen spüren ihn und sind begeistert. Alles passt, es könnte so bleiben. Dann kommt der ungute spätere Geist, der hin und her geht, also „diskurriert“ und dabei viele Worte macht. Er ist ein mürrischer Geselle. Er entzweit Menschen, denn er stößt sie darauf, dass sie nicht einer Meinung sind. Das begeistert nicht viele.
Überall in Europa – und darüber hinaus – suchen Demokratien wieder nach dem „anfänglichen Geist“. Neue gesellschaftliche Bündnisse entstehen (siehe Polen, Georgien, sogar die Türkei). Parteien lösen sich von den alten Dogmen, neue Bewegungs-Parteien entstehen (in Thailand etwa „Move Forward“). Zur Neo-Politik gehören auch innovative Formen der Bürgerbeteiligung, Experimente mit Konventen, „Assemblages“ oder geführte Zukunftsdebatten, in denen nicht immer nur die Schreihälse zu Wort kommen. Kleinere Gesellschaften wie Island, Irland, Portugal, aber auch Kolumbien haben damit gute Erfahrungen gemacht. Auch in Deutschland gibt es solche Projekte. Wir nehmen es nur (noch) nicht wirklich wahr. Wir würdigen es nicht.
Wenn wir die Demokratie nicht schlüsselfertig an die Despoten abgeben wollen, müssen wir uns in den Soziotechniken und MINDSETS des Politischen etwas einfallen lassen.
Sonst können wir die Regierungsgeschäfte gleich einer KI überlassen. Die gehört dann Elon Musk, und weiß sowieso alles besser.
Jeder Trend erzeugt irgendwann auch einen Gegentrend. Auch der Trend zu Populismus und Autokratie. Ich kenne immer mehr Menschen, die aus dem medialen Meinungszirkus aussteigen. Die sich für die Zukunft engagieren, indem sie Verbündete statt Gegner suchen. Die vom MEINEN ins TUN kommen. Ins Zukunft-Sein.
Zukunft hat auch etwas mit Glauben zu tun. Zum Beispiel mit Glauben an die Evolution der Demokratie.
Friedrich Merz hat sich auf dem Zukunftskongress der CDU am 27. April zu einer Haltung des Zukunfts-Konstruktivismus bekannt. Ein Denken und Handeln in Möglichkeiten. Er hat vor der sich-selbst-erfüllenden Prophezeiung des Pessimismus gewarnt und einen Perspektivenwechsel eingefordert. Wenn man die ökologische Debatte als reine Verzichts-, Verbots- und Verlust-Debatte führt, so Merz, kommt man nicht weiter. In der Klimadebatte geht es darum, die POTENTIALE der Energiewende neu zu bewerten. Die bereits errungenen Erfolge zu würdigen, wahr-zunehmen und zu verstärken. Ökologie und Ökonomie endlich zu vereinen. Von den Lösungen her zu denken anstatt nur über Probleme zu lamentieren.
Das finde ich wunderbar. Ich freue mich sehr über die Resonanz und das Zitieren.
Ausschnitt aus der Rede von Friedrich Merz am CDU-Zukunftskongress, 27. April 2023, Berlin
Quelle: youtube.com
Das fossile Denken (und Fühlen)
Warum tun wir uns, als Individuen und Gesellschaft, so schwer, uns gemeinsam in eine Richtung zu bewegen, über die wir uns im Grunde einig sind? Also in Richtung einer dekarbonisierten, vom Fluch der Kohlenwasserstoffe befreiten Wirtschaft und Gesellschaft?
Vielleicht ist das wirklich eine Identitätsfrage.
Wir alle sind Kinder des BIG BOOM, des gewaltigen Wohlstandsaufstiegs, der mit dem Ende des letzten großen Krieges einsetzte. Das „fossile System“, die Logik der Verbrennung und Extrahierung und Vernichtung von Rohstoffen, hat unsere inneren Selbstbilder, unseren Freiheitshorizont, ja unsere IDENTITÄTEN geprägt. Wer mit dem Aufstieg des Verbrennungs-Automobils in den 60er Jahren groß geworden ist, dessen inneres Sein ist sozusagen mit dem Benzin (oder Diesel) verheiratet. Autos sind so etwas wie Weltbewältigungs-Maschinen. Sie sind mit Gefühlen von Kontrolle, Freiheit, Status, Selbstwert, Komfort und (vor allem bei Männern) Machtgewinn verbunden. Autos müssen dröhnen, zittern, röhren, jedenfalls bei den Jüngeren. Und sie müssen jedes Jahr, oder alle zwei Jahre, mehr PS, mehr Komfort, mehr WUMMS auf die Räder bringen. Das kann Lebenssinn erzeugen. Und eine große Frustration, wenn es irgendwann als Lebenssinn nicht mehr funktioniert.
Wer seit seiner frühen Jugend den Geschmack von viel Schweinefleisch als Geborgenheit und Sättigung erlebt hat, als körperliche Beruhigung im Chaos der Welt, der wird dauerhaft an Gewicht zulegen. Und er wird dieses Sättigungs-Gefühl, diese segensreiche Tröstung, verteidigen. Gegen all die unheimlichen dünnen, nervösen unheimlichen VeganerInnen aus den Großstädten. Und gegen die fade Ersatzwurst, die die „Ökos“ zu sich nehmen.
So ist aus der Klimafrage eine Art Identitarismus geworden, der von beiden Seiten auf einer hochsymbolischen Ebene geführt wird. Wir erschöpfen uns in Kulturkämpfen um Wurstessen, Recht auf Schnitzel und die Freiheit, dumme Männerwitze zu machen. Dagegen rennt ein Hypermoralismus des Ökologischen an, der uns auch nicht weiterbringt. Eins schaukelt das andere hoch. Aus dieser Negativ-Spirale herauszukommen wäre eine Befreiung der Zukunft vom Joch der Hoffnungslosigkeit.
Dazu wäre die Vor-Stellung hilfreich, dass es jenseits des Verbrennungsprinzips einen anderen, eben einen BESSEREN Wohlstand geben kann als den fossilen, überhitzten. Einen Fortschritt, der nicht nur unsere Energieformen, sondern auch das Zusammenleben, die Kommunikations-formen, Zeit-Ökonomien und Gesundheits-Potentiale betrifft. Diese Vision einer postfossilen Gesellschaft ist viel weiterverbreitet als wir glauben. Und zwar quer zu allen politischen Lagern, in so gut wie allen Milieus.
Es ist verständlich, dass Menschen, die ihre Lage als unsicher empfinden, weil sie in eine vergifteten oder im Niedergang befindlichen Welt zu leben glauben oder einfach das Gefühl haben, ihre Autonomie und Souveränität zu verlieren, die Forderung erheben, die Kontrolle über ihre Umwelt zurückzugewinnen.
Der französische Soziologe Gérald Bronner
Allerdings gibt es ein kleines – sorry – Problem in der Praxis. Die CDU – jedenfalls viele ihrer Mitglieder in Ländern, Gemeinden, Medien – handeln häufig in die entgegengesetzte Richtung. Immer wenn sich Lösungen in Richtung Dekarbonisierung, abzeichnen, wird eine irrwitziger polemischer Aufwand getrieben, um genau das zu verhindern.
Branchen, die sich ökonomisch bewährt haben wie Kohle, Luftfahrt, Automobil – werden in einer bestimmten Weise fetischisiert. Es ist so gut wie unmöglich, in Deutschland eine ernsthafte Mobilitätsdebatte zu führen, ohne in bizarr unproduktive Verbotsdebatten zu geraten.
Man betreibt einen aggressiven Feindbildaufbau gegen als „Kulturgegner“ markierte Personen. Robert Habeck, der marktwirtschaftlichste Grüne, wurde immer weiter in eine marktfeindliche Ecke geschoben, in die er wahrhaftig nicht hingehört (während die CDU gleichzeitig in mehr und mehr Bundesländern mit den Grünen koaliert).
Dazu kommt ein Ausspielen der sozialen gegen die ökologische Frage. Das „Mitnehmen“ der „Kleinen Leute“ bedeutet in den meisten Fällen: Was nicht sofort superbillig ist, wird als sozialer Skandal gebrandmarkt. An anderer Stelle wissen Konservative sehr genau, dass Preise schnell fallen, wenn die Nachfrage steigt und die Wirtschaft reagiert.
Und schließlich ist da die Polemisierung von Lebensstil-Veränderungen als hysterisierte Gefahr. Beispielhaft Markus Söders (nicht direkt CDU, aber eben doch) Geschichte von den grünen Insektenburgern, die „die Leute demnächst alle essen müssen“.
Klar, war ja nur ein kleiner Scherz. Aber es wirkt eben sehr ins Destruktive.
Dabei war die CDU schon viel weiter. In den 90er Jahren stellte sie die ersten aktiven Umweltminister, nach vielen Debatten unterstützten sie die Schwulenrechte, und die Frauen in der CDU setzten letztlich die Erweiterung der Kinderbetreuung durch. Wo die Konservativen den Weg der politischen Integration gingen, sich gesellschaftlichen Wandlungsprozessen öffneten und sie moderierten, konnten sie Protest in Mäßigung und Verantwortung umformen. In ihren guten Zeiten konnten sie Technikwahn von Technikanwendung unterscheiden und ökonomistischen Exzessen einen zivilgesellschaftlichen Gegenentwurf entgegensetzen.
Wo das nicht gelang, zerfielen sie. Oder wurden vom Populismus zerrieben.
Genuss ist die letzte Instanz
Verwöhntheit der Lebensmodus.
Quengelei ein legitimes Stilmittel.
Wut die latente Drohung.
Bernd Ulrich, die ZEIT, Verschärfte Welt, ZEITmagazin 31/22
Die Ökologie des Wandels
Um in Richtung Zukunft klüger zu werden gilt es, den Unterschied zwischen Optimismus und Zuversicht zu verstehen.
Optimismus kann eine Fassade sein, hinter der sich Wandelfeindlichkeit verbirgt. Optimismus ist eine Form der passiven Erwartung: Alles wird schon gut werden, wenn wir dran glauben.
Zuversicht – oder „Possibilismus“, also das Denken in konstruktiven Möglichkeiten – handelt hingegen von der Gewissheit, dass wir gemeinsame Lösungen finden können. Zuversicht nimmt uns selbst in die Verantwortung. Begleitet uns sozusagen in den Möglichkeitsraum, in dem wir mündig Handelnde werden können.
Das ist, so wie ich es verstanden habe, das Menschenbild der CDU.
In den Lösungen der Zukunft werden immer auch Begrenzungen eine Rolle spielen. Und ja doch, auch Verbote. Zivilisation ist nichts anderes als eine Ordnungs-Entwicklung, die manches ausschließt. In Gesetzen, Regeln und Regulierungen ebenso wie in Marktanregungen. Gerade eine Ordnungspartei wie die CDU sollte das wissen. Und weiß es natürlich auch. Aber vergisst es manchmal gerne.
Auch Verzicht ist im konservativen Weltbild nicht per se etwas Negatives. Exzesse einzudämmen kann zu neuen Freiheiten führen. Ein Verzicht auf das pure MEHR ebnet den Weg zum BESSEREN.
Ich habe eine Ver-mutung (mit Bindestrich geschrieben): Nach einer Zeit der ständigen Polarisierung, die die Demokratie an den Rand ihrer Fähigkeiten gebracht hat, beginnt jetzt eine neue Phase, in der man mit Konstruktivität wieder Mehrheiten gewinnen kann. Viele, sehr viele Menschen haben die Ebene des politischen Streites á la BILD und Anne Will satt. Sie sehnen sich nach einem echten Zukunftsdiskurs, der Win-Win-Prozesse definiert und die fossilen Spaltungen überwindet.
Dazu gehört Jammerverzicht, Kooperationsbereitschaft mit allen gesellschaftlichen Gruppen, und eine zurückhaltende Weisheit. Vielleicht sehnen wir uns deshalb manchmal nach Angela Merkel. Zukunft ist eine Entscheidung. Ich bin dankbar, dass Friedrich Merz das tief und ganz verstanden hat. Und ich wünsche ihm viel Glück und Gelassenheit bei dieser Aufgabe.
“Any intelligent fool can make things bigger, more complicated, and more violent. It takes a touch of genius – and a lot of courage – to move in the opposite direction.” Ernst Friedrich Schumacher, deutsch-amerikanischer Nationalökonom
Wie lässt sich WANDEL modellieren? Basis- Wandlungsprozesse aller Art, ob Börsenkurse, Bevölkerungsverläufe oder Marktprozesse, lassen sich in Kurven ausdrücken. Das wissen wir schon aus der Schule. Aber der Umgang mit Kurven für komplexe ZUKUNFTSMODELLE bringt einige Probleme mit sich. Kurven werden oft unvollständig dargestellt. Man zeigt nur bestimmte Ausschnitte eines Verlaufs, um einen „Trend“ zu beweisen. Oder nur auf einen einzigen Faktor reduzierte Kurven, also aus ihren KONTEXTEN gerissen. Dadurch werden sie auf falsche Weise „linearisiert“.
Einer der klassischen Darstellungs-Fehler ist das, was man EXPONENTIELLE Illusion nennen könnte.
Sigmoid-Kurven haben immer einen sechsstufigen Ablauf:
1. Statik (noch tut sich nichts)
2. Akzeleration
3. Aufstieg (die Kurve geht steil)
4. Abflachung
5. Tipping Point
6. Plateau/Stabilisierung oder Abstieg
In vielen Kurvendarstellungen wird der Verlauf jedoch rechts abgeschnitten. Ganz besonders beliebt ist das bei der Weltbevölkerung, oder dem CO2-Ausstoß. Die Kurven gehen rechts immer steiler nach oben, was in einer Projektion von „Bevölkerungsexplosion“ oder „Klimakatastrophe“ mündet. Auch die Profiterwartungen von Unternehmen werden oft so dargestellt (vor allem von Börsenanalysten). Durch das Abschneiden entsteht der Eindruck, der AUFSTIEG wäre endlos, er würde „immer steiler“. Das soll Angst machen. Oder Investitionen triggern.
Es gilt jedoch immer die erste Grundregel der dynamischen Welt: JEDE KURVE HAT IRGENDWANN EINEN TIPPING POINT!
Kein Prozess kann ewig weitergehen. Exponentialität zerstört das System, das sie hervorbringt. Und jeder Trend erzeugt einen Gegentrend, der ihn irgendwann zum Stillstand oder zum „Kippen“ bringt!
Jemand, der sich besonders intensiv mit der Systemik von Sigmoid-Kurven beschäftigt hat, ist der amerikanische Kinderarzt und Pharmazeut Jonas Salk (1914 – 1995). Salk schenkte der Menschheit Anfang der 50er Jahre das Polio-Vakzin, den Impfstoff gegen die Kinderlähmung. Er entwickelte jenen Totimpfstoff, den die meisten von uns entweder als Doppelritzung der Haut oder später auf einem Zuckerstück bekamen, um gegen eine der schrecklichsten Infektionskrankheiten immun zu werden. 1955 antwortete Salk in einem Interview auf die Frage, wem das Patent gehöre: „Well, the people, I would say. There is no patent. Could you patent the sun?“ („Naja, ich würde sagen, den Menschen. Es gibt kein Patent. Könnte man die Sonne patentieren?“).
Neben seiner Forschertätigkeit war Salk ein universalistischer Humanist. Er beschäftigte sich sein ganzes Leben mit den Geheimnissen des Wandels. Dabei griff er auf philosophische Konzepte wie Tikkun olam zurück. Dieser hebräische Begriff stammt aus der jüdischen Philosophie und heißt „Welt-Reparatur“ oder „Konstruktion für Dauer“. Heute würde man sagen: Nachhaltigkeit.
Ein spezielles Interesse hatte Salk an der Entwicklung der Weltbevölkerung. Er sah bereits in den 50er Jahren hellsichtig voraus, dass die Weltbevölkerungskurve irgendwann ihren Zenit erreichen würde. Damals schon sanken die Geburtenraten in den Industrieländern, und Salk sah als Immunologe und Kinderarzt den Zusammenhang zwischen Kindersterblichkeit und der Abflachung der Bevölkerungskurve voraus, als noch niemand diese Weitsicht hatte.
Salk nutzte die Sigmoid-Kurve zudem in ihrer erweiterten Bedeutung als Metapher für universelle Veränderungsprozesse, die sowohl in menschlichen Lebenswelten als auch in der Natur als auch in Wirtschaftsprozessen stattfinden. Er sah in der Kurvendynamik universelle Prinzipien am Wirken. Prinzipien, die auch den Anteil der erneuerbaren Energien abbilden können. Oder die Reifung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Oder den Übergang zu einer neuen Epoche.
Krisen sind Übergangsphänomene in dynamischen Kurvensystemen!
Eine seiner Grunderkenntnisse: Eine Sigmoid-Kurve besteht immer aus zwei Teilen. In ihrem aufsteigenden Teil herrschen expansive Erwartungen: Optimismus, Aufbruch, Dynamik. Wenn die Kurve ihre steilste Stelle überschritten hat, an ihrem INFLECTION POINT, dem Punkt der Umkehr, entsteht jedoch eine neue Grundstimmung. Man spürt, dass etwas zu Ende geht. Sich nicht mehr im gewohnten Sinne steigern lässt. Das führt zu einer Phase der Verunsicherung, der Wutbereitschaft, der Konfusion. Trend folgt auf Gegentrend. Paradoxien wuchern. Bedeutungen verschieben sich. „Vergangenheits-Rebellionen“ entstehen (Nostalgie-Schwurbel).
Der eigentliche Epochen-Wandel findet jedoch im Hintergrund statt – in einer zweiten Linie, die den Aufstieg eines neuen Paradigmas abbildet. Dieses Paradigma – oder Supermem – kündigt sich bereits im ALTEN Normal an, bleibt dort aber noch in einer Minderheits-Position. Denken wir an den Aufstieg des Christentums ab dem 4. Jahrhundert. Die Renaissance. Die Aufklärung. Es waren zunächst immer „untergründige Strömungen“, die von Eliten getragen wurden, die einen neuen MINDSET ankündigten.
MEME sind die kulturellen Gegenstücke zu den GENEN. Während Gene das Wachstum von Organismen steuern, bestimmen MEME die Wandlungsprozesse von Kulturen. Es handelt sich um Ideen, Grundsätze, Überzeugungen, Ideologien, NARRATIVE, die sich laufend in komplexen Gesellschaften bilden. Sie „infizieren“ Hirne, springen von Mensch zu Mensch und formen dabei grundsätzliche Modelle der Wirklichkeit. Wenn sich einzelne Meme zu einem SUPERmem zusammenfügen, können sie ganze Gesellschaften oder Epochen prägen.
Die ökologische Wende passt genau in dieses Schema. Noch gelten in unseren mental-sozialen Systemen die Paradigmen des fossilen Industrialismus. Der momentane Streit um die Ökologie bildet den Kampf einer absteigenden Idee gegen eine aufsteigende Idee ab. Die grundlegende Dynamik der neuen Idee (eines so genannten Supermems) wird jedoch zu ihrer Durchsetzung führen. Wobei das alte Supermem nicht völlig verschwindet, aber „überschrieben“ wird.
Sigmoid-Kurven können uns helfen, wenn es darum geht, Epochenwechsel zu verstehen. Sie dienen dazu, Epochen und großflächige Veränderungsdynamiken zu modellieren, soziokulturellen Wandel sichtbar zu machen. Voraussetzung ist, dass wir die systemischen KONTEXTE verstehen, die in kurvilinearen Systemen herrschen. Jede Kurve ist ja nur ein Bild von EFFEKTEN, es geht aber auch darum, die EINWIRKUNGEN zu verstehen. Kurven in ihrer realistischen, systemischen Komplexität einzusetzen, ist ein wichtiges Fundament der systemischen Zukunftsforschung. Und eine ständige Herausforderung, in Zusammenhängen zu denken.
Lesenswert:
Jonas Salk und Jonathan Salk, „A NEW REALITY – Human Evolution for a Sustainable Future“, City Point Press 2018
Erhältlich bei: www.amazon.de
Derzeit werde ich manchmal gefragt, warum die Politik total versagt und die Menschheit offensichtlich mit vollem Tempo in den Untergang rast. Wieso streiten sich die Politiker in nächtlichen Sitzungen anstatt endlich ernsthafte Maßnahmen gegen den Klimatod zu beschließen? Warum lassen sich die Grünen, diese Trottel, immer wieder von der Benzinlobby über den Tisch ziehen? Und bauen jetzt sogar noch Autobahnen!
Ich antworte dann etwas vorsichtig: Vielleicht liegt es ja auch an unserer Wahr-Nehmung. Mit Bindestrich. Dem, was wir für die Wirklichkeit halten.
Wir leben in einer Aufmerksamkeits-Ökonomie. In unserem medialen System, das unentwegt nach unserer Gehirnzeit (unserer Aufmerksamkeitsspanne) verlangt, sind vor allem negative, angstmachende und skandalisierende Impulse gefragt.
In einer Studie der Wissenschaftszeitschrift Nature Human Behaviour wurden 105.000 Schlagzeilen und Subzeilen und 370 Millionen Klicks in Online-Medien untersucht. Die Forscher fanden heraus, dass jedes negative Wort, also alles was mit Katastrophen, Skandalen, Vorwürfen, Streits, die Wahrscheinlichkeit eines Klicks um 2 Prozent erhöht. „Positive Wörter verringern hingegen die Wahrscheinlichkeit, dass die Meldung angeklickt wird, signifikant nach unten“, sagen die Forscher.
Wie heißt das so schön im Englischen? It’s boom time for doom time…
Mir ist auch aufgefallen, dass sich in den Deutungsmedien zunehmend ein aggressiv-zynischer Interview-Stil gegenüber Politikern durchsetzt. Während früher eher ein geradezu unterwürfiger Tonfall herrschte („Wie sehen Sie das denn, Frau Merkel, aha“!), dominiert heute eher ein ruppiger, geradezu unverschämter Ton, der immer auf die gleichen Standardfragen zurückgreift:
„Wie soll denn bitteschön die Verkäuferin beim Aldi damit umgehen?“
„Aber müssen wir nicht Angst haben, dass…“ (Beliebiges bitte einsetzen).
„Ist das nicht alles furchtbar naiv?“
„Aber wo soll denn der ganze Strom für die Energiewende herkommen?“
„Und wer bitteschön, soll denn die ganzen Wärmepumpen bauen?“
Ich nenne das das Unmöglichkeits-Verhör. Der befragte Politiker gerät immer in die Defensive, denn alles, was er antwortet, klingt immer wie eine Legitimation seiner Unfähigkeiten. So dreht sich alles immer im Kreis des Empörungs- und Geht-Nicht-Karussells. Es hat etwas mit Respektlosigkeit zu tun, und das gefährdet auf Dauer die Demokratie. Es öffnet dem Populismus Tür und Tor und zerstört die Sicht auf Lösungen, die meistens auf der Hand liegen.
Derzeit bauen die Wärmepumpen-Produzenten massiv Kapazität aus.
Und nein, wir MÜSSEN nicht immer Angst haben. Wir könnten auch nach sinnvollen Lösungen gemeinsam suchen. Dazu können auch Kompromisse gehören. Auch funktionierende Autobahnen wären nicht schlecht. Denn wenn wir ehrlich sind, werden wir auch weiter Autofahren.
Die Weisheit des Wandels
Ist Ihnen aufgefallen, dass Wandel sich meistens irgendwie rückwärts ereignet? Also nicht durch Vorausschau und Planung, sondern durch nachträgliche Akzeptanz. Nicht auf dem Wege der Prä-Stabilisierung (ein Begriff von Leibniz). Sondern durch RE-Stabilisierung.
Als in den 70er Jahren der Auto-Sicherheitsgurt eingeführt werden sollte, waren die Zeitungen voll von Autofahrer-Wutausbrüchen, die den heutigen shitstorms ähnelten. Die lebensrettende Wirkung des Gurtes wurde von vielen Männern schlichtweg geleugnet. Mein Onkel Karl schaffte sogar aus Protest gegen Freiheitsberaubung sein Auto ab und kam damit als Held des Widerstands in die Zeitung (allerdings kaufte er einen Monat später einen neuen Golf mit Dreipunkt-Sicherheitsgurt).
Als die Grünen in den 80er Jahren ein Gesetz zur Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe vorschlugen, war der (west)deutsche Bundestag ein Tollhaus von höhnisch grölenden Männern. Einige Jahre später war das Gesetz beschlossen. Und fühlte sich ganz richtig an.
Als in den Neunzigern die Debatte über das Rauchverbot in Restaurants aufkam, marschierten die Gastronomen zusammen mit den Zigarettenlobbys auf und polemisierten gegen die genussfeindliche Verbotskultur. Ein paar Jahre später waren alle heilfroh, dass Kinder und Alte in die Restaurants zurückkehrten, die nun nicht mehr nach Teer und Nikotin stanken (einige Kneipen gingen pleite, aber man vermisst sie kaum). Aus einem Meinungsstreit wurde ein Win-Win-Spiel. Die Raucher hatten nun draußen vor der Tür eine Zweitgemeinschaft, wenn es am Tisch zu langweilig wurde.
Als um die Jahrtausendwende zum ersten Mal über die Rechte der Schwulen debattiert wurde, war die Häme enorm. Dass heute in 15 Länder der Erde Homosexuelle heiraten können und es sogar in ganz normalen Reihenhäusern eher normal ist, schwule Freunde und Bekannte zu haben, konnte sich niemand vorstellen.
Als in den 70er Jahren die sozialen Bewegungen aufkamen — Frauenbewegung, Ökologiebewegung, Emanzipationsbewegungen — wurden sie erbittert bekämpft. Später setzten die Konservativen die meisten der Reformgesetze für eine liberale, offene Gesellschaft um.
Ist es nicht erstaunlich, was alles möglich ist, wenn man die Welt von vorne sieht?
Das Prinzip des Wandels ist paradox. Erst scheint alles unmöglich. Später wird es das Neue Normal. Der Streit beleuchtet das Problem, und dadurch werden die Bremsen gelockert, die uns im Alten festhalten. Oft haben wir das Gefühl, wir kämen überhaupt nicht voran. In Wirklichkeit ist alles längst unterwegs. Wir können es nur nicht wahr-nehmen.
Lärm geht dem Wandel voran
Wie das Wandel-Paradox innerlich funktioniert, kann man auch am Beispiel der E-Mobilität verdeutlichen. Als E-Autofahrer habe ich jahrelang die Wut der Fossilfahrer erleben dürfen. Man hat mir sogar schon Öl auf die Autoscheibe geschmiert, und ein tiefgelegter Audi-Fahrer mit vier riesigen Chromauspuffen nannte mich einen „lügenden Umweltverbrecher“.
In der Tat glaubt ein großer Teil der Fossilfahrer, dass E-Autos umweltschädlicher sind als die „richtigen“ Autos. Nach einer aktuellen Studie bemängeln 57 Prozent die Umweltschädlichkeit der Akkus, 49 Prozent deren begrenzte Lebenszeit. 63 Prozent führen als Argumente gegen den Kauf eines E-Autos das zu gering ausgebaute Ladesäulennetz, 66 Prozent die zu geringe Reichweite an. Ein nicht unerheblicher Teil der Männer will heute wieder einen Benziner kaufen. Da weiß man, was man hat.
Wenn man jedoch selbst E-Autos fährt, macht man erstaunliche Erfahrungen. Ich bin noch nie stromlos hängengeblieben, auch im Winter nicht. Ich habe an Berghütten geladen, auf versifften Autobahnraststätten und mit Kabel durch die Fenster von Nachbarn oder Freunden. Heute ist das alles nicht mehr nötig. Elektronen sind im Universum häufiger als Kohlenwasserstoffe. Die Reichweiten steigen stetig, und E-Autos werden immer eleganter. Wenn man einmal eingestiegen ist, möchte man nicht mehr zurück in die alten Rappelkisten. In manchen Städten fahren E-Autos mit mehr als einer halben Million Kilometer auf dem Tacho (ein Alptraum für die Autoindustrie).
Wandel beginnt in der Veränderung der Perspektiven. Während ich in den guten alten Dieselzeiten gerne tausend Kilometer ohne Pause heruntergerissen habe (und dann ziemlich dumm im Kopf war) genieße ich inzwischen das Pause machen. Ich reise mehr als ich rase. Allerdings dauert eine Vollladung heute kaum mehr als 20 Minuten. Das ist schon wieder zu kurz zum Kaffeetrinken.
Weil ich mich jetzt für das Mögliche interessiere (und nicht mehr nur für das, was nicht geht), weiß ich, dass Elektroauto-Technologie sich stetig weiterentwickelt. In den nächsten Jahren kommt eine neue Batteriegeneration auf den Markt, die deutlich weniger seltene Erden braucht. In den USA stehen die ersten Vollrecycling-Anlagen für Lithium-Ionen-Akkus kurz vor der Eröffnung, in Deutschland gibt es Probeläufe. Viele Elektroauto-Firmen dekarbonisieren jetzt auch die Produktion der Fahrzeuge. Und so weiter.
Haben Sie davon gehört?
Wir nehmen wahr, was in unsere Erwartungen passt.
In Norwegen stieg die Prozentzahl der Elektrofahrzeuge bei den Neuwagen in acht Jahren von 20 auf 80 Prozent. Dort hat man ganz andere Diskussionen, nämlich darüber, wie man die Erneuerbaren noch schneller ausbaut. Die normative Kraft des Faktischen. Spätestens wenn mehr als die Hälfte Autofahrer elektrisch unterwegs sind, kommt man sich mit seinem Verbrenner plötzlich ziemlich blöde vor.
Könnte das mit Ölheizungen und vielem anderen Fossilen, was nicht in die Zukunft passt, nicht auch so gehen?
In der Geschichte wie im richtigen Leben gibt es Phasen des Übergangs, in denen das Alte noch nicht aufgehört hat und das Neue noch nicht richtig begonnen hat. Wichtig ist, dass wir in solchen Konfusionsphasen, nicht nur in Richtung der Angst blicken. Sondern auch dem Gelungenen eine Möglichkeit geben.
Deutschland hat trotz einer radikalen Energiekrise im vergangenen Jahr seine CO2-Reduktionen eingehalten. In vielen Medien wird das als eine Art höheres Versagen interpretiert. Es hätte ja noch besser kommen müssen…
Ich nenne das eine Anspruchs-Verblendung.
In den Wüsten der Erde werden derzeit rund 1.000 gigantische Solarkraftwerke gebaut, teilweise mit neuen Speichertechniken. Die Gesamtkapazität liegt bei 500 bis 600 Kernkraftwerken. Haben Sie jemals davon gehört?
In diesem Jahr wurden zwei erstaunliche globale Umwelt-Abkommen abgeschlossen. Das Abkommen über die globalen Meeres-Schutzgebiete. Und das globale Wasserschutz-Abkommen. Interessiert Sie das? Oder sind „sowieso“ der Meinung, dass „Abkommen nichts bringen“?
Ich erinnere nur an das FCKW-Abkommen, das half, das Ozonloch zu schließen. Oder das Walfangverbot, dass dazu führt, dass heute die allermeisten Wal-Arten sich wieder erholen.
In den meisten entwickelten Industrienationen sinken die CO2-Ausstöße. China bringt jedes Jahr so viel Erneuerbare-Energie-Kapazität ans Netz wie ganz Europa und Amerika heute produzieren.
Es ist leicht, auf solche positiven Meldungen mit negativem „Whataboutismus“ zu reagieren („Und was ist mit China = Kohlekraftwerke?!“). Damit steht man immer kritisch da, und das Kritische gilt ja als moralisch gut.
Das Kritische kann aber auch leicht das Reaktionäre werden.
Ein probates Mittel, Wandel nicht wahrzunehmen, ist auf „den Menschen“ zu schimpfen, der eben egoistisch, faul und wandlungsunfähig ist. Aber in dieser negativen Anthropologie steckt auch ein gehöriges Stück Selbstbeweihräucherung.
Eine neue Studie des Umweltministeriums zeigt, dass 86 Prozent in Deutschland einen Lebensstil-Wandel zugunsten der Dekarbonisierung bejahen. In der PACE-Studie sagen zwei Drittel, dass es für eine postfossile Zukunft einen übergreifenden Konsens jenseits der Parteien und Interessensgruppen geben sollten.
Jetzt gibt es eine neue Umfrage, in der „nur die Hälfte” der deutschen Bevölkerung den Klimawandel für ein ernstes Problem hält. Wirklich? Die Hälfte wäre ja auch schon etwas. Und eine alte Erfahrung sagt, dass Meinungen oft so erscheinen, wie man in sie hineinfragt…
In den meisten entwickelten Industrienationen existiert heute die stabile „Ökologische Klasse” (Bruno Latour), die sich aus allen möglichen Schichten und Milieus zusammensetzt. Sie muss noch nicht einmal die absolute Mehrheit ausmachen, um für die Zukunft wirksam zu sein.
Positive Tipping Points
Die „Tipping Points“, die Umkipp-Punkte, die wir im Kontext des Klimawandels so fürchten, gibt es nicht nur in katastrophischer Richtung. In dynamisch-komplexen Systemen kommt es an bestimmten Punkten zu Emergenzen, in denen das System sein Richtung ändert. Dadurch entsteht früher oder später ein „Neues Normal“, eine neue Selbst-Stabilisierung.
In technologischen Innovationsprozessen gilt die Regel der „dynamischen Skalierung“: Wenn eine innovative Technologie etwa 20 Prozent des Gesamtmarktes erreicht hat, entsteht ein Beschleunigungseffekt, der zum Durchbruch führt. Das haben wir beim Internet erlebt, und es wird mit der Dekarbonisierung nicht viel anders sein.
In einem ganzheitlichen Modell der Klimawende hat die Grazer Systemforscherin Ilona Otto ein Diagramm der Tipping Points in Richtung einer dekarbonisierten Welt dargestellt. Wenn bei den erneuerbaren Energien bestimmte Schwellenwerte überschritten werden, im Bildungs- und bei den Wertesystemen sich etwas tut, wenn 25 Prozent der Menschen sich aktiv für die Klimawende engagieren, mehr Menschen in dekarbonisierten Umwelten (etwa grünen Städten) leben, wenn Finanzmärkte durch ökonomische Inputs reagieren, kommt es zu einer sich-selbst-verstärkenden Konvergenz. Dann „kippt“ das System vom fossilen Prinzip in eine post-fossile Dynamik.
Ein solches Modell stellt die Herausforderungen der Zukunft nicht als Unmöglichkeiten dar, sondern als Potentiale. Es ist wie ein Win-Win-Spiel, das wir mitspielen können. Statt uns in die Defizite zu verrennen, können wir Stück für Stück die Wirklichkeit verbessern. Wir alle, als Individuen, Familien, Gruppen, Gesellschaften, sind Wirkende in diesem neuen Kontext.
Zukunft ist eine Erfahrung, für die man sich entscheidet.
PS: Hier noch ein Stück aktueller SPIEGEL-Immerschlimmerismus-Prosa: Es ist eine harte Zeit für die Deutschen, und vielleicht haben auch Sie das Gefühl, in einen perfekten Sturm geraten zu sein: Die Inflation frisst das Geld auf, nach jedem Einkauf schaut man kopfschüttelnd auf den Kassenzettel, die Folgen von Putins Krieg kosten auch dieses Land Unsummen, und jetzt will die Regierung auch noch das Land klimafreundlich umbauen. Nur wer soll das alles bezahlen? Vor allem das Aus für Gas- und Ölheizungen wird unfassbar teuer werden, für Häuschen-Besitzer und Mieter. Noch nie wurde so erbittert über Wärmepumpen, Pelletheizungen oder Wasserstoff geredet und gestritten, auch in den Marathon-Sitzungen des Koalitionsausschusses jetzt. SPD und FDP fürchten offenkundig die Wut der Wählerinnen und Wähler, die Grünen dachten vor allem ans Klima. Heraus kam ein Kompromiss, der wohl niemanden glücklich macht, vor allem da eine neue Umfrage zeigt, dass ungefähr die Hälfte der Deutschen Klimapolitik nicht für besonders wichtig hält. Die neue SPIEGEL-Titelgeschichte beschreibt, wie es zum Showdown in Berlin kam – und was das jetzt für uns alle bedeutet.
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass man sich eigentlich nur noch die Kugel geben kann. Oder das Magazin abbestellen. Und hinausgehen in die Welt, um neue Erfahrungen zu machen, die einen ver-wandeln.
Die Digitalität bietet keinen Kritiküberschuss wie die Buchdruckgesellschaft, sondern einen Kontrollüberschuss.
Dirk Baecker
When information is cheap, context is more valuable than ever.
WIRED
1. Das Gespenst
Was glauben Sie? Werden die neuen Künstlichen-Intelligenz-Systeme die Welt zerstören? Oder die Menschheit retten?
Allein der Entweder-oder-Charakter dieser Frage weist darauf hin, dass etwas nicht stimmt. Nämlich unser Verständnis dessen, worum es eigentlich geht.
„Künstliche Intelligenz“ ist ein Begriff, über den man eigentlich nicht sprechen kann. Denn es handelt sich um einen Mythos. Ein Gespenst. In seinem Inneren wohnt ein Paradox; das, was der Systemforscher Niklas Luhmann einen „Kategorienirrtum“ nennt.
Menschen nehmen die Welt mit Sinnen und Körper wahr. Sie bilden Modelle über die Zukunft. Haben Zweifel, Gefühle, Körper und Bewusstsein. Das ermöglicht Differenzierungen, mit deren Hilfe man kreativ, variabel, lernend mit der Welt umgehen kann. Das ist das Wesen von Intelligenz.
Das Künstliche hingegen folgt vorgefassten Regeln. Es wiederholt sich selbst, in endlosen Schleifen. Es kennt keine Zweifel und verfolgt keine Pläne. Keine Hoffnungen, Irrtümer und Sehnsüchte. Es lernt nicht. Es kaut nur alles wieder.
Als verletzliche, sterbliche Wesen sehnen wir uns wie verrückt nach Wundern und Allmacht. Nach einer Instanz, mit der wir sprechen können, und die uns eine höhere Wahrheit verkündet. Wenn Gott tot ist, suchen wir die Antwort in Maschinen.
Wenn Maschinen mit uns sprechen, oder Bilder malen, dann glauben wir, dass sie etwas Intelligentes, Menschliches tun. Wir lassen uns hypnotisieren, in eine Täuschung, eine Euphorie ziehen. Wir betreiben Anthropomorphing.
„Anthropomorphismus bedeutet das Übertragen menschlicher Eigenschaften auf nichtmenschliche Entitäten – Wetter, Tiere, Pflanzen, Maschinen.“ (Wikipedia).
Der MIT-Forscher Joseph Weizenbaum wies diesen Effekt schon im Jahr 1966 mit seinem Programm ELIZA nach. Er war erschüttert, wie leicht sich Menschen durch simple Algorithmen täuschen ließen. ELIZA simulierte eine Therapie-Situation. Es verhielt sich wie ein Psychologe, der immer nur Fragen auf Stichworte stellte.
Benutzer: „Ich habe ein Problem mit meiner Mutter.“
Allein, dass uns ein Programm Fragen stellt, erzeugt in unserem Hirn eine Zwischenmenschlichkeits-Illusion. Diese entwürdigende Verwechslung von „KI“ mit menschlichen Eigenschaften führt unter anderem dazu, dass wir uns vor dem Falschen fürchten. Bei der Einführung des Internets haben wir uns immerzu vor dem Überwachungsstaat gefürchtet. Vor Orwells „1984“, der Unterdrückung durch staatliche Kontrolle, der „Datendiktatur“. Dabei haben wir lange Zeit übersehen, dass mitten in unserer Kultur ein gigantischer Echoraum für Bösartigkeit, Betrug, Hass, Fälschung, Übertreibung und Aufmerksamkeits-Terrorismus entstand. Toxische Medialiät. Wir starrten in die falsche Richtung. Der französischer Soziologie Gérald Bronner nennt die Konsequenzen des „sozialen“ Internets eine „Kognitive Apokalypse“. Eine Zerstörung von Zusammenhängen, Bedeutungen und Beziehungen.
In Sachen Künstlicher Intelligenz wiederholt sich das Ganze. Die Übergriffigkeit. Die Illusionen. Die blinde Euphorie. In was lassen wir uns da hineinlocken? Und wie kommen wir da wieder raus?
2. Entwertung
Die eigentliche Frage lautet: Welche menschlichen Probleme gäbe es, die die eine „Künstliche Intelligenz“ tatsächlich sinnvoll lösen könnte?
Es gibt eine begrenzte, praktische, spezialisierte „KI,“ die für die Menschheit und den Fortschritt äußerst sinnvoll ist. Stellen wir uns ein System vor, das das Zusammenspiel von Millionen erneuerbarer Energiequellen steuern kann. Auf jedem Haus eine Solaranlage, überall Windstrom, Batteriesysteme – um auf diese Weise aus der fossilen Energiewelt auszusteigen, bräuchten wir kompetente Steuer-Systeme, die uns verlässlich mit Elektronen versorgen.
Oder ein System zur Konstruktion passgenauer Krebs-Medikamente im Rahmen der neuen CRISPR- und RNA-Techniken.
Solche Systeme können komplexe Probleme intelligent lösen. Aber sie wären nicht „an sich“ „intelligent“. Es sind Expertensysteme, Werkzeuge, die wir dringend brauchen, um in einer komplexe(re)n Welt zurechtzukommen.
Sie sprechen nicht mit uns. Sie tun nicht als ob. Sie machen ihren Job, und das ist gut so.
Bei den KI-Systemen, die jetzt veröffentlich werden, handelt es sich jedoch um semantische – oder generative – „Crawler“. Also um eine Software, die das Internet „durchkriecht“, alles in sich einsaugt, und daraus einen scheinbar autonomen Output generiert.
Die Software DALL-E malt Bilder. Das Grafikprogramm, hat über das Internet ALLE Bilddateien eingespeichert, die es überhaupt gibt. Alle Maler, alle Bilder, alle Stile, aller Zeiten. Es kann aus diesen gespeicherten Bildern Varianten bilden. In Sekundenschnelle zaubert es zum Beispiel auf den Befehl EINE STADT IM DALI-STIL eine Stadt hervor, in der lappende Uhren von den Häusern hängen.
Oder MALE EINEN HUND IN RITTERRÜSTUNG IM RENAISSANCE-STIL!. Geht ganz schnell.
Ein Wunder an Kreativität! Oder?
ChatGPT schreibt Texte und spricht „mit uns“. Zumindest hört es sich so an. Das Programm kann wunderschöne Gedichte im Shakespeare-Stil verfassen. Texte schreiben, die irgendwie an Doktorarbeiten erinnern. Oder zehntausend romantische Liebesbriefe schreiben – in 4,3 Sekunden.
Noch mehr Wunder!
Natürlich ist all das ein Irrtum. Eine Blendung. DALL-E kann kein einziges Kunstwerk hervorbringen, denn Kunst ist immer das Erzeugen von kreativer Differenz. Eines kognitiven Unterschieds in der menschlichen Wahrnehmung. DALL-E macht hingegen eine Art Malen nach Zahlen, greift dabei aber auf das genuine Kreative zurück – zerstört und dekonstruiert es.
ChatGPT erzeugt Texte durch probabilistische Schleifen, ähnlich wie bei einem Wortergänzungs-Programm im Smartphone. Es wird deshalb alle Klischees, Vorurteile, Dummheiten abbilden, die sich in den Myriaden von Texten im Internet abbilden. Und das Ergebnis wieder in seinen Speicher einspeisen …
Was entsteht, wenn man alle Farben und Formen zusammenrührt?
Grauer Brei.
Zehntausend künstliche Liebesbriefe haben nichts mit Liebe zu tun.
Sondern mit Verachtung.
Natürlich kennt die KI keine Verachtung. Diejenigen, die sie für bestimmte Zwecke nutzen werden, aber schon.
3. Enteignung
Sehr aufschlussreich für den Aufstieg und das Desaster der digitalen Plattform-Ökonomie ist die Serie „The Playlist“ auf Netflix. Gezeigt wird der spektakuläre Aufstieg von Spotify, der weltweiten Musikplattform aus Schweden. Und zwar aus 5 Perspektiven.
Aus der Perspektive der Vision des Nerd-Gründers, der sich in seinem Computerkeller langweilt und die ungeheure Bedeutung von Musik für Jugendliche begreift.
Aus der Perspektive des Startup-Investors, eines ziemlich schrägen Freaks mit den üblichen ADHS-Symptomen („Elon-Musk-Syndrom“).
Aus der Perspektive der Rechtsanwältin, die mit den Musikproduzenten um die Musikrechte verhandelte.
Aus der Perspektive eines Coders.
Und aus der Perspektive einer talentierten Musikerin, die durch Spotify arm wurde. An diesem Punkt geht die Story in die Zukunft und spielt im Jahr 2024, wo ein weltweiter Aufstand der Musiker gegen Spotify stattfindet.
Der Film macht eine Art Prophezeiung, die auf das eigentliche Problem der Plattformökonomie hinweist.
Auch wunderbar erhellend: „WeCrashed“, über den spektakulären Aufstieg und Zusammenbruch von WeWork bei AppleTV. Ein Lehrstück über Startup-Gier.
Der gloriose Erfolg von Spotify konnte nur funktionieren, weil durch ein „disruptives“ Geschäftsmodell die Musiker, die Künstler, an den Rand des Marktes gedrängt wurden. Die Bedingungen, mit denen sich Spotify um 2010 die meisten Musikrechte kaufte, wurden von den großen Musikfirmen mit ihren mächtigen Anwälten diktiert. Die Tantiemen wurden meistens im Verhältnis 70 zu 30 verteilt (30 % für die Musiker). Spotify hat die Musikszene damit weiter gespalten. Das System hat statt einem ZWEI Intermediäre produziert: Spotify selbst als „Gatekeeper“. Und die großen Produzenten, die VOR Spotify durch Piraterie schon fast ausgestorben waren.
Man könnte das Grundprinzip des digitalen Über-Business PARASITÄRE DIGITALITÄT nennen. Im Unterschied zu einer konstruktiven Digitalität setzt sie keine kreativen Potentiale frei, sondern beutet sie aus. Und erzeugt dabei die ILLUSION von Kreativität.
Wenn wir darauf hineinfallen, sind wir selber schuld.
4. Verdrehung
Die amerikanische Tech-Website C-Net nutzt schon seit Jahren KI zum Erstellen von Grundtexten der Finanzberatung. Diese stellten sich jetzt als voll mit Verdrehungen und Fehlinformationen heraus. Der Aufwand solche Fehler zu finden und zu korrigieren, wird von den Redaktionen vermieden. Damit wäre ja der kostensparende Effekt von Text-KI hinfällig. Die Redakteure müssten das, was die Bots an Fehlern aus dem Netz ziehen, aufs Neue recherchieren und verifizieren.
Eine KI behauptete neulich, man dürfe nur Sudanesen, Israelis und Iren foltern. Woher sie das hatte, lässt sich nicht mehr vollständig nachvollziehen – solche Systeme sind eine Black Box.
Um derartigen Ausrutschern entgegenzuwirken, werden derzeit in Kenia Menschen an Bildschirmen für 2 Dollar pro Stunde damit beschäftigt, die gröbsten Fehler beim Sourcing der Künstlichen KI auszuschalten. time.com/6247678/openai-chatgpt-kenya-workers
Spätestens an diesem Punkt erinnert das Ganze an die Versprechungen von Mark Zuckerberg, seine soziale Plattform „demnächst“ in einen Hort menschlicher Zuneigung zu verwandeln. Oder an die Filmserie MATRIX. Die KI-Systeme sind sichtlich schlauer geworden. Sie nutzen nicht die menschliche Körperwärme (wie in MATRIX) und versorgen die Hirne mit Illusionen, sondern sie beuten menschliche Arbeitskräfte aus, um sich selbst zu korrigieren.
Wie bizarr ist das denn?
Eine weitere Anwendung, die durch semantische KI ganz groß rauskommt, ist das, was man „Künstliche Höflichkeit“ nennen könnte. Neuerdings gehen große Hotelketten dazu über, Kundenbeschwerden mit Künstlicher Intelligenz zu beantworten. Wenn ein Kunde sich über kaputte Duschwannen oder ächzende Betten beschwert, folgt schon 5 Minuten später eine ausgewählt höfliche Entschuldigung, in der der Kunde überschwänglich für seinen Hinweis gelobt wird, mit dem Angebot einer Preisermäßigung und eines Upgrades.
Sind wir nicht Serienbriefe im Marketing schon lange gewohnt? Der Unterschied ist nur, dass die KI-Schein-Zuwendung massenhaft individualisieren kann. Eine Art neuer Enkeltrick.
Die erste Zerstörung, die die semantische KI anrichtet, ist die Zerstörung des Autorenprinzips.
Die zweite ist die Entwertung von Wahrheit als anstrebenswerte Kategorie.
Die dritte Zerstörung besteht in einem generellen Vertrauensverlust allen Kommunikationen und semantischen Produktionen gegenüber. Ist das echt? Oder tut das nur so?
Redet der nicht schon wie eine KI?
DALL-E wird zunächst den kreativen grafischen Markt zerstören. Illustratoren, Zeichner, Designer werden es plötzlich sehr schwer finden, überhaupt noch Geld mit ihrer Kunst zu verdienen.
Dann sind Journalisten, Autoren, Texter an der Reihe. Und sogar Drehbuchschreiber, die aktuellen Helden der narrativen Kreativität. Speisen wir doch einfach die Algorithmen der erfolgreichsten Krimiserien, Komödien, Sci-fi-Stories in die Maschine – und lassen sie die OPTIMIERTESTE Krimiserie, Komödie, Sci-Fi-Serie ausrechnen!
Die mit den meisten Zuschauern.
Haben Sie manchmal das Gefühl, dass das längst der Fall ist?
Alle Filmserien verlaufen nach dem immergleichen Muster.
Optimiert.
Zu Tode optimiert.
Aber könnte es nicht wunderbare soziale Anwendungen der kommunikativen KI geben, die Bildungs- und Armutsprobleme lösen?
WEF-Gründer Klaus Schwab beschrieb die Entwicklung eines indischen Programmierers, die es Bewohnern eines abgelegenen indischen Dorfes ermöglichte, komplexe Behördendienste in Auftrag zu geben. Nur wenige Monate habe es gedauert von der Entwicklung des zugrundeliegenden KI-Modells in den USA bis zur konkreten Anwendung im ländlichen Indien.
Aber was heißt „komplexe Behördendienste in Auftrag zu geben“?
Ist es nicht das eigentliche Problem von Armut, dass man genau das nicht kann?
Wer also gibt hier den Auftrag?
Viele argumentieren: Die KI setzt Kreativität frei, indem sie Routinen routiniert. In den Schulen zwingt sie die Pädagogen, endlich das wahrhaft Kreative zu lehren. Information wird derweil von der KI vermittelt. Das scheint ein plausibler Gedanke. Er basiert aber wiederum auf einem Kategorienfehler. Wissen ist keine „Information“. Sondern ein durch menschliche Kommunikation und emotionale Übertragung erzeugter Zusammenhang.
Bildung ist Erfahrung, Intuition, Beobachtungs-Kompetenz, die durch menschliche BEGEGNUNG entsteht.
Kreativität ist die Fähigkeit, mit Wissen fragend umzugehen.
Menschen sind Begegnungs-Wesen. Jeder weiß das, der einen Lehrer/eine Lehrerin hatte, der – ein echtes Wunder! – das Feuer der Physik, der Astronomie oder sogar des Lateins entzünden konnte.
KI in der Schule wird das heute schon gefährliche Halbgoogeln in ungeahnte Dimensionen steigern. Die Nichtkompetenzen unerträglich vermehren.
Semantische KI schürt die Illusion, nichts wissen zu müssen, weil man alles abfragen kann.
Wenn wir rasend schnell Antworten aller Art erhalten – wozu sollen wir Fragen finden, die uns interessieren?
Und jetzt sollen wir auch noch kreativ sein? Nein Danke!
5. Eine kleine Floppologie
Wir vergessen gerne die digitalen Flops. Dabei sind Flops, als Beispiele für Marktversagen, besonders lehrreich. Sie zeigen uns, wo Technologie an ihre menschlichen oder systemischen Grenzen gerät. Und womöglich auch, wie wir Technologie besser, sinnvoller einsetzen und entwickeln könnten.
Nicht funktioniert haben die ulkigen intelligenten Roboter-Kisten, die autonom Güter in den Städten ausliefern sollten. Erinnern Sie sich? Eine Zeitlang war das die Superstory auf Investoren-Konferenzen. Von den Dingern ist ebenso wenig zu sehen wie von den Drohnen, die uns die Pizza auf den Balkon liefern sollten. Wer möchte schon dauernd über Roboterwägelchen stolpern oder unter einem surrenden Drohnenhimmel leben? Zumal in Zeiten des Ukraine-Krieges …
Hätte man das nicht gleich wissen können?
Google Glass, einer der „Besten Erfindungen des Jahres 2012“ (TIME Magazin), war die erste Augmented-Reality-Brille auf dem Markt. Dem Gerät schwappte eine Hasswelle entgegen. Auf vielen Cafétüren in den Hip-Metropolen stand das Motto „No Glassholes!“ – Keine arroganten Idioten mit AI-Brille erlaubt! Was die Konstrukteure nicht erahnten und verstanden, war der psychologische Abwehreffekt, den das Gerät in sozialen Situationen hervorrief. Du weißt etwas, was ich nicht weiß – und verweigerst damit menschliche Kommunikation auf derselben Ebene!
Dennoch hält sich der AR-Hype bis heute, zäh wie ein Dreiwochen-Kaugummi. „Ich bin begeistert von AR“, verriet der Apple-CEO Tim Cook auf einer Preisverleihung in Irland 2018. „Ich glaube, das wird das nächste große Ding und unser komplettes Leben durchdringen. Wir können über einen Artikel sprechen, und zu gleichen Zeit die gleiche Sache betrachten. Oder man liegt unter dem Auto und wechselt das Öl. Wenn man nicht sicher ist, wie das geht, kann man AR benutzen.“
Wirklich? Wahrscheinlich hat Tim Cook niemals einen Ölwechsel an seinem Auto gemacht. Und haben wir nicht längst ganz andere Probleme? Too much information.
Information overload!
(Anmerkung: AR-Systeme sind sehr sinnvoll in komplexen professionellen Orientierungs-Situationen: bei Operationen, in Laboren, bei komplexen Lager-Logistiken, in Reinraum-Fabriken etc.)
Im Jahr 2014 machte der erste „Emotionale Heimroboter“ in den USA Schlagzeilen. JIBO, ein niedliches Gerät für den Wohlfühl-Bereich, mit einem einzigen Auge, das Blinzeln, Zwinkern und sogar böse gucken konnte. JIBO konnte reden, Lieder mit der Familie singen, Fotos machen und den Kindern Gutenachtgeschichten vorlesen. Er brachte es als Erfindung des Jahrhunderts auf die Titelseite des TIME Magazins, als erster „menschlich kommunizierender Computer“. Entworfen wurde er von Cynthia Breazeal, einer MIT-Forscherin, die sich auf emotionale Mensch-Maschine-Kommunikation spezialisiert hatte. Nach etwa 6.000 Auslieferungen des Geräts war Schluss. Die User nahmen das ständige Emotionalisieren von JIBO als nervend und übergriffig wahr.
Den Einsamen machte das Ding ihre Einsamkeit nur noch deutlicher.
Gescheitert ist im Grunde auch das autonome Autofahren – jedenfalls auf absehbare Zeit. Nicht nur, weil uns Elon Musk mit diesem feuchten Traum einfach an der Nase herumgeführt hat. Damit alle Autos autonom herumfahren könnten, müsste man zuerst die Städte, Straßen, die gesamte öffentliche Infrastruktur „autonomfahrgerecht“ umbauen. Eine Welt nur für die Sensoren von Autos konstruieren. Sonst wird es nicht gehen, denn der moderne Verkehr ist ungeheuer komplex. Autonomes Autofahren würde also wieder zu einem MATRIX-Effekt führen: Die Maschinen bauen UNSERE Umwelt in ihrem Sinne um.
Abgesehen davon halten 80 Prozent aller männlichen Autofahrer (90 Prozent der weiblichen) die Idee, das Steuer loslassen zu sollen, für eine blöde Idee.
(Was nicht heißt, dass es nicht in sauber geplanten chinesischen Städten, amerikanischen Vorstädten oder abgegrenzten Arealen Inseln autonomen Verkehrs geben kann.)
Und so sind die digitalen Über-Versprechen reihenweise gescheitert oder tief in die Krise geraten. Die Idee, Krypto-Geld mit gewaltigen (meist fossil betriebenen) Rechenzentren herzustellen und damit reich und sexy zu werden, ist zumindest an ihre Grenzen gestoßen. Gescheitert am Markt sind NFTs, jene Besitzcodes für Kunst, deren Sinn von Anfang an niemand verstand. Gescheitert ist Twitter als demokratisches Debattier-Medium. Gescheitert, jedenfalls in der breiten Anwendung, sind die „intelligenten Sprachassistenten“ – die Vorläufer der Sprachbots. Alexa und Siri werden für Wetterberichte oder Plattensammlungen benutzt, kaum für mehr. Die Amazon-Sprachassistenten-Unit machte 2022 10 Milliarden Dollar Verlust. Ein großer Teil der Mitarbeiter musste gehen.
Weitgehend gescheitert ist Second Life, der Vorläufer des gloriosen METAVERSE. Lag es nur darin, dass es zu wenige Polygone zeichnen konnte?
Ein stockender Markt sind auch die gloriosen VR-Brillen. Jetzt bringt Sony sein neues Modell VR2 auf den Markt. Warum will der Entertainment-Cyberspace einfach kein Massenmarkt werden? Wollen wir nicht alle auf schönen, bunten Planeten mit Zauberern den coolen Monstern entkommen? Wer schon einmal eine Außenbord-Operation an der ISS mit 3-D-Brille gemacht hat (ich habe das), weiß, wo die Grenzen liegen. Es ist wahnsinnig anstrengend. Der Cyberspace macht Übelkeit und Kopfweh, auch und GERADE, wenn er hoch aufgelöst ist. Nach einer halben Stunde Wunderwelt sehnt man sich zurück in die verdammte Realität, in der man Dinge spüren, fühlen, riechen kann. Und festen Boden unter den Füssen hat. Computerpsychologen sprechen von der Realitäts-Nostalgie.
Die Flops erzählen uns Geschichten über die Grenzlinien zwischen HUMANUM und TECHNIKUM. Allerdings muss man diesen Geschichten auch zuhören und sie genau verstehen, um etwas über die Zukunft zu erfahren.
Viele superdigitale Angebote, die heute auf den Markt kommen, sind keine Technologien, die menschliche Probleme lösen sollen. Sondern Technologien auf der verzweifelten Suche nach Problemen.
Semantische KI kann eigentlich keine wirklichen Probleme lösen. Sie kann weder Informationen besser auslesen, denn sie hat kein Kriterium für Wahrheit und Richtigkeit, die Irrtümer korrigieren könnte. Noch kann sie Kreativität ermöglichen. Sie kann all das nur simulieren, was sie zu „tun“ vorgibt.
Allerdings kann sie neue Probleme schaffen, die sie dann gegen Gebühr zu lösen vorgibt.
Und vielleicht geht es genau darum.
Die Anbieter arbeiten gerade an einer Software, die feststellen kann, ob ein Text von einer KI oder einem Menschen geschrieben wurde. Die Genauigkeit beträgt allerdings nur 30 Prozent. Wer höhere Genauigkeit will, muss demnächst ein UPGRADE zahlen.
Das klingt nach einem echten Geschäftsmodell.
6. Die Fortschrittsfalle
Wird es gelingen, die semantische KI aufzuhalten, oder wenigstens abzubremsen, bis wir ihre Anwendungen sinnvoll differenzieren können?
Diese Illusion sollten wir uns nicht machen.
Der technische Fortschritt verläuft, wie die ganze menschliche Geschichte, nach den blinden Evolutions-Gesetzen von trial and error. Technologien setzen sich nicht in Formen der PRÄstabilisierung durch (ein Begriff des Philosophen Leibnitz), also durch Planung, Voraussicht, Integration. Sondern durch REstabilisierung. In der Bewältigung von Krisen und Fehl-Anwendungen, die mit ihnen erzeugt werden.
Mit anderen Worten: Erst im Scheitern werden wir klüger.
Hoffen können wir auf das Immunsystem der menschlichen Kultur. Es gibt im Umgang zwischen Mensch und Maschine einen Effekt, den Computerforscher „Uncanny Valley“ nennen. Das unheimliche Tal.
Wenn Menschen mit sehr menschenähnlichen Maschinen konfrontiert werden, etwa mit täuschend echt aussehenden humanoiden Robotern, entsteht Ekel. Eine innere Abwehr. Dieser Effekt könnte auch zu einer Art Immunreaktion gegen die semantische KI führen. Gegen die Einsamkeit, in die uns „denkende Maschinen“ stürzen.
So, wie es heute einen Trend zur Fleischverweigerung gibt, könnte es auch eine Anti-KI-Bewegung geben. Nein, ich rede nicht mit Maschinen. Grundsätzlich nicht.
Kann ich jetzt bitte einen REALEN Mitarbeiter sprechen?
Nein? Dann danke ich für dieses Gespräch. Auf Nimmerwiedersehen.
Jeder Trend, der über-mächtig zu werden droht, erzeugt irgendwann einen Gegentrend.
Immer mehr Menschen versuchen derzeit, der Über-Digitalisierung zu entkommen. Den Algorithmen, die unser kommunikatives Leben in hysterische Aufmerksamkeits-Spiralen, Stress und Oberflächlichkeiten verwandelt haben, zu entfliehen.
Immer mehr Menschen verstehen, dass digitale Technologien keine Demokratien retten, Krankenhäuser verbessern oder die Klimaerhitzung stoppen können. Noch nicht einmal eine kaputte Heizung können sie reparieren. Darauf wird es aber in Zukunft besonders ankommen: Die Dinge reparieren.
Wir können auf Gegen-Rebellionen hoffen. Wenn jeder Text nur noch banal ist, alle Bilder nur noch Abklatsch sind – dann wird das ORIGINAL wieder begehrenswert.
Es ist gut möglich, dass der KI-Hype der letzte Größenwahn des Digitalismus ist. Ein lustiges, bizarres Spielzeug, das bald wieder in den Schubladen oder Kellern verschwindet wie sprechende Puppen oder Roboter mit Wackelaugen.
Danach kommt nur noch der magische Quantencomputer, der uns verspricht, schneller rechnen zu können als das Universum selbst.
Vielleicht müssen wir durch diese Versuchung hindurch.
Aber vielleicht müssen wir nicht unbedingt mit Karacho hineinfahren.
Uns festkleben an der Illusion, dass man das genuine Menschliche den Maschinen überlassen kann.
Wie sagte Henry David Thoreau so schön im Jahr 1837?
„Wenn irgendein wirklicher Fortschritt gemacht wird, verlernen und erlernen wir aufs Neue das, von dem wir dachten, wir wüssten es längst.“
Pressezitate
In a new blog post, the company admitted that its Bing Chat feature is not really being used to find information – after all, it’s unable to consistently tell truth from fiction – but for „social entertainment“ instead.
„The model at times tries to respond or reflect in the tone in which it is being asked to provide responses that can lead to a style we didn’t intend,“ the company wrote. „This is a non-trivial scenario that requires a lot of prompting so most of you won’t run into it, but we are looking at how to give you more fine-tuned control.“
The news comes after a growing number of users had truly bizarre run-ins with the chatbot in which it did everything from making up horror stories to gaslighting users, acting passive-aggressive, and even recommending the occasional Hitler salute.
Wofür nutzen wir die künstliche Intelligenz von ChatGPT wirklich?
Erste Erkenntnisse stellen der Menschheit kein gutes Zeugnis aus.
von Michael Moorstedt
Innerhalb weniger Wochen nach ihrer Veröffentlichung haben mehr als hundert Millionen Menschen die KI namens ChatGPT benutzt. Um auf eine derartige Verbreitung zu kommen, haben andere Angebote, die heute das Internet prägen, Jahre gebraucht.
Inzwischen wird eifrig daran gearbeitet, die Anwendung in die bekannten Suchmaschinen- und Officeprogramme zu integrieren. Google kündigte in der vergangenen Woche seine eigene Chat-KI namens Bard an. Von einem KI-Wettrüsten ist schon die Rede. Die Nachrichten, wie sagt man, sie überschlagen sich. Und es festigt sich die Ahnung, dass sich die Art und Weise, wie Menschen Informationen organisieren, grundlegend ändern könnte. Im besten Fall würde diese neue Art der Suche nicht nur Links liefern, durch die sich die Nutzer dann selbständig klicken müssen, sondern gleich fertige Handlungsanweisungen: Computer, was soll ich tun?
Der US-amerikanische Autor und Unternehmer John Battelle hat die bei Google und Co. millionenfach und im Sekundentakt eingegebenen Anfragen einmal als „Datenbank der Intentionen“ bezeichnet. „Diese Informationen stellen in zusammengefasster Form einen Platzhalter für die Absichten der Menschheit dar – eine riesige Datenbank mit Wünschen, Bedürfnissen und Vorlieben, die aufgespürt, vorgeladen, archiviert, nachverfolgt und zu allen möglichen Zwecken ausgebeutet werden kann“, schrieb Battelle. Und weiter: „Ein solches Ungeheuer hat es in der Kulturgeschichte noch nie gegeben, aber es wird von heute an mit Sicherheit exponentiell wachsen. Dieses Artefakt kann uns außergewöhnliche Dinge darüber sagen, wer wir sind und was wir als Kultur wollen.“
Die Absichten und Vorsätze der Welt – hier sieht man sie ungeschönt.
Statt kollektiver Selbsterkenntnis entstand mit der Suchmaschinenoptimierung dann freilich eine riesige Nischenindustrie, die sich darauf versteht, ohnehin populäre Themen weiter zu verstärken und die kollektive Aufmerksamkeit der Nutzer zu Marketingzwecken zu steuern.
Wird es mit der neuen Technologie anders? Lässt sie mehr Selbsterkenntnis zu? Auf der Website showgpt.co kann man nachlesen, was sich die Nutzer von der KI wünschen. Hier werden die Prompts genannten Anweisungen, die andere Nutzer in die Chatzeile tippen, auszugsweise veröffentlicht. Nach einer schnellen Durchsicht ergibt sich ein sehr heterogenes Stimmungsbild: Jemand möchte eine Zusammenfassung von „Moby-Dick“ für die morgige Buchpräsentation. Ein anderer wünscht sich ein fiktives Streitgespräch zwischen Schopenhauer und Nietzsche, darüber, wer der bessere Philosoph war. Die Szene solle bitte in einem Faustkampf enden. Manches ist bemerkenswert einfallslos, wie jener Nutzer, der der KI den Satz „Kannst du neue Geschäftsideen ohne Geld?“ diktiert.
Philosophie-Fanfiktion und fauler Businesszauber – soll es das mit den kulminierten Absichten und Vorsätzen der Menschheit gewesen sein? In Wahrheit muss man nur mal wieder dem Geld folgen. Welche Anwendungen auf Basis künstlicher Intelligenz sind in den vergangenen Wochen und Monaten neu aufgetaucht? Wofür würden die Menschen bezahlen? Was ist, wie es in der Branche heißt, die Killer-App?
Da wäre zum Beispiel bedtimestory.ai. Für eine monatliche Gebühr von 9,99 US-Dollar können gestresste, aber zahlungskräftige Eltern die KI personalisierte Gutenachtgeschichten für ihre Kinder erstellen lassen. In einer ganz anderen Lebenssituation befinden sich wahrscheinlich die Nutzer eines Programms namens Keys. Mit der kann man von der KI erstellte Texte in Dating-Apps nutzen. Die Software reagiert entweder auf die Nachrichten der Person von Interesse, schlägt aber auch flotte Eisbrecher-Sätze oder – am anderen Ende der Konversation – diplomatische Schlussmachformulierungen vor.
Auch wenn die beiden Beispiele sehr unterschiedlich wirken, verdeutlichen sie sehr gut ein Problem. Aus Gründen intellektueller Faulheit versucht man selbst in intimsten Momenten genau die Dinge auszulagern, wegen derer das Leben überhaupt erst bedeutsam wird. Da taucht gleich noch eine Frage an die KI auf: Computer, wann wirst du mich überflüssig machen?
Vor 100 Jahren, in den goldenen Anfängen des 20. Jahrhunderts, zeichnete der Jugendstil-Künstler Winsor McCay im New York Herald wöchentlich eine fantastische Comic-Seite. Sie schilderte die nächtlichen Abenteuer von Little Nemo, einem Jungen im Schlafanzug, der nach dem Einschlafen in eine futuristische Traumwelt gerät. Es ist der Beginn der industriellen Beschleunigung, und ständig geht etwas schief. Möbel beginnen zu laufen, Häuser fliegen davon, der Boden öffnet sich und offenbart Monster, monströse Herren in Anzügen und Zylinder machen alles kaputt. Nemos Schlafanzug wird zum Clownskostüm, und am Schluss fällt der erschöpfte Junge mit seiner Decke aus dem Bett und reibt sich die Augen: „Habe ich das alles nur geträumt?“.
Fühlen Sie sich in diesen Jahren auch manchmal wie Little Nemo in Slumberland?
Und wie ist das mit den „neuen Jahren“?
In einer Neujahrsausgabe des Cartoons tanzt eine Gruppe irrer Greise um ein neugeborenes Kind, dass das NEUE Jahr symbolisieren soll.
So ähnlich geht es uns heute mit der Zukunft.
Das Alte tanzt besoffen im Kreis herum.
Und wir schauen ziemlich perplex aus der Wäsche.
Die Omnikrise
Geht es Ihnen auch so, dass sie das Wort „Krise“ nicht mehr hören können? Ständig werden neue Super-Krisen ausgerufen, vermutet, befürchtet, angekündigt. Die „Verkrisung” der Welt hat ungeahnten Ausmaße angenommen.
Im Englischen hat sich der Begriff polycrisis durchgesetzt, auf Deutsch „Stapelkrise“. Ich selbst finde den Begriff OMNIKrise charmant. OMNI heißt im lateinischen alles, im Sinne von das Ganze, das Zusammenhängende. Omnikrise meint eine Krise, die nicht nur in der äußeren Welt stattfindet. Sondern auch, ja vor Allem, unsere innere Wahr-Nehmung umfasst.
Neurowissenschaftler und Kognitionspsychologen sagen uns schon seit geraumer Zeit, dass die Welt, wie wir sie wahr-nehmen, nicht die „wirkliche“ Welt ist. Es ist aber sehr schwer, das zu glauben, wenn man glaubt, dass das, was man glaubt, die Wahrheit ist.
Vielleicht ist das der wahre Kern der heutigen Krise: Dass wir nicht mehr an so etwas wie Wahrheit glauben können. Eine Omnikrise erzwingt eine kognitive Dissonanz. Innere Wirklichkeit und Wahrnehmung passen plötzlich nicht mehr zusammen. Alles fühlt sich plötzlich verschoben an. Die Realität schmeckt anders. Riecht komisch. Selbst der Fußball, den wir immer so liebten, ist plötzlich etwas ganz anderes geworden. Was rechts ist, was links, was gerecht ist und was Freiheit, steht plötzlich zur Disposition.
Das kann einen echt wahn-sinnig machen.
Wir ahnen gleichzeitig, dass das ALTE NORMAL nicht wiederkehrt. Der ursprünglichen Krisenbegriff geht ja davon aus, dass NACH einer Krise alles so weitergeht wir früher. Das Virus geht, der Frieden kommt, und alles ist wieder „in Ordnung“. Das erste kosmische Gesetz des Universums ist aber die Zahnpasta-Regel. Wenn die Zahnpasta aus der Tube ist, bekommt man sie nicht mehr hinein.
Zeitschleifen
Einer der existentiellen Erfahrungen der letzten Jahre ist, dass der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschwimmt. Wir machen die Erfahrung, dass immerzu die Vergangenheit zurückkehrt, die wir schon lange „entsorgt“ zu haben glaubten.
Die neuesten Streaming-Filmserien spiegeln diese Schleifen-Logik, in der alles unentwegt wiederkommt, wider. In Beforeigners, einer witzigen norwegischen Crime-Fantasy-Serie, landen Reisende aus früheren Epochen — Steinzeit, Wikingerzeit, frommes 18.Jahrhundert – im modernen Oslo unserer Tage. Sie tauchen plötzlich aus Blubberblasen im Hafenbecken auf. Als „Timigranten“ erhalten sie ordnungsgemäß Asyl, und das Ganze ist auch eine nette Satire auf das bürokratische Super-Wohlfahrts-System, das sich in Skandinavien entwickelt hat.
Man merkt aber schnell, dass sie im Grunde immer schon da waren, die Timigranten. Dass die Filmserie in Wirklichkeit von einer multitemporalen Gegenwart handelt, in der die Steinzeit, die Wikingerzeit, das fromme 18. Jahrhundert in gewisser Weise nie aufgehört haben …
In der Langzeitserie Dark irren verschiedene Freundes- und Menschengruppen in einer Kleinstadt so lange in Zeitschleifen herum, bis sich das ganze Universum auflöst. Auch eine Lösung. Ähnliche Phänomene gibt es in den „Stranger-Things“-Serien bei Netflix und Co. In der neuen Produktion der Dark-Autoren, „1899“ gerät ein Auswandererschiff bei der Fahrt über den Atlantik in einen Zeitstrudel, in dem sich alles immer im Kreis dreht.
Wie heißt das so schön? Die Zeit ist aus den Fugen…
Die Vergangenheit kehrt zurück.
Immer wieder.
In einer endlosen Schleife.
Und gleichzeitig verschwindet die Zukunft.
Hinter einem Vorgang an Undeutbarkeit.
So kündigen sich Epochenwandel an:
Das Neue fährt durch den Nebel.
Die große Zukunfts-Enttäuschung
Vor drei Jahren brach ein Virus aus einem Tiermarkt in China aus. Und nutzte die vielfältigen Wege der globalen Welt, um sich bis in den letzten Winkel der Erde zu verbreiten.
Das Virus zeigte uns unsere Verletzlichkeiten. Unsere Abhängigkeiten von- und miteinander, mit denen wir echte Schwierigkeiten haben. Das Virus hat uns auch auf paradoxe Weise klargemacht, wie ERSCHÖPFT wir alle längst waren. Das Alte Normal, dass wir jetzt herbeisehnen, war eben alles andere normal. Es war längst überhitzt, verlogen, verzweifelt. Das brachte uns zur schwierigen Frage, ob wir womöglich Krisen BRAUCHEN, um innezuhalten.
Vor einem Jahr (könnte man den Monat Februar nicht einfach streichen?) ratterten riesige Panzerkolonnen über die ukrainische Grenze. Dieser Krieg zeigte, dass das uralte Böse immer noch existiert. Das Böse aber hatten wir längst abgeschafft, nach Disneyland verbannt, als Missverständnis oder Entertainment definiert. Dass sich das Böse in der Wirklichkeit ausbreiten kann wie eine Epidemie, über Meme, Ideologien, KONSTRUKTE, dass es ganze Gesellschaften kontaminieren kann, haben wir lange einfach ausgeblendet. Obwohl es schon in den Balkankriegen, und spätestens seit dem 11. September und dem Islamischen Staat klar war: Menschen sind nach wie vor zu unfassbaren Verbrechen fähig, wenn sie sich in irgendeinen dunklen Glauben verrannt haben. Das Zeitalter der Rationalität ist auch gleichzeitig das Zeitalter der rasenden Irrationalität.
Enttäuschungen schmerzen. Wir wollen sie nicht wahr-haben, um keinen Preis, denn dann müssten wir ja zugeben, dass wir uns geirrt haben.
„Kritik der Enttäuschung ist streng genommen nicht berechtigt“, schrieb Sigmund Freud 1915, kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs. „Denn sie besteht in der Zerstörung einer Illusion. Illusionen empfehlen sich uns dadurch, dass sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer statt Befriedigungen genießen lassen. Wir müssen es dann ohne Klage hinnehmen, dass sie irgendeinmal mit einem Stücke der Wirklichkeit zusammenstoßen, an dem sie zerschellen.“
Sigmund Freud, Gesammelte Werke 10, Die Enttäuschung des Krieges, 1915
Irren ist nicht nur menschlich, es ist auch notwendig. Und Enttäuschungen können auch produktiv, ja zukunftsweisend sein, wenn wir sie mit Bindestrich schreiben. Lassen wir es auf der Zunge zergehen: ENT-Täuschung.
Wenn wir uns von Täuschungen befreien, kann die Welt wieder frisch werden.
Wir können sie mit neuen Augen, mit klarem Blick sehen.
Und vielleicht auch wieder einen klareren Blick auf die Zukunft werfen.
Dem Philosophen und Psychotherapeuten Paul Watzlawick („Anleitung zu Unglücklichsein“) verdanken wir die Erkenntnis, dass man echte Probleme nicht auf derselben Ebene lösen kann, auf der sie entstanden sind. Wenn man immer mehr von den alten Mitteln und Methoden einsetzt, wird das Ergebnis immer kleiner. Das ist der kollektive Stress, den wir heute, im Abgang der alten, fossilen Industriegesellschaft erleben. Immer höherer Einsatz veralteter Rezepte mit immer geringerem Grenznutzen.
Zur „Lösung“ brauchen wir einen Wechsel auf die nächste Ebene, ein „Reframing“ der Sichtweisen. Watzlawick nannte das „Lösungen zweiter Ordnung“.
Lob der Desillusionierung
Hier einige Illusionen, von denen wir uns produktiv ent-täuschen könnten:
Die Illusion, dass alles immerzu MEHR werden kann, ohne irgendwann seine Qualität zu verlieren.
Die Illusion, dass Fortschritt durch Ersetzen des Alten durch das radikal Neue entsteht (Disruptions-Ideologie).
Die Illusion, dass Technik ALLES lösen kann. Eine der größten Technomanien geht soeben zu Ende: Die Digitale Illusion. Die versprochenen Produktivitätsgewinne der Informationstechnologien sind weitgehend ausgeblieben (sie betrafen eher die Gewinne der Digitalfirmen als die breite Wirtschaft). Dort, wo das Internet die menschliche Kommunikation überformte, sind unfassbare Folgeschäden für die sozialen Zusammenhänge entstanden, die wir immer noch leugnen oder verdrängen. Wir leben in einer Phase des „Digital burnout“, oder des Techlash. Weite Teile der Internetökonomie, etwa die Kryptowährungen, erweisen sich derzeit als Luftnummern. Den Rest räumt Elon Musk gerade ab.
Die Illusion, dass das Böse von alleine aus der Welt verschwindet.
Die Illusion, dass komplette Autonomie möglich ist.
Die Illusion, dass Wirklichkeit und Wahrheit dasselbe sind …
Undsoweiter.
Die Zukunfts-Verschwörung
Ich halte nichts von guten Vorsätzen zu Jahresbeginn, und auch nicht von Stimmungs-Aufrufen. Sinnvoller wäre es, etwas miteinander zu vereinbaren. In der Unschuld des neuen Jahres möchte ich versuchen, mich mit Ihnen zu verschwören. Wir könnten untereinander beschließen, drei Aspekte zu berücksichtigen, die für die wahre Zukunft essentiell sind:
Akzeptanz
Wir sind es gewohnt, „kritisch“ zu sein. Dagegensein, gegen ALLES und vor allem „die da oben“, ist eine allgegenwärtige Pose geworden. Wir haben uns von Bürgern in Konsumenten verwandelt. Am liebsten würden wir alles, was uns nicht gefällt, reklamieren und zurückschicken. Wie bei Amazon, kostenlos.
In einer Zeit des Wandels verwandelt sich das ewige DAGEGENSEIN jedoch in infantile Nörgelei.
Es wird Zeit, auch mal wieder einmal etwas GUT zu finden.
FÜR etwas einzustehen.
Etwas zu verteidigen.
Dazu gehört das Eingeständnis, dass sich vieles, was wir, einfach erwarten, nicht immer zur Verfügung steht. Aber nicht, weil böse Absichten oder unfähige Menschen dahinterstecken.
Es gibt einfach „Wicked Problems“. Das sind verhexte, komplexe Probleme, die sich nicht so einfach lösen lassen.
Nehmen wir das Gesundheits-System. Es ist weder „skandalös unterfinanziert“ noch „versagt“ es die ganze Zeit. Es ist nur verdammt schwierig, ein hochkomplexes Gesundheitssystem zu organisieren, zu finanzieren, laufend zu verbessern. Das Gesundheitssystem leidet unter einem Paradox, dass es von innen heraus „paradox verhext“. Je älter wir werden, desto mehr Krankheiten entwickeln wir. Je mehr medizinische Erfolge möglich sind, desto multimorbider werden die Menschen. Und desto teurer wird alles. Das Gesundheitssystem (eigentlich ist es ja ein Krankheitssystem) erzeugt also seine Krise durch seinen Erfolg. Da es nicht mit der Vorsorge, mit gesunden Lebensweisen der Menschen, durch einen positiven Feedback-Loop verbunden ist, ist es in einer Systemfalle eingeschlossen. Man müsste es völlig dekonstruieren und neu konzipieren, um es aus dieser Falle zu befreien.
Aber versuchen Sie das einmal…
Ein hochmodernes Zugsystem, in dem alle Züge IMMER pünktlich fahren, ist nur in einer total kontrollierbaren Umwelt möglich. Sozusagen als Modelleisenbahn. Schnurgerade Trassen durchs ganze Land kann man in Japan oder China bauen, wo die Eigentumsverhältnisse so sind, dass man jederzeit für eine Bahntrasse enteignen kann.
In einem topographisch so vielfältigen und von sehr differenzierten Mobilitätsmustern durchzogenen Land wie Deutschland ist das sehr schwer. Aber wir erwarten natürlich, dass das System perfekt funktioniert.
Sonst werden wir sehr wütend.
Armut ist ein ganz besonderes „Wicked Problem“, vor allem in einem Wohlstandsland. Der klassische Moralismus behauptet, die Ursache von Armut wäre der Mangel an Geld. Aber Geld ist nur EIN Faktor. Dauerhafte Armut in einer reichen Gesellschaft ist eher das Resultat mangelnden Zugangs. Zu Kompetenzen, Verbindungen, Kulturtechniken. Zu Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen. Geld allein verschiebt nur die Grenzen zwischen dem, was als arm und nicht-arm empfunden wird. Die allseits geforderten Basis-Einkommen könnten das Problem sogar noch verschärfen.
Es geht nicht darum, alles „kritiklos gut zu finden“. Aber etwas Schwieriges als schwierig anzuerkennen befreit uns von dem Fluch, unsere Ansprüche immer höher zu hängen, und dann immerzu an ihnen zu scheitern. Es bewahrt uns auch an der rüden Abwertung der Leistung Anderer, die meistens mit der wohlfeilen Kritik an Allem und Jedem verbunden ist.
Meinungsverzicht
Die größte Zukunfts-Kunst besteht darin, auf Meinungen zu verzichten.
Nein, ich will nicht die Meinungsfreiheit beschneiden. Es ist nur die Frage, welche FUNKTION Meinungen in einer hypermedialen Gesellschaft wie der unseren eigentlich erfüllen.
Früher waren Meinungen ein Zeichen für Differenzierung. Für die Entwicklung geistiger Eigenständigkeit. Meinungen erweiterten das Bewusstsein, indem sie sich mit anderen Meinungen trafen und sich zu einem GESAMTBILD verbanden. Zu WAHRHEITEN verdichtet werden konnten. Meinungen waren mit dem Interesse verbunden, von anderen Meinungen zu lernen.
Heute, in einer hypermedialen Gesellschaft, in der es vor allem auf Erregung und Aufmerksamkeit ankommt, wirken Meinungen in eine völlig andere Richtung. Sie müssen möglichst abseitig sein, möglichst aggressiv, um „Klicks“ zu erzeugen. Klicks sind Erregungen im Hirn, die unsere Aufmerksamkeit fesseln. Sie werden leicht zu Aggressions-Elementen. Zu parasitären MEMEN. Die Welt wird VERMEINT, mit der ausschließlichen Absicht, die eigene Meinung millionenfach durchzusetzen. Was aber dem Wesen der Meinung, die ja in ihrem Wesen anschlussfähig an andere Meinungen sein sollte, widerspricht.
Wie sagte der Psychologie-Philosoph Paul Watzlawick so schön? „Die eigentliche Ursache des Leids liegt in unserer Unwilligkeit, Tatsachen als reelle Tatsachen und Ideen als bloße Ideen zu sehen, und dadurch, dass wir ununterbrochen Tatsachen mit Konzepten vermischen. Wir tendieren dazu, Ideen für Tatsachen zu halten, was Chaos in der Welt schafft.“
Üben wir deshalb zusammen die Kunst, auf Meinungen zu verzichten. Nicht alles unentwegt zu bewerten. Das ist am Anfang schwer. Aber wir werden auch belohnt: Es öffnet sich eine neue Tür zur Wirklichkeit. So wie der Verzicht auf Völlerei den Genuss wieder ermöglicht. Und wir lernen wieder, etwas zu tun, was wir seit unserer Kindheit für uncool hielten. Staunen.
Staunen
Wir sind, auch das hängt mit der Übermedialisierung zusammen, unfassbar abgeklärt. Wir wissen ja alles schon. Uns kann niemand mehr ein X für ein U vormachen (obwohl wir manchmal U und X gar nicht unterscheiden können). Wir sind scheinbar allwissend. Wir können ja alle „Informationen“ sofort aus dem Internet ziehen, und dann wissen wir Bescheid.
Weil wir uns in einer Wissens-Illusion befinden, können wir nicht mehr STAUNEN. Staunen findet statt, wenn eine positive Kognitive Dissonanz stattfinden. Wir werden sozusagen „nach oben“, ins Positive, enttäuscht.
Paul Watzlawick hat von der „sanften Kunst des Umdenkens“ gesprochen, die damit verbunden ist, dass wir die Welt mit neuen Augen sehen lernen.
Es gibt eine Menge „Experten“, Professoren, Spezialisten, die sich als professionelle Schlechterwisser betätigen. Schlechterwisser sind jene Neunmalklugen, die sich auf eine Unmöglichkeits-Theorie spezialisieren, etwa „Staatsschulden werden die Welt ruinieren“ oder „Ausländer verderben die Kultur“. Sie bringen es im Allgemeinen zu großem Ruhm in Talkshows oder „kritischen“ Medien, in denen der Negativitäts- und Angstbedarf hoch ist. Sie benehmen sich aber wie Elefanten im Porzellanladen der Hoffnungen und Lösungsmöglichkeiten. Sie wollen beweisen, dass nichts gelingen kann, und dabei produzieren sie enorme negative Energien.
In der Wirklichkeit erlebt man dann oft, dass die angesagten Katastrophen nicht passieren. Dass es sich um KONSTRUKTE handelte.
Ich träume von einer Kultur, in der man für seine negativen Zukunfts-Bilder selbst verantwortlich ist. Wie wäre es, wenn für jede Anklage, jede Defizit-Verkündung, jeden Jammeranfall, auch ein ernsthafter konstruktiver Vorschlag gemacht werden müsste? Das würde viele sinnlose Diskussionen zumindest in ein interessantes Chaos verwandeln….
STAUNEN ist die Gegenkraft gegen die Verzweiflung.
Staunen ist eine Form des menschlichen MIND, das Unerwartete wahrzunehmen. Und sich dabei mit der Zukunft zu verbünden.
Wie sagte der wunderbare Psychiater Stephen Grosz? Die Zukunft ist kein Ort, zu dem wir gehen.
sondern eine IDEE in unserem heutigen Bewusstsein.
Etwas, das wir erschaffen
Und das uns dabei verwandelt.
Anstatt wie üblich zu fragen: Was kommt auf uns zu? könnten wir schließlich die Fragerichtung der Zukunft umdrehen:
Was erwartet die Zukunft VON UNS?
Lassen Sie diese Frage eine Weile auf sich wirken. Merken Sie, wie sich die Perspektive verändert? Die Zukunft wird zu etwas Lebendigem, wenn wir uns in eine aktive Beziehung zu ihr setzen.
Die Zukunft braucht uns.
Zukunft ist eine Entscheidung.
Nehmen wir die Bettzipfel in die Hand, und machen uns auf den Weg zu den Monstern und Wundern. Dass wir dabei aus dem Bett fallen, und uns die Augen reiben, ist ganz natürlich. Rappeln wir uns wieder auf. Träumen wir weiter. Nicht überall warten nur Monster. Es gibt auch eine Menge Zauberhaftes.
Ein interessantes Neues Jahr wünscht Ihnen,
Ihr Matthias Horx
“
„The future is a dimension we need to pay attention to, because we are all stakeholders of it.“
Seth Goldenberg
wie jedes Jahr möchte ich Ihnen „zwischen den Jahren“ etwas Zu-Muten. Ich möchte Ihnen MUT zusprechen (beziehungsweise zu-schreiben).
70 bis 80 Prozent der Deutschen (in anderen Ländern ist es nicht viel anders) sehen dunkel in die Zukunft. Ich weiß nicht, ob Sie dazugehören. Aber was fangen wir damit an, dass so viele Menschen überzeugt sind:
ALLES WIRD IMMER SCHLECHTER!
ALLES!
An dieser Überzeugung möchte ich ein bisschen rütteln. Ganz sanft.
Fangen wir mit einem Wahrnehmungs-Experiment an. Lesen Sie bitte diese Meldung ruhig und aufmerksam: Nach dem internationalen Walfangverbot von 1946 (das 1986 in ein allgemeines Moratorium des Walfangs umgeformt wurde) haben sich die meisten der 80 Unterarten der weltweiten Walbestände erholt. Einige Arten wie der Buckelwal sind schon weitgehend zu ihren alten Beständen (80.000 Exemplare) zurückgekehrt. Pottwale, Minkwale, Orkas, selbst die selten geworden Blauwale vermehren sich kräftig und ziehen wieder in großen Schwärmen und Familien durch die Meere. Und sind bis auf wenige Ausnahmen (etwa Nordkaper) heute nicht mehr vom Aussterben gefährdet …
Was löst diese Meldung in Ihnen aus? Lassen Sie mich raten: Erstmal sind Sie skeptisch. Misstrauisch. Woher stammt diese Meldung? Von der Lebertran-Industrie? Schnell schauen Sie im Internet nach. Dort stoßen sie auf Geschichten über Wale, die Plastik verschlucken und daran verenden, am Ufer gestrandet sind, in Japan immer noch gejagt werden … Über die heutigen Walpopulationen gibt so gut wie keine Veröffentlichungen. Auch bei Wikipedia – nichts über die heutige Situation!
Der Punkt ist: Diese Meldung existiert nicht.
Und trotzdem ist sie wahr.
Positive Entwicklungen sind eine Leerstelle in unserer Wahr-Nehmung.
Wir können uns nicht über Erfolge freuen.
Und wenn es Erfolge gibt, erwarten wir Perfektion.
Und das ist ein gigantisches Problem.
Für die Zukunft.
Das menschliche Gehirn ist als Gefahrenmelder konstruiert. Als große Alarmglocke. Wir nehmen negative Meldungen zehnmal intensiver wahr als positive. Wir GLAUBEN auch den negativen Meldungen viel häufiger – obwohl sie viel öfter übertrieben oder sogar falsch sind.
Positive Entwicklungen sehen wir sehr oft als Verharmlosungen.
ABERISMUS und Whatsboutismus
Sie werden wahrscheinlich bemerkt haben, dass in Ihrem Hirn sofort eine Suchoperation nach dem Prinzip „ABER“ begonnen hat: WENN das mit den Walen tatsächlich stimmen SOLLTE (Sie sind ja skeptisch!), WAS ist dann mit den Korallenriffen, dem Arten- und dem Wäldersterben, der Klimakatastrophe …?
Das ist eine Variante des Whatsaboutismus. Ihr Hirn sucht nach vergleichbarem Negativem, um die grundnegative Voreinstellung aufrechtzuerhalten.
ABERISMUS ist eine Art Grund-Denkmuster. Lesen Sie einmal in einem Meinungsmedium wie dem „SPIEGEL“ nur die Überschriften und Vorspänne. In 80 Prozent geht es um Schreckliches, Gefährliches, Drohendes, Negatives. Wenn es doch einmal etwas Positives gibt, steht spätestens in der zweiten Zeile ein fettes ABER.
Wenn die Kriminalitätsrate sinkt, könnte sie ja wieder steigen.
Wenn sich die Regierung einigt, könnte sie sich ja wieder zerstreiten.
Wenn die Wirtschaft sich erholt, könnte es ja demnächst eine tiefe Rezession geben.
Wenn die Mittelschicht NICHT „auseinanderbricht“, könnte sie ja demnächst verarmen.
Nie kann etwas „für sich“ positiv sein. Jede Verbesserung erzeugt sofort die nächste Gefahr, die nächste Krise. Alles wird an einem Ideal gemessen, das kaum erreichbar ist. Das ist die Doom spiral trap. Die Abwärtsspiralenfalle.
Denken wir einmal andersherum: Wenn die internationale Gemeinschaft die Wale, diese wunderbaren Meeressäugetiere, weitgehend retten konnte –, könnte so etwas nicht auch mit anderen Herausforderungen gelingen?
Etwa mit der Erderhitzung?
Es stimmt: Die bisherigen Veränderungen reichen noch nicht aus. Aber die Menschheit hat es immerhin geschafft, sich von einem Erwärmungspfad von vier, fünf Grad zu entfernen. Jetzt geht es darum, um zwei Grad zu kämpfen. Und das zu erreichen, ist keineswegs aussichtslos.
Stellen wir uns vor, die Klimawende würde generell sogar ganz gut funktionieren. Trotz, oder gerade WEGEN des ewigen hässlichen Streits, der sich darum entfacht hat (siehe dazu diesen Text von Robinson Meyer in „The Atlantic”: The Paris Agreement Is Working … for Now).
Sofort meldet sich der negative Zwerg in uns. Also NEIN, das geht ja GAR nicht! So DARF man nicht argumentieren! Der Zwerg wird richtig wütend. Er behauptet, dass es UNVERANTWORTLICH ist, so etwas zu behaupten. Verharmlosung! Das grenzt an Klimaleugnung!
Es gibt längst so etwas wie Negativ-Tabus. Untergänge, denen nicht widersprochen werden darf.
Wir leben in einer kollektiven, medial verstärkten Negativ-Blase.
In einer apokalyptischen Arroganz.
Einem UNGLAUBEN gegenüber der Zukunft.
Der selbstherrlich ist.
Weil er die vielen Verbesserungen,
Die Segnungen und Fortschritte.
Das Engagement der Engagierten.
Abwertet. Ignoriert. Geringschätzt.
Nicht wahrnimmt und würdigt.
Wie kommen wir da raus?
Die folgenden „Trendmeldungen“ stammen zu einem großen Teil von der australischen Konstruktiv-Journalismus-Seite futurecrunch.com.
Versuchen Sie beim Lesen, Ihrem inneren Aber-Teufel und dem Negativen Zwerg einmal eine Auszeit zu gönnen.
Genießen Sie es einfach einmal – das Positive!
Lassen Sie sich positiv verblüffen!
“
„Pessimisten haben immer recht. Meine Befürchtung ist, dass sie dermaßen davon begeistert sind, dass sie keine Anstrengungen unternehmen, falsch zu liegen.“
Steward Brand
Good News 2022
Zwischen den Jahren 2000 und 2020 hat der Anteil der Menschen mit Zugang zu sicherer Wasserversorgung von 3,8 auf 5,8 Milliarden zugenommen. 2 Milliarden Menschen mehr in nur 20 Jahren können heute sauberes Wasser nutzen! World Health Organization
Der Zugang zu ELEKTRIZITÄT stieg in einem ähnlichen Zeitraum von 83 Prozent auf 91 Prozent. (Der hoffentlich vorübergehende Ausfall der Elektrizität in der Ukraine wird diesen grundlegenden Trend nicht zerstören.) trackingsdg7.esmap.org
Der Anteil von Menschen, die mit Holz, Holzkohle, Kerosin, Dung oder gar Müll/Plastik kochen, fiel von 53 Prozent auf 36 Prozent weltweit – was heißt, dass 2,5 Milliarden Menschen MEHR jetzt elektrisch oder mit sauberen Öfen kochen. futurecrunch.com
Die Kinderarmut in den USA ist in den letzten 25 Jahren um 59 Prozent gesunken. 1993 lag die Armutsrate noch bei eins zu vier, heute bei eins zu zehn. Die Zahlen sind zwar nur bis 2019 erhoben, die Corona-Jahre haben aber nach den ersten Schätzungen den Trend nicht wesentlich gebrochen. www.childtrends.org
Überhaupt hat sich ein verblüffender Gegentrend zur sozialen Spaltung in den USA entwickelt: Das Ungleichheitsproblem hat sich dort zum ersten Mal in einer Generation verbessert. Die Armutsrate der USA fiel 2021 um 7, 8 Prozent. Der Wohlstand der unteren 50 Prozent verdoppelte sich in den letzten 2 Jahren. Man vermutet, dass dieser Effekt mit der neuen Arbeitsknappheit nach Corona zusammenhängt – die Löhne können steigen, und die Nachfrage nach Jobs ist größer als das Angebot. Bloomberg
Der Anteil von Früh-Schwangerschaften ist WELTWEIT von 64 pro 1000 Mädchen im Jahr 2000 auf 42 gesunken. Und zwar in ALLEN Regionen der Welt (mit geringen lokalen Ausnahmen). www.who.int
Korallenriffe können sich in einem erstaunlichen Ausmaß selbst regenerieren. Im Jahr 2015 fegte einer der drei schlimmsten je beobachteten El Nino-Ströme über die Korallenriffe der pazifischen Insellinien und zerstörte die Hälfte von ihnen. Sechs Jahre später blühten die Korallenriffe dort wieder, mit mehr als 43 Millionen Kolonien pro Quadratkilometer. National Geographic
Maßnahmen zur Vermeidung von Nahrungsmittelverschwendung fangen an zu greifen. In London beginnen Händler, keine Ablaufdaten mehr auf Packungen zu drucken. In Kalifornien und Frankreich wird unverkäufliche Ware zu bestimmten Zeitpunkten von den Supermärkten ausgegeben. Und Südkoreas konsequentes Recycling/Kompostierungsprogramm wirkt: Im letzten Jahrzehnt sankt der Food waste von 3400 auf 2800 Tonnen pro Tag. New York Times
In Schottland, einst ein einziger dichter Wald, entwickelt sich ein äußerst spektakulärer Wiederaufforstungs-Trend. Einerseits wird er von ausländischen „Green Lairds“ (Grünen Landlords) getrieben, die große Mengen von Land aufkaufen und aufforsten. Unter ihnen auch reiche Amerikaner, die oft Widerstand von Jägern und Naturschützern erleben, die den „natürlichen“ Zustand des Landes schützen wollen (der aber gar nicht „natürlich“ ist). Andererseits gibt es aber auch Initiativen aus den Communities wie die Tarras Valley Nature Reserve. The National
Die erste Ernte einer sehr klimanützlichen Pflanze ist eingebracht: Einige Tonnen der Alge Asparagopsis wurde an der Küste von West-Australien geerntet. Wenn man sie dem Futter für Kühe zumischt (5 Gramm pro Kilogramm genügen), stoßen diese bis zu 95 Prozent weniger Methan aus. Asparagopsis-Farmen könnten weltweit ein riesiges Geschäft werden, von bis zu 100 Millionen Dollar jährlich bis 2025, da die Anwendung als Klimaausgleichs-Bonus verkauft werden kann. www.abc-net.au
Ja, es gibt vollstreckte Todesurteile in der Diktatur Irans. Unfassbare Brutalität. Aber im gleichen Jahr wurde die Todesstrafe in Malaysia, Sambia, der Zentralafrikanischen Republik, Papua New Guinea und Equatorial Guinea abgeschafft. In 70 Prozent der Staaten sind Todesurteile jetzt gesetzlich nicht mehr möglich.
Ja, es gab in diesem Jahr schrecklich viel Gewalt gegen Frauen. Und gegen sexuelle Minderheiten. Aber Pakistan verabschiedete ein strenges Gesetz zum Schutz von Frauen am Arbeitsplatz. Indiens höchstes Gericht verbietet der Polizei die Verfolgung von Prostituierten und gab ihnen das Recht zu Sozialleistungen, Wahlrecht und Bankkonten. Die Philippinen untersagten Kinder-Heirat und erließen Gesetze gegen Gewalt gegen Frauen. Kolumbien dekriminalisierte Abtreibung, Mexiko ebenso wie Sierra Leone verbesserte reproduktive Rechte, und in Liberia wurden ähnliche Gesetze auf den Weg gebracht. Slowenien legalisierte Same-Sex-Heiraten (das 31. Land), ebenso wie Kuba nach einer Volksabstimmung. Singapur ebenso wie Antigua, und Barbuda dekriminalisierte Homosexualität … die Liste ist noch länger, aber es soll einstweilen genügen.
Kleine Test-Zwischenfragen:
Wie viele Morde gab es im letzten Jahr (2021) in Deutschland, einem Land mit 83 Millionen Einwohnern?
Antwort: 220 de.statista.com
Wie hoch ist der Durchschnitt der Jahres-Schätzung von Morden in Deutschland in einem gut durchmischten Publikum bei Vorträgen? 2.500 (eigene Test-Erfahrung)
Wie viele Deutsche glauben, dass die Gewalt- und Mordrate STEIGT? 60 Prozent
Wie viele grausige Morde sieht ein durchschnittlicher Bürger jedes Jahr in Fernsehen, Film, Kino, Internet? Das ist schwer zu schätzen.
Laut dem Media Activity Guide benutzen Deutsche 4 Stunden täglich das Fernsehen, 80 Minuten das Internet, 70 Minuten das Smartphone. In jedem zweiten Film kommen Mord- und Totschlag vor. Pro Krimi gibt es statistisch 2,5 Tote. Es gibt eine ganze „Crime Industry“, die einen großen Teil unseres medialen Kosmos ausmacht.
Pakistan, von Überschwemmungen gebeutelt, ist gleichzeitig eine der am wenigsten berichteten Entwicklungs-Erfolgsgeschichten der letzten Dekaden. Zwischen 1990 und 2019 stieg die Lebenserwartung um 7,2 Jahre, die Schulzeit um 2,9 Jahre, das Einkommen um 64 Prozent, der Anteil der Menschen unter der Armutsgrenze sank von 50 auf unter 20 Prozent. hdr.undp.org
Vor drei Jahren startete Pakistan das „Zehn-Billiarden-Baum-Projekt“, was viel kritisiert wurde – heute ist das Land auf der Zielgerade für 15 Milliarden Bäume. Auch die benachbarte Mongolei macht mit und spendiert 1 Prozent seines GDP für eine Milliarde Bäume, um die Wüstenbildung einzudämmen. dunyanews.tv
Noch vor der Artenschutzkonferenz in Montreal im Dezember wurden 2022 Millionen Quadratkilometer Land unter Naturschutz gestellt. Zum Beispiel die Calakmul Biosphere Reserve in Mexiko mit 1,3 Millionen Hektar. Oder 4000 Quadratkilometer Wald in Belize, Guatemala, Bangladesh (Mongabay). Oder Indonesiens neues Raja Ampat Archipelago, wo Korallenriffe und wunderschöne Küstenregionen geschützt wurden. Ecuador erweiterte die Rechte der Indigenen zum Schutze der Wälder. Burundi pflanzte 150 Millionen Bäume, um die Existenz von Dorfgemeinschaften zu sichern, und Afrikas Great Green Wall funktioniert jetzt in Niger, wo erstaunliche 200 Millionen Bäume gepflanzt wurden. Auch Indonesien schaffte signifikanten Fortschritt beim Schutz seiner tropischen Sumpfgebiete.
Man kann die Opfer von Corona auch andersherum rechnen. Covid-Vakzine retteten nach neuesten Rechnungen 19,8 Millionen Menschen vor dem Tod. Allein Indien vermied 4,2 Millionen Covid-Tote, die USA 1,8 Millionen. Dank der schnellen Fortschritte bei den Impfungen stehen immer mehr Mittel auch gegen andere infektiöse Bedrohungen zur Verfügung, etwa gegen das in Europa stark kursierende RS-Virus. www.vox.com
Wladimir Putin ist der beste Transformator von dumpfer Fossilität zu einer Welt der erneuerbaren Energien. Im Jahr 2022 schaltete die Entwicklung der Erneuerbaren in einen neuen Gang, auch wenn man das in Deutschland, wie üblich, nur als STREIT wahrnimmt. Die IEA erhöhte ihre Prognose zum Ausbau der Erneuerbaren wie noch nie, um 76 Prozent im Vergleich zu vor zwei Jahren und geht jetzt davon aus, dass die Kohle endgültig im Jahr 2025 überholt sein wird. www.iea.org
19 Europäische Staaten erhöhten angesichts des Krieges ihre Pläne für die Erneuerbaren, und schon aus Kostengründen werden sie diese Zusagen auch einhalten (müssen), 9 Anrainerstaaten der Nordsee entwickelten einen massiven Ausbauplan für Offshore-Windkraftwerke. Am kräftigsten wird der Anteil aber beim „Carbon-Weltmeister“ (pro Kopf) USA steigen, wo massive staatliche Investitionen nach Ansicht vieler Analysten einen starken Widerstand gegen die Dekarbonisierung überwunden haben. Man schätzt, dass allein die Erfüllung der Renewable-Pläne der USA ein ganzes Grad Erderwärmung „sparen“ könnten. Schon jetzt erleben die USA einen Riesen-Boom von Solarinstallationen auf Dächern, das Gros der amerikanischen Autoindustrie setzt massiv auf E-Cars. The Atlantic
China wird gerne als der größte Klimasünder von allen gebrandmarkt. Jetzt aber mehren sich die Zeichen für einen Tipping Point des Carbon-Ausstoßes Chinas noch in diesem Jahrzehnt. Allein der Windenergie-Anlagen-Zubau 2020 – 2025 wird 870 Megawatt betragen, das ist so viel wie die gesamte vorhandene Kapazität der USA. Die heutige Jahresproduktion von Solarzellen von 295 GW (ca. 200 Kernkraftwerke) wird nach den Marktberechnungen auf 940 GW im Jahr 2025 steigen, das sind 6 Prozent der gesamten Stromproduktion der Welt JÄHRLICH. Dadurch werden zahlreiche Kohlekraftwerks-Bauten storniert, weil sie sich immer weniger rechnen. Lauri Myllyvirta PV Magazine
Viele überdimensionale Solar- und Wind-Projekte sind geplant, wie eine Offshore-Windfarm von gigantischen Ausmaßen bei Chaozhou, mit 43 Gigawatt, das sind rund 38 große Atomkraftwerke.
Kennen Sie auch Leute, die ständig über die Umweltschädlichkeit von Lithium als Rohstoff für die Elektromobilität reden (nicht selten Männer mit erheblichen Auspuffen an ihren Autos)? Nur ein paar Zahlen: Im Jahr 2021 wurden 4,2 Milliarden Tonnen Öl gefördert, 40.000 Mal so viel wie Lithium. Insgesamt wurden bislang 160.000 Tonnen Lithium geschürft, im Vergleich zu 68 Millionen Tonnen Aluminium und sagenhaften 2,6 Billionen Tonnen Eisen. Lithium kann man übrigens auch aus Grundwasser gewinnen, es ist fast überall vorhanden. Und es lässt sich recyceln. Die ersten Anlagen laufen gerade an. Bloomberg
Die Verkäufe von Elektroautos erreichen 2022 über 10 Millionen gegenüber 6,6 Millionen im letzten Jahr. Das ist noch sehr wenig, aber die Kurve steigt derzeit schnell an; sie geht in den exponentiellen Teil über. E-Autos sparten bereits 1,7 Millionen Barrel Öl bis Ende 2022 ein. In China allein waren 30 Prozent der Neukäufe elektrisch (2021: 13 Prozent), in Norwegen 90 Prozent. Die Investitionen in den CO2-freien Transport-Sektor weltweit stehen heute bei 450 Milliarden Dollar, besonders bei E-Lastwagen sind enorme Fortschritte sichtbar.
Folgende Tierpopulationen haben sich 2022 deutlich erholt oder sind in eine günstigere Position gekommen (kleiner Auszug):
Tiger
Saiga-Antilopen
Gabon-Elefanten
Giraffen
Einhornige Nashörner
Goldener Löwen-Tamarin
Wölfe
Rhinos
Northern Spotted Owl
Haie
Schildkröten
Pirarucu
Atlantischer Kabeljau
Thunfisch
Fischadler, Kranich und Löffelstör,
Kondore
… to be continued!
Hat Deutschland wirklich nichts erreicht mit seiner „Energiewende“? Sind die erneuerbaren Energien nicht eher durch Kohle und Atomkraft ersetzt worden, führt der Ukraine-Krieg also geradewegs in die Re-Fossilisierung? Das ist ein weit verbreitetes Negativ-Gerücht in deutschen Medien. Sehen Sie hier die Zahlen von einer anderen Warte aus betrachtet: Chadvesting.
Übrigens: Die erwarteten Zuwächse von Wind- und Solarenergie-Zubau in Deutschland sind in diesem Jahr auf dem erwarteten Pfad geblieben. (Quelle: „DIE ZEIT“)
Die CO2-Ausstöße der Welt werden mit einiger Wahrscheinlichkeit noch in diesem Jahrzehnt ihren PEAK erreichen (was allerdings nicht heißt, dass der atmosphärische Anteil von CO2 schnell sinkt; das dauert Jahrzehnte). Die Weltdatenbank ourworldindata.org hat die neuesten Daten der CO2-Entwicklung veröffentlicht, und darin zeigen sich interessante Anhaltspunkte. Wenn wir die langfristigen CO2-Ausstöße verfolgen, wird deutlich, dass die Kurve in den letzten Jahren deutlich abgeflacht ist. Corona brachte eine Zickzack-Linie in den Verlauf, was auf einen bevorstehenden „Tipping Point“ hinweisen könnte.
Auch wenn die CO2-Ausstöße momentan wieder steigen, sind „Langfrist-Entwicklungen“ sichtbar, die in eine positive Richtung weisen. Der „ECONOMIST“ veröffentlichte eine Grafik, die das Verhältnis von CO2-Senken und -Zuwächsen darstellt:
Interessant ist auch der Verlauf der Per-Capita-Emissionen, die im globalen Maßstab stagnieren, in den großen Industrienationen aber deutlich fallen. Da die Weltbevölkerung immer weniger wächst, deutet sich hier eine Wende an:
Wann WÄRE es denn genug?
KANN es JEMALS genug sein?
Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass viele dieser Meldungen aus anderen Regionen der Erde stammten. Das führt zu einem seltsamen Reflex des Aussortierens: Geht mich das was an? Was habe ich damit zu tun, wenn in Vietnam die Armut sinkt oder in Pakistan Mangrovenwälder geschützt werden?
Wir stoßen hier auf den Effekt des katastrophischen Narzissmus. Wir nehmen nur Entwicklungen wahr, die in unser KONZEPT, unser momentanes Erwartungssystem von Bedrohungen passen.
In Umfragen zum Zukunftsbild der Menschen stoßen wir auch immer wieder auf das Phänomen des apokalyptischen Cocoonings. Wenn man Menschen nach ihrem eigenen Befinden in ihrem Nahbereich fragt (Familie, Nachbarschaft, Dorf, Stadt), antworten sie meistens: „Ganz gut, ich habe Hoffnung für die Zukunft.“ Aber je größer die befragte Distanz nach außen ist, desto schlechter wird die Welt. Deutschland: Kaputt. Europa: Katastrophe. Der Rest der Welt: Reden wir erst gar nicht drüber!
Wir fühlen uns auf eine seltsame Weise mitten in einer kaputten Welt recht wohl. Wie kann das sein?
Wir sind professionelle Schlechterwisser.
Wir suhlen uns gerne in erwartetem Unglück.
In der Annahme,
Immer recht zu haben.
Aber wie wäre es,
Wenn wir das Bessere schätzen lernen.
Auch wenn es zunächst nur klein ist.
Anstatt mit dem großen Angsthammer
auf alles einzuschlagen,
was uns Hoffnung machen kann.
Frohes Fest!
Und gute Zukunft,
Ihr Matthias Horx
“
„Wenn wir die Geschichte der Menschheit im 21. Jahrhundert verändern wollen, müssen wir die Stories verändern, die wir uns selbst erzählen.”
Mehr positive Meldungen aus der Tiefe des Planeten: futurecrunch.com
Für einen Grundkurs in nicht-naiver Zuversicht rate ich, den neuen „Global Ignorance Test“ von Ola Rosling zu machen. Ola arbeitet für die UNO und die „Global Goals“ und kämpft im Erbe seines Vaters Hans Rosling gegen die negative Ignoranz. Im Test sind 48 Fragen zu beantworten, die uns über unsere globalen Trend-Wahrnehmungsverzerrungen aufklären und uns mit dem wahren Stand der Fortschritte der Menschheit vertraut machen. Leider nur in Englisch: www.gapminder.org
Empfehlen kann ich die Bücher der Neurowissenschaftlerin Maren Urner: „Raus aus der ewigen Dauerkrise“ (2021) und „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ (2019).
In Deutschland gibt es nicht allzu viele Ansätze des Konstruktiven Journalismus. Angstbeschwörung zählt immer mehr als Lösungs-Konstruktivität. Immerhin: das Online-Magazin PERSPECTIVE DAILY versucht, dem alltäglichen Doomsday etwas entgegenzusetzen.
Hinweisen möchte ich noch auf meine KLIMA-REGNOSE, einer konstruktiven Zukunfts-Studie zur Klimawende: onlineshop.zukunftsinstitut.de
Als Trend- und Zukunftsforscher werde ich oft gefragt: Wie „findet“ man eigentlich Trends? Wann ist ein Trend ein Me-gatrend, wie definiert man das – mit welchen Kriterien?
Komplexe Trendforschung hat mit einer bestimmten Tech-nik der Weltbeobachtung zu tun. Man tritt einen Schritt zurück, um zahlreiche Phänomene in ihrem Zusammenhang zu sehen. Ein dynamisches Muster zu erkennen.
Trend-Definitionen entwickeln sich aus einem Anamnese-Prozess. Einer Befragung der Umwelt und ihrer Signale. Zu-nächst geht es um Zeichen, Symbole, Hinweise – „Clues“, die sich verdichten, die uns Fragen stellen: Wie kommt es zu diesem Phänomen? Ist das nur Zufall? Oder gibt es höhere Zusammenhänge?
Sind Ihnen schon einmal folgende Phänomene aufgefallen?
Die Regalmeter für Themen wie Selbsthilfe, Selbstveränderung und Bewusstseinsveränderung in den Buchhandlungen (analog und virtuell) verbreitern sich weiter und weiter.
Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit Meditation und Achtsamkeits-Haltungen. Fernöstliche Philosophien diffundieren in die Gesellschaft und ersetzten (oder ergänzen) alte christliche Muster.
Das Gefühl, in einer nur noch von rasenden medialen Phänomenen geprägten Welt zu leben, und dadurch einen regelrechten Realitätsverlust zu erleiden – den eigenen Wahrnehmungen nicht mehr trauen zu können –, steigt.
Mentale Themen wie Neurowissenschaft, Kognitive Psychologie und Bewusstseinsveränderung erleben einen erstaunlichen Boom.
Die Arbeitswelt verändert sich in Richtung Sinn-Anspruch und Selbstbestimmung: Corona hat Phänomene mit sich gebracht wie „The Great Resignation“. Der große Ausstieg. So nennen die Amerikaner das Phänomen, dass Millionen US-Bürger nach Corona nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen zu-rückgekehrt sind. Das gibt es nicht nur in den USA, und nicht nur bei Billigjobs. Immer mehr Menschen kündigen im Sinne der Selbstfindung. Überprüfen ihre Lebens-Strukturen. Ihre existentiellen Entscheidungen.
Nach Corona nimmt das „Ich-bin-dann-mal-weg“-Syndrom deutlich zu. Immer mehr Zeit wird in Retreats, Kuren, Selbst-findungs-Workshops zugebracht. Viele üben „meditative“ Sportarten (Wandern, Pilgern, Surfen) aus, gehen auf lange Auszeiten und Reisen zur Selbstfindung.
Natürlich erscheint das alles erst einmal zusammenhanglos. Man kann es leicht als „elitär“ denunzieren. Die einzelnen Phänomene sind für sich genommen auch nichts Neues – immer schon hat es Aussteiger, Sinnsucher gegeben, die sich vom „Lärm der Welt“ absondern wollten. Und müsste man, wenn man von Megatrends spricht, nicht eher das Gegenteil behaupten? Leben wir nicht im TikTok-Zeitalter der immer kürzer getakteten Erregungen und Oberflächlichkeiten, der Profanitäten und unfassbaren Blödsinnigkeiten? Alles wird immer kurzfristiger, flacher, trivialer, unbewusster – ist DAS nicht der Haupt-Trend?
So scheint es.
Aber jeder Trend erzeugt irgendwann einen Gegentrend. Die Globalisierung, die seit dreißig Jahren einen wahren Turbo eingeschaltet hat, brachte den Gegentrend zum reaktionären Nationalismus (und zur Heimatsuche) hervor. Der Großtrend der Urbanisierung erzeugt die Sehnsucht nach dem Landleben. Die rasende Digitalisierung kippt irgendwann in das Bedürfnis nach dem Real-Analogen. Nach dem, was man anfassen und berühren kann.
MEGATRENDs verlaufen in Zyklen, in denen sie sich selbst verändern. Von Zeit zu Zeit bilden sie Kipppunkte, TIPPING POINTS. Das liegt auch daran, dass Megatrends zur Übertreibung neigen. Sie sind so mächtig, dass sie ins Gegenteil umkippen können.
Es ist wie bei Meereswellen: Manchmal sind die Unterströmungen, die in eine ganz andere Richtung führen, stärker als das Geschehen an der Oberfläche.
Nehmen wir zum Beispiel einen Schlüsseltrend unseres soziokulturellen Universums: Individualisierung.
Eine kleine Geschichte der Individualisierung
Individualisierung bedeutet, dass die Selbstdefinition von Menschen sich immer weniger an Klassen, Schichten, Normen und anderen Zugehörigkeiten ausformt. In Wohlstandsgesellschaften steigt der Selbstbezug ständig an, gerät die Selbst-Verwirklichung immer mehr ins Zentrum der Identität. Die „Gesellschaft der Singularitäten“ entsteht.
Allerdings ist dieser Prozess nie ganz vollständig. Schon deshalb, weil Menschen immer auch soziale Wesen sind. Und ANDERE brauchen, um sich selbst zu finden.
Radikale Individualisierung würde also ins Nichts führen. In eine Gesellschaft, die keine mehr wäre.
Individualisierung hat sich in drei Phasen entwickelt:
Rebellion
In der ersten Phase des Individualismus-Trends entwickeln Menschen ihre Identität in Abgrenzungen und Rebellionen. Die eigene Identität wird aus einer Verneinung heraus entwickelt: Ich will nicht so werden wie die Anderen. (Heute dient „Dagegensein“ nicht mehr der Befreiung, sondern kommt aus der rechten Ecke und spielt mit aggressiver Unterwerfung).
Hedonismus
In der zweiten Phase wird der Hedonismus zur zentralen Werteorientierung der Gesellschaft. Hedonismus ist die Ideologie des individualisierten Genusses als zentraler Lebenssinn. Konsumkultur und Individualismus verbinden sich zu einer Ideologie des maximalen Erlebens: Steigerung der Lebensintensität, Konsum-Maximierung, Feiern bis der Arzt kommt! Spätestens seit Corona steht der Arzt allerdings ständig mitten im Raum. Und im Angesicht des Krieges und einer Klima-Krise ist das Immer-mehr-Spaß-haben ziemlich unlustig geworden.
(Re-)Kontextualität
In der dritten Phase der Individualisierung, der Reifungsphase, kommt es zu einer Rekursion (Rückbeziehung) auf existentielle Lebensfragen. Man will sich wieder in Beziehung setzen: Was bin ich? Wer bin ich geworden? Wie stehe ich in der Welt? Man sucht nach neuen Kontexten und Sinnbezügen. In Bezug auf das Arbeits- und Beziehungsleben, aber auch auf die Frage, wo und wie Wandel, Selbst-Veränderung, noch möglich ist.
Wer bin ich – und wenn ja, wie kann ich mich ändern?
Eine Hinwendung zum Inneren, oder einer neuen Spiritualität, wäre nicht das Gegenteil des Individualisierungs-Trends, sondern seine Fortführung auf einer anderen Ebene. Im hedonistischen Individualismus ist jeder nur noch für sich allein. Das führt zu einer verstärkten Suche nach Bindungen, Verlässlichkeit, Bezügen, die auch vertikale Ebenen einschließen – jene Dimensionen, in denen wir über die Grenzen unserer eigenen Existenz hinausreichen.
Schlüssel-Jahre oder „Kipppunkte des Zeitgeistes“
Der Schweizer Historiker Philipp Sarasin schildert in seinem Buch „1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ die Ereignisse, die sich im Jahr 1977 vollzogen. Die linke Terrorgruppe RAF startete ihre Selbstmord-End-Offensive und beendete die rebellische Unschuld der Hippie-Ära. Etwas Tragisches kam plötzlich in die Welt, in dem sich die visionären Träume der Gesellschaftsveränderung ins Negative umformten. Gleichzeitig wurde der Personal-Computer präsentiert. Punk, Disco und Hip-Hop boomten. Viele junge Sinnsucher (ich selbst gehörte auch dazu) suchten das einfache Leben auf dem Land, gingen auf Weltreise und Selbstfindungs-Trips. Der Ashram des Gurus Bhagwan in Poona in Indien wurde von jungen Menschen aus Europa und Amerika überrannt.
Befinden wir uns heute, anno 2022/23, in einer ähnlichen Schlüsselzeit? Wir erleben wieder Phänomene der unauflösbaren Tragik: Krieg, Seuchen, faschistoide Erregungswellen, unaufhaltsame globale Erhitzung. Phänomene, die uns hilflos und ohnmächtig machen.
Das Außen überwältigt uns. Und im Inneren fühlt es sich leer an.
“
Wenn die Zeiten von einem unübersichtlichen Wandel geprägt sind, verlagert sich der MINDSET von Außen nach Innen. Das prägte Epochen wie die deutsche Romantik, das Fin de Siècle oder die Rebellionszeiten der 60er/70er Jahre. Einer Ära der Außenorientierung folgt ei-ne Phase der Innerlichkeit. Und manchmal passiert beides zugleich. Dann werden aus Wendezeiten echte Wandelzeiten.
Viele Menschen leiden hochgradig an Digitaler Erschöpfung. Digitalisierung war in den letzten Jahrzehnten so etwas wie ein Transzendenz-Ersatz. In der METAVERSE-Fiktion versucht der Digitalismus noch einmal ein letztes Utopieversprechen, das aber längst unglaubhaft geworden ist. Man spricht vom Digital Burnout oder der Outrage Fatigue, die Empörungs-Erschöpfung angesichts unendlicher Hass-, Wut- und Fake-News-Wellen. Der französische Soziologe Gérald Bronner hat das die „Kognitive Apokalypse“ genannt (siehe sein gleichnamiges Buch).
Immer mehr Menschen suchen Wege aus der toxischen Medialität, die unsere Hirne vernebelt und unsere Wahrnehmungen der Welt verzerrt. Immer mehr Menschen versuchen, ihre Aufmerksamkeits-Ressourcen von den medialen Ausbeutungssystemen zurückzugewinnen, zu denen sich die Social-Media-Plattformen entwickelt haben.
Das wäre der eigentliche Kern von MINDCHANGE: Bei den eigenen Empfindungen, den eigenen Gefühlen und Wahr-Nehmungen neu anzufangen. Aussteigen aus einem System, das auf ständige Angst- und Erregungs-Steigerung setzt. Sich selbst wieder wahrnehmen können. Vielleicht entwickelt sich hier eine Befreiungs-Bewegung, die nicht mehr auf gesellschaftliche Veränderung zielt, sondern – zunächst – auf die Befreiung des Geistes.
Vor einem guten Jahrzehnt definierte das Zukunftsinstitut den SELFNESS-Trend. Damit war – in Abgrenzung zur damaligen „Wellness“-Welle (die eher auf passive Verwöhnung zielte) – die Weiterentwicklung zu einem authentischen Selbst gemeint. MINDCHANGE geht noch ein Stück weiter. Es geht dabei um die Fähigkeit mentaler Souveränität.
Fernöstliche Denkschulen lehren in unzähligen Varianten schon immer, wie man den MIND in eine andere Position zur Welt bringt. Viele Psychologie-Schulen haben die Ideen des mentalen Konstruktivismus aufgenommen und an die moderne Welt angepasst. Die Welt ist vor allem eine Vorstellung, die wir selbst produzieren. Es geht darum, die eigenen Gedanken, Ge-fühle, Wertungen, Konstrukte nicht mit der Wirklichkeit – und mit sich selbst – zu verwechseln.
Das zentrale Stichwort lautet SELBSTWIRKSAMKEIT. Es geht um die Fähigkeit, die inneren FRAMES, die eigenen WahrnehmungsMuster, zu erkennen und zu erweitern.
Nicht immer gleich jeder Angst verfallen.
Die eigenen Schwächen umarmen.
Erregungsgemeinschaften meiden.
Die Welt mit neuen Augen sehen.
Den inneren Nörgel-Troll verabschieden.
Der Psychologe Daniel Siegel spricht in seinem gleichnamigen Buch „MINDSIGHT“ („Geistessicht“ funktioniert als Übersetzung nur halb gut):
„Mindsight ist eine konzentrierte Aufmerksamkeit, die uns die internen Abläufe des eigenen Geistes offenbart. Sie macht uns die inneren Prozesse bewusst, ohne dass wir uns von ihnen mitreißen lassen, ermöglicht es uns, vom Autopiloten mit all seinen tief verwurzelten Verhaltensweisen und Reaktionen wegzukommen und löst uns aus den emotionalen Gefühls-Schlaufen, in denen wir alle gelegentlich fest-stecken … Damit erreichen wir, dass wir unsere Erfahrungen anders gestalten und umlenken können, erreichen mehr Entscheidungsfreiheit bei alltäglichen Betätigungen, haben mehr Kraft, die Zukunft zu planen und Autoren unserer eigenen Lebensgeschichte zu werden.“ (S. 14)
MINDCHANGE hat, als kommerzieller Trend gesehen, auch eine dunkle Seite. Eine Selbstoptimierungs-Industrie ist inzwischen entstanden, mit knallhart ausbeuterischen und manipulativen Geschäftsmethoden. Dort „designe“ ich mich als willensstarkes Ich, das ständig Verbesserungen der „Performance“ durchführt. Selbstoptimierung ersetzt Bewusstheit durch EGO – und läuft in eine Steigerungsfalle, an deren Ende immer Erschöpfung und Enttäuschung lauern.
In der MINDCHANGE-Idee geht es gerade nicht um Optimierung, sondern um Akzeptanz: Sich selbst in ein neues Selbst-Verhältnis bringen, nicht ständig an sich herumbasteln…
Am Ende geht es um Empathie. Zu sich selbst und anderen. MINDCHANGE beinhaltet auch die Idee, ein erfüllteres soziales Leben zu führen. Das geht besser, wenn man sich nicht dauernd selbst auf die Nerven geht.
Der zweite große Glaubenszerfall unserer Tage – neben dem Glauben an den linearen technisch-ökonomischen Fortschritt – hat mit der Krise der christlichen Kirchen zu tun. Wir sollten uns nicht täuschen: Der Zerfall traditioneller Kirchenbindungen geht nicht spurlos an der Gesellschaft vorbei. Er hinterlässt ein gewaltiges spirituelles Vakuum. Leerstellen, die sich schnell durch Dämonen – reale und digitale – füllen könnten.
MINDCHANGE weist in Richtung einer aufgeklärten Spiritualität, in der es nicht mehr um Gottesbilder oder Glaubensdogmen geht. Auch nicht um magische Kräfte. Sondern um Weltbeziehungen. Dabei spielen zwei Kategorien eine wichtige Rolle: Natur und Zukunft. Natur, weil wir im Ausklang des fossilen Kapitalismus eine andere, zarte Beziehung zu allem Lebendigen suchen – das Schlüsselmotiv unserer Epoche. Und Zukunft, weil wir im rasenden Gegenwarts-Wahn unserer Tage das Zu-künftige zu verlieren drohen. Die Perspektive nach vorn. Das Staunen darüber, was möglich ist. Echter Wandel entsteht immer in einer Neuverbindung des Innen und des Außen zu wahrhaftiger menschlicher Evolution.
Wird sich in den nächsten Jahren ein großer mental-kultureller Trend her-ausmendeln? Schreiben Sie mir Ihre Meinung auf kolumne@horx.at, ob es diesen Trend tatsächlich gibt, ob er „mega“ wird – oder warum nicht.
Hier ein erster noch provisorischer Versuch eines „Metagramms“:
Zum Anfang möchte ich die Gretchen-Frage unserer Zeit stellen: Hat die Menschheit eine Zukunft? Glauben Sie, dass Homo sapiens bald aussterben wird?
Die Frage ist kurz, hart und brutal. Die Antwort verrät alles über unseren Future Mind, unsere innere Einstellung zur Zukunft.
Werden „wir“, die menschliche Spezies, auf dem Planeten Erde in 100, 500, 10.000 Jahren noch existieren?
Geht die Welt „den Bach hinunter“?
Ja oder nein?
Während Sie sich entscheiden – lassen Sie sich Zeit –, möchte ich Sie an einen besonderen Ort auf der Erde entführen. In eine blühende Unterwasserwelt, in der die Vielfalt der Natur, die Schönheit der Schöpfung, in ihrer ganzen Pracht sichtbar wird.
Folgen Sie mir in üppige Korallenriffe in allen Farben und Formen. Wir sehen dicke Barsche, die durch ihr Revier gründeln. Bunte Fischschwärme glitzern im Sonnenlicht. Snapper, Krabben, Meeresspinnen – alles kreucht und fleucht im kristallklaren Wasser.
Wir befinden uns auf den Marshall-Inseln, einem Teil des Bikini-Atolls. Jener Inselgruppe, auf der die Amerikaner ihre Atombomben testeten. Diese 23 Inseln waren von 1946 bis 1954 Schauplatz zahlreicher Nuklearwaffentests, 41 überirdischen und 147 unterirdischen. Die Wasserstoffbombe Castle Bravo war die stärkste, die je von den USA gezündet wurde. Sie hatte die Sprengkraft von rund 1000 Hiroshima-Bomben und pulverisierte drei Inseln des Atolls.
Lange Zeit war man der Meinung, dass Atomexplosionen nichts als radioaktive Wüsten hinterlassen. Verbrannte Erde, lebloses Wasser. Doch Meeresforscher Steve Palumbi und Biologin Elora López erforschten 2017 die Flora und Fauna der verseuchten Atolle. Und stießen auf eine erstaunlich intakte, ja blühende Unterwasserwelt. Bei den Meerestieren konnten fast keine Mutationen festgestellt werden.
„Wenn wir verstehen, wie die Korallen die strahlungsverseuchten Bombenkrater wiederbesiedeln konnten, können wir vielleicht etwas Neues dazu lernen, wie die Natur DNA intakt halten kann“, formulierte Palumbi, der Leiter des Marine-Institus an der Stanford Universität in einer Pressemitteilung.
Ähnliche Phänomene fanden Forscher in den Wäldern von Tschernobyl. In der Chernobyl Exclusion Zone (CEZ), wo seit dem Atomunfall 1986 keine Menschen mehr leben dürfen (einige wenige tun es trotzdem), hat sich eine große Artenvielfalt entwickelt: Luchse, Bären, Elche, Bisons, Wildschweine, Schwarze Störche, Wildpferde, viele Nager-Arten haben sich üppig vermehrt. Auch hier findet man wenige Anzeichen von Abnormitäten. Im Gegenteil: Viele Arten zeigen einen sehr robusten Fitness-Status. Schon allein die Abwesenheit des Menschen scheint die Artendichte und die Vitalität zu steigern.
Ein Grund könnte sein, dass Radioaktivität als evolutionärer Selektor funktioniert. Verkrüppelnde Mutationen werden von der Natur sofort „aussortiert“, die überlebenden Tiere sind umso resilienter.
So geht Natur.
Sie fängt sofort wieder an.
Und macht immerzu weiter.
Sie nutzt das vorhandene Material.
Ein seltsames Paradoxon. Stellen wir uns die Natur nicht immer als ungeheuer verletzlich vor? Das, was so schrecklich empfindsam und bedroht erscheint, „kaum noch zu retten“, ist in Wirklichkeit zäh, robust, ja geradezu unausrottbar?
„Die Resilienz der Natur kann die menschliche Gesellschaft vor Naturkatastrophen schützen“, sagt Tim Christophersen, der Leiter von UNEP, des United Nations Environment Programms.
„Wenn man vom Ende der Welt spricht, ist zu überlegen: Was ist denn „die Welt“? Eine schwierige Frage. Das Ende der Welt bedeutet jedenfalls nicht das Ende aller Welten. Die Krux an der ganzen Geschichte ist: Es endet eine Welt, aber es beginnt auch eine neue.“
Der Apokalypseforscher Robert Folger Zitiert nach Maya Göpel, „Wir können auch anders“. S. 56
Kehren wir zurück zur Weltuntergangsfrage. Laut einer internationalen Umfrage unter 16- bis 25-Jährigen glauben 56 Prozent der Befragten, die Menschheit sei „dem Untergang geweiht“. 40 bis 70 Prozent aller Deutschen, je nach Umfragestellung, halten ein ENDE der Menschheit für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich. In unserem Kulturkreis sind die Begründungen meistens naturromantisch. Den Satz „Die Natur braucht uns nicht, die kommt auch sehr gut ohne uns aus“, hört man nicht nur in hochmoralisierenden Öko-Aktivistinnen-Zirkeln. Sondern auch am Bierstammtisch in, sagen wir, Oberbayern.
Menschen sind Deppen.
Wie also wird die Welt untergehen?
Ich wette, Sie haben bereits eine Menge Bildmaterial im Kopf.
Allein auf meinen Streaming-Accounts befinden sich über 50 Endzeit-Epen mit insgesamt 2.000 Stunden Totalfiasko. Aliens überfallen und zerstören die Welt (6-mal). Unterirdische Super-Vulkane brechen aus. Meteoriten zerstören die Erde. Die Rotation der Erde hört einfach auf. Der Mond fällt auf die Erde. Alle Pflanzen verderben aufgrund eines unbekannten Virus, die Reichen siedeln auf einem Jupitermond, während in den Ruinen die wenigen Überlebenden dahinvegetieren. Tödlicher Regen fällt. Bürgerkriege verwüsten alle Städte. In den australischen Wüsten kämpfen zerlumpte Kämpfer um die letzten Benzin-Reste (während die Sonne unentwegt vom Himmel brennt – hat noch nie jemand etwas von Sonnenenergie gehört?). Zombies fressen alle Menschen und sind wir nicht alle irgendwie Untote? Fiese Maschinen übernehmen die Macht und versklaven uns. Noch gar nicht dazugerechnet sind grandiose Videospiele mit zigmillionen Etat, die zwischen Hochhausruinen spielen, in liebevoll gestalteten verlassenen Tankstellen und zertrümmerten Einkaufszentren und verstrahlen U-Bahn-Stationen, in denen der Schimmel wächst und Monster lauer.
Bilderbücher, die eine von Menschen verlassene Erde zeigen, auf der „gnädig“ die Reste der Zivilisation von Natur überwuchert werden, haben eine eigenartige Faszination.
Es ist kein Zufall, dass die neuen KI-Bildgeneratoren wie DALL-E besonders gut darin sind, Apokalypsen herzustellen. Sie haben einfach unendlich viel Material in ihren Speichern.
Etwas Lustvolles geht von diesen Zerstörungs-Orgien aus, bei denen kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Der Regisseur Roland Emmerich, der in einem seiner Apokalypse-Kracher sogar den Mount Everest überfluten ließ, sagte in einem Interview: „Es ist die Mutter aller Zerstörungsfilme, mit Effekten, wie man sie noch nie gesehen hat. Ich wüsste wirklich nicht, was ich danach noch zerstören sollte.“ (wiki) Jetzt will Emmerich allerdings doch noch einen allerletzten Katastrophenfilm drehen. „Der einzige Weg, die Menschen wachzurütteln, ist in meinen Augen, wenn sie sich vor etwas ganz schrecklich fürchten.“
Ist das wirklich so?
Einer der Gründe für den Boom des filmischen Weltuntergangs ist offenbar die Grandiosität, die das Weltende zulässt. Endzeit ist intensiv, pathetisch, romantisch. Sie ruft nach Helden, Rettern, die übernatürliche Kräfte haben. Wenn alle Himmel sich verfinstern – Pauken, Trompeten, Orgel supersatt –, dann sind die Dinge plötzlich eindeutig, großartig und „final“.
Also gut. Versuchen wir es die Menschheit einmal richtig auszurotten.
Es hat ja sowieso keinen Zweck mehr „mit uns“.
Machen wir Platz für intelligente Tintenfische.
Und diese verdammten dummen Kriege wäre auch vorbei.
Wie kann man also „die Welt“ beenden?
1. Atomkrieg
Die Atombombe, die die USA im Jahr 1945 über der Großstadt Hiroshima zur Explosion brachte – drei Tage später fiel eine ähnliche auf Nagasaki –, hatte eine Sprengkraft von 12.500 Tonnen TNT. Ungefähr 80.000 Menschen starben sofort. Der Stadtkern von Hiroshima in einem Umkreis von rund 2 Kilometern wurde zu 80 Prozent zerstört. Die meisten Häuser waren Holzhäuser, die lichterloh brannten.
Zwei Tage später eröffnete die Hauptfiliale der Bank of Japan wieder.
Die Stromversorgung war in einer Woche in den meisten Stadtteilen wieder hergestellt.
Drei Tag nach der Bombe fuhr eine erste Straßenbahn regelmäßig durch die Stadt.
Innerhalb einer Dekade hatte die Stadt ihre ursprüngliche Einwohnerschaft von 300.000 wieder hergestellt. Heute ist sie eine blühende, moderne 1,2-Millionenstadt, mit wunderbaren Parks und einer ikonographischen Stahlbeton-Ruine in der Mitte, die nur 300 Meter vom Ground Zero entfernt lag.
Nicht nur die Natur, auch die menschliche Zivilisation ist offensichtlich beides zugleich: Ungeheuer zerbrechlich. Und unfassbar resilient.
Im Vietnamkrieg, bei dem die Amerikaner dreimal so viele Bomben auf das Land warfen wie im gesamten Zweiten Weltkrieg auf Europa, wollte man die Vietnamesen „in die Steinzeit zurückbomben“. Eine Studie analysierte die Folgen dieser Zerstörung auf die Entwicklung des Landes. 25 Jahre nach dem Krieg gab es keine Unterschiede mehr zu anderen Nationen.
Die urbane menschliche Zivilisation ruht auf tiefreichenden Trümmer-Sedimenten. Dem Erdboden gleichgemachte Städte wurden im Laufe der Geschichte meist schnell wieder aufgebaut – Troja sogar achtmal. In den meisten älteren Städten muss man nicht weit graben, um auf die Ruinen vorheriger Epochen zu stoßen. In den allermeisten Fällen erholten sich Sozialsysteme und Kulturformen schnell, blühende, dynamische, vitale Ökonomien, Fortschritt im weitesten Sinn, entstand oft gerade NACH tiefgreifenden Zerstörungen.
William McAskill, ein Zukunfts-Aktivist und Begründer des Effektiven Altruismus, stellt in seinem Buch „What we owe the future“ (Was wir der Zukunft schulden) eine brutale Rechnung an. Was würde passieren, wenn in einem Nuklearkrieg – oder einer anderen Superkatastrophe – 99 Prozent aller Menschen umkämen? „Unter den 80 Millionen Überlebenden würden sicher nicht weniger als 100 Flugzeugingenieure, Atomphysiker, Chemiker und Telekommunikations-Spezialisten sein. Und Menschen, die die Landwirtschaft beherrschten, in ihren traditionellen und ihren neuen Formen.“ (McAskill, S. 130).
Effektiver Altruismus: Eine Philosophie und soziale Bewegung, die darauf abzielt, die beschränkten Ressourcen Zeit und Geld optimal einzusetzen, um das Leben möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen möglichst umfassend zu verbessern.
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Welches PRINZIP liegt der Wahrnehmung zugrunde, dass wir im Rückblick nur Fortschritt sehen und in der Zukunft nichts als Niedergang erwarten?
Thomas Babbington Macaulay
Wann wird das erste Handy wieder gebaut?
Wann entsteht der erste Traktor?
Der erste Toaster?
Es kann lange dauern. Aber vielleicht auch viel schneller als gedacht. Irgendwann klingelt der Postman wieder, wie im gleichnamigen Film mit Kevin Costner in der Hauptrolle, als ein von Bürgerkriegen zerstörtes Amerika wieder Kontakt zueinander aufnimmt. Selbst wenn die Computer nicht mehr funktionieren und alle Bibliotheken in Trümmern liegen, würden die Überlebenden nicht von vorne anfangen. Das Wissen über Techniken, Praktiken und Know-how ist tief im handelnden Gedächtnis des Menschen eingeprägt.
Superforecasting oder das Modell der Micromorts
Wie wahrscheinlich ist es, dass im Ukraine-Konflikt Atombomben eingesetzt werden?
Um sich einer Antwort zu nähern, kann man sich mit dem Konzept des Mikromorts beschäftigen. Erfunden wurde diese Maßeinheit vom Stanford-Professor Ronald Howard. Jeder „Mikrotod“ steht für die Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million, bei einem bestimmten „Event“ zu sterben. Einmal Pressluftflaschentauchen hat 5 Mikromorts. Base jumping 430. Zehn Kilometer Motorradfahren erzeugt einen Mikromort von 1.
Superforecasting ist eine Methode der „selbstverbessernden Prognostik“, die von Philip Tetlock, einem Wirtschaftstheoretiker, erfunden wurde. Es basiert auf einer Datenbank, in der tausende Prognostiker um die besten Vorhersagen konkurrieren. Das mit Abstand beste Prognose-Team ist derzeit die Gruppe Samotsvety. Anfang Februar ’22 wettete das Team 14.000 Dollar auf eine Invasion der Ukraine – und verdreifachte ihren Einsatz.
Samotsvety errechnete die Wahrscheinlichkeit, dass London demnächst von einer Nuklearbombe getroffen wird, auf 0,01 Prozent und erhöhte diese Zahl im Oktober auf 0,02 Prozent, also 24 Mikromorts. Eine weitere Prognoseplattform, Metaculus, misst die derzeitige Wahrscheinlichkeit einer taktischen Atombombe in der Ukraine mit 4 Prozent.
Das menschliche Hirn ist nicht besonders gut, darin, Wahrscheinlichkeiten mit Realitätsbildern in Einklang zu bringen. Es vergrößert die Angst, um seine Überlebenschancen zu erhöhen. Allein die Vorstellung einer Nuklearbombenexplosion überwältigt uns mental, und deshalb nutzen Prozentzahlen wenig für die Risikoeinschätzung. Die Wahrscheinlichkeit im zarten Alter von 30 Jahre durch Absturz im Gebirge, Infektionen, Lebensmittelvergiftung, Panik bei einer Massenparty (und noch 100 andere Möglichkeiten) ums Leben zu kommen, liegt um ein x-faches höher als ein Atombombeneinsatz.
Die Wahrscheinlichkeit des persönlichen Todes ist 100 Prozent. 1 Million Mikromorts. Wie gehen wir damit um? Vielleicht auch, indem wir uns mit möglichst lauten, drastischen Untergängen ablenken.
(Matt Reynolds, „Worried about Nuclear War? Consider the Micromorts“, WIRED Okt. 22)
Um 10.02 Uhr des 27. August 1883 flog die Insel des indonesischen Vulkans Krakatau in die Luft. 36.000 Menschen fielen der nachfolgenden Tsunami-Welle zum Opfer. 18 Kubikkilometer Asche und glühendes Gestein schossen bis in die Stratosphäre. Die Druckwelle der Explosion lief sieben Mal um die Erde, ihr Echo hielt 15 Tage an. Wie in der biblischen Prophezeiung fielen Ernten bis ins ferne Europa aus oder reduzierten sich; die Erdtemperatur verminderte sich um mindestens ein Grad.
Die Explosion des Krakatau entsprach etwa der Explosion von 15.000 Hiroshimabomben (allerdings ohne radioaktiven Fallout).
Edvard Munchs berühmtes Bild „Der Schrei“ soll sich mit seinem blutroten Horizont auf diese Katastrophe beziehen, die weltweit gespürt und debattiert wurde.
Nehmen wir an, wir bleiben tatsächlich die dummen, unfähigen Blöd-Fossilisten. Wir sind ja, so kann man es in allen Medien lesen, unfähig, unser Verhalten, unsere Systeme im Sinne der notwendigen De-Karbonisierung zu ändern. Wenn wir alle Öl-, Kohle- und Gas-Brennstoffe fröhlich weiter verbrennen, erhöht sich die Erdtemperatur um etwa 6 Grad über den Zeitraum von 200 Jahren. Der Meeresspiegel wird um mehr als fünf Meter steigen, und Donald Trump (dann von einer Elon-Musk-BioNTech-Firma geklont) könnte in seinem Palast in Florida U-Boot-fahren (er würde wahrscheinlich mit kostenlosen U-Boot-Fahrten noch Wahlkampf machen).
Allerdings zeigen uns die langfristigen Klima-Daten, dass es auch in der Vergangenheit schon sehr heiß auf unserem Planeten war. In der Kreidezeit vor 100 Millionen Jahren herrschte fast auf dem ganzen Planeten warmfeuchtes Tropenklima, es war 10 Grad heißer als heute. Im PETM (Paläozen/Eozän-Temperaturmaximum vor 56 Millionen Jahren) lag die atmosphärische Temperatur um 6 Grad höher, und der CO2-Gehalt stieg von 800 auf 2000 ppm (heute: 420 ppm). Die subtropischen Urwälder dehnten sich bis an die Arktis aus, und in Europa gab es tropische Dschungel. Der Wasserspiegel lag rund 8 Meter höher als heute.
Nach den neuesten Daten des IPCC wird sich die Welt, wenn alles so weiterläuft, in Richtung auf 2,5 Grad Erwärmung bewegen. Aber hier ist noch Spielraum. Wenn die neueren Klima-Commitments zahlreicher Städte, Organisationen, Institutionen, Unternehmen realisiert werden, kämen wir auf rund 2 Grad Erderwärmung. Wenn uns noch einige kräftige technische Fortschritte und eine entschlossenere Klima-Politik gelingen würde, sind auch 1,7 Grad noch drin.
Gewiss, auch ein solcher Temperaturanstieg wird riesige Probleme schaffen. Aber ist er ein „Weltuntergang“?
Unsere Vorfahren starben zu Millionen an Seuchen, Stürmen, Überschwemmungen, Dürren, Hungersnöten, also an Naturphänomenen. Und dennoch haben sie im Verlauf der letzten 300.000 Jahre auch die unwirtlichsten Regionen der Erde besiedelt. Und sich dort größtenteils erfolgreich behaupten können.
Der bekannte US-Klimajournalist David Wallace-Wells veröffentlichte im Jahr 2017 einen Essay mit dem Titel „Die unbewohnbare Erde“ – einer der meistgelesenen Texte zur Klimaproblematik. Irgendwann realisierte er jedoch, dass das ständige Ausmalen des Weltuntergangs einen paradoxen Nebeneffekt hat. Im Oktober 2022 erschien ein neuer Text mit dem Titel „Jenseits der Katastrophe: Eine neue Klimawirklichkeit kommt in den Blick“.
„Die unbewohnbare Erde“, New York Magazine, 2017
Es stimmt schon: Der menschengemachte Klimawandel verläuft schneller als die Erwärmungsphasen vergangener Äonen. Aber heute haben wir auch ungleich bessere Mittel, mit veränderten Umweltfaktoren umzugehen. Obwohl die Zahl der Naturkatastrophen ansteigt, sinkt die Zahl der Menschen, die durch Naturkatastrophen umkommen, stetig. Ein weiteres Paradoxon. Aber vielleicht sind es gerade solche Paradoxien, die uns aus dem Untergangsgeschwurbel – dem inneren Paradoxon zwischen Hysterie und Hoffnung -, herausführen können.
3. Die Sterilisierung der Erde
Versuchen wir es noch eine Nummer härter. Können wir nicht gleich die ganze Natur zum Kippen bringen?
Erle C. Ellis, ein Ökologieprofessor der Universität Maryland, hat in einem Simulations-Modell versucht, Meere, Wälder, die ganze Biosphäre, zu einem Tipping Point zu treiben. Also sozusagen die ganze Natur zu „ermorden“.
Ellis schreibt: „Tipping Points geschehen, wenn die Komponenten eines Systems so lange graduell auf eine externe Kraft reagieren, bis die dadurch entstehende Reaktion nichtlinear und synergistisch wird … Für planetare Tipping Points müssten die Kräfte der Menschenwirkung überall auf dem Planeten einheitlich und linear agieren, und alle Ökosysteme in derselben Weise reagieren. Aber selbst die Klima-Erwärmung erfüllt die Bedingung nicht. Sie kühlt einige Regionen, andere macht sie heißer, trockener oder feuchter. Ökosysteme reagieren höchst unterschiedlich auf unterschiedliche Weisen menschlichen Eingriffs, und der menschliche Eingriff selbst ändert sich im Zuge von Zeit und Technologie.“ (siehe auch Artikel am Ende des Textes)
Barry W. Brook, Erle C. Ellis, Michael P. Perring, Anson W. Mackay and Linus Blomqvist, „Does the terrestrial biosphere have planetary tipping points?“, http://ecotope.org/people/ellis/papers/brook_2013.pdf, (siehe auch New Scientist, 9. März 2013, Erle C. Ellis, „From The Brink, S. 30)
Ellis’ Modell zeigt, dass man für einen nachhaltigen Schaden an der Biosphäre im Abstand von etwa 50 Kilometern gigantische Mengen von Hitze, Strahlung, supertoxischen Subtanzen einbringen müsste – und das über längere Zeiträume hinweg. Lokale Schäden, selbst wenn sie drastisch sind, werden durch globale Wirkungen schnell wieder repariert. Das Netzwerk des Lebens zerstören, kann man nur, wenn man gleichzeitig ALLE Verbindungen zerstört, die in der Biosphäre bestehen.
Die Sterilisierung der Erde könnte nur von einer gigantischen Flotte extraterrestischer Raumschiffe erzielt werden, die die Quantenenergie des Universums anzapfen, um die Erde zu vernichten. Womit wir wieder im Reich der Science-Fiction und des Super-Bösen angelangt sind. Wo es so richtig kracht und scheppert, und endlich, endlich, alles zu Ende ist.
Apokalypse als Leugnung des Wandels
Warum aber geben so viele Menschen die ganze Zukunft verloren? Warum gibt es so unfassbar viele Narrative des Apokalyptischen?
Erstens: Weltuntergang trägt immer noch das Narrativ der religiösen Strafgerichte. Gleichzeitig liegt im Endzeitlichen etwas ganz Zartes. Wenn alle Zivilisation, alles „Normal“ zerstört ist, werden endlich die echten Gefühle, die wahren Zusammenhänge freigelegt. Familien, die sich entfremdet hatten, finden in den letzten Stunden zusammen. Verdrängte Sinnfragen werden gestellt: Wer bin ich, wer hätte ich sein können? Ängstliche wachsen in der letzten Stunde ins Heldentum. Apokalypse ist eine Art existentielle Leinwand, auf der das Existentielle aufscheint; sie führt uns zurück zu unserem wahren Selbst.
Zweitens: Weltuntergang ist eine Rumpelstilzchen-Fantasie, mit der wir uns an unseren Enttäuschungen rächen. Die Zukunft soll glorios, harmonisch und komfortabel sein! Das ist unsere Anmaßung. „Wenn ich nicht kriege, was ich will, wenn die Welt nicht so ist, wie ich es verlange, dann soll gleich die ganze Welt zum Teufel gehen!“
Drittens: Weltuntergang ist die neue Leugnung des Wandels.
Ich kenne Menschen, die mit dem Hinweis „Es ist ja eh alles zu spät!“ jede Selbstbetrachtung verweigern. Apokalypse ist ein komfortables Kleid für den inneren Reaktionär, der mit Wutanfällen und Hasstiraden darauf reagiert, dass sich etwas ändern muss.
Es ist kein Zufall, dass reaktionäre Religionen und Ideologien immer gerne apokalyptische Konstruktionen nutzen. Vom „Untergang des deutschen Vaterlandes“ halluzinierte nicht nur Hitler.
In der manischen Apokalypse-Phantasie steckt eine Menschen- und Lebensfeindlichkeit, die sich dem grundlegenden Paradoxon des Lebens verweigern will.
Der fernöstlich inspirierte britische Philosoph Alan Watts drückte es so aus: „Wenn wir ohne eine garantierte Zukunft nicht glücklich leben können, sind wir nicht an ein Leben in einer endlichen Welt angepasst, in der ungeachtet der besten Pläne Unfälle passieren werden und am Ende der Tod kommt. Wenn wir, um glücklich sein zu können, von der Zukunft erwarten, dass sie frei von Leiden ist, dann können wir nicht glücklich sein. Das ist, als wenn wir vom Meer verlangen würden, dass es vollkommen still ist, bevor wir darauf segeln.“
If we cannot live happily without an assured future, we are certainly not adapted to living in a finite world where, despite the best plans, accidents will happen, and where death comes at the end… If we demand the future be free from suffering in order to be happy, we can´t be happy. It is like demanding the sea be entirely still before we sail on it.“
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„Es gibt Best-Case-Szenarien und Worst-Case-Szenarien. Aber nichts davon geschieht jemals in der wirklichen Welt. Was in der wirklichen Welt passiert, ist immer ein Seitwärts-Szenario.”
Bruce Sterling, Science-Fiction-Autor
Die Kognitive Apokalypse
Aber vielleicht starren wir auch die ganze Zeit in die falsche Richtung. Vielleicht kommt der „Untergang“ aus einer ganz anderen Richtung. Aus unserem menschlichen MIND.
Der französische Soziologe Gérald Bronner hat einen schlagenden Begriff geprägt: Die KOGNITIVE APOKALYPSE. Damit benennt er den rasenden Zerfall unserer Wahrnehmungs- und Interpretations-Systeme im Zeitalter der Hyper-Medialität.
Kognitive Apokalypse: Eine Pathologie der digitalen Gesellschaft, C.H.Beck, 2022
„Die beispiellose Lage, die wir heute beobachten, ist geprägt vom Zusammentreffen unseres uralten Gehirns mit dem allgegenwärtigen Wettbewerb der Objekte geistiger Betrachtung, verbunden mit einer bislang noch nie dagewesenen Freisetzung verfügbarer Gehirnzeit.“ (S. 16)
Mit „Gehirnzeit“ meint Bronner die Aufmerksamkeits-Ressourcen, die in der menschlichen Kultur seit der Industrialisierung freigesetzt worden sind. Und die nun in einem radikal deregulierten „Kognitiven Markt“ in einer Art und Weise angefeuert und ausgebeutet werden, dass unser fundamentales Erkenntnis-System aus den Fugen gerät.
Menschliche Kommunikations- und Sinn-Systeme sind evolutionär auf eine Gruppe von maximal 200 Menschen geeicht. Das besagt die so genannte Dunbar-Formel, nach dem Psychologen Robin Dunbar. Diese benennt die „kognitive Grenze“ der Anzahl an Menschen, mit denen eine Einzelperson in einem stabilen „Beziehungs- und Bedeutungsraum“ existieren kann.
Die menschliche Kultur hat im Laufe ihrer Geschichte immer wieder Vermittlungs-Institutionen geschaffen, die eine größere Anzahl von Menschen in einen kognitiven Zusammenhang bringen konnte: Religionen, Institutionen, Sprachen, „redaktionierte“ mediale Systeme, die der Vermittlung dienten. Heute aber sind rund um die Uhr Milliarden von Menschen damit beschäftigt, sich gegenseitig unentwegt mit Informationen, Reizen, Deutungen, kurzfristigen Emotionen zu bombardieren.
Phänomene ersetzen Zusammenhänge.
Alle Extreme werden selektiert und verstärkt.
Alle Probleme, Abweichungen, Unterschiede werden ins Unendliche skandalisiert.
Meinungen werden zu Wahrheiten – aber es gibt keine Wahrheit mehr.
Moral wird hysterisiert.
Es entsteht eine Pandemie der Empfindlichkeit.
Eine chronische Hysterie der Über-Erregung.
Eine Dekonstruktion aller Bedeutungen.
Bronner schreibt: „Die Angst hat sich offenbar eines Teiles des kostbaren Schatzes bemächtigt, den unsere mentale Verfügbarkeit darstellt. Sie erfasst unsere Gefühlswelt und taucht unseren Geist in ein Meer partieller und täuschender Daten, die uns zu ständigen Hypochondern machen und uns die Zukunft zuweilen als einzige Aussicht aus der Perspektive der Schrecken und Ängste eines drohenden Weltuntergangs sehen lassen.“ (Bronner, S. 89)
Für Bronner bietet die Kognitive Apokalypse gleichzeitig eine Chance. Sie hält uns als Spezies den anthropologischen Spiegel vor.
Worauf reagieren wir?
Was „reizt“ uns wirklich?
Wie „ticken“ wir?
Was sind unsere „Trigger“?
Wie konstruieren wir Wirklichkeit?
Warum lieben wir den Hass?
„Die entscheidende Frage,“ so Bronner, „lautet, ob wir uns diesem Spiegelbild stellen werden … Deshalb erscheint mir die kognitive Apokalypse als eine grundlegende Propädeutik (Vorbedingung) für jedes Projekt, das sich auf unsere Zukunft bezieht … Wer das Paradies sehen will, muss erst einmal durch die Hölle gehen.“
Nach der Kognitiven Apokalypse käme womöglich eine Kognitive Renaissance. Eine Ära, in der wir lernen, Geist und Wirklichkeit neu zu synchronisieren (siehe im neuen Zukunfts-Report 2023: „Gibt es einen Megatrend MINDSHIFT?“).
Womöglich sind Elon Musk und Mark Zuckerberg bereits damit beschäftigt, diesen Prozess in Gang zu setzen. Indem sie die monströsen hypermedialen Maschinen unserer Zeit wieder dekonstruieren.
Also: Geht die Welt „den Bach hinunter?“
Wenn etwas „den Bach hinuntergeht“, dann fließt es irgendwann in einen Fluss, in einen Strom, dann ins weite Meer – von wo es mit Wind und Regen zu uns zurückkehrt.
Manchmal auch, wie jetzt, mit Sturm.
Apokalypse heißt vom Wortstamm her übrigens nicht „Untergang“.
Sondern Offenbarung.
Enthüllung.
Erkenntnis.
„Wenn wir mit dem Neuen konfrontiert sind, neigen wir dazu, uns an die Dinge und Gerüche der jüngsten Vergangenheit zu klammern. Wir schauen auf die Gegenwart durch einen Rückspiegel. Wir marschieren rückwärts in die Zukunft.“
Marshall McLuhan
Gehören Sie auch zu denjenigen, die an der Zukunft verzweifeln? Oder nahe dran sind, die Welt verloren zu geben? Oder gleich ganz zum Teufel zu schicken?
Der Mensch ist zu blöd zum Überleben. Wir werden sowieso aussterben. So denken heute viele, vor allem viele Deutsche. Viele sensible Menschen. Sie merken dabei meistens nicht, dass sie zu „den Menschen“ dazugehören. Dass die Abwertung „der Menschen“ auch eine Selbst-Abwertung ist.
Oder eine missglückte Aufwertung. Ich bin schlau, alle anderen sind doof!
Man kann ja verstehen: Jeden Tag nur Hiobsbotschaften. Krieg, Konflikte, Krankheit, Korruption, Armut. Und als allerhöchste Kategorie das, was „unaufhaltsam“ und „bedrohlich“ und „tödlich“ und vor allem UNVERMEIDLICH auf uns „zukommt“.
Die Klima-Katastrophe!
Allein in diesem Wording liegt ein kognitives Problem. Die Welt wird wärmer, das stimmt. Der menschliche Einfluss ist überwiegend dafür verantwortlich. Das stimmt auch. Es gibt mehr Regen, zugleich Hitzewellen, Trockenheiten. All das sehen wir jeden Tag in den Medien. Aber ist das das ganze Bild. Ist es die „Wahrheit“ in einem unveränderlichen Sinne? Wird die Welt durch die Erwärmung „zerstört“ werden?
Es gibt auch in Sachen Katastrophen eine Art Größenwahn-Phantasie. Wie schön und dramatisch sie schon beschrieben worden ist, diese überhitzte Endzeit! Zum Beispiel von Roland Emmerich, dem berühmten deutschen Doomsday-Regisseur (er hat auch Heldenfilme wie „Independence Day“ gedreht). In „The Day After Tomorrow“ ließ er New York komplett einfrieren. In „2012“ wurde sogar der Mount Everest von den steigenden Fluten überschwemmt.
Wir machen’s gründlich. Und diese Bilder bleiben im Unbewussten haften. Sie PRIMEN uns für eine katastrophische Weltsicht, die uns lähmt, denkfaul und handlungsarm macht.
Auch früher gab es schon Klimawandel. Große zivilisatorische Veränderungen der Menschheit gehen auf Klimaveränderungen zurück. Lebewesen haben sich seit Jahrmillionen wandelnden Umweltbedingungen angepasst. Das ist das Wesen des Lebens: Veränderung. Anpassung. Adaption.
Wenn wir über den Klimawandel nach-fühlen, konstruieren wir jedoch nur Ohnmacht und Resignation.
Menschen können ihr Verhalten, ihre Lebensweisen und Denkmuster ändern. Wir haben heute, als technische Zivilisation, ungleich mehr Möglichkeiten als unsere Ur-Vorfahren, die – nebenbei bemerkt – den ganzen Planeten bis in die unwirtlichsten Klimazonen erobert haben. Und dort lernten, zu überleben.
Es geht in diesem Denk-Papier um die verschiedenen Schichten, die unser kollektives und individuelles Handeln beeinflussen:
Um die Frage, wie wir mit Gefahren, Krisen umgehen, und ob Individuen, Gesellschaften und Zivilisationen sich verändern können.
Um die Frage, wie Zukunft in unserem Kopf entsteht.
Und um die Frage, wie wir Verzweiflung, Zynismus, Gleichgültigkeit und aggressive Leugnung und die verbreitete Zukunfts-Depression überwinden können.
Das hat allerdings wenig mit den Klischees des „Optimismus“ und des „Pessimismus“ zu tun. Es geht nicht um Launen, Stimmungen. Meinungen werden überschätzt.
Es geht darum, was uns für den Wandel motiviert.
Was uns innerlich bewegen, antreiben, verändern kann.
Zunächst gilt es, einige Begriffe zu klären, die unsere innere – und damit auch die äußere – Zukunft beeinflussen. Das Wort PRO-GNOSE zum Beispiel ist ein interessantes Phänomen. Es beinhaltet vom Wortstamm her eine positive Silbe – PRO. Gnosie kommt aus dem Altgriechischen und heißt Wissen, Erkenntnis.
Prognosen gibt es wie Sand am Meer. ALLE machen Prognosen: Ökonomen, Ökologen, Marketing-Leute, Firmenstrategen, Politiker, wir selbst, wenn wir morgens vor dem Badezimmerspiegel stehen und uns den kommenden Tag vorstellen. Prognosen können richtig sein oder falsch. Sie können geglaubt werden oder nicht. Sie sind wichtig, weil wir damit unseren Weltbezug kalibrieren.
Die „Klima-Katastrophe“ ist ein typisches Beispiel, wie aus einer Prognose eine Prophezeiung wurde. Der Unterschied ist entscheidend. Eine Prognose benennt und schildert eine MÖGLICHE Zukunft. Eine Prophezeiung ist hingegen eine FIXIERTE Zukunft, an die wir glauben. Beziehungsweise „geglaubt werden“. Denn zur Prophezeiung gehört immer der oder die Prophet(in). Der uns in die fixierte Zukunft führen wird.
Prophezeiungen können gefährlich sein. Sie spielen immer mit Erlösungsversprechen. Sie sind Machtinstrumente.
Prophezeiungen können sehr dunkel werden. Wir können uns in fataler Weise in sie verstricken. Dann werden es Self-fulfilling prophecies.
Die Kognitions-Psychologie zeigt: Der menschliche MIND neigt dazu, kategoriale Systeme, so genannte FRAMES, vor die Wirklichkeit zu schieben. Wir sehen die Welt und die Zukunft in KONSTRUKTEN – aus einem engen Fenster heraus, dessen Rahmen unseren Vorstellungen, Ideologien und Erwartungen entspricht. Unseren inneren Prophezeiungen.
Hier genau kommt der Begriff der Re-Gnose ins Spiel. In der Re-Gnose überprüfen wir unser Wissen über die Welt, unseren FRAME, unser Fenster in die Zukunft. Wir erweitern es durch eine Technik, die man Mindwandering nennt. Eine Re-Gnose entsteht, wenn wir aus der Position des Zukunfts-Wanderers auf uns selbst reflexiv zurückblicken. Und uns fragen:
Wie sind wir eigentlich darauf gekommen?
Und wie konnten wir lernen, es ANDERS zu sehen?
Auf diese Weise erweitern wir unser Bewusstsein in die Zukunft. Wir nehmen Kontakt mit unserem „Future Self“ auf, unserem Zukunfts-Selbst.
Menschen können das. Immer schon.
Sich verändern durch die imaginierte Zukunft.
Sonst wären wir nicht hier.
Ist es wirklich so unmöglich, sich vom Öl, Gas und Kohle, von der „fossilen Lebensweise“, zu verabschieden?
Ist dieser Wandel, der jetzt vor uns liegt – die Anpassung der industriellen Zivilisation an die Ökologie –, wirklich „aussichtslos“?
Nur, wenn wir das glauben.
Es gibt drei Möglichkeiten, unseren MIND vor falschen und negativen Zukunfts-Fixierungen zu schützen: Humor, Kunst und Weisheit. Die Re-Gnose ist ein Teil der Weisheit. Aber sie beinhaltet auch Elemente von Kunst und Humor. Eine Kunst ist es, in scheinbaren Paradoxien zu denken – wie soll man „aus der Zukunft“ heraus die Gegenwart betrachten? Humor kommt spätestens dann ins Spiel, wenn wir uns in der Zukunft fragen, wie wir früher eigentlich so blöd gewesen sein konnten. Kennen Sie das? Allein das Lachen darüber hat befreienden Charakter.
Re-Gnose beding ein beidseitiges Zukunfts-Denken. Die Zukunft ist nicht nur außen, sondern auch innen. Der Punkt des Wandels – der Ort, in dem die wahre Zukunft entsteht – liegt genau in der Mitte des endlosen Zirkels, der uns mit der Welt und dem Morgen verbindet.
Die fünf Schritte der (Klima-)Re-Gnose
Die eigene Angst als Angst erkennen.
Angst ist ein wichtiges Gefühl, das uns auf Gefahren hinweisen soll. Aber Angst beschreibt nicht die kommende Wirklichkeit. Sie ist ein SIGNAL, keine Zukunfts-Beschreibung.
Den Raum der Zukunfts-Möglichkeiten erforschen.
Der menschliche Geist kann in die Zukunft reisen und sich vorstellen, wie es sein könnte. Beim EPISODIC FUTURE THINKING (EFT) können wir uns eine Welt vorstellen, die ohne fossile Verbrennung funktioniert. Und vielleicht sogar besser ist als unsere heutige Lebensweise.
Den Wandel der Gegenwart wahrnehmen.
Viel postfossiler Wandel passiert schon heute. Die Medien stellen allerdings eher das Misslingende dar. Achten Sie auf das, was heute in Richtung auf eine Klimawende deutet. Richten Sie Ihre Achtsamkeit Richtung LÖSUNG.
Die eigene Wirksamkeit erkennen.
Wir sind nicht ohnmächtig. Wir müssen auch nicht dauernd in Schuldvorwürfen verharren. Wir können in unserem persönlichen Leben etwas ändern – uns persönlich „defossilisieren“ (ja, das geht ganz gut!). Das führt zu einem stimmigeren Lebensgefühl, durch das wir mit uns und der Welt in Einklang kommen.
Von der Lösung her handeln.
Lösungshandeln bedeutet, die innere Frage umzudrehen. Statt „Warum geht das nicht?“ zu „WIE GELINGT’S“? Das fokussiert die Energie ins Konstruktive. Und verhindert, dass wir unser Leben mit Grübeln, Kritik und Negativität verschwenden.
„When we think about how the future might be different, we better understand how we might be different too.“
Jane McGonigal, Futuristin
„Die Geschichte”, sagt mein alter Freund D., ein milder, vom Leben sanft zerzauster Baby-Boomer, „wiederholt sich wie eine Platte mit Sprung. Der Krieg kommt zurück, die Diktatur, der Hass in der Gesellschaft. Ich sehe das als eine persönliche Beleidigung an. Die Welt hat mir und meiner Generationserfahrung gekündigt.“
Ich kann diese Melancholie meines Freundes gut verstehen. Kaum 80 Jahre ist der mörderischste Krieg der Geschichte her, gut 30 Jahre die euphorische Öffnung der Mauer. Wir, als Baby-Boomer, erlebten eine kurze Periode des Friedens – anders als unsere Eltern und Großeltern konnten wir zukunfts-orientiert leben in Europa (Ausnahmen gab es auch schon in den 90ern, im ehemaligen Jugoslawien).
Aber sind die Dinge wirklich so „wie damals“, als der große Weltenbrand begann, am Beginn der Weltkriege?
„Lieber D.”, möchte ich sagen, „vielleicht übersehen wir einen Unterschied. Wir sind klüger geworden. Wir sind ein Stück weitergekommen. Als Gesellschaften, aber auch als Menschheit. Auch die Politiker sind weiser geworden.”
Ich weiß: Das ist so ziemlich die unmöglichste, unerhörteste These von allen. Im Zeitalter des medialen Populismus haben Politiker gefälligst unfähig und total überflüssig zu sein. Die Menschheit? Ist für viele zum Untergang verurteilt. Zu blöd zum Überleben.
Ich glaube trotzdem, dass 2022 nicht 1938 ist.
Dass andere Antworten gefunden werden können.
Dass nicht alles immer so kommt, wie wir es be-fürchten.
Wenn man etwas befürchtet, macht man es in gewisser Weise stärker. Wahrscheinlicher.
Das ist vielleicht das eigentliche Problem mit der Zukunft.
Diejenigen, die heute die Entscheidungen zum Ukraine-Krieg treffen, sind, glaube ich, durchaus weise Menschen. Joe Biden zum Beispiel. Er spricht in einem Ton, der die Dinge klar, aber dadurch nicht schlimmer macht. Ursula von der Leyen, unsere Europa-Chefin, pflegt einen Stil der Entschlossenheit, der gleichzeitig anbietend ist. Annalena Baerbock repräsentiert eine Stimme des unbeugsamen, aber nicht dogmatischen Humanismus. Olaf Scholz wird, wie das in unserer Erregungs-Medienwelt üblich ist, unentwegt moralisch für seine „Unentschlossenheit“ gegeißelt. Aber genau das könnte eine Eigenschaft darstellen, die wir für die Zukunft brauchen: Weisheit.
Was wissen wir über Weisheit? Es gibt inzwischen sogar eine „Evidence-Based-Wisdom“-Forschung, die die Wirkungen und Strukturen von Weisheit untersucht.
Zum Beispiel erforscht Dilip V. Jeste an der University of San Diego/Kalifornien die Neurobiologie von Weisheit.
Zur Weisheit gehören bestimmte mentale Fähigkeiten wie Affektkontrolle, Selbstreflexion, Zugewandtheit, Geduld – und Zuversicht.
Weisheit ist die Fähigkeit, in hohen Paradoxien ruhig und klar zu bleiben. Sich selbst beim Denken und Handeln zu beobachten. Weisheit bedeutet Weitsicht. Und die Fähigkeit, die inneren „Frames“, die Rahmen des Denkens, immer wieder zu verändern.
Der lehrreiche Dokudrama-Film „München – im Angesicht des Krieges“ (2021) zeigt, wie in der Dämmerung des Zweiten Weltkrieges die Politiker der demokratischen Welt im Sinne des „Appeasements“ reagierten. Sie gaben Hitler auf der Münchener Konferenz 1938 die Carte blanche, die Tschechoslowakei zu überfallen. Hitler nutzte das, um Teile des Landes zu annektieren und ein Protektorat zu errichten (hufeisenförmige Gebiete, die ähnlich aussahen wie heute der Donbass). Das war der Anfang eines endlosen Eroberungs- und Vernichtungskrieges der Nazis. Neville Chamberlain, der englische Premier, spielte dabei eine entscheidende Rolle. Er hasste das Grauen des Krieges, das er im Ersten Weltkrieg erlebt hatte, und deshalb wollte er um jeden Preis einen Kompromiss mit dem Tyrannen. Er war in einem Dilemma, das er nicht lösen konnte. Das war menschlich-moralisch sehr verständlich. Aber nicht weise.
Unweise ist die medial geschürte Entweder-oder-Logik: „Waffen ODER Verhandlungen!“ Natürlich brauchen wir beides. Allerdings muss Diplomatie, vor allem in Kriegszeiten, immer diskret sein. Sie lässt sich nicht in Talkshows diskutieren. Sie spricht eine eigene Sprache, in ihrer eigenen Sphäre. Das macht sie zur wahren Zukunfts-Kunst.
Die Journalistin Barbara Tuchmann schrieb 1962 eine Analyse über den Beginn des Ersten Weltkrieges. „The Guns of August“ schilderte die Geschichte des Hineinstolperns der Mächtigen Europas in den Ersten Weltkrieg. Das Buch gewann den Pulitzer-Preis und lag im Oktober 1962 auf dem Nachttisch des jungen amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Kennedy ging damals weise mit der russischen Bedrohung durch Atomraketen auf Kuba um. Er hielt seine Militärs auf Distanz zu den politischen Entscheidungen. Er bildete mit seinen Beratern (unter denen Zukunftsforscher und Spieltheoretiker waren) einen Think Tank, der über vielfältige Szenarien eine Doppelstrategie aus militärischer Entschlossenheit und geschickter Hinter-den- Kulissen-Diplomatie entwickelte. Die Sowjets zogen ihre Atomraketen zurück (siehe der Film „Thirteen Days“ aus dem Jahr 2000 mit Kevin Kostner).
Dass der atomare Dritte Weltkrieg verhindert wurde, als ich Baby-Boomer 7 Jahre alt war, war kein Wunder. Es war das Resultat von Weisheit.
Aus dem Frieden heraus denken
In seinem Buch „Why we Fight – The roots of war and the path to peace” macht der amerikanische Konfliktforscher Christopher Blattman einen interessanten Vorschlag: Wir sollten das Phänomen Krieg nicht von der Seite der Gewalt, sondern von der Seite des FRIEDENS her verstehen.
Blattman beginnt seine Recherche in der Geburtsstadt des Supergangsters Pablo Escobar. In Medellin kämpfen kriminelle Banden seit jeher um die Vorherrschaft. Aber die Gewalt-Exzesse gehen seit vielen Jahren zurück – je reicher die Gangs werden, desto teurer wird der Krieg. Blattman schildert, wie diese Banden den Krieg ständig durch Verhandlungen VERMEIDEN. Dabei wird die „Friedensdividende“ zwischen den Parteien aufgeteilt. Der Hauptverhandlungsplatz ist das Hochsicherheitsgefängnis von Medellin.
Inzwischen ist die Mordrate in Medellin drastisch zurückgegangen; ein interessantes Beispiel für „Peacemaking“ durch eine kluge Stadtpolitik von „systemischen“ Bürgermeister/innen.
Blattman sieht FÜNF große Gründe für das Entstehen von Kriegen:
Unkontrollierte Interessen: Krieg wird wahrscheinlicher, wenn einzelne Menschen, Diktatoren oder Cliquen nicht von der Gesellschaft kontrolliert werden. Dann können diese Mächtigen die Kosten eines Krieges auf die Bevölkerung abwälzen.
Immaterielle Anreize: Bei Kriegsmotiven entlang von „magischen“ Motiven – Status, Ruhm, Ehre, Religiöse Opferung – werden die Kosten des Krieges relativiert.
Informelle Unsicherheit: Viele Kriege entstehen aus Ängsten bezüglich der eigenen Sicherheit – dabei spielen „verrauschte“ Informationen eine Rolle, die durch Paranoia verstärkt werden. Das beste Beispiel ist der Irak-Krieg, der auf falschen (und gefälschten) Informationen über angebliche Massenvernichtungswaffen beruhte.
Commitment-Probleme (Verbindlichkeitsprobleme): Man kann den Verbündeten oder möglichen Gegnern nicht trauen, und so muss man ZUERST zuschlagen, damit man nicht überrannt wird. Es entstehen PRÄVENTIVE Kriege, die aus imaginärer Zeitnot begonnen werden.
Misconceptions (Fehlkonzeptionen): Viele Kriege sind das Ergebnis von falschen „Frames“ und gravierenden Missverständnissen.
In Putins Krieg in der Ukraine überschneiden sich ALLE fünf dieser Faktoren gleichzeitig. Das gibt uns Hinweise darauf, was die Aufgaben einer künftigen Friedenspolitik sein müssten. Denn soviel ist heute schon sicher: Der Ukraine-Krieg wird ein neues globales Sicherheits-System hervorbringen: Ein neues globales Sicherheitssystem, in dem die Regeln des globalen Konfliktmanagements anders organisiert sind als in den letzten dreißig Jahren. Das kann Jahre dauern, aber es wird passieren.
Um in dieser Richtung voranzukommen, wäre es weise, sich vom alten Konzept des WESTENS zu verabschieden, das im und nach dem Kalten Krieg entstanden ist. Was wir brauchen, ist eine neue planetare Bündnis- Logik, die über die Spaltungen des Zweiten Weltkrieges hinausgeht.
Diese zeichnet sich durchaus ab. Auch Autokraten haben nicht unbedingt das Bedürfnis nach einem mit Nuklearwaffen drohenden Imperium. Die letzte Abstimmung im UN-Sicherheitsrat hat die Mehrheiten weiter zu Ungunsten Russlands verschoben.
Wenn über 100 Staatschefs in der UNO-Hauptversammlung stehend Selenskyjs Rede über die 5 Punkte des kommenden Friedens applaudieren, dann deutet sich eine neue historische Allianz an. Man muss aber auch nüchtern bleiben.
„Die UN wurde nicht geschaffen, um die Menschheit in den Himmel zu führen, sondern um sie vor der Hölle zu retten”, sagte Dag Hammarskjöld, der frühere UN-Generalsekretär. Worum geht es, in Zukunft, wenn wir versuchen, Kriege zu beenden?
Das Spiel auf der höheren Ebene spielen.
Die „Frames“ verändern.
Den Krieg aus der Zukunft her überlisten.
Eine welthumanistische Bewegung
Stellen wir uns vor, Selenskyj würde nächste Woche einen einseitigen Waffenstillstand verkünden. Und Verhandlungen ankündigen, an denen China, die Türkei (beide haben die Legitimität der Referenden in den besetzten Gebieten bestritten) und noch andere kleinere Mittelmächte beteiligt wären. Das „Framing“ des Prozesses käme aus der UNO, die sich damit in eine neue Verantwortungs-Rolle begäbe.
Man könnte das Angebot auch noch mit einer Sicherheitsgarantie versehen. Für die territoriale Integrität der restlichen Ukraine sorgte eine Allianz von 125 Staaten.
Natürlich könnte Putin auch dieses Angebot ablehnen. Und weiter bomben und schießen lassen. Aber dann wäre er selbst in eine Zwickmühle hineingelaufen, die er sonst so gerne für uns konstruierte.
Zur Weisheit gehört vor allem die Fähigkeit, einmal gefasste Urteile, „Frames“ zu revidieren. Ein verbreitetes „Framing“ dieses Krieges lautet, dass das wahre Ziel Putins unbegrenzte imperiale Eroberung ist. Man muss mit allen Waffen-Mitteln Russland stoppen, denn sonst wird er „immer so weitermachen“.
Aber was, wenn das gar nicht stimmt?
Was wäre, wenn Putin längst verstanden hätte, dass er den Krieg als solchen verlieren wird?
Putins Kriegspläne folgten einer alten imperialen Logik. Der Fiktion eines hochgerüsteten und bis in den Tod „treuen“ Heeres. Und der unbegrenzten Mobilisierbarkeit der Massen. Anders als in der Zeit des Faschismus kann man heute kein ganzes „Volk“ mehr in den „Totalen Krieg“ mobilisieren. Selbst in den autokratischen Gesellschaften gibt es heute viel größere soziale Differenzierungen (außer in einem Hunger-Regime wie Nordkorea). Bei der Einberufung zum Heldentod für das Vaterland laufen Putin die Hälfte der Rekruten weg, die anderen werden nicht sehr überzeugt fürs Große Vaterland sterben.
Grandiosität als Kriegsziel
Der Friedensforscher Jan Philipp Reemtsma ist selbst mit Gewalt konfrontiert worden. Im Jahr 1996 wurde der Erbe einer Zigaretten-Dynastie von einer Gruppe von brutalen Erpressern entführt und in einem Keller als Geisel festgehalten. Der Erbe eines der größten Zigarettenkonzerne Europas hatte nie etwas mit Zigaretten am Hut. Er wollte immer wissen, wie die Welt in den Orkus der Zerstörung fallen konnte. Sein Institut für Sozialforschung in Hamburg beschäftigte sich überwiegend mit den Ursachen und den Formen der Nazi-Verbrechen. Eine seiner wichtigsten Arbeiten war die Ausstellung zu den Taten der Wehrmacht an der Ostfront. Später kam der Terrorismus als Forschungs-Sujet dazu.
Im Juni 2015 trat Reemtsma von der Führung seines Instituts zurück und hielt eine aufsehenerregende Rede mit dem seltsamen Titel „Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet“.
Warum brennen in französischen Vorstädten Autos? Warum zieht ein Kölner Rapper in den Irak und tötet als Dschihadist vor laufender Webcam Menschen? Warum lassen sich Menschen immer wieder von Kriegs-Propaganda hypnotisieren? Reemtsma dreht diese Frage um: „Ich möchte hingegen fragen, warum wir so fragen. Warum meinen wir, die Soziologie, die Psychologie und in gewissem Sinn die Historiografie könnten uns etwas „erklären”, soll heißen: uns sagen, was dahintersteckt? Lassen Sie uns banal miteinander werden. Wenn einer irgendetwas tut, nehmen wir an, dass er das tut, weil er das tun WILL.“
Gewalt, so Reemtsma, entzieht sich der Begründungs-Logik, mit der wir normalerweise Phänomene kausal erklären. Sie ist eine attraktive Lebensform, weil sie alle Grenzen überschreitet. Sie erzeugt im Täter eine ungeheure Selbstwahrnehmung der WIRKSAMKEIT, die alle Selbstzweifel und Kränkungen übertönt.
Es geht um GRANDIOSITÄT.
Das wahre Momentum Putins, sein eigentliches Kriegsziel, ist die eigene Grandiosität. Die Kronleuchter im Kreml, die Jubelchöre, die religiöse Weihe des Krieges. Welch ungeheure Droge!
ICH WILL, ALSO KANN ICH!
Tyrannen scheitern immer an ihrer Selbstinszenierung. Denn Grandiosität kann blitzschnell in ihr Gegenteil umschlagen. In Verachtung. In Tyrannenmord.
Die Frage ist nur, wie rechtzeitig dies erfolgt.
Und was wir freundlich, aber bestimmt, zu diesem Scheitern beitragen können.
Machen wir noch ein radikaleres Szenario.
Putin verwirklicht seine grandiose Drohung und zündet tatsächlich eine taktische Atombombe. Sagen wir: auf einem Militärflugplatz an der Grenze zu Ungarn, auf dem westliche Waffenlieferungen verteilt werden. Dabei sterben 200 Menschen, die meisten davon Militärs. Taktische Atomwaffen haben starke Zerstörungskräfte, aber gegen verbunkerte Gebäude sind sie weniger wirksam als man denkt.
Der „Westen“ würde darauf erst einmal überhaupt nicht reagieren.
Schweigen.
Stille.
Es wäre die Weltgemeinschaft, die nach einer Antwort sucht. Und sich in diesem Schweigen neu konstituiert.
Eine Woche nach dem Nuklearangriff würde in einer Kommandoaktion, für die niemand die Verantwortung übernimmt (die Rede ist von einer russischen Schattenarmee, man hört aber auch französische und arabische Kommandos), Alexei Nawalny aus seinem russischen Straflager befreit, mit ihm 50 andere politische Häftlinge. Und aus Russland herausgeschafft (über die Arktis).
Nein, das soll keine Strategieberatung sein. Ich weiß, die Idee ist skurril. Es geht um ein Gedankenspiel. Um ein Reframing.
Tyrannen besiegt man, wenn man ihr Momentum bricht.
In Shakespeares Macht-Drama „Macbeth“ rückt der Wald von Birnam auf das Schloss des wahnhaften Königs vor.
Vielleicht können wir uns unter die Bäume mischen.
Und sie ein bisschen beim Vorrücken begleiten.
Die Friedens-Ingenieure
Karl Popper formulierte mitten in der Zerstörung des Zweiten Weltkrieges aus dem fernen Neuseeland das geistige Konzept des „piecemeal engineers“, des „schrittweisen Ingenieurs“, der die Welt in einem ständigen Wirken neu zusammensetzt.
„The piecemeal engineer knows, like Socrates, how little he knows. He knows that we can only learn from our mistakes. Accordingly, he will make his way step by step, carefully comparing the results expected with the results achieved, and always on the look-out for the unavoidable unwanted consequences…”
„Der „Schritt-für-Schritt-Ingenieur“ weiß, wie Sokrates, wie wenig er weiß. Er weiß, dass wir nur von unseren Irrtümern lernen können. Deshalb macht er seinen Weg Schritt für Schritt, wobei er sorgfältig die erwarteten Ergebnisse mit den tatsächlichen vergleicht. Und er hält immer Ausschau nach den unvermeidbaren ungewollten Konsequenzen…”
Christopher Blattman macht daraus die Idee des „Peacemeal Engineers”. Des Friedens-Ingenieurs, der Schritt für Schritt die Grundlagen des kommenden Friedens baut. Frieden beginnt nicht auf den Schlachtfeldern, sondern inmitten der Gesellschaft. Friedens-Ingenieur kann man im Kleinen und Privaten sein wie im Politischen und Gesellschaftlichen. Als Unternehmer oder Künstler – oder als ganz normaler Mensch. Es geht darin, die Paradoxien unserer Zeit, das falsche ENTWEDER-ODER, im Sinne eines Neuen Ganzen zu überwinden.
Ökologie UND Ökonomie.
Technologie IN ZUSAMMENHANG mit Natur.
Ich UND wir. (Gesellschaft und Individuum).
Lokalität UND Globalität.
Spiritualität UND Rationalität (=Weisheit).
Der Friedens-Ingenieur agiert hinter den Schützengräben des polarisierenden Streits, der die Gesellschaft durchzieht. Er ist der Anwalt der großen Zusammenhänge, auf die uns die Krisen hinweisen. Wir leben heute in einer Zukunfts-Krise, in der alles mit allem zusammenhängt: Unsere Lebensweise. Unsere Produktionsweisen, die immer noch am Prinzip der fossilen Verbrennung kleben. Unsere Denkweisen, die alles in Extreme aufspalten und die Wirklichkeit mit Angst füttern. Der Friedens-Ingenieur – oder Zukunfts-Agent – sieht die Wirklichkeit von der Zukunft aus: von den Möglichkeiten, die sich HINTER den Krisen zeigen.
Er ist geduldig. Nachsichtig und weitsichtig.
Er kann ruhig auch melancholisch sein, lieber D.
Wie sagte Carl Popper so schön, als nicht nur in Europa der Zweite Weltkrieg tobte? „Unsere Einstellung der Zukunft gegenüber muss sein: Wir sind jetzt verantwortlich für das, was in der Zukunft geschieht.“
„There is a crack in everything
that’s how the light comes in.”
Leonard Cohen
Als Zukunftsforscher werde ich oft von Journalisten gefragt, wie wir die Stapel-Krisen unserer Zeit – Krieg, Inflation, Long-Covid, Immer-Covid, China, Dürre, Gaspreisexplosion, Bahnchaos, Fachkräftemangel, Klimakatastrophe, die Liste ist endlos – jemals überwinden können.
MÜSSEN wir nicht Angst haben? Noch VIEL MEHR ANGST vor der Zukunft?
Ich versuche dann, freundlich und ruhig zu antworten. Etwa, dass Angst etwas Gutes hat. Sie will uns ja wachmachen. Aber dass man Krisen nicht einfach „überwinden” kann, im Sinne von: es wird alles so wie früher. Krise kommt vom griechischen krísis – Entscheidung, Loslösung, Wendung. Man kann zum Beispiel auf Krisen reagieren, indem man…
Spätestens an dieser Stelle hat mich der Journalist längst unterbrochen. Das will er überhaupt nicht wissen. Er will ja lediglich die Bestätigung dafür, DASS WIR IMMER MEHR ANGST HABEN MÜSSEN!
Bei Hoffnung und Veränderung schalten die meisten ab.
So bleibt am Ende nur Helene Fischer oder Weltuntergang.
Beziehungsweise beides gleichzeitig.
Also, die pure Apokalypse.
Es gibt prinzipiell drei Möglichkeiten, mit Krisen umzugehen.
Die erste ist die Angststarre.
Wir starren plötzlich dauernd in Bildschirme, wühlen uns durchs Internet, immer auf der Suche nach Zeichen dafür, wie schlimm es schon geworden ist. Dieser Immerschlimmerismus versetzt uns in eine Art Trance, in der wir nur noch das Negative und Bedrohliche, das Unmögliche und Vergebliche wahrnehmen können. Unsere Weltsicht schnurrt sich auf einen engen Wahrnehmungstunnel zusammen. Das endet früher oder später in einer Depression.
Die zweite Strategie nenne ich den Untergangs-Komfort.
Oder den Apokalypse-Hochmut. Es ist eine Haltung, die die Welt verloren gibt, und daraus Kapital schlägt. Elisabeth Raether schreibt in der ZEIT: „Für viele Leute ist, paradoxerweise, die Apokalypse ein gemachtes Bett…“
ZEIT: „Heikel Sonnenschein”, 18.8.2022
Um diesen rätselhaften Satz zu verstehen, müssen wir uns ein wenig mit Evolutions-Psychologie befassen. Unser Hirn ̶̶– besser: unser MIND – ist nicht so sehr an Wahrheit oder „Realität” interessiert. Um in der Evolution zu überleben, und um schnell auf Bedrohungen reagieren zu können, brauchten wir vor allem Stimmigkeit zwischen unseren inneren Modellen und den Repräsentationen der Wirklichkeit.
Wenn es in uns selbst düster aussieht, rücken apokalyptische Vorstellungen die Welt wieder ins Lot. Das Innen und das Außen passen wieder zusammen. Das erzeugt paradoxerweise ein Gefühl der Befriedigung. Der Überlegenheit. Wir versetzen uns in eine höhere Position, von der wir auf die verderbte, untergehende Welt hinabschauen können.
Ich habe es ja immer schon gewusst!
Menschen sind einfach dumm!
Wir sind zum Aussterben verdammt!
Wird auch Zeit!
Die dritte Strategie, Krisen innerlich zu umschiffen, ist die moralische Panik.
Man steigert sich in einen Furor der Anklage, der Beschimpfung und Empörung. Man steigert sich in einen Furor der Anklage, der Beschimpfung und Empörung. Man stelle sich einen auf Dauerbetrieb programmierten Anton Hofreiter vor, der ständig „Waffen, Waffen, Waffen!“ brüllt. Oder eine über allen Talkshows schwebende Sarah Wagenknecht, die unentwegt nachweist, dass der Kapitalismus an ALLEM schuld ist. In unseren Talkshows und Zukunftsdebatten ist eine Erregungs-Maschine entstanden, die alles in moralische Schuldvorwürfe zerschreddert.
Dieser Empörismus bringt uns nur keinen Schritt weiter. Er verschärft vielmehr die Krisen.
Ein Teil dieses Effekts kommt aus der irrigen Annahme, dass man immer GEGEN etwas sein muss. Das ist nur im Fall einer Krise ziemlich unsinnig. Denn die Krise selbst ist ja die „Kritik“ der Verhältnisse.
Sascha Lobo hat das Phänomen, bei dem man immerzu beliebig gegen ALLES ist, einmal den „Kontrarianismus” genannt: Immer dagegen sein, egal wofür!
Wie aber können wir anders mit Krisen umgehen als zu erstarren, in Weltuntergangs-Phantasien zu versinken oder ständig mit der Wutpeitsche herumzurennen?
Wir könnten versuchen, herauszufinden, was sie uns zu sagen haben. Dazu bedarf es einer gewissen Stille. Einer Bereitschaft, die Phänomene von der anderen Seite zu sehen. Nehmen wir die Inflation. Ein echtes Panik-Wort. Es assoziiert Wirtschaftskrise, Wohlstandsverlust und Verelendung; vor allem für die Älteren, die noch die Superinflation der 20er Jahre im Generations-Gedächtnis haben. Diese ganze Angst-Klaviatur wird gerade in den Medien Länge mal Breite durchgespielt.
Man könnte aber auch fragen: Ist die Tatsache, dass Öl und Gas und manches andere teurer werden, eigentlich nur schlecht? Oder könnte es sein, dass vieles vorher einfach viel zu billig war? BRUTAL billig. Das Fleisch. Flugreisen. Service-Leistungen. Fossile Kohlenwasserstoffe, um die längst neue globale Machtkämpfe entstanden sind.
An dieser Stelle setzt natürlich sofort wieder die moralische Panik ein: „Was würden Sie denn einer armen fünfköpfigen Familie sagen, die…”
Abgesehen davon, dass ein starker Sozialstaat Energieteuerungen durch gezielte Transfers ausgleichen kann ̶̶- geht es hier nicht um etwas viel Grundsätzlicheres? Nämlich um die Frage, ob die Ökonomie die wahren Werte abbildet?
Wenn wir uns immer nur als „Verbraucher“ und „Konsumenten“ definieren – statt als Bürger, die unsere Welt gestalten –, dann läuft alles immer nur auf das Billigste hinaus. Und das rächt sich irgendwann, weil die Balance zwischen Werten und Preisen zerbricht.
Krisen haben manchmal überraschende Nebenwirkungen. Corona hat in der Arbeitswelt ein Phänomen in Gang gesetzt, das man in den USA die „Große Resignation” nennt. Millionen Menschen fliehen aus prekären, schlecht bezahlten, sinnlosen, frustrierenden oder einfach nicht-passenden Arbeitsverhältnissen. Sie kehren in einer Art existentiellen Selbstüberprüfung nicht mehr in ihre alten Jobs zurück. Das ist alles andere als Resignation. Es ist (meistens) die Suche nach Neubeginn.
Zur Zeit herrscht überall „Fachkräftemangel“ Aber das gespreizte Wort sagt schon, was das Problem ist. Es basiert auf der Vorstellung, dass uns die Arbeit für unsere Komfortabilität sozusagen günstig zusteht. „Fachkräfte“ immer im Überfluss vorhanden sind: Billig, preiswert, gehorsam. Wir haben das Handwerk, die Könnerschaft, den Service, missachtet. Und stattdessen auf digitale Effizienz-Illusionen gestarrt.
Jetzt beginnt eine Ära, in der Humankapital massiv aufgewertet wird.
Und das könnte doch eine gute Nachricht sein, oder?
Allerdings ist sie schwer zu verkraften.
Deshalb schreien und fürchten wir uns lieber.
Wir könnten auch versuchen, das WUNDERBARE an Krisen wahrzunehmen.
Das klingt jetzt nach Schönrednerei. Aber Krisen erzeugen oftmals eine Gegenkraft, über die wir uns WUNDERN können, wenn wir noch die Fähigkeit des Staunens besitzen.
The Year That Changed Our World: A Photographic History of the Covid-19 Pandemic English edition | by Marielle Eudes and Agence France Presse | 7 Dec 2021
Das ist ein opulentes Fotobuch mit den intensivsten Bildern der Corona-Epidemie. Man fragt sich: Wer will sich denn Fotos über Corona ansehen? Wenn man den Band jedoch aufschlägt, entsteht eine eigenartige Ergriffenheit. „Das Jahr, das die Welt veränderte“ zeigt ein tanzendes Paar in einer engen Einzimmerwohnung, mitten im Lockdown.
Gewichtheber in hermetischen Plastikhüllen, die miteinander trainieren. Leere Städte, leere Straßen, die plötzlich in einer magischen Sprache zu uns sprechen (Venedig, New York). Und in die plötzlich Dachse, Füchse und Pinguine einwandern.
Man sieht:
Ein Orchester, dass vor einem WALD als Publikum spielt.
Eine 100-jährige, die nach ihrer überstandenen Corona-Infektion mit Beifall aus dem Krankenhaus entlassen wird.
Den Tanz auf den italienischen Balkonen am Höhepunkt des ersten Lockdowns.
Der Stress und der Mut, die Verzweiflung und Erschöpfung der vielen Helfer in der Pandemie.
Das Weinen am Grab der Opfer.
Nichts wird hier verschwiegen oder schöngeknipst. Es wird nur die Art und Weise gezeigt, wie Menschen gerade dann über sich hinauswachsen können, wenn alte Selbstverständlichkeiten außer Kraft gesetzt werden. Krisen können etwas freisetzen, was uns in die Zukunft führt.
Viele haben Corona als eine Art Attacke der Natur auf unsere Lebensrechte wahrgenommen. Plötzlich drangen Mikroorganismen auf unsere Lebensrechte ein und brachten alles durcheinander. Die Idee des „Killervirus“ geistert in den Köpfen herum. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass die Pandemie einfach langsam ausklingen könnte. Das Virus adaptiert sich an den Menschen, und wir adaptieren uns an das Virus. Das nennt sich Co-Evolution, und ist in der langen Geschichte der Evolution eine erprobte Methode der Veränderung.
Vielleicht die ist „die Natur“ ja gar nicht unser feindlicher End-Gegner. Und will uns auch nicht „bestrafen“ oder „umbringen“. Wäre das nicht auch ein interessanter Gedanke in Bezug auf die „Klimakatastrophe“, die in unseren Köpfen und Herzen längst biblische Straf-Dimensionen angenommen hat?
Ja, es ist sehr trocken dieses Jahr. Fürchterlich trocken. Es brennt häufiger und heftig in den Wäldern. Der Wasserstand der Flüsse und Stauseen ist niedrig. Das gab es auch früher schon, aber heute fällt es uns viel mehr auf. Die Bilder von Feuer, Dürre und Flut wirken eindringlicher, näher, wenn sie in einer bestimmten Weise geframt sind. Als Zeichen des Untergangs.
Aber kann „die Natur“ wirklich durch uns untergehen?
Oder ist das wieder nur eine neue Hybris?
Vor etwa 12.000 Jahren verschwanden in einem klimatischen Übergang in Eurasien die meisten große Wildtiere. Es wurde deutlich wärmer. Unsere Vorfahren erfanden daraufhin neue Produktions- und Lebensweisen. Die agrarische Revolution begann, man baute große Städte, in denen viele Menschen lebten. Und miteinander Handel trieben. Große, komplexe Gesellschaften entstanden.
Ende des 16. Jahrhunderts gab es in Europa die Kleine Eiszeit. Viele Menschen verhungerten, weil jahrelang Ernten ausfielen oder verdarben. Aber dadurch erlebten auch Techniken der Vorratshaltung und Konservierung, innovative Methoden der Viehzucht und des Ackerbaus einen Schub.
Gut 200 Jahre vor der Regenflut im Ahrtal im Jahr 2021 gab es eine noch größere Flut. Das Hochwasser von 1804 forderte 63 Menschenleben; 129 Wohnhäuser, 162 Scheunen und Stallungen, 18 Mühlen, 8 Schmieden und nahezu alle Brücken, insgesamt 30, wurden von den Wassermassen weggerissen. Damals wohnten viel weniger Menschen im Ahrtal. Weitere 469 Wohnhäuser, 234 Scheunen und Ställe, 2 Mühlen und 1 Schmiede wurden beschädigt, 78 Pferde und Zugrinder kamen in den Fluten um; die gesamte Ernte wurde vernichtet. Der Spitzenabfluss der Ahr von 1.100 m³/sek war deutlich höher als 2021 (700 m³/sek). de.wikipedia.org
1362 gab es die „Grote Mandränke“, eine Flut, die wahrscheinlich 100.000 Menschen das Leben kostete und die heutige Schleswig-Holsteinische Westküste mit ungeheurer Gewalt in lauter Bruchstücke zerlegte. Unter anderem entstand damals die schöne Insel Sylt.
Im Jahre 1540 wurde ganz Europa von einer radikalen Dürre ergriffen. Es gab ein ganzes Jahr keinen Regen, die Ernten fielen aus, und Wein wurde billiger als Wasser. Alkoholismus und Hexenverbrennungen stiegen rapide an.
1612 schwemmte eine gigantische Flutkatastrophe im Alpenraum ganze Dörfer und Städte davon.
In den 1930er Jahren – lange vor dem steilen Anstieg der fossilen Verbrennung – kam es im amerikanischen Westen, der Kornkammer Amerikas, zu einer jahrelangen Dürreperiode, in der sich ALLES in Staub verwandelte. Tiere, Pflanzen, alles starb – mitten in der Weltwirtschaftskrise. Die „Dust Bowl“ spielt sogar eine Rolle in einem bekannten Science-Fiction-Film, in dem Astronauten von der Erde fliehen, um eine Ersatzerde zu suchen („Interstellar”, mit Matthew McConaughey in der Hauptrolle).
Ich bringe diese Beispiele nicht, um die menschengemachte Klima-Gefahr zu verharmlosen. Es geht aber darum, eine Illusion sichtbar zu machen: die Vorstellung der „harmonischen Natur“, die wir durch unser sündiges Verhalten „durcheinanderbringen”. Diese Vorstellung führt eher zu einer inneren Trotzigkeit, oder einer Schicksals-Ergebenheit, die uns nicht ins Handeln, sondern ins Resignieren bringt. Und in eine theatralische Art von Pathos: Wir Sünder gehören bestraft.
Darin kann man sich regelrecht suhlen.
Unsere Vorfahren haben es geschafft, in die härtesten Klimazonen einzuwandern, in der Wüste oder am Polarkreis zu überleben. Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten – technischer, systemischer, innovativer Natur –, die unsere Vorfahren niemals hatten. Wir können uns besser anpassen. Wir können unsere Lebens- und Produktionsweisen umstellen. Wir können eine Zivilisation errichten, ohne dabei dauernd riesige Mengen CO&sub2; in die Atmosphäre zu pumpen, ohne dabei in Sack und Asche gehen zu müssen. Ja, das können wir.
Allerdings müssen wir es uns auch zu-trauen.
Der amerikanische Klimaforscher Michael E. Mann hat in einem Essay den Weltuntergangsglauben als das neue Leugnen bezeichnet: „Climate doomism is in many ways as pernicious as outright climate change denial, for it leads us down the same path of inaction.“, – Klima-Katastrophismus ist in vielerlei Hinsicht genauso schädlich wie direkte Klimaleugnung, weil er uns auf denselben Pfad des Nichtstuns führt. www.washingtonpost.com
Und was ist mit der zweiten schrecklichen Mega-Krise unserer Tage – dem russischen Krieg in der Ukraine? Wie soll man daran etwas „Positives“ finden (und ist das nicht reinster Zynismus)?
Ich bin neulich auf einer Website für ukrainische Street-Art gestoßen; Wandkunst im öffentlichen Raum, Widerstandskunst gegen den Putin’schen Krieg. Besonders ist mir das Wandgemälde Nr. 23 aufgefallen.
Eine Frau, in deren Gesicht sich die ganze Verletzlichkeit des Menschen im Krieg zeigt. www.boredpanda.com
Verletzlichkeit kann unheimlich mächtig sein. Und ist es nicht auch das, was der Ukraine-Krieg uns erzählt? Wie verletzlich die menschliche Zivilisation immer noch gegenüber Wahn und Hass, kollektiver Manipulation und Diktatur ist. Aber auch, wie Widerstand und Würde, Hoffnung und Resilienz sich immer wieder neu organisieren?
Es ist beeindruckend, wie sich da im Osten Europas eine Nation formt, die ihre eigenen Ziele definiert – ein ungeheuer energetischer Widerstand, der einfach nicht zu besiegen ist (natürlich kann auch das nicht perfekt sein).
Ist es nicht auch erstaunlich, dass Europa diese Schockwelle in einer nie da gewesenen Entschlossenheit und Klarheit beantwortet hat – allen Putin-Schwurblern und Orbán-Fans zum Trotz? Und wir als europäische Bürger dennoch nicht – auch wenn manche das behaupten – in einen „Kriegsrausch“ verfallen sind?
Hat sich wirklich nichts verändert seit den dunklen Zeiten des 20. Jahrhunderts, als die Demokratien schwach, die Politiker unentschlossen waren, und die Tyrannen leichtes Spielt hatten?
Sind „Menschen“ wirklich immer nur dumm?
Wiederholt sich die Geschichte wirklich bis zum Untergang?
Oder überrascht sie uns immer wieder aufs Neue?
Radikale Akzeptanz
Wer jemals in einer echten Lebenskrise war – schwere Krankheit, lange Trauer, beruflicher Absturz -, der weiß um die Bedeutung der radikalen Akzeptanz.
Radikale Akzeptanz heißt, die Ohnmacht zu akzeptieren, die wir als Menschen immer wieder erleben.
Das wirkt auf eine eigentümliche Weise befreiend.
Es erfordert, dass wir uns neu für die Zukunft entscheiden.
Ent-scheiden heißt, sich von Illusionen zu verabschieden. Das Alte, Vertraute, auf dem wir so sehr beharren, und das jetzt krisenhaft geworden ist, loszulassen.
Radikale Akzeptanz heißt: Es ist, wie es ist. Zu akzeptieren, dass es keine schnelle LÖSUNG gibt. Aber viele LOS-Lösungen, die sich zu einem Weg zusammenfügen.
Marshall McLuhan, der Medienprophet der 60er Jahre formulierte: „Wenn wir mit dem Neuen konfrontiert sind, neigen wir dazu, uns an die Dinge und Gerüche der jüngsten Vergangenheit zu klammern. Wir schauen auf die Gegenwart durch einen Rückspiegel. Wir marschieren rückwärts in die Zukunft.“
Vielleicht kommt man auch im Rückwärtsgang in die Zukunft. Aber wäre es nicht schön, den Blick wieder nach vorne zu richten? Hinein in die Möglichkeiten?
Der Possibilismus
In meinem Gespräch mit den Journalisten würde ich gerne auf den Punkt kommen, um den es eigentlich geht. Aber so weit kommen wir nie. Die meisten Interviews sind maximal 3.30 Minuten lang. Mehr kann der heutige Medienkonsument nicht verkraften.
Es sind, möchte ich sagen, nicht so sehr die Krisen, vor denen wir uns fürchten sollten. Fürchten sollten wir uns vor der Hysterie, mit der wir versuchen, Krisen andauernd anzuschreien.
Leben kann nur gelingen, wenn wir auch das Nichtgelingende annehmen. Ist es nicht das, was uns unentwegt stresst? Der ewige Perfektionismus, die Kontrollwut, alles soll funktionieren, die Züge müssen pünktlich fahren, das Bruttosozialprodukt muss steigen, sonst werden wir richtig sauer! Krisen hingegen zwingen uns – im Wortsinn – zu Gelassenheit. Weil es keine einfachen Lösungen gibt – sonst wäre es ja keine Krise -, zwingen sie uns zur Anerkennung von Widersprüchen, die in der Natur der Dinge liegen. Sie fordern nicht „Lösungen“, sondern ein Hindurch-Navigieren, ein Wandeln auf unsicherem Terrain.
Krisen kann man nicht „überwinden“. Sie lösen sich auf, wenn aus ihnen eine neue Erzählung, ein neues Narrativ entsteht, das in die Zukunft führt.
Eine neue Arbeitswelt.
Ein neues Europa.
Eine neue Energiepolitik.
Ein neuer Frieden.
Wir sollten nicht vergessen: Am anderen Ufer der hysterischen Infantilität, mit der wir dauernd auf die Krisen einschlagen, stehen grinsend die Populisten, die Autokraten und Diktatoren. Sie freuen sich sehr über unsere Verwirrungen und Angstschwurbeleien. Sie bieten einfache Antworten, die auf Gewalt, Lügen und Nostalgie basieren. Das endet immer in der Katastrophe.
Der Meta-Statistiker Dr. Max Roser hat in seinem Welt-Statistik-Portal ourworldindata.org eine schöne dialektische Dreier-Formel für eine konstruktive Zukunfts-Haltung gefunden:
Die Welt ist schrecklich.
Die Welt ist viel besser (als wir glauben).
Beide Aussagen sind wahr. Dazu kommt ein entscheidender dritter Satz:
Die Welt kann viel besser werden.
Es geht um eine Grundhaltung des Wohl-Wollens. Gegenüber uns selbst, gegenüber der Welt, mit all ihren Schwächen und Zu-Mutungen.
Es geht um Erwachsenwerden in einer Welt, die nicht perfekt, aber vielleicht besser werden kann.
Zukunft ist eine Entscheidung.
Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Stellen Sie sich vor, die DIGITALISIERUNG, dieser Super-Hyper-Megatrend, wäre ein Kaiser.
Der digitale Kaiser würde ständig auf der Haupt-Einkaufsstraße flanieren, um seine Macht und Herrlichkeit zu zeigen. Rechts und links versammeln sich seine Fans und Geschäftsmänner, die Berater, Nerds und Neu-Gierigen. Und klatschen Beifall.
Nur einige wenige Passanten würden aus etwas Distanz heraus sehen, dass der Kaiser sich zwar sehr viel Mühe gibt, gravitätisch zu SCHREITEN.
Dass er aber in Wirklichkeit völlig nackt ist.
So geht es mir manchmal auf den immer noch zahlreichen Digital-Kongressen, auf denen noch immer das Hohelied des Digitalismus (des Digitalen als Ideologie) gesungen wird. Jetzt lautet die Parole: Wir haben noch gar nicht richtig angefangen! Jetzt geht es erst richtig los!
Quantencomputer! Künstliche Intelligenz! AI, KI, Blockchain, Smartcoin, Schnittstellen zum Gedankenlesen…
Die digitale Revolution beginnt erst jetzt.
Und ganz obendrauf, sozusagen als Krönung: DAS METAVERSE!
Manchmal möchte man von hinten, von den billigen Plätzen aus, hineinrufen:
KENNEN WIR SCHON!
UND WOZU DAS ALLES?
Andersons Märchen „Der Kaisers neue Kleider“ erschien 1837 – im Vormärz, einer Zeit, in der sich der Zerfall der feudalen Ordnung abzeichnete. Der Text handelt von einem Herrscher, der sich von zwei Betrügern eine Illusion „anschneidern” lässt: Der Kern des Betrugs ist die Behauptung, dass diese ganz besonders feinen Ornate (die aus nichts bestehen) nur von ganz berufenen Personen gesehen und gewürdigt werden können.
So erzeugt man eine hermetische Illusion. Wer möchte schon zu den Dummen und Ignoranten, den Wahrnehmungsgestörten und Technikfeinden gehören?
Seit vielen Monaten sind die Tech-Werte an der Wallstreet im Sinkflug. Das amerikanische Digital-Oligopol MAAAM (Meta, Apple, Amazon, Alphabet, Microsoft,) vermeldet erstmals Wachstums- und Umsatzeinbrüche.
The era of big-tech exceptionalism may be over, Economist 27.7.2022
Einhorn-Strategien, die gestern noch selbst in konservativen Wirtschaftsmagazinen euphorisch gefeiert wurden, erweisen sich als korrupte Hasardeur-Spiele. Die Cyber-Währungen befinden sich im freien Fall. Hunderte von gefeierten Startups, die Jahrzehnte lang Geld verbrennen konnten, haben ernsthafte Finanzierungsschwierigkeiten.
Der Hype ist vorbei. Umso mehr muss die Propaganda verstärkt werden.
Die Anfänge
Vor fast 40 Jahren kaufte ich meinen ersten Computer, einen Commodore 64. Ich werde den süßen Geruch heißer Platinen und billigen Plastiks nie vergessen, der diesem heiligen Gerät entströmte. Das Piep-Piep-Pusschawüühu-huu des Modems, mit dem man sich mit der großen weiten Datenwelt verband, höre ich heute noch manchmal beim Spazierengehen im Kopf.
Als ich im Jahr 1986 in meinem Zimmer saß und mit dem Computer eine komplett neue Welt betrat, hatte ich wunderbare Illusionen. Zum Beispiel:
Die Verbindung aller Menschen, Länder und Kulturen durch vernetzte Computertechnologien wird eine Zeit des Friedens und der Freiheit bringen.
Monotone Arbeit wird durch Robotik und Informatik überflüssig. Die enorm gesteigerte Produktivität ermöglicht Wohlstand ohne Ende.
Die Verfügbarkeit aller Information wird zu einer Wissensgesellschaft führen. Wir werden alle klüger und intelligenter!
Wir können ohne Drogen in imaginäre Welten eintauchen, was die KREATIVITÄT der Menschheit befördert.
In der digitalen Welt wird jeder zum Selbst-Unternehmer. Es wird Millionen kreative Firmen geben, die nach fantastischen Innovationen streben.
Hierarchien werden durch Vernetzung abgebaut, Machtstrukturen beseitigt…
Jede dieser Hoffnungen ist an unterschiedlichen Faktoren gescheitert. Die Idee der Kreativen Wirtschaft scheiterte weniger am Mangel an Kreativität (zum Teil wurde sie durchaus verwirklicht). Das Kreative am Digitalen geriet in den Sog einer dämonischen Kybernetik, des Netzwerk-Effekts, der die User am Ende immer nur auf EINE Plattform zieht. Und dadurch gigantische Monopole schafft.
Den Ort, wo die Befreiung der Arbeit steckengeblieben ist, kann man an gestressten Fahrradboten und ruppigen Geschäftsmodellen wie UBER finden: Digitale Dienstleistungen erzeugen gewaltige Schnittstellen-Probleme zur analogen Realität. Plötzlich entsteht wieder ein Heer von sklavenähnlichen Arbeitern, wie in der Urzeit des Industrialismus.
Niemand bezweifelt den Segen von Wikipedia und neuer Lernplattformen. Aber gleichzeitig hat sich ein dunkler Code in das Wesen der Information eingeschlichen. John Naisbitt, der „Erfinder“ der Megatrends, formulierte einmal in den 90ern: „Wir ertrinken in Information und hungern nach Wissen“.
Heute sind wir ein paar Runden weiter: Wissen ertrinkt in Myriaden von Informationen, deren Herkunft und Intentionen uns verwirren.
Wissen, so verstehen wir langsam, ist etwas komplett anderes als Information. Wissen entsteht langsam, durch Erfahrung, „Trial und Error”, Begegnung und Interaktion. Wissen kann man nicht einfach „copy-pasten”. Aber das Netz mit seiner Allgegenwart verführt uns, das zu glauben (deshalb gibt es so viele „copy-gepastete” Doktorarbeiten).
Wissen handelt von Zusammenhängen. Von gegenseitigen Referenzen. Wie Bildung hat es immer etwas mit Begegnung zu tun. Mit Vertrauen. Aber dieses Vertrauen geht in einer digitalen Wirklichkeit zugrunde, in der es nur noch um das rasende Schürfen der eigentlichen Knappheits-Ressource unserer Zeit geht: um die menschliche Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt.
Digital Doomsday
Das größte Desaster hat das Zukunfts-Versprechen des Digitalen auf der Ebene der menschlichen Kommunikation hinterlassen. Shitstorms, Cybermobbing, Fake News, Identitätsklau, Hass-Mail, Cyberterrorismus. So viele kommunikative Gewaltverhältnisse sind in unseren Alltag eingedrungen, dass einem der Atem stockt.
Kennen Sie den Film „Tickled“ (auf HBO)? Wenn nicht, sollten Sie sich das antun. Es ist eine Dokumentation über eine Sekte, die mit Kitzelwettbewerben per Internet Existenzen vernichtete, ungeheuer viel Geld verdiente und dabei ungeschoren davonkam. So etwas Bizarr-Bösartiges scheint sich nur das Netz ausdenken zu können…
Es ist eine bittere Erkenntnis: Wenn alle mit allen in Echtzeit, aber weitgehend anonym und ohne feste Regeln verbunden sind, ersteht keine Befreiung – sondern Terror. Das Bösartige, Schrille, Übergriffige, Manipulative, setzt sich immer durch. Die amerikanische Publizistin Adrienne LaFrance nannte das soziale Netz sogar eine „soziale Doomsday-Maschine“:
„Das soziale Netz tut genau das, wofür es konstruiert wurde. Facebook wurde nicht dafür gebaut, die Wahrheit zu finden, oder die öffentliche Gesundheit zu verbessern. Man konzentrierte sich auf das Konzept der „community“ – aber entkleidete diesen Begriff aller moralischer Bedeutung. Eine Konsequenz davon ist der Aufstieg von QAnon. Zusammen mit Google und YouTube bringt Facebook Falschinformationen in Lichtgeschwindigkeit zum globalen Publikum. Facebook ist ein Agent von Regierungspropaganda, gezielter Belästigung, terroristischer Rekrutierung, emotionaler Manipulation. Und sogar Völkermord. Eine welthistorische Waffe, die nicht im Untergrund lebt, sondern auf einem Disney-ähnlichen Campus in Menlo Park.“
(Adrienne LaFrance, The Social Net is a Doomsday Machine, Atlantic, 20.7.22)
Vielleicht sollten wir „social media“ als Teil eines übergreifenden Zivilisationsproblems verstehen: der Großen Zivilisatorischen Erhitzung. Wie die fossilen Rohstoffe die Atmosphäre aufheizen, heizt das soziale Netz alle Gefühle, Bedeutungen, Konflikte, Aggressionen, Profanitäten, Narzissmen und Gerüchte unentwegt an. Bis sich die humanen Sozialsysteme zu entzünden beginnen. Und Gesellschaften unfähig werden, sich über sich selbst und die Zukunft zu verständigen.
Es gibt kluge Denker, die tief in diesen Abgrund hineingedacht haben. Etwa Jaron Lanier, ein Pionier des Cyberspace, der schon in den 80er Jahren die ersten (ziemlich klobigen und nach Gummi riechenden) Cyber-Brillen produzierte. Sein Lieblingshobby ist heute das Spielen archaischer Blasinstrumente, etwa von Didgeridoos. Lanier formulierte:
Massen zu emotionalisieren heißt, individuelle Menschen im Design der Gesellschaft zu ent-emotionalisieren. Und wenn man Menschen dazu drängt, keine Menschen zu sein, kehren sie zu alten, Mob-ähnlichen Verhaltensformen zurück.
(Jaron Lanier, „Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now”, The HopeFull Institute)
So wie unser Körper auf ein Gleichgewicht des Mikroben- und Bakterien-Bioms angewiesen ist, das uns bewohnt, braucht unsere seelische Balance bestimmte Beziehungsformen. Die DUNBAR-Formel (nach dem Anthropologen Robin Dunbar) hat dieses „soziale Biom” vermessen: Wir können mit etwa 100-200 Menschen in echter Bekanntschaft leben, 12 bis 25 Freunde haben, etwa 12 Vertraute und mit 5 bis 6 Menschen eine intime Beziehung eingehen. Die Anzahl der Menschen, mit denen wir echte Verbindungen eingehen können, ist durch unsere neuronalen Fähigkeiten limitiert, die in der evolutionären Vergangenheit des Menschen entstanden sind. Wir können uns – zum Beispiel – selten mehr als 100 Gesichter merken.
(Robin Dunbar, Human Evolution: Our Brains and Behavior, 2016)
Das „soziale“ Netz bläht nun die Anzahl der Menschen, mit denen wir „es zu tun haben“, ins Unendliche auf. Es macht aus Beziehungen Pseudo-Verbindungen. Es schärft mit Anreiz-Systemen (Likes, Vergleichen, Sternen, Re-Tweets und-so-weiter) rasende Konkurrenzen, bei denen riesige Mobs und Deutungskriege entstehen und wieder zerfallen.
Dadurch werden wir haltlos.
Das Resultat ist soziale Regression.
In der Corona-Krise konnten wir erleben, wie uns tausende Likes und zigtausende Follower nichts nutzten, um die plötzlich über uns hereinbrechende Einsamkeit zu lindern. Im Gegenteil: Das Übermaß an „Kontakten“ stürzte uns in eine innere Leere, weil wir plötzlich die Illusion erlebten, in der wir uns befanden.
Soziale Medien haben uns alle in die Mitte eines römischen Kolosseums befördert, und viele auf den Rängen wollen Konflikt und Blut sehen.
Jonathan Haidt
Natürlich gibt es Sektoren, in denen sich das Digitale als Win-Win-Fortschritt erwiesen hat. Etwa in der Prozesstechnik, der Forschung, der Automatisierung von Produktionsprozessen, bei Digitalen Zwillingen, überall wo große, „langweilige“ Datenströme zu verarbeiten sind. Aber auch hier hat sich ein Enttäuschungs-Tal aufgetan: „Überall reden wir von der Produktivitätssteigerung durch IT, aber in den Statistiken ist das nie zu sehen“, lautet ein berühmter Ökonomen-Satz.
Stattdessen tun sich in jedem Digitalisierungs-Prozess seltsame Reibungskräfte auf. Man kann das in jeder Behörde, jedem Unternehmen, jedem Krankenhaus erleben. Je mehr Digitalisierung, desto konfuser und chaotischer wird alles (und desto mehr Papier wird beschrieben, mit immer höherem Zeitaufwand). Woran liegt das? An der störrischen Technikfeindlichkeit der Mitarbeiter, wie es oft behauptet wird?
Digitalisierung wird überwiegend als Kostensenkung-Maschine verstanden. Das geht immer schief. Manche Banken oder Airlines haben sich bereits konsequent selbst abgeschafft, indem sie alle Arbeit ihren Kunden aufgebürdet, entsetzliche Sicherheitsabfragen installiert und dafür noch Gebühren verlangt haben. Und niemand mehr „analog“ erreichbar war. Solche digitalen Kundenabschreckungs-Methoden funktionieren sehr verlässlich. Richtung Marktaustritt.
Das magische Metaverse
Neulich lud ich mein Auto am Autobahnkreuz Biebelried, zwischen Würzburg und Nürnberg neben einem seltsamen Gebäude. Eine große Beton-Kuppel, ein Ei, das ich zunächst für eine modernistische Kirche hielt, oder ein Atomkraftwerk.
Das Ding wirkte verlassen, wie eine Ruine aus der Zukunft. Später fand ich seine Geschichte heraus: Es war in den Nuller Jahren ein IMAX-Kino mit riesiger Leinwand und spektakulärer Technik. Nach zwei kurzen Öffnungsperioden stand es leer. Heute ist es, soweit ich weiß, von einer Werbeagentur gemietet.
Können wir uns noch an den 3-D-Film-Hype erinnern – einer von vielen Hypes, die das Digitale Zeitalter mit sich brachte, und von denen heute niemand mehr spricht? Um 2005 herum war es ausgemachte Sache, dass Kinofilme nur noch in 3-D-Digitaltechnik produziert werden würden. Die Kinos würden zu riesigen Simulationstempeln umgebaut werden und nur noch Filme in nie gekannter Plastizität und Auflösung zeigen – Multiversen in voller Pracht.
WHOW!
Warum hat sich das nie realisiert – und wieso werden heute kaum noch 3-D-Filme produziert? Als ich mit meinen Kindern um die Jahrtausendwende in 3-D-Kinos ging, fanden sie es lustig, waren danach aber äußerst schlechter Laune. Begeistert waren sie dagegen von Computerspielen, die grob und pixelig waren. Denn man konnte etwas TUN.
Das menschliche Hirn ist eine magische Maschine. Es kann sich alle möglichen Dinge vorstellen, komplexe Phantasien hervorbringen. Es kann sich mit der EFT-Technik (Episodic Future Thinking) sogar in die Zukunft versetzen. Unser Hirn macht, wenn es die Wirklichkeit „scannt“, ständig Vorhersagen, es ergänzt Sinneseindrücke durch innere Modelle, fügt unscharfen Informationen eigene Bilder hinzu. Wir sehen einen 2-D- Film durchaus dreidimensional – unser Hirn rechnet automatisch die Räumlichkeit dazu.
Wenn wir stereotaktische Bilder sehen, gerät unser Hirn erst ins Staunen, dann in eine schwere Irritation. Nun konkurriert das innere 3D mit dem äußeren 3D. Unser Hirn irrt zwischen den Referenzsystemen hin und her. Dadurch entsteht eine Art innerer Spaltung – und Stress.
Haben sie einmal eine Außenbord-Reparatur an der ISS vorgenommen, 400 Kilometer über der Erde? Ich schon. Es gibt tolle Programme für die üblichen Drei-D-Brillen, bei denen man echt schwindlig wird. Die Beine sacken weg, schließlich arbeitet man in Null G…
Davon muss man sich erstmal erholen.
Man nennt das auch die Cybersickness. Es ist besonders anstrengend, von einem Universum wieder ins andere zu kommen.
Ein anderer Faktor ist die mediale Adaptation. Jedes Medium schreibt seine eigene Dramaturgie. 3D-Filme brachten irgendwann nur noch Handlungen hervor, in denen dem Zuschauer ständig etwas mit donnerndem Lärm um die Ohren flog – Dinosaurier, Roboter, Häuser, Raumschiffe. Das produzierte kurzfristig viel Adrenalin und Quietschen im Kinosaal. Aber auf Dauer strunzdumme Drehbücher.
Das „Kino für die Sinne“ ist in Wahrheit ziemlich sinn-los.
Könnte es mit dem Metaverse ebenso sein?
Der Idee des Metaverse liegt die Idee zu Grunde, dass wir uns nach einer Art hochauflösender Zweitwelt voller Wunder und Sensationen sehnen. Für manche Anlässe, wie ABBA-Wiederauferstehungen, mag das stimmen. Was aber, wenn uns schon in REAL WORLD alles viel zu viel ist?
Zu viele Möglichkeiten. Zu viele Reize.
Zu hohe Auflösung.
Zu viele rosa Elefanten und geile Zwerge.
Wenn unser Hirn eher die WENIGEREN Informationen bevorzugt?
Die unschärferen Bilder, die uns Raum für Eigenes lassen?
Die sichtbaren Unklarheiten, die unsere Fantasie anregen?
Es gibt ein wunderbares Gedankenexperiment, dass uns an den Kern des Metaverse-Mythos führt: Wenn es eine Maschine gäbe, die ihnen den Rest ihres Lebens garantiert Komfortabilitäts- und Glückgefühle ins Hirn projiziert, einschließlich spannender Abenteuer – sie würden davon gar nichts merken und sogar den Tod vergessen – würden Sie sich anschließen lassen?
Wahrscheinlich wird es Menschen geben, die das Metaverse tatsächlich besiedeln werden. Wie Pioniere auf einen fremden Planeten. Sie werden gerne in jene Landschaften gehen, in denen man als Pferd oder Zyklop oder als rosa Giftzwerg willkommen ist. Und wo man all die Dinge „machen“ kann, die in der real world nicht so gut funktionieren. Oder ankommen.
Es werden aber nicht allzu viele sein.
Das Metaverse ist ein Trick, um dem digitalen Desaster nach vorne, ins nächste „Paradies“ zu entkommen.
Technologie auf der Suche nach Problemen.
Auch zum Mars nimmt man sich immer selbst mit.
Weiß Elon Musk das?
Gleichzeitig ist das Metaverse das, was Menschen in der einen oder anderen Weise immer schon bewohnt haben. Vielleicht handelt es sich um nichts anderes als die Himmels-Version 2.0, das Transzendenz-Gefäß des technologischen Zeitalters. Wenn man einen mittelalterlichen Klappaltar aufklappt – etwa die Darstellung der Hölle und des Paradieses im Weltgerichtstriptychon von Hieronymus Bosch – was sieht man da? Genau. Das METAVERSE in all seiner Pracht. In 2D nur, gewiss, und ohne Animationen. Aber kommt es darauf wirklich an?
Anmerkung: Neben dem spektakulären „Cyber-„Metaverse gibt es noch ein anderes, das sich eher an fluiden Organisationsprozessen orientiert. Das kann eine sinnvolle Weiterentwicklung von „Social Media“ sein. Man sieht allerdings, welche Unschärfe und Verwirrung im Begriff „Metaverse“ liegt. Ein Begriff, der sich für alle möglichen Deutungen brauchen und missbrauchen lässt.
Digitaler Schwurbel
Derzeit zaubern die digitalen Propheten in steigender Hektik neue Zauberbesen aus dem Hut. Auch KI ist über weite Strecken eines von diesen Wundermitteln. Aber was heißt eigentlich „Künstliche Intelligenz“?
Der Schwurbel beginnt schon in der Wortbildung. Intelligenz setzt sich aus einem weiten Feld von emotionalen, analytischen und reflexiven Fähigkeiten zusammen, die eigentlich nur im lebendigen Menschen definierbar sind. Wie aber kann dann Intelligenz „künstlich“ sein? Die Begriffskombination suggeriert, dass Maschinen automatisch „klüger“ sind – oder werden – als Menschen, „weil sie schneller rechnen“ können.
Das ist ein typischer Kategorienfehler (nach Niklas Luhmann, der als Beispiel für einen Kategorienfehler einen Bauern anführte, der Bratkartoffeln anbauen will).
Aus dem Trendwörterbuch der Gegenwart: * Schwurbel, der.
Volkstümliche Bezeichnung für das Bilden falscher semantischer Brücken. Beim Schwurbeln werden unzusammenhängende Dinge miteinander verbunden, falsche Kausalitäten oder Zusammenhänge erzeugt. Schwurbeln (früher „spinnen“) ist im Prinzip harmlos und super-menschlich, ja sogar eine kreative Funktion unseres Hirns. Kinder, Künstler und interessante Menschen tun es dauernd, um „im Spiel“ zu bleiben. Gefährlich wird es nur, wenn das Spiel aggressiv aufgeladen und in wahnhafte Illusionen übersetzt wird. Dann kommt es zu fatalen –> Schwurbeldemien.
KI eignet sich hervorragend, um Millionen erneuerbare Stromquellen für die zukünftige Energiesicherheit zu synchronisieren. Um Millionen Daten zu strukturieren, damit etwas sichtbar wird. Aber nicht, um Sinnfragen zu lösen. Beziehungsprobleme. Oder fundamentale Entscheidungsfragen in der Unschärfe der real world.
Watson, die Gross-KI von IBM, wurde in Krankenhäusern als „Diagnosearzt“ ausprobiert. Mit ernüchternden Ergebnissen. Der menschliche Körper und seine Reaktionen lassen sich nicht einfach in binäre Algorithmen zerlegen. Menschen sind auf die absonderlichste Weise krank. Sie sind „analog“ krank – mit vielen Zwischentönen, Unschärfen, magischen Symptomen…
Eine der momentanen Hypes sind KI-Systeme, die KUNST machen können. Eine Super-Sensation! Computer, die wie Breughel malen! Die unbekannte Bach-Kantaten am laufenden Stück komponieren können! Wenn Computer schon KUNST machen können, dann sind wir Menschen sicher bald überflüssig!
Wirklich?
Amazon hat für ALEXA ein Programm herausgebracht, das die Stimmen von Toten in die Assistenzfunktionen integriert. Das heißt, ich könnte die Stimme meiner Großmutter (ich habe noch ein paar alte Tonkassetten, das sollte reichen) als Grundstimme meines „digital assistant“ verwenden.
Ich möchte die Stimme meiner Oma nicht dreißig Jahre nach ihrem Tod aus meinem Lautsprecher hören. Schon gar nicht, um mir das Wetter anzusagen. Ich frage mich vielmehr: In welchem Mindset muss man sein, um derartige würdelose Software anzubieten?
Irgendetwas an all diesen „Innovationen“ erinnert an die Rote Königin, die Alice im Wunderland erklärt: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“
Aber wohin rennen wir eigentlich?
Die digitale Selbstverzwergung
Gerade im verwirrten digitalen Zeitalter sehnen wir uns nach dem Anchorman. Ein solcher Anker ist Klaus Kleber, der uns viele Jahre als Chefmoderator des ZDF die Welt so erklärte, dass sie annehmbar erschien. Nun hat er einen Film gedreht der sich noch einmal mit dem Silicon Valley und seinen mystischen Visionen beschäftigt. Im Pressetext heißt es:
Ihre Vektoren weisen ins Metaverse, ein digitales, alle Plattformen einschließendes Über-Universum, eine erschreckend realistische Allmachtsfantasie – oberhalb der vertrauten Universen von Politik, Wirtschaft, Finanzen, Privatleben, Intimem und Öffentlichem. Virtuelles und reales Leben sollen zu Einem verschmelzen. Themen, die wir bisher meist isoliert voneinander sehen – künstliche Intelligenz, verdrahtete menschliche Gehirne aus reiner Mathematik geborene Krypto-Währungen, Aussiedlung von Menschen auf andere Planeten – sind Hebel im Ringen um die Herrschaft in dieser zukünftigen Ordnung. Die Vernetzung von Algorithmen, Gen- und Gehirnforschung und milliardenfacher digitaler Kommunikation wird noch viel mächtigere Wirkung haben.
Hier wird der Digitale Kaiser noch einmal kräftig aufgerüstet. Im vollen Ornat von Macht und Gefährlichkeit steht er da.
Dabei ist alles viel einfacher banaler: ES WIRD MEISTENS NICHT FUNKTIONIEREN!
Automatisches Autofahren? Computerisiertes Gedankenlesen? Weltrettung durch Blockchain? Neuronale Verbindungen mit dem Internet durch ins Hin geschraubte Schnittstellen? Drohnen, die das Abendessen auf den Balkon bringen?
Warum glauben wir immer noch so furchtvoll an die Macht des digitalen Kaisers?
In seinem Buch „You Are Not a Gadget“ hat Lanier jenen seltsamen Selbstverzwergungs-Effekt auf den Punkt gebracht, der unserem Umgang mit dem Digitalen innewohnt:
„Menschen degradieren sich selbst, um Maschinen SMART erscheinen zu lassen. Vor dem Crash (Bankenkrise 2009) glaubten Banker an sogenannte intelligente Algorithmen, die die Kreditrisiken kalkulieren konnten, bevor man einen schlechten Kredit vergab. Wir fragen Lehrer, nach standardisierten Tests zu lehren, so dass ein Schüler gut gegenüber dem Algorithmus aussieht. Wir haben wiederholt die grenzenlose Fähigkeit unserer Spezies bewiesen, unsere Maßstäbe zu verringern, damit Informationstechnologie gut aussehen kann.”
(People degrade themselves in order to make machines seem smart all the time. Before the crash, bankers believed in supposedly intelligent algorithms that could calculate credit risks before making bad loans. We ask teachers to teach to standardized tests so a student will look good to an algorithm. We have repeatedly demonstrated our species‘ bottomless ability to lower our standards to make information technology look good. Every instance of intelligence in a machine is ambiguous.)
Wenn wir digitale Bankgeschäfte, oder Fahrkartenkäufe machen, und nichts funktioniert richtig, machen wir meistens uns SELBST dafür verantwortlich – wir glauben, dass wir zu blöd, zu untechnisch und digital unbegabt sind. Wenn wir niemanden mehr in Telefon-Warteschleifen erreichen, glauben wir, wir kämen mit dieser modernen Welt nicht zurecht – und schieben uns die Unverschämtheit, mit der wir konfrontiert werden, als Digital-Scham selbst in die Schuhe. Gegenüber den „Digital Natives“, die sich ja so elegant und ohne Probleme durchs Netz bewegen, sind wir offenbar überkommene Wesen…
Auch die „Digital Natives“ sind in Wirklichkeit ein Hype. Die Jüngeren irren genau wie wir in würdelosen Digital-Systemen herum. Sie wirken dabei nur irgendwie cooler.
Auch unsere seltsame Selbsterniedrigung vor den Robotern, die angeblich „demnächst“ so viel fähiger, ja sogar „menschlicher“ sein werden als wir, weisen auf einen fatalen anthropomorphen Effekt hin. Irgendetwas in uns sehnt sich womöglich danach, eine Maschine zu sein. Und perfekt im Modus von Eins und Null zu funktionieren.
Das Human:Digital
Um das Werden der Zukunft zu verstehen, hat sich ein relativ einfaches Modell als hilfreich erwiesen. Die LIEGENDE ACHT (oder „Doppelschleife der Veränderung“) bildet die Gesetze adaptiver Zyklen ab.
Die Bezeichnung „lazy eight”, die auch für diese Figur verwendet wird, bezieht sich ursprünglich auf eine Kunstflug-Figur einer „liegenden Acht”, die von Piloten besonders leicht zu fliegen war. www.zukunftsinstitut.de
Im ewigen Wandel wie im richtigen Leben gibt es immer fünf Phasen: Aufstieg, Erstarrung, Loslassen, Re-Vision und Neubeginn. Nach einem grandiosen Erfolg beginnt eine Phase der Optimierung und Konservierung, die unweigerlich in eine Krise mündet. Das Alte Normal wird unnormal. Das ist der Beginn einer Rückwendung, einer Re-Vision im doppelten Sinn, die uns auf den Weg zu neuen Organisationsformen führen kann. So entsteht Zukunft: In der kreativen Reaktion auf das Gelungene, aber dann Gescheiterte.
Längst ist eine Gegenbewegung gegen den Digitalismus entstanden, ein stiller Widerstand im Alltäglichen. Millionen Menschen schalten ihre Smartphones immer häufiger aus. Sie verlassen das digitale Universum dort, wo es ihnen nicht guttut. Sie reden wieder wahrhaftig miteinander – ob mit oder ohne digitale Medien ist nicht so entscheidend. Sie vernetzen sich in einer menschengerechten Weise, ob analog oder digital, am besten mit den Vorzügen von beidem.
Gleichzeitig fällt auf, wie viele Menschen sich heute wieder für mentale Techniken interessieren. Fernöstliche und holistische Denkweisen erleben einen nie dagewesenen Boom. Unter der zappelnden Oberfläche der Erregungs-Ökonomie ist eine neue Bewegung der Achtsamkeit entstanden, in der Menschen lernen, Verantwortung für sich, ihre Gefühle und Wirkungen zu übernehmen. Vielleicht ist das der Anfang einer neuen mentalen Transformation, wie es sie auch zu Beginn der Aufklärung und – ansatzweise – in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schon einmal erlebt haben. Dabei geht es um die wahrhaft wichtigen Zukunfts-Kompetenzen:
Gelassenheit der wissenden Ignoranz (man muss sich nicht über alles aufregen).
Die Fähigkeit, die eigenen Muster zu erkennen.
Selbstwirksamkeit.
Konstruktiver Gemeinsinn.
Bei alledem geht es längst nicht mehr um FÜR oder GEGEN die Digitalisierung. Das wäre wieder nur Null oder Eins. Es geht um die richtigen, die würdevollen Anwendungen. Um das Human:Digital.
Für die Digitale Ethik gibt es inzwischen spannende Initiativen. So hat zum Beispiel die Publizistin und Informatikerin Sarah Spiekermann mit einem Team von Geisteswissenschaftlern, Psychologen und Systemwissenschaftlern die europäische DIN-Norm IEEE-7000 für Software-Systeme entwickelt. Das Projekt trägt den etwas umständlichen Titel „Standard-Modellverfahren für die Berücksichtigung ethischer Belange bei der Systementwicklung“.
Für den Übergang vom digitalen zum mentalen Zeitalter brauchen wir zunächst die Weisheit eines Kindes, das uns aus der Infantilisierung des Digitalen herausführt:
„Aber er hat ja nichts an!” sagte endlich ein kleines Kind. „Herr Gott, hört des Unschuldigen Stimme!” sagte der Vater; und der Eine zischelte dem Andern zu, was das Kind gesagt hatte.
„Aber er hat ja nichts an!” rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn es schien ihm, sie hätten Recht; aber er dachte bei sich: „Nun muss ich die Prozession aushalten.” Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.
(Hans Christian Andersen, „Des Kaisers neue Kleider”, Schlusssequenz)
Ich werde derzeit oft gefragt, was man überhaupt noch über die Zukunft aussagen kann, wenn es offensichtlich keine mehr gibt. Ist die Welt nicht endgültig auf dem absteigenden Ast, im endgültigen Niedergang? Unaufhaltsam die Klimakatastrophe, der Ukraine-Krieg ohne Aussicht auf Frieden, eine neue Ära der diktatorischen Imperien steht bevor, Seuchen springen überall auf, es brennt und zündelt in allen Erdteilen, und nun auch noch Gasmangel, Inflation, Weizenkrise, Weltrezession, und war da nicht auch Genderwahn, Rechtspopulismus, überfüllte Züge und Schlangen beim Mallorca-Urlaub …?
Die Zukunft hat sich gegen uns verschworen.
Der Mensch ist schlecht und zum Untergang verurteilt.
„Rightsizing“ bedeutet, etwas in der richtigen Weise zu formatieren. Das richtige Maß zu finden. Im Leben müssen wir das immer wieder tun, wenn wir in Sackgassen laufen, die aus Übertreibungen und Verengungen entstehen.
Sonst kommen wir nicht weiter.
Die Zukunft ist eine wichtige Dimension in unserem Leben. Wenn wir sie verlieren, werden wir alt und traurig. Und früher oder später dumpf-reaktionär.
Ich möchte der Kaskade unserer Hoffnungslosigkeit eine mentale Technik entgegensetzen, zu der mich die amerikanische Zukunftsforscherin Jane McGonigal mit ihrem Buch IMAGINABLE inspiriert hat. (Jane ist Mitglied des „Institute for the Future“, des ältesten Zukunftsinstituts der USA, das in vieler Hinsicht unserem Zukunftsinstitut ähnelt).
Jane’s Methode, sich der Zukunft zu nähern, ähnelt der RE-GNOSE. Also jener Zukunfts-Reise, in der wir uns in ein Morgen versetzen, um von dort aus zurückzublicken auf unsere Gegenwart. Voraussetzung für ein solches Experiment ist es, zu erkennen, dass wir als Menschen, egal wie klug und gebildet wir sind, die Realität niemals völlig erkennen können. Wir befinden uns vielmehr in einer Realitäts-Illusion, einem Wahrnehmungs-Tunnel, den wir für die Wirklichkeit halten. Plato hat das in seinem Höhlengleichnis ausgedrückt, in dem Menschen in einer Höhle die Welt nur als flackernde Schatten an der Wand sehen und das eigentliche Geschehen verborgen bleibt.
Platos Lehrer Sokrates beschreibt in diesem Gleichnis eine unterirdische, höhlenartige Behausung, in der Menschen leben, die dort ihr ganzes Leben als Gefangene verbracht haben. Sie sind sitzend an Schenkeln und Nacken so festgebunden, dass sie immer nur nach vorn auf die Höhlenwand blicken können, wo sie die Geschehnisse der Welt nur als flackerndes Abbild von Schatten eines Feuers erfahren können. Man ersetze das Feuer durch den Bildschirm, und hat eine ziemlich genaue Darstellung unserer Lebensrealität.
Die Dämonisierung der Wirklichkeit
Die Evolution hat uns als Menschen mit einer besonders hohen Gefahren-Wahrnehmung ausgestattet. Unser Hirn ist dazu „geprimt“, Muster zu erkennen, die auf existentielle Bedrohungen hinweisen. Diese negativity bias führt dazu, dass wir negative Informationen um den Faktor 4 bis 10 (je nach Charakterzug) stärker bewerten als Mitteilungen, in denen sich Lösungen, Entwicklungen, Verbesserungen zeigen.
Angst soll uns motivieren etwas gegen drohende Gefahren zu unternehmen. Zu kämpfen, zu flüchten, Verteidigungssysteme zu bauen oder Vor-Sorgen zu treffen. In dem ungeheuren medialen Echo-System, in dem wir heute leben, führt das „Anfüttern“ mit Gefahren jedoch zum gegenteiligen Effekt. Zur zynischen Apathie.
In einer Aufmerksamkeits- und Erregungs-Ökonomie ist Negativität (Skandal, Streit, Gefahr, Übertreibung) ein probates Geschäftsmodell. Nichts hält uns so zuverlässig beim Klicken und Lesen wie Befürchtungs-Erzählungen und Untergangs-Narrative. Deshalb wimmeln nicht nur das digitale Netz sondern auch die „klassischen“ Medien von regelrechten Infodemien des Negativen.
Das meistbenutzte Wort in deutschen Informations-Medien ist „DROHT“. Immerzu droht alles, rund um die Uhr. Gleich danach kommen Worte wie „Versagen“, „Skandal“, „könnte“ (negativer Konjunktiv, im Sinne von „den Bach runtergehen“). Damit erfüllen die Medien, die Journalisten, scheinbar ihre Pflicht zur Aufklärung der Gesellschaft. Ein „kritischer Journalist“ fühlt sich immer moralisch berechtigt, das Schlimmste anzunehmen und zu verbreiten; er meint es ja nur gut mit uns. Wir sollen gewarnt sein vor dem Übel.
Also setzen wir noch einen drauf. Wer ist schuld an dem Versagen? Na klar, die Politiker!
In Wirklichkeit demoralisiert uns das alles nur. Was niemals oder selten vorkommt, ist Bewältigung.
Corona war eine Krise, die wir gar nicht so schlecht bewältigen konnten. Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft haben gar nicht schlecht zusammengearbeitet, um das Schlimmere zu verhindern. Aber die mediale Darstellung war durch ein ewiges Aufpeitschen von Streit, Dissens, dem Versagen, dem Nichtgenügen geprägt. Was bleibt, ist der fade Geschmack einer Niederlage.
Typisch für diesen Effekt der Vergeblichkeit ist das so genannte SPIEGEL-ABER. Wenn in Deutschlands kritischsten Magazin einmal eine positive Entwicklung aufgegriffen wird, findet sich schon in der Unterzeile die Umdrehung: „Es gibt zwar deutlich weniger Verbrechen, ABER das könnte nur darauf hinweisen, dass es demnächst NOCH schlimmer wird!“
So wächst das Dräuende, Dämonische der Zukunft unaufhörlich an. Das Kritische wird kontraproduktiv. Der Riesen-Troll des Untergangs wächst in den Himmel. Die Zukunft ist eine Sackgasse, aus der es keinen Ausweg mehr gibt. Nichts kann wirklich gelingen.
Wie kommen wir da raus?
Durch die Angst hindurchgehen
Eine sinnvolle Methode, sich der Zukunft sozusagen „von Hinten“ zu nähern, in einer konstruktiven Schleife, besteht darin, die Negativitätsverzerrung im Sinne einer mentalen Doppelstrategie zu nutzen. Dazu gehört im ersten Schritt eine bewusste Konfrontation mit der Negativität.
Stellen wir uns die fürchterlichsten aller möglichen Zukunfts-Szenarien vor. Zeichnen Sie die schrecklichsten Entwicklungen auf, die Ihnen für die nächsten zehn Jahre (zehn Jahre sind eine Art Zukunfts-Grundmaßstab) in den Kopf kommen. Zum Beispiel:
Eine neue Seuche mutiert aus Corona, die plötzlich höhere Tödlichkeit mit starker Ansteckung verbindet und zu weltweitem Chaos führt – und einem Zusammenbruch der Weltwirtschaft.
Der Ukraine-Krieg entwickelt sich zu einem Amoklauf von Putins Russland, das einen nuklearen Krieg mit der NATO vom Zaun bricht, worauf eine weltweite Superkrise entsteht, in der der gesamte Wohlstand zerstört wird.
Amerika wird unter einem neuen, noch rechteren Präsidenten als Trump faschistisch; es kommt zu einem inneramerikanischen Bürgerkrieg, der die ganze Weltwirtschaft zerstört und auch Europa ins Chaos stürzt.
In Kürze kommen Überwachungs-Techniken auf den Markt, die mittels mind-profiling Gedanken lesen können, damit bestimmte Werbebotschaften noch genauer angesprochen werden können; dieses Mittel wird längst auch von Geheimdiensten benutzt und dient natürlich der Überwachung der Gedanken, um den neuen Faschismus vorzubereiten.
In Grönland schmelzen plötzlich die Gletscher viel schneller als erwartet; es entsteht ein Kaskaden-Affekt, der zu wahnsinnigen Hitzewellen und Bränden überall auf der Welt führt.
Haben Sie keine Hemmungen! Lassen Sie Ihrem dunklen Propheten freien Raum! Malen Sie sich alles aus: Was passiert? Wo wird es passieren? Wie wird das aussehen? Wer versagt? Wie werden sich die Nachrichten in der Tagesschau anhören? Wie werde ich, meine Familie reagieren?
Folgen Sie der Angst bis an ihr Ende.
Mit der Angst ist es so, dass man sie auf Dauer nicht halten kann. „Fear is a natural reaction to moving closer to the truth“ schreibt Pema Chödrön, eine buddhistische Lebenshilfe-Therapeutin, die Bücher mit schönen Titeln wie „Die Weisheit der Ausweglosigkeit“ oder „Der Mut zur Angst“ schrieb. Wir erkennen: Solche Szenarien sind zwar möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Es sind Phantasien. Dass sie im Prinzip möglich sind, heißt noch nicht, das sie EINTRETEN werden.
Durch diese negative Zukunfts-Meditation können wir die wahre Zukunft von unserer Angst differenzieren. Indem wir unsere Phantasien im Geiste „realisieren“, führen wir uns in eine Art Katharsis: WENN es so schlimm käme, wären wir in der Tat ohnmächtig. Dann wäre nichts mehr zu tun.
Aber es könnte eben auch ganz ANDERS kommen.
Überraschend anders.
Vielleicht sogar besser.
Wenn etwas Schreckliches passiert,
dann sollte man nicht daran zweifeln, dass es wirklich schrecklich ist.
Man sollte aber auch fragen: Was
passiert gerade sonst noch?
Der zweite Teil der Übung geht in die entgegengesetzte Richtung. Wir schauen in Richtung einer Realität, die wir bislang ignoriert haben.
Der Realität des WANDELS.
Des Wandels zum BESSEREN.
Lesen Sie:
Die WHO hat neue Daten zum weltweiten Zugang zu Kochmöglichkeiten veröffentlicht. Im Jahr 1990 nutzten 53 Prozent der Weltbevölkerung Holz, Kohle oder Kerosin oder Dung, um ihr Essen zu kochen. Im Jahr 2020 ist diese Prozentzahl auf 36 Prozent gefallen. Das heißt, dass in einer Generation 2.48 Milliarden Menschen MEHR mit Elektrizität oder sauberen Öfen kochen.
Indien hat soeben seinen fünften Nationalen Familien-Gesundheits-Bericht veröffentlicht. Bei einer Einwohnerzahl von 1,38 Milliarden Menschen hat sich in 5 Jahren, von 2015 bis 2020 Folgendes verändert:
Das Verhältnis von Frauen mit zehn oder mehr Jahren Bildung erhöhte sich von 35,7 auf 41,5 Prozent.
Der Gebrauch von Verhütungsmitteln stieg von 54 auf 57 Prozent an.
Teenager-Schwangerschaften reduzierten sich von 29,5 auf 25 Prozent.
Die Kindersterblichkeit reduzierte sich von 30 auf 25 pro 1000 Lebendgeburten.
Der Zugang zu sanitären Anlagen verbesserte sich von 48,5 auf 70,2 Prozent.
Der Zugang zu Elektrizität erhöhte sich von 88 auf 96,8 Prozent.
Die Geburtenrate reduzierte sich von 2,2 auf 2,0 Kinder pro Frau und liegt jetzt in 23 von Indiens 28 Regionen UNTER der Reproduktionsrate. Das heißt, dass es keinen Geburtenüberschuss mehr gibt! Die indische Bevölkerungszahl wird in 10, 15 Jahren anfangen, massiv zu schrumpfen! Die Bevölkerungsexplosion findet nicht statt.
Gleichzeitig hat Indien sein Zwischenziel, 40 Prozent seiner Energie erneuerbar zu erzeugen, erreicht. 156 von 390 GW der derzeit benötigten Energie werden solar oder mit Wind erzeugt. Das Ziel für 2030 von 500 GW (Äquivalent zu 400 Atomkraftwerken) rückt in greifbare Nähe. Economic Times
Afrikas GREAT GREEN WALL ist der Welt ehrgeizigstes Bewaldungs-Projekt, das sich quer über den Kontinent ziehen und eine Barriere gegen den Vormarsch der Wüste bilden soll. Das Projekt läuft seit 15 Jahren und konnte noch nicht in allen Ländern vollständig realisiert werden. Aber in NIGER war der Erfolg groß. Im Jahr 2020 waren 400.000 Hektar Wüste in einen Teil-Wald transformiert, und die verbesserte Erde führte zu einer kräftigen Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge.
Hunderte Dörfer erzielen ökonomische Vorteile aus der landschaftlichen Umformung, dem „Afrikanischen Terraforming“. NYT
Ebola ist vorbei, oder hat zumindest seine Schrecken verloren. Das sagt Jean-Jacques Muyembe-Tamfum (https://en.wikipedia.org/wiki/Jean-Jacques_Muyembe-Tamfum), der das Virus vor 40 Jahren entdeckte; ein kongolesischer Mediziner, der die Entwicklung der Infektion seitdem intensiv verfolgt. „Heute kann ich sagen: Ebola ist besiegt, es ist vermeidbar, behandelbar und heilbar.“ France24
Amerikas Ungleichheits-Problem hat sich zum ersten Mal in einer Generation verbessert. Die arme Hälfte der Amerikaner hält nun einen größeren Anteil am Gesamtvermögen als jemals zuvor in den letzten zwanzig Jahren. archive.today
Amerikas nachlassender Fleisch-Hunger zeigt erste Wirkungen. Der tägliche Fleisch-Konsum (inkl. Eier, Milch) der Amerikaner fiel zwischen 2003 und 2018 um fast 40 Prozent; Auswirkungen der veränderten Ernährungsgewohnheiten in den Städten und bei den Jüngeren. Das Resultat ist der Rückgang von CO2-Emissionen im Ernährungssektor um sagenhafte 35 Prozent. Anthropocene
Das erste Mal in 60 Jahren wird die chinesische Bevölkerungszahl zurückgehen. In den letzten 40 Jahren stieg die Anzahl der Chinesen von 660 Millionen auf 1.4 Milliarden an, aber 2021 war nur noch ein Zuwachs von 480.000 zu verzeichnen. Durch weitere sinkende Geburtenraten trotz Aufhebung der Ein-Kind-Politik dürfte China bereits dieses Jahr an seinen POPULATION PEAK gekommen sein. Von nun an gibt es immer weniger Chinesen. BBC
Das Meer vor dem GAZA-Streifen ist zum ersten Mal wieder „kristallblau“, nachdem Kläranlagen ihren Betrieb aufnahmen und die direkte Einleitung von Abwässern ins Meer beendeten. Trotz ständiger kriegerischer Notstände können die Gaza-Bewohner jetzt ein Bad im Meer genießen. euronews.green
Pakistan ist eine der wenig berichteten Entwicklungs-Erfolgsgeschichten der letzten Dekaden. Zwischen 1990 und 2019 stieg die Lebenserwartung um 7,2 Jahre, die Schulzeit um 2,9 Jahre, das Einkommen um 64 Prozent und der Anteil der Menschen unter der Armutsgrenze sank von 50 auf unter 20 Prozent. UNDP
Vor drei Jahren startete Pakistan das „Zehn-Billiarden-Baum-Projekt“, was viel kritisiert wurde. Ende 2021 ist das Land auf der Zielgeraden für 15 Milliarden Bäume. Dunya
Dazu kommt das größte Mangroven-Restaurations-Projekt in der Welt. gulfnews.com
Auch die benachbarte Mongolei machte mit und spendierte 1 Prozent seines GDP für eine Milliarde Bäume, um die Wüstenbildung einzudämmen. Montsame
E-Autos tragen in Großbritannien jetzt schon einen signifikanten Anteil zur CO2-Vermeidung bei. The Guardian
Noch schneller geht es in Norwegen, wo Verbrenner nun nur noch 10 Prozent alle Käufe ausmachen. Im Jahr 2025 wird womöglich das letzte Diesel- und Benzinauto verkauft, drei Jahre früher als der ohnehin schon ambitionierte Plan der Norweger. Drive
Dem Beispiel von Barcelona, Paris und Amsterdam folgend wird Birmingham, die zweitgrößte englische Stadt, eine große „low-traffic-neighborhood“ errichten. Verbunden mit einem Plan, Verkehr aus der City herauszuhalten und ein durchgängiges Verkehrssystem mit Zero-Emissions-Bussen, Fahrrad-Autobahnen und viel Platz für Fußgänger zu schaffen. The Guardian
Der Kampf gegen Plastik nimmt an Fahrt auf.
Indien hat das größte Einweg- Plastikverbot der Welt ausgesprochen. The Times of India
Amerika wird den Gebrauch von Plastik in Nationalparks verbieten. npr.org
Australien hat durch seine Bemühungen der Reduktion einen Rückgang von 29 Prozent Küsten-Plastik-Müll in den letzten sechs Jahren erreicht.
Brasiliens ikonischer Golden Lion Tamarin, der nur in den atlantischen Wäldern Südamerikas vorkommt, wurde vor dem Aussterben gerettet; die Anzahl der Exemplare stieg von 200 im Jahr 1977 auf 2.000 heute.
Lokale Artenschützer haben 50 Jahre lang hart an seiner Erhaltung gearbeitet und wenden sich jetzt den anderen bedrohten Tamarin-Arten zu: Schwarzkopflöwenäffchen, Goldkopflöwenäffchen und Rotsteißlöwenäffchen.
Wladimir Putin hat mehr für die Energie-Transition getan als irgendjemand in der Geschichte. 19 europäische Regierungen haben ihre Dekarbonisierungs-Pläne beschleunigt und dabei die Ziellinie von 55 auf 63 Prozent CO2-Reduzierung in der Energieerzeugung gesetzt. Ember
Die 27 europäischen Länder haben im Jahr 2021 neue Solar-Kapazitäten von 26 GW (analog zu ca. 22 Kernkraftwerken) installiert, eine Zunahme von 34 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Alle EU-Staaten sind jetzt auf Kurs zur Erreichung der Solarziele 2030. Polen, Irland und Schweden werden ihre Ziele wahrscheinlich im nächsten Jahr erreichen. YaleEnvironment360
Dass eine industrialisierte Nation, nämlich Dänemark, zum ersten Mal 100 Prozent seiner Energie allein durch Windenergie erzeugen konnte, war kaum eine Meldung wert. Troels Christensen / twitter
Vietnam, ein Land mit 100 Millionen Einwohnern, mehr als Deutschland, entwickelt sich zu einem Land mit einer der schnellsten Energie-Transitionen der Welt. In den letzten vier Jahren erhöhte das Land seinen Solar-Anteil von 0 auf 11 Prozent – beim jetzigen Boom könnte sich das auf 50 Prozent im Jahr 2030 steigern. Ein „Problem“ auf dem Weg ist allerdings das derzeit nicht sehr leistungsfähige Stromnetz, das beim Wachstum der Erneuerbaren vorerst nicht mitkommt. Petrotimes
Volvo beginnt damit, Produktionsstraßen für fossil-freie Autoproduktion aufzubauen. Der Autohersteller lieferte das erste karbon-freie Konstruktionsfahrzeug aus. Und hat vor, in den nächsten Jahren das erste Elektroauto auf den Markt zu bringen, das auch in seiner materiellen Konstruktion völlig „carbon positive“ ist. Aggnet
China ist in seinen Umwelt-Zielen konsequenter als von vielen westlichen Beobachtern gedacht.
Zwischen 2013 und 2020 sank die allgemeine Umweltbelastung in den chinesischen Städten um 40 Prozent – soviel wie die USA nur in drei Jahrzehnten schaffte. archive.today
Jetzt hat China dreimal hintereinander in einem Quartal seine CO2-Emissionen reduziert. Vorherige Rückgänge waren von heftigen Zunahmen gefolgt; Corona kann ein Teil-Rolle gespielt haben, aber diesmal könnte es anders sein, weil China allmählich weniger Kohlekraftwerke als Solarkapazitäten baut und alte Kohlekraftwerke immer mehr ausrangiert werden. carbonbrief.org
Das Land ist im Begriff in diesem Jahr (2022) 108 GW Solar zu installieren, kombiniert mit 50 GW Wind, was einen großen Sprung in Richtung Erneuerbare bedeutet. Das Ziel, dass die chinesische Führung ausgegeben hat, 1200 GW bis zum Ende des Jahrzehnts, dürfte früher erreicht werden. energytracker.asia
Österreich hat ein Erneuerbare-Wärme-Gesetz verabschiedet, das vorbildlich für den CO2-Ausstoß von Gebäuden sein wird. Alle neuen oder Ersatz-Heizungen müssen ab nächstem Jahr auf erneuerbarer Energiebasis laufen, ab 2035 werden Öl- und Kohleheizungssysteme ersetzt werden und ab 2040 alle Gasheizungen. Haushalte mit geringem Einkommen bekommen 100 Prozent der Kosten ersetzt. Kleine Zeitung
Jair Bolsonaro hat eines der hoffnungsvollsten „Aufsteiger-Länder“ des Planeten in eine tiefe Selbstzweifels- und Frustrationskrise gestürzt. Aber erstaunlicherweise hat sich gleichzeitig die brasilianische Gesellschaft in Richtung liberaler Werte bewegt. 79 Prozent der Brasilianer glauben heute, dass Homosexualität akzeptiert werden soll (67 Prozent vor 10 Jahren). 76 Prozent glauben, dass Einwanderer gut für das Land sind, und die Anhänger der Todesstrafe haben sich von 47 auf 36 Prozent reduziert. (Umfrage der Tageszeitung Folha de São Paulo). Ähnliche Toleranz-Entwicklungen gibt es in einigen asiatischen Staaten. Vietnam hat das Verbot von Same-Sex-Marriages aufgehoben. In den Philippinen weichen die strengen Diskriminierungs-Gesetze langsam auf. Und in Thailand wurde am 5. Juni ein Gesetz zur Homosexuellen-Ehe ins Parlament eingebracht; dort wurde auch der Gebrauch von Marihuana weitgehend liberalisiert.
Pride and Groom, Economist 18. Juni 2022
Verlieren Sie Ihr Zukunfts-Misstrauen
Beobachten Sie, was in Ihnen passiert, wenn Sie diese Meldungen lesen. Wahrscheinlich werden Sie versuchen, zu relativieren: Ist das relevant? Reicht das? Was geht mich das an? Ist das nicht nebensächlich? Sie werden immer wieder auf den Effekt der kognitiven Dissonanz stoßen – wenn eine Meldung einer negativen These, die Sie „ganz sicher“ kennen, widerspricht, erklären Sie sie für irrelevant. Oder für gefälscht: Ist das womöglich „fake news“, gekauft von „der Industrie“. Beschönigung? Verharmlosung?
Was ist klein? Was ist groß? Ist die Tatsache, dass Milliarden Menschen nicht mehr von Holzkohlefeuern ihre Lungen ruinieren, wichtig? Was geht mich Birminghams Verkehr an, oder Pakistans, oder Baumpflanzungen in der Sahara?
Wie passt das alles zusammen?
„Only to the extent that we expose ourselves over and over to annihilation can that which is indestructible in us be found.”
Pema Chödrön
Öffnen wir den Horizont: Das Gelingende, Gelungene und Besser-Werdende ist selten spektakulär. Deshalb nehmen wir es nicht wahr. Es heißt ja, dass etwas funktioniert, sich zusammenfügt, „passt“, wie der Österreicher sagt. Oft findet Fortschritt in kleinen Schritten statt, die kaum wahrnehmbar sind. In Selbst-Stabilisierungen und Re-Stabilisierungen nach Krisen. „Die Welt“ besteht nicht nur aus Gefahren und negativen Trends. Sondern aus Myriaden von Prozessen, Systemen, in denen die Gesetze der Selbstorganisation, der lernenden Verbesserung wirken.
Krisen sind Störungen, die unvermeidlich, aber auch Teil dieses Prozesses sind. Sie sind immer schrecklich, aber ihre Auswirkungen sind es oft nicht. Und auch in schrecklichen Krisen gibt es das Wunderbare, Hoffnungs-volle.
Üben wir Zukunfts-Realismus:
Jede Kraft erzeugt auch eine Anti-Kraft.
Das Schlimme erzeugt eine Gegen-Bewegung.
Im Kleinen verbirgt sich oft das Große, Wunderbare.
Zukunft ist das, was wir in unseren Erwartungen aus ihr machen.
Zukunft ist eine Entscheidung.
Für die wir verantwortlich sind.
Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste. Sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin.
Walter Benjamin
Geht die Welt gerade wirklich unter, oder will sie uns nur etwas mitteilen?
Bernhard Pörksen
In welcher Art von Krise befinden wir uns?
Corona ist vorbei. Oder tobt gerade in China und verändert dabei die Weltwirtschaft. Millionen von Containern hängen auf den Weltmeeren fest. Produktionsketten, die uns jahrzehntelang zuverlässig Regale, Mägen und Müllkippen füllten, zerbröseln. Und nun ist auch noch Krieg, ein brutaler Eroberungskrieg – wie soll man das jemals lösen, ob mit oder ohne schwere Waffen?
Vor zwei Monaten sah es noch so aus, als ob Europa durch die Wahl in Frankreich in den Zerfall getrieben werden kann. Morgen kann KRISE schon wieder etwas anderes sein: Preisexplosionen, Inflation, Nahrungsengpässe, Verarmung, Bürgerkrieg in Amerika, Tornados in Mecklenburg-Vorpommern…
Ach ja, und dann ist da noch die Klimakrise.
Könnte es sein, dass wir nicht einfach nur in „einer Zeit vermehrter Krisen“ leben?
Sondern in EINER Krise mit verschiedenen Ausformungen?
In einer Krise des Übergangs?
Zeitschleifen
Im Gegensatz zu „poly“ oder „multi“ meint die Vorsilbe OMNI nicht einfach „mehrfach“. Sondern Zusammenhang von Vielem. Was verbindet also Corona mit dem Putin‘schen Eroberungskrieg? Scheinbar nichts. Eine Pandemie ist ein Phänomen aus der Biologie. Ein Krieg ist eine von Menschen hergestellte Grausamkeit.
Beide Ereignisse weisen jedoch eine Gemeinsamkeit auf. Es handelt sich um EINBRÜCHE der Vergangenheit in unsere Gegenwart, die unseren Blick auf die Zukunft verändern. „Es ist schwer, sich vorzustellen, dass es in der Geschichte so etwas wie rücklaufende Wellen gibt, eine gewaltsame Rückkehr von Dingen, von denen man geglaubt hat, sie wären endgültig überwunden“, schrieb der französische Philosoph Michel Maffesoli in seinem Buch „Die Zeit kehrt wieder“ (Matthes und Seits, Berlin, S.10).
Mit der Erfindung des Penicillins, der Hygiene und der modernen Medizin glaubten wir den Kampf gegen die Seuchen endgültig gewonnen zu haben. Auch der Krieg in seinen entsetzlichen Formen schien nur noch eine Erinnerung aus barbarischer Vergangenheit (die Kriege, die trotzdem stattfanden, waren weit weg; sie berührten uns nicht). National organisierte kriegerische Gewalt passte nicht mehr zu einer Welt, in der jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann. Oder unglücklich.
Jetzt aber scheint sich alles umzukehren, was wir über die Zukunft zu wissen glaubten. “Past becomes future becomes present. Memory becomes prophecy becomes reality.” schrieb die Kolumnistin Mary Retta in WIRED. (Die Vergangenheit wird zur Zukunft wird zur Gegenwart. Die Erinnerung wird eine Prophezeiung, die zur Wirklichkeit wird).
Das Alte kehrt wieder.
Das Vergangene hebt sein Haupt.
Wir leben in einer Zombie-Welt voller untoter Konflikte.
Alles dreht sich im Kreis.
Hinten scheint plötzlich Vorne.
Und unter uns gähnt ein Abgrund.
Metaversen oder Das Babylon-Syndrom
Eine weitere Gemeinsamkeit der gegenwärtigen Krisen hat mit unseren Wirklichkeits-Konstruktionen zu tun. Der amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt nannte diese „Kognitive Krise“ in einem Essay in der Zeitschrift „Atlantic“ die „Große Wirklichkeitsverwirrung“.
Man könnte es auch das „Babylon-Syndrom“ nennen. „Die Geschichte von Babel“, schreibt Haidt, „ist die beste Metapher für das was in Amerika in den 2010er Jahren geschah. Etwas ging schrecklich schief, sehr plötzlich. Wir sind desorientiert, unfähig, dieselbe Sprache zu sprechen oder dieselbe Wahrheit zu erkennen. Wir sind abgeschnitten voneinander und von der Vergangenheit. Babel ist eine Geschichte über die Fragmentierung von ALLEM. Es ist die Erschütterung von allem, was stabil und solide erschien, die Entzweiung von Menschen, die eine Gemeinschaft waren. Es ist eine Metapher für das, was zwischen Demokraten und Republikanern geschieht, aber auch INNERHALB der Rechten wie der Linken, und auch in den Universitäten, Unternehmen, Vereinen, Museen, sogar Familien… Nach Babel bedeutet nichts mehr irgendetwas – zumindest nichts mehr was dauerhaft ist, und über das die Menschen sich generell einig sind.“
Das Phänomen der Wirklichkeits-Spaltung verbindet Putin, Pandemie und Populismus. Die eigentliche Ungeheuerlichkeit des Ukraine-Krieges besteht ja weniger in der Gewalt (die hat sich nie wirklich aus der Welt verabschiedet). Sondern in einer Auflösung einer gemeinsamen Wirklichkeit, über die man kommunizieren, oder wenigstens verhandeln kann. Es macht schlichtweg fassungslos, dass ein ganzes Land mit großer kultureller Tradition (oder jedenfalls große Teile seiner Bevölkerung) sich in eine diktatorische Paranoia hineinlügen ließ. Dass im 21. Jahrhundert fast ein ganzes Land in die Überzeugung verfallen kann, „Russland“ befände sich in einem Abwehrkampf gegen blutrünstige Faschisten, die mit allen Mitteln, notfalls auch atomaren, „eliminiert“ werden müssen?
Das wirft monströse Fragen auf:
Gibt es überhaupt eine Wirklichkeit?
Oder ist alles nur Illusion?
Sind wir nicht alle brainwashed?
Ist die Wahrheit die Erfindung eines Lügners?
Das Gefühl, nicht mehr in einem konsistenten Universum zu leben, aus der Wirklichkeit herauszufallen, ähnelt dem Verrückt-Werden.
Alles scheint auf eine zähe, verfilzte Weise miteinander in Konflikt geraten zu sein. Wir ahnen, dass das mit unserer völlig neuen hypermedialen Umwelt zu tun hat, der unser humanoides Hirn womöglich nicht gewachsen ist. Es scheint so etwas zu geben wie ein zivilisatorisches Erschöpfungs-Syndrom.
Der Terrorismus der Aufmerksamkeiten
In „The Organized Mind: Thinking Straight in the Age of Information Overload“, beschreibt der Kognitionspsychologe Daniel Levitin das Phänomen des „cognitive overload“, der kognitiven Überforderung des vernetzten Menschen.
Jeden Tag werden wir mit Millionen Entscheidungs-Anforderungen konfrontiert. Die meisten davon erscheinen irrelevant, müssen aber dennoch „abgearbeitet“ werden. Sollen wir die Zahnpasta für besseren Schmelz oder die für blutendes Zahnfleisch kaufen? Sollen wir ein neues iPhone erwerben, den Strom-Provider ändern?
Müssen wir jetzt Klopapier bunkern? Oder Sonnenblumenöl?
Was ist die „richtige“ Kindererziehung?
Sind Männer und Freuen beliebige Kategorien?
Wer hat recht in der unentwegten Meineritis?
In der modernen Medienwelt wird unsere Welt-Wahrnehmung von einer Äußerungsform geprägt, für die Sascha Lobo das schöne Wort „Shitposting“ geprägt hat. Dabei ist nicht etwas Fäkales gemeint, sondern die Art und Weise, wie in einer hypervernetzten Welt Aufmerksamkeits-Spitzen generiert werden. „Holy shit! – hast du DAS das gesehen?“
„Geiler Scheiß“, reine Erregungs-Impuls, ersetzen die Zusammenhänge, in denen wir die Welt als Konsistenz erfahren können.
Sascha Lobo bezeichnet die dazugehörige mediale Diskurs-Form als IRRITAINMENT.
Alles Schrille ist interessant.
Alles Absonderliche wird in einer Echokammer verstärkt.
Jede Talkshow wird zur Freakshow.
Das Extreme wird angeklickt.
Blödsinn häuft sich auf Blödsinn.
Befürchtung stapelt sich auf Befürchtung.
Streit wird zum Wahrnehmungsschlüssel.
Die Hysterie wuchert.
Und übernimmt die Realität.
Wir haben trotz der erstaunlichen Eigenschaften unseres Hirns eine limitierte neuronale Kapazität. Zwar können wir sehr viele Informationen aufnehmen und speichern – sinnliche Inputs, Bilder, „Eindrücke“, Gedächtnisinhalte von vielen Terabyte. Aber die AUFNAHME-Kapazität, mit der wir diese Informationen zum DENKEN verdichten, ist erstaunlich gering. Um eine Person zu verstehen, benötigen wir eine Verarbeitungsgeschwindigkeit zwischen 60 und 120 Bits pro Sekunde. Wir können kaum zwei Leute verstehen, die gleichzeitig reden. Wir können uns nur schwer auf mehr als einen Informationsstrom konzentrieren (mentales „Multitasking“ ist eine Illusion). In der informellen Überfülle der Internet-Welt entsteht so eine Art Überdruck in unserem Hirn, der sich leicht zu kognitiven Verwirrungen aufschaukelt. Und aufgrund der sozialen Struktur des Menschen auch noch ansteckend wirkt.
Johann Hari nennt in seinem Buch „Stolen Focus“ sechs Gründe, warum wir kaum noch klar denken und sinnvolle Entscheidungen können:
Die Geschwindigkeits-Zunahme von Aufmerksamkeitswechseln.
Die Verkrüppelung unserer Flow-Zustände, in dem wir uns auf etwas Bestimmtes konzentrieren – und dabei wirkend mit der Welt in Verbindung treten (Wirklichkeit = die Realität, in der wir wirken können).
Den Anstieg physischer und mentaler Erschöpfung.
Den Kollaps des Lesens linearer Texte.
Die Disruption von „Mind-Wandering“, jenes freien Assoziierens, in dem unser Hirn sich neu vernetzt.
Die rapide Ausbreitung von Technologie, die uns tracken und manipulieren kann.
Die Omnikrise ist über weite Strecken eine BEDEUTUNGS-Krise. Sie handelt vom Zerfall mentaler Bezüge, in denen sich menschliche Kultur vermitteln kann. Daraus entsteht auch die Krise der Demokratie, die ja nichts anderes ist als eine Vermittlungstechnik menschlicher Interessen. (Vermittlung braucht Langsamkeit, Be-Denken, Institution und Intuition). Die Strategien der bösartig- populistischen Mobilisierung zielen auf die innere Erschöpfung der Menschen in einer „babylonischen“ Welt. Donald Trump betreibt politisches Irritainment par excellence. Autokraten nutzen diese zivilisatorische Erschöpfung geschickt für ihre despotischen Zwecke.
Hannah Arendt formulierte schon vor einem halben Jahrhundert:
„Es entsteht erst ein Meinungschaos, das sich fern aller Vernunft unter dem Druck eines außerordentlichen Notstands in eine Reihe miteinander in bitterster Feindschaft stehender Massenhysterie kristallisiert, die alle nur auf den „starken Mann“ warten, der sie endlich erlösen wird., indem er aus ihren Elementen über Nacht jene nicht minder hysterische einstimmige Meinung fabriziert, die der Tod aller Meinungen ist.“
Hannah Arendt, Über die Revolution
Psychohistorik oder das Spiral-Dynamik-Modell
Es lohnt sich, in dieser Situation auf ein holistisches Zukunfts-Modell zurückzugreifen, das von dem amerikanischen Entwicklungspsychologen Clare Graves schon in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurde. „Spiral Dynamics” (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Rückengymnastik) ist ein „soziopsychisches” Stufen-Modell, in dem sich Individuen/Gruppen/Organisationen/Gesellschaften von Stufe zu Stufe in höhere Komplexität evolutionieren.
Dabei wachsen die BEZÜGE, in denen Menschen denken und agieren, in einen immer höheren Radius hinein – vom Clan / der tribalen Kleingruppe, über den Stamm bis zum Nationalstaat, schließlich hin zum „Weltbewohner“ (Earthling) oder Kosmopoliten.
Die Grundfigur dieses Welt-Modells ist die nach oben offene Spirale. Die einzelnen Stufen der Human-Entwicklung pendeln zwischen dem ICH und dem WIR, den beiden Grundpolen der menschlichen Existenz. Dabei werden von Stufe zu Stufe die inneren Konstruktionen, die mindsets, den äußeren Verhältnissen angepasst – in immer neue Integrationen von Welt und MIND.
Übergänge von Epochen und Zivilisationsformen finden, wenn diese Integrationen im Sinne erhöhter Komplexität gelingen.
„Omnikrisen“ finden statt, wenn zwischen den Ebenen Brüche/Regressionen entstehen.
Die jeweiligen Phasen lassen sich mit Farbcodes zusammenfassen:
Beige: Der Urzustand des Überlebens: Kindlichkeit, Bedürftigkeit.
Purpur: Magie, die Verbündung mit magischen Kräften, Naturglaube, Religion.
Rot: Macht, Aggression, Dominanz, Kampf.
Blau: Ordnung, Organisation, Hierarchie.
Orange: Leistung, Meritokratie, Vermehrung, Logik.
Grün: Gemeinschaft, Naturverbundenheit, Solidarität
Gelb: Konnektivität, Komplexität, Ambiguität, Systemdenken.
Türkis: Spirituelle Einheit, Verbindung von Allem, Planetares Bewusstsein.
Diese SUPER-MEME sind aber keine Anleitungen für Supermenschen, Sie bilden lediglich Repräsentationen ab, in denen Menschen ihr Denken, Fühlen und Handeln neu konfigurieren. Das Modell funktioniert nonlinear: Ältere MEME kehren immer wieder zurück – sie bleiben TEIL unseres inneren Kosmos, auch in jedem Individuum. Gesellschaftlicher Wandel, oder „Fortschritt”, gelingt immer dann, wenn sich ein „Future Mind“ bildet – eine geistige Strömung, die den dominierenden mindset in Richtung einer gemeinsamen Zukunftsvision verändert.
Wie enden Krisen, Omnikrisen, Lebenskrisen?
Sie „enden“ gar nicht. Sie lösen sich aber irgendwann auf, wenn ein neues magisches Narrativ entsteht. Eine Erzählung, in der sich die Paradoxien der Gegenwart „aus der Zukunft heraus“ zu neuen Möglichkeiten fügen.
Früher hatten diese Aufgabe die Religionen. Eine Zeitlang waren es politische Ideologien, die aber in schrecklichen Verheerungen enden konnten. Die industrielle Konsum-Gesellschaft erzeugte in den letzten 50 Jahren ein breites Narrativ des „Wohlstands durch Fortschritt“, das heute deutlich an seine Grenzen gekommen ist.
Das Tragische an der Entwicklung Russlands ist, dass es dieser Kultur, nie gelang, eine stimmige Zukunfts-Erzählung zu entwickeln. Die russischen Narrative basieren auf den Unterdrückungen, Illusionen, Demütigungen, den Traumata und Kränkungen der Vergangenheit.
Siehe das Buch „Die Macht der Kränkung“, von Reinhard Haller. Hier wird geschildert, wie Kränkungen in Gesellschaften, Kulturen, Individuen als pathogene Keime der Gewalt wirken. Kein Verbrechen (mit wenigen Ausnahmen), das nicht einen Kränkungs-Hintergrund hätte.
So brechen Gewaltpotentiale auf, die ihre eigenen Halluzinationen schaffen.
Das Tragische an unseren Konsumkulturen hingegen ist, dass sie immer noch glauben, durch ein ewiges MEHR, eine unablässige lineare Steigerung, vorankommen zu können. Die damit verbundene Frustration treibt uns in eine babylonische Schwäche. Und viele Menschen in Wut und Verzweiflung.
Welches Narrativ könnte uns aus den Krisen der Gegenwart einen Weg in die Zukunft weisen?
Eine solche Zukunfts-Erzählung, die die Paradoxien auf höherer Ebene erlöst, steht wie ein Elefant mitten im Raum der Möglichkeiten. Es ist das, was wir als „postfossilen Übergang“ oder „Dekarbonisierung“ bezeichnen. Oder etwas verschüchtert als „ökologische Wende“.
Das Problem an diesem Narrativ ist jedoch, dass es immer noch als eine Vermeidungs-Erzählung begriffen wird. Im ökologischen MEM geht es sehr viel um Angst; es findet sich wenig Lustvolles, Attraktives, im eigentlichen Sinne Zukunftsweisendes. Die Dekarbonisierung wird als eine Veränderung begriffen, die wir „leider“ machen müssen, um „das Schlimmste“ zu verhindern. Die alleinige Drohung mit der Katastrophe kann jedoch niemals echte Wandlungkräfte freisetzen. Sie führt nur zu sinnlosem Streit, Schuldzuweisungen und apokalyptischem Zynismus.
Eine echte Zukunfts-Erzählung benötigt, was Aristoteles als Pathos, Eros und Logos bezeichnete (die Grundpfeiler der Rhetorik). Ein Faszinosum, eine Energie, die nicht nur Verstand und Angst-Vernunft anspricht, sondern auch die visionäre Sehnsucht in uns allen.
Die Vision einer BLAUEN Transformation – Blau steht für Wasserstoff, Technologie, die Atmosphäre der Erde, die Hoffnung selbst – könnte der ökologischen Wende eine entscheidende Kraft verleihen. Eine „blaue” Vision würde nicht nur unser Energie- und Produktionssystem umfassen. Ihr Ziel wäre nicht primär die „Nachhaltigkeit” – ein steifes Wort für Stagnation. Sondern eine neue gesellschaftliche Dynamik, die auch unsere Wünsche, Träume, Freiheiten, Schönheiten einbezieht. Es geht um die die Hinwendung zu einem neuen Wohlstandsbegriff entlang der Frage, wie wir zusammen besser leben, lieben und arbeiten können.
Wolf Lotter, der Zusammenhangsdenker, formulierte: „Klimapolitik ist, richtig verstanden, eben genau das, was ohnehin in der Transformation von der Industrie- in die Wissensgesellschaft gemacht werden muss: neue Arbeit, neue Organisationen, Ablösung der Routinen, eine andere Führung und Selbstführung. Mehr selbst gut machen statt bloß gut finden. Aufklärung statt Apokalypse. Ändern statt Angst haben.“
“Nature is a self-regulating ecosystem of awareness.” formulierte Charles Darwin.
Von der Zukunft aus gesehen wird die heutige Omnikrise als Zeichen eines zivilisatorischen Übergangs erscheinen, der das alte Modell des fossilen Fortschritts beendete. Putins Krieg könnte sich als der letzten „fossile“ Krieg erweisen. Das NEUE NORMAL entsteht aus dem Durchbruch der ökologischen Frage zur Welt-Bewegung. Was könnte für den neuen Frieden, die „Völkerverständigung“, die nun notwendig ist, besser geeignet sein als die Integration von Ökonomie und Ökologie, von Biosphäre, Technosphäre und Humanosphäre?
Multiverse statt Metaverse
Im neuen Fantasy-Film „Dr. Strange and the Multiverse of Madness“ kämpft unser wackerer Benedict Cumberbatch gegen Monstren aus diversen Parallelwelten, die unserem wirren Gegenwarts-Universum ähneln. Die Transitionen zwischen den Universen funktionieren nur durch persönliche Katharsis. In einem weiteren aktuellen Multiversum-Film, „Everthing Everywhere All at Once“, (Alles überall zugleich) gerät eine ganz normale Waschsalonbesitzerin (Mittelschicht, kleines Unternehmertum) in einen Zeitstrudel, in dem sie mit den unzähligen Möglichkeiten ihres Lebens konfrontiert wird. Alles kollabiert gleichzeitig – die Ehe, die Tochter, das Geschäftsmodell. Omnikrise total.
Der Film hat einen positiven Schluss. Die Protagonistin entscheidet sich für die konstruktive Hingabe zum Chaos der Welt. Für die Liebe zu sich selbst und zu anderen. Aus den Myriaden von Möglichkeiten formt sich auf diese Weise wieder eine konsistente Wirklichkeit.
Die schwarze afrikanische Science-Fiction-Autorin Octavia Butler wurde einmal gefragt, wie man das Elend, das Leiden auf der Welt überwinden kann.
„Es gibt keine Antwort“, sagte Butler.
„Also sind wir verloren! Doomed!““
„Nein. Es gibt keine Antwort, die ALLE unsere Zukunfts-Probleme lösen wird. Es gibt keine magische Kugel. Es gibt vielmehr tausende von Antworten. Du kannst eine von ihnen sein, wenn Du dich dafür entscheidest!“
Entscheiden wir uns. Hören wir auf, zu jammern und uns zu fürchten. Verbünden wir uns mit der Wahrheit der Zukunft.
Es lohnt sich.
Nachwort: Eine kleine Kriseologie
„Veränderung entsteht nicht durch Wandel, sondern Wandel entsteht durch Veränderung“, formulierte der Soziologe Armin Nassehi. In diesem seltsamen Satz steckt eine nüchterne Erkenntnis: Alle „Change“-Parolen, die man in Unternehmen oder politischen Parteien oder öffentlichen Diskursen seit vielen Jahren hört, sind in Wahrheit Schall und Rauch. Individuen, Systeme, Unternehmen, Gesellschaften, ändern sich kaum, wenn alles komfortabel ist. Wandel geschieht eher, wenn wir auf äußere Veränderungen reagieren – sprich: auf Krisen eine Antwort finden.
Der Philosoph Leibnitz sprach von der „Prä-Stabilisierung“ der Welt, die sich durch die menschliche Vernunft und den Willen immer mehr den Verhältnissen annähert, die Gott „vorgesehen“ hat (die Vorsehung eben). Aber so ist es eben nicht. Sondern umgekehrt. Durch Re-Stabilisierung, durch Reaktion, nicht durch Planung, Strategie und gute Vorsätze entstehen die neuen Verhältnisse.
Das zu erkennen, ist frustrierend, weil es unser grandioses Selbstbild stört, immer „alles im Griff“ zu haben. Doch die menschliche Grundkompetenz ist nicht stetiger Wandel, sondern ADAPTION (Was nicht heißt, dass nicht auch in der Adaption Kreatives geschehen kann und muss).
Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir die Angst vor dem Selbstwandel überwinden.
Wenn wir endlich aufhören, zu jammern und uns ständig darüber zu beschweren, was die Welt und zumutet.
Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir unsere Resilienz zu würdigen wissen. Der heroische Widerstand der Ukrainer zeigt, wie Menschen auch in schrecklichen Situationen zu erstaunlichen Wandlungen fähig sind. Schon die Corona-Krise hat uns Ähnliches gelehrt (wenn wir ihr richtig zuhören).
Der Krieg könnte sogar zu mehr Frieden führen. So paradox das klingt. Es waren oft grausame, unsinnige Kriege, die Imperien beendeten, aus denen neue Ordnungen entstanden, die eine Phase des Friedens brachten. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden die heutigen globalen Organisationen wie die UNO, deren Rolle und Funktion durch den Ukraine-Konflikt am Ende gestärkt werden könnte. Dieser Konflikt kann nicht unterhalb der Ebene der Weltgemeinschaft gelöst werden, siehe auch das Buch von Christopher Blattmann: Why we fight – The Roots of War and the Paths to Peace.
Eine Krise wird zum Wandel, wenn sie uns hilft, uns von Illusionen zu verabschieden. Eine Illusion, die sich derzeit still verabschiedet, ist der Glaube, dass man einfach ALLES mit „Digitalisierung“ lösen kann. Aber weder Krieg noch Corona funktionieren so. Der Hyperdigitalismus hat uns eher in einen Darwinistischen Illusions-Kapitalismus geführt, in der neue Monopolisten und jede Menge toxischer Geschäftsmodelle entstanden sind. In der nächsten Schleife wird sich das Digitale mit dem Analogen zu einem neuen HUMAN-DIGITAL verbinden müssen.
Was kann die Zukunftsforschung zu jenem furchtbaren Ereignis beitragen, das uns seit vielen Wochen Alpträume beschert? Wie wird das ausgehen, in der Ukraine? Wird Putin jemals aufhören mit seinen killing fields, seinen ungeheuren Lügen und Eskalationen? Werden die Ukrainer ihr Heldentum noch steigern und am Ende siegen?
Sollen, MÜSSEN wir nicht noch viel größere, mächtigere Waffen liefern?
Werden wir alle im Atomfeuer verbrennen, in einer elenden Trümmerwüste aufwachen, nur weil ein Irrer nicht zu stoppen ist?
Gibt es da nicht „sichere Prognosen”?
Zunächst müssen wir das Wesen des existentiellen Paradoxes verstehen. Existentielle Paradoxie entsteht, wenn sich Widersprüche entfalten, die sich auf der Ebene, auf der sie entstanden sind, nicht mehr lösen lassen. Das haben wir schon in der Corona-Pandemie erlebt, als das Paradox zwischen individueller Freiheit und Krankheits-Schutz unauflösbar war.
Es entsteht ein Dilemma, in dem wir NUR das Falsche tun können. Liefern „wir” Waffen, verlängern wir das Leiden und die Gefahr der Eskalation. Tun wir es nicht, machen wir uns der Ignoranz und Unmenschlichkeit schuldig. Eine perfekte Zwickmühle.
Ein existentielles Paradox ist wie das Haupt der Medusa. Man kann sich ihm nur nähern, wenn man sozusagen von rückwärts fragt: Wie kann ich (wie können wir) anders auf die Schrecklichkeit reagieren als mit moralischer Erregung ODER panischer Angst?
Moralische Empörung ist eine großartige Energie. Sie speist sich aus der Empathie des Menschen, die uns zur Solidarität mit Anderen verpflichtet. Sie zieht uns jedoch auch in einen Sog hinein, in eine Art Trance, wie man sie im Gesicht des Anton Hofreiter sieht, eines guten, alten Hippies und Pazifisten, mit dem ich tiefste Sympathie habe.
Aber wie er das Wort SCHWERE WAFFEN! ausspricht, die SOFORRRT! (bayrisches Roll-„R“) geliefert werden müssen – das verrät eine tragische Verstricktheit und Verlorenheit.
Moralische Empörung steigert sich leicht zu moralischer Panik. Der Versuch, in den USA das Grundrecht auf Abtreibung abzuschaffen, ist ein Resultat panischer Moral. Moral lässt sich leicht funktionalisieren und manipulieren. Sie ist eben auch eine Grundquelle des bösartigen Populismus, und eignet sich hervorragend als Machtinstrument für Diktatoren. Das ist verwirrend, denn wir glauben immer, dass Moral „gut” ist, weil sie sich so anfühlt.
Panische Angst hingegen macht uns zum Opfer von Drohstrategien à la Putin. Angst hat immer recht – sie schafft sie ihre eigene moralische Norm, die allerdings zur Erstarrung führt, wenn Flüchten oder Kämpfen keine wirklichen Alternativen sind.
Den sinnvollsten Vorschlag hat eigentlich Elon Musk gemacht, der sich mit Wladimir Putin prügeln wollte.
Wenn aber weder kämpfen noch flüchten geht, müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen.
Das Diktum der Weisheit
Wie könnte es gelingen, anders mit einem unlösbaren Dilemma umzugehen?
Versuchen wir es mit Weisheit.
Weisheit ist die Fähigkeit, jenseits der Verklammerungen der Paradoxien denk- und handlungsfähig zu bleiben. Das klingt schlaumeierisch – wie soll das gehen? Aber wenn wir im Leben, in der Liebe, im Beruf eine richtige Entscheidung treffen, machen wir im Grunde nichts anderes: Wir lösen uns von einem Dilemma, indem wir die Welt mit neuen Augen sehen.
Wie sagte der Kybernetiker und Philosoph Heinz von Foerster so schön? „Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.”
Weisheit ist beschreibbar als Verbindung von Gelassenheit, Empathie und Voraussicht. Die Lebenssinn-Forscherin Monika Ardelt sprach von der Integration von reflexiven, kognitiven und affektiven Aspekten des Seins.
Mit Weisheit distanzieren wir uns von der Wirklichkeit, aber nicht um sie zu verlassen.
Sondern um die Zusammenhänge klarer zu sehen.
Um von der Zukunft aus die Wahrheit der Gegenwart zu beleuchten.
Die Logik des Krieges – und des Friedens
Gewalt gehört zu den Konstanten der Menschheit. Sie ist allgegenwärtig, zwischen Menschen, Mensch und Natur, auch in der Natur selbst. Sie sich wegzuwünschen, ist möglich, aber nicht sehr erfolgreich. Einfach, weil Gewalt MÖGLICH ist, wird sie auch immer existieren.
Die Idee eines ewigen Friedens (oder eines ganz und gar friedlichen, wunderbaren Internets) ist eine Illusion, die uns in eine Sackgasse schickt. Es hilft auch nicht, „die Gesellschaft” verantwortlich zu machen. Selbst in den friedlichsten Gesellschaften kann es zu Gewaltausbrüchen kommen – siehe das Breivik-Attentat in Norwegen.
Seit Menschengedenken haben Menschen versucht, Gewalt einzuhegen, sie durch Rituale und Regelspiele zu zähmen. Verhandlungen bei kriegerischen Konflikten sind schon in den tribalen Gesellschaften bekannt – das berühmte Friedenspfeife-Rauchen (Drogenexperten können einem interessante Geschichten darüber erzählen). Fußball ist nichts anderes als symbolisiertes Kriegsgeschehen. In gewisser Weise auch (männliches) Autofahren.
Parlamente, Gerichte, Behörden, Institutionen aller Art sind dazu „designt”, Konflikte zu regeln, aus denen Gewalt entstehen könnte. Gesetze, inzwischen auch human rights, versuchen, der Gewalt überall auf der Welt Herr zu werden.
Wir haben das Gefühl, in einer mörderischen Welt zu leben. Wer den ganzen Tag fernsieht, oder sich durch die Aggressionsstürme im Internet klickt, glaubt irgendwann, die Welt wäre ein einziger Gewalt-Pfuhl. Aber das ist eine Sinnestäuschung. In Wirklichkeit war „die Menschheit” noch nie so friedlich wie heute (siehe z.B. Stephen Pinkers: Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit, oder die Datenanalyse von ourworldindata.org).
Durch den medialen overkill, der ständig unser Angst- und Aufmerksamkeits-Hirn reizt, wird der Friede unsichtbar, der fast überall herrscht.
Man kann in diesem seltsamen Frühjahr durch eine Stadt gehen, und staunen, wie unfassbar viele Unterschiedlichkeiten sich regeln, ausgleichen, vermitteln lassen.
Wie WENIG wir uns gegenseitig an die Gurgel gehen.
Wieviel Liebe, Hoffnung und Zuneigung es gibt.
Es lohnt sich, über den Frieden zu staunen.
Gerade jetzt, wenn Krieg ist.
Aber nicht herrscht.
In seinem Buch WHY WE FIGHT – the Roots of War and the path to peace beschreibt der Politikwissenschaftler Christopher Blattmann, wie die Kosten für die Gewaltausübung im Laufe der Geschichte immer höher geworden sind. “Societies are surprisingly good at interrupting and ending violence when they want to—even gangs do it.”
Allerdings gilt das nicht immer. Kulturen, Gruppen, ganze Gesellschaften, können in eine Gewalt-Regression fallen, deren Ursachen zumeist in tiefen Traumatisierungen über Generationen hinweg liegen.
In Kriegen gewinnen selten die Stärkeren. Es herrscht vielmehr eine Tendenz zum „David-Effekt”. Eine häufige Wende ist der „fatale Sieg” oder die „triumphale Niederlage”. Die aggressivere Partei scheitert am Gegenimpuls der Verteidiger, an der Mobilisierungskraft der Verzweiflung. Siegesgewisse Angreifer verrennen sich regelmäßig sich in taktische Sackgassen, in Paradoxien der eigenen Strategie, in Selbstüberschätzungen. Man denke an Vietnam. Afghanistan. An den Irak. Und Napoleon in seinen ersten und letzten Kriegen.
Kriege werden grundsätzlich verloren, oder beenden sich, wenn das Narrativ, auf dem die Aggression basiert, in sich zusammenbricht. Kriege erzeugen Nachkriegsordnungen, in denen aus Nullsummenspielen Non-Zero-Sum-Games werden – positive Wendungen.
Nach dem dreißigjährigen Krieg entstand im westfälischen Frieden eine europäische Ordnung, die die brandschatzende Kriegsführung der Religionskriege beendete. Das war der Beginn der Menschenrechte. Nach den Napoleonischen Kriegen, im Wiener Kongress 1814, begann eine Phase der „Balance of Powers”, die die Grundlagen für territoriale Unversehrtheit enthielt.
Der Zweite Weltkrieg beendete nicht nur die meisten Diktaturen in Europa, sondern auch die überkommene Tyrannei des Kolonialismus.
Ein Grundszenario der Spieltheorie (eine wichtige Teil-Disziplin der Zukunftsforschung) ist das so genannte Gefangenendilemma. In diesem Simulations-Spiel werden zwei Verdächtige verhaftet, die in verschiedenen Zimmern verhört werden. Wenn einer von ihnen als Verräter auftritt, bekommt er einen starken Strafnachlass. Wenn beide schweigen, werden sie freigelassen. Wenn beide verraten, werden sie beide schwer bestraft.
Nichtkooperative Spiele zeichnen sich dadurch aus, dass „die Spieler ihre Strategieentscheidungen nicht revidieren können, wenn ihnen die Lösung empfohlen wird”. Genau das ist im Ukraine-Konflikt der Fall. Die Parteien sind in ein nichtkooperatives Spiel verwickelt, aus dem sie nicht herauskommen. Lösung hieße, das eigene Paradigma zu beschädigen, und sich damit selbst vom Spielfeld zu nehmen.
Dieser Falle entkommt man nur, wenn man ein Spielfeld auf höherer Ebene eröffnet. In gewisser Weise hat die Ukraine das bereits getan: Gegen die einseitige Gewalt hat sie das Spielfeld der Weltöffentlichkeit eröffnet, gegen Gewalt-Symbole operiert sie mit emotional- humanistischen Memen. Selenskyj ist ein wunderbarer „Spieldesigner” mit klugen Beratern.
Könnte man in dieser Richtung weiterdenken?
Ein anderes Szenario
Stellen wir uns vor die Ukraine würde morgen einen einseitigen Waffenstillstand verkünden. Die ukrainischen Truppen würden sich auf eine Linie rund um den Donbass auf reine Verteidigungsstellungen zurückziehen. Selenskyj würde als oberster Befehlshaber zurücktreten und sich um den Wiederaufbau der Westukraine kümmern. Dazu gehört auch die Organisation der Ausreise der ukrainischen Bevölkerung aus den russisch besetzten Gebieten. Gleichzeitig würde die Ukraine mit einer Reihe von Vermittlern aus verschiedenen Schlüsselländern – Türkei, Israel, Indonesien, Kanada etc. – einen runden Verhandlungstisch eröffnen. Die Russen wären herzlich eingeladen.
Unmöglich, werden Sie sagen, geradezu zynisch! Kapitulation in einer Situation des Angriffskrieges! Nun hat Putin gewonnen! Er wird sofort den nächsten Krieg beginnen!
Und so weiter.
Wirklich?
Sind wir uns da so sicher?
Denken wir noch einmal nach.
Wenn Putins Truppe in dieser Situation mit einer erneuten Gewaltorgie weitermacht, würde er sein eigenes Narrativ überschreiten, nämlich die Eroberung des Donbass für eine „Sicherung” Russlands. Damit würde er riskieren, seine letzten Verbündeten zu verlieren. Die fossile Wirtschaft Russlands ist jedoch existentiell auf fossile Absatzmärkte angewiesen. Außerdem würde überdeutlich, wie sinnlos – und kostspielig – die Eroberung einer selbsterzeugten Trümmerwüste wäre.
Eine solche asymmetrische De-Eskalation würde Putin in das Dilemma des nichtkooperativen Spielers setzen, der in seinem eigenen Dilemma gefangen ist.
Es geht hier nicht darum, diese Strategie den Ukrainern „vorzuschlagen”. Ratschläge aller Art sind vollkommen deplatziert. Es geht auch nicht darum, exakt vorauszusehen, was geschehen würde – das ist unmöglich. Es geht darum, die Logik der Spiele zu verstehen, die unsere Zukunft erzeugen.
Weisheit bedeutet, dass wir uns innerlich von den Reiz-Reaktionsmustern, den Reflexen, mit denen wir auf ein Dilemma reagieren, lösen. Dass wir die Emotionen, die uns angesichts von Sterben und Tod, von Trümmern und Zerstörung befallen, zulassen. Aber nicht von ihnen leiten lassen.
Solche innere Differenzierung ist auch das Prinzip des Buddhismus und anderer fernöstlicher Denkweisen. Olaf Scholz ist, soweit man weiß, von der Philosophie des griechischen Stoizismus beeinflusst. Auch die Stoiker – sozusagen die europäischen Buddhisten – beschäftigten sich mit den Fragen der mentalen Wirklichkeitskonstruktion. Hier drei Schlüsselzitate des Stoizismus:
„Verlust ist nichts anderes als Verwandlung.” (Epiktet)
„Es sind nicht die Dinge selbst, die uns bewegen, sondern die Ansichten, die wir von Ihnen haben.” (Epiktet)
„Betrachte einmal die Dinge von einer anderen Seite, als du sie bisher sahst, denn das heißt, ein neues Leben beginnen.” (Mark Aurel).
„Wir wollen dauerhaft Russland schwächen”, sagte der amerikanische Verteidigungsminister Lloyd J. Austin öffentlich. Das ist ehrlich. Es ist aber auch ungünstig, wenn man in einem Konflikt mit einem nichtkooperativen Spieler befindet.
Vielleicht ist es manchmal besser, sich zurückzuhalten.
Weisheit erfordert die Möglichkeit des Schweigens.
Und die Fähigkeit zum Vertrauen.
Als Kennedy im Jahre 1962 den nuklearen Weltkrieg verhinderte und mit der Sowjetunion ein Abkommen über den Abzug der Atomraketen aus Kuba abschloss, veröffentlichte die amerikanische Administration keine Einzelheiten des Abkommens.
Und nur so funktionierte es.
Über die Weisheit kommen wir zur Wahrheit (und umgekehrt).
Wahr ist, dass wir alle sterben werden. Die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten Jahren an einem Atomschlag zu sterben, ist nicht berechenbar. Sie unterliegt zu großen Teilen den Gesetzen des Chaos. Sie ist grösser als null.
Damit müssen wir leben. Weisheit bedeutet, eine vitale Antwort darauf zu finden. Besser leben. Intensiver leben. Entschlossener leben. Wahr ist, dass es Phasen im Leben gibt, in der wir in großer Unsicherheit leben müssen.
Das kann weise machen.
Oder blind.
Der Sinn dieses Krieges – aus der Zukunft gesehen – ist die Evolution einer neuen Weltordnung, in der die Logik der Gewalt ein weiteres Stück eingehegt werden kann. Nennen wir es den ukrainischen Frieden.
Nachkriegs-Ordnungen stabilisieren sich dann, wenn sie von einer höheren Vision getragen werden. In der Nachkriegszeit, in der ich aufgewachsen bin, war das die Hoffnung auf technischen Fortschritt, Breiten-Wohlstand und Demokratie.
Eine Vision für eine neue globale Ordnung nach diesem Krieg wäre die postfossile Transformation. Der Ukraine-Krieg enthüllt unsere blutige Abhängigkeit von den fossilen Rohstoffen. Und die Konfliktpotentiale, die damit verbunden sind. Vielleicht ist das Ukraine-Drama ein Aufbäumen des fossilen Weltprinzips, der „Verbrennungslogik”, die auf Blut, Stahl, Öl und Herrschaft über Menschenleben gebaut ist.
Putin wäre dann der Liquidator des fossilen Zeitalters. Eine wichtige Rolle.
Jane Goodall, die Schimpansen-Forscherin, sagte neulich: „Ich habe vier Gründe, an die Zukunft zu glauben. Den erstaunlichen menschlichen Intellekt. Die Widerstandskraft der Natur. Die Kraft junger Menschen. Und den unbezähmbaren human spirit.”
„Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.
Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden.
Wenn du weder den Feind noch dich selbst kennst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen.“
— Sun Tzu, Die Kunst des Krieges
1. Die Botschaft des Dr. Seltsam
Vor knapp sieben Jahren, im Juli 2015, kam es in Wladimir Putins Staatsresidenz, 30 Kilometer vor Moskau, zu einer denkwürdigen Begegnung. Oliver Stone, der Regisseur des amerikanischen Moral-Humanismus, Vietnam-Veteran und Regisseur von Filmen wie Platoon oder JFK, drehte einen Dokumentarfilm über den Staatsmann Putin.
Um sich ihm zu nähern, führte er dem heutigen russischen Diktator einen Film vor.
Der Film hieß „Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben.“ Ein Meisterwerk von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1964.
Und das beste: Oliver Stone filmte die Reaktionen Putins: www.irishtimes.com
In Kubrick‘s Apokalypse-Komödie kommt ein halbverrückter Spieltheoretiker und „Prophet“ mit seltsamem Akzent vor (Dr. Seltsam, gespielt von Peter Sellers). Dr. Seltsam weiß alles über die Zukunft, und weil er alles weiß, ist er verrückt geworden. Eine weitere Schlüsselrolle spielt ein amerikanischer General, der besessen ist von der Idee, die Kommunisten hätten chemische Substanzen ins Trinkwasser gemixt, um die „bodily fluids“ der Amerikaner zu verderben. Männer werden dadurch impotent.
Querdenker gab es auch damals schon. Nicht nur im Film wimmelte es von Verschwörungsdenkern.
Im Plot von „Dr. Seltsam“ wird das Konzept der nuklearen Abschreckung durch einen „system flaw“ – einen idiotischen Zufall – ausgehebelt. Die Strategen des CIA haben „zufällig“ vergessen, der russischen Gegenseite mitzuteilen, dass sie eine DOOMSDAY-Maschine konstruiert haben. Einen automatischen Startmechanismus der Atomraketen für den Fall eines Angriffs. Falls der Präsident zögern sollte, den roten Knopf zu drücken, werden alle Raketen und Bomber im Fall eines Angriffs unverzüglich auf RED ALERT und Abschuss gestellt.
Deshalb lässt sich ein Irrtum nicht mehr korrigieren.
Am Schluss reitet ein amerikanischer Bomberpilot juchzend auf einer Wasserstoffbombe auf Russlands Boden zu. Er sieht die Bombe als ein wildes Pferd, das er zähmen muss.
Das Narrativ des Cowboys, eines uramerikanischen Motivs.
Putin fiel zu dem Film irgendwie nicht viel ein. „Es gibt einiges in dem Film, was uns nachdenklich macht…“, sagte er im anschließenden Gespräch. „Eigentlich hat sich ja seitdem nicht viel verändert… Es ist heute noch schwieriger und gefährlicher solche Waffensysteme zu kontrollieren…“
Beim Abgang überreicht Stone Putin einen Umschlag mit der DVD des Films. Putin tritt durch eine Tür, öffnet den Umschlag, und kommt noch einmal zurück. „Typisches amerikanisches Geschenk! Nichts drin!“
Er hält die leere Hülle der DVD in den Händen.
Oliver Stone entschuldigt sich und holt die DVD aus dem Abspielgerät.
Man verabschiedet sich.
2. Schwere Waffen
Kann die Ukraine diesen Krieg wirklich gewinnen?
Darüber bilden sich jetzt in Medien, Köpfen, Gefühlen rasch neue Deutungs-Mehrheiten.
Die russische Offensive, so heißt es, hat sich vor den Toren Kiews festgelaufen.
Putin hat sich „verkalkuliert“.
Wir müssen den Ukrainern einfach SCHWERE WAFFEN liefern! Das ist das GEBOT der Stunde!
Dann können sie diesen Krieg gewinnen.
All das klingt betörend. Einfach. Geboten eben. Aus moralischen, kriegstaktischen Gründen. Aus dem Recht auf Selbstverteidigung heraus. Auch aus Scham und Schuldgefühl: „Wie konnten wir nur solange stumm zusehen!?“
Wer, außer den rechten Populisten und den wackeren Friedens-Fundamentalisten, möchte das nicht: Dass die tapferen Ukrainer, die auch für unsere Freiheit kämpfen, den Usurpator besiegen?
Aber was ist das überhaupt?
Siegen?
3. Das Abschreckungs-Paradox
In Los Alamos, dem Zentrum der amerikanischen Bombenforschung, war die Atombombe in den letzten Kriegsjahren unter ungeheurem Aufwand von Geist und Geld als ein Instrument erfunden worden, grausame Massen-Kriege für immer zu beenden (siehe dazu die ergreifende Serie „Manhattan“, bei Amazon Prime). www.amazon.de/Manhattan-Staffel-1-dt-OV
Führend bei der Entwicklung dieser Massenvernichtungswaffe, waren Wissenschaftler, die den „killing fields” Europas entkommen waren. Ungarische Mathematiker. Jüdische Emigranten, die ihre Verwandten in den Nazi-Konzentrationslagern verloren hatten, nicht wenige von ihnen aus dem Gebiet, der heutigen Ukraine. Physiker, die dem linken Humanismus nahestanden, wie Edward Teller. Einige dieser Wissenschaftler gingen von Los Alamos direkt hinüber ins Lager der Spieltheoretiker, etwa John von Neumann, ein genialerer Kybernetiker und Quantenphysiker (siehe auch meine Kolumne „Future War“).
In den frühen 60er Jahren erarbeiteten die Spieltheoretiker in den amerikanischen Think-Tanks das Konzept der nuklearen Abschreckung. Ein regelbasiertes Spiel, das den Untergang der Menschheit durch die Möglichkeit des Untergangs verhindern sollte.
Wenn beide Parteien den anderen vernichten können.
Und beide Parteien WISSEN, dass ein Erstschlag durch einen umso vernichtenderen Zweitschlag beantwortet wird.
Wird keiner mit der Weltzerstörung anfangen.
Auch mörderische konventionelle Kriege, wie in den zwei Weltkriegen, könnten so vermieden werden.
Denn die könnten ja jederzeit eskalieren.
Allerdings verhedderten sich die Spieltheoretiker im Laufe ihrer Arbeit in immer mehr Paradoxien. Je mehr sie rechneten und rechneten, modellierten und modellierten, umso weniger ging ihre Rechnung vom „Gleichgewicht des Schreckens“ auf.
Was Kubricks Dr. Seltsam auf den Punkt brachte, offenbarte sich immer deutlicher:
Gleichgewichte des Schreckens funktionieren nur bei perfekter Information.
Und: Es kommt vor allem auf die KOMMUNIKATION an, ob ein Regelsystem hält.
Information kann jedoch ebenso wenig „perfekt“ sein wie Kommunikation. Beides ist störanfällig, manipulierbar, verrauscht. Und hängt letztlich vom menschlichen Willen ab.
Wenn Information und Kommunikation chaotisch werden, fällt man leicht in Verschwörungswahn und tief eingelernte Reflexe zurück.
Etwa in den Cowboy-Wahn.
Die Idee, die ganze Welt befreien und zähmen zu müssen.
Oder den Zaren-Wahn.
Die Vorstellung, das größte, beste und mächtigste Großreich aller Zeiten besitzen zu wollen.
Im ersten großen Test der nuklearen Abschreckung, in der Kuba-Krise von 1962, zwei Jahre bevor Kubrick seine Satire veröffentlichte, saßen Spieltheoretiker wie Thomas C. Schelling im Krisenstab des US-Präsidenten. Siehe Tim Hartford, Logic of Life S. 36 ff S. 51
John F. Kennedy vermied durch seinen hellen Geist vor allem EINEN Fehler: Die Entscheidungen den Militärs zu überlassen, die ständig auf den Einsatz „ihrer Kapazitäten“ drängten. (siehe den Film „Thirteen Days“ von 2000). Die Kennedy-Administration legte großen Welt auf das rote Telefon, die Direktverbindung zum Kreml (so wie heute wieder das US-Verteidigungsministerium in der Ukraine-Krise).
Die Kuba-Krise wurde beigelegt, indem ein „Hidden Deal“ geschlossen wurde. Die UdSSR zog ihre Atomraketen aus Kuba ab, und die USA ihre Atomraketen aus der Türkei. Wichtig war, dass die Einzelheiten des Deals nie veröffentlicht wurden. Die Welt wurde in aller Diskretion, ohne Beteiligung der öffentlichen Medien und des Propagandaapparates, gerettet.
Es gibt so etwas wie die Weisheit des Schweigens.
5. Das Gesetz von Kraft und Gegenkraft
Die Ukraine hat in diesem Krieg ein Momentum genutzt, das in der Kriegsgeschichte wohlbekannt ist. Das Phänomen des KULMINATIONSPUNKTS DES ANGRIFFS.
Der Historiker Wolfgang Schivelbusch beschreibt dieses Phänomen in seinem Buch „Rückzug – Geschichten eines Tabus“. Es gibt in der Militärgeschichte viele grandiose Siege, die sich im Moment ihres Eintretens in Niederlagen verwandelten. In katastrophische Erfolge. Etwa Napoleons Eroberung Moskaus im Jahr 1812. Als die Grande Armee nach 3.000 Kilometern Fußmarsch mit Fanfarenklängen in die Stadt einzog, ohne nennenswerten Widerstand, war die Stadt leer. Kein Gegner in Sicht. Leere Straßen. Verrammelte Fenster.
Die Folge war: Ratlosigkeit. Mit allem konnte der Oberstratege Napoleon umgehen, außer dem Mangel eines Gegners. Dann brannten auch noch Teile der Stadt. Chaos brach aus, die Moral der französischen Truppen zerfiel. Napoleons Schicksal war besiegelt.
Schivelbusch beschreibt diesen Effekt der Sieges-Niederlage auch am Beispiel zweier Entscheidungsschlachten der Weltkriege, an der Marne und in Dünkirchen. Im Ersten Weltkrieg waren es die Pariser Taxifahrer, welche die französischen Soldaten zur Front fuhren, wo sie die deutsche Offensive an der Marne zu Stillstand brachten. Die Frontbeobachter berichteten schon stolz davon, dass sie in ihren Feldstechern Notre Dame sehen konnten. Im Zweiten Weltkrieg kam es nach dem Rückzug der englischen Armee zu einer Reorganisation des weltweiten Widerstands gegen Hitler.
Ähnlich war es auch in Vietnam. Im Irak. Und in Afghanistan. Und eben auch jetzt in der Ukraine.
„Im Moment des Angriffs mag mag der Angreifer im Vorteil sein, wenn er mit überlegenen Kräften angreift. Weil er das Überraschungsmoment und die Wucht des ersten Schlages auf seiner Seite hat. Doch dieser Vorteil ist von kurzer Dauer. Nach dem Prinzip des Stundenglases oder der kommunizierenden Röhren, kommt die Energie, die der Angreifer durch FRIKTION verliert, dem Verteidiger zugute. Dieser braucht nur warten, bis sich das Kräfteverhältnis umkehrt.“
Das nennt Clausewitz den Kulminationspunkt des Scheiterns. Clausewitz spricht vom „Zurückgeben des Stoßes“ – „die Gewalt eines Rückstoßes ist gewöhnlich viel größer, als die Kraft des Vorstoßes war. Der Affekt (oder Reflex) der Vergeltung vermag Energiereserven zu mobilisieren, über die der Angreifer nicht mehr verfügt.“ (Schivelbusch S. 66).
Eine kleine Einführung in die systemisch-dynamische Spieltheorie
Die fundamentale Spieltheorie sagt uns, dass es in unserem Universum DREI Arten von „Spielen“ gibt. Diese Abläufe beschreiben sowohl die Logik des Lebens, der Evolution, der Zivilisation, wie auch menschlicher Kommunikationsprozesse.
Win-Win-Spiele, in denen beide – oder mehrere Parteien – gegenseitige Vorteile generieren. Echte Kooperation, fairer Handel, sinnvolle Arbeitsteilung, Vertrauen, Zuneigung, Liebe, ökologische Vielfalt – all das erzeugt systemische Überschüsse, die grösser sind als die Summe der Investitionen. Durch NON-ZERO-SUM-Games, „Nichtnullsummenspiele“, wird die Welt dauerhaft bereichert. Der Komplexität wird etwas hinzugefügt. Man könnte auch sagen: Fortschritt entsteht.
Win-Lose-Spiele, in denen EINE Partei verlieren muss, wenn die andere gewinnt. Bei Tennis etwa, siehe Boris Becker, gibt es immer nur einen Gewinner, der alle anderen hinter sich lässt, dabei aber auch selbst Verluste erleidet. In frontaler Konkurrenz, Spekulation und Korruption entstehen ungünstige Verluste. Auch wenn es einen SIEGER gibt, werden die Verluste in die Zukunft verschoben – und kehren von dort zurück.
Lose-Lose-Spiele, in denen BEIDE Parteien verlieren. Neben verheerenden Ehescheidungen ist der Krieg das Beispiel für ein doppeltes Verlustspiel. Krieg ist immer eine Vernichtung von Weltpotential, bei der auch der Sieger verliert. Allerdings können sich auch Kriegsgeschehen asymmetrisch umkehren. Durch kathartische Prozesse entstehen neue Selbstorganisationen, aus Chaos und Zerstörung entsteht – irgendwann – neue Ordnung.
Aus Tod entsteht Leben.
Aus Verlust entsteht neue Zukunfts-Energie.
Tit for Tat: Wie Du mir, so ich Dir, revisited
Anatol Rapoport (1911-2007) emigrierte als 11-jähriger aus dem heutigen Losowa in der Ukraine in die USA, er lebte in Chicago und Wien.
Er war Musiker, Mathematiker, Systemwissenschaftler und Philosoph, dazu noch Psychologe und Biologe. Rapoport legte die Grundlagen der angewandten Spieltheorie und teilte „Spiele“ in mehrere Dimensionen auf:
Kampf („fight“): Gewalttätige Auseinandersetzung, endet mit der Unterwerfung oder physischen Zerstörung des Verlierers.
Spiel („game“): Kräftemessen nach festen Regeln, endet mit der freiwilligen Aufgabe eines Teilnehmers.
Debatte („debate“): Versuch, das eigene Normen- und Wertesystem auch dem Gegenüber schmackhaft zu machen.
Kriege sind verschlungene Mischungen aus allen drei Komponenten. Die von Rapoport formulierte Tit-for-Tat-Strategie bildet einen wesentlichen Kern der erweiterten Spieltheorie, die auf Konfliktlösungen abzielt. Dabei geht es darum, die inneren Konstruktionen des „Gegners“ zu verstehen und zu integrieren. Die beste Strategie, die langfristig am meisten Erfolge zeigt, ist eine „positive Reaktionsstrategie mit eingebauter Flexibilität“. Sie beinhaltet zwar das Prinzip der Reziprozität „Auge um Auge, Zahn um Zahn: Tue anderen so, wie sie dir getan haben.“
Aber auch der beschränkten Vergeltung, um Strafen gering und Belohnungen hoch zu halten, unabhängig davon, wie das Gegenüber sich verhält.
Die Strategie hat außerdem die Regel, zu Beginn einer Interaktion auf jeden Fall kooperativ zu handeln.
Tit for Tat plus ist eine freundliche Strategie mit klaren Reaktionen:
Nettigkeit: Man beginnt das Spiel immer kooperativ.
Provozierbarkeit: Auf unkooperatives Verhalten der Gegenseite folgt Vergeltung. Auf kooperatives Verhalten wird mit Kooperation geantwortet.
Nachsichtigkeit: Sobald die andere Partei nach einer Defektion wieder Kooperationsbereitschaft zeigt, nimmt man die Kooperation wieder auf. Trenne in Konflikten immer Person und Verhalten!
Klarheit: Durch die Einfachheit der Strategie ist das eigene Verhalten leicht berechenbar.
Was also ist „Siegen”?
Das ist ein bisschen kompliziert. Seit der der Zeit der „symbolischen Schlachten”, als wohl-geordnete Heere in Reih und Glied aufeinander zumarschierten und irgendwann der Sieg „ausgezählt“ wurde (headcount, meistens sogar in Übereinkunft der Kriegsparteien), sind lange vorbei.
Kriege sind heute nicht nur materielle „Events“, in denen Menschenleben und Material der Einsatz sind. Kriege sind symbolische, politische, mentale, semantische Geschehen, die weit über das Schlachtfeld hinausreichen. Im hypermedialen Zeitalter werden sie vor allem als DISKURSE begonnen oder beendet.
Die Angriffs-Kriege der vergangenen Jahrzehnte – spätestens seit Vietnam – wurden stets ASSYMETRISCH VERLOREN – wobei Öffentlichkeiten, „public opinions“, eine wichtige Rolle spielten. Überlegene Feuerkraft führte dabei immer ins Desaster, in die am Ende klägliche Niederlage. Das haben besonders die Amerikaner erfahren, in Vietnam, Irak, Somalia, Afghanistan. Und endgültig in Syrien. Seit dem Irak-Desaster hat die Supermacht Amerika keinen Interventionskrieg mehr geführt.
Aus Amerikas Niederlagen hat das russische Militär viel gelernt. Auch Russlands militärische „Siege“ – Grosny, Syrien etc. – entstanden aus asymmetrischer Verschiebung. Dazu gehörte die Strategie, die Regeln des internationalen Rechts gnadenlos auszuhebeln. Der russische „Barbarismus“, in dem Kindergärten und Krankenhäuser angegriffen werden und jede Grausamkeit grundsätzlich der Gegenseite angelogen wird, besteht aus bewusstem Regelbruch. Und ist sehr erfolgreich. Brutalisierte Gewalt gegen die Zivilbevölkerung setzt den Gegner und seine Verbündeten nicht nur in Angst und Schrecken. Sondern in ein schreckliches Dilemma: Das Paradox der reziproken Eskalation.
Jeder Gegenangriff führt zu einer Verschrecklichung der Situation.
Jedes Zögern ebenfalls.
Jede Zurückhaltung ist Verrat am Menschlichen, Humanitären.
Jede Entschlossenheit auch.
Wenn man die Unterlegenen stärkt, vermehrt man den Blutzoll.
Man macht sich schuldig.
Wenn man sich heraushält, vermehrt man den Tod und die Verzweiflung.
Man macht sich schuldig.
Wenn man einen Krieg tatsächlich gewinnen will, muss man das Spielfeld erweitern. Man muss das „level playing field“ auf eine höhere Ebene verlegen. Und neue Mitspieler und Verbündete finden.
Die weltweite öffentliche Meinung.
Die Interessen anderer Länder.
Globale Akteure der Zivilgesellschaft wie UNO, NGOS, Internationale Organisationen.
Die Kraft von Kunst und Kultur.
Kulturelle und religiöse Institutionen.
Die Lösungen neuer Kapitalinteressen und Technologien (Die Energie-Revolution).
Das Einzige, was diesen Krieg wirklich mit einer Niederlage Russlands beenden könnte, wäre eine überwältigende globale Mehrheit gegen den Krieg. Eine aktive, beharrende, entschlossene Welt-Mehrheit für die Einhaltung oder Wiederherstellung des Völkerrechts.
Das ist aber nicht möglich, solange die vielen Völkerrechts-Verletzungen der Supermacht Amerika im Raum stehen, ohne bearbeitet und verziehen worden zu sein. Denn der Vorwurf der Doppelmoral ist die eigentliche semantische Waffe in diesem Krieg.
Die ukrainische Regierung hat, im Zusammenspiel mit der ukrainischen Zivilbevölkerung, bereits eine äußerst kluge Symbolpolitik betrieben. Sie hat auf unvergleichliche Weise die Selbstorganisations-Kräfte der Bevölkerung mobilisiert. Die Ukraine spielt ihre erfolgreichsten Spiele nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im kollektiven Wahrnehmungsraum. In den globalen MEMEN, den Inszenierungen der Widerstands-Empathie. David gegen Goliath, ein Kampf auf dem moralischen Spielfeld.
Für den Frieden jedoch ist die Moral eine ungünstige Währung. Sie wirkt ja immer auf beiden Seiten, dient als Bestätigung, Rechtfertigung, ja Begründung der Gewalt.
7. Die dunkle Resonanz
Die acht Szenarien, die ich in Kolumne Nr. 92 beschrieben habe, verdichten sich immer mehr zu einem wahrscheinlichen Verlauf. Die östliche Ukraine wird besetzt, durch eine Orgie der Zerstörung, in der das russische Militär noch einmal alle seine Grenzüberschreitungen vorführt.
Wie weit das gehen wird, wissen wir nicht.
Hier rollt der historische Würfel des Zufalls.
Die Zerstörung wird dann als Sieg verkauft werden.
Doch die Eroberung eines auf Jahrzehnte verseuchten und verminten Ruinen-Trümmerfelds, das man selbst erzeugt hat, erfordert einen hohen Preis. Eine gigantische Minus-Rechnung muss in einen Triumph umgedeutet werden.
Damit könnte sich das Imperium, wie schon viele Imperien zuvor, überheben.
In Andrei Tarkowskis dystopischem Film STALKER reisen drei Personen in eine radioaktive Landschaft, die den Ruinen von Mariupol oder der Zone von Tschernobyl ähnelt.
Alles schimmelt, rostet, dampft. Irgendwo in dieser ruinösen Landschaft soll sich ein Raum befinden, in dem alle Wünsche endlich erfüllt werden. Man muss sich in diesem Raum nur das wünschen, was man wirklich will. Die Reisenden erreichen diesen Raum nie. Sie vergessen unterwegs, was sie sich wünschen könnten. Sie zerstreiten sich darüber, was überhaupt wünschenswert sein könnte. Und ob man diesen Raum nicht lieber zerstören sollte. Weil er gefährlich ist.
8. Cyber-Nations
Zu den Erweiterungs-Optionen des Spielfelds gehört auch das, was man die ankommende Emigration nennen könnte. Aus Vertreibung wird dann Migration.
Vertreibung ist immer ein schrecklicher Heimatverlust. Aber es kann auch ein kreativer Welt-Zugewinn werden. So, wie die jüdischen Künstler und Intellektuellen, die Wiener und Berliner Physiker und Naturwissenschaftler im Zweiten Weltkrieg „den Westen“ bereicherten, werden Millionen Ukrainer UND Russen zu einer globalen Bereicherung führen. Der größte Kriegsverlust Russlands ist der „brain drain“, der Verlust von unfassbar vielen Talenten, humanen Potentialen, kreativen Menschen. Der zweite Weltkrieg wurde nicht zuletzt dadurch entschieden, dass Millionen von Menschen in ihren Aufnahme-Ländern große Potentiale von Wissen, Energie und Wandel freisetzten.
Hier könnte das vielgerühmte „Metaverse“ endlich einmal zeigen, was es kann. Stellen wir uns vor: In einer neuen CYBER-NATION tun sich die Dissidenten Russlands UND die Vertriebenen der Ukraine zusammen. Solche virtuellen Neu-Staaten können im 21. Jahrhundert reale Machtpotentiale entwickeln. Sie können intensiv auf die Ursprungsländer zurückwirken. Das virtuelle Territorium wird wichtiger als das physische Territorium. Die Besatzung wird sinnlos. Sie scheitert an sich selbst.
9. Bewaffneter Pazifismus
Vielleicht lässt es sich nicht verhindern, dass die Ukrainer nun SCHWERE WAFFEN erhalten. Manchmal entwickeln sich die Dynamiken in einer Weise, in der sie nicht aufzuhalten sind.
Die buddhistische Lebensweisheit geht von einer wichtigen Differenz zwischen MITLEID und MITFÜHLEN aus. Während Mitleid immer auch einen narzisstischen Aspekt hat – es zieht uns in das Leiden und die Angst mit hinein, es bindet uns an unsere affektive Reaktion – führt Mitgefühl zu einer Zuneigung, in der wir in Empathie einen kühlen Kopf bewahren können.
Auch dieser Krieg wird nur asymmetrisch zu gewinnen sein.
Wenn „wir“ den Ukrainern schwere Waffen liefern, nehmen wir ihnen womöglich ihre wahre Möglichkeit auf Erfolg. Es könnte sein, dass wir ihren asymmetrischen Sieg verhindern, indem wir sie ihrem Gegner angleichen.
Zum Siegen gehört auch, auf die richtige Weise verlieren zu können.
Um dann auf einer neuen Ebene weiterzukämpfen.
Die Re-Militarisierung, die wir in Europa nun vollziehen müssen, kann nicht in die alten Militarisierungsformen zurückführen. Die Finnen haben das schon lange verstanden, ebenso wie die Letten und Litauer, oder die Schweizer. Ein bloßes „Gegenrüsten“ auf derselben Ebene ist sinnlos. Eine Gesellschaft jedoch, die sich mit Hightech-Defensiv-Waffen und heller Entschlossenheit ihr Land für jeden territorialen Aggressor „unsinnig“ machen kann, ist die richtige Antwort auf das Ende der nuklearen Abschreckung.
Individualismus, Vitalität, politische Freiheit, Innovationskraft, Zivilität und Verteidigungsfähigkeit können erstaunlicherweise zusammengehen. Wie die Ukraine, aber auch das Beispiel Israel – in großen Teilen – zeigen.
Hoffen wir also auf asymmetrische Weisheit.
Hoffen wir auf die Klugheit unserer Politiker, in diesem Konflikt in Sinne von Nicht-Nullsummen-Spielen zu agieren.
Dazu bedarf es des wiederholten Ebenenwechsels.
Vertrauen wir auf die menschlichen Fähigkeiten, in großer Paradoxie innere Klarheit zu behalten.
Das Spiel auf einer höheren Ebene zu spielen.
Eine Verhandlungs-Streitmacht zu entwickeln.
Hoffen wir auf eine neue Poesie des Friedens.
Ein Spielfeld, das sich aus der Zukunft heraus entfaltet.
P.S.:
Dieser Text bezieht sich auf eine Unmenge kluger und weniger kluger Gedanken in der momentanen Kriegsdebatte. Sehr wertvoll war ein Interview mit dem ehemaligen Pazifisten Arvid Bell, der heute eine „Negotiation Task Force“ an der Harvard University führt, die die Rolle von Verhandlungsstrategien in internationalen Konflikten erforscht („Der Westen nimmt sich wichtiger, als er noch ist“, ZEIT online 17. April 22). Und ein Hinweis auf den wunderbaren Text „Ukraine is our Past and Future“ des Journalisten und Filmproduzenten Peter Pomerantsev, veröffentlicht in TIME Magazine, 6..4.22: Once again, Ukraine is making us rethink our values, our laws, our policies, our defense. This war is not just a problem you can localize to Russia-Ukraine. There’s an increasingly coordinated network of dictatorships and soft authoritarians who think the 21st century belongs to them. Working out how to help Ukraine win is the first step to fathom this defining question. As so many times a global fault-line in our thinking, one that we wanted to ignore, is being made apparent in Ukraine. The Ukrainian writer Igor Pomerantsev once defined poetry as a bat flying through the night suddenly illuminated in the flashlight of our focus. That metaphor can apply to politics as well. Ukraine is the place where the invisible is surfaced, where the suppressed will be remembered, where horror is made into meaning. For their freedom and ours. www.time.com
Geboren in Kiew, aufgewachsen in Deutschland, lebt Peter Pomerantsev heute in London. Er ist Autor des Buches „Nothing is true and everything ist possible“ und „This Is Not Propaganda: Adventures in the War Against Reality“.
Eine kleine Auswertung der Ukraine-Szenarien und der Blick auf andere Konflikte
Wie entwickelt sich der Ukraine-Krieg? Das war die Grund-Frage meines Szenarios vom 21. März, drei Wochen nach Beginn des Krieges. Zahlreiche Zusendungen haben sich intensiv mit den 8 Szenarien beschäftigt.
Interessant waren die Einschätzungen, die Sie, liebe Leser, mir zugeschickt haben. Ich hatte Sie gebeten, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen und in einer Art „Ranking“ (1-2-3) die Szenarien zu bewerten. Was ist dabei herausgekommen?
Erster Platz: „Hinausschleichende Drift“ oder Der plötzliche Friede (ein Drittel aller Zusendungen)
Hier handelt es sich um das optimistischste Szenario: Der kriegerische Konflikt kommt plötzlich zu einem Stillstand. Es beginnen Verhandlungen, und am Ende steht ein Kompromiss, mit dem sich Putin als Sieger zurückziehen und die Ukraine sich als autonom behaupten kann.
Dass wir uns diese „Lösung“ wünschen, ist verständlich. Einige Leser drückten das direkt als HOFFNUNG aus: „Ich wünsche mir Frieden!“ Aber wie soll das gehen? Mit jedem in Schutt und Asche gelegten Wohnblock oder Kindergarten wächst der Hass, die Verzweiflung der Ukrainer, und mit jedem getöteten russischen Soldaten und zerschrotteten Panzer wächst der Hass (und Wahn) Putins. Im Kern des Konflikts liegt die Unmöglichkeit eines Friedens, der auf Übereinkunft beruht. Solche Kriege gehen „normalerweise“ nur durch gegenseitige totale Erschöpfung oder den Sieg der einen Seite zu Ende (geschildert in „Bloodlands“ oder „Heroische Kapitulation“).
In den letzten Tagen hat sich allerdings gerade WEIL der Konflikt so unlösbar erscheint, eine Tendenz des „Herausschleichens“ entwickelt. Ein langsames Abebben der Gewalt scheint gerade deshalb wahrscheinlich, WEIL der Konflikt unlösbar ist. Durch den Widerstand der Ukraine hat sich das Spielfeld in Richtung eines Patts entwickelt.
Aber genau das könnte auch das Zeichen einer weiteren Eskalation sein. Tyrannische Strategien à la Putin neigen in dieser Situation zu „Leugnungsexzessen“. Die Wahrscheinlichkeit, dass es im April zu einem weiteren, womöglich schlimmeren Gewaltexzess kommt, ist deshalb ziemlich groß. Danach würden die beiden Szenarien „Bloodlands“ und „Heroische Kapitulation“ wahrscheinlicher.
Zweiter Platz: Die Konfuzius-Lösung (ein Sechstel aller Zusendungen)
Dieser Konflikt ist durch die zahlreichen Verflechtungen des Globalen längt ein Weltkonflikt geworden. Da die UNO nicht mächtig genug ist, müsste dies zu einem neuen „Framing“ auf höherer Ebene führen. Eine Art neuer „Magna Charta“ wäre nötig, die den eigentlichen GRUNDkonflikt ausgleicht (nicht löst, das ist unmöglich) – den zwischen Demokratien und Autokratien. An diesem Punkt käme China ins Spiel. Als aufkommende Weltmacht müsste es China ein Anliegen sein, auch im eigenen Interesse den Krieg zu stoppen. Ist China mit seiner „konfuzianischen“ Strategie nicht ein Vertreter globaler Harmonie?
Diese Lösung ist – probabilistisch gesehen – derzeit sehr unwahrscheinlich. China kann sich nicht entscheiden. Unweigerlich würde das Thema der Menschenrechte auf dem Tisch liegen, und die Machtinteressen Chinas würden deutlich sichtbar. China ist jedoch ein großer Meister im Verbergen. Dass dieses Szenario dennoch von relativ vielen Lesern gewählt wurde, liegt daran, dass es gleichzeitig LOGISCH erscheint. Wie sonst sollte der Krieg „gelöst“ werden als durch die Einwirkung Chinas? Lösungen, die logisch sind, sind aber nicht immer wahrscheinlich.
Dritter Platz: Die Welt auf der Kippe (ein Zehntel)
Dieses Szenario geht von einer „Wendung durch höchste Gefahr“ aus – ein High-Risk-Szenario, das an unseren Nerven zerrt, an unsere Angst appelliert. Ein bisschen schwingt da die Erinnerung an die Kuba-Krise mit, wo es gelang, den Konflikt kurz vor dem großen Weltkrieg abzuwenden. Man könnte das als einen „Neuen Realismus“ interpretieren. Aber ist Realismus in dieser Situation realistisch?
Einige Leser haben eigene Szenarios – oder Varianten – vorgeschlagen. John Peter Strebel aus der Schweiz hat den klugen Begriff „Pragmatische Kapitulation“ gegen die „Heroische Kapitulation“ gesetzt: „Nicht heldenhaft aber vielleicht lebensrettend.“
Gabi O. aus Deutschland beschreibt eine Art Traum: „Putin wird von einer Vision ergriffen, erkennt, was er angerichtet hat und zieht alles zurück und begeht Selbstmord. In Russland bricht alles zusammen, aber Nawalny und andere schaffen es immer mehr Teile der Bevölkerung von einer neuen demokratischen Ordnung zu überzeugen. Putin-Vertraute werden verurteilt und müssen beim Aufräumen in der Ukraine helfen. Das dauert aber ewig und ist von Rückschlägen gezeichnet. Die Armut wird weniger. Europa hilft, wo es kann. Der Einzelne kann wieder Vertrauen in die neue Regierung aufbauen und selbstbewusster und sichtbarer werden.“
Eine andere Leserin, Annabel R., sieht die Religion in einer herausragenden Rolle: „Papst Franziskus und der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill beginnen miteinander zu sprechen. Kyrill kann ermutigt werden, vom Schulterschluss mit Putin Abstand zu nehmen. Ein Rest Religiosität regt sich in der russischen Bevölkerung und Putins Zustimmungs-Basis wird schwächer. Er steht vor der Entscheidung, die Gewalt gegen sein eigenes Volk hochzufahren oder eine letzte Chance zu nutzen und als Friedensfürst in die Geschichte einzugehen. Man einigt sich, eine ostukrainische Enklave als russischen Trabantenstaat zu gründen.“
Diese Szenarien lösen die „Verhextheit“ des Problems, in dem sie neue Spieler auf dem Konfliktfeld einführen oder auf die Macht der Hoffnung setzen. Das ist keineswegs unrealistisch. Allerdings ändert es nichts an der Verhextheit des Konflikts, an der dunklen Magie, die eine Lösung verhindert.
Was sind „verhexte Probleme“?
Was macht es so außerordentlich schwer, die Zukunft dieses Konfliktes auch nur halbwegs verlässlich einzuschätzen? Sich auch nur eine Lösung zu DENKEN?
Beim Ukraine-Konflikt handelt es sich um ein Krisenphänomen, das man auch ein VERHEXTES PROBLEM nennt. „Verhexung“ meint eine bestimmte Art von negativer Verschränkung, in der die kognitiven Ebenen nicht mit den Wirklichkeiten übereinstimmen. (Siehe die philosophische Debatte über verhexte Probleme im DAI Heidelberg ). Jede Lösung erschafft sogleich wieder eine neue Reihe von Problemen, jeder Schritt erzeugt eine weitere Verirrung. www.spektrum.de/video/philosophie-und-verhexte-probleme
Ein wichtiger Faktor der Verhexung besteht in dem, was man einen „frame clash“ nennt, oder eine Referenzkrise. Die „frames“ der Konfliktparteien, also die Art und Weise wie der Konflikt gesehen und „gerahmt“ wird, sind vollkommen inkompatibel. Es existieren zwei Realitäten, die sich in ALLEM widersprechen: Semantik, Grammatik, Bedeutung von Worten.
Nichts anderes ist aber „Realität“: Semantik, Grammatik, Bedeutung von Worten.
Das ist im Prinzip nichts Neues – menschliche Kulturen haben immer schon in unterschiedlichen „nützlichen Halluzinationen“ gelebt. Religionen, Kulturbilder, „Identitäten“ sind ja nichts anderes als mentale Konstruktionen, die gemeinschaftsbildenden Charakter haben. Gewalt entsteht jedoch dann, wenn die Realitäts-Konstruktionen keine gemeinsame Wirklichkeit, keinen UNIVERSALISIMUS mehr ermöglichen.
Wir kennen diese negative Verschwurbelung oder „Wahrheits-Verhexung“ von Diskussionen mit Corona-Leugnern und aggressiven Populisten. Wenn fiktionale Wirklichkeiten die Wahr-Nehmung von Menschen übernehmen, entsteht ein kognitives Universum, das dazu neigt, sich hermetisch abzuschließen – durch eine Mischung aus Paranoia und Feindbildung. WIR gegen DIE. Dabei löst sich der Begriff der Lüge in Meinung auf, und Information wird zur (Selbst-)Manipulation. Eine besondere Rolle dabei spielen die heutigen Echtzeitmedien, die erstaunlicherweise Menschen und Kulturen in der Globalisierung nicht zusammengebracht, sondern umso gründlicher gespalten haben.
Trump lässt grüßen. Putin grüßt zurück. Und die Lüge wird zur Wirklichkeit.
Normalerweise funktioniert die Welt mit dem Prinzip dynamischer Dialektik: Widersprüche lösen sich auf, indem sie auf der nächsten Ebene transformiert und „universalisiert“ werden. Wir entdecken trotz aller Unterschiede das Gemeinsame. Aus Machtprivilegien entstehen Menschenrechte. Mit Hilfe von Technologien lösen wir Knappheitsprobleme, und erzeugen Nichtnullsummenspiele (Win-Win-Konstellationen). Das ist das, was wir Fortschritt nennen.
Es ist gleichzeitig das Metaprinzip der Evolution: Integration ins Höhere. Komplexe Organismen entstammen einer endlosen Reihe von „Krisen“, in denen frühere, einfachere Organismen in Überlebensnot gerieten. Darauf reagierten sie mit Mutationen oder Adaptionen, die sie in einer veränderten Umwelt überlebensfähig machten – und Schritt für Schritt ihren Handlungsraum erweiterten. Die blühende Vielfalt eines Dschungels oder Korallenriffs ist das Ergebnis von Millionen Jahren von Differenzierung UND Kooperation. Komplexere Hirne sind fürs Überleben langfristig besser, weil sie mehr Sinneseindrücke und Informationen für Gefahrenabwehr, Nahrungssuche und Reproduktion verarbeiten können.
Verhexte Konflikte entstehen letztlich durch eine Art Zukunfts-Versagen. Die russische Gesellschaft hat ihre innere Zukunft verloren – die Vorstellung, dass etwas besser werden kann, etwas „erlöst“ wird. Dadurch fällt sie in eine verhexte Regression, deren oberster Repräsentant Putin ist. Gewalttätigkeit ist Ausdruck des Unglaubens an das Zukünftige. An das, das sich weiterentwickeln kann. Ein Rückfall in eine imaginäre Gloriosität der Vergangenheit.
Ein typisches Beispiel für ein verhextes Problem ist auch die Corona-Krise. Sie ließ sich nicht wirklich „lösen“, weil ihre Handlungsoptionen in einer Paradoxie verliefen. Was immer Staat, Gesellschaft, Individuen taten – sie MUSSTEN es falsch machen. Jede Handlung in Richtung auf Lockdowns beschädigte die Konnektivität der Gesellschaft, und jede Öffnung die Notwendigkeiten der Immunologie. Wenn der Staat eingriff, beschränkte er die Freiheit der Bürger, wenn Bürger sich verweigerten, beschädigten sie die Gesundheit der anderen. Die Medien stürzten sich gerne auf diesen Streit, verstärkten ihn genussvoll, was uns das Gefühl der Nichtlösung gab.
In Wirklichkeit haben wir das Corona-Problem sehr wohl gelöst (das Virus selbst hat mitgeholfen). Gar nicht so schlecht. So gut wir konnten, haben wir uns „hindurchgeschlichen“ – wodurch sich die Paradoxie am Ende auflöst.
Die Klima-Katastrophe ist ein ähnliches verhextes Problem. Wenn wir heute Solarzellen aufs Dach montieren oder weniger Fleisch essen, wissen wir nicht, ob das irgendetwas nutzt. Wir wissen nicht, wie die kollektiven Folgen mit den individuellen Handlungen zusammenhängen, und diese Unsicherheit erzeugt eine Art negativer Zeitschleife, in der wir uns erschöpfen. Wir verbrennen lieber das heutige Erdöl, solange es noch geht, bevor wir uns daran machen, ernsthaft unsere Energiesysteme umzustellen. So erzeugen wir selbst die Verhexung, bis wir in eine Falle aus Hysterie und Leugnung geraten.
Ein bewährtes Mittel, einem verhexten Problem auszuweichen, ist es, es auf eine andere symbolische Ebene zu verweisen – was nicht heißt, es zu lösen. Ein Raketenabwehrschirm zum Beispiel würde den Krieg zu einem numerischen Zukunfts-Spiel machen. Es ginge dann darum, wer die schnellsten Algorithmen für das Ausrechnen von Flugbahnen hätte. Ein solcher Rüstungswettlauf würde uns zwar vorübergehend beruhigen (in Ängstlichkeit ruhigstellen), aber auch vom wahren, wirklichen Problem ablenken: Wie wir ein gemeinsames „Framing“ des Zusammenlebens der Menschen entwickeln können.
Allerdings lösen sich auch verhexte Konflikte. Sie zerfallen irgendwann in ihre Einzelteile und Widersprüche, aus denen sich dann neue Zusammenhänge entwickeln. Sie verändern sich durch das Hindurchschreiten, durch den unvermeidlichen „Abrieb“ der Illusion durch die Wirklichkeit, in der eine neue Realität erscheint.
Der Weg verändert das Ziel.
Beim Lösen von verhexten Problemen kommt es darauf an, den Bunker der Konstruktionen zu verlassen, in dem wir unlösbare Problem konstruieren. Zufälle spielen dabei oft eine Rolle, sehr oft auch das Auftauchen von Menschen aus dem Zeitstrom, die die Fähigkeit haben, die Probleme umzudeuten und zu RE-framen. Einstein, Gandhi, Gorbatschow… Der einzige „wahre“ Weg, ein verhextes Problem zu lösen, ist die RE-GNOSE. Ein Re-Vision der Wirklichkeit von der Zukunft aus, bei der wir selbst uns in unseren Sichtweisen verändern.
Soweit ich es wahr-nehmen kann, sind wird dabei ganz gut unterwegs. Es entsteht derzeit auch unendlich viel Gutes. Eine Einigung Europas. Sehr viel aktive Solidarität. Eine Neubewertung unserer Fehler, etwa in der Energiepolitik. Kluge, ausdauernde Politik, in der die Sehnsucht nach Wahrheit und Universalität wieder stark und Komplexität nicht durch einfache Formeln erniedrigt wird. In der die bessere Zukunft die Rolle spielt, die sie verdient. Wir sind auf dem Weg. Danke Putin!
Für die systemische Zukunftsforschung ist dieser Konflikt eine extrem harte Nuss. Kriege wie dieser haben keinen klaren kausalen Anlass, an dem entlang sich Probabilitäten (Wahrscheinlichkeiten) messen lassen. Irrationalität, Paranoia, Interessen, gehäufte Zufälle, aber auch so genannte Super-Memes (kulturelle Groß-Signaturen) spielen eine Rolle. Die kausalen Verzweigungen, die zu diesem „Event“ führten, reichen weit und tief in die Vergangenheit.
Es ist wichtig, zu verstehen, dass Szenarios keine PROGNOSEN sind. Während Prognosen mit Ausschluss von Unsicherheit arbeiten (die Bayes-Methode), sind Szenarien Tools zum Umgang mit Unsicherheit. studyflix.de/statistik/satz-von-bayes-1113 de.wikipedia.org/wiki/Bayessche_Statistik
Prognosen verengen den Zukunftsweg. Szenarien öffnen verschiedene Möglichkeitsräume. Szenarien arbeiten narrativ – mit poetisch klingenden Namen –, sie nutzen auch das Unbewusste, das in sprachlichen Konfigurationen angesprochen wird, zur Beurteilung hyperkomplexer Situationen.
Es geht also auch um das Gefühl, das wir gegenüber komplexen Situationen entwickeln. Gefühle geben uns Auskunft über unsere inneren Konstruktionen und Projektionen; die Art und Weise, in der wir die Welt sehen. Szenarien funktionieren also auch wie ein Spiegel, in dem wir die Welt „durch uns selbst hindurch“ sehen können.
Hier also acht mögliche Entwicklungen des Krieges zum Hineindenken …
In „Bloodlands“, einem Buch des Historikers Timothy Snyder, wird beschrieben, wie die ukrainischen Ebenen immer wieder zum historischen Schauplatz von Pogromen, Vertreibungen und unfassbarer Gewalt wurden. www.timothysnyder.org/books/bloodlands
Die Geschichte setzt nun in einer Wiederholung dieses Musters fort. Der Konflikt verlängert sich in einen endlosen Schwelbrand, einen Zustand der Agonie. Die Ukraine wird in diesem Szenario zu einem russischen Vietnam – über viele Jahre herrscht dort ein zäher, blutiger Guerillakrieg apokalyptischen Ausmaßes. Kämpfe flammen immer wieder auf, auch dort, wo die russische Armee alles in Trümmer verwandelt hat. Das Land ist zu groß, um es zu erobern. Keine Seite kann nachgeben, keine diplomatische Lösung wird gefunden, und die Ukrainer (und ihre Helfer) entwickeln immer neue raffinierte Guerilla-Taktiken in den Trümmern. Gegen eine im Grunde ausgelaugte, demoralisierte und mit technischer Gewalt eskalierende russische Armee gibt es keinen Sieg. Aber die fremde Armee kann auch nicht siegen. Der Krieg endet erst nach vielen Jahren an apokalyptischer Erschöpfung mit dem Tod Putins.
Kurz vor der endgültigen Einnahme von Kiew in einer blutigen Schlacht wird Wolodymyr Selenskyj mit einer kleinen Gruppe von Vertrauten aus der Stadt ausgeflogen (ob von Franzosen mit heimlicher Duldung Putins oder von einem deutschen/amerikanischen Spezialkommando kann nie ganz geklärt werden). Er gründet eine Exilregierung in (z.B.) Paris. Die restlichen ukrainischen Streitkräfte kapitulieren. Die Ukraine wird vollständig besetzt und gerät in eine grausame Okkupations-Zeit, die viele Jahre andauern wird. Die so genannte „Alternativregierung“ erweist sich schnell als Militärkomitee von Putins Gnaden.
Dieses Szenario funktioniert auch, wenn Selenskyj getötet oder gefangengenommen wird, oder wenn er ehrenwert kapituliert. Aus dem Heroismus der Niederlage entsteht ein Mythos mit vereinender Wirkung gegen den Aggressor. Durch die Okkupation wird verdeutlicht, dass das Putin-Regime nichts anderes ist als ein imperialistischer Terror-Staat. Die Weltöffentlichkeit schließt sich deutlich gegen Russland zusammen und bildet mehr und mehr eine globale antirussische Allianz. Auch China wendet sich Stück für Stück ab, und aus Russland wird ein isoliertes kontinentales Nordkorea, mit immer hysterischeren Darstellungen des Diktators (und seiner Nachfolger).
3. „Hinausschleichende Drift” oder Der plötzliche Friede – das Joker-Szenario-1
„Hinausschleichende Drift“ benennt einen evolutionären Prozess, in dem sich die Dinge plötzlich seitwärts statt linear bewegen – und sich das „Framing“ eines bestimmten Ereignisses verändert. Ein Beispiel ist die Corona-Entwicklung: Als das Virus anfing, in höhere Ansteckungsquoten ABER geringere Tödlichkeit zu mutieren, veränderten sich die Spielregeln der Pandemie radikal – und machten sie zu einem völlig anderen Geschehen. Dieses „Hinausschleichen“ könnte so aussehen:
Nach einigen Gewaltexzessen fährt sich der Ukraine-Krieg auf einer systemischen Patt-Ebene fest. Verhandlungen beginnen und werden immer wieder abgebrochen, aber die ganz große Eskalation bleibt aus. Es entsteht das, was man in der Spieltheorie ein „Nash-Gleichgewicht“ nennt (nach dem Spieltheoretiker John Forbes Nash Jr., siehe Anhang). Eine Situation, in der keine der Parteien mehr Kraft für oder Interesse an Veränderung hat. Putin scheut den Übergang zu echten Massenvernichtungen. Es gelingt der HUMANITÄREN KOALITION aus internationalen NGOs und vielen engagierten Ländern, „Safe Zones“ in der Ukraine zu etablieren, in denen die Bevölkerung überleben kann. Der heiße Konflikt wird mit Hilfe von allen möglichen Vermittlern verhandelt und es kommt zu einem Agreement, aus dem sich in einem langen und zähen Prozess ein russischer Teil-Rückzug, die Aufteilung der Ukraine und eine Neutralitäts-Lösung entwickelt, die beide Seiten als Sieg oder zumindest nicht als Niederlage verkaufen können.
4. Die Konfuzius-Lösung – der „New Global Contract“ durch globalisierte Welt-Diplomatie
Durch den Ukraine-Krieg entwickelt sich eine gewaltige neue globale Friedensbewegung, die auch ökologische und Menschenrechts-Themen aufgreift. Gleichzeitig formen sich rund um den Globus intensive diplomatische Aktivitäten, die auf eine neue Weltordnung abzielen.
Während der Krieg Jahre andauert, entscheidet sich China schließlich zu agieren, weil es die Folgen der Weltwirtschaftskrise und einen ernsthaften Image-Verlust durch seinen Russland-Pakt fürchtet. Auf einer von China einberufenen weltweiten Friedenskonferenz handeln die Weltorganisationen einen „New Global Treaty“ aus, der das Verhältnis zwischen den Staaten und Staatenblöcken neu regelt. Ähnlich dem westfälischen Frieden oder Wiener Kongress wird eine neue globale Machtverteilung beschlossen und durch eine reformierte UN-Charta gesichert. Die Ukraine wird unter eine UNO-Verwaltung gestellt und militärisch neutralisiert. Sie erhält eine provisorische Regierung, die sich nach dem Vorbild Bosnien-Herzegowinas aus internationalen Experten und Volksgruppen-Vertretern zusammensetzt. Amerika, Europa und China finanzieren den Wiederaufbau gemeinsam.
Russland zieht sich in eine zunehmende Isolation zurück, aber nach dem Tod Putins kommt es zu langsamen Öffnungen und Reformen.
Etwas Unerwartetes passiert im Kreml. Lange bleibt unklar, was eigentlich passiert ist, denn es gibt längst keine Wahrheit mehr, auf die man sich beziehen könnte. Putin erleidet einen tödlichen Infarkt (heißt es). Oder er wird vergiftet (behaupten manche). Ein Militärkommando, welches das Attentat dem Westen anlastet, übernimmt. Oder es heißt, dass Putin sich in den Ural zurückgezogen hat und „sich anderen Aufgaben zuwendet“. Mehrere Wochen weiß man nicht, ob er noch „da“ ist oder nicht, weil ständig Bilder und Filme von ihm gesendet werden, die sich aber später als „Deepfakes“ – per Artificial Intelligence verfälschte Medieninhalte – herausstellen. Oder als veraltete Aufnahmen, die „getunt“ worden sind. Im Kreml entsteht Chaos, mehrere Nachfolger Putins verschwinden, Gruppen von Geheimdienstlern, Generälen, die mit verschiedenen Oligarchen verbunden sind, kämpfen um die Macht. Die Kriegsgeschehnisse weiten sich in Vasallenstaaten aus, es kommt zu Erhebungen und Abspaltungen in Teilen „Großrusslands“, die allerdings – wie so oft in der russischen Geschichte – blutig niedergeschlagen werden. Das ukrainische Drama wiederholt sich auf der Fläche Russlands. Es wird gefährlich für die ganze Welt, aber am Ende ist das ein interner Konflikt Russlands.
Die Ukraine wird in einem monatelangen Zerstörungs-Prozess besetzt, ein großer Teil der Zivilbevölkerung – an die 15 Millionen Menschen – wird vertrieben. Die EU verwandelt sich, nachdem Trump die nächste amerikanische Wahl gewinnt, in einen Front-Kontinent, der aber auf eigene atomare Abschreckung verzichtet und sich einem rein defensiven Militärkonzept zuwendet. Das basiert auf dem Konzept der systemischen Territorialverteidigung, das auf dem finnischen (oder auch schweizerischen) Modell der mobilisierbaren Groß-Reservistenarmee basiert. Grundlage ist die Schulung jedes Bürgers ab 18 Jahren in Selbstverteidigung, Guerillakampf-Techniken und Überlebensstrategien, ergänzt durch eine eher kleine, aber durch Hochtechnisierung sehr effektive Profi-Armee. Diese „hybride Breitenmilitarisierung“ soll dem Gegner klarmachen, dass jede Invasion durch massivsten territorialen Widerstand beantwortet wird. Eine neue Hightech-Grenzmauer wird quer durch Europa gebaut, eine Demarkationslinie, die immer wieder teilweise verschoben wird. Eine neue Abschreckungsära beginnt, ein superkalter Krieg mit gelegentlichem Aufflammen von Kampfhandlungen. Aber man gewöhnt sich dran, so wie sich Israel an einen alltäglichen Kriegs-Bedrohungszustand gewöhnt hat und dabei wirtschaftlich vital und innovativ bleibt.
7. Die Welt auf der Kippe – in allerletzter Sekunde …
Durch Missverständnisse, Provokationen, Exzesse der Gewalt (Giftgaseinsatz in der Ukraine) und den eskalierenden Wahn Putins weiten sich Kampfhandlungen über die Grenzen der Ukraine aus. Russland verübt Groß-Attentate und Sabotageakte in Westeuropa, es kommt schließlich zum Einsatz einer taktischen Atomwaffe auf eine Nato-Basis, wobei Russland behauptet, der Westen hätte den Einsatz „inszeniert“, um Russland zu „vernichten“. In allerletzter Sekunde einigen sich NATO und russische Generäle auf eine Feuerpause. In langwierigen Verhandlungen entsteht eine Demilitarisierungs-Zone quer durch Europa, zu der neben der Ukraine auch die baltischen Staaten, Rumänien, Bulgarien und Belarus gehören. So bekommt Putin seinen Willen, kurz bevor er unter ungeklärten Umständen stirbt.
8. Der große Weltbrand – das Ende der Welt oder: Das Unvorstellbare
Ein langanhaltender Mehrfrontenkrieg bricht aus, der sich atomar hochschaukelt. Große Teile des eurasischen Kontinents und Amerikas werden verwüstet, 200 Millionen Menschen sterben sofort, weitere 300 Millionen an Hunger und den Folgeschäden. Trotzdem stirbt die Menschheit nicht aus, Afrika und Südamerika, China sowie die pazifischen Räume sind weitgehend verschont geblieben. Im Jahr 2035 eröffnet Elon Musk die erste Aussiedler-Stadt auf dem Mars mit dem Namen NEWKRAINE.
Einer der ersten berühmten Zukunftsforscher der Nachkriegszeit war Herman Kahn, ein Zwei-Zentner-Mann. Zusammen mit dem ungarisch-stämmigen Mathematik-Genie John von Neumann, der die mathematischen Grundlagen der Atombombe errechnete, begründete Kahn in den 50er Jahren die angewandte Spieltheorie. Kahn und Neumann arbeiteten bei der 1948 gegründeten RAND-Corporation, einem von CIA und Pentagon finanzierten Think-Tank, in der Wissenschaftler an komplexen militärischen Zukunfts-Szenarien arbeiteten. Am Anfang dieser legendären Denk-Fabrik überwogen die rein militärischen Aufträge: Es ging darum, durch Prognosen und Konflikt-Szenarien den Dritten Weltkrieg gewinnen zu können.
Bald jedoch weitete sich die Arbeit von RAND über die Grenzen des rein Militärischen aus – in die Analyse von Trends und Entwicklungen in allen Teilen der Gesellschaft. Damit entstand der erste interdisziplinäre Zukunfts-Think-Tank, dessen Grundidee das Zukunftsinstitut heute fortsetzt:
„Es gab keine Regeln für die Grenzen des Interesses. Surfing, Semantik, der Weltraum, finnische Phonetik, die Metastruktur der Neurosen, das arabische Clan-System, eine hermeneutische Studie der Schriften Lenins, eine Analyse des Spielwaren-Puzzles „Instant Insanity“. en.wikipedia.org/wiki/Instant_Insanity
Der offizielle Arbeitsvertrag, den jeder hier abschloss, nannte es „Recherchen für interkontinentale Kriegsführung“. Aber im Grunde wurden wir dafür bezahlt, das „Undenkbare“ in alle Richtungen zu denken.“
William Poundstone, „Prisoner’s Dilemma, John von Neumann, Game Theory and the Puzzle of the Bomb“, S. 83 – 99 home.williampoundstone.net
Womöglich hat die Arbeit von Neumann und Kahn die Welt vor einem nuklearen Dritten Weltkrieg gerettet. Kennedys kluge und moderate Reaktionen auf die Kuba-Krise 1962, in der die Welt am nuklearen Abgrund stand, lässt sich auch auf die Spieltheoretiker zurückführen, die im Beratungsteam Kennedys während der Krise saßen. Sie versorgten Kennedy mit Gegenvorschlägen gegen den Eskalationswillen der Militärs.
Wer sich noch einmal in diese Zeit zurückversetzen will, dem sei der absolut irrwitzige Kubrick-Film „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben“ empfohlen. Auch sehenswert ist die Verfilmung der Kubakrise in dem Film „Thirteen Days“. de.wikipedia.org/wiki/Thirteen_Days_(2000)
Das Wort „Spiel“ ist zunächst mit dem Wort „Zufall“ verbunden. Mit einem gewissen Un-Ernst. Doch selbst Würfelspiele haben Ergebnisse, die voraussehbar sind (einer der ersten, der das erkannte, war Gerolamo Cardano, der im 14. Jahrhundert ein Buch über das Würfelspiel schrieb, weil er sich ständig an seiner Spielsucht ruinierte). de.wikipedia.org/wiki/Gerolamo_Cardano
In der fortgeschrittenen Spieltheorie geht es um ERWARTUNGEN und VERHANDLUNGEN, die langfristige Spielverläufe beeinflussen. Dabei spielt immer die Psychologie eine Rolle – und natürlich die Interessen der Spielteilnehmer.
Die Spieltheorie hat viele erhellende „Storyboards“ hervorgebracht. Zum Beispiel das Gefangenen-Spiel, bei dem Verrat und Treue eine Rolle spielen. Oder die Modelle von John Maynard Smith (1920 – 2004), eines spieltheoretischen Ökonomen. Eines seiner interessantesten evolutionsbasierten Spiel-Szenarien handelt vom Verhältnis von Friedfertigkeit und Gewalt.
Stellen wir uns einen Planeten vor, der ausschließlich von netten, hübschen Tauben bewohnt wird, die immerzu miteinander kooperieren. Beim „Spiel“ des Futterfindens teilen sie immer brav jeden Brocken. Sie gurren vorbildlich den ganzen Tag. Die solidarischen Grünen, die Friedens-Freund*innen, haben auf diesem Planeten endgültig gesiegt.
Man könnte jetzt meinen, dieser Planet wäre besonders stabil und ausgeglichen, wie wir uns das ja von im moralischen Sinne „guten“ Systemen wünschen. Aber was auf der reinen Taubenwelt entsteht, ist nicht Stabilität, sondern Statik. Wenn immer dasselbe Spiel gespielt wird, entwickelt sich keine Komplexität, keine Varianz, sondern Stillstand. Und damit keine echte Resilienz gegen Störungen von außen. Die evolutionäre Fitness der Tauben nimmt ab. Das System wird unstabil, sobald neue Umweltfaktoren ins Spiel kommen.
Zum Beispiel die Immigration von Falken. Ein solcher Raubvogel wäre in der Lage, den Taubenplaneten innerhalb kurzer Zeit völlig zu übernehmen. Denn er spielt das permanente Futterspiel einfach andersherum. Immer, wenn er auf Futter trifft, frisst er alles auf und verjagt die Taube. Innerhalb kürzester Zeit hätte die Falkenpopulation den ganzen Planeten übernommen, und die Tauben würden verhungern oder müssten sich in den Büschen verstecken und von Abfall ernähren.
Unser Tauben-Planet wäre nur vor der Falken-Tyrannei zu retten, wenn sich die Tauben etwas einfallen ließen. Einige von ihnen entwickeln womöglich ein gutes Tarngefieder und können sich unsichtbar dem Futter nähern. Andere verbünden sich, bewaffnen sich und schlagen den Falken in die Flucht. Oder aber sie gehen ins Sportstudio und entwickeln sich zu Tauben, die manchmal Futter teilen, manchmal die Krallen zeigen. Man weiß nie genau, wann, was. Die Erfindung einer Taubenpolizei, der Erlass von Gesetzen, der das Falkenverhalten reguliert, könnte helfen (allerdings setzt das komplizierte Verhandlungen voraus). Auch hier gilt: Ähnlichkeiten mit der herrschenden humanen Realität sind beabsichtigt und auch nicht rein zufällig.
In der nächsten Stufe bekommen die Falken bald selbst ein Problem, weil ihr Sieg zur nächsten Instabilität führt. Sie fangen durch ihre Erfolge an, sich gegenseitig zu bekämpfen. Die ständigen Rangkämpfe kosten Energie, die der Planet aber als Nahrung nicht hergibt. Was langfristig wieder die Tauben in die Vorhand bringt. Die können einfach besser kooperieren und mit ihrem Dung Pflanzen düngen … Und so weiter.
Evolutionäre Fitness ist nicht Stärke und „Übermacht“. Sondern Variabilität. Früher oder später läuft jede auch noch so ausgeklügelte Dominanz-Strategie in eine systemische Sackgasse. Das ist spätestens der Fall, wenn der „Gegner“ seine Strategie grundlegend ändert, weil er SICH verändert. Das Modell lässt sich auch als Allegorie für die Evolution selbst verstehen – hier verbirgt sich der Grund für die Diversität von Biotopen, in denen es nicht nur Raubtiere geben kann. Aber eben auch nicht nur Tauben. Evolution handelt von einer Art „Komplexitätsmaschine“, in der immer höhere Differenzierung und Rückbezüglichkeit entsteht.
Das Trump-Putin-Prinzip:
Strategien der Bösartigkeit funktionieren zunächst in Umgebungen BESSER, in denen ausschließlich friedfertige Konfliktlösungen herrschen, bei denen die Friedlichen wenig kooperieren.
John Nash – ein brillanter Geist erforscht die Patt-Situationen
In einer Szene des berühmten Films „A Beautiful Mind“ sitzt der Spieltheoretiker John Forbes Nash Jr. unter einem Baum auf dem Campus der Universität von Princeton und streicht Buchstabenkombinationen, Zahlen und Bilder in einer Zeitschrift an, als sich ein kleines Mädchen nähert, das ihn offenbar kennt. „Was machen Sie denn da, Mister Nash?“
„Ich versuche, im Verlauf der Zeit wiederkehrende Muster aus Periodika herauszufiltern.“
„Sie reden komisches Zeug, Mr. Nash!“
John Nash redete tatsächlich viel komisches Zeug, er litt zeitweise an paranoider Schizophrenie. Er war gewissermaßen der „weibliche“ Antipode zu den Konflikt-Spieltheoretikern des Kalten Krieges. Während es bei Kahn, Schilling, von Neumann und den anderen „Doomsday-Spielern“ vor allem auf Konflikt ankam – auf widerstreitende Interessen, Dominanzwille, Überwindung des Gegners -, beschäftigte sich Nash mit Spielen, in denen Konflikte zu Patt-Situationen führten.
Nash war fasziniert von Spielen, die keinen klaren Gewinner haben konnten – Spiele mit mehreren Spielern und multi-divergierenden Interessen. Seine Grund-These war, dass sich in sozialen Spielen eine Art „Soziomagnetismus“ entwickeln würde, an dem widerstreitende Interessen zur Ruhe kommen würden. Das „Nash-Equilibrium“ ist die mathematische Darstellung jener Punkte (manchmal können es mehrere sein), an denen ein „Interessenfeld“ ins Gleichgewicht gerät – und dort unter Umständen lange Zeit verharren kann. Das geschieht dann, wenn die Teilnehmer eines Spieles – keine VORTEILE mehr haben, wenn sie ihre Strategie verändern. Der Konflikt ist ausgereizt. Wie in der Physik – wo sich chemische Stoffe irgendwann „sättigen“, oder im Wettergeschehen, wenn sich Stürme ausgetobt haben und Windstille eintritt (auch bei guten Beziehungen und Ehen zu beobachten) – gibt es eine Tendenz natürlicher oder humaner Systeme „ins Gleichgewicht zu driften“ (Equilibrium-Drift).
Von der Spiellogik zum Szenario Prozess
Die Szenario-Technik wurde aus Elementen der Spiel- und Systemtheorie in den späten 60er Jahren entwickelt. Sie hat seitdem vielfältige Anwendungen in Politik, Unternehmen und Organisationen gefunden. Auch der Club of Rome oder der Ölkonzern SHELL arbeiteten bereits in den 70er Jahren mit dieser Methode, die Zukunft in mehrere ZUKÜNFTE aufzuteilen.
„Scaenarium“ ist der Ort, wo die Bühne errichtet wird. Es geht bei Szenarios um Wahrnehmungen. Um Sichtbarkeiten, Benennungen, die sich der Wirklichkeit annähern können. Szenarien können die Wirklichkeit sogar beeinflussen, durch Rückkoppelungen in Strategien und „Self-Fulfilling-Prophecies“. Ein komplexes Szenario malt die Zukunft in alle Richtungen der Kontingenz aus, es berücksichtigt auch die Ränder der Wahrscheinlichkeiten. Dazu gehören „Wild Cards“. Die verblüffende spontane Wende. Der systemische Sprung.
Konflikt-Szenarien beziehen sich in ihrem Kern immer auf drei Möglichkeiten von Spielausgängen. Konflikte enden prinzipiell immer durch:
Erschöpfung/Entropie
oder
Kompromiss
oder
Synthese auf höherer Ebene, die den ursprünglichen Konflikt transzendiert.
Der Ukraine-Konflikt stellt die zentrale Frage der Weltentwicklung. Sie lautet Regression oder Komplexion? Entwickelt sich die Paradoxie, die letztlich Ursache des Konfliktes war, in eine regressive Zerstörung, eine Entropie, einen neuen Tribalismus? Oder entsteht durch die tragende Konnektivität der Welt eine neue Logik der Entscheidungen auf höheren Ebenen (z.B. UNO, planetare Rechtsstaatlichkeit, internationale Organisationen des Ausgleichs). Pathetisch ausgedrückt: Rückt die Menschheit durch das Schreckliche auf Dauer näher zusammen? Oder fällt sie auseinander in den viel gefürchteten Krieg der Kulturen?
Hermann Kahn sprach in den 70er Jahren vom „Langfristig komplexen Trend“, der auch durch Rückfälle und große Krisen nicht zerstört wird. Möge die Wahrheit mit ihm sein!
„You cannot imagine big shifts until they happen.“ Nelson Mandela
„Wir haben so viel.
Wir haben diese riesigen Wälder.
Wir haben unermesslich weite Felder.
Wir können die entferntesten Horizonte sehen.
Schauen Sie sich um. Schauen Sie!
Wir sollten Riesen sein. Das sind wir aber wahrlich nicht.“ Anton Tschechow, „Der Kirschgarten“, 1903
Ich werde derzeit manchmal gefragt, ob sich die Zukunft nicht als solche erledigt hat. Welchen Sinn machen Prognosen, Szenarien, Trends, wenn es gar keine Zukunft mehr gibt? Fallen wir, als Zivilisation, als ganze Menschheit, nicht immer wieder zurück in die Vergangenheit, ins Finstere, in Vernichtungslogik und aussichtslosen Konflikt?
Die Angst spricht: Es hat keinen Zweck, sich die Zukunft vorzustellen. Die Menschheit wird sich demnächst sowieso ausrotten. Sie ist lernunfähig.
Die falsche Hoffnung sagt: Es wird schon nicht so schlimm kommen. Machen wir Party, solange es geht! Und noch ein paar schöne Fotos auf Instagram…
Gibt es noch eine andere Haltung als den Doomsday-Zynismus oder die optimistische Ignoranz? Wie können wir die Zukunft bewahren? Darüber möchte ich mit Ihnen in dieser Kolumne nachdenken.
Das Paranoia-Prinzip oder die Rückkehr des Tyrannen
Warum kehren sie immer wieder zurück, die Despoten und Tyrannen, die mörderischen Diktaturen und monströsen Gewaltherrscher, die die Welt in Schutt und Asche legen?
Eine erste Antwort liegt in der Tiefen-Psychologie des Menschen.
Angst ist die stärkste und treibendste Kraft des Lebens. Sie kann uns vor Gefahren warnen, das ist ihre eigentliche Aufgabe. Aber sie kann auch von uns Besitz ergreifen – individuell und als Gruppe. Und zu einer Besessenheit werden, die in den Wahn führt.
Das nennt sich Paranoia. In der medizinischen Definition heißt es: „Menschen, die von einer Paranoia betroffen sind, sieht man dieses Leiden von außen nicht auf den ersten Blick an. Sie tragen eine große psychische Last, von der sie meist nur mit einem enormen Aufwand befreit werden können. Patientinnen und Patienten mit Paranoia werden von ihrem sozialen Umfeld häufig nicht verstanden, weil sie ein recht eigenwilliges Verhalten und Benehmen an den Tag legen.“ (krank.de)
Kommt uns das irgendwie bekannt vor?
In der Corona-Krise haben wir die ursprünglichen Formen jener Angstwut erlebt, die entsteht, wenn Menschen ihre Angst nicht aushalten und diese in dunklen Projektionen auf die Umwelt richten. Das führt zu Verschwörungstheorien und Weltanklagen. Zum Unglück der Verschwurbelung.
Derselbe Mechanismus kann aber auch viel weiter führen.
Paranoia ist gefährlich, weil sie ein selbstverstärkendes System ist. In der Paranoia werden die seelischen und emotionalen Verbindungen zur Welt Stück für Stück abgesprengt und durch innere Halluzinationen ersetzt. Das Hirn baut sich in eine Imaginationsmaschine zur Produktion von Feinden und Feindschaften um.
Zur Despotie wird die Paranoia, wenn sie in ein Resonanzfeld tiefer Kränkungen gerät. Russland hat in den Jahrhunderten unfassbare Schrecken erlebt: Eroberungen, Zerstörungen, Demütigungen. Immer wieder neue Despotien, missglückte Revolutionen ohne Befreiungen, in denen die Entfaltung der balance of power and life keine Chance hatte. Daraus entstanden langfristige Traumata, die kaum zu heilen sind. Und die dem Despotischen als Nährboden dienen.
Wir sind als Menschen Bewohner eines tiefen evolutionären Paradoxes aus Ich und Wir, Liebe und Hass, das sich manchmal in Richtung eines Todeskultes entwickelt. Der Neuro-Verhaltensforscher Robert Sapolsky schreibt in seinem Werk „Gewalt und Mitgefühl – Die Biologie des menschlichen Verhaltens“ (Hanser, 2017, S. 102): „Wir nutzen die dopaminerge Energie des beglückenden Belohnungssystems, um uns für Arbeit zu motivieren, die erst nach unserem Tod belohnt wird. Das kann je nach Kultur, in der wir leben, auch die Gewissheit sein, dass die eigene Nation dem Sieg in einem Krieg näher sein wird, wenn wir unser Leben auf dem Schlachtfeld opfern.“
Oxytocin – die „menschliche Kuscheldroge“, die ausgeschüttet wird, wenn wir uns sozial und geborgen fühlen – erzeugt als Nebenwirkung Abneigung gegen Fremde – bis hin zur Feind-Seligkeit (ein treffendes Wort). Im Krieg wird der Hass auf die Anderen zum Verstärker der empathischen Bindungen, die wir zu „unserem“ Kollektiv, unserem „tribe“ empfinden.
Richard Wrangham: „The Goodness Paradox – How Evolution made us Both More and Less Violent. The Strange Relationsship between Virtue and Violence in Human Evolution.“
Der Anthropologe Richard Wrangham hat den Begriff „Goodness-Paradox“ geprägt: Wir sind als Menschen grundlegend soziale Wesen, großzügige Kooperateure. Aber GERADE weil wir so empathisch sind, kann unser Emotions-System leicht umschlagen in eine Selbst-Stabilisierung durch Hass.
Die meisten Morde geschehen aus verletzter Liebe.
Wenn der Höllen-Mechanismus aus Kränkung, Größenwahn und Opfermythos einmal in Gang gesetzt ist, ist er nur sehr schwer zu stoppen. Despotische Wahnsysteme erleben allerdings immer nur ein kurze Zeit der Blüte. Dann produzieren sie eine rasende dunkle Dynamik, die ihren eigenen Untergang erzeugt.
Muss der despotische Schrecken, die dunkle Gewalt, immer bis in den millionenfachen Tod führen? In den letzten Bunker, über dem die Trümmer der Welt zusammenstürzen?
Momentan sieht es so aus.
Aber es könnte auch anders kommen.
Die Zukunft ist auf eine schmerzliche Weise offen.
Level Up oder die Verschiebung der Ebenen
Die dunkle Stimme sagt: Wir sind wieder da angekommen, wo wir schon 1914 waren. Oder 1938. Kurz vor Hiroshima. Die Geschichte dreht sich im Kreis. Es gibt keinen Fortschritt. Wir sind verloren.
Die Hoffnung sagt: Vielleicht schauen wir nur nicht genau genug hin…
Wie reimt sich die Ukraine auf Polen 1939? Putin auf Hitler? Dürfen wir das vergleichen? Wir müssen sogar. Solche Vergleiche sind aber nur sinnvoll, wenn wir nicht nur die Parallelen wahrnehmen, sondern auch das, was anders ist.
Es fehlt in diesem schrecklichen Krieg zum Beispiel der Massen-Jubel. Als die kaiserliche Armee 1914 in die Schützengräben der Westfront zog, in den ersten großen (Selbst-)Vernichtungskrieg, säumten hysterische hutschwenkende Massen die Straßen. Zu Beginn der Nazi-Feldzüge gen Osten füllten grölende Kollektive die Sportstadien. Heute ist der Rote Platz leer, verödet, geschlossen von den dunklen Schatten der Omon-Einheiten. In den russischen Medien wird der Vernichtungskrieg zu einer kontrollierbaren „Spezialoperation“ umgelogen.
Je lauter man lügen muss, desto stärker wirkt die Wahrheit.
So gut wie niemand reagiert heute mit Kriegsgeschrei. Es ist die Empathie, die überwältigend den öffentlichen Diskurs bestimmt. Die Politiker reagieren maßvoll, zweifelnd, nachdenklich, sogar mit Weisheit.
Selbst in den Gesichtern, auch aus Kiew, sieht man eher wütende Liebe, nicht Hass.
Das angeblich so gespaltene und zersplitterte Europa fand sich in derart schnellen Schritten zusammen, dass man nur staunen konnte.
Wenn etwas Furchtbares passiert,
sollte man nicht daran zweifeln,
dass es furchtbar ist.
Aber man sollte sich auch anderswo umschauen.
Was passiert gerade sonst noch?
Auf der dramatischen UN-Sicherheitssitzung vom 26. Februar hielt Martin Kimani, Kenias UN-Botschafter eine Rede, in der er die Putin-Invasion verdammte. Er wies darauf hin, dass es in ganz Afrika kein einziges Land gibt, dessen Grenzen nicht von den Kolonisatoren bestimmt wurde – von kollabierenden alten Imperien. Gerade deshalb ist das Vertrauen in eine höhere Welt-Organisation wie die UNO existentiell „for the long way we all have to go and live as people and societies“.
Kurz darauf enthielt sich die chinesische Delegation, die sonst immer mit den Russen votieren, der Stimme. Immerhin.
Eine Woche später stimmte die UN-Vollversammlung mit einer nie da gewesenen Mehrheit von 141 Stimmen gegen Russland als Aggressor.
Der Zweite Weltkrieg brachte die UNO und die anderen internationalen Instanzen – Weltbank, UNESCO usw. – in ihrer heutigen Form hervor. Wir haben uns daran gewöhnt, diese Organisationen als ohnmächtig, bürokratisch und nutzlos zu verachten. Das könnte sich nun ändern. Große Konflikte verschieben die Bezugsrahmen der Lösungen in Richtung auf eine höhere Instanz.
Letztendes entscheidet China diesen mörderischen Konflikt. Es wird sich zeigen, ob der Konfuzianismus, die Denk- und Fühlweise Chinas, für die Zukunft der Welt Gewicht hat.
Konfuzius sagt: „Über das Ziel hinausschießen ist eben so schlimm, wie nicht ans Ziel kommen.“
Konfuzius sagt auch: „Wer nicht an die Zukunft denkt, wird bald Sorgen haben.“
Die wichtigsten Siege entstehen aus Niederlagen
Es lohnt sich, wieder Machiavelli zu lesen. Oder „Die Kunst des Krieges“ des chinesischen Kriegsgelehrten Sun Tsu (5. Jahrhundert v. Chr.). Putin hat das getan. Er ist Judo-Kämpfer und war Inhaber des Schwarzen Gürtels (der ihm jetzt aberkannt wurde). Er kennt sich aus mit organisierter Gewalt.
Er hat gelernt: Der erfolgreiche Kriegsherr definiert das Schlachtfeld, auf dem er siegen will, selbst. Er täuscht den Gegner (besonders wirksam bei leichtgläubigen Gegnern). Und zieht in die Schlacht, wenn alle Bedingungen für seinen Sieg optimal sind.
Allerdings hat Putin den Juristen, Skeptiker, Philosophen und Genussmenschen Michel de Montaigne (1533 – 1592) nicht gelesen. Der formulierte vor 500 Jahren: „Es gibt Niederlagen, die triumphaler sind als Siege.“
Putin wird diesen Krieg gewinnen.
Und gleichzeitig für immer verlieren.
Die Ukrainer leisten heldenhaft Widerstand. Sie werden letztendlich der puren Vernichtungs-Gewalt nichts entgegensetzen können. Putin arbeitet mit einer Methode, die die Amerikaner früher „Shock and Awe“ nannten. Awe heißt Ehrfurcht. Das hat auch schon in Vietnam und im Irak nicht funktioniert.
Sinnvoll wäre es, heroisch zu kapitulieren und Leben zu retten. Wenn möglich, mit freiem Geleit.
Eine riesige Ukraine unter russischen Stiefeln. Das Schweigen des Grabes. Eine russische Marionettenregierung. Jeder Tag würde die Tyrannis überdeutlich sichtbar, die Lüge entlarvt, der Usurpator geschwächt.
Putin hat verstanden, dass nur asymmetrische Kriegsführung gewinnt.
Wir auch.
Farbenrevolutionen oder der Wandel der Gesellschaft
In meiner Jugend in den 70er Jahren gab es noch SIEBEN Diktaturen in Europa. In Spanien war noch Franco an der Macht und brachte Oppositionelle mit der Garrotte um (dem „Würgeeisen“), als ich als 19-Jähriger nach Portugal trampte. Und in Lissabon die Nelkenrevolution erlebte. Auf dem Largo do Carmo, dem Platz der friedlichen Revolution im Zentrum Lissabons, steckten unfassbar gutaussehende junge Frauen und Männer rote Nelken in die Gewehrläufe der Soldaten. Das Militär-Regime zerbröselte in einem phantasievollen Aufstand, und ein Aufbruch der portugiesischen Gesellschaft begann, der bis heute nachwirkt.
Wieso war es damals möglich, Diktaturen mit symbolischen Gesten und Erotik in die Knie zu zwingen, während sie sich heute mit ungeheurer Brutalität einfach halten? Eine Antwort lautet: Die Tyrannen haben gelernt. Sie müssen mit aller Macht brutal zuschlagen, bevor es für sie endgültig zu spät ist. Es ist ihr letztes Gefecht.
Der Wendepunkt, der zu diesem Krieg führte, war der Maidan, jene Revolte im Zentrum von Kiew, auf das jetzt die Lenkwaffen und Panzerkolonnen gerichtet sind. Ja, ich weiß, da waren auch Neonazis dabei. Die meine ich nicht.
Putins konzentrierter Hass richtet sich auf die sogenannten Farbenrevolutionen. Kulturelle Erhebungen, die die Gesellschaft von Innen so verändern, dass sie sozusagen despotieunfähig werden. Die Kultur der Vielfalt und Toleranz, der individualisierten Gemeinschaft, ist der Wald, der unaufhörlich auf die Festungen der Tyrannen vorrückt. Wie heißt das so schön in Shakespeares Macbeth? Bote:
Als ich auf meinem Posten stand am Hügel,
Sah ich nach Birnam, und da däuchte mir,
Als ob der Wald anfing sich zu bewegen. Macbeth (fasst ihn wütend an):
Du Lügner und verdammter Bösewicht! Bote:
Herr, laßt mich Euren ganzen Grimm erfahren,
Wenn’s nicht so ist. Auf Meilenweite könnt Ihr ihn
Selbst kommen sehen. Wie ich sage, Herr!
Ein Wald, der wandelt! Macbeth:
Winkt ab, wendet sich ab.
Der Wald, der wandelt – das ist die Freiheit, die Vielfalt, die Ökologie. Die Nichtgewalt. Für eine neue russische Generation wird das Digitale, das Ökologische und Kreative, wichtiger sein als der nachträgliche Rache-Sieg im großen vaterländischen Krieg. Das weiß Putin, und deshalb muss er sich beeilen. Es entsteht eine Generation, die sich nicht mehr zum Marschieren und zur Gesellschaft der Arbeitslage eignet. Sein totalitärer Terror ist die Torschlusspanik vor jener Transformation, die auch die russische Gesellschaft verwandeln wird.
Früher oder später.
So, wie es aussieht: leider später.
In der jetzigen Situation brauchen wir Weisheit. Auch Lang-mut ist ein schönes Wort. Weisheit könnte zum Beispiel darin bestehen, die NATO aufzulösen. Nein, nicht im Sinne von Kapitulation. Sondern nach vorne, im Sinne eines neuen „frames“. Die Nato geht in ein neues weltweites Widerstands-Bündnis gegen Despotie, Diktatur und Tyrannei auf. The Human Force. Eine Allianz, die nicht mehr „westlich“ ist. Sondern östlich UND südlich UND nördlich. Global eben.
Entwaffnende Weisheit wäre, wenn Amerika seine eigenen interventionistischen Fehler öffentlich bereuen oder bedauern könnte.
Könnte es sein, dass dieser Krieg die Umweltbewegung, die postfossile Transformation, nicht schwächt sondern stärkt? Putin beendet das Ölzeitalter, indem er es auf seinen zerstörerischen Kern bringt. Der Putinismus führt die letzte Schlacht der Ära von Eisen, Öl und Kanonen, von formierbaren Massengesellschaften und Manipulationen, in denen Menschen nur Marionetten sind, Informationshülsen, die man nach Belieben „befüllen“ kann.
Wir brauchen jetzt Wasserstoff und Millionen Solaranlagen, schon allein um am Leben zu bleiben.
Könnte es sein, dass Putins Wahn den Trumpismus (den Orbanismus, LePenismus, den wahren Kern des rechten Populismus) endgültig decodiert hat?
Alles schön gedacht, sagt die Angst. Aber dadurch endet der Terror nicht, die Gewalt wird nicht gestoppt.
Mal sehen, sagt die Zuversicht. Manchmal geht die Zukunft verschlungene Wege.
Optimismus ist nicht, wie das oft missverstanden wird, einfach der Glaube daran, „dass alles gut wird“. Wahrer Optimismus entsteht, wenn wir durch Verzweiflung und Ohnmacht hindurchgehen. Und am anderen Ende verwandelt herauskommen.
Eine wunderbare Definition von erwachsenen Optimismus stammt von Václav Havel, der gerade in Tschechien eine Renaissance erlebt:
„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“
Viktor Frankl, der Philosoph und Psychiater, der das KZ überlebte und danach eine neue Schule der konstruktiven SINN-Psychologie gründete, formulierte:
„Wenn wir nicht mehr dazu in der Lage sind, eine Situation zu verändern, dann besteht die Herausforderung darin, uns selber zu verändern.“
Die Kräfte der Zukunft
Was also ist die Gegenkraft zur Angst, mit der uns die Tyrannei besiegen und in die dunkle Vergangenheit zurückzwingen will? Überall dort, wo Menschen den Terror und die Gewalt überwinden, sind es fünf menschliche Kräfte, die den Ausschlag geben:
Die Wut kann Wunder wirken. Wenn sie sich vom Hass fernhält (was manchmal schwer ist) und sich nicht in Selbstverachtung verliert.
Die Beschämung verbindet die Opfer der Gewalt mit denen, die helfen können. Wir schämen uns, dass wir im Warmen, Komfortablen, Demokratischen sitzen, während in der Ukraine Hunderttausende in Kellern verharren müssen. Wir schämen uns, wenn wir ein Herz haben, inzwischen für unseren weinerlichen Pessimismus, unsere Angst vor lauter unsinnigem Quatsch, wie Impfstiche oder Laktoseintoleranzen. Unsere bequeme Art, immer nur gegen irgendwas zu sein, enttarnt sich als eine Art Dekadenz. Beschämung berührt unser solidarisches Herz. Und sorgt dafür, dass sich immer mehr Menschen verbünden, bis der Wald zu wandern beginnt.
Die Verachtung trifft den Tyrannen wie ein Fluch, weil sie ihm klarmacht, dass seine wahre Sehnsucht, nämlich geliebt und verherrlicht zu werden, nicht in Erfüllung gehen wird. Er ahnt, dass ihn alle sofort verlassen und verraten werden, wenn sie die Furcht verlieren. Verfluchung kann, wie wir aus dem Voodoo wissen, unheimlich wirksam sein: eine Fernwaffe mit erheblicher Reichweite auch in der modernen Welt.
Die Vernunft setzt dem mörderischen Tyrannen die Kräfte des menschlichen Geistes entgegen, die Fähigkeit, die verschlungenen Zusammenhänge der Welt zu erkennen. Die Vernunft schützt den Geist vor der Regression ins Abgründige, Bösartige, in die Hybris. Sie ist eine scharfe Waffe gegen die Lüge. Vernunft führt, verbunden mit Hoffnung, zur Wahrheit.
Die Hoffnung ist schließlich das, was der Tyrann am meisten fürchtet. Er muss die Hoffnung um jeden Preis brechen, aber das gelingt ihm nie. Weil die Tyrannei selbst hoffnungslos ist, gespeist aus der Panik, nicht groß, nicht grandios, nicht gewalttätig genug zu sein, um die Welt vollkommen zu beherrschen. Die Resistenz der Hoffnung bringt den Tyrannen zur Raserei, die ihn schließlich zu Fall bringt.
So viel Wut, Beschämung, Verachtung, Vernunft und Hoffnung war nie. Man spürt sie in den Fernsehbildern, in den Interviews mit gelassenen Ukrainern, die sich russischen Soldaten in den Weg stellen, in Selenskyjs und Klitschkos Reden, in den Szenen an den Bahnhöfen, an denen die Flüchtlinge ankommen, in der Kraft der Frauen, im Mut der russischen Friedensdemonstranten. Und auch in den Treffen der Politiker der demokratischen Welt. Wut, Beschämung, Verachtung, Verstand und Hoffnung (plus Liebe plus Humor) bilden zusammen die menschliche Zukunfts-Energie. Ein selbstverstärkendes System, das auch den kältesten, brutalsten, zähesten Diktator zu Fall bringt.
Und dabei Zukunft erschafft.
Siehe auch die Arbeit von Roger Petersen vom Massachusetts Institute of Technology über Konflikt und emotionalen Widerstand, zitiert in SZ vom 7. 3.2022, Andrian Kreye, „Du sollst Angst haben – was tun mit den dystopischen Bildern und Botschaften aus dem Krieg?”
When the aliens attack, the whole world joins forces – as Ronald Reagan once said. That has now happened. Wladimir Putin’s attack on Ukraine is so arbitrary, so cynical, that it can only be described as extra-terrestrial. We all watch in horror as a worldview that is not even remotely sustainable tries to return. An invasion of Europe – as if history were playing tricks on us. A worldview like Putin’s can only find the future in the past because it lacks any vision. Paradoxically, this regression will take us further forward.
Why were we complaining about rifts in our society, how big the divisions were just a few days ago? Suddenly we realize how trivial our apparent conflicts and social separation were. The world of the past, which we occasionally nostalgically cherish, now shows why it should be overcome. This world won’t come back, the rest of the planet has come too far for that. Reacting to such a heinous act with harshness, calm and solidarity is a testament to historical maturity and greatness. Thank you, Putin. You showed us that the future is not in the past.
You have helped to accelerate the trends towards renewable energies. We won’t get it wrong with Russian gas again.
You were instrumental in keeping the Trumps and their friends at bay. We can see very clearly what comes out of lies, media manipulation and nationalist nonsense.
You made it clear to us how pointless our stupid Corona disputes really were. And you are helping us to overcome European quarrels. Among other things, we can finally show our generosity and true solidarity with a large wave of refugees.
Thank you, Putin. You made it clear to us that there is much more that unites us than divides us. An alien from the past brings us back together – almost poetic, if it weren’t so tragic.
(Published in slightly abbreviated form in the Kronen-Zeitung, February 28, 2022)
Wenn die Aliens angreifen, verbündet sich die ganze Welt – so sagte es einst Ronald Reagan. Das ist nun geschehen. Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine ist so arbiträr, so zynisch, dass man ihn nur als außerirdisch bezeichnen kann. Mit Entsetzen müssen wir alle zusehen, wie eine Weltsicht, die nicht einmal im entferntesten zukunftsfähig ist, versucht, zurückzukehren. Eine Invasion in Europa – als würde uns die Geschichte einen Streich spielen. Eine Weltanschauung wie die Putins kann die Zukunft nur in der Vergangenheit finden, denn ihr fehlt es an jeglicher Vision. Paradoxerweise wird diese Regression uns weiter nach vorne bringen.
Was haben wir uns doch über die Gräben in unserer Gesellschaft beschwert, wie schlimm war die Spaltung doch noch vor ein paar Tagen? Auf einmal wird uns wieder bewusst, wie belanglos unsere Scheinkonflikte und gesellschaftliche Trennung waren. Die Welt der Vergangenheit, die wir doch gelegentlich nostalgisch so emporheben, zeigt nun, weswegen sie zu verwerfen ist. Diese Welt kommt so nicht wieder, dazu ist der Rest des Planeten zu erwachsen geworden. Mit Härte, Ruhe und Solidarität auf so einen abscheulichen Akt zu reagieren, das zeugt schon von historischer Reife und Größe. Danke Putin. Du hast uns gezeigt, dass die Zukunft nicht in der Vergangenheit liegt.
Du hast mitgeholfen, dass sich die Trends in Richtung erneuerbare Energien kräftig beschleunigen. Demnächst wird auf jedem Haus ein Sonnenkollektor prangen, und Wasserstoff ist das wahre Ding – das mit dem russischen Gas machen wir nicht nochmal falsch.
Du hast entscheidend dazu beigetragen, uns die Trumps und ihre Freunde vom Leib zu halten. Man sieht ja überdeutlich, was aus Lügen, Medienmanipulation und nationalistischem Geschwurbel herauskommt.
Du hast uns klargemacht, wie sinnlos unsere blödsinnigen Corona-Streitereien in Wirklichkeit waren. Und du hilfst uns kräftig dabei, die europäischen Streitereien zu überwinden. Unter anderem dadurch, dass wir uns endlich großzügig und wahrhaft solidarisch gegenüber einer großen Flüchtlingswelle zeigen können.
Danke, Putin. Du hast uns klargemacht, dass uns weitaus mehr eint, als uns trennt. Ein Alien aus der Vergangenheit führt uns wieder zusammen – fast schon poetisch, wenn es nicht so tragisch wäre.
(veröffentlicht in leicht gekürzter Form in der Kronen-Zeitung, 28.2.2022)
zum Fast-Frühlingsbeginn möchten wir Ihnen einmal keine Analyse des derzeit verwickelten Weltgeschehens schicken, sondern Ihre Aufmerksamkeit auf eine Branche richten, die auf dem Radar unsere Wahrnehmungen sonst gar nicht vorkommt, obwohl sie äußerst zukunfts-wichtig ist. Dynamische Sozialunternehmen sind Unternehmen, die im menschlichen Miteinander innovative Antworten und Geschäftsmodelle suchen und finden, statt Problem-lagen zu verwalten. Vor dreißig Jahren gründete unsere Freundin Gisela Erler das Unter¬nehmen Familienservice.
Im Kern geht es um Fragen der Work-Life-Integration in allen Schattierungen: Alltags¬Services für Firmen und Familien, für Alte und Junge und Anders-gebliebene. Heute hat Familienservice 2000 Mitarbeiter an 70 Stadtorten und ist ein blühendes und außergewöhnliches Netzwerk-Unternehmen mit hoher Kreativität. Nur ein Beispiel: Familienservice hat eine witzige und konstruktive Kampagne in Leben gerufen, bei der es um talentierte und qualifizierte Frauen mit Übergewicht geht, die sich oft keine Karriere zutrauen.
Die Recruiting-Kampagne ignoriert entspannt alle Verkrampfungen des Themas:
Wir bieten in unseren Standorten und Einrichtungen bundesweit Jobs für:
Zwergenbändiger
Pflegegurus
Hauswirtschaftsperlen
Office-Allroundtalente
Lebenscoaches
IT-Nerds …und viele mehr.
DICK IM GESCHÄFT! Neue Herausforderung gesucht?
Nun feiert die Familien-Service 30. Jubiläum. Mit der Konferenz WOMANOMICS und einem Sonderprogramm von der Zugspitze. Am 8. März mittags geht das Programm online – kostenlos für jederfrau und jedermann: www.familienservice.de/web/pme-akademie/gk/womanomics
Derzeit werde ich oft gefragt, ob Corona die Gesellschaft nicht endgültig gespalten hat. Und ob durch diesen Spalt nicht ein Abgrund sichtbar wird, in den die Demokratie früher oder später hineinfallen muss.
Mir fällt angesichts dieser Befürchtung die rebellische Zeit meiner Jugend ein. In den späten 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts war die (west)deutsche Gesellschaft in einer Weise polarisiert, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. In meiner Heimatstadt Frankfurt war damals jeden Samstag Straßenschlacht, und es gab ein ausuferndes Milieu von hunderten von Gruppen und Grüppchen, die die wildesten Theorien und Verschwörungsmythen vertraten – bis hin zu militärisch ausgerüsteten kommunistischen Kader-Truppen. In fast jeder Familie tobte ein existentieller Kampf, der immer ums GANZE ging. Um das traumatische Erbe der Nazi-Zeit. Um Autonomie und Freiheit. Um Träume und Sehnsüchte nach einem anderen Leben. Die Jugendrebellionen in Paris, Berlin, Rom und Amerika wuchsen sich zu regelrechten Umsturzbewegungen aus: In Frankreich wurde der Notstand ausgerufen, in den USA schoss die Nationalgarde auf langhaarige Demonstranten.
Eine alternative Zeitung, die damals Furore machte, hieß „WIR WOLLEN ALLES“!
Diese spannungsreiche Zeit, die sich zeitweise wie eine Vorstufe zum Bürgerkrieg anfühlte, endete 1977 im „Deutschen Herbst“, als der harte Kern der deutschen RAF-Terroristen sich im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim selbst exekutierte. Und es dabei so aussehen ließ, als seien die Kämpfer gegen das kapitalistische System vom „Schweinestaat“ exekutiert worden.
Erstaunlicherweise entstand nach diesem alptraumhaften Finale weder ein faschistisches Regime (wie viele fürchteten) noch das totale Chaos. Es begann vielmehr eine Epoche der Öffnung. Die Rebellen von einst, die vielen Sinn- und Selbstsucher, machten sich auf den Weg in die Mitte der Gesellschaft. Die Institutionen veränderten sich ebenso wie die Werte. Die Grünen wurden gegründet. Die Gesellschaft wurde vielfältiger, toleranter, globaler, diskursfähiger. Ein moderner Gesellschaftstypus entstand. Diese sanfte Versöhnung mündete schließlich in den Euphorien des Mauerfalls von 1989. Wind of Change.
Wie heißt das so schön?
Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie neigt dazu, sich zu reimen (Mark Twain).
Inwieweit ist unsere Gesellschaft heute tatsächlich „gespalten“? Über diese Frage hat die Demokratie-Initiativgruppe „More in Common“ im Jahr 2019 eine aufschlussreiche Studie veröffentlicht, die kaum den Weg in die Öffentlichkeit fand. www.dieandereteilung.de
In Tiefen-Interviews mit 4000 Deutschen bildeten sich sechs Mentalitäts-Milieus heraus, eine Art „Emotiogramm“ der Gesellschaft:
Die Offenen (16 Prozent): In dieser Gruppe geht es um Selbstentfaltung, Weltoffenheit, kritisches Denken, idealistische und individualistische Lebensentwürfe.
Die Involvierten (17 Prozent): Engagierte Bürger, die das Miteinander und die Verteidigung von Errungenschaften schätzen.
Die Etablierten (17 Prozent): Ein Milieu der Zufriedenheit, des materiellen Erfolges, die auf Verlässlichkeit und gesellschaftlichen Frieden den höchsten Wert legen.
Die Pragmatischen (16 Prozent): Das erfolgsorientierte Milieu, in dem privates Fortkommen, Selbstverwirklichung und materielle Werte im Vordergrund stehen.
Die Enttäuschten (14 Prozent): Menschen, die über verlorene Gemeinschaft, Einsamkeit sowie fehlende Wertschätzung und Gerechtigkeit klagen.
Die Wütenden (19 Prozent): Sehnsucht nach nationaler Ordnung, kombiniert mit Systemschelte, Misstrauen und Aggressionsbereitschaft
Zu welcher Gruppen fühlen SIE sich zugehörig? Man kann sich darum streiten, wie präzise solche Einteilungen sein können; natürlich gibt es Unschärfen, Überschneidungen. Man kann wütend UND etabliert sein, enttäuscht und involviert gleichzeitig. Und Corona hat diese Einteilungen wahrscheinlich verschoben. Aber dieses Panoptikum schildert unsere Gesellschaft womöglich präziser als die alten Einteilungen im Stil der Sinus-Milieus.
Wir leben in einer Art Emotokratie, in der Weltgefühle immer wichtiger werden – quer zu den alten Schichten. Immer wenn man versucht, mit anderen, unbekannten Menschen ins Gespräch zu kommen, geht es eigentlich nicht um Themen oder „Inhalte“. Sondern um Befindlichkeiten. Stimmungen. Raus damit!
Ist unsere Gesellschaft emotional „gespalten“? Sie ist eher fraktalisiert, zerfasert in viele verschiedene Wahrnehmungsmuster, die durch das Internet ausgelesen und verstärkt werden. Es gibt keine klare Trennungslinie in der Mitte – wie in den USA, wo man von einem Riss QUER durch die Gesellschaft sprechen kann.
Ist diese Gesellschaft „kaputter“ als früher? Keinesfalls. „Früher“ waren die Schrecklichkeiten nur verborgen hinter Schein-Heilheiten. Siehe Kirchenmissbrauch. Und immer schon gab es jene Gruppe, die die More-in-Common-Studie „Das unsichtbare Drittel“ nennt. Menschen, die den Anschluss verloren haben. Die sich ungesehen und ungewürdigt fühlen. Die unter inneren Kränkungen leiden – und diese dann in Zorn und Schwurbel nach außen richten.
Der Konfusionismus
Allerdings hat sich etwas in der politischen Matrix geändert, die die Energien der Gesellschaft ordnen und absorbieren kann. Wir sind es gewohnt, Politik auf einer schnurgeraden Achse von links nach rechts zu sortieren. Rechts und konservativ steht für tradierte Bindungs-Werte, nationales Bewusstsein, Ruhe und Ordnung, Marktprimat. Links für Umverteilung, Toleranz und übergreifende Solidarität. Rechte sind für den Ordnungsstaat, der sich auf seine administrativen Aufgaben beschränkt. Linke für den Versorgungsstaat, den guten, regelnden Staat.
Ursprünglich entstand diese Achse aus der Sitzordnung des französischen Parlaments nach der Revolution von 1789. Jahrhunderte hat sie sich in unsere Denk-Muster eingefräst und die politische Grammatik bestimmt, in ständig wechselnden Machtphasen. Aber dabei ist sie immer unsinniger geworden. Philippe Corcuff, ein französischer Politikwissenschaftler, hat den Begriff des politischen KONFUSIONISMUS geprägt. Phillippe Corcuff, „La grande confusion: Comment l’extrême-droite gagne la bataille des idées“, textuel 2021
Damit ist eine heillose Verwirrung, die Verschwurbelung der Links-Rechts-Achse gemeint, die wir seit vielen Jahren spüren können.
Die sozialdemokratische dänische Regierung führt »Ghetto-Quoten« ein und will die Zahl von Asylbewerbern auf Null reduzieren. Rechte Parteien marschieren im Namen von Freiheits-Parolen auf und üben sich in provokativen Sponti-Aktionen. Die linken WOKE-Bewegungen setzen derweil auf eine Politik der moralischen Normen. Rechte Autoritäre entdecken den großen Umverteilungs-Sozialstaat neu, der alle Lebenslagen abpolstern soll. Die Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht zieht mit ihrem Brandbuch „Die Selbstgerechten“ gegen die „pseudoprogressiven urbanen Mittelschichten“ zu Felde – und betreibt kulturelle Spaltung in ihrem eigenen politischen Lager. Protestparteien wie die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien zeigen, wie sehr Formen des Populismus ins linke Protestlager hinübergewandert sind – oder umgekehrt?
Linke wirken plötzlich hoffnungslos konservativ.
Und Rechte platzen vor rebellischem Eifer.
Das traditionelle politische System franst in der Mitte aus – und berührt sich an den Extremen.
Warum ist das plötzlich alles so verwirrend? Ein Grund ist die enorme Komplexität der Gesellschaft, die nicht mehr aus Klassen, Schichten und stabilen Milieus besteht, sondern mehr und mehr aus Informationsströmen, Gefühlsstürmen, marodierenden Memen. Die alten Rechts-Links-Ideologien geraten so in ein Komplexitäts-Defizit. Die Konservativen wissen nicht mehr, was sie eigentlich bewahren wollen. Und die Linken finden keine Möglichkeiten für Vergesellschaftungen mehr. Die gesellschaftlichen Systeme scheinen nicht mehr zueinander zu passen. Der Soziologe Armin Nassehi schreibt in seinem Buch („Unbehagen: Theorie der überforderten Gesellschaft“, S. 311):
„Märkte sind zwar grandiose Problemlöser, aber sie produzieren auch Probleme und viele Produkte, die nur der Markt braucht. Die Demokratie ist eine geniale Form der Entscheidungsfindung, aber die Leute wählen bisweilen auch die falschen Lösungen. Wissenschaft ist unfassbar leistungsfähig, kann aber die Erwartungen nach eindeutigen Lösungen gerade deshalb nicht stillen. Das Recht kann alles Mögliche normativ regeln, aber eben nur im Rahmen eines konsistenten Zusammenspiels garantieren. Bildung bringt Wissen unter die Leute, aber mehr Bildung erzeugt auch mehr Widerspruch.“
Dieses Komplexitätsdefizit der Politik bildet das Einfallstor für den bösartigen Populismus, der ein Gegenangebot aus vier Retro-Trends macht:
Die Sehnsucht nach einem starken, entscheidungsfähigen Mann.
Die Verbindung von rebellischen und „tribal“-kollektivistischen Elementen („Wir sind das Volk!“).
Die Mobilisierung von aggressiven Emotionen im Rahmen von Verschwörungs- und Feindbildungen.
Die Sehnsucht nach einem Identifikationsrahmen in einer überkomplexen Welt: der idealisierten Nation.
Es ist kein Wunder, dass der nationale Populismus so erfolgreich ist. Aber ist er auch unbesiegbar? Oder unvermeidlich?
Der Peak des Populismus
Zu jedem Trend existiert ein Gegentrend, der ihn in seinen Grenzen sichtbar macht. Allerdings nimmt man diesen Trend oft gar nicht richtig wahr, weil man wie ein Kaninchen auf die Schlange auf den „gefährlichen“ Trend starrt. In den USA verlor Donald Trump die Wiederwahl. In Tschechien flog Andrej Babiš aus dem Präsidentenamt. In Israel Benjamin Netanjahu. Boris Johnson wankt seiner eigenen Karikatur entgegen. In Chile unterlag der Bolsonaro-Freund José Antonio Kast dem Gabriel Boric. In Österreich wurde ein sehr begabter Populist, Sebastian Kurz, mitten aus dem fliegenden Lauf geholt, nachdem zuvor die sehr erfolgreichen Rechtspopulisten der FPÖ in Ibiza strandeten. In einer Studie der University of Cambridge über die politischen Folgen der Coronakrise zeigte sich, dass die Populisten zwischen 2020 und Ende 2021 weltweit im Schnitt 10 Prozent an Zustimmung verloren haben – besonders in den bisher benachteiligten Regionen. Die Cambridge-Studie behauptet nicht, dass der Populismus „vorbei“ sei. Aber ihr Titel lautet „The Great Reset“ . https://www.bennettinstitute.cam.ac.uk
Obwohl es in der medialen Darstellung immer so aussieht, haben viele Länder in der Corona-Krise keine Spaltung, sondern eher eine innere Reformierung erlebt. Italien war VOR Corona tief gespalten und polarisiert. Und erlebt heute eine erstaunliche Selbsterstarkung in Richtung eines neuen Konsens. Portugal erlebte in Corona-Zeiten eine Zeit starken Selbstbewusstseins (mit dem sozialdemokratischen Premier António Costa). In Spanien kam es in der Frühphase der Pandemie zu harten Konflikten zwischen traditionellen Lager-Parteien – heute spielen diese weniger ein Rolle.
Die konstruktiven Koalitionen
In vielen westlichen Parteisystemen entwickelte sich in den letzten Jahren ein interessantes Phänomen, das die parlamentarische Demokratie verändern könnte: die Entstehung von MULTI-KOALITIONEN.
Diese Vielfalts-Koalitionen bestehen aus mehreren kleinen Parteien, die scheinbar nicht das Geringste miteinander zu tun haben. Sie repräsentieren verschiedene Lebenswelten und Befindlichkeiten der Gesellschaft, die sich kaum noch in der alten Lagerordnung verorten lassen. Dazu gehören Protest-Parteien, Milieu-Parteien, auch Parteien neuen Typs, die bestimmte Widersprüche vereinen wollen, etwa die Neos in Österreich. Oder die Europa-Partei VOLT, die ein europäisches Best-practise-Modell vorschlägt: Man nehme das Pensionssystem von Österreich, die Kinderbetreuung von Frankreich, das Digital-System von Lettland, das Gesundheitssystem von Dänemark …
Deutschland: Grüne, Liberale, Sozialdemokraten – die „Ampel“.
Niederlande: Rechtsliberale, Linksliberale, Christdemokraten, Christen-Union – alles in einem Paket.
Italien: Movimento 5 Stelle, Partito Democratico, Italia Viva, Articolo 1, Lega, Forza Italia – eine superbunte Koalition beinhaltet 70 Prozent des gesamten Parteienspektrums, im Rahmen einer Expertenregierung um Mario Draghi, die die alten Spaltungen einfach ignoriert.
Schweiz: Hier gibt es schon immer ein Dauer-Konkordat: Alle Parteien, die ins Parlament gewählt werden, stellen zusammen die Regierung. Demokratische Reibungsenergie entsteht eher in der Achse Zentralstaat/Kantone/Gemeinden. Populisten spielen auch in diesem System eine Rolle, haben jedoch keine putschistische Strategieoption.
Ungarn, Polen, Israel: Man kann den reaktionären Populismus nicht dadurch bekämpfen, indem man ihn frontal angreift. Das macht ihn immer nur stärker, wie das Großexperiment Trump gezeigt hat. Man kann sich aber auf breiter Ebene gegen den Populismus verbünden. Dazu bilden sich derzeit neue Allianzen zwischen progressiven Bürgermeistern, kleineren Milieuparteien und klassischen Protestparteien.
In den eher präsidialen Demokratien sind gleichzeitig neue Politikertypen und Politikformen entstanden – wie der „Macronismus“ in Frankreich und Trudeau in Kanada. Prinzipiell können solche „Integralisten“ der Politik aus dem konservativen, dem linken oder dem liberalen Spektrum kommen – es spielt keine große Rolle mehr. Der neue peruanische Präsident Pedro Castillo vertritt ein konservatives Programm, stammt aber aus einer linken Basis-Bewegung. In Chile kombiniert der junge Präsident Gabriel Boric eine eher marktorientierte Wirtschaftspolitik mit einer fortschrittlichen Gesellschaftspolitik – gestützt durch große gesellschaftliche Vielfalt (14 Frauen und 10 Männer und alle Minderheiten sind im neuen Kabinett vertreten).
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Die Zukunft der Politik könnte statt von PARTEIEN, die abwechselnd um die Macht kämpfen, von ALLIANZEN geprägt werden, die sich mit der Gesellschaft auf vielschichtige Weise verbinden.
Interessant ist diese Entwicklung, weil es sich dabei keineswegs nur um „Notlösungen“ handelt. Es bildet sich vielmehr ein neues politisches Muster, das die Veränderungen der Gesellschaft abbildet und die alten Links-Rechts-Muster aufzulösen beginnt. KONSTRUKTIV sind diese Koalitionen, weil sie Politik neu KONSTRUIEREN müssen – jenseits der ideologischen Raster der Industriegesellschaft. Kompromisse, wie sie etwa in großen Koalitionen herrschen, würden nicht reichen. In Multikoalitionen müssen Parteien auch über ihre eigenen Dogmen hinauswachsen. Es geht darum, neue Balancen des Gesellschaftlichen, Ökonomischen und Sozialen zu entwickeln. Statt am alten Entweder-Oder orientiert sich die „fraktale“ Politik an einer neuen Achse: der
Wege der De-polarisierung
Wie könnte es möglich werden, die Demokratie aus ihrem zentrifugalen SPIN zu befreien – und sie wieder zu DE-POLARISIEREN?
Konstruktive Zukunfts-Politik benötigt erstens eine neue, nüchterne Distanz zu jenem System, mit dem sie bislang symbiotisch verbunden war: der Mediasphäre. Medien – von online bis offline und wieder zurück – sind heute größtenteils Teil der Polarisierungmaschine geworden. Auch die seriösen Medien können kaum noch dem „Dringlichkeitswettrüsten“ (Jenny Odell) ausweichen, das die öffentliche Sphäre in eine Eskalationsspirale aus Erregungen und Befürchtungen verwandelt. Das hyper-mediale System schafft Misstrauen, skandalisiert jede Kleinigkeit, inszeniert Meinungskriege, verhöhnt und erniedrigt Politiker, macht sie zu Hampelmännern in Verhör-Talkshows und konfrontiert sie rund um die Uhr mit unerfüllbaren paradoxen Forderungen.
Zweitens muss eine Politik der De-Polarisierung sich ehrlich machen, indem sie die Grenzen der Wirksamkeit von Politik klarstellt. Demokratie wird zunehmend als eine Art riesiger Service-Betrieb wahrgenommen, der MIR gefälligst alles zu erlauben und zu garantieren hat! Sonst werde ich SEHR wütend! Neo-Politik muss dieser Anmaßung gegenübertreten, indem sie darauf verweist, dass Politik aus Vermittlung besteht. Und nichts lösen kann, was nicht AUCH in der Sphäre der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Kultur gelöst wird.
Drittens benötigt ent-polarisierende Politik moralische Abrüstung, verbunden mit einem neuen Pragmatismus. Der Empörismus, also die reflexhafte Verdammung von allem und jedem, ist an seinem Ende angelangt. Es ist Zeit, sich vom STREIT als Grundmodus zu verabschieden. Politik jenseits der binären Rechts-Links-Logik ist SYSTEMISCHE Politik.
Tanzende Politik.
Politik der Synthesen und Verbindungen.
Politik der Zusammenhänge.
Für all das braucht es eine neue Sprache. Eine neue Art und Weise, politisch zu denken und zu kommunizieren. Wie Robert Habeck es ausdrückt: „Es könnte sein, dass der Andere auch recht hat!“ Dazu gehört, Entscheidungen in der Gesellschaft reifen zu lassen, sie zu begleiten und zu moderieren, auch in und durch Konflikte. Und ja: Machterhaltung spielt eine Rolle. Leicht wird das nicht. Aber manchmal ist das Komplexe einfacher als das simple Alte.
Depolarisierendes Sprechen
Seit fünf Jahren veranstaltet die Hamburger ZEIT das Dialog-Format „Deutschland spricht“ (bzw. „Europa spricht“). Dabei werden Menschen aus völlig verschiedenen politischen Weltanschauungen miteinander an einen Tisch gesetzt. Tausende von Teilnehmern haben dieses Abenteuer schon gewagt. Und erfahren dabei Verblüffendes – über sich selbst und andere. Mittlerweile gibt es solche Initiativen der konstruktiven Mikro-Kommunikation in vielen Ländern. Gesellschaftsübergreifende Dialogformate werden zu einer richtigen Bewegung.
Zufallsbürger als Zukunfts-Bürger
Demokratie braucht wie alle menschlichen Organisations-Systeme von Zeit zu Zeit ein upgrade. Neben institutionellen Reformen sind neue Formen der Bürgerbeteiligung dringlich. Dabei hat sich eine Grundregel herausgestellt: Wer nur die Wütenden und Empörten zu Wort (zum männlichen Gebrüll) kommen lässt, verschärft die Polarisierung. Aber es gibt inzwischen erprobte Konzepte aktiver Bürgerdemokratie, wie etwa das Konzept „Zufallsbürger“ (siehe das Interview mit Gisela Erler am Ende dieses Textes).
Transformative Prozess-Organisation
Ein Beispiel (von vielen) für einen de-polarisierenden Transformationsprozess stammt aus Irland. In der Finanzkrise um 2009 spitzte sich eine Gesellschaftskrise zu, die das Land zu zerreißen drohte. Die alteingesessenen katholischen Milieus verhakten sich mit den global-urbanen Kulturen, die auf der Insel Einzug gehalten hatten. Doch innerhalb weniger Jahre machte das Land einen erstaunlichen Sprung in eine moderne Demokratiekultur. Eine große Rolle spielten dabei breitflächige Town-Hall-Meetings, in denen Bürger über Rechte und Verbindlichkeiten, Gesetze und Reformen diskutierten. Für viele Jahre hatte Irland dann einen sehr beliebten, offen homosexuellen Ministerpräsidenten, Leo Varadkar. „Managing Transformation“-Prozesse haben sich auch in vielen anderen Ländern bewährt, um die Zentrifugalkräfte der Gesellschaft zu zähmen (etwa in den Verfassungs-Reformen in Chile und Island).
Ein neues Zukunftsbild
Konstruktive Politik handelt von einem klugen Umgang mit „Visionen“. Ein Beispiel ist das Zukunfts-Glücksmodell von Ha Vinh Tho. Ha Vinh Tho, „Der Glücksstandard: Wie wir Bhutans Bruttonationalglück praktisch umsetzen können“
Vinh Tho, als Sohn eines vietnamesischen Diplomaten und einer französischen Mutter in Paris aufgewachsen, war von 2012 bis 2018 Direktor des Glücksnational-Projektes von Bhutan (GNP). Als einziges Land der Erde hat der Himalaya-Staat einen „Wellbeing-Index“ als Steuerungsinstrument für die Politik eingeführt, der das Bruttosozialprodukt ergänzt. Heute arbeitet er an einer Erweiterung dieser Idee für Unternehmen, Institutionen und andere Länder der Welt.
Antipopulistischer Widerstand
Es ist auf Dauer mühsam, denjenigen hinterherzulaufen, die ihre inneren Ängste mit Wut verwechseln – sie „mitzunehmen“, sie „abholen zu wollen“, führt an irgendeinem Punkt ins Absurde. Angstgetriebene Menschen zu beschimpfen ist jedoch ebenso sinnlos wie kontraproduktiv. Manchmal ist es aber schlicht notwendig, dem hysterischen Zorn eine klare Position gegenüberzustellen. Und von einer schweigenden zu einer deutlichen Mehrheit zu werden.
Ein kleines, natürlich unzureichendes Beispiel: In der 38.000-Menschen Gemeinde Freiberg in Sachsen haben „Corona-Gegner“ die üblichen mental-sozialen Verwüstungen durch monatelange „Wir-sind-das-Volk“-Demonstrationen angerichtet. Eine lokale Initiativgruppe um den Bürgermeister reagierte mit einer Gegeninitiative, in der sich Bürger, Firmen und Bildungsinstitutionen organisierten. Grundaussage: Nur 2 Prozent der Freiberger demonstrieren, halten aber 98 Prozent der Stadt in einer Art Geiselhaft. In der Initiative #wir-lieben-freiberg stellten die Bürger mit witzigen Plakaten klar, wohin die überwiegende Mehrheit der Bürger tendiert.
Ein wichtiger Fokus der De-Polarisierung liegt in lokalen, kommunalen Politikformen. Im Rahmen einer Stadt oder Gemeinde ist „Politik als Beziehung“ viel leichter zu realisieren. Allerdings braucht es dazu (Bürger-) MeisterInnen des Kommunikationsdesigns. In Deutschland bekannt wurde Claus Ruhe Madse, der Bürgermeister von Rostock, der die Stadt mit konstruktivem Geist durch die Corona-Zeit führte. Auch der grüne „Skandal“-Bürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, steht trotz seines Hangs zur Provokation für eine de-polarisierende Strategie. Auf der großstädtischen Ebene haben sich Anne Hidalgo in Paris, oder Claudia López Hernández in Kolumbiens Hauptstadt Bogota als Transformations-Politikerinnen neuen Typs bewährt. Ein weiteres Beispiel stammt aus dem 90.000-Einwohner-Stadt Mechelen in Belgien. Der Bürgermeister Bart Somers – er stammt aus dem christdemokratischen Lager – vermochte es, eine Stadt, die an innerer Spaltung zu scheitern drohte, im Sinne einer aktiven Visionspolitik „umzudrehen“. Er nutzte dazu eine Doppelstrategie von „Pflichten und Verbindlichkeiten“, in der sich sowohl traditionelle Einwohner als auch Zuwanderer zu gegenseitigen Kooperationen verpflichteten. www.derstandard.at/story
Rechter Populismus lebt davon, dass er jedes positive Gefühl aus den Menschen absaugt wie die Dementoren in Harry Potter-Romanen. Er will die Gesellschaft derart in Furcht versetzen, dass sie aufhört, sich gegen die Bösartigkeit zu wehren.
Aber die Geschichte wiederholt sich nicht.
AUCH wenn sie dazu neigt, sich zu reimen.
Es wird den radikalen Rechten so gehen wie der RAF im Deutschen Herbst – sie werden an ihrer eigenen Radikalisierung scheitern. Unsere wackeren Impfgegner werden sich postcorona andere Wege suchen müssen, ihre gestapelten Ängste zu verarbeiten. Vielleicht werden sich neue Sekten gründen, wie „damals“ Bhagwan oder Scientology. In dieser Abspaltung der Spaltungen wird manches geheilt, manches vergessen, aber vieles auch überwunden werden.
Und Neues wird sich zusammenfügen. Das große Thema unserer Epoche, die VERBINDUNG von Ökologie und Ökonomie, kann helfen, die festgefahrene Politik auf eine neue Ebene zu heben. Probleme lassen sich nicht mit den Mitteln und Denkweisen jener Vergangenheit lösen, in der sie entstanden sind. Sie lassen sich nur auf einer höheren Ebene überflüssig machen. Im Denken, Fühlen und Führen von der Zukunft aus.
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„Die Zukunft bringt Unbekanntes, doch das Bekannte prägt die Zukunftsbilder. Und der Mensch bleibt ein unverbesserlicher Extrapolierer. Jedes Mal unterstellt er, es werde in derselben Richtung weitergehen, in die es jeweils gerade geht – als setze das Leben sich linear fort. Zum Beispiel: Die Demokratie ist in einer Krise, also wird sie noch tiefer in die Krise stürzen. Aber die Zukunft ist anders. Anders als die Vergangenheit, die die Reaktionäre nachbilden. Anders als die Voraussagen, die sich selten erfüllen. Vor allem ist die Zukunft anders als unsere Zukunftsvorstellungen.“
Roger de Weck, „Die Kraft der Demokratie“, S. 231
Die erweiterte Demokratie
Gisela Erler ist die Frau, die die Zukunft der Demokratie durch neue Formen der Bürgerbeteiligung voranbringen will. 10 Jahre lang, von 2011 bis 2021, hat sie als Staatsrätin für Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg neue Konfliktlösungs-Strategien entwickelt. Wie bekommt man Bahnhöfe und Straßen gebaut, auch wenn viele strikt dagegen sind? Wie weist man Naturschutzgebiete auch gegen die Forstindustrie aus, und wie geht man mit Shitstorms gegen Windräder um? Wann sind Volksentscheide wichtig und richtig, und wann führen sie ins Desaster? Ein Erfahrungsbericht.
Als ich vor zehn Jahren nach Stuttgart kam, hatte die CDU gerade die Wahl verloren. Das war ein Schock. Die politische Landschaft war sehr stark geprägt durch den Stuttgarter Bahnhof und die Atomkraft, das Ereignis von Fukushima, dass damals den Atomausstieg verursachte. Viele Menschen rund um den Bahnhof hatten das Gefühl, nicht gehört zu werden, sie waren wütend. Wir brauchten also eine neue Strategie, damit Infrastrukturprojekte – Bahnhöfe, Flugplätze, Autobahnen – nicht immer gleich zu Bürgerkriegen oder großen Spaltungen führten.
Die Regierung konnte damals nur gebildet werden, wenn es einen Volksentscheid zu „Stuttgart 21“ gab. Die Grünen wie die SPD hatten vorher stets mehr Volksabstimmungen gefordert. Aber DIESE Volksabstimmung wollten sie eigentlich nicht. Die Abstimmung um den Stuttgarter Bahnhof ging für die Grünen krachend verloren. Aber das AKZEPTIEREN dieser Abstimmung hat sehr zur Glaubwürdigkeit der Grünen und Winfried Kretschmanns beigetragen.
Man kann also auch Volksentscheide verlieren – und dadurch Vertrauen gewinnen. Denn dann haben die Leute das Gefühl: Jetzt haben wir es einmal gesagt, und man hat auf uns gehört! Man kann das offenbar therapeutisch nutzen, als Friedensangebot und konstruktives Vertrauensvotum, aus dem Neues entsteht.
Die ersten fünf Jahre haben wir in der Demokratie-Arbeit zunächst einmal vor allem die bürokratischen Bedingungen für bestimmte Verfahren möglich gemacht. Wir haben eine Verwaltungsvorschrift für alle Behörden entwickelt, die vorschreibt, dass Planer bei Straßentrassen, Fabrikanlagen, Infrastrukturprojekten, die Bürger beteiligen müssen, und zwar VON ANFANG AN. Dafür gibt es Verfahrensregeln, auch Geld, ungefähr ein Prozent des Budgets. Wir haben an der Front der Verwaltung richtig gepflügt, so dass ein echter Sinneswandel in Sachen Partizipation entstanden ist.
Das klingt langweilig und unspektakulär und bürokratisch. Es ist aber ein wichtiger Schlüssel. Es entstanden neue Entscheidungsnetzwerke zwischen Beamten, Verwaltern, Betreibern und Bürgern. All das wurde gleichzeitig auch digitalisiert. Auf unseren Beteiligungsportalen konnte man genau sehen, was geplant wurde; jeder kleinste Waldweg, jede Autobahn. Alles wurde genau dokumentiert und zugänglich gemacht. Schon das war ein gewaltiger Fortschritt.
Es gibt keine echte Innovation in der Politik, wenn man nicht die Behörden knackt. Sonst zerschellen neue Ideen, wie die Protestbewegungen, immer an der Wand. Weltweit. Bürokratien können ALLES ausbremsen, wenn sie es nicht wollen. Sie können es aber auch ermöglichen, mit den richtigen Spielregeln.
Meine zweiten fünf Jahre waren von der Entwicklung eines intermediären Systems der Entscheidung geprägt. Die Kirchen, die Vereine, die Gewerkschaften, haben ja früher viele gesellschaftliche Konflikte geregelt. Man wird sie auch in Zukunft brauchen, aber sie haben längst nicht mehr diese Durchschlagskraft. Wir haben dann geschaut: Wie macht man am vernünftigsten Bürgerbeteiligung? Welche Form von Versammlungen sind sinnvoll?
Man sollte zum Beispiel nicht einfach eine Anzeige in die Zeitung setzen: Am Samstag ist eine Bürgerversammlung, da mag kommen wer will! Denn dann kommen die immergleichen 3 oder 10 oder 30 Leute, engagierte Leute, aber immer mit einem ganz bestimmten Auftritt. In Baden-Württemberg sind das oft frisch pensionierte Ingenieure. Bei sozialen Themen wie Kindergärten kommen auch Frauen, aber immer wenige. Meistens Leute, die SEHR dagegen sind. Aber sie sind sehr klug, sie wissen im Detail oft mehr als die Beamten. Sie hatten einmal Einfluss in ihrer Firma, und jetzt kompensieren sie ihre Wirkungslosigkeit, indem sie sich negativ festbeißen.
Wir machten dann zunächst eine Akteursanalyse: Wer ist potentiell FÜR und wer ist GEGEN das Projekt? Wichtig ist auch das DAFÜR: Wirtschaft, Hoteliers, Senioren, Gewerkschaften, Fahrradfahrer, Menschen, die zunächst nicht so stark engagiert sind. Mit diesen Menschen starten wir eine Begleitgruppe. Das hat zum Beispiel beim neuen Gefängnis in Rottweil funktioniert. Es wird das FENG-SHUI-Gefängnis der Staatsrätin genannt. Der Kern ist: Du bringst die Menschen an relativ kleinen Tischen zusammen. 7 oder 8 Bürger, die moderiert diskutieren. Sie müssen einander zuhören, sie können nicht einfach losbrüllen, und kein Matador beherrscht die Verhandlung. Das führt zu ausdifferenzierten Diskussionen und oft auch zu Lösungen. Vor allem aber führt es dazu, dass alle es als einen politischen Prozess verstehen, statt als Benachteiligung oder Bevorzugung.
Der Zufallsbürger bestimmt über Großprojekte besser als die Lobbys des Dafürs oder Dagegens.
Wir haben dann den Kreis erweitert. Wir wollten nicht nur die festgelegten Akteure aller Art, die „üblichen Verdächtigen“ beteiligen, sondern zufällig ausgewählte Menschen. Man schreibt 1000 an und lädt sie ein, und wenn man Glück hat, machen 50 mit. Die Leute werden nicht verpflichtet, aber sie bekommen den Vorschlag, an einem Meinungsbildungsprozess teilzunehmen. Diese Methode wurde bereits in vielen Ländern erprobt, besonders erfolgreich als Citizens’ Assembly in Irland zum Thema Abtreibung, bei der die Bürger eine Fristenlösung vorschlugen, die dann per Volksabstimmung akzeptiert wurde.
Es ist dann immer wieder dieselbe und beglückende Erfahrung: Diese Bürger sind tatsächlich interessiert, sie sind in der Regel NICHT parteipolitisch gebunden, sie sind kritisch, aber auch konstruktiv, wenn man sie ausführlich informiert. Notare, Rechtsanwälte, Arbeiter, Hausfrauen – das wird demographisch gewichtet. Immer halb Männer, halb Frauen, das macht unglaublich viel aus. Es ist kein vollkommen repräsentatives Verfahren, aber es ist die breiteste mir bekannte Palette, Bürger zu beteiligen. Das Verfahren löst nicht alle Probleme. Aber du bekommst heraus: Wo liegt der mögliche KONSENS? Das muss keineswegs ein fauler Kompromiss sein – es können auch ganz neue Ideen entstehen.
Wir haben die Methode der Zufallsbürger dann auch mit nach Berlin und Brüssel getragen. Der große Bürgerrat zu „Deutschlands Rolle in der Welt“, der für den Bundestag berichtete, stammt mit aus dieser Idee. Aber natürlich müssen die Parlamente dann entscheiden – und sie müssen erst lernen, diese Form der Beteiligung wirklich anzuerkennen und zu nutzen. Auf jeder Ebene. Aber es ist wichtig, dass es eine ÖFFNUNG der Parlamente für solche Prozesse gibt, das erzeugt ein völlig anderes politisches Klima. Bessere Verknüpfungen von Parteien, Regierungen, Bürgern, Verwaltungen.
Meine Erfahrung ist: Die Bürger erwarten gar nicht, dass alles umgesetzt wird, was sie fordern. Sie erwarten aber, dass man ihnen gut erklärt, wenn man etwas NICHT umsetzt. Und sie sind sehr dankbar, dass man ihnen ernsthaft zuhört.
Das gilt auch im größeren Rahmen. Es gibt jetzt Zufalls-Bürger für Europa, Bürgerräte mit Teilnehmern aus allen EU-Staaten, die diesen Herbst und Winter über die Zukunft Europas sprechen – bei mehreren Sitzungen in Straßburg und virtuell. Sie speisen ihre Vorschläge dann in die große Konferenz zur Zukunft Europas ein, die jetzt begonnen hat. Wo treffen sich denn sonst europäische Bürger und reden ernsthaft miteinander? Am Strand, im Urlaub vielleicht, aber da bleiben sie meistens immer noch getrennt auf ihren Handtüchern.
Man muss jetzt ein paar Jahrzehnte mit diesen Formen arbeiten. Der größte Erfolg für mich ist, dass im neuen Koalitionsvertrag in Baden-Württemberg steht, dass es bei jedem Großprojekt und jedem wichtigen neuen Gesetz einen Bürgerrat geben muss. Das verhindert hoffentlich Prozesse, die sich in die Länge ziehen, Unfrieden, angestaute Aggression. Es verhindert übrigens wahrscheinlich auch Volksabstimmungen, die oft in schreckliche Schlachten ausufern und politisch fürchterlich missbraucht und funktionalisiert werden können. Volksentscheide sind heute auf nationaler Ebene ein großes Risiko, sie können von Populisten gekapert werden, vor allem, wenn es um die fundamentalen Fragen wie Migration oder Grundrechte geht, um Europa oder Themen der Minderheiten oder auch um Gender-Themen.
Bürgerbeteiligung verzögert übrigens nicht Entscheidungen, wie es oft vermutet wird. Sie machen sie nicht schneller, sie machen sie nicht langsamer. Aber sie machen sie oft BESSER. Sie verhindern die schlechten Alternativen. Die Entscheidungen können dann, WENN sie gefallen sind, leichter umgesetzt werden. Anwohner benutzen ja sehr gerne das Klagerecht, und das kann Projekte auf Jahrzehnte verhindern. Wenn man zum Beispiel den Ausbau der Windkraft verkürzen möchte, muss man die Klagewege verkürzen. Davon ist im Moment viel die Rede. Das können aber wahrscheinlich am ehesten die Grünen mit durchsetzen, auch durch Bürgerräte, weil sie sich ja oft den Gegnern, den Naturschützern zum Beispiel, nahe fühlen. Nur De Gaulle, der Kriegsheld, konnte die französischen Truppen aus Algerien abziehen! Auch das ist ein Paradox der Demokratie, aber ein fruchtbares, wenn man es richtig nutzt.
Wir sollten versuchen, die Menschen so fest in unserer Demokratie zu halten, dass sie nicht aus dem demokratischen Konsens herausfallen. Wenn die Demokratie erst einmal auf einem solchen Schlitterweg ist wie in Ungarn oder Polen, dann muss man sich wirklich Sorgen machen.
Die Zufallsbürger sind gut für das, was für die Leute schon denkbar und konkret ist. Aber man braucht in der Gesellschaft auch weiterhin ein Auge für das wirklich Neue, Andere. Für Protest aller Art, aus den Nischen heraus. Es geht um eine Kultur des Zuhörens. Des Wahr-Nehmens, das unsere Gesellschaft immer wieder wachhält. Wir brauchen muntere Protestbewegungen und ein Gefühl für nötige gesellschaftliche Innovationen. Auch für solche, die sich im Moment die meisten Menschen noch nicht vorstellen können.
Seit langer Zeit bin ich mit einem alten Freund namens G. verbunden, mit dem ich vor fast einem halben Jahrhundert in einer WG gewohnt habe. Immer wieder haben wir uns aus den Augen verloren, um uns dann doch wiederzufinden. Heute lebt G. als pensionierter Diplomat auf einem renovierten Bauernhof mit Blick auf Felder, Wälder und Wiesen in der Mitte Deutschlands.
„Schau Dir das doch an!“ sagt G. zu mir. „Die Menschheit hat es verbockt. Unsere Spezies ist zum Untergang verurteilt, das wird doch mit jedem Tag deutlicher!“
„Du musst doch nur den Fernseher einschalten! Oder irgendwas lesen, anklicken! Rentenkrise. Demokratiekrise. Schuldenkrise. Migrationskrise. Inflation. Die Populisten, wie sie immer mehr Demokratien zerstören! Der Wahn der Impf-Schwurbler! China. Russland. Von Corona ganz zu schweigen!“
Pause.
„Die Menschheit ist auf dem absteigenden Ast. Klimakrise, das ist doch ein geschöntes Wort! Der ganze Planet fliegt uns um die Ohren!“
Erneutes Schweigen, dann: „Menschen sind einfach dumm! Furchtbar dumm!“
Und dann: „Und ich selbst bin am Blödesten!“
Jetzt lachen wir beide.
Wenn mein Freund G. keinen Humor hätte, wäre er nur einer jener schlechtgelaunten Weltverflucher, von denen es so furchtbar viele gibt. Aber er kann lachen. Sogar über sich selbst. Vielleicht liegt es daran, dass er wirklich klug ist.
Wie kann ich Dir helfen, lieber Freund G.?
Wir können wir uns ein wenig weniger fürchten?
In dieser »finsteren Zeit«?
IST es überhaupt eine finstere Zeit?
Ist die Welt wirklich »aus den Fugen«?
Oder sind wir nicht eher selbst irgendwie komisch verfugt?
Wir leben in verschiedenen Wirklichkeiten gleichzeitig
Darf ich mit Ihnen ein Gedankenspiel machen?
Stellen sie sich ein »BEING« vor, ein existentielles Wesen, das in einer geschlossenen Box lebt. Die Box ist von Bildschirmen ausgefüllt. Über diese Schirme strömen im rasenden Takt Informationen, Bilder, Impulse, Reize, in die Box hinein. Rund um die Uhr, in ständig wachsender Intensität.
Das andere Wesen, »BEING 2«, lebt in einer Box, die nach außen offen ist. Man kann durch reale Fenster nach draußen sehen. Manchmal weht der Wind hinein, das Wetter meldet sich zu Wort, dann muss man Feuer machen oder manche Fenster schließen, damit nicht alles davonfliegt oder man friert.
Während »BEING 1« von der ganzen Welt unentwegt Impulse empfängt, erfährt »BEING 2« nur so viel, wie es durch die Öffnungen wahrnehmen kann.
Der Blick führt vielleicht in einen Garten, im Hintergrund ein Wald, ein Dorf. Ab und zu werden bedrohliche Dinge sichtbar.
Ein Auto verunfallt auf der Straße.
Ein Baum fällt um im Sturm.
Eine Rauchfahne steht am Horizont.
Im Wald könnten Räuber sein.
Da hinten, zwischen den Bäumen, brennt da nicht ein Dorf?
Welches dieser beiden Wesen lebt in der Wirklichkeit?
Wenn wir Wirklichkeit als jene Realität definieren, in der wir wirken können, dann befindet sich die Wesen in einem vollkommen anderen Universum. BEING 1 »kennt« eindeutig einen vielen größeren Ausschnitt der Realität. Ist unendlich viel mehr informiert, vernetzt, online eben, kann sich aber damit nicht in Beziehung setzen. Sein Weltverhältnis besteht aus Reizen, Simulationen, Gefahren, die weit weg sind und gleichzeitig auf unerträgliche Weise nah.
BEING 2 wird, wenn es auf der nahen Straße einen Unfall beobachtet, hinauslaufen und nachsehen, ob es helfen kann. Es wird die Feuerwehr rufen, wenn etwas brennt. Und womöglich selbst Mitglied der Feuerwehr werden. Freiwillig.
Es wird sich kümmern. Selbst als Einsiedler, zumindest für sich selbst. In dieser Welt gibt es Abhängigkeiten, Verpflichtungen, Verantwortungen höchst konkreter Art.
BEING 1 wird bei Unfallbildern nachschauen, ob noch weitere Unfall-Motive auf den Schirmen auftauchen. Und ja, da gibt es immer mehr und immer weitere Bilder! Da sind ganz viele! Es muss sich also um einen SUPERUNFALL handeln, einen MEGATREND zum Unfall!
Einen Untergangs-Unfall!
Während BEING 2 in einer »lückenhaften«, aber in sich stimmigen Wirklichkeit lebt – einer Welt, in der man lieben, leiden, hoffen, scheitern kann – lebt BEING 1 in einem Metaversum aus Reizen, Ängsten und Befürchtungen, auf die es nur mit weiteren Reizen, Befürchtungen, Meinungen reagieren kann.
BEING 1 ist sehr informiert, verfügt theoretisch über alles Wissen der Welt, nur hat dieses Wissen keine wahre Bedeutung mehr.
BEING 2 lebt in einer Welt, die von Verbindlichkeiten geprägt ist, die nicht ohne weiteres wegklickbar sind.
Früher vermittelten »Medien«, wie der Name ja eigentlich sagt, zwischen uns BEINGS und der umfassenden Realität. „Das Mediale“ bildete eine kognitive Brücke zwischen der äußeren und der inneren, der privaten und der öffentlichen Wirklichkeit. Dadurch entstand ein Diskurs, auf den wir uns zwar nicht immer einigen, aber doch beziehen konnten.
Es hatte noch Sinn, zu streiten, weil daraus neue Wahrheiten entstehen konnten.
In der digitalen Echtzeit-Medien-Welt unserer Tage zersplittert die Welt jedoch in lauter einzelne Fraktale. In der »Hyper-Medialität«, wie ich die mediale Überformung unseres Lebens nennen möchte (es geht hier um das System, nicht einzelne Medien), geht es nur noch um Reiz und Reaktion. Um Skandal und Übertreibung. Streit ist nur noch ein »Event«, kein Prozess mehr. Medien sind zu Parasiten des menschlichen MIND mutiert. Was am meisten Erregung erzeugt, egal ob Katzenbilder oder Katastrophen, Promi-Scheidungen oder Trump-Wutausbrüche, wird nach oben »gerankt«. Und erzeugt dadurch noch mehr Aufmerksamkeit.
Auf diese Weise ist eine Art zentrifugaler Mem-Maschine entstanden. (Meme sind kulturelle Muster, die sich durch Kopie und Imitation in menschlichen Hirnen und Gesellschaften ausbreiten.)
Alles Extreme wird immer extremer.
Alles Schlechte wird immer schriller.
Das Reale wird immer Irrealer.
Alles Gelungene, Bessere, wird zunehmend unsichtbar.
Medien sind Ohnmachts- und Angstmaschinen geworden, weil Angst als der größte Aufmerksamkeits-Trigger wirkt. Und weil in der ständigen kognitiven und moralischen Überforderung ständig Sinn, das heißt Zusammenhang, zerstört wird.
»Hyper-Medialität« lässt das Gelungene, das Stimmige, das Leise und Evolutionäre unsichtbar werden – das fühlt sich an wie der Weltuntergang.
Ein Netflix-Film, der über Weihnachten viel gestreamt wurde, bringt das auf den – zynischen – Punkt. In „Don‘t look up!“, mit so ziemlich allen großen amerikanischen Stars (Meryl Streep, Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Timothée Chalamet, you name it!) rast ein Komet auf die Erde zu, wird aber von einer hysterisch wahrnehmungsgestörten Gesellschaft nur noch als Erregungs-Simulation, Business-Event und Politik-Show wahrgenommen.
Bis er die tatsächliche Apokalypse auslöst.
Wie zerbrechlich ist »die Natur«?
Unsere Vorstellung von „Natur“ ist von tiefen Bildern und Symbolen geprägt. Da ist der blaue Planet in der Schwärze des Alls. „Kostbar” sind die passenden Worte, „zerbrechlich”, „fragil”, „verletzlich”. „Wir haben keinen Planeten B“, sagte der deutsche Astronaut Alexander Gerst aus der Umlaufbahn, und alle, die ihm zuhörten, hatten dieses heilige BEING-Erschauern.
Da sind die wunderbaren Tierfilme zur besten Hauptsendezeit, die vom Leben und Überleben handeln, von Aufzucht und Fürsorge, von langen Sommern oder harten Wintern. Von Tod und Werden. All das ist Kitsch, aber wunderbarer Kitsch. Es berührt uns, weil wir selbst Tiere sind. Beim Betrachten eines Attenborough-Films kann man das empfinden, was früher den Religionen zugeordnet war:
Ehrfurcht.
Und da sind die dräuenden Bilder der alltäglichen Öko-Katastrophe. Gigantische Müllberge, tote Fische in giftigem Wasser, Plastikstrudel, Feuersbrünste, abbrechende Gletscher, unendliche Rauchfahnen kaputter Industrie…
Riesiger Eisberg bricht in der Antarktis ab!
Artensterben nimmt immer mehr zu!
Was aber ist „wahr”? Was ist die wirkliche Wirklichkeit? Wie kann es sein, dass Millionen Pinguine, Schmetterlinge, Vögel jährlich die große Wanderung beginnen, hunderttausende Antilopen durch die Savanne ziehen, tausende von Walen durch einen tiefblauen Ozean ziehen, obwohl unser Planet doch längst „verseucht” ist?
Sind die Wale nicht längst schon ausgestorben?
Haben Millionen Tonnen Plastik nicht schon längst die Meere erstickt?
Wie passt das alles zusammen?
Dieser Horror und die Schönheit?
Das Wunderbare und das Schreckliche?
Warum die Welt TROTZDEM besser wird
Hans Rosling, der Meta-Statistiker, der im Jahr 2017 starb, hat ein Lebenswerk damit zugebracht, die fundamentalen Trends der menschlichen Zivilisation darzustellen. Rosling war weit mehr als ein Statistiker und Datensammler. Er war auch ein geistiger Aktivist, ein Magier des Welterkennens. Er stellte sich auf die Bühne und schluckte ein Schwert mit dem Ausruf: „Wenn wir Schwerter schlucken können, dann können wir auch die extreme Armut auf diesem Planeten besiegen!“
Hans Rosling, beziehungsweise seine Kinder Ola und Anna, wie auch der zweite große »Humanstatistiker« Max Roser, der das zweite große Welt-Daten-Portal betreibt (https://ourworldindata.org), haben eine Mission: Sie wollen uns zu einem Wissen führen, in dem wir die ZUSAMMENHÄNGE der globalen Trends, der Welt-Entwicklung verstehen.
Bei ihrer Arbeit stießen Roser und Rosling auf einen „Positiven Rückkoppelungs-Loop“. Eine Art Grund-Algorithmus, in dem sich Trends in Richtung Wohlstand gegenseitig verstärken:
> Mehr Bildung
> Mehr Mädchenbildung
> Sinkende Kindersterblichkeit
> Weniger Kinder pro Frau
> Hygienischere Verhältnisse
> Bessere Ernährung
> Zugang zu Gesundheitsversorgung
> Längere Lebensspanne
> Mehr Produktivität aller Wirtschaftsfaktoren
> Höhere Einkommen
> Mehr Bildung
usw…
Dieser »Wealth-Loop-Effekt«, dieses Netzwerk von sich-selbst-verstärkenden Wirkungen, lässt sich in praktisch allen Ländern der Welt auf unterschiedlichen Niveaus beobachten. Selbst in armen Regionen Afrikas. In chronischen Krisen- und Konfliktregionen (Afghanistan etc.) kann sich der Trend zeitweise umkehren. Es scheint sich jedoch um eine Art systemischer Selbstorganisation zu handeln, eine Emergenz, die die menschlichen Lebens-Grundlagen zum Besseren transformiert.
Es gibt also Fortschritt auf dem Planeten. Allerdings ist er weitgehend unsichtbar. Es handelt sich um langsame, graduelle, oft unspektakuläre Verbesserungen, die meist mit dem Wirken »langweiliger“« oder verachteter Institutionen zu tun haben (Funktionierende Behörden, NGOS, internationale Organisationen, Zivilgesellschaft). Keine Zeitung, kaum ein Portal, berichtet von der Eröffnung einer Schule in Tansania, dem Anschluss von 1 Million Haushalten an das Elektrizitätsnetz oder den Rückgang von Bilharziose in einer Subsahara-Region. Wir können nicht würdigen, dass sich graduell, langsam, mühsam etwas verbessert, weil unser ganzes Wahrnehmungs-System auf Sensationen und Macht-Konstruktionen ausgerichtet ist.
Auch hier stellt sich wieder die Frage: Wie passt das zusammen? Wenn sich die Lebensbedingungen für uns BEINGS langsam verbessern – was ist dann mit den Bildern des Elends, der Unterdrückung, der Kriege, des Versagens der Menschlichkeit, die uns auf allen medialen Kanälen rund um die Uhr überschwemmen?
Wie kann etwas besser und schlechter zugleich werden?
Wie kann man diesen schreienden Paradoxien begegnen, ohne den Verstand zu verlieren?
Vielleicht hat es etwas mit unseren »frames« zu tun. Den kognitiven Fenstern, in denen wir »die Welt« wahrnehmen.
In der Vision des Untergangs spielen uralte archaische Vorstellungen, psychologische und politische Konstrukte eine Rolle. Nehmen wir die These von der „Überbevölkerung”. Von der Überschüssigkeit des Menschen auf einem limitierten Planeten. Weil wir, die BEINGS einfach ZU VIELE sind, wird »demnächst« der GROSSE ZUSAMMENBRUCH folgen.
Dieses dystopische Zukunfts-Modell ist seit den 70er Jahren ein starkes MEM, das sich unaufhörlich selbst reproduziert. 1972 schrieb der Untergangsprophet Paul R. Ehrlich den Weltbestseller „Die Bevölkerungsbombe“, in dem er die malthusianische Idee der „Geburtenexplosion“ als Ursache für den unvermeidlichen Zivilisationszusammenbruch darstellte. Gleichzeitig veröffentlichte der „Club of Rome“ seine Dystopie-Modelle, in denen die Menschheit unweigerlich auf einen Kipp-Punkt aus Rohstoffmangel, Überbevölkerung und Wirtschaftskrisen zuraste. Lesen Sie hierzu die kluge Analyse der Clob-of-Rome-Modelle von Brian Hayes: Computersimulationen und das Schicksal der Menschheit.
Bis heute sind solche Modelle immer noch tief in unseren Zukunftsbildern eingewoben. Sie werden gerne von rechten Populisten genutzt, um rassistische Ängste zu schüren. Aber auch der »gute« grüne Ökologismus bedient sich in seinen Fußabdruck-Metaphern der Menschen-Überschuss-Logik. Dabei hat sich die ganze Theorie längst als linearer Irrtum erwiesen. Sowohl was die »carrying capacity« des Planeten betrifft, die sich ständig durch systemische und technische Veränderungen erweitert (etwa durch die diversen agrarischen Revolutionen). Als auch von den Zahlen der Geburtenentwicklung selbst her.
Ein Beispiel: Indien hat im Jahr 2021 eine Geburtenrate erreicht, die UNTER der Erhaltquote liegt (2.0 Kinder pro gebärfähige Frau, so viel wie in Island). Die indische Bevölkerung wird in wenigen Jahrzehnten anfangen, massiv zu schrumpfen. Die Geburtenraten in fast ALLEN Ländern der Erde sinken beständig – wenn auch auf unterschiedlichen Niveaus. Der globale „Human Peak“, der Gipfel der Weltbevölkerung, könnte nach den neuesten Berechnungen schon zwischen 2060 – 2070 erreicht sein, früher als erwartet und nahe bei der 10-Milliarden-Marke. Von da an wird die Weltbevölkerung langsam zu schrumpfen beginnen.
Das glauben Sie nicht?
Sie werden Ihre Gründe haben…
Für viele Menschen ist der Klimawandel eine Art Strafe des Planeten. Ein Weltuntergang als Konsequenz unseres sündigen Verhaltens.
Fühlen wir uns nicht irgendwie alle schuldig, wenn wir morgens aufstehen – mit dem großen CO2-FUSSABDRUCK zur Arbeit fahren, unsere Geschäfte erledigen und immerzu das Falsche konsumieren? Jeder Genuss ist verdorben, jeder Spaß mit dem Attribut „Sünde“ beklebt. Wir können ja noch nicht einmal entscheiden, ob es besserer ist, eine Plastiktüte oder Papiertüte zu kaufen. Was ist „umweltfreundlicher“? Was „nachhaltiger“?
Der Mensch als Ur-Sünder, der die heilige Ordnung der Natur stört – dieses Bild kennen wir aus der Ur-Erzählung der Bibel. Schuld und Scham dienen der normativen Ethik der Gesellschaft, sie soll uns auf soziale Defizite hinweisen. Schuld- und Schamgefühle wurden von der Evolution selektiert, damit wir BEINGS unsere sozialen Systeme besser gestalten können. Schuldgefühle lassen sich aber auch wunderbar missbrauchen. Zum repressiven Ausschluss aus der Gemeinschaft. Zur Durchsetzung eigener Machtinteressen.
Oder zur Selbstabwertung.
Vielleicht rebellieren deshalb so Viele gegen den „Öko-Zwang“. Und können den positiven Wandel nicht wahr-nehmen, der aus einer post-fossilen Wende, dem Abschied von der Öl- und Verbrennungswirtschaft, entstehen könnte.
Wie schade das ist!
Jeden Tag bringt das Sonnenlicht hunderttausendfach mehr Energie auf die Erde, als unsere Zivilisation nutzen kann.
Transformiert zu Biomasse – und in tausend andere Energieträger – wird daraus eine verschwenderische Fülle dessen, was wir LEBEN nennen.
Leben ist Umsetzung von Energie in organische Materie und ENERGIE ist der Schlüssel zu allem. Wir sind umgeben von Energie. Wenn wir sie intelligenter, adaptiver nutzen, dann würden wir in einem Universum von verschwenderisch viel Energie leben. Dazu müssen wir keine Fusions-Kraftwerke bauen, die die Sonne auf die Erde holen, oder nachts im Dunklen sitzen. Eine Fläche von rund 500 mal 500 Kilometern (250.000 Quadratkilometer) HEUTIGER Solar-Panels würde reichen, um den gesamten heutigen Strombedarf der Menschheit zu decken.
Das ist natürlich nur eine mathematische Rechnung; es wäre kaum sinnvoll, alle Energieversorgung an einem Ort zu konzentrieren. Aber auch die Hälfte der Hausflächen würden ausreichen. Zum Vergleich: Die Land-Erdoberfläche beträgt 149 Millionen qkm, allein die Sahara 9 Millionen qkm. In dreißig Jahren, wenn alle energetischen Prozesse auf Elektrizität/ Wasserstoff beruhen, brauchen wir wahrscheinlich eine Fläche von 1000 qkm zur Energieversorgung der Welt. energiespeicher.blogspot.com landartgenerator.org
MATERIE ist ebenso wenig knapp. Die 118 verschiedenen Elemente der Erde sind zwar unterschiedlich häufig verteilt, aber auch die selteneren sind immer noch in erheblichem Ausmaß vorhanden. Und zu den vorhandenen Molekülen kommen immer neue hinzu, die wir durch verfeinerte Materialtechnik erzeugen können.
Es ist in der Geschichte der Menschheit noch nicht wirklich »gelungen«, eine einzelne Ressource komplett zu erschöpfen. Vorher wurde sie zu teuer, oder unpraktisch im Gebrauch. Oder es lohnte sich, sie in effizientes Recycling zu bringen. Oder durch Materialtechnik zu substituieren (Man denke an Wal-Öl zur Lichterzeugung im 19. Jahrhundert. Oder die Kältemittel und Lösungsmittel, die das Ozonloch verursachten).
Ist es möglich, dass wir »das Ökologische« missverstehen, weil wir es mit fossilen Augen sehen – mit den Wahrnehmungsformen einer Industriegesellschaft, die Rohstoffe nur verbrennen und verbrauchen konnte? Timothy Morton, der amerikanische System-Philosoph, schreibt in seinem Buch „Ökologisch sein” (S. 237): „Schrecklich vieles, was über die Ökologie zum Besten gegeben wird, erfolgt eigentlich im Diskurs der Ölwirtschaft. Fast nichts im ökologischen Diskurs findet tatsächlich in der Sprache der Ökologie statt. In einer vom Öl bestimmten Wirtschaft ist schon die Sprache bis ins Mark verzerrt. Das ganze Reden über Effizienz und Nachhaltigkeit handelt eigentlich von der Konkurrenz um die knappen, hochgiftigen Ressourcen.“
Könnte es sein, dass die Zukunft gar nicht der Ort der Knappheit, des Nicht-Mehr-Genug ist?
Sondern der kommenden Fülle?
Die Steinzeit ist auch nicht am Mangel an Steinen zu Ende gegangen!
Der Kulturanthropologe David Graeber, der im Jahr 2020 in Venedig mit 59 Jahren starb, hat uns ein erhellendes Buch hinterlassen, das die Geschichte der Menschheit ganz anders erzählt als wir es gewohnt sind. „Big History revisited”, ein Geschichts-Entwurf, der einen ganz anderen Zivilisationsbegriff entwirft als den, den wir durch die klassische »heroische« Geschichtsschreibung kennen (z.B. Yuval Noah Harari).
In „The Dawn of Everything“ (auf Deutsch: ANFÄNGE – Eine neue Geschichte der Menschheit, erscheint im Januar) geht es um die Adaptivität der menschlichen Kultur. Graebers Buch handelt von den Ursprüngen der Menschheit, den Creative Beings. Graeber und sein Co-Autor David Wengrow beschreiben die soziokulturelle Entwicklung nicht als lineare Entwicklung zu immer komplexeren und fragileren Zivilisationen, die alle irgendwann dem Untergang geweiht sind. Sondern als Ausbildung von sozialer Variabilität, einer Vielfalt von Gesellschafts-Systemen, die sich gegenseitig durchdrangen, abwechselten und rekombinierten.
Es waren besonders Perioden des klimatischen Wandels, in denen unsere Vorfahren neue Antworten zum Leben und Überleben fanden. Vor rund 10.000 Jahren wichen durch eine Wärmephase die großen Säugetiere aus den Savannen zurück, die von unseren Jäger- und Sammler-Vorfahren bejagt wurden. Der Übergang zur agrarischen Kultur begann – ein mühsamer Weg, der aber viel mehr kulturelle und soziale Diversität hervorbrachte als es in den konventionellen Geschichtsbüchern steht.
Das „Dunkle Mittelalter“, das mit der Kleinen Eiszeit einherging, brachte eine Fülle von Innovationen in Hausbau, Siedlungsformen, Vorratswirtschaft und Landwirtschaft mit sich. Und endete schließlich in der Renaissance und der Aufklärung.
Und so weiter… Siehe auch z.B. die Bücher von Josef H. Reichholf: „Das Rätsel der Menschwerdung” und „Eine kurze Kulturgeschichte des letzten Jahrtausends”
Stellen wir uns einmal vor, der große METAtrend unserer Tage wäre nicht der Weg in den Untergang. Sondern die evolutionäre Adaption der humanen Kultur an die Biosphäre. Und an die menschlichen Bedingungen selbst.
Wir, die BEINGS, sind gerade dabei, uns erneut zu verwandeln.
Gewiss: Unter Rückschlägen, Irrtümern, Leiden und Zweifeln.
Aber dennoch. Oder gerade deshalb.
Das ist völlig unvorstellbar, oder?
Was wäre, wenn die uns umgebende Natur nicht fragil, furchtbar zerbrechlich ist? Wenn das Leben geradezu die GRUNDEIGENSCHAFT hat, robust, resilient, »antifragil« zu sein.
Wenn die Vorstellung, den Planeten »umbringen« zu können, eine Art umgedrehter Größenwahn wäre?
Wenn wir selbst als BEINGS kein »Fremdkörper« in der Natur wären. Ein »Schmarotzer« am Planeten. Sondern MIT unseren Technologien ein TEIL der evolutionären Natur?
Was wäre, wenn wir nicht in einer Endzeit lebten, sondern in einer bestimmten Zeit der Transition – wie es schon so viele gab?
In Turbulenzen. Aber auch einem OZEAN von Zukunft.
Lieber G., bist Du noch da? Oder hast Du Dich endgültig in den Keller der Untergangs-Gefühle verabschiedet? Dorthin, wo man sich ja durchaus gemütlich einrichten kann.
Es mag sein, dass Du meine Ausführungen für Spitzfindigkeiten hältst, »Optimismus-Geschwurbel«, wie Du das in Deiner wunderbar nett-zynischen Art gerne ausdrückst.
Ich habe keine Illusion darüber, dich von irgendetwas »überzeugen« zu können kann. Wenn ich eines in meiner Zukunftsforscher-Zeit gelernt habe, dann ist es, dass wir BEINGS unsere Zukunftsbilder so konstruieren, dass sie für uns selbst stimmig sind. Wir glauben an den Untergang, oder die Erlösung, an Monster oder Engel, weil unsere Wünsche und Ängste uns das diktieren.
Das Einzige, was ich in den Raum stellen kann eine Vermutung: Alles könnte auch ganz anders sein!
Aber was folgt daraus?
Ich glaube, es geht darum, sich zum Leben hin zu öffnen. Leben heißt, verbunden zu sein. Mit denen, die wir lieben, und von denen wir geliebt werden – auch wenn wir das manchmal nicht annehmen können. Mit den Vertrauten im Geiste – Verbindungen über die ganze Welt zu pflegen, das haben wir in unserer Jugend gelernt.
Und mit denen, die nach uns kommen – den BEINGS der Zukunft – in Verbindung zu treten.
Zukunft ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung dafür, ins Konstruktive zu gehen. Die Fenster aufzumachen und Luft herein zu lassen. Die Bildschirme abzustellen, die Erregungs-Abonnements zu kündigen, wo sie uns schaden. Die Welt wird anders werden, wenn wir es sind. Wäre das nicht ein guter Plan fürs nächste Jahr? Das Jahr, in dem das »Alte Normal« wieder einmal nicht zurückkommen wird. Aber womöglich gerade deshalb neue Wege in die Zukunft sichtbar werden.
Das Wort des Jahres 2022: RE-SPAIR
Vom englischen „despair“ – Verzweiflung. Das Wort wurde vom schottischen Chronisten und Dichter Andrew of Wyntoun zum ersten Mal gebraucht, der von 1350 bis 1423 lebte. Es setzt sich aus den lateinischen Wurzeln von „wieder“ und „Hoffnung“ zusammen. Wie die Re-Gnose die Zukunft aus der Zukunft heraus neu definiert, drückt „Re-Spair“ die Wiederkehr der Hoffnung nach einer Phase der Hoffnungslosigkeit aus.
Die schönsten Zitate zu diesem Text:
Klimapolitik ist, richtig verstanden, eben genau das, was ohnehin in der Transformation von der Industrie- in die Wissensgesellschaft gemacht werden muss: neue Arbeit, neue Organisationen, Ablösung der Routinen, eine andere Führung und Selbstführung. Mehr selbst gut machen statt bloß gut finden. Aufklärung statt Apokalypse. Ändern statt Angst haben.
Wolf Lotter
Zivilisation ist wie ein Strom mit seinen Ufern. Manchmal ist der Strom getränkt vom Blut ermordeter Menschen, von Diebstahl, Schießereien und Dingen, über die die Historiker üblicherweise berichten, während an den Ufern die Menschen weiter unbemerkt Häuser bauen, lieben, ihre Kinder großziehen, Lieder singen, Gedichte schreiben und sogar Statuen schnitzen. Die Geschichte der Zivilisation ist eine Geschichte dessen, was an den Ufern geschieht. Historiker sind Pessimisten, weil sie die Ufer ignorieren.
Will und Ariel Durant, Geschichte der Zivilisation
There’s a sort of narcissism about thinking we’re in some especially bad time. This is the usual bad time. This is normal.”
William Nicholson, Filmmaker
Nature is a self-regulating ecosystem of awareness.
Charles Darwin
You cannot imagine big shifts until they happen.
Nelson Mandela
Als alter Science-Fiction Fan bin ich meistens ziemlich enttäuscht, was neue Zukunfts-Filme betrifft. Zu lange gab es in diesem Genre nur Schrott im Kino. Entweder wurde bis zum letzten Laserschuss gegen glibberige Alien-Wesen oder mörderische Roboter gekämpft (Typ Superheld). Oder die Zukunft als einziger Trümmerhaufen dargestellt, in dem nur noch melancholische Einzelgänger durch die Ruinen schlichen (Typ Tom-Hanks-Traurigkeit).
Es gab in diesen Filmen überhaupt keine Zukunft. Sondern nur Effekte. Und Sentimentalität.
Richtig gute Science-Fiction kann hingegen zauberhafte Wirkungen entfalten. Seit Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ gab es nur wenige filmische Ereignisse, die das große STAUNEN auslösen konnten. Jenen kognitiven Zustand, in dem im Mind etwas wahrhaft Neues beginnt. Das ist nahe an Religion, und vielleicht IST es Religion.
Zu den erleuchteten Sci-Fis, die mir bis heute einfallen, gehörten einige Folgen von Star Trek („Der Erste Kontakt“ von 1996 – unvergessen der besoffene Hippie, der den Überlichtantrieb erfindet!), „Das Fünfte Element“ von Luc Besson (vor allem wegen Milla Jovovich in der weiblichen Hauptrolle) und vielleicht auch noch „Matrix“, ein Plot, bei dem man sich schon vor 20 Jahren ins METAVERSE verirren konnte. Lange bevor Mark Zuckerberg uns diese Idee endgültig verdarb.
Jetzt aber ist es für mich als Filmfreak und Zukunftsforscher wie Weihnachten und Geburtstag zugleich: Zwei epigonale Groß-Produktionen sind ins Kino beziehungsweise in den Stream gekommen, die an das Erbe des „kosmischen Epos“ anknüpfen.
Kennen Sie das Gefühl der »Raumschiff-Gänsehaut«?
Zum Beispiel imperiale Sprungschiffe. Ich habe schon viele Raumschiffe in allen möglichen Formen und Designs und auf fantastischen Planeten landen sehen – Landungen sind immer das Beste. Aber imperiale Sprungschiffe sind der Gipfel. Sie haben in ihrer Mitte einen Null-Raum-Akkumulator, in dem sie ein Schwarzes Loch erzeugen. Auf diese Weise verschlingt sich das Schiff auf dem Weg durch den Quantenraum selbst, um sich am Zielort selbst wieder zusammenzusetzen.
Wie geil ist das denn!
Faszinierend ist auch die Idee von gigantischen Sandwürmern, die auf einem Wüstenplaneten ein Substrat namens SPICE absondern. Mit dieser Droge kann man in die Zukunft schauen. Und als Navigator die Zeit biegen, das heißt mit Überlichtgeschwindigkeit reisen.
„Dune“ von Frank Herbert und „Foundation“ von Isaac Asimov galten bislang als unverfilmbare Klassiker der Sci-Fi-Literatur. Entstanden sind diese Schinken-Romane in den psychedelischen Zeiten der 50er und 60er Jahre, als besonders in den USA aus allen Umlaufbahnen geworfene Schreibgenies fremde Welten erfanden, die der menschlichen Phantasie neue Dimensionen hinzufügten.
Auffällig ist, dass beide Werke von Dynastien handeln, die Hunderte, ja Tausende von Jahren regieren. Also echte Langstrecken. Beide Filme handeln von Gewalt-Imperien. „Game of Thrones” im tausendsten Jahrhundert. Dekadente Herrscher in Leder-Roben, die auf Thronen sitzen und „verkünden“. Marschierende „Garden“ und Armeen, die aus Riesen-Raumschiffen quellen wie die GIs in Irak und Afghanistan. Die Zukunft, sieht es so aus, wird von den Herrschafts- und Konfliktformen der Vergangenheit geprägt.
In „DUNE“ geht es bereits um ein Öko-Narrativ, in dem ähnliche Motive auftauchen wie in Camerons „AVATAR“. Es geht um die Abhängigkeit des „Imperiums“ von einem knappen Grundrohstoff, um Ausbeutung und Unterwerfung. Glitzerndes SPICE statt Öl oder Oxycontin. Und ein „unverdorbenes“ Stammessystem, das man romantisieren kann.
„FOUNDATION“ handelt von einer Klon-Dynastie, in der immerzu dieselben Herrscher nacheinander künstlich geboren werden und in drei Altersstufen hintereinander altern – Bruder Morgen, Bruder Mittag, Bruder Dämmerung. Technologie spielt aber in beiden Filmen, anders als in den meisten heutigen Sci-Fis, eine seltsam marginale Rolle. Es gibt zwar Super-Zauber-High-Tech, aber eigentlich geht es immer um soziale und mentale Fragen. Die Raumschiffe sind groß und clunky – echtes Heavy Metal im Stil von Steampunk. Man(n) trägt elektronische Schutzschilde, aber die funktionieren irgendwie nicht richtig. Man kämpft nicht mit Laser, sondern verrichtet schweißtreibenden Schwertkampf, als wäre man als römischer Gladiator plötzlich in die Zukunft gefallen, wo man aber mit Boosterwaffen nichts anfangen kann. Das wirkt bisweilen urkomisch, aber vielleicht ist der Rekurs auf das „Römertum“ kein Zufall. Blut, Krieg und Ehre – kommen wir dort in der Zukunft wieder heraus?
Frauen tragen meistens Schleier und Togas, sind aber sonst sehr emanzipiert. Vorbei ist die Zeit der Weltraumprinzessinnen. Es gibt weibliche Orden, die den Männerkulturen Paroli bieten und versuchen, diese daran zu hindern, ins Verderben zu schreiten. Was allerdings selten gelingt. Am Ende bringen Frauen mit ihrem Mut und ihrer inneren Disziplin den Wandel, die Katharsis – den Neuanfang.
All das erinnert irgendwie heftig an die Gegenwart.
Und Shakespeare lebt offenbar in der Zukunft.
Die Psychohistorik
Schließlich gibt es in „FOUNDATION“ einen Zukunftsforscher namens Hari Seldon, der mit seinen Prognosen das gesamte galaktische Imperium ins Wanken bringt. Er wirkt mit seinem Zauselbart wie ein Sparkassendirektor und doziert wie ein Geschichtsprofessor. Hari Seldon hat ein mathematisches Programm entwickelt, dass „die Zukunft“ voraussagt. Er bewahrt es im „prime radiant” auf, einem Art Zauberwürfel, der die Quadrillionen Operationen beinhaltet, die zur WAHREN Zukunfts-Voraussage nötig sind. Heute wäre das wohl ein handelsüblicher Speicher-Stick.
„Man kann nicht beobachten, ohne zu verändern.“
Werner Heisenberg
Was die Idee der Psychohistorik interessant macht ist, dass sie den „blind spot“ der Zukunftsforschung sichtbar macht. Geschichtlicher Wandel, so die Hypothese, entsteht nicht durch „Trends“, die sich mathematisch in die Zukunft weiterzeichnen lassen. Sondern durch die Reaktion der Menschen auf „die Verhältnisse“. Der Name „Psychohistorik“ besagt ja, dass die kollektive Psyche das entscheidende Element darstellt.
„Nicht die Ereignisse prägen die Zukunft, sondern unsere REAKTIONEN darauf.“
(Große Corona-Weisheit Nr. 48).
So dreht „FOUNDATION“ die Idee der Zukunfts-Voraussage um: Von einer PRO-Gnostik zu einer Re-Gnostik, die das Ergebnis ihrer Voraussage selbst herstellt. Die Vorhersage selbst wird zur Ursache einer großen Rebellion.
Gael: „Sie (die Herrscher) fürchten, dass Sie, Hari Seldon, die Zukunft voraussagen können!“
Seldon: „Sie fürchten eher, dass die Menschen GLAUBEN, dass ich das kann…!“
Seldons Prognose-Modell kann keine individuellen „Schicksale“ prognostizieren – es ist das Gegenteil von Astrologie. Wohl aber die Entwicklung großer systemischer Linien. Kaum hat Hari Seldon das Ergebnis seiner Meta-Prognostik veröffentlicht – „das Imperium wird fallen und 30.000 Jahre lang werden Tod und Verwüstung herrschen“ – bricht der imperiale Frieden in sich zusammen. Tod und Verwüstung beginnen. Es entsteht das, was wir in der Zukunftsforschung die „prognostische Schleife“ (oder futuristische Krümmung) nennen: Die Prognose wirkt als zwingendes Narrativ auf das Gegenwärtige zurück und formt die Entscheidungen, die zu ihrem Ergebnis führen. Von nun an wirkt das Gesetz der Sich-selbst-erfüllenden-Prophezeiung.
Und prompt wird aus dem Prognostiker ein Prophet. Auf dem fernen Planeten TERMINUS, wo Seldon eine Art Hippie-Kolonie von Neuanfängern gegründet hat, die das Imperium retten und beerben soll, entsteigt Seldon am Schluss der ersten Serie auf einem Hügel einem rätselhaften Gefährt, das sich unschwer als Bundeslade oder Moses-Vehikel definieren lässt. Er schreitet den Hügel herab und vereint die zerstrittenen Stämme der Galaxis im Kampf gegen das Imperium. Biblischer gehts nicht.
In „DUNE“ erweist sich Paul, der junge Erbe einer galaktischen Dynastie, als Kwisatz Haderach. So heißt in „DUNE“ der „Weltendeuter“, der alles Wissen der Welt in sich vereinigt. Und wer die Welt deutet, der beherrscht die Zukunft.
Das Seldon-Paradox
Das Motiv der Prognostischen Schleife – nennen wir es das SELDON-PARADOX – ist in der Sci-Fi-Fantasy Literatur nicht ganz unbekannt. Zahlreich sind die Figuren der Hexen und „Wahrsager“ in den diversen Mystik-Filmen, die durch Prophetie die Wirklichkeit an den Schnittstellen von Imagination, Voraussage und Realität konstruieren. Am bekanntesten ist vielleicht die Szene mit NEO und dem Orakel in „Matrix“:
Stimme im Off: „Das Orakel empfängt Dich jetzt, Neo!“
(Neo betritt den Raum, in dem das Orakel wohnt. Es ist eine Küche, in der eine runde, mütterliche Frau gerade Kuchen bäckt.)
Orakel: „Du bist Neo, nicht wahr? Ich weiß.“
Neo: „Sind Sie das Orakel?“
Orakel: „Du hattest etwas anderes erwartet, nicht wahr? Ich würde Dir gerne einen Stuhl anbieten, aber Du möchtest Dich ja sowieso nicht setzen. Und wegen der VASE mach Dir keine Sorgen.“
Neo: „Welche Vase?“
(Neo dreht sich zur Seite, wo er eine Blumenvase auf einem Tischchen sieht und diese dabei mit dem Ellenbogen zu Boden stößt, wo sie zerspringt.)
Orakel: „DIESE Vase. Aber mach Dir da keine Sorgen, eins meiner Kinder macht sie schon wieder ganz.“
Neo: „Woher wussten Sie das – dass ich sie herunterstoßen würde?“
Orakel: „Ohh. Viel quälender wird für Dich die Frage sein: Hättest Du sie auch zerbrochen, wenn ich nichts gesagt hätte?“
(Orakel zündet sich eine Zigarette an).
In „DEVS“, einer Streaming-Serie, die im Milieu ballistisch durchgedrehter Tech-Startups spielt, heuert ein hippieesker Visionär die besten Nerds an, die er finden kann, um eine Zukunfts-Prognose-Maschine zu bauen. Beim Prototypen-Test sitzen die Programmierer vor dem Bildschirm und erkennen plötzlich sich selbst. Eine der Figuren auf dem Schirm hebt die Hand, worauf ein realer Programmierer im Raum ebenfalls die Hand hebt. Das Programm hatte aber diesen Zug nur vorausgesehen, und der reale Mensch nur reflexhaft darauf reagiert …
Ist nicht auch unsere Erfahrung mit Corona nichts anderes als ein riesiges »Self-denying-fulfilling-event«? Ein Spiel, in dem wir uns immer etwas voraussagen, was durch unsere Handlungen entweder hervorgerufen oder vermieden wird? Jede Prognose über Corona hat sofort eine Gegen-Reaktion hervorgerufen, die den Wirklichkeitsverlauf sofort veränderte – und sich dadurch selbst widerlegte. Auf diese Weise zerstört sich „Objektivität“ als Begriff und Kategorie selbst. Es entsteht eine in sich geschlossene Zeitschleife, in der kein Modell mehr wirklich funktioniert.
Lars Weisbrod schreibt in der „ZEIT“:
„Wenn zwischen self-destroying prophecy und self-fulfilling prophecy kaum noch Raum bleibt für eine Prognose, die sich nicht selbst verbiegt; wenn sich die Wirklichkeit nach der Vorhersage richtet und nicht bloß die Vorhersage nach der Wirklichkeit, wie soll ein Forscher objektiv entscheiden? Vor die Wahl gestellt, zum Beispiel Inzidenzzahlen entweder zu hoch oder zu niedrig zu modellieren, würden viele von uns die überschossene Vorhersage wählen, die weniger Erkrankungen nach sich zieht. Wer epistemisch nur verlieren kann, warum soll er nicht ethisch entscheiden?“
In einer hypermedialen Gesellschaft werden Prognosen immer mehr zu direkten Handlungen – vor allem, wenn sie einen geldwerten Vorteil benennen. Wenn durch die öffentliche Aussage über eine Firma sofort deren Börsenkurs steigt, sind Prognosen plötzlich Verkaufs-Operationen. Pures Marketing. In Hysterien funktioniert es genau andersherum: Eine Gefahr wird durch ihre Voraussage erzeugt oder verstärkt, und im kollektiven Angst-Mechanismus verankert, wo sie sich hysteriehaft verselbstständigt.
You see, what you want.
You get, what you see.
Interessant ist es vielleicht noch zu wissen, dass Isaac Asimov, der das „Foundation“-Opus im Jahr 1951 schrieb, wahrscheinlich von realen damaligen „Propheten“ inspiriert wurde. Etwa dem Mathematiker, Quantenphysiker und Spieltheoretiker John von Neumann, einem der vielleicht genialsten UND verrücktesten „Zukunftsforscher“ der damaligen Zeit. Er arbeitete als Quantenmechaniker für das amerikanische Manhattan-Projekt, saß im »Target Commitee«, das die Atombombenabwürfe von Japan plante, und konnte so schnell denken, dass er sich von hinten selbst überholte. Von Neumann war nach dem Krieg Teil und Initiator mehrerer Zukunfts-Think-Tanks, deren berühmtester, die RAND Corporation, eine Art Schaltstelle der amerikanischen Futurologie darstellte, die damals erhebliche Einflüsse auf die Politik hatte. Verewigt wurde er (in einer Mischung mit Hermann Kahn, einem anderen „Futuristen“) in der Rolle des „Dr. Seltsam“ in Kubricks Film „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“. Auch in diesem Film geht es um das prophetisch-prognostische Paradox, in dem die Wirklichkeit durch ihre Voraussage „ausgelesen“, also erst erzeugt wird.
Man kann das Seldon-Paradox als eine Variante der Quantentheorie begreifen, in der das INFORMELLE zu einer Gleichzeitigkeit von Erfahrung und Vor-Stellung führt. Die „spukhafte Fernwirkung“ der Zukunft. Darin liegt viel Düsteres, Apokalyptisches (etwas, was sich auch in den Visionen von „Künstlicher Intelligenz“ ausdrückt – das Modell erzeugt die Realität). Umgekehrt könnte das Seldon-Paradox auch ein erhellendes Denkmodell im Sinne eines futuristischen Konstruktivismus sein. Das, was wir die RE-Gnose nennen, ist ja nichts anderes als Wirklichkeits-Konstruktion von der Zukunft her. Im Unterschied zur Prophetie geht es dabei aber nicht um Determinismus. Sondern um einen öffnenden Bewusstseinsprozess, in dem wir das Visionäre als Befreiung von den Fallen der Vergangenheit nutzen.
Die Zukunft entsteht IN UNS – als realer Möglichkeits-Raum.
Denis Villeneuve, der Regisseur von „DUNE“, weigerte sich übrigens, den opulenten Film im virtuellen Verfahren zu drehen, also nur im Studio. Auch in „FOUNDATION“ wurden die Raumschiffe wieder händisch, als echte Modelle, gebastelt. In einem Interview sagte Villeneuve:
„In einem Film wie „Dune“ steckt viel Planung, aber am Tag des Drehs kommt man in Kontakt mit dem Leben. Ich komme aus dem Dokumentarfilm. Ich brauche die Wirklichkeit. Sie hat einen Einfluss darauf, wie ich eine Szene angehe. Eine virtuelle Umgebung mag für andere funktionieren, für mich tut sie das nicht. Wir haben ein riesiges Set in Ungarn gehabt, wir haben fast alles gebaut.“
In meiner Jugend in den rebellischen Zeiten des vergangenen Jahrhunderts habe ich irgendwann einmal gelernt, dass Streit prinzipiell GUT ist. „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!” lautete ein beliebter Sponti-Spruch. Alles muss unentwegt kritisiert, in Frage gestellt, bezweifelt werden – die Mächtigen, die Eltern, der Kapitalismus, die Welt generell. Wer nicht streitet, (protestiert, kritisiert, DAGEGEN ist), ist „unkritisch“ und „Opportunist““, er ist „konform“ und hat keine eigene „Meinung“.
Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Womöglich haben sich die Dinge sogar umgedreht.
Nehmen wir eine typische deutsche Talkshow. Dort sitzen die „Herrschenden“, die Politiker, wie Sünder in den Sesseln. Und werden von den ModeratorInnen streithaft verhört. Ob sie nicht die geringste Reue zeigen ob ihrer UNFÄHIGKEIT?! Ob sie nicht eigentlich zurücktreten müssten, und ENDLICH einsehen müssen, dass sie auf ganzer Linie versagt haben? Zwischendurch werden Filme mit Schrecklichem gezeigt, Bilder, die Angst machen. Die Politiker winden sich auf ihren Stühlen, versuchen, cool und sachlich zu bleiben. Aber sie werden von einem höhnischen Moralismus niederkartätscht, der immer Recht hat.
Recht haben MUSS.
Im Boxkampf der Aufmerksamkeiten.
Im Triumph der Schlechterwisserei.
In der hypermedialen Gesellschaft, in der wir heute leben, sind „Meinungen“ zu einer Art Munition im Großen Aufmerksamkeitskampf geworden.
Bei „Meinungen“ handelt es sich meistens um Verengungen der Realität auf einen einzelnen Aspekt. Etwa „Die da Oben sind schuld!“ oder „Freiheit ist das einzig Wichtige!“
Meinungen sind zum großen Teil zu reinen Affekten geworden. Angefressenheiten, die sich in der der Abwertung Anderer ausleben. Anklagereien, die im Kreis herumfahren. Jede Debatte wird auf diese Weise zur „zweckbefreiten und absehbar ergebnislosen Kombination zweier Monologe“, wie Heidi Kastner es in ihrem Buch formuliert: „Heidi Kastner: Dummheit“ (S.41).
Was diesen Meinungskriegen fehlt, ist die Ebene der Reflexion, in der wir miteinander in Beziehung kommen, indem wir verschiedene Aspekte der Wirklichkeit austauschen. Der Transformationspsychologe Daniel J. Siegel schrieb in seinem Buch „Mindsight“: „Reflektieren erfordert eine unterstützende, sanfte Einstimmung auf das Selbst statt einer urteilenden Haltung, die verhört und abwertet. Reflexion ist ein mitfühlender Geisteszustand.“
Meinungskriege sind in ihrem Wesen narzisstisch geworden, weil sie nicht mehr dem Finden eines Weges, eines Konsens dienen, sondern dem Inszenieren des eigenen Egos. Sie entfesseln sich immer nur am Negativen. Niemals an Lösungen und Besserungen.
Destruktiver Streit verweigert die Zukunft.
Meinungskriege verlaufen oft nach den Gesetzen des Gegenruhms. Das heißt, dass wir unsere Identität und Wichtigkeit durch Gegnerschaften entwickeln. Je mehr Widerstand wir erfahren, desto mächtiger und ermächtigter fühlen wir uns.
Ich habe einige meiner Freunde an den Gegenruhm verloren. Es war plötzlich erregend, ein Rechter zu sein, wenn man früher ein Linker war. In dieser Umdrehung konnte man noch einmal die alte Lust an der Rebellion, am radikalen Dagegensein, erleben. In diese Falle rennen viele hinein – und landen in einem Shitstorm, den sie selbst mit angerührt haben.
Die Trotzkrise
Offensichtlich sind wir in eine Art Trotzkrise geraten.
Impf-Verweigerung ist ein Trotz, in dem ich mich ausschließlich auf meine eigenen Ängste fixiere. Man macht sich sozusagen zum Ober-Chef seiner Ängste, indem man sie nach außen als Vorwurf projiziert. Indem man Unterdrückungs- und Opfer-Konstrukte daraus baut, wird eine Grandiosität erzeugt, die selbsthypnotisch wirkt.
Ich traue der Welt nicht, weil ich mir selbst nicht traue.
Ich will wissen, wie weit ich gehen kann!
Ich möchte auch in meinem Trotz geliebt werden.
Sonst werde ich sehr wütend!
Wenn Kinder zwei, drei, vier Jahre alt sind, versuchen sie, die Macht des NEIN auszuprobieren. Das ist wunderbar, denn es signalisiert die erwachende Persönlichkeit. Bei seinen Trotzanfällen schaut das Kind allerdings immer sehr genau, ob die Mutter es noch liebt.
Die größere Trotzphase ist die Pubertät. Nicht nur Primaten, auch Gazellen pubertieren, indem sie ihre Kräfte und die Reaktionen der Älteren austesten. Affen verhalten sich dann „affig“. Gazellen rasen im Zickzack herum, was mittags in der Savanne ziemlich gefährlich ist (dort gibt es Löwen).
Die Pubertät ist eine geniale Erfindung der Evolution. Ohne Pubertät gäbe es keine Innovation, keine Fortpflanzung, keinen Wandel. Also die ganze Menschheit nicht. Pubertät heißt, Unterschiede setzen, Risiken zu suchen. Wirkungen auf die Welt und auf sich selbst auszuprobieren.
Marlon Brando fährt mit schwarzer Lederjacke auf einem schweren Motorrad in eine Kleinstadt irgendwo in Amerika ein. Am Zaun seines spießerhaften Einfamilienhauses steht ein verunsicherter Bürger und fragt: „Wogegen rebelliert ihr eigentlich?“
Marlon Brando: „WHAT HAVE YOU GOT?“
Rebellion ist großartig. Man sollte das Rebellische würdigen, es ist eine Gabe der Zukunft. Im Dauer-Zustand kann sich daraus jedoch eine mentale Regression entwickeln, ein Infantilismus, der in Erlernte Unmündigkeit mündet. Man bleibt dann im ewigen Meinen und Greinen stecken, das irgendwann in Bösartigkeit und Selbst-Sabotage mündet.
Das ewige Mimimi
Eine Pandemie ist Ereignis, das uns alle zum Zuhören und Reagieren zwingt. Eine Pandemie stellt unser Leben in lauter Paradoxien: Freiheit versus Verantwortung. Individualität gegen Zwang. Meinung gegen das, was für die Immunität zu tun ist.
Diese Paradoxien sind in einer Pandemie prinzipiell unauflösbar. Man macht zwangsweise immerzu Fehler. Man kann nur hindurchnavigieren. Und versuchen, das am wenigsten Schädliche zu tun. Das ist natürlich niemals genug, wenn man den Maßstab der Perfektion anlegt.
Wir erwarten von „der Politik“, dass sie die Paradoxie aufhebt wie eine Mutter, die alles „gut macht“. Wir erwarten Perfektion vom Staat, als wäre er ein Übervater, den wir gleichzeitig nach Belieben beschimpfen können.
Aber sind Politiker wirklich mächtig? Sind sie „verantwortlich“ für die Krise? Ebenso wie „die Politik“ könnte man „die Bevölkerung“ oder „die Gesellschaft“ beschuldigen.
Man könnte auch „die Medien“ beschimpfen. Haben „die Medien“ nicht mit ihrem Hang zu Sensationismus, Skandal und Übertreibung die Verängstigung unentwegt vorangetrieben? Hat man nicht die wackere Schar der Schwurbler erst regelrecht AUSGEBRÜTET, in dem jeder Vorwurf, jedes Dagegensein, populistisch für Einschaltquoten und clickbaiting genutzt wurde?
Es ist wohlfeil, Politikern heute vorzuwerfen, dass die „nicht früher etwas unternommen haben“. Dieselben Medien, dieselben Talkmaster, dieselben Kommentatoren wären wie der Teufel über ebendiese Politiker hergefallen, wenn sie auch nur daran GEDACHT hätten, früher Vorsorge zu treffen. Man kann sich leicht die Titel der Talkshows von Plasberg, Illner, Anne Will und Co. vorstellen:
„Diktatur der Vorsicht – will die Politik den totalen Lockdown-Staat?“
„Endstation der Freiheit – wie man durch Angstmache die Wirtschaft abwürgt!“
„Merkel im Corona-Wahn – hat die Freiheit noch eine Chance?“
Es ist das Wesen des pandemischen Vorhersage-Paradoxons, dass man es nie „richtig“ machen kann. Wenn man zu früh eingreift, wird nie das eintreten, was befürchtet wurde. Also war es falsch. Wenn es eintritt, wird das offensichtlich, was zu tun gewesen wäre, aber nie wirklich möglich war, moralisch rückwirkend eingeklagt.
So rattert das Karussell des Streits immerzu im Kreis herum, und alle hölzernen Figuren schütteln immerzu die Köpfe.
Das Katharsis-Prinzip
Die alten Griechen nannten den Moment, in dem die WAHRHEIT erscheint, die Katharsis. Die Reinigung von Affekten. „Durch das Durchleben von Jammer/Rührung und Schrecken/Schauder (von griechisch éleos und phóbos“), erfährt der Zuschauer der Tragödie als deren Wirkung eine Läuterung seiner Seele von diesen Erregungszuständen.“ (Wikipedia).
Eine Katharsis entsteht, wenn plötzlich DAS GANZE sichtbar wird. Dann entsteht eine eigentümliche Klarheit.
Kennen Sie das? Es ist, wie wenn man sich aus einer lärmenden Party auf den Balkon geht und tief Luft holt. Der Lärm verebbt, plötzlich sieht man die Zusammenhänge.
Wie alles wirklich ist.
Corona hat in vielen Ländern zu einer gesellschaftlichen Katharsis geführt.
In Amerika hat man danach einfach den Streit weitergeführt, ohne innezuhalten. So entstand eine Unversöhnlichkeits-Starre. In manchen südamerikanischen Ländern haben die Bürger Corona GEGEN die Herrschenden bewältigt (Beispiel Brasilien, wo die Impfquote enorm hoch ist). Dadurch ließ sich ein Stück Würde zurückerobern.
In China hat man sich von der Epidemie noch viel tiefer in den inneren Isolationismus hineinziehen lassen.
Frankreich hat den Weg der Konsequenz, der konstruktiven Entscheidung gewählt, der erstaunlich gut funktioniert hat. „Frei zu sein“, sagte Macron in seiner Corona-Rede vom 12. Juli, in der er eine Impfpflicht für Pflege- und Empathie-Berufe verkündete, „bedeutet in einem Land wie Frankreich auch, Verantwortung und Solidarität zu zeigen!“ Sofort stiegen die Impfraten. Und so ist es jetzt auch in Österreich und Deutschland.
Eine Eigenschaft des Trotzes ist, dass er sich unbewusst nach einem klaren Widerspruch sehnt.
Schweden hat konsequent auf die Selbstverantwortung seiner Bürger gesetzt. Also auf den Nicht-Trotz. Das war riskant, aber es hat eine Wirklichkeit erzeugt, auf die man sich beziehen konnte (nicht ganz so gut funktionierte das in der Schweiz).
In den südlichen europäischen Ländern – Italien, Spanien, Portugal – entstand in der Corona-Krise ein erstaunlicher Reifungs- und Integrations-Prozess. In diesen vorher besonders von Erregungs-Gräben durchzogenen Gesellschaften hat sich eine gesellschaftliche Re-Gnose vollzogen. Die Populisten verloren an Deutungsmacht, das Verhältnis zwischen Politik, Institutionen und Gesellschaft wurde plötzlich gestärkt. Und das Selbst-Vertrauen. In Italien, Spanien und Portugal hört man plötzlich nur noch selten die Formeln der Selbstabwertung á la „Wir können doch gar nichts, unser Land ist das Allerletzte!“
Die konstruktive Wende
Polarisierung ist das Zeichen unserer Epoche. Das Dagegensein ist die neue Konformität. Die Streitkultur ist destruktiv geworden, und aus diesem Sumpf wabert immer wieder das Monstrum hervor: Die Zerstörung der Gesellschaft durch die Macht der Bösartigkeit. Den destruktiven Populismus.
Aber jeder Trend erzeugt auch einen Gegentrend.
Es ist gut möglich, dass nun eine Bewegung der De-Polarisierung entsteht. Sie wäre die eigentliche, die wahre Rebellion unserer Zeit.
Ein starkes Zeichen dafür ist die Art, mit der die Ampel-Koalitionäre in Berlin ihren Vertrag ausgehandelt haben. Politik wird plötzlich nicht mehr als Feindschafts-Spiel verstanden, bei dem es immer darum geht, dem „politischen Gegner“ Vorteile zu entreißen. Sie wird wieder zu einem Lern-Prozess, zu einem Dialog mit und IN der Gesellschaft. Danach gab es ein riesiges Bedürfnis.
Robert Habeck formulierte sinngemäß so: „Das ist schon eine Zumutung. Man wird damit konfrontiert – oder konfrontiert sich selbst damit – dass der andere auch recht haben könnte.“
Fortschritt entsteht in der Versöhnung mit der Wirklichkeit zugunsten eines Win-Win-Ergebnisses. Wenn wir unser Denken und Fühlen an die reale Komplexität anpassen, entsteht Zukunft. Es geht darum, über den Streit und die innere Verworfenheit, die Trauer, dass nicht alles perfekt sein kann, hinauszuwachsen in ein lebendiges Verhältnis zur Welt.
Über die De-Polarisierung und ihre verschiedenen Formen – politische, mentale, soziale De-Polarisierung – möchte ich in der nächsten Kolumne berichten.
Gehören Sie auch zu denjenigen, die der Welt eine düstere Zukunft prognostizieren? Die das Gefühl haben, dass alles eigentlich längst zu spät ist? Dass es übel enden wird für die Menschheit?
Viele Menschen pflegen heute ein katastrophisches, oft auch menschenfeindlich-zynisches Weltbild. Sie verstricken sich in eine Hoffnungslosigkeit, die aus dem Lärm Tausender Medienkanäle, die davon leben, Erregungen zu produzieren. Als Zukunftsforschende haben wir festgestellt, dass es wenig nutzt, mit Zahlen, Daten und besseren Modellen dagegen zu argumentieren. Pro-gnosen, die eine differenzierte Zukunft voraussehen, werden selten wahrgenommen.
Das liegt an einem menschlichen Wahrnehmungsproblem, einem Bias: Der „Salienz-Verzerrung“ oder „Affekt-Affinität“. Salienz (von lat. salire:[hervor]springen, sprießen, hüpfen), beschreibt der Art und Weise, in der unser Bewusstsein mit Umweltsignalen umgeht. Gefahrenreize bewerten wir dabei immer höher als Kontexte, Befürchtung zählt immer mehr als begründete Hoffnung. Wir sehen selten das Gelingende. Das, was sich in der Welt verbessert. Wir verwechseln den Lärm mit der Realität. Angst wird zu unserer Wirklichkeitsbeschreibung. Auf diese Weise verirren wir uns in einem sehr dunklen Wald.
Wenn es zum Beispiel Korruptions- oder Missbrauchs-Skandale gibt, glauben wir, dass es immer mehr Korruption oder Missbrauch gibt – dabei machen Justiz und Zivilgesellschaft vielleicht gerade nur einen guten Job, sodass mehr Fälle sichtbar und aufgeklärt werden. Während uns vor den bösen Impfgegnerinnen und -gegnern graut, geht die überwiegende Mehrheit womöglich ganz vernünftig mit Corona um. Wenn alle sich hysterisch vor dem Klimawandel fürchten, wird verdeckt, dass gerade eine Menge passiert, was deutlich in Richtung einer postfossilen Wende weist.
Eine „Re-gnose” löst diese Zukunftsblindheit auf. Die Regnose ist ein Gedankenexperiment, in der wir uns in ein wahrscheinliches Morgen versetzen. Von dort aus schauen wir zurück und wundern uns: Wie sind wir eigentlich hierhergekommen? Wir sehen plötzlich die Linien, die Verbindungen, die von der Gegenwart in die Zukunft reichen. Wir erkennen, dass der Wald gar nicht so dunkel ist, wie er uns erschien. Wir denken von den Lösungen her, anstatt uns in die Probleme zu verbeißen.
Eine Langzeitperspektive eröffnet auch die „Clock of the Long Now” (Seite 14). Diese mechanische Uhr im Format eines Zweifamilienhauses, die mindestens 10.000 Jahre ticken soll, wird derzeit von amerikanischen Zukunftsforschern in eine riesigen Gebirgshöhle in Texas eingebaut. Mit dieser „Uhr des langen Jetzt” kann man das »Ahnendenken« üben, das unser Leben verbindet mit jenen, die nach uns kommen. Wir lernen, die Langzeitlichkeit der menschlichen Kultur zu verstehen – und damit innere Beziehung zur Zukunft.
„Wie wird die Welt wieder frisch?“ fragte sich der polnische Philosoph Zygmunt Bauman zeit seines Lebens. Regnosen, gezielte Ausflüge in die Zukunft, haben eine eigentümliche Wirkung. Sie machen den Kopf wieder frei vom Terror der Unmöglichkeit. Sie erlösen uns von der Angsthysterie. Trauen wir uns einen mutigen Gedanken zu: »Der Mensch« ist zur Zukunft fähig. Wir können die Welt verwandeln, indem wir uns selbst, unsere Wahr-Nehmungen, verwandeln. In diesem Sinne wünscht Ihnen das Zukunftsinstitut ein erleuchtendes Jahr 2022.
Nun ist es wieder passiert. Zu grauen und nebeligen Tagen hebt wieder der große Angst- und Schreckens-Gesang an, diesmal mehr mit Wut vermischt. Viele Menschen fallen wieder in einen Taumel von Angst und Verwirrung. von Vorwurf und Verzweiflung. Wir kehren in die Spirale des destruktiven Streits zurück.
Destruktiver Streit, wie wir ihn heute wieder über Corona pflegen, zeichnet sich dadurch aus, dass man in innerhalb des Streites nicht mehr weiterkommt. Man tappt sozusagen im Nebel. Destruktiver Streit basiert auf dem Prinzip des Gegenruhms: Eine endlose Mühle von Meinungen und Schuldzuweisungen, die in sich selbst festgefahren sind und sich gegenseitig hochschaukeln.
Staatsversagen!
Die Politik ist schuld!
Freiheitsberaubung!
Ich dreh gleich durch!
Alles Idioten!
Meinungskriege sind in ihrem Wesen narzisstisch, weil sie nicht dem Finden eines Weges dienen, sondern dem Inszenieren der eigenen Konstrukte. Destruktiven Streit erkennt man daran, dass er nur Erregungen, keine Reflexion zulässt. Re-flexion heißt ja, dass man miteinander Aspekte der Wirklichkeit »re-flektiert«. Also sich gegenseitig auf dem Weg in eine gemeinsame Wirklichkeit begleitet.
So haben es, wie es aussieht, die Neo-Koalitionäre in Deutschland gemacht. Es geht also, auch bei hochkomplexen Dingen! „Reflektieren erfordert eine unterstützende, sanfte Einstimmung auf das Selbst statt einer urteilenden Haltung, die verhört und abwertet. Reflexion ist ein mitfühlender Geisteszustand.”
So formulierte es der Transformationspsychologe Daniel J. Siegel in seinem Buch „Mindsight” (Goldmann-Verlag, S. 71).
Aber was tun man, wenn man mit einem aussichtslosen fraktalen Meinungskrieg konfrontiert ist? Dann ist es ratsam, sich bewusst zu entziehen. Sonst wird man unweigerlich hineingezogen in die Mühle der Erregungen. Und steckt plötzlich in einem Shitstorm, den man selbst mit angerührt hat. „Manche Probleme sind so komplex, dass man hochintelligent und gut informiert sein muss, um bei ihnen unentschieden zu sein.”
Das stammt von Laurence J. Peter, dem Erfinder des Peter-Prinzips.
Neben Heiterkeit und Liebe wäre ein mögliches Mittel, aus dem Nebel herauszukommen, die Erweiterung unseres Wahrnehmungs-Horizontes. Ein Blick über die Dächer. Machen wir also ein kleines Experiment. Hier einige Meldungen aus der »weiten Welt«, die Sie wahrscheinlich noch nicht gelesen oder wahr-genommen haben:
Die größte und erfolgreichste Impfkampagne der Menschheitsgeschichte geht in die nächste Runde. Indien meldet die Verabreichung von einer Milliarde Covid-Vakzin-Dosen, China führt diese Liste mit zwei Milliarden an, während Brasilien 258 Millionen Dosen verabreichte und Indonesien 172 Mio.
Global wurde bis Ende dieses Jahres knapp die Hälfte der Menschheit gegen Covid geimpft, und es geht schnell weiter… Quartz
Ein Rollout eines neuen Polio-Vakzins in sechs afrikanischen Ländern hat dazu geführt, dass 80 Millionen Kinder nun geschützt gegen Kinderlähmung sind. Mit verringerten Seiteneffekten war das Mittel das Erste, dass von der WHO für Noteinsätze freigegeben wurde und dadurch gegen Ausbrüche schneller schützen konnte. The New Vaccine WHO
Ruanda konnte seine jährliche Zahl von Malariafällen von 4,8 Millionen im Jahr 2016 auf 1,8 Millionen in 2020 reduzieren, schwere Fälle mit Todesfolge reduzierten sich um 70 Prozent. Die Regierung erprobt nun Drohnen, die Anti-Moskito-Präparate versprühen. Blasting mosquitoes with drones RBC
Einer der größten Killer in hochentwickelten Ländern ist der Schlaganfall – zweithäufigste Todesursache weltweit. Ein neuer Report in The Lancet zeigt, dass weitgehend unbeachtet die Opferzahlen deutlich reduziert werden konnten – weltweit. Zwischen 1990 und 2019 ging die standardisierte Anzahl der Schlaganfälle um 17 Prozent zurück, und die Todesfälle um 36 Prozent. The Lancet
Die Anzahl der weltweiten Kriegsopfer sank im Jahr 2020, das zweite Jahr in Folge. Die Gesamtzahl der in bewaffneten Konflikten gestorbenen betrug 120.000, das sind 30 Prozent weniger als 2018. Die Rückgänge gingen vor allem auf Veränderungen in Asien, Ozeanien und dem mittleren Osten zurück. SIPRI
Eine immer größere Anzahl von Menschen in den wohlhabenden Ländern glaubt, dass Diversität gut für die Gesellschaft ist. In den USA, Kanada, UK, Australien, Neuseeland und Taiwan steigt die Akzeptanz für kulturelle und ethnische Unterschiedlichkeit, sogar in kulturell homogenen Ländern wie Japan und Griechenland. Pew
Bereits vor dem Start von COP26 konnten Aktivisten gegen den Klimawandel eine gewaltige Welle von DECARBONISIERUNGS-INVESTMENTS verkünden – 40 Billionen Dollar in großen Portfolios und Pensionsfonds haben eine Abkehr von Öl- Kohle und Gas-Investitionen vollzogen. Das ist mehr als das BSP von USA und China zusammen. NYT
Ein bemerkenswerter Teil des Globalen Zement-Sektors hat sich zu einer deutlichen Verringerung von Emissionen bekannt. Ein Viertel bis 2030, Karbon-Neutralität im Jahr 2050. Global Cement and Concrete Association
Die Regierung von Chile hat das Verbot der meisten Verbrennungsmotoren von 2035 an angekündigt. Unter der neuen Elektrik-Transport-Strategie werden alle Fahrzeuge, Züge, auch schwere Lastwagen Zero-Emission sein müssen. We Go Electric
Malawi hat die Wilderei und den Tierhandel drastisch reduzieren können – dank strengerer Gesetze. 90 Prozent aller verurteilten Wilderer brachte 4 Jahre oder mehr im Gefängnis zu. Seitdem gibt es keinen Fall von Elfenbeinhandel oder Rhino-Horn mehr, auch der Schmuggel seltener Wildtiere nach China konnte weitgehend abgestellt werden. NYT
Im Ostpazifik wird ein 500.000 Quadratkilometer großes Meeresschutzgebiet entstehen, das auch die Galapagos-Inseln umfasst. Die Präsidenten von Ecuador, Kolumbien, Costa Rica und Panama verkündeten in der letzten Woche den Vertrag. Das Gebiet soll mehrere bestehende Schutzzonen miteinander verbinden und wäre damit so groß wie Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen. Innerhalb der geschützten Flächen soll es zukünftig unter anderem verboten sein, Fische zu fangen. The Guardian
Die Population des östlichen Flachlandgorillas hat sich verdoppelt, von 3800 auf 6800. Das ist die gute Nachricht aus dem Oku Community Conservation Center im Kongo. Die Fortschritte konnten durch konsequente Habitat-Konservation mit lokalem Community-Engagement erzielt werden. Mongabay
New Yorks Stadtregierung verabschiedete einen Plan, alle 885 Diesel-Busse der Stadt in vollelektrische Modelle zu konvertieren. Gleichzeitig wurde ein Zero-Emission Gesetz vor alle Passagierautos und leichten Transportfahrzeuge ab 2035 verabschiedet. We Go Electric
100 der weltgrößten Konzerne werden ab 2022 eine Minimalsteuer von 15 Prozent auf Gewinne zahlen. 136 Länder haben das neue Abkommen unterzeichnet, das mindestens 150 Milliarden mehr für die Bürger anstatt für die Konzernprofite abzweigen wird. Politico
Globale Energiespeicherung wächst so schnell und in solchen Dimensionen, dass das Argument, erneuerbare Energien wären „zu unregelmäßig”, bald hinfällig sein wird. 12,4 Gigawatt Batteriespeicher werden im Jahr 2021 installiert, gegenüber 4,2 im Jahr 2020 (und 1 GW 2016). Für die nächsten Jahre werden exponentielle Entwicklungen auch mit neuen, chemischen und mechanischen Speichertechniken erwartet. Inside Climate News
China hat mit der Konstruktion des größten weltweiten Erneuerbare-Energien-Projektes begonnen. 100 Gigawatt Wind und Solar-Kapazität werden in der Wüste installiert, was mehr als viermal so viel Energie wie der Dreischluchtendamm produzieren wird. Bloomberg
Das Kolonialzeitalter geht endgültig zu Ende: Anfang November wurden Lebensgroße, aus Tropenholz geschnitzte Königsstatuen, handgewebte Teppiche, kleine Glockenspiele aus Metall, insgesamt 26 Kunstwerke aus Paris zurück nach Benin gebracht. Die Werke wurden dort vor 130 Jahren von der französischen Kolonialarmee gestohlen. Mit der Rückgabe der Stücke begann Präsident Emmanuel Macron, sein 2017 gegebenes Versprechen einzulösen, geraubte Kunstwerke aus den früheren französischen Kolonien in ihre Herkunftsländer zurückzubringen.
In Irland startet ein Grundeinkommen-Versuch für Künstler:innen und andere Kulturschaffende. Die waren seit Beginn der Pandemie besonders stark von finanziellen Einbußen betroffen. In der geplanten Testphase erhalten 2.000 Kunstschaffende 3 Jahre lang jede Woche 325 Euro. Ab März 2022, spätestens ab April solle das Pilotprojekt starten, verkündete Kulturministerin Catherine Martin. 25 Millionen Euro stellt der irische Staat für das Vorhaben zur Verfügung.
Die Bevölkerungs-Explosion, die zum festen Narrativ unserer Zukunftsängste zählt findet nicht statt. Die Menschheit wird zwischen 9 und 11 Milliarden Menschen – Tendenz zu 10 Milliarden, ihren „Peak-People” zwischen 2060 und 2080 erreichen. Die Geburtenraten sinken weiter, auch in den Armutsländern, und die Bevölkerungszahl Chinas ist bereits derzeit auf dem TIPPING POINT. In dreißig Jahren könnte es 200 Millionen weniger Chinesen geben. ZEIT ONLINE
Was geht in Ihnen vor, wenn Sie diese Meldungen lesen? Sie könnten sagen: Was gehen mich Impfungen in Ruanda an? Oder: Wo stammen die Zahlen eigentlich her?
Ist das nicht geschönt?
Ist doch viel zu wenig!
Wie soll denn das die Welt retten?
Nein, es geht hier nicht darum, „ein bisschen Optimismus” zu erzeugen. Es geht nicht um Stimmungen oder Meinungen. Es geht auch nicht darum, ob es »genug« ist, damit wir Hoffnung haben »dürfen«.
Es geht um die Art und Weise, wie wir Realität und Wirklichkeit, also die Zukunft, konstruieren.
Wir schließen das, was wir für »die Welt« halten, immer in einem engen Tunnel ein. In diesem Tunnel selektieren wir meistens die negativen Signale, weil unser Hirn durch Jahrmillionen der Evolution dazu geprägt ist, das Gefahrvolle überzubetonen. Das hypermediale System, in dem wir leben, befördert diese Tunnelsicht. Auf diese Weise verengen wir uns in der Angst. Aus diesem negativen Narzissmus heraus entsteht leicht eine Paranoia – typisches Anzeichen dafür sind Verschwörungs-Narrative.
Eine besondere Nörgel-Neigung, die zur Bösartigkeit tendiert.
Ein Misstrauen, das auf Selbstverwerfung basiert.
(Die Meldungen stammen übrigen überwiegend von Plattformen, die sich dem Konstruktiven Journalismus verschrieben haben. Der Medienwissenschafter Bernhard Pörksen nennt das den „Planetarischen Journalismus”.)
Komplexe Probleme sind nicht auf der Ebene ihres Entstehens lösbar. Sondern nur dadurch, dass wir neu über sie denken lernen. Paul Watzlawick, einer der Begründer des Konstruktivismus, nennt das „die Sanfte Kunst des Umdenkens”. „Die eigentliche Ursache des Leids”, schreibt Watzlawick in seinem Weltbestseller „Anleitung zum Unglücklichsein”, „liegt in unserer Unwilligkeit, Tatsachen als reelle Tatsachen und Ideen als bloße Ideen zu sehen, und dadurch, dass wir ununterbrochen Tatsachen mit Konzepten vermischen. Wir tendieren dazu, Ideen für Tatsachen zu halten, was Chaos in der Welt schafft.”
Die 87jährige Naturforscherin und Schimpansen-Expertin Jane Goodall hat gerade ein wunderbares Buch veröffentlicht, in dem Sie ihre Erfahrungen mit ihrem lebenslangen Kampf gegen den Artenschwund und den Tierschutz beschreibt. In Das Buch der Hoffnung erörtert sie vier Gründe, weshalb sie an die Zukunft der Menschheit glaubt:
Den erstaunlichen menschlichen Intellekt.
Die Resilienz der Natur.
Die Kraft junger Menschen.
Den unbezähmbaren „Human Spirit”.
Wenn wir den Glauben an die Zukunft verlieren, verlieren wir die Wirklichkeit.
Wenn wir in die Wirklichkeit nur im verengten Blickwinkel unserer Angst wahrnehmen, verlieren wir uns selbst.
Hier noch eine kleine Zusatzübung: Machen Sie den neuen GAPMINDER-Global-Wirklichkeitstest von Ola Rosling, einem guten Freund des Zukunftsinstituts, der sich auf die neuesten Daten und die „Global Goals” der UNO bezieht. Probieren Sie es. Es lohnt sich. Sie werden merken, wie sich auch ihre Haltung zum »Corona-Problem« verändert.
P.S. Auch diese Corona-Welle wird vorbeigehen. Wir werden dann viel gelernt haben. Über uns selbst. Die Gesellschaft. Und das Leben.
„Müssen wir wirklich „die Welt retten“? Und ist der Klimawandel wirklich der Untergang, vor dem wir uns fürchten sollten?”
Sie fühlen sich, davon gehe ich einmal aus, als Europäerin oder Weltbürger. Sie interessieren sich dafür, was in der Welt passiert. Auf ihrem Heimatplaneten, so empfinden die meisten Menschen in unseren Kreisen, kennen sie sich ganz gut aus.
Dachte ich auch, bis ich wieder einmal mit der famosen Website Google Maps herumgespielt habe. Beim Klicken auf „Meine Zeitachse“ zeigt die Weltkarte mit roten Klecksen alle Punkte, an denen ich schon einmal war. Beim Draufzoomen werden daraus dicke rote Linien. Ich war über mich selbst beeindruckt, wie die breiten Streifen vor allem Süddeutschland fast komplett bedeckten. Aber dann habe ich noch näher herangezoomt. Da wurde mir klar: Meine Reiserouten sind eigentlich nur lächerlich dünne Spuren. Ja, „ich war“ in Offenburg: Meine Route zeigte eine Fahrt zum Hotel, einen Gang ins Tagungszentrum, eine kleine Runde zu Fuß durch die Altstadt. Ein Klacks! Auch in Venedig, Madrid oder Istanbul gab es auf den ersten Blick eindrucksvoll viele Spuren von mir. Aber es waren die üblichen Besucherrouten, die immer nur einen winzigen Prozentsatz der Fläche abdecken.
Selbst Extremreisenden dürfte es nicht viel anders gehen. Statistisch gesehen kennt ein Mensch von „der Welt“ – intensiv und aus eigener Erfahrung – lediglich Kleckse, Pünktchen, Miniminiflecken.
Vor ein paar Jahren habe ich Klaus Zapf kennengelernt, den (inzwischen verstorbenen) König der deutschen Möbelspediteure. Er war stolz darauf, in seiner mehrere Jahrzehnte langen Tätigkeit über 300.000 Wohnungen von innen gesehen zu haben – womit er wahrscheinlich den Weltrekord hält. Wie viele aller deutschen Wohnungen kannte er damit? Nicht einmal ein Prozent!
Zwerge oder Riesen?
Angesichts meines Fußabdrückchens auf diesem riesigen Planeten bin ich zurückhaltender geworden. Sind wir Menschen vielleicht nur Zwerge, die sich für Riesen halten? Das gilt auch für den Blick auf die Zukunft des Klimas und für den Blick auf die Zukunft überhaupt.
Eine Globusreise
Als Teenie liebte ich die Fernsehsendungen mit Professor Heinz Haber, meinem Wissenschafts-Guru aus der Zeit vor YouTube. In einer Folge aus dem Jahr 1979 sprach er über das Klima. Damals ging es um die Angst vor der Kälte. „Kommt eine neue Eiszeit?“ lautete die bange Frage, und Rudi Carrell landete einen Hit mit dem Schlager „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“
Haber stand im Studio vor einem Modell des Planeten Erde in typischer Globusgröße, Durchmesser 32 cm. Anhand dieser Miniausgabe im Maßstab 1 zu 40 Millionen erläuterte er die Dimensionen der Erde. Die Modell-Erdkugel stand leichtfüßig auf einem Ständer. Hätte sie das maßstabsgetreue Gewicht unseres Planeten, müsste sie 185 kg wiegen. Man hätte also mehrere starke Männer gebraucht, um das Ding ins Studio zu wuchten.
Das gesamte Wasser der Erde, inklusive aller Weltmeere und Grundwasserströme, würde im Modell in ein kleines Glasröhrchen passen: 21 Kubikzentimeter, weniger als ein Espresso. Alles Eis der Erde an den Polen und in allen Gletschern füllt auf der Modellerde einen halben Kubikzentimeter, nicht einmal ein Fingerhut. Sämtliches Süßwasser wäre ein Tropfen aus einer Pipette. Zur Veranschaulichung der Atmosphäre legte Haber ein hauchdünnes Tuch aus Kashmirseide über den Globus. Er entschuldigte sich, dass er nichts Passenderes gefunden hatte, denn mit seinem feinen Gewicht von 5 Gramm war es immer noch 20-mal schwerer als die Luftschicht der Modellerde.
Konnte das sein? Hatte sich da jemand vertan? Nein, alles korrekt. Ich habe weitergerechnet: Die Meere, im Schnitt rund 3.800 Meter tief, kämen beim 32-cm-Modell auf einen Zehntelmillimeter, dünner als eine Lackschicht. Den Mount Everest, mit 8.849 Metern die höchste Erhebung der Erde, könnte man auf einem maßstabsgetreuen Planetenmodell mit bloßen Auge nicht erkennen (zwei Zehntelmillimeter). Das tiefste Loch, das Menschen in ihren Heimatplaneten bohren konnten (12,2 km), ist im Modell einen Drittelmillimeter tief. Auf der Original-Erde ist es dort unten so heiß, dass Bohrer schmelzen, aus welchem unglaublich harten Material man sie auch fertigt. Vulkane, die gefühlt Materie aus dem „Inneren der Erde“ nach außen blasen, können im Extremfall auf Stoffe aus einem Millimeter Tiefe des Modellglobus zurückgreifen.
Würden alle acht Milliarden Erdbewohner so dicht gedrängt stehen wie bei einem Open-Air-Konzert (vier pro Quadratmeter), passen sie auf einen quadratischen Platz mit 40 km Kantenlänge – auf dem Modellglobus ein Millimeter. Drängen sie sich alle so eng zusammen wie in Telefonzellen-Rekorden (16 Menschen pro Quadratmeter, der Weltrekord liegt über 18), würde die Fläche des Bodensees reichen. Suchen Sie diesen See einmal auf einem Globus – er ist zu klein, um abgebildet werden zu können. Sind wir wirklich so eine massenhafte, überbordende Spezies, für die wir uns immer halten?
Eine Zeitreise
Eine gute Ergänzung zum räumlichen Globusmodell ist ein Zeitmodell, bei dem die fünf Milliarden Jahre, die der Planet Erde alt ist, auf ein Jahr verkleinert werden. Ein 80 Jahre langes Leben dauert in diesem Zeitmaßstab von 1 zu 5 Milliarden eine halbe Sekunde. Damit wird eine weitere Zwergeneigenschaft deutlich: Wir Menschen sind nicht nur winzig, sondern auch sehr, sehr jung.
Die ersten Monate ihres einjährigen Zeitraffer-Daseins beschäftigt sich die Erde vor allem mit ihrer eigenen Abkühlung. Bis Mitte Mai ist sie völlig unbewohnbar, danach entstehen erste Einzeller und Bakterien. Richtige Lebewesen gibt es erst ein halbes Jahr später. Anfang Dezember gehen die ersten von ihnen an Land. Ab dem 10. Dezember bilden sich Säugetiere und Saurier.
Am Mittag des 27. Dezember sterben fast alle Tiere aus, ausgelöst durch einen Asteroiden mit 14 km Durchmesser. Im Maßstab des 32-cm-Globus ein Körnchen mit einem halben Millimeter Durchmesser, das unseren Planeten aber mit der Wucht einer Gewehrkugel traf. Diese letzte große irdische Klimakatastrophe ließ die globale Durchschnittstemperatur der Erde von 20 auf über 25 Grad steigen – viel heißer, als es selbst mit verschärfter Verbrennung aller Fossilien jemals werden könnte. An den Polen wachsen damals Dschungel, der Meeresspiegel liegt über 100 Meter höher als heute. Das überleben nur ein paar Kleinsaurier, aus denen die Vögel entstehen, und mausgroße Säugetiere, die sich in nie dagewesener Artenvielfalt entwickeln und einen fulminanten Siegeszug antreten.
Im Laufe des 28. Dezembers türmen sich durch Zusammenstöße kontinentaler Schollen und Ozeanböden alle heutigen Hochgebirge auf. Aber noch immer gibt es keine Spur vom Menschen. Vermutlich, weil es noch viel zu warm ist auf der Erde.
Erst am Abend des 31. Dezember (etwa zu Beginn der Tagesschau) finden sich erste Spuren früher Menschentypen in Ostafrika. Gegen 22 Uhr beginnt in Europa, Asien und Nordamerika eine Periode großer Vereisung. Um 23 Uhr 50, während einer Zwischen-Warmzeit, ist die Höhle im Neandertal bei Düsseldorf bewohnt. Um 23 Uhr 57 beginnt der vorläufig letzte große Vorstoß des Eises, in Deutschland wird Schleswig-Holstein unter Gletschern begraben. Um 23 Uhr 59 aber tauen die Gletscher in der norddeutschen Tiefebene, Skandinavien, der Schweiz und vielen anderen Orten. Erst in der letzten Minute des Modelljahres beginnt das bis heute andauernde Holozän, eine leicht angewärmte Eiszeit mit einer globalen Durchschnittstemperatur von 14 Grad. Mit ihr startet die eigentliche Kulturgeschichte der Menschheit.
Um 23 Uhr 59 und 28 Sekunden wird in Ägypten die Cheopspyramide errichtet. 13 Sekunden vor Mitternacht wird Jesus von Nazareth geboren und gekreuzigt. 3 Sekunden vor Mitternacht sucht Kolumbus den Seeweg nach Indien und stößt auf Amerika. In der vorletzten Sekunde leben Napoleon, Goethe und Beethoven. In der letzten Sekunde des Jahres versechsfacht sich die Erdbevölkerung.
Wie mächtig sind wir?
Bei dieser Reise haben Sie eine erstaunliche menschliche Eigenschaft am eigenen Leib erlebt: die Macht der Phantasie, Ihre räumlich grenzenlose Denkpower und die allen Zeitgrenzen entzogene Geschwindigkeit Ihres Geistes.
Damit stellt sich eine reizvolle Frage: Könnte es sein, dass wir von der typisch menschlichen, beliebig dehn- und schrumpfbaren Vorstellungskraft in unserem Gehirn fortwährend gefoppt werden? Dass wir, ohne es zu merken, hin- und her geschleudert werden von unserer ureigenen menschlichen Multidimensionalität?
Mal sind wir Zwerge: Alle Ameisen auf der Erde wiegen (je nach Schätzung) ein- bis dreimal so viel wie alle Menschen (70 Millionen Tonnen). Den riesigen Erdball unter unseren Füßen haben wir gerade mal zart angeritzt. Unser Energiebedarf ist – verglichen mit dem Reichtum im All – lächerlich. Ein halbes Milliardstel aller Sonnenstrahlen trifft unseren Planeten. Pro Jahr würden drei Stunden der hier ankommenden Energie genügen, um den kompletten Verbrauch von uns Zwergen zu decken.
Und die Gesamtdauer der menschlichen Zivilisation ist ein kurzes Aufflackern, verglichen mit dem Alter des Planeten oder des Universums.
Mal sind wir Riesen: Kein anderes Lebewesen kann sich selbst, seinen eigenen Planeten und das ihn umgebende Universum so genau beschreiben und erforschen wie der Mensch. Dieses kleine Lebewesen hat die Möglichkeit, Zeit und Raum mühelos in seinem Geist unterzubringen. Ja, es kann hinauswachsen über alles, was es sieht, erlebt und weiß. Es kann sich beliebig viele, beliebig große und beliebig andersartig gestaltete Universen ausdenken und mit seinem Bewusstsein füllen. Erstmals nach Milliarden Jahren gibt es ein Lebewesen, das das gigantische Spektakel über seinem Kopf und unter seinen Füßen verstehen, erforschen, bewundern und besingen kann.
Es kann auch Techniken entwickeln, die sich auf den ganzen Planeten auswirken. Aber kann es wirklich „die Natur zerstören“? Kann es den „Weltuntergang“ auslösen?
Das Paradox
Wie sollen wir Menschen nur fertig werden mit unserem Zwerg-Riese-Paradox? Eine Frage, die keineswegs nur Denkakrobatik ist. Sie stellt sich mit der Klimapolitik in vorher kaum dagewesener Konkretheit.
Denkmodell 1: Menschen sind Klimazwerge. Sie überschätzen sich und ihre Rolle auf ihrem riesigen Planeten. Während die Erde um die Sonne kreist, eiert die schräg stehende Erdachse in einem wackligen Takt von zigtausend Jahren. So kriegt – in 10.000-Jahres-Rhythmen – mal die landreiche Nordhalbkugel, mal die meeresreiche Südhalbkugel etwas mehr Sonnenlicht ab (die sogenannten Milanković-Zyklen). Dazu kommen mögliche Ereignisse in der Tiefe des in seinem Inneren unerforschten und weitgehend unerforschbaren Erdballs, und weitere Phänomene aus dem Riesenreich des Universums – Sonnenflecken, galaktische Stürme, Meteoriten.
Denkmodell 2: Menschen sind Klimariesen. Im Lauf der letzten Jahrhunderte haben sie durch das massenhafte Verbrennen von Rohstoffen und durch vielfältige Eingriffe ins Ökosystem das sensible Gleichgewicht fundamental durcheinandergebracht. Sie haben den Anteil des Gases Kohlendioxid in der Atmosphäre von 0,3 auf 0,5 Promille erhöht und dadurch eine verhängnisvolle Entwicklung in Gang gesetzt. Pikantes Detail: Möglicherweise verdanken die heutigen Erdbewohner der fleißigen Heiztätigkeit ihrer Vorfahren, dass sie nicht zurückgeschlittert sind in eine Eiszeit (die eigentlich auf dem Klimaplan des Planeten gestanden hätte). Aber nun haben sie es mit dem Aufwärmen offenbar übertrieben.
Anhänger der Denkmodells 1 werden in der Regel als „Klimaskeptiker“, Befürworter von Denkmodell 2 als „Klimaforscher“ bezeichnet. Welches davon ist richtig?
Der Spieltheoretiker Christian Rieck hat darauf hingewiesen, dass bei derartigen Entweder-Oder-Szenarios die wahrscheinlichste Entwicklung gern übersehen wird: dass beide falsch liegen. Und dass obendrein die schlichte Aufteilung in Entweder und Oder der Wirklichkeit nicht einmal ansatzweise gerecht wird.
Warum es die Welt nicht gibt
Der Bonner Philosoph Markus Gabriel hat einen verblüffenden Ausweg aus dem Zwerg-Riesen-Dilemma gefunden. Er fragt: Was meinen wir mit der Aussage, dass es „etwas gibt“? Letztlich heißt „es gibt“, dass es „in der Welt“ vorkommt – eine sehr großzügige Interpretation. Denn so gesehen „gibt es“ nicht nur Menschen, Bäume oder Maschinen, sondern auch rosa Einhörner, mit Überlichtgeschwindigkeit rasende Raumkreuzer, Superhelden mit Superkräften und sprechende Mäuse. Menschen erleben tagtäglich, dass es auch Dinge „gibt“, die es „nicht gibt“. All das sind jeweils verschiedene Arten von „es gibt“, und jede dieser Arten nennt Gabriel ein „Sinnfeld“. So ist der Mond in dem einen Sinnfeld ein Himmelskörper, in einem anderen ein lyrisches Motiv, in wieder einem anderen eine auf die menschliche Seele wirkende Kraft. All diese einzelnen Sinnfelder können sich auch überschneiden und gegenseitig aufeinander wirken.
Gabriel liebt als Beispiel ein Szenario, in dem eine Frau namens Astrid, der Autor und der Leser den Vesuv betrachten – zur gleichen Zeit, aber von verschiedenen Orten aus. Astrid sitzt in Sorrent und sieht den Berg von Süden, der Autor und der Leser blicken ihn von Neapel aus an. Die klassische philosophische Frage lautet: Wie viele Gegenstände namens „Vesuv“ gibt es?
Der alte Realismus behauptet, es gebe nur einen „wirklichen“ Gegenstand, den Vesuv eben. Der moderne Konstruktivismus dagegen kommt auf drei Gegenstände: den Vesuv von Astrid, den des Autors und den des Lesers. Den Vesuv der Realisten (den Vesuv „an sich“) dagegen gibt es bei dieser Sichtweise nicht. Und wenn doch, wäre der der menschlichen Wahrnehmung entzogen. Gabriel dagegen zählt mindestens vier Gegenstände: den Vesuv in drei verschiedenen Perspektiven und dazu noch „den Vesuv“.
Viele gegenwärtige Diskussionen drehen sich genau um diese Frage: Welches der vielen Sinnfelder ist denn das „eigentliche“? Ist der Vesuv „an sich“ nicht doch „wahrer“ oder „realer“ als die subjektiv von Menschen wahrgenommenen Bilder von ihm? Was wird dem „wahren“ Vesuv gerechter: ihn zu vermessen, ihn zu besteigen, ihn anzubeten, oder ein Gedicht über ihn zu schreiben? Es muss doch ober- oder außerhalb aller partiellen Sinnfelder „den Sinn“ geben, „die Wahrheit“ oder „was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält“.
Doch da sagt Gabriel, und zwar voller Begeisterung: Nein, das ist nicht möglich. Es kann keinen Punkt außerhalb „der Welt“ geben, weil in dieser „Welt“ bereits „alles“ enthalten ist. Sobald sich jemand einen Punkt ausdenkt, von dem aus er „die Welt“ als außerweltlicher Beobachter betrachtet – ist dieser gedachte Punkt bereits wieder Teil der Welt. Markus Gabriel nennt seine Sicht der Dinge den „Neuen Realismus“, der in dem reizvollen Paradox endet: Es gibt „alles“, aber „die Welt“ gibt es nicht. Es gibt Sinnfelder, aber eine Welt bilden sie nicht.
Neuer Realismus
Das ist mehr als ein Gedankenspiel oder abgehobene Philosophie. Der „Neue Realismus“ hat praktische Konsequenzen in allen Diskursen, bei denen es vollmundig darum geht, „die Welt“ zu retten. Meist ist damit „die Erde“ gemeint, aber die hat ganz ähnliche Eigenschaften wie „die Welt“: Es ist kein sinnvoller Ort außerhalb von ihr denkbar. Science-Fiction-Träume, auf einen anderen Planeten umzuziehen, sind Unsinn. Auf der Erde gibt es nicht annährend genug Energie und Ressourcen, um einen nennenswerten Teil der Menschheit aus dem Schwerefeld der Erde weg zu transportieren. Ganz zu schweigen von den Problemen, auf dem Mars oder sonst wo lebensfreundliche Bedingungen zu schaffen.
Vor allem gibt es keinen beschreibbaren oder gar richtigen Norm-Zustand „der Natur“ oder „der Welt“, der erreicht oder wiederhergestellt werden müsste. Weltrettungsvorstellungen kranken an der Frage, wie die Welt „eigentlich“ sein soll. Es gibt krude Berechnungen, wie viele Milliarden Menschen die Erde „verträgt“ – bis hin zu dem krankhaften Wunsch, die Erde wäre erst dann wieder „Natur“, wenn der Mensch sie nicht mehr „kaputt macht“.
Wir Menschen leben – und zwar ausgesprochen komfortabel – auf diesem Planeten, weil wir anpassungsfähig sind und veränderungswillig. Weil wir aus unseren Fehlern lernen und im ständigen Wettbewerb um die besten Lösungen ringen. Weil wir unseren Heimathimmelskörper immer gestaltet und verändert haben. So wie Ameisen „die Natur“ verändern, indem sie Gänge graben, fremde Ameisenarten bekriegen und sich Blattläuse als Nutztiere halten. Natur ist Veränderung. Wäre sie das nicht – wir Menschen wären niemals entstanden.
Und wir wären niemals so weit gekommen. Für unsere Vorfahren stellten Klimaphänomene immer wieder existentielle Bedrohungen dar. Am schlimmsten übrigens, wenn es kalt wurde. Wie etwa in der Kleinen Eiszeit ab dem 14. Jahrhundert. Aber jede Klimaschwankung führte auch zu Anpassungen, neuen Technologien, veränderten Bautechniken. Oft sogar zu neuen Epochen, Kulturen, Denkweisen.
Wir Menschen werden beides tun müssen: Den Ausstoß von Treibhausgasen senken und gleichzeitig alles tun, um auf einem wärmer werdenden Heimatstern gut leben zu können. Wir werden als industrielles und innovatives Europa nicht darum herumkommen, die knifflige Aufgabe zu meistern: Anderen Nationen vorzuleben, wie es sich in Frieden und Wohlstand leben lässt, und gleichzeitig die Ressourcen des Planeten zu schonen. Sich also umweltfreundlich zu verhalten und es trotzdem schön und bequem haben – auf Dauer sogar schöner und bequemer als mit der bisherigen schmutzigen Technik.
Was aber nicht funktionieren wird: ausschließlich Verzicht zu predigen.
Warum man die Welt nicht retten muss
Zuerst die schlechte Nachricht: Wir können die Welt nicht „retten“. Und jetzt die gute: Wir müssen es auch gar nicht. Weil sie sich unaufhörlich selbst rettet. Sie ist nichts anderes als ständiger Wandel, Anpassung und Veränderung. Wir Menschen sind dabei stets Teil dieser notwendigen Prozesse gewesen, und zwar ein gar nicht so unbedeutender.
„Die Welt“ wurde schon so oft gerettet, und die Mehrheit der Menschen hat es nicht mal gemerkt. Wer etwa so alt ist wie ich (über 60), erinnert sich vielleicht an die Weizenfelder der Kindheit: lange Halme, damals größer als ich selbst. Wäre der Weizen weiter so verschwenderisch hoch gewachsen, hätten die Felder nicht mehr lange gereicht, um die wachsende Zahl der Menschen zu ernähren. Aber ein US-Agrarwissenschaftler hat in den 1960er- und 1970er-Jahren die Landwirtschaft revolutioniert. Nein, nicht mit Giften oder Gentechnik, sondern durch kluge, geduldige Zucht. Er kreuzte den ertragreichen Mexikoweizen mit einer kleinwüchsigen japanischen Sorte. So konnten mehr Körner auf einem Halm wachsen, ohne dass er umknickte. Die Erträge in Indien steigerten sich damit fast ums Dreifache. Bei Reis und anderen erzielte er ähnliche Verbesserungen.
Norman Borlaug hieß der Mann, der 1970 dafür den Friedensnobelpreis erhielt. Sein Name wäre heute geeignet als Wissensschocker für die 250.000-Euro-Frage bei „Wer wird Millionär“. Und er ist nur einer von vielen, vielen Menschen, die tagtäglich Probleme lösen, sich um die Zukunft sorgen und Mitstreiter für ihre Ideen finden.
Als ich 1953 geboren wurde, war ich einen Augenblick lang der jüngste von 2,6 Milliarden Menschen. In diesem Moment im Spätherbst 2021 bin ich (so verrät es die famose Statistikseite population.io) Nummer 574.941.717 von 7.284.959.001. Ich gehöre damit zu den ältesten sieben Prozent der Weltbevölkerung. Und ich finde das großartig. Wie viel mehr Menschen, Ideen, Initiativen und geistige Energien als vor 68 Jahren stehen damit zur Verfügung!
Ich finde es auf wunderbare Weise entlastend und erleichternd, das zu wissen. Wir brauchen „die Welt“ nicht zu retten. Stattdessen verbessern wir unseren Teil „der Welt“. Wir kümmern uns um das Arbeitsgebiet, auf das wir gestellt sind. Wir werden es intelligenter, freundlicher und weniger fossil gestalten.
Ein Hoch auf die Ketzerei
Als evangelischer Theologe liebe ich Ketzer. Wie Martin Luther den lautstarken Ablassverkäufern Widerstand geleistet hat, möchte ich der apokalyptischen Untergangspoesie der Weltretter eine nüchterne Bitte entgegensetzen: Machen wir einfach weiter wie bisher. Nichts anderes haben unsere Vorfahren über tausende Generationen hinweg gemacht: Sie haben die Dinge, bei denen es nötig war, verbessert. Sie haben geholfen, Katastrophen zu überleben oder sogar zu verhindern. Sie haben geduldig den Radius und die Fähigkeiten der menschlichen Kultur erweitert. Wäre das nicht ein vernünftiger und menschenfreundlicher Vorschlag zur Gestaltung der Zukunft?
Muss sie wirklich sein, die „Wacht endlich auf!“-Attitüde typischer Weltretter und Weltretterinnen? Der Narrativ, bisher sei alles falsch und verkorkst gelaufen, sorgt für unnötigen Stress, für Lagerbildung und Aggression. Wie wäre es, stattdessen dankbar auf die vielen Menschen zu sehen, die mir mein eigenes Leben ermöglicht haben? Muss man seine Vorgänger klein machen, um selbst größer zu wirken?
Meinen Vorfahren verdanke ich, dass ich lebe. Dem jüdischen Serologen Alexander Solomon Wiener aus Brooklyn verdanke ich, dass ich bei meiner Geburt nicht gestorben bin – so wie meine Schwester vor mir an einer Rhesusunverträglichkeit. Dem schottischen Bakteriologen Alexander Fleming verdanke ich, dass ich mit drei Jahren nicht an einer Lungenentzündung ums Leben kam – worauf sich meine Mutter, eine erfahrene Krankenschwester, schon eingestellt hatte. Gerade noch rechtzeitig traf aus den USA eine Sendung mit lebensrettendem Penicillin für mich ein.
Retten wir die Zukunft, indem wir uns vom Wahn der Riesen befreien, alles zu können – sogar die Welt zu zerstören. Die Naturforscherin Jane Godall schreibt in ihrem neuen Buch „Das Buch der Hoffnung“, sie habe vier gute Gründe, an die Zukunft zu glauben: den erstaunlichen menschlichen Intellekt, die Widerstandskraft der Natur, die Power junger Menschen, und den unbezähmbaren menschlichen Geist.
Wir sind Zwerge, vielleicht. Aber wir stehen auf den Schultern von Riesen. Beim französischen Philosophen Bernhard von Chartres taucht um 1100 diese schöne Metapher zum ersten Mal auf. Sie hat eine wundervolle Pointe: Unsere Kinder, Enkel und Urenkel werden – wenn wir schon lange nicht mehr hier sind – möglicherweise über uns Zwerge sagen: Erstaunlich, was diese Riesen damals in der Klimakrise geleistet haben.
Die Schrumpfung der Welt auf die rasende digitale Gegenwart ist an einer Grenze angekommen. In den Krisen der Gegenwart beginnt die Wiederentdeckung der „tiefen Zukunft“. Dazu dient eine Uhr, die mindestens zehntausend Jahre lang schlagen soll. Und uns auf neue Weise mit dem Morgen verbinden kann.
1. Die Uhr des Langen Jetzt
In einem entlegenen Winkel in den Bergen von Texas wird derzeit das wohl spannendste Projekt der heutigen Zukunftsforschung realisiert. In einer künstlichen Höhle am Ende eines 200-Meter-Schachts entsteht eine 30 Meter hohe mechanische Uhr, die zehntausend Jahre lang ticken wird.
Mindestens. Vielleicht werden es auch 100.000 Jahre.
Einmal im Jahr ertönt ein kleines Klingeln.
Einmal im Jahrzehnt ein Läuten.
Einmal im Jahrhundert ein Glockenspiel.
Am Ende jedes Jahrtausends ein GONG.
Blick aus den Bergen von Texas: Hier wird die „Uhr des Langen Jetzt” in einen Stollen eingebautBauarbeiten an der 10.000-Jahre-Uhr
Besucher sollen ab 2022 die Uhr durch ein Jadestein-besetztes Tor betreten und eine Wendeltreppe emporsteigen können. Vorbei an 2-Meter-Zahnrädern, riesigen Gegengewichten und Pendeln von 4 Tonnen Gewicht. Wenn die Besucher auf einer Plattform im oberen Bereich angelangt sind, können sie den Aufzugs-Mechanismus der Uhr betätigen. Dann ertönt eine von 3,6 Millionen Geläut-Kompositionen des Musikers Brian Eno. Aber das mechanische Aufziehen ist nicht unbedingt nötig. An der Spitze des gigantischen Mechanismus befindet sich eine Kuppel aus Saphirglas, die die Uhr mit thermischer Energie versorgt und sie mit der Sonnenstellung synchronisiert.
Auch wenn niemand mehr käme, um die Uhr zu besuchen, wird sie weiterticken.
In zehntausend Jahren soll sie nur wenige Sekunden falsch gehen.
Aber wer wird das überprüfen?
Und was wird dann sein?
Die „Clock of the Long Now“ ist ein Mental-Experiment zwischen Kunst, Meditation und spiritueller Provokation. Verantwortlich für das Projekt ist die „Long Now Foundation“, eine Stiftung, die sich kurz vor der Jahrtausendwende gründete und die Zukunft sozusagen „nach vorne erweitern“ will. Zu den Gründern gehören die Internet-Visionärin Esther Dyson, die Zukunftsforscher Stewart Brand, Paul Saffo, Peter Schwartz und Kevin Kelly. Dazu Brian Eno, der Konzept-Musiker, der sich in seinen Werken immer wieder mit den großen Fragen von Raum und Zeit auseinandersetzte. Ein großer Teil der Finanzierung wurde von Amazon-Gründer Jeff Bezos erbracht. Bezos sagte dazu: „In der Lebenszeit dieser Uhr werden ganze Zivilisationen entstehen und zerfallen.“
Wenn man diesen Satz aus dem Mund des größten Plattform-Tycoons der Welt hört, wird einem tatsächlich ein bisschen mulmig.
Das Experiment hat aber auch eine ganz praktische Seite. Wie baut man eine mechanische 10.000-Jahre-Uhr? Der „Erfinder“ ist der Ingenieur und KI-Computerspezialist Danny Hillis. „Ich wollte ein Symbol für die Zukunft schaffen“, sagt Hillis. „So wie die Pyramiden ein Symbol für die Vergangenheit sind. Ich begann, mich für die großen Zusammenhänge, die ‚Big Connections‘, zu interessieren. Und so kam ich auf die Uhr.“
Video: https://vimeo.com
2. Das Rasende Jetzt
In welcher Zeit leben wir?
In einer Endzeit, sagen viele. »Der Mensch« ist dabei, in großem Stil zu versagen. Sich selbst zu vernichten. An seinen selbstgemachten Problemen zu scheitern.
In einer gloriosen Beschleunigungs-Zeit, sagen andere. Die rasende Akzeleration der Technik wird uns »demnächst« von allen Nöten und Problemen befreien. Künstliche Intelligenz wird klüger sein als wir selbst. Quanten-Computer führen zu unendlicher Produktivität und Komfortabilität.
Aber in Wahrheit leben wir weder in einer Endzeit noch einer technischen Erlösungs-Zeit. Sondern in einer rasenden Schrumpfzeit, in der die Wirklichkeit auf einen einzigen glühenden Punkt zusammengeschnurrt ist. Das Radikale Jetzt.
Der „event horizon“ unserer hypermedialen Kultur ist auf eine ständige Befindlichkeitsübung geschrumpft. Wie gehts mir heute? Was gibt es zu beklagen, zu befürchten und zu vermeinen? Ist schon Weltuntergang? Worüber kann ich mich aufregen? Wir sind gefangen im Dringlichkeits-Wettrüsten, wie die amerikanische Publizistin Jenny Odell das nennt. Die Angst und Panik, die um irgendetwas kreist, was man morgen schon vergessen hat, strukturiert unser Zeitgefühl.
Alles wird Shitstorm.
Alle Information gerät zum Clickbaiting.
Das Unbedeutende wird gigantisch. Das Wichtige verschwindet.
Wir leben in der Twitterkratie.
Der Anomalie der Gegenwart.
Auf diese Weise verschwindet die Zukunft.
Man kann den Blick abwenden, die Aufmerksamkeitskannibalen und die Provokateure des Tages ignorieren, um sich dann in einer von Krisen geschüttelten Zeit einer einzigen, tatsächlich dramatischen Frage zuzuwenden: Was ist wirklich wichtig?
Bernhard Pörksen
Einer der zentralen Gründungsmitglieder der Long-Now-Foundation ist Stewart Brand. Er gehört zu jenen New-Age-Aktivisten, die vor fast einem halben Jahrhundert begannen, für die große Bewusstseinsveränderung zu kämpfen. Brands erste spektakuläre Aktion war eine Kampagne zur Freigabe des „Blue-Marble“-Fotos – der ersten hochauflösenden Fotografie der blauen Erde, aufgenommen im Jahre 1972 von einer Hasselblad-Kamera in einer Apollo-Kapsel. Stewart schaffte es, die Rechte für dieses ikonographische Bild von der NASA freizubekommen. Es prangte später auf dem Cover seines Whole- Earth-Katalogs, eine Art Aktionsbibel der Hippie-Bewegung (und ein analoger Vorläufer von Google). Und auf unzähligen T-Shirts, Plakaten, Postern. Es war das Symbol für den Weltethos – und eine Gründungs-Chiffre der Ökologiebewegung.
In den 80ern gründete Stewart die Zeitschrift CO-EVOLUTION, später die erste Online-Community, „The WELL“. Er verließ das Internet wieder, als es sich kommerzialisierte, und initiierte das „Global Business Network“, einen multidisziplinären Zukunfts-Think Tank, der das Zukunftsinstitut stark inspiriert hat.
Heute lebt der Mittachziger mit seiner Frau auf einem Hausboot. Einer von Stewarts Slogans lautet: “We are as gods – and might as well get good at it.”
Wir sind wie Götter – und könnten auch gut darin werden. Das klingt ein bisschen großspurig. Ist aber auf ironische Weise sehr bescheiden gemeint. Parallel zur Entwicklung der Uhr des langen Jetzt hat Stewart Brand ein Zeit-Wandel Modell entwickelt. Er nennt es das PACE LAYER-Modell – das Geschwindkeits-Ebenen-Modell. Oder das „Mehrschichtenmodell des Wandels“.
Es ist sinnvoll und realistisch, sich eine Zivilisation als etwas vorzustellen,das gleichzeitig in verschiedenen Geschwindigkeiten funktioniert.
Mode und Wirtschaft verändern sich schnell.
Wie es sein soll.
Natur und Kultur ändern sich langsam.
Wie es sein soll.
Infrastruktur und Politik begleiten beides in einem mittleren Tempo.
Aber weil wir uns vor allem auf die sich schnell verändernden Elemente konzentrieren, vergessen wir die wahre Kraft in den Sphären der langsamen, tiefen Veränderung.
Normalerweise konstruieren wir »Zukunft« im Kopf als eine homogene Zeit-Zone. Der Zukunftsforscher Alvin Toffler sprach schon in den 80er Jahren vom Phänomen des Zukunfts-Schocks: Wir wachen irgendwann im Morgen auf – und ALLES ist komplett anders. So wie in einem Science-Fiction-Film, in dem plötzlich alle mit 3-D-Brillen herumlaufen, in Flugautos fliegen und sich Hochhäuser aus Metall kilometerweit in den Himmel recken.
Aber vielleicht ist das eher eine Kleine-Jungs-Vorstellung. Die Zukunft wird nicht »homogen«, sie wird »multitemporär« – wie unsere Gegenwart auch. Denn sie ist das Resultat unterschiedlicher Geschwindigkeiten, in denen Altes und Neues sich ständig vermischen.
Das Schnelle lernt, das Langsame erinnert sich.
Das Schnelle schlägt vor, das Langsame entsorgt.
Schnell ist disruptiv, Langsam ist kontinuierlich.
Das Schnelle und das Kleine instruiert das Langsame und Große. Durch Innovationen und gelegentliche Revolutionen.
Schnell bekommt alle unsere Aufmerksamkeit. Langsam aber hat alle Macht.
Fast learns, slow remembers. Fast proposes, slow disposes. Fast is discontinuous, slow is continuous. Fast and small instructs slow and big by accrued innovation and by occasional revolution. Slow and big controls small and fast by constraint and constancy. Fast gets all our attention, slow has all the power.
Stewart Brand, How complex systems learn und keep learning.
Können Sie sich noch erinnern, wie man sich in den 80er Jahren das »Jahr 2000« vorgestellt hat? Alles sollte von da an ganz anders sein, utopisch und wahnsinnig technisch. Aber dann kam 9/11, die ethnischen Kriege in Jugoslawien, ein Kalifat in Syrien…
Das Internet, dieser sagenhaft-utopische Vorwärts-Raum, hat uns neue Verrücktheiten und mittelalterliches Rückwärtsdenken beschert.
Vieles wird anders, in der Tat. Aber manches bleibt womöglich wie es war. Das Alte kehrt immer wieder zurück. Oder es ist nie ganz verschwunden. Es nistet den Nischen der rasenden Veränderung, und plötzlich bricht es wieder hervor.
Trends, die rasend in einer Richtung verlaufen, ändern plötzlich ihre Richtung. Und erzeugen das Gegenteil:
Globalisierung erzeugt wütende Heimatsuche.
Beschleunigung erzeugt Stillstand und Stau.
Individualisierung führt zur Sehnsucht nach Gemeinschaft.
Indigene Kulturen mit einem ganz anderen Zeitbegriff existieren immer noch auf unserem Planeten. Tribale und nomadische Stammes- Gesellschaftsformen kehren INNERHALB der modernen Gesellschaft zurück – als Neo-Nomadentum, Verschwörungs-Sektenwesen oder aggressiver Mob.
Zivilisationen sind dann erfolgreich und resilient, wenn sie die schnellen Veränderungsprozesse mit den langsamen Prozessen synchronisieren können. Dabei geht es auch um die »produktiven Reibungen«, die zwischen den verschiedenen Ebenen entstehen. Stewart Brand formulierte das so:
„Jede Ebene muss die differente Geschwindigkeit der anderen Ebenen respektieren. Wenn Wirtschaft, der Kommerz, von der Politik und der Kultur erlaubt bekommt, die Natur in einer „kommerziellen“ Geschwindigkeit voranzutreiben, dann werden wir unsere unterstützenden Wälder, Fischgründe und Quellen verlieren. Wenn der Kommerz völlig ungehindert von staatlicher Wachsamkeit und Kultur ist, wird er leicht zum Verbrechen, wie in einigen Nationen nach dem Fall des Kommunismus. Ebenso sollte die Wirtschaft die die tieferen, langsameren Ebenen nicht kontrollieren, sondern eher instruieren – denn sie ist selbst viel zu kurzsichtig. Einer der großen Stressfaktoren unserer Zeit ist die Beschleunigung, die die Wirtschaft durch Globalisierung und die digitalen Netzwerk-Revolutionen erfährt. Die richtige Rolle des Kommerzes ist es, solche Schocks sowohl zu nutzen als auch zu absorbieren, indem sie Teile der Auswirkungen und Steigerungen auf neue Infrastrukturen umlenkt, aber die tieferen Rhythmen von Politik und Kultur respektiert…”
Each layer must respect the different pace of the others. If commerce, for example, is allowed by governance and culture to push nature at a commercial pace, then all-supporting natural forests, fisheries, and aquifers will be lost. If governance is changed suddenly instead of gradually, you get the catastrophic French and Russian revolutions. In the Soviet Union, governance tried to ignore the constraints of culture and nature while forcing a five-year-plan infrastructure pace on commerce and art. Thus cutting itself off from both support and innovation, it was doomed.
If commerce is completely unfettered and unsupported by watchful governance and culture, it easily becomes crime, as in some nations after Communism fell. Likewise, commerce may instruct but must not control the levels below it, because it’s too short-sighted. One of the stresses of our time is the way commerce is being accelerated by global markets and the digital and network revolutions. The proper role of commerce is to both exploit and absorb those shocks, passing some of the velocity and wealth on to the development of new infrastructure, but respecting the de eper rhythms of governance and culture.
Mode und Kunst sind für die schnellen vitalen Impulse zuständig. Politik hat auch die Aufgabe, die Gesellschaft zwischen Zukunft und Gegenwart auszubalancieren. Kultur ist auch die Sphäre des Gewachsenen.
Wenn Wirtschaft zu schnell wird, entwickelt sie »crashs«.
In Krisen-Zeiten können die verschiedenen Ebenen des Wandels wie ein Puffer wirken. „Einige Teile reagierten schnell auf den Schock, und ermöglichen dabei den langsameren Teilen, den Schock zu ignorieren und ihre stabilisierenden Funktionen für das Gesamtsystem aufrecht zu erhalten.“, so Stewart Brand.
Freeman J. Dyson, der visionäre Philosoph und Mathematiker des 20. Jahrhunderts, sprach von den sechs „Imperativen des Überlebens auf unterschiedlichen Zeitskalen“, die das menschliche Leben durchdringen:
Auf der Skala des Jahres ist die Einheit das Individuum.
Auf der Skala des Jahrzehnts ist die Einheit die Familie.
Auf der Skala des Jahrhunderts ist die Einheit der Stamm oder die Nation.
Auf der Skala des Jahrtausends ist die Einheit die Kultur.
Auf der Skala der Äonen ist die Einheit das Netz des Lebens auf dem Planeten.
„Jedes menschliche Wesen“, schreibt Dyson, „ist das Produkt der Anpassung an die Dimensionen aller sechs Zeitskalen. Deshalb liegen konflikthafte Loyalitäten tief in unserer Natur. Um zu überleben, müssen wir loyal zu uns selbst, unserer Familie, unserem „Stamm“, unserer Kultur, unserer Spezies UND unserem Planeten sein.“
Alle Zitate aus: PACE LAYERING: How Complex Systems Learn and Keep Learning. jods.mitpress.mit.edu
“Civilizations with long nows look after things better. In those places you feel a very strong but flexible structure which is built to absorb shocks and in fact incorporate them.”
Brian Eno
6. Die Perspektive der AHNEN
Stellen wir uns vor, in 1.000 oder 10.000 Jahren würden immer noch Menschen leben. Menschen, die sich mit der Frage beschäftigen, was Leben und Zukunft eigentlich bedeuten.
Die hoffen, lieben, zweifeln und wünschen.
Die hin- und hergerissen sind zwischen utopischen Wünschen und der tragenden Kontinuität.
Die immer noch sterblich sind, und deshalb angewiesen auf Zeit und Rhythmus, und Verbundenheit.
Stellen wir uns vor, wir könnten mit diesen Menschen von heute aus in Verbindung treten.
Die Lange Zeit, die vor uns liegt wäre kein Abgrund. Sondern eine Brücke.
Nehmen wir die Position der AHNEN ein.
In der Ahnen-Position – oder der Bewusstseinsstufe des Langen Jetzt – stellen wir uns vor, im Jahr 3000 einem Nach-Fahren zu begegnen, mit ihm in Verbindung zu treten. Womöglich wäre dieser Mensch gar nicht viel anders als wir. So, wie wir uns wahrscheinlich auch mit Menschen aus dem 18. Jahrhundert oder dem Mittelalter, oder sogar der Steinzeit, verständigen könnten, wenn wir ihnen begegnen würden.
»Ahnendenken« überschreitet den Abgrund der Zeit und besteht im tiefen Erkennen, dass wir diejenigen sind, die die Zukunft verursachen. Dadurch wird unser Leben in einen anderen Kontext, eine reale Perspektive gestellt. Wir sind jetzt nicht mehr gefangen und unterjocht von Rasenden JETZT. Unsere Sterblichkeit wird zumindest relativiert.
Die Zukunft wird von einem bedrohlichen Menetekel, einer von uns abgetrennten Nicht-Wirklichkeit, zu einem Möglichkeitsraum, den wir mit-verursachen.
Auf den wir eine Wirkung haben.
„Jede Form der Zivilisation ist ein weises Gleichgewicht zwischen fester Substruktur und aufsteigender Freiheit.”
“Every form of civilization is a wise equilibrium between firm substructure and soaring liberty.”
Eugen Rosenstock-Huessy
Das Kathedralen-Denken
Der Philosoph Roman Krznaric hat in seinem Buch „The Good Ancestor“ die „Sichtweise des Ahnen“ als neue Superposition des Denkens und Handelns vorgeschlagen. Er hat einige Elemente beschrieben, die zu dieser Sichtweise gehören, und die auf dem Weg der Zivilisation „in Richtung Zukunft“ hilfreich sein könnten.
Im Mittelalter bauten Menschen Dome, Klöster, Kathedralen über Jahrhunderte und Generationen hinweg. Das gab ihren Gemeinschaften einen Sinn, eine Ausrichtung auf das Morgen, eine VISION und gleichzeitig TRADITION. Viele Gebäude der Menschheit entstanden auf diese Weise: Sie schufen die Gefäße für neue, komplexere Gesellschaftsformen.
Wie wäre es, wenn wir das Generationenprojekt der Dekarbonisierung als neue Kathedrale definieren? Dies könnte auch den unsinnigen Streit darüber beenden, ob nicht „alles schon zu spät“ ist, und die „Menschheit sowieso keine Zukunft hat“. Kathedralen baut man langsam, Stein für Stein, über Generationen hinweg. Mal gehen die Steine aus, mal die Steinmetze, mal der Zement. Aber man wird die Bauarbeiten immer wieder aufnehmen. Wenn die Zeit drängt, kann man auch schneller bauen. Die Pyramiden wurden in wenigen Jahren errichtet, und dauern schon Jahrtausende. Kathedralen weisen über ihr Einweihungsdatum hinaus.
Der Kern des Ahnendenkens ist die Verantwortung. Aber Verantwortung muss nicht SCHULD heißen. Wir sind unseren Nachkommen nicht etwas »schuldig« im Sinne von Buße oder vorauseilender Reue. Das Wort »Antwort« in Verantwortung sagt, dass wir Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart finden müssen und können. Es geht damit eher um INVESTITIONEN in die Zukunft – geistige, materielle, kognitive. Den Möglichkeitsraum ausweiten statt verkleinern Aber eben auch für uns selbst. Wer möchte schon in einer Gegenwart leben, die in Richtung Zukunft geschlossen ist wie eine Ölsardinenbüchse?
Es gibt bereits funktionierende Tools für eine solche über-generative Politik. Finnlands „Komittee für die Zukunft“ wurde 1993 etabliert. Das Gremium aus 17 gewählten Vertretern bewertet regelmäßig Dossiers in Bezug auf Arbeit, Technologie, Demographie, Umwelt in Bezug auf die aktuelle Politik. Ungarn hatte zwischen 2008 und 2012 einen Ombudsmann für zukünftige Generationen mit erheblichem Einfluss auf die Umweltpolitik. Schweden etablierte 2005 einen „Council for the Future“, deren Präsidentin Kristina Persson als erste Zukunfts-Ministerin bekannt wurde. Die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über ein eigenes Ministerium für „Entscheidungen und Zukunft“. Seit 2015 existiert der Zukunfts-Kommissar-Posten von Wales. Derzeit wird diese Leuchtturms-Funktion von einer Zeit-Rebellin ausgeübt, Sophie Howe, eine Kämpferin für intergenerationale Gerechtigkeit, die mit 21 Jahren in ihr Amt gewählt wurde.
Die Zeit-Rebellion
Man kann das Langzeit-Denken als eine Art Zeit-Rebellion begreifen: Gegen die Tyrannei des Jetzt, den Terror der Beschleunigungen, die Verengung der Zeit auf den puren Erregungs-Wahn.
Entschleunigungs-Techniken gibt es seit Jahrtausenden in vielen Kulturen der Welt. Das Fasten und das Meditieren, die Kontemplation und der Weltrückzug. Auch Rituale haben einen Zeit-erweiternden Charakter.
Die Uhr des Langen Jetzt ist ein weiteres Element der entschleunigenden Geistesübung, vergleichbar mit der Meditation. In der rasenden Jetztzeit sind wir alle auf eine seltsame Art und Weise existentiell einsam geworden. Jeder lebt nur noch in seiner temporären Blase. Das heutige Endzeit-Denken ist vielleicht nur das: Das Gefangensein in einer Selbstbezüglichkeit, aus der es keinen Ausweg mehr zu geben scheint.
Lauschen wir also dem Ticken der Uhr, die vielleicht 10.000, oder auch 100.000 Jahre schlagen wird. Atmen, denken, fühlen wir hinein in das, was uns mit Zukunft und Vergangenheit verbindet. Weit über unsere Lebenszeit hinaus. Können sie das spüren? Die Einmaligkeit, aber auch Aufgehobenheit unseres Lebens in der langen Zeit, die vor uns hinter uns liegt, die uns umgibt und in die Zukunft trägt?
Versuchen sie es einmal. Es ist verdammt schwer. Und gleichzeitig ganz einfach. Es ist die Entdeckung der Zukunft in uns selbst.
Für viele Pessimisten ist die Zukunft der Demokratie bereits Vergangenheit. Autokratische Regimes und populistische Bewegungen überrennen früher oder später die klassischen Verfassungs-Demokratien. Die „illiberale Demokratie“ ist nicht aufzuhalten, so scheint es.
Taliban, Trumps und Putins aller Länder vereinen sich – und gewinnen das Spiel um die Zukunft der Demokratie: indem sie sie abschaffen.
Aber vielleicht ist auch alles ganz anders. Die Idee der Demokratie ist uralt. In ihrem Kern beruht sie auf dem Drang zu besserer menschlicher Kooperation durch die Moderation von Macht. Eine solche Idee kann herausgefordert werden. Kann in Krisen geraten. Aber »sterben« kann sie nicht.
Allerdings braucht Demokratie, wie alles Lebendige, immer wieder systemische Erneuerung. Ein re-thinking und re-doing.
Die Politik von heute ist in vielem immer noch in den politischen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts gefangen. Ihre Grundzüge entstammen der Ära der Klassenkriege, in denen die Denkmuster von „Links“ und „Rechts“ entstanden (ursprünglich kommt diese Achse analog der Sitzordnung der französischen Nationalversammlung nach der französischen Revolution). Aber in einer Welt der Konnektivität, der Individualisierung und der ganz neuen globalen Herausforderungen macht diese »Schlachtordnung« keinen wirklichen Sinn mehr.
Der Konfusionismus
Philippe Corcuff, ein Politikwissenschaftler aus Lyon, hat in der französischen Politikdebatte einen neuen Schlüsselbegriff geprägt: KONFUSIONISMUS.
(Phillippe Corcuff, „La grande confusion: Comment l’extrême-droite gagne la bataille des idées“, textuel 2021)
Damit ist eine völlige Verwirrung der politischen Lagerformen auf der Links-Rechts-Achse gemeint. Das Resultat ist ein bizarrer Brei, ein genereller politischer Orientierungsverlust.
Wahlprognosen werden immer wertloser.
Parteiprogramme immer beliebiger.
Wahlverhalten immer flüchtiger.
Lagerdenken immer aggressiver – und gleichzeitig bedeutungsloser.
Das Progressive und das Reaktionäre gehen immer mehr ineinander über. Alles vertauscht sich: Die neuen WOKE-Bewegungen setzen auf eine Ästhetik des Verbots. Die Konservativen entdecken die Nachhaltigkeit. Das Autoritäre erscheint plötzlich rebellisch. Das Reaktionäre kritisch. Die Linken greifen zunehmend zu Exklusions-Ideen. Die Rechtsradikalen brüllen Freiheitsparolen.
So führt die sozialdemokratische dänische Regierung »Getto-Quoten« ein, will die Anzahl der Ausländer in Stadtteilen begrenzen und die Zahl von Asylbewerbern auf Null reduzieren. Begründet wird das mit dem Erhalt des Sozialstaates. Rechte entdecken nach dem neoliberalen Furor die umfassende Staats-Fürsorge neu – eigentlich ein »linkes« Thema (Nationaler Fürsorgestaat à la Polen/Ungarn; auch Boris Johnson ist inzwischen ein Staats-Interventionist). Oder reklamieren die Ökologie als neues nationales Thema (Marine Le Pen: „Ökologie ist ein Ur-Thema der Rechten!“). www.spiegel.de
Der neue peruanische Präsident Pedro Castillo vertritt ein eher konservatives Programm, stammt aber aus einer linken Basis-Bewegung. Die Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht zieht mit ihrem Brandbuch „Die Selbstgerechten“ gegen die „verlogenen urbanen Mittelschichten“ zu Felde – und betreibt kulturelle Spaltung in ihrem eigenen politischen Lager.
Die Liberalen flirten derweil mit dem »Empörismus« der Populisten, wo immer es sich anbietet. Aber was ist in einer hyperliberalen Gesellschaft noch »liberal«? Und was hält die Gesellschaft noch im Inneren zusammen?
All diese Verwirrung ist kein Zufall. Sie weist auf einen Zeitenwechsel hin. Der allerdings erfordert ein neues Denken, im Politischen, aber nicht nur da.
Die Infantilisierung der Politik
Es ist vor allem das mediale System, die »informelle Sphäre«, die die Verkindlichung des Politischen vorantreibt. Im medialen Populismus wird Politik zu einer Art Erregungs-Entertainment. Im Tonfall der ständigen Beleidigung, des Opfertums und der Empörung werden unentwegt Ansprüche eingefordert. Es entsteht eine Rhetorik des »Haben-Wollens«. Politik als Konsum. Als Quengel-Politik. Als Reklamations-Veranstaltung: „Das haben wir nicht bestellt, wir wollen unser Geld zurück!“ Der Staat, oder »der Politiker«, wird für alle Übel und Unzulänglichkeiten verantwortlich gemacht, aber gleichzeitig als großer Erlöser angehimmelt und angehofft.
Es sind fünf große „Creeping“-Prozesse, in denen sich das Politische gleichsam selbst zerlegt:
Lobbysierung:
Die immer professionellere Weise, mit der partiale Interessengruppen um Macht und Einfluss kämpfen.
Personalisierung:
In der hypermedialen Kultur geht es irgendwann nur noch um Charaktereigenschaften und private Vorlieben von Politikern; ein Star-Kult-Anspruch, der Politiker komplett zu Soap-Opera-Stars macht und den sie nur um den Preis der Selbstaufgabe erfüllen können.
Hysterisierung:
In der Aufmerksamkeits-Ökonomie geht es vor allem um die Verstärkung und Nutzung von EMOTIONEN. Ängste sind die stärksten Wirkungsträger. Aus Ängsten entstehen Kollektiv-Wahrnehmungen, die sich zu regelrechten Angst-Epidemien verdichten (lassen).
Skandalisierung:
Das mediale System ist gierig nach Erregungen, es schürt und produziert (Schein-)Konflikte, treibt Spaltungen voran, um dann scheinheilig in deren Beklagung die Kern-Ressource unserer Zeit abzuschöpfen: Aufmerksamkeit.
Polarisierung:
Besonders in Wahlkampf-Zeiten regiert das Gesetz des GEGENRUHMS: Man kämpft in der Politik immer weniger FÜR etwas. Sondern vor Allem gegen den als dämonisch dargestellten Gegner. Der Kampf verläuft nach dem Prinzip der „Dementoren“ von Harry Potter. Jener unheimlichen Wesen, die ihre Macht daraus beziehen, die Energie aller anderen abzusaugen. Und in dunkle (Macht-)Energie zu verwandeln.
Der mediale Overdrive wird früher oder später dazu führen, dass sich nur noch Roboter oder schwer Gestörte als Spitzenpolitiker bewerben.
Die nächste Integration
Bruno Latour hat in seinem Essay „Ein vorsichtiger Prometheus“ darauf hingewiesen, dass durch die ständige Beschleunigung unserer Kultur am Ende nur zwei große Zukunfts-Narrative übrig bleiben. Bruno Latour: „Ein vorsichtiger Prometheus“
Sozusagen Meta-Ideologien jenseits von Lechts und Rinks.
Die eine Groß-Erzählung handelt von rasendem Fortschritt. Von permanenter Veränderung, Modernisierung, Beschleunigung. Es geht um ÜBERWINDUNG – von Fesseln und Traditionen und von Vergangenheit. Und um Leistung, »Performance«, Effizienz … um das, was auf jedem Management-Seminar gefordert, gepredigt und »empowert« wird.
Das ist der Sound der PROGRESSION.
Die komplementäre Erzählung handelt von Bindung und Sicherheit. Von Tradition und Verpflichtung. Von Abhängigkeit, Fürsorge und Solidarität. Von der Nation als Kulturraum, in dem man sich dauerhaft und verlässlich zurechtfindet. Von Vergangenheit als nutzbarer Maßstab. Von Homogenität und Wahrung der Formen.
Es geht hier um das TRADITIONALE.
So lange diese beiden Super-Meme gegeneinanderstehen, tritt die gesellschaftliche Entwicklung auf der Stelle. Spaltung ist unvermeidlich. Zwei »metakulturelle« Lager entstehen, die allerdings weder stabil noch kontinuierlich sind. In Richtung Zukunft auflösen lässt sich dieser Antagonismus nur durch eine neue Narration. Wenn eine neue (Zukunfts)-Erzählung entsteht, die das Traditionale UND das Progressive, das Verbindliche und das Auflösende, das Stabilisierende UND das Verändernde auf einer neuen Ebene integriert.
“
„Manche Probleme sind so komplex, dass man hochintelligent und gut informiert sein muss, um bei ihnen unentschieden zu sein.“
Laurence J. Peter, der Erfinder des Peter-Prinzips
Politik als Regnose
Wie gelingt in einer Gesellschaft so etwas wie echter Wandel? Ein Beispiel dafür stammt aus Irland. Irland hat bis in die Nuller Jahre hinein ein sehr traditionelles, agrarisches Politik- und Gesellschaftsmodell bewahrt. Politik war eher nationalistisch, kirchlich geprägt, Minderheiten waren kaum repräsentiert. Innerhalb von wenigen Jahren machte das Land einen erstaunlichen Sprung in eine tolerante, offene Demokratiekultur. Für viele Jahre hatte Irland dann einen sehr beliebten, offen homosexuellen Ministerpräsidenten mit Migrationshintergrund, Leo Varadkar. Ein Aufbruch entstand, den sich vorher niemand vorstellen konnte.
Bei diesem erstaunlichen Wandel spielten Volksabstimmungen, Town Hall Meetings und Bürgerversammlungen eine wichtige Rolle; also Instrumente, die über die klassische Repräsentations-Politik hinausgehen. Ähnliches geschah in Belgien, wo ein Zukunfts-Bürgerrat über die Zukunft des Landes beriet. Oder in Frankreich, wo Macron nach der Gelbwestenbewegung großflächig assemblées ins Leben rief.
In solchen kollektiven Diskussionsprozessen geht es weniger um »Forderungen« oder »Programme«, auch nicht so sehr um »Ergebnisse«. Sondern um eine symbolische Kommunikation, in der ein magischer MINDSHIFT entstehen kann. Der irische Schriftsteller und Journalist Colm Tóibín beschrieb diesen Prozess so:
„Als ich als Schwuler in Irland aufwuchs, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich die Haltung des Landes zu Homosexualität jemals ändern würde. Das Land war katholisch und konservativ. Bei jeder Wahl hatten die Menschen gezeigt, dass sie kein Interesse an Veränderungen hatten. Oft stimmten die Menschen so, wie es ihre Eltern taten. Um die gleichgeschlechtliche Ehe in Irland einzuführen, musste die Verfassung geändert werden, und das bedeutete ein Referendum im Jahr 2015 … Ich war nicht der Einzige, der glaubte, dass eine Mehrheit mit Nein stimmen würde, wenn es nur zwei Antworten auf die Frage ‚Soll in Irland die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt werden?‘ geben würde.
Aber die Befürworter der ‚Homo-Ehe‘ haben diesen Familienbegriff umgedreht und die Familien von Homosexuellen aufgefordert, nicht über Rechte, sondern über LIEBE zu sprechen. Homosexuelle wurden aufgefordert, nicht wütend zu werden, sich nicht in Streitereien zu verwickeln oder Forderungen zu stellen, sondern sich einfach zurückzuhalten und ihre Mütter oder Väter oder Geschwister reden zu lassen und der Nation zu sagen, wie sehr sie ihren homosexuellen Sohn oder Bruder oder ihre Schwester lieben und wie sehr sie wollen, dass sie glücklich sind.“ www.sueddeutsche.de
Das irische Referendum zur Abtreibungs-Liberalisierung und zu den Minderheitenrechten wurde schließlich mit 62 Prozent gewonnen. Das, was den Iren am Wichtigsten ist – Familie, Treue, Hoffnung – ,wurde zu einer Neu-Codierung der Zukunft. Das Traditionale beschrieb plötzlich das Morgen. Es entstand eine Re-gnose, eine transzendente Öffnung im politischen Prozess, der den gesellschaftlichen Wandel ermöglichte, indem er ihn nicht als Problem, sondern als Lösung darstellte.
Übrigens ist das das genaue Gegenteil von »Identitätspolitik«. Diese ist vielmehr eine Variante des Populismus, die auf gesellschaftliche Vermittlung, also auf Politik überhaupt, zugunsten des eingeklagten Selbstgefühls verzichten will.
Die elastische Demokratie
Der Populismus lebt vor allem über seinen unverschämten Kommunikations-Stil. Seine Faszination besteht in der aggressiven Kraft seines Angebots an die Verunsicherten: Wenn Du uns zur Macht verhilfst, dann BIST DU WIEDER WER! Du bist Teil eines mächtigen Kollektivs, einer (imaginären) Mehrheit, in der es keine Ambivalenzen mehr gibt, nur Eindeutigkeiten und Bestimmungen.
In der Neo-Politik geht es um eine Komplexität höherer Ordnung, die sich in folgenden Widerspruchs-Paaren ausdrückt:
Verantwortung
versus
Ignoranz
Synthese
versus
Spaltung
Integrativ
versus
Polarisierend
Respekt
gegen
Bösartigkeit
In seinem Buch „Von nun an anders“ hat Robert Habeck von den deutschen Grünen diesen semantic shift in Richtung einer „elastischen“ Politik beschrieben. Der heutige Erfolg der Grünen hat damit zu tun. Dazu gehört die schwierige Übung, sich von den eigenen Deutungsmustern und Milieubindungen befreien zu können.
Mit »Neo- Politik« verbunden ist auch eine Neubewertung der Funktion von Opposition. In der polarisierten Denkweise ist die Opposition die Partei des unbedingten Dagegenseins, die alles, was die Regierung beschließt, in Bausch und Bogen verdammen muss. Es herrscht Krieg, bedingungsloser Kampf. Und dieser Krieg muss mit allen Mitteln geführt werden. Notfalls mit Lüge, Betrug und Denunziation. Auf jeden Fall Polarisierung. Damit fallen wir zurück in die alten Machtkämpfe und Putsch-Logiken der Vergangenheit.
Im Demokratiemodell der Schweiz sind alle Parteien gezwungen, in der Regierung zusammenzuwirken. Alle sind »regierende Opposition«. In Europa regieren in immer mehr Ländern flexible Multi-Koalitionen. Oder Minderheitsregierungen mit erstaunlichem Erfolg. In Krisen-Situationen können sich auch »Expertokratien« als hilfreich erweisen, siehe Italien oder Israel (demnächst vielleicht auch Libyen und Libanon). Im Kampf gegen regierende Autokraten erweist sich das Mittel der dynamischen Bewegungs-Koalition als sinnvoll – siehe Ungarn und Polen, wo sich heute die Opposition auf neue Weise formiert. In gewisser Weise bestätigt auch die USA diesen Trend. Man kann den Populismus nicht mit konfrontativen Mitteln stoppen. Aber durch eine „Allianz der Konstruktiven“ ausbremsen.
Die neue Matrix des Fortschritts
Ohne Fortschritts- und Wohlstands-Versprechen können Demokratien keine integrierende Dynamik entfalten. Lange dienten als Indikatoren ausschließlich Kennziffern aus dem Aktenschrank der traditionellen Nationalökonomie. Das Bruttosozialprodukt. Die Exportrate. Die Zinsen. Die »Verschuldung«, was immer nach Schuld klingt statt nach Investition. Die ideologischen Kriege auf der Rechts-Links-Skala waren nicht zuletzt das Resultat dieser Verkürzungen des Gesellschaftlichen auf den Ökonomismus der Industriegesellschaft.
Die Politikwissenschaftler Dennis Snower und Katharina Lima de Miranda (Mitglieder der „Global Solutions Initiative“) haben dagegen einen neuen Index zur Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft entwickelt. www.zeit.de
Das System berücksichtigt zwar immer noch das BSP-Wachstum, setzt diesen Wert aber in Kontexte, die den Megatrends der Individualisierung und der Wissensökonomie entsprechen:
Die Kompetenzen der Individuen.
Die Kreativität und Flexibilität der Wirtschaft.
Die tolerante Solidarität (quer zu ALLEN gesellschaftlichen Gruppen).
Mehrere Modelle aus der Glücks- und Demokratieforschung versuchen Ähnliches, sich vom »fossilen« Wohlstands-Index zu verabschieden. Man denke an das Glücks-Brutto-Sozial-Produkt von Bhutan. Die „Value Balancing Alliance“, eine Vereinigung für die Ausbalancierung unternehmerischer Werte-Systeme. Oder die zahllosen Versuche von Lebensqualitäts-Maßstäben. Damit löst sich die politische Zukunfts-Debatte allmählich vom linearen Wohlstandsmodell, in dem es immer nur um ein MEHR, aber kaum um ein BESSER geht.
Als zentraler Schlüssel für eine Integration der beiden Latour’schen Groß-Erzählungen erweist sich die Ökologie. Ökologie ist eine Zukunftskraft. Sie ist weder rechts noch links. Sie ist im genuinen Sinne »progressiv« UND bewahrend. Ökologie lehrt uns, wenn wir sie richtig verstehen, auf systemische, selbstorganisatorische und emergente Prozesse zu achten. Sie erzeugt einen mindset der dynamischen Kontinuität. Dadurch wird ein Ausweg aus der erstarrten Lager-Demokratie sichtbar. Ein Weg ins Offene.
Genau das ist der Grund, warum die Ökologie – als Paradigma der Zukunft – heute so hartnäckig bekämpft und verachtet wird.
Politik der nächsten Ebene
In vielen, vor allem kleinen demokratischen Ländern haben sich während der Pandemie Formen oder Ansätze, von Neo-Politik entwickelt. Manche haben Bewegungs-Charakter, wie die Partei VOLT, die sich dem europäischen Modernisierungs-Gedanken widmet. Manche kann man als »positiv populistisch« beschreiben, weil in ihrem Zentrum keine Partei, sondern eine integrierende charismatische Persönlichkeit steht (Neuseelands Jacinda Ardern oder Armeniens Nikol Paschinjan). Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob diese Ansätze von »rechts« oder von «links« kommen. Manchmal entstammen sie der grünen Ecke. Aber auch dem liberalkonservativen Mitte-Lager (Macron, Trudeau). Sogar aus dem digitalen Milieu (Piraten). Und – kaum zu glauben – sogar aus der »kommunistischen« Ecke. Wie in der urbürgerlichen österreichischen Stadt Graz, wo die KPÖ-Vorsitzende Elke Kahr bei den letzten Kommunalwahlen 2021 die Mehrheit gewann.
Es ist kein Zufall, dass sich die Neue Integrale Politik (NIP) zunächst in Städten (oder eindeutig definierten Regionen) etabliert. Designed democracy – aus der gelebten Kommunikation der Bürger gespeiste Veränderung – lässt sich am leichtesten im LOKALEN gestalten. Dynamische Orts-Politik ist immer anti-ideologisch. Und »GLOKAL« – sie bezieht ihre Energie aus dem „genius loci“, aber immer auch aus dem universalen Horizont.
Der Rostocker Bürgermeister Claus Ruhe Madsen stammt aus Dänemark und schaffte es, in der Hansestadt Corona mit intensiver Bürgerbeteiligung zurückzudrängen und dabei ein neues städtisches Selbstbewusstsein zu erzeugen.
In Kroatiens Hauptstadt Zagreb wurde nach langer politischer Polarisierung des Landes Tomislav Tomašević zum Bürgermeister gewählt, ein „Integralist“ und Ökologe. Seine Bewegungs-Partei, die zunehmend auch landesweit agiert, heißt vielversprechend „Wir können!“.
In Prag errang Zdeněk Hřib 2018 das Bürgermeisteramt – er gehört der Piratenpartei an und ist enorm beliebt.
In Polen, das fest in der Hand rechter Populisten scheint, regieren in den Großstädten mehr und mehr neo-politische Integralisten. In Warschau z.B. Rafal Trzaskowski, der 2022 wahrscheinlich als nationaler Präsidentschafts-Kandidat antritt.
In Bogota/Kolumbien, einer „harten“ Metropole Südamerikas, regiert seit 2020 Claudia Nayibe López Hernández von der Partei Alianza Verde („Grüne Allianz“). Sie war als Beraterin für die Vereinten Nationen tätig und hat als Kolumnistin für verschiedene Medien gearbeitet.
Der deutsche Wahlkampf 2021 trägt bereits viele Anzeichen einer Transformation des Politischen. Zum ersten Mal, so sieht es zumindest aus, kann kein »Lager« die klare Mehrheit gewinnen. Die alten Polarisierungsmuster wirken nicht mehr wirklich, auch wenn sie im Wahlkampf immer wieder versucht werden. Immer deutlicher sind dynamische Mehrheiten jenseits von »Rechts« und »Links« nicht nur möglich, sondern notwendig. Drei Parteien, fast gleichauf, bewerben sich um die stärkste Fraktion. Und die gesellschaftlichen Widersprüche gehen mitten durch diese Parteien hindurch. Und werden dadurch sichtbar. Unübersehbar.
Man kann den Verlust der alten Gewissheiten und Frontlinien beklagen. Aber bevor das Neue erscheinen kann, muss sich das Alte verwirren. Die Demokratie ist womöglich elastischer als sie scheint.
Die Demokratie der Zukunft regeneriert sich aus dem Weiblichen, dem Ökologischen und dem ganzheitlichen Zukunfts-Denken. Helfen wir ihr auf die Sprünge, jeder auf seine Art und Weise.
Diese Buddhafigur von Donald Trump lässt sich im Garten aufstellen – und kostet gar nicht so viel (150 Dollar/ 16 cm hoch, 610 Dollar/ 48 cm auf der chinesischen Plattform Taobao). Trump ein Buddha? Ein Guru gar?
In gewisser Weise war der Tobende aus dem Weißen Haus tatsächlich ein »Lehrender«, der zu unserer Weisheit beigetragen hat. Er hat gezeigt, was eine kaputte, narzisstische Persönlichkeitsstruktur an der Macht anrichten kann. Und wie das hypermediale System demokratische Diskurse ruinieren kann. Das wurde letztendlich sogar der Mehrheit der Amerikaner zu viel. Trump war der Populist, der die Grenzen des Populismus aufzeigte. Er hat Hass in die Welt gesetzt, Angst, Verunsicherung. Aber auch die Dinge geklärt, indem er sie zuspitzte. Wir sollten ihm dankbar sein.
noch ein Hinweis in eigener Sache. Wenn Sie länger mit dem Zukunftsinstitut verbunden waren, vermissen Sie womöglich in diesem Jahr den Future Day, der bislang immer im Zentrum Frankfurts im Juni stattfand. Nun – Corona ist Schuld -, wir konnten diesen Event nicht wirklich planen. Aber wir haben uns dafür etwas Anderes einfallen lassen:
Das Z-CAMP: Zukunft zum Vor-Fühlen
– ein Trainings-Raum für zukunftshungrige Unternehmen (und neugierige Menschen aller Art)
Die Online-Learning-Sessions und Expertenrunden des Z-Camps laufen schon einige Wochen. Nun steht das FINALE an. Am 21. September kommen wir zu einem Virtual Future Day zusammen, um die wichtigsten Erkenntnisse unter Expert*innen der Community zu teilen. Es erwarten Sie intensive Talks, Zusammenfassungen der Ergebnisse und neue Sichtweisen.
„Menschliche Geschichte, ist im Wesentlichen eine Geschichte der Ideen.”
„Human history is, in essence, a history of ideas.”
H. G. Wells, der bekannteste Futurist des frühen 20sten Jahrhunderts
Es lohnt sich, ein wenig über diesen Satz nachzudenken. Wie kommt es zu Epochenwandel, zu Transformationen der menschlichen Kultur. Oft sind es Katastrophen, Krankheiten, Kriege, die der menschlichen Kultur eine neue Richtung geben. Aber solche »events« sind eher Auslöser als Ursachen. Dahinter, in den Tiefenschichten menschlicher Kulturen, haben sich längst fundamentale Ideen entwickelt, die zum Durchbruch drängen. Indem sie sich im collective mind verbreiten wie eine mentale Infektion und die Gesellschaft, die Denk- und Fühlweisen, umformen.
Man denke an das Christentum vor 2000 Jahren. Oder an die Renaissance im 15. Jahrhundert, als sich nach einer schrecklichen Pandemie, der Pest, die humanistischen Prinzipien langsam durchzusetzen begannen. Die Ideen des naturwissenschaftlichen Denkens formten schließlich die Industriegesellschaft mit ihrer ungeheuren „Entfesselung der Produktivkräfte“. Daraus entstanden die Ideo-logien des Kommunismus und des Kapitalismus, deren »clash« über fast ein ganzes Jahrhundert die Welt in Kriege stürzte. Bis zu jenem Überfluss an Waren, Gütern und Services, den wir heute in der fossilen Zivilisation in weiten Teilen der Welt genießen können. Eines Wohlstands, der auf der exzessiven Nutzung von Kohlenwasserstoffen basiert, die unser Planet seit Jahrmillionen aus Biomasse destilliert hat.
Jetzt steht also ein neuer Epochenwechsel an: Die ökologische Transformation. Wir alle wissen das. Aber können wir es auch verstehen? Große Ideen können auch an ihren inneren Paradoxien scheitern. Hannah Arendt schrieb über die Möglichkeit eines »gestockten Wandels«:
„Es entsteht erst ein Meinungschaos, das sich fern aller Vernunft unter dem Druck eines außerordentlichen Notstands in eine Reihe miteinander in bitterster Feindschaft stehender Massenhysterie kristallisiert, die alle nur auf den „starken Mann“ warten, der sie endlich erlösen wird, indem er aus ihren Elementen über Nacht jene nicht minder hysterische einstimmige Meinung fabriziert, die der Tod aller Meinungen ist.“
Hannah Arendt, „Über die Revolution“, Piper 2011
Die ökologischen Mindfucks
Etwas an der Ökologiedebatte ist seltsam schiefgelaufen. Obwohl – oder gerade weil die grüne Bewegung so erfolgreich war. In meiner Jugend lagen noch dicke Schaumberge auf deutschen Flüssen und Recycling war ein Fremdwort. Solarkollektoren waren ein technischer Witz und »grün« sein hieß, lange Haare zu haben und Schafe zu züchten. Heute ist die Ökologie DAS Zukunftsthema überhaupt, ein Mittelschichtsthema, ein Medienthema, endlich auch ein technisches und ein wirtschaftliches Thema. Kein Prominenter, Manager, Politiker, Journalist, der nicht der AfD oder ähnlichen Leugnungs-Ideologien anhängt, würde sich heute NICHT für den Kampf gegen den Klimawandel und für „Nachhaltigkeit“ positionieren. Der Vorsitzende der CSU klingt manchmal wie Greta Thunberg, ebenso wie der CEO von Volkswagen.
Aber gleichzeitig herrscht eine seltsam rotierende Panik. Wir sind in einer Art Unmöglichkeitsfalle steckengeblieben. Die öffentlichen Debatten um den Klimawandel handeln immer nur von Unmöglichkeiten. Ständig nölt und jammert ein kleines grünes Männchen in uns, das immer den gleichen Text vorträgt:
Es geht nicht!
Es KANN gar nicht gehen!
Es MUSS schiefgehen!
Die Welt geht unter!
Die Menschen sind zu dumm.
Dieses apokalyptische Rumpelstilzchen ist der Botschafter eines Zynismus der Angst. Ich glaube, dass die Hindernisse auf dem Weg in eine ökologische Zukunft in vier »Mindfucks« – kognitiven Missverständnissen – begründet liegen, die uns von einer Zukunft abhalten, die wir uns eigentlich wünschen. Ich möchte vier dieser inneren Verschwurbelungen etwas genauer darstellen:
Hundertprozentismus
Naturverheiligung
Weltrettungs-Wahn
Verzichtsirrtum
Der Hundertprozentismus
In vielen Zeitungen und Magazinen sind in den letzten Jahren wunderbar ironische Geschichten erschienen, in denen ein Mensch oder eine ganze Familie versuchte, ökologisch einwandfrei zu leben. Besonders lustig ist die Story mit dem Verzicht auf das Klopapier. Oder dem plastikfreien Haushalt, in dem sich alsbald die Motten einnisteten. Allein der Versuch herauszufinden, ob Plastik- oder Papiertüten, Glasflaschen oder Pappkartons umweltschädlicher sind, kostete unendlich viel Recherche. „Fast Nackt: Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben.“ heißen entsprechende Bestseller. „Öko-Challenge“ oder „Lebe wild und emissionsfrei“. Oder „Das Leben ist eine Öko-Baustelle“. Alle diese Werke sind ziemlich lustig, aber sie handeln auch von einer Sinnlosigkeit, die sich ständig selbst bestätigt.
Ökologischer HUNDERTPROZENTISMUS ist der Versuch, perfekt »spurenlos« zu leben. Aber diese Vorstellung entsteht aus einer im Grunde unökologischen Vorstellung dessen, was Natur ist.
Jedes Lebewesen hinterlässt Spuren. Es ist auf vielfältige molekulare Weise mit seiner Umwelt verbunden. Es ist das Wesen des Lebens, Absonderungen zu erzeugen – und so mit den umgebenden Kreisläufen in Verbindung zu treten. Wälder, Biotope, Natur sind unter einem bestimmten Betrachtungswinkel nichts anderes als Deponien der Organismen, die sie bewohnen. Nur eben intelligente Deponien. Der Abfall des einen ist die Nahrung des anderen.
Seit Milliarden Jahren formen Organismen den Planeten – angefangen mit den Blaualgen, die vor zweieinhalb Milliarden Jahren die „Große Sauerstoffkatastrophe” auslösten. Damals starben 90 Prozent aller Organismen aus; ein schreckliches Artensterben, weil die Algen begannen, das (damalige) Gift Sauerstoff in großen Mengen zu produzieren.
Ein hundertprozentig spurenloses Leben wäre kein Leben. Sondern Sterilität und Stagnation.
Michael Braungart, der Apologet der „Cradle-to-Cradle“-Bewegung, hält die Metapher des ökologischen Fussabdrucks für eine Terror-Metapher, die uns in unserer Daseins-Berechtigung auf fatale Weise unter Druck setzt. Er kämpft für die Lösung von der Zukunft aus: In einer zirkulären Ökonomie gibt es keinen Müll, sondern nur feedings in intelligente Energie- und Material-Kreislaufsysteme. In solchen Systemen findet kein Verbrauch, sondern immerzu Transformation statt. Eins wandelt sich ins andere. Aus Abfällen entsteht das ständige Neue. Wie in der Natur.
Braungart nennt das die „Intelligente Verschwendung“.
„Die Menschen haben primär kein Problem der Umweltverschmutzung, sie haben ein Designproblem. Wenn die Menschen die Produkte, Werkzeuge, Möbel, Häuser, Fabriken und Städte von Anfang an intelligenter gestalten würden, müssten sie an Dinge wie Verschwendung, Verschmutzung oder Mangel nicht einmal denken. Gutes Design würde für Überfluss, ewige Wiederverwendung und Vergnügen sorgen.“ Michael Braungart, „Intelligente Verschwendung“, Oekom
Die Verheiligung der Natur
Wir alle fühlen uns schuldig:
Schuldig, dass wir nehmen, was uns nicht zusteht.
Schuldig, dass wir gierig sind, egoistisch und naturzerstörend.
Schuldig, dass wir existieren.
Ein Teil unseres Problems mit der ökologischen Zukunft hat mit einer religiös-romantischen Vorstellung von Natur zu tun. Natur wird als heilige Einheit begriffen, die man um keinen Preis »stören« darf. Adam und Eva lebten in einem Paradies, in dem „Wolf und Schaf beieinander lagen“. Natur ist aber nicht »harmonisch«, auch wenn sie in jedem Autokatalog, in jeder Hautcreme- oder Margarinewerbung so dargestellt wird. Jeder, der schon einmal mit einem wachen Auge über eine Blumenwiese gegangen ist, weiß das. Alles ist ein unendlicher Verdauungsprozess. Auch – oder gerade, wenn es ziemlich schön aussieht.
Menschen, die sich schuldig fühlen, neigen zu Aggression oder Selbstabwehr. Naturromantik ist eine mentale Falle, in der wir keine Chance haben, unsere Existenz zu rechtfertigen. Sie setzt uns der Natur gegenüber, trennt uns von ihr in einer konstruierten Feindschaft, die nur aufhebbar ist, wenn wir uns selbst abschaffen.
Zukunftsweisender wäre es, zu verstehen, dass wir immer TEIL der Natur sind. Einschließlich unserer Lebensweisen, Erfindungen, Produkte, auch unserer Technologien. Die menschliche Kultur ist Ergebnis und Ausdruck evolutionärer Gesetze, die in die Zukunft weisen. Inklusive unserer »Sünden«.
„Schrecklich vieles, was über die Ökologie zum Besten gegeben wird, erfolgt eigentlich im Diskurs der Ölwirtschaft. Fast nichts im ökologischen Diskurs findet tatsächlich in der Sprache der Ökologie statt. In einer vom Öl bestimmten Wirtschaft ist schon die Sprache bis ins Mark verzerrt. Das ganze Reden über Effizienz und Nachhaltigkeit handelt eigentlich von der Konkurrenz um die knappen, hochgiftigen Ressourcen.“ Timothy Morton, „Ökologisch sein“, Matthes & Seitz
Der Weltrettungs-Wahn
Haben Sie sich einmal gefragt, woher eigentlich diese atemberaubenden Naturbilder im Breitwandformat kommen, die uns seit Jahren faszinieren? Die Kamerafahrten über riesige Elefanten- und Walherden, die unfassbare Schönheit von Wäldern, Bergen, Flüssen, Ozeanen bis zum blauen Horizont, wie man sie in Filmen wie Unsere Erde – Deep Blue, Terra 1 und 2 oder David Attenborough’s wunderbaren Expeditionen bewundern kann. Oder die faszinierenden Bilder des Planeten aus der Umlaufbahn: The Blue Marble, ein Juwel im Weltall.
Wie kann man so etwas überhaupt filmen, wenn die Erde längst kaputt, geplündert, umgekippt, zerstört ist? Ist diese Wunderwelt etwa im Studio gefaket – wie die Mondlandung, die ja bekanntermaßen nie stattgefunden hat …?
Weltretten ist eine unglaublich attraktive Vorstellung, die eine gewisse Erotik beinhaltet, kein Superheldenfilm kommt ohne diese Attraktion aus. Allerdings setzt sie einen negativen Kanon voraus, in dem das Böse, Verderbte bereits überall ist – eine riesige Verschwörung. Das Narrativ des Untergangs ist allzu leicht missbrauchbar. Religionen und Ideologien haben immer auch im Namen der „Errettung“ (der Seelen, der Ordnung) Verbrechen begangen. In der Nazi-Ideologie oder im Djihadismus, auch im Marxismus, finden sich immer apokalyptische Drohungen, die als Begründung für Terror dienen. Auch Trump und Co. treten als grandiose Retter auf – sie wollen irgendeine glorreiche Vergangenheit, die gar keine war, um jeden Preis wiederherstellen.
Komme was wolle.
Notfalls mit Gewalt.
Lassen wir einmal einen Moment die Idee zu, dass die Welt es gar nicht nötig hat, gerettet zu werden. Auch die Vorstellung, dass sie sich „an uns rächt“, ist eher Ausdruck eines allzu einfachen Projektions-Spiels. Ähnlich wie wir Robotern menschliche Fähigkeiten und Gefühle unterstellen, die sie gar nicht haben.
Die Idee, dass „die Natur“ durch menschlichen Einfluss zum UMKIPPEN gebracht werden kann, kenne ich seit meiner Jugend, als der Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte.
Aber GEHT das überhaupt?
Erle C. Ellis, ein Ökologieprofessor der Universität Maryland, hat die These vom „Umkippen der Natur“ mit den Mitteln der systemischen Simulation untersucht. Um die Biosphäre „zum Kippen“ zu bringen, müsste eine extremistische Über-Macht (also böse Übermenschen oder monströse Außerirdische) riesige Mengen von Gift, Müll, Hitze, Strahlung, an ALLEN Stellen der Erde über einen langen Zeitraum einbringen. Erst dann würden die unzähligen Adaptions- und Rückkoppelungsprozesse der Natur auf eine Entropie zulaufen (eine andere Beschreibung für „kippen”).
Auch wenn wir alles Plastik der Welt in die Meere schaufeln würden, würde das nicht ausreichen, eine Roland-Emmerich-Apokalypse wie im Katastrophenfilm „2012“ herbeizuführen (da wird sogar der Himalaya unter Wasser gesetzt, some like it BIG). Selbst eine Klima-Erwärmung um 5 Grad erfüllte die Bedingung nicht. Das Klima würde nach einer turbulenten Übergangsphase irgendwann auf ein neues dynamisches Equilibrium einpendeln. So wie es schon oft in der Geschichte des Planeten war.
Die nüchterne Wahrheit ist: Es wird uns nicht gelingen, »den Planeten« umzubringen oder »die Natur« zu zerstören.
Es wird uns auch nicht gelingen, uns selbst auszurotten.
Merken Sie, wie schwer es ist, diese Sätze zu »prozessieren«? Etwas in uns scheint die Phantasie des Weltuntergangs, den wir selbst schuldhaft verursachen, hochgradig faszinierend zu finden. So faszinierend, dass wir stur hineinstarren…
Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die psychologischen Mechanismen von Untergangs-Phantasien in allen Einzelheiten auszuleuchten. Ich empfehle dazu das Buch der Kulturwissenschaftlerin Eva Horn: Zukunft als Katastrophe. Stellen wir uns vor, wir würden die Notwendigkeit zur Weltrettung nur deshalb so faszinierend finden, weil wir in unserer negativen Grandiosität verliebt sind. Wir fühlen uns in der Weltuntergangs-Phantasie supermächtig, weil wir uns in der realen Welt oft ohnmächtig fühlen.
Stellen wir uns nun umgekehrt vor, wir müssten die Welt gar nicht retten.
Aber wir können sie verbessern.
Das wäre eine ganz andere Blickrichtung, oder?
„Die apokalyptische Rede wird nicht viel weiterhelfen und zum Handeln motivieren. Sie bleibt heute ein zahnloser Tiger, weil der Weltuntergang gewissermaßen habituell geworden ist … Die Endzeit ist Alltag, die Katastrophe die säkularisierte Erscheinung, und die alltägliche Gewöhnung macht aus der apokalyptische Rede … ein stumpfes Schwert. Armin Nassehi, „Die große Weltveränderung“
Die Regnose des Autofahrens
Ich fahre seit 10 Jahren Elektroautos. Erst war das ein bisschen mühsam. Verzicht von Reichweite, Komfort und Anerkennung. Heute nach einer Fahrstrecke von einer halben Million Kilometern – damit kommt man lässig zum Mond – weiß ich, dass Elektroautos die überlegenen Fahrzeuge sind. Sie beschleunigen besser, sie sind leiser, sie fahren sich smarter, sie sind (potentiell) eleganter, weil man nicht eine Karosserie um eine unglaublich komplexe Verbrennungs-Maschine herumbauen muss, die drei viertel unnütze Wärme erzeugt.
Während früher vor allem Ladezeiten und Reichweiten das Gegenargument gegen E-Mobilität waren, werden heute die ganz großen Argument-Kanonen ausgepackt. Elektroautos sind ein viel größeres Umweltproblem als harmlose Verbrenner! Sie fahren mit Kohlestrom! Bolivianische Bauern werden durch Lithium-Abbau ausgebeutet! Kinder im Kongo müssen für Kobald schuften!
Meistens stammen diese Argumente von Leuten, die sich sonst eher wenig um bolivianische Bauern oder Kinder im Kongo Sorgen machen. Es ist erstaunlich, wie sehr Debatten über eine ökologischere Technik immer statisch argumentieren – aus den Normen der Vergangenheit heraus. Im Vergleich zum Verbrennermotor kommen Elektromotoren auf einen Effizienzvorteil von 1:4. Batterien und Motoren entwickeln sich derzeit schnell weiter, bald brauchen sie kaum noch Edelmetalle und weniger seltene Erden. Die Batteriesysteme stehen erst am Anfang einer rasanten Innovationswelle – wie es ja bei anderen Technologien, beispielsweise dem Verbrennungsauto, auch der Fall war. Man kann Lithium durchaus aus den Batterien recyceln.
Man kann auch umweltschonend Lithium abbauen.
Selbst wenn wir den Strom noch eine Weile teilweise aus fossilen Energien produzieren, haben Elektroautos enorme Effizienzvorteile.
Aber geht es hier überhaupt um Wahrheit oder Fakten? Elektroautos sind auch ein typisches Beispiel für den confirmation-bias-Effekt – jene Wahrnehmungs-Verzerrung, bei der man immer nur Bestätigungen dafür sucht, was man unbedingt glauben will. Autojournalisten, die über die Unmöglichkeit von E-Mobilität schreiben, gibt es wie Sand am Meer. Irgendwie erinnert das an die Impf-Gegner und ihren Hang, sich ein einmal zurechtgelegtes Dogma durch „Informationen aus dem Internet“ bestätigen zu lassen.
Natürlich ist das Elektro-Auto keine Totallösung für die Frage der Mobilität und des Energieverbrauchs oder der ganzen Erderwärmung. Die kann es auch gar nicht geben. Aber in der langen Entwicklung von Technologien hat sich immer herausgestellt, dass neue Technologien sich bei Massen-Gebrauch schnell verbessern und adaptive Technologien IMMER Übergangs-Technologien sind.
Vertreter des Verbrennungsmotors neigen dazu, den Wasserstoff gegen den Elektromotor auszuspielen. Das ist natürlich ein Trick. Wasserstoff wird sehr wahrscheinlich der Energieträger der Zukunft – irgendwann. Reine Wasserstoff-Technologien werden aber noch einige Technologiesprünge benötigen, um massen-verfügbar zu sein. Bis dahin brauchen wir E-Mobilität als Brückentechnik, die beim „Brauchen“ immer besser wird.
Dass es schwer ist, von Öl und Kohle wegzukommen, steht außer Frage. Aber das ist in Wahrheit keine technische Frage. Es ist deshalb so besonders schwierig, weil fossile Brennstoffe eben nicht nur Rohstoffe sind. Sie repräsentieren Denk- und Fühlweisen, Alltagsrituale, Kulturtechniken – innere Codes, Erfahrungs-Konstruktionen, die unseren Alltag, unsere sozialen Verhaltensweisen tief strukturiert haben. »Fossile« Autos sind Macht- und Status-Symbole. Kompensations- und Fluchtmaschinen. Gefahr-Generatoren (man denke an die jungen Raser, die während dem Lesen dieser Sätze ihr Leben und das von Passanten riskieren).
Einige dieser Eigenschaften werden auch Elektroautos übernehmen. Aber seit ich Elektroauto fahre, »heize« ich nicht mehr raumfressend durch die Gegend. Tausend Kilometer ohne einen einzigen Stopp durchzubrettern finde ich heute abartig – früher als Dieselfahrer fand ich es toll, männlich und autonom. E-Fahren entschleunigt. Nicht so sehr, weil man nicht mehr schnell fahren KANN. Sondern weil ein E-Auto eine genuin andere Energieform nutzt und verkörpert. Das Surren der Elektronen erzeugt ein komplett differentes Bewegungsgefühl. Eine Pause ist eine Erholung, das Laden ein Ritual (ein anderes als das Tanken). E-Fahren ist eher ein Gleiten, und man nimmt die Umwelt, die Welt hinter der Windschutzscheibe, anders wahr.
Ich vermute, es ist genau das, was der »fossile« Autofahrer um jeden Preis vermeiden will.
Aus der Sicht von 10, 20 Jahren in der Zukunft werden wir uns gar nicht mehr vorstellen können, dass man »damals« Spaß daran empfinden konnte, mit einer röhrenden Maschine auf der Autobahn »zu brettern«, die hintenrum Klimagase ausstieß. So wie wir uns kaum noch daran erinnern können, wie es war, als man in Restaurants beim Essen rauchte. Erinnern Sie sich noch? An den Qualm in den hinteren Reihen im Flugzeug, anno 1999?
Die Knappheits-Illusion
Sind die Ressourcen der Erde wirklich »knapp«?
Dieses Ur-Narrativ ist hunderttausend Jahre alt, und in jeder Fernsehsendung, Kirchenpredigt und Moraldebatte wird es uns immerzu um die Ohren gehauen.
Auf der Welt ist nicht genug für unsere Bedürfnisse.
Wir DÜRFEN nicht so viel fliegen und Autofahren.
Wir MÜSSEN Ressourcen sparen.
Ein Einfamilienhaus ist problematisch.
Mach das Licht aus!
Stell das Wasser ab!
Wir sind zu viele!
Es reicht nicht für alle!
Die ökologische Knappheitsformel ist das Sündengespräch unserer Gegenwart. Aber ist »die Welt« wirklich KNAPP – im Sinne eines „nicht genug für alle“?
Alles Leben basiert auf Energie und Molekülen. Energie ist auf unserer Welt überhaupt nicht knapp, weil wir in der Nähe eines riesigen und für die nächsten 5 Milliarden Jahre verlässlichen Fusionsreaktors leben. Die Sonne bringt täglich 100.000 mal mehr Energie auf die Erde als wir jemals nutzen können (Elektromobilität und demnächst nötige Kühlanlagen schon einbezogen).
Auch Moleküle sind nicht wirklich knapp. Von den 94 natürlichen Elementen der Erdkruste sind nur etwa 15 richtig selten, die anderen kommen in erheblicher Menge vor (Was nicht heißt, dass man sie alle »abbauen« soll).
Energie lässt sich in immer mehr Formen konvertieren, speichern, »gewinnen«, transformieren. Es gibt heute Solarkraftwerke, die rund um die Uhr laufen, weil sie die Tageshitze in Salz speichern. Es gibt die ersten Gezeitenkraftwerke, Solarfenster, die als Glasscheiben Energie gewinnen, und das alles ist erst im Anfang. Es gibt chemische und mechanische Speicher, und vieles Weitere ist in einer heißen Phase der Entwicklung. Dazu kommt die Sektor-Koppelung („Integrated Energy System“), bei der man zum Beispiel die Abwärme, die in digitalen Rechenzentren entsteht, zum Heizen für Wohngebäude nutzt.
Ebenso schnell geht die Entwicklung der Molekulartechnik vonstatten. Vor 30 Jahren musste Insulin noch aus den Embryonen von Schweinen und Rindern hergestellt werden – heute ist das ein synthetischer, skalierbarer Prozess. Die »Blaue Alchemie« macht es möglich, aus vielen verschiedenen Molekülen und Atomen eine Art Baukasten zu gestalten, in dem man so gut wie jedes Molekül produzieren kann.
Es gibt heute schon Wodka aus CO2 und erneuerbarer Energie
Nahrungs-Proteine lassen sich aus Sonne und CO2 herstellen
Man kann immer mehr seltene Moleküle nachbauen. Ersetzen. Oder eben recyceln – wenn sie wirklich kostbar sind, lohnt sich das in jedem Fall.
Natürlich gibt es lokale oder andere Knappheiten. Aber es sind keine ABSOLUTEN Knappheiten. Sondern Allokations-Probleme, die sich lösen lassen.
Intelligente Verschwendung
Machen wir also ein Gedankenexperiment.
Stellen wir uns vor, wir lebten auf einem üppigen, reichen, unerschöpflichen Planeten. Es wäre genug für alle da – Energie, Materie Essen, Schönheit …
Milch und Honig genug für alle.
Die Ressourcen der Erde reichten auch für eine noch zahlreichere Menschheit (wir werden die Zahl von 10 Milliarden Weltbewohnern kaum überschreiten, ab ca. 2060 schrumpft die Erdbevölkerung wieder). Schon heute erzeugt der Planet mehr Kalorien, als wir als Menschheit verbrauchen. Der verbleibende Hunger stammt aus Zugangs- und Verteilungsproblemen, meistens durch Krieg oder Bürgerkrieg.
Unvorstellbar, oder?
Wirklich?
Versuchen Sie es einmal.
Merken Sie, dass etwas in Ihnen passiert, was verblüffend ist?
Sie sehen plötzlich die Welt mit anderen Augen.
Mit den Augen der Lösungen.
Sozusagen von vorne, aus der Zukunft.
Ich könnte mir vorstellen – ich bin sogar ziemlich sicher -, dass wir, wenn wir die FÜLLE verstehen, uns auch viel leichter tun, Verzicht zu üben.
Verzicht wird immer dann zum Verlust, wenn wir uns in die Enge getrieben oder ent-mächtigt fühlen. Dann kämpfen wir mit aller Macht um unseren Teil am knappen Kuchen. Aber Verzicht in Bezug auf das große ZUVIEL, das uns der fossile Industrialismus hinterlassen hat, kann befreiend sein. Es wäre ein Loslassen zum BESSEREN.
Zu viel Kalorien. Zu viel Geschwindigkeit. Zu viel Reize.
Zu wenig wahrer Genuss.
Verabschieden wir uns davon!
Es gibt ZWEI große Narrative des Ökologischen. Die erste Narration ist die GRÜNE Vision des Mangels. Sie handelt von Untergang und Gefahr. Von Umkehr, Läuterung, Rettung. Von Helden und Bösewichten.
Die andere Erzählung ist die BLAUE Vision der kommenden Fülle. Sie handelt von Erweiterung und Vielfalt. Von mehr Lebensqualität. Von intelligenten Produktions-Systemen. Von besserer Energie. Von der Erweiterung unseres Lebens durch eine andere Wahrnehmung unserer Verbindungen.
Wer beide „Storys“ zu einem Narrativ verbinden kann, der hält den Schlüssel zur kommenden Transformation in den Händen.
„Eine Menge Leute glauben, es muss wehtun, etwas besser zu machen. Wir dagegen fragen, wie Nachhaltigkeit eine bessere Lebensqualität erzeugen kann.”
„There are a lot of people who think, that it has to hurt to make things better. We ask how Sustainability can create a better quality of life.”
Bjarke Ingels, Avantgarde-Architekt
Wenn der Begriff ANTHROPOZÄN – erfunden vom Metereologen Paul J. Crutzen – auf einem Podium fällt, geht immer ein düster-schuldverliebtes Raunen durch den Raum. Verbunden mit einem tiefen Gefühl von Versagen und Verzweiflung.
Wir haben es verbockt.
Wir sind die Schmarotzer, die Parasiten an Mutter Erde. Wir haben den Planeten erobert. Wir haben ihn ausgeplündert und »terraformt«. Wir haben unsere FUSSABDRÜCKE bis in den entlegensten Winkel gesetzt – und dabei alles verdorben.
Das Urteil ist gefällt.
Und hinten aus den letzten Reihen erhebt sich der apokalyptische Schlechterwisser und sagt:
Menschen ändern sich eben nicht.
Sie sind als Egoisten nur auf ihre eigene Vorteile bedacht …
Deshalb werden wir unsere Zivilisation und unseren ganzen Planeten zerstören.
Machen wir doch lieber selbst gleich Schluss!
Die Natur braucht uns nicht…
„Die Ökologie ist eben nicht die Kritik des Menschen an sich selbst, wie er als Räuber und Schmarotzer zur Gefahr für die Natur wird, nein, die Ökologie ist ein neuer Humanismus.“
Anne Hidalgo, Bürgermeisterin von Paris
Wir alle kennen diese Erzählung. Sie wird uns rund um die Uhr in unserem gigantischen medialen Echosystem eingetrichtert. Können wir eine neue große Erzählung generieren? Die uns von den Selbstabwertungen und Selbstverleugnungen befreit, mit dem heute viele Menschen die Zukunft verlorengeben?
Wie wäre es mit dem Humanozän?
Die Story geht so:
Jahrmillionen lang lebte der Mensch in tiefer Abhängigkeit von der Natur. Unsere Vorfahren waren auf eine gnadenlose, brutale Weise ihrer Umwelt ausgeliefert, auch wenn sie in einem heiligen Verhältnis zur Natur lebten.
Daraus haben sie sich durch die Kraft der Wissenschaft und der Maschinen, die Beherrschung von Techniken, langsam befreit.
Das fossile Zeitalter hat ungeheure Fortschritte gebracht. Es hat großen Teilen der Menschheit eine Teil-Autonomie von der Natur gegeben, die für sich genommen ein ungeheurer Fortschritt war. Es hat Souveränitäten über Raum und Zeit ermöglicht, die vorher nicht möglich schienen. Das macht den Glanz, die Faszination, auch die Würde des Zeitalters des Öls und der Maschinen aus.
Wir sollten das respektieren. Wir sollten uns nicht schämen. Aber dann sollten wir verstehen, dass das ein schwieriges Geschenk war, das uns der Planet mit auf die Reise gegeben hat. Eine Story von Verbrennung, Extraktion und immerwährender Beschleunigung.
Wir sollten aus dieser Welt aufbrechen, statt uns zu Tode zu fürchten. In ein Zeitalter, in dem wir die Wunden schließen, die Exzesse beenden, die fossilen Dummheiten und Grausamkeiten überwinden. Dafür brauchen wir eine neue biomische Technik, einen kybernetischen Naturbegriff, einen spirituellen Materialismus. Eine neue Verbindung zwischen Technologie, Natur und Mensch.
Das ist die blaue Vision.
„Vielleicht benötigt die Energiewende, deren faktische Grundlage ausreichend belegt ist, nicht noch mehr Fakten. Sondern mehr Augenschein.
Vielleicht ist der Schub, der ihr fehlt, weniger aus der Kraft der Argumente und mehr aus der Kraft der Suggestion zu beziehen.
Vielleicht braucht der Klimawandel, der in immer kürzeren Abständen apokalyptische Bilder des Schreckens produziert, auch Zeichen der Hoffnung und Architekturen des Versprechens.“
Gerhard Matzig, Süddeutsche Zeitung
Wissenschaftler wie Erle C. Ellis sind die Humboldts und Petrarcas unserer Zeit. Ellis spricht nicht mehr vom „Biom”, sondern vom „Anthrom”, dem um Tiere, Pflanzen und andere Organismen erweiterten Menschenraum. Gestaltete Natur, natürliche Gestalt. „Die Zukunft der Erde wird nicht mehr von angeblichen Grenzen der Natur abhängen, sondern von dem, was Menschen ersinnen und gemeinsam leisten können“, sagt Ellis.
All das ist längst am Horizont sichtbar. Wir können es sehen: Ergrünte Städte und intelligente molekulare Systeme. Fließende Übergänge zwischen Natur und Technologie, Nurture:Tech. Große Erzählungen, die in die Zukunft führen, Ideen, in denen wir uns von unserer Schuldhaftigkeit und Verwerfung befreien können, machen immer eine Gänsehaut. Und jetzt schauen Sie sich bitte diesen Kurzfilm der holländischen Gruppe Next Nature Network an: „Wir sind gerade erst angekommen”.
Es ist in vielerlei Hinsicht eine Fortsetzung von „Die Zukunft nach Corona” geworden, aber eben auch ganz anders. Es geht darum, wie Krisen und Katastrophen das menschliche Leben auf weite(re) Sicht beeinflussen. Und womöglich sogar verbessern können. Was davon zum heutigen Zeitpunkt im »Post- Corona« bereits sichtbar wird (Arbeit, Mobilität, Städte, Digitalität, usw.). Es geht um die Frage des gesellschaftlichen Zynismus, unseren inneren Zukunfts-Sinn und wie wir uns unabhängiger von der ewigen Katastrophen-Angst und Untergangs-Jammerei machen können.
Die Innenseiten des Buches wurden von meinem Sohn Julian, 24, gestaltet. Es sind Ausschnitte aus seinem großen »Corona-Panoptikum des Schreckens«. Wer mehr über Julians künstlerische Arbeit und die »Beings«, die blaugrünen Zukunfts-Wesen, wissen will, hier seine Website: www.julian-horx.com
Es handelt von Generations-Konflikten, die womöglich keine sind. Vom jugendlichen Gefühl, in einer „schlimmen Zeit” zu leben. Und der Frage, warum und wie wir immer wieder rebellieren sollten. In jedem Alter!
Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie sich der allgemeinen Weltuntergangsstimmung nicht erwehren können? Wird nicht alles immerzu schlechter? Geht die Welt, wie man so schön sagt, „unweigerlich den Bach herunter“?
Es ist in der Tat nicht leicht, auch nur einen Abend den Fernseher anzustellen, ohne an Menschheit und Planet zu verzweifeln. Es reicht schon das Programm von RTL. Oder ein Blick in den SPIEGEL, dieses verlässliche Organ dafür, dass die Welt immer schwieriger und unlösbarer und unübersichtlicher wird.
Aber ist das alles real, wovor wir uns fürchten? Ist die schreckliche Zukunft, die wir in Medien und Hirn generieren, die Wirklichkeit?
Was ist «Intelligenter Optimismus»?
Zunächst gilt es, den dummen Optimismus zu verstehen. Das ist jene Welthaltung, der die Welt eigentlich egal ist. Hauptsache die Laune stimmt. Das ist der Optimismus von Schlagersängern, die sich innerlich kaum auf den Beinen halten können, aber vom „Großen Glück“ singen. Von Tschakka-Börsen-Brokern oder Werbestrategen, die den Optimismus als Verkaufsparole benutzen.
Davon gibt es viele.
Optimismus kann eine Variante des Zynismus sein. Indem er das Schlechte und Bedrohliche leugnet, das es ohne Zweifel im Leben, in der Welt, gibt. Und versucht, alles auf die «Stimmung» zurückzuführen.
Kinder haben übrigens meistens einen schlauen Optimismus. Sie wissen, dass sich das Monster unter dem Bett verstecken kann. Und dass der böse Mann vielleicht gleich um die Ecke wohnt. Aber Kinder lassen sich, wenn sie in einer gesunden Beziehungswelt leben, von Monstern und bösen Männern nicht über alle Maßen beeindrucken.
Um intelligenten Optimismus zu leben, muss man zunächst verstehen, wie Pessimismus wirklich funktioniert. Pessimismus ist weniger das Ergebnis schlechter Erfahrungen. Sondern ein Schutzversuch. Es geht darum, innerlich unverletzt zu bleiben, indem man alles Schlechte unentwegt voraussieht.
Der Pessimist möchte mit der Formel „Ich hab‘ ja immer schon gewusst“ um jeden Preis die Kontrolle behalten. Er macht sich vor, dass der Schmerz weniger wehtut, wenn man sich andauernd darauf vorbereitet. Oder, in der magischen Variante: Dass das Schlechte gar nicht erst eintritt, wenn man es drastisch beschwört und damit droht.
Die Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin schrieb über die überall kursierenden Weltuntergangs-Visionen:
„Die modische Dystopie noire kehrt die Plattitüden lediglich um, verwendet Säure statt Süßstoff und übergeht doch die Auseinandersetzung mit menschlichem Leid und echten Möglichkeiten.”
Beides, ignoranter Optimismus wie apokalyptischer Pessimismus, sind in Wahrheit Beziehungs-Verweigerungen. Sie entstehen aus der Weigerung, sich mit der wirklichen Welt und anderen Menschen in wahrhaftige Verbindung zu begeben. Und für etwas Besseres einzustehen.
Erst wenn wir uns verbinden und im Positiven «verschwören», entsteht eine Wirklichkeit der Zukunft, auf die wir uns beziehen können.
Eine der momentan stark wachsenden Denkschulen ist der Stoizismus. Diese aus der Antike stammende Philosophie bietet eine intelligente Technik, mit dem Bedrohlichen und Schrecklichen anders umzugehen als durch Verdrängen, Blauäugigkeit oder apokalyptische Selbstverwerfung. (Siehe als Einführung z.B.: Irvine, William B., „Eine Anleitung zum guten Leben: Wie Sie die alte Kunst des Stoizismus für Ihr Leben nutzen“, FinanzBuch, München 2020)
Die Grunderkenntnis des antiken Stoizismus besteht, ähnlich wie beim Buddhismus, darin, dass wir im Grunde nicht an der „Umwelt“, sondern immer an unseren Ansprüchen und Anmaßungen scheitern. Das Leid entsteht vor allem in unseren Erwartungen, auf die wir uns hartnäckig fixieren. Immer werden wir enttäuscht! Immer will die Welt nicht so, wie WIR wollen! Böse Welt, schlechte Welt!
Im Gegensatz zum klassischen Buddhismus zielt der Stoizismus aber nicht auf Rückzug und Vergeistigung ab. Sondern auf ein aktives, pragmatisches Verhältnis zur Welt.
Stoizismus bietet etwas an, was man „Enttäuschungskluge Zuversicht“ nennen könnte. Im Kern geht es darum, unser Welt-Verhältnis in drei Kategorien aufzuteilen:
Das, was ich nicht ändern kann.
Das, was ich kontrollieren und ändern kann.
Das, was ich beeinflussen kann, aber nur teilweise.
Der eigentliche Grund für unser modernes Leiden an der Welt – und unsere Zukunfts-Unfähigkeit – liegt an unserer Selbstüberforderung. Wir fühlen uns dauernd für alles verantwortlich, für alles Bedrohliche und Furchtbare, alles Ungleiche und Ungerechte, was durch die Milliarden Kanäle der Medien in unser Hirn träufelt. Und haben gleichzeitig den Größenwahn, das alles allein «lösen» zu müssen. Diese negative Allmachtsphantasie macht uns verrückt.
Dabei ignorieren wir hartnäckig (und halbherzig) das, was wir tatsächlich ändern könnten. Und das ist mehr, als wir denken, wenn wir auf den Negativ-Trips sind.
Eine klassische stoizistische Übung ist die „Praemeditatio Malorum”. Ich denke ich jeden Morgen an das Schlechteste – um mich den Rest des Tages davon zu befreien. Wir stellen uns vor: Wir sterben an Krebs. Unser Partner verlässt uns. Wir bekommen Alzheimer. Unser Hund stirbt. Oder umgekehrt: Der Hund bekommt Alzheimer, wir sterben. Der Weltkrieg bricht aus, weil irgendein fanatischer Diktator durchdreht. Die Erde erhitzt sich wie ein Grillhähnchen, und alle Menschen sind tot.
Albert Ellis, einer der Begründer der kognitiven Verhaltenstherapie, nannte dieses Verfahren „aktives Dekatastrophieren“. Indem man sich das Schlimmste in allen Varianten vorstellt, wird es aus dem mind herausgeschwemmt. In ironischem Englisch: „Scaring the shit out of me…”.
Reifer Optimismus bezieht sich nicht so sehr auf einen bestimmten Zustand, auf eine fixierte Zukunft die wir wünschen oder fürchten. Sondern darauf, dass wir anderen – und uns selbst – etwas zu-trauen.
Aus der „Praemeditatio Malorum” bewegen wir uns dann zurück in die Wunder der Wirklichkeit. Wir sind noch nicht tot, vielmehr doch ziemlich lebendig – ist das nicht erstaunlich? Wir leben womöglich eine glückliche Beziehung. Oder eine Beziehung, die glücklicher werden kann. Wir haben erstaunliche Freunde. Es herrscht mehr oder minder Frieden, auch wenn alle in den Medien sich verbal die Köpfe einschlagen. Der Hund liegt friedlich auf dem Sofa.
Es gibt Glück, wenn wir es sehen.
Die Welt geht womöglich gar nicht unter. All das ist nur eine Fiktion unseres aufgeregten Hirns.
In dieser Re-Gnose (Wieder-Schöpfung) entsteht die Kostbarkeit des Lebens. Und eine Beziehung zur Zukunft, für die man nun selbst verantwortlich ist.
Der kluge Optimist versteht, dass der menschliche Geist in der Lage ist, sich selbst unentwegt zu täuschen. Er ist Konstruktivist, das heißt, er hat verstanden, dass die Welt nicht «da draußen» entsteht. Sondern in unseren inneren Bildern, den «Frames» unseres Denkens.
Der kluge Optimist vermeidet sinnlose Spiele. Meinungsstreit im Internet. Erregung, die nichts nützt.
Er kann trotzdem wütend werden, denn auch das ist Ausdruck von Lebendigkeit.
Vor allem weiß der kluge Optimist, dass seine inneren Haltungen nicht einfach Privatsache sind. Man kann mit apokalyptischem Spießertum, mit Selbst-Verwerfung und Welthass, ungeheuer viel verderben. In einer Partnerschaft kann Verbitterung die Liebe leicht zerstören. Im Beruf ist das ständige Negativ-Denken Gift. In der Politik dient zynischer Pessimismus als Waffe für bösartige Populisten. Populisten füttern immer wahnhafte Untergangs-Mythen. Im Namen irgendeines Niedergangs – des Volkes, der christlichen Kultur, der Wirtschaft, der Freiheit – kann man die unverschämtesten Machtansprüche stellen. Und die blödesten Demonstrationen veranstalten.
Die Wahrnehmungsverzerrung erkennen
Ich möchte ich Sie jetzt mit einigen TOOLS vertraut machen, mit denen man sein Denken und Fühlen in Richtung eines konstruktiven Optimismus führen kann. Eine Art mentaler Impfung. Ganz ohne leichtes Fieber entsteht allerdings keine Immunität.
“
„Wenn wir Probleme zu unserer Wirklichkeitskonstruktion machen, wenn wir uns von ihnen die Welt erklären lassen, dann werden sie uns erzählen, was wir NICHT können. Wir können dies nicht, wir können das nicht – unser Leben wird ein Behältnis für Abwesenheit und Versagen.“
David Niven
Darf ich Ihnen eine Frage stellen:
Wie viele Morde gab es im Jahr 2020 in Deutschland?
Schreiben Sie sich eine Zahl auf.
(Anmerkung: Morde werden zu 95 Prozent aufgeklärt. Die Dunkelziffer ist sehr gering. Die Definition von Mord folgt der juristischen Definition: ein Mord muss geplant und absichtlich geschehen, aus niederen Gründen. Wir reden also hier nicht von Verzweiflungs- oder Affekt-Taten).
Hier ist die Antwort:
Es gab 245 Morde im Jahr 2020 – bei 83 Millionen Einwohnern. 245!
Ich teste diese Zahl öfters im Publikum meiner Veranstaltungen. Der Mittelwert der Schätzungen liegt bei 2.500, wobei nicht wenige Menschen auch 10.000 und weit mehr angeben. Die Streuung ist bei dieser Frage enorm – anders als bei anderen Statistiken, wo eine enge Gaußsche Verteilung vorherrscht.
Wir glauben, in einer gefährlichen, mörderischen Welt zu leben. Alle Motive, jemanden umzubringen, werden in tausenden von raffinierten (nicht selten brutalen) Krimiserien rund um die Uhr durchleuchtet. Bei stetigem Gebrauch des Verbrechens als abendliches Beruhigungsmittel wird unser Menschenbild ernsthaft beschädigt. Wir glauben dann, dass „der Mensch“ immer so ist, wie er in den (seltenen) Ausnahmefällen von Mord und Totschlag agiert. Ab einer gewissen Schreckens-Dosis kann unser Hirn nicht mehr zwischen „Tatort“ und Wirklichkeit unterscheiden. Die ganze soziale Umwelt wird dann zu einer monströsen Bedrohung, auf die wir nur noch mit Panik und eskalierendem Misstrauen reagieren können.
Fortschritte abzuwerten, Rückschritte angstvoll aufzublasen – das ist die kollektive Wahrnehmungsstruktur einer hypermedialen Gesellschaft.
Stellen Sie sich jetzt vor – versuchen Sie es einmal! – alle gängigen Negativ-Trend-Vermutungen würden einer solchen Verzerrung unterliegen. Auch die üblichen Immerschlechterismen aus den Talkshows und politischen Debatten:
Die Gesellschaft wird immer ungerechter.
Die Armut in der Welt nimmt immer mehr zu.
Die Natur geht immer mehr kaputt.
Die Gewalt greift immer weiter um sich.
Global Warming wird die Welt untergehen lassen…
Merken Sie, wie schwierig das ist? Diese Formeln sind regelrecht in uns eingebrannt. Aber das liegt womöglich gar nicht daran, dass sie WAHR sind. Sondern dass sie in der medialen und politischen Kommunikation enorm WIRKSAM sind.
Wenn Sie die Idee eines erwachsenen Optimismus teilen, werden Sie wissen, dass ich diese Übung mit Ihnen nicht mache, um die Welt schönzureden oder populistische Leugnungs-Thesen zu unterstützen. Sondern um unseren FUTURE MIND – unseren mentalen Zukunfts-Sinn – neu zu kalibrieren.
Um die Welt mit neuen Augen zu sehen.
Um offen zu werden für die Zukunft.
Was fällt Ihnen zu dieser Statistik ein?
a) Im nächsten Jahr wird es dafür umso schlimmer, ist doch klar!
b) Das ist lächerlich! Wir sind doch nur ein winziges Land, wir können GAR nichts bewirken (und alle anderen machen ja sowieso nichts gegen die Erderwärmung!).
c) Es könnte ein Anfang sein, es geht in die richtige Richtung.
Merken Sie, wie jede dieser Antworten Ihren MIND in eine ganz bestimmte Richtung drängt? Die Antworten verraten etwas über Grundkonzept Ihres Denkens. Ob Sie vom Möglichen und Besseren ausgehen – oder ob Sie das Schlechte bedingungslos voraussetzen.
Die Macht der Zusammenhänge erkennen.
Im Jahr 2011 lernte ich Hans Rosling kennen, der uns wie kein anderer ein neues Verständnis der Welt-Trends mit Hilfe dynamischer Statistiken ermöglichte. Hans Rosling stand damals noch vor seinem Weltruhm, den er erst posthum erhalten sollte – nach seinem Tod im Jahr 2018, und vor allem durch seine Bücher „Factfulness“ und „Wie lernte, die Welt zu verstehen“.
Statistik erscheint uns immer als eine trockene, abstrakte Disziplin. Aber Statistik kann höhere Wahrheiten ausdrücken, wenn man mit ihr Korrelationen erklärt. Die Art und Weise, wie Hans Rosling mit globalen Zahlen, Daten, Fakten umging – man schaue sich seine wunderbaren Videoclips im Internet an –, zeigt auf wunderbare Weise, wie es gelingt, aufgeklärt optimistisch zu bleiben.
Indem man den Überblick behält, ohne das Schlechte zu ignorieren.
Im Alter von 28 Jahren zog Hans als junger, idealistischer Assistenzarzt mit seiner jungen Familie für „Ärzte ohne Grenzen“ in den Dschungel. Nach Mozambique, wo in der Endphase des Bürgerkriegs unfassbare Armut herrschte. Er wurde in einem Krankenhaus in der tiefsten Provinz eingesetzt, wo er eine halbe Million bitterarme Menschen ALLEINE zu betreuen hatte – mit örtlichen Pflegern und Schwestern, die alles taten, was menschenmöglich war, aber zum größten Teil weder lesen noch schreiben konnten. Medikamente und Instrumente waren rar, oder gar nicht vorhanden. Hans führte Notoperationen durch, bei denen er Babys im Mutterleib durch Lobotomie töten musste, um die Mütter zu retten. Aber anstatt zu verzweifeln oder sich politisch zu radikalisieren, dachte er immer intensiver über die Bedingungen nach. Wie konnte er mit seinen bescheidenen Mitteln dafür sorgen, dass Krankheiten früher vermieden wurden?
Er verstand, dass es nicht ausreichte, nur diejenigen Kranken zu behandeln, die es zu ihm in die Klinik schafften, wo es oft schon zu spät war. Er verstand mitten im Elend, dass Gesundheit ein SYSTEM ist. Hans besorgte Motorräder für die allernotwendigste Versorgung in den entlegenen Gegenden, und führte statistische Erhebungen durch, mit denen er tatsächlich in der Lage war, regionale Epidemien in Mozambique zu stoppen. Er versuchte, Kurse in Hygiene und Geburtsfürsorge mit Hilfe der Bevölkerung zu organisieren. Er lernte, mit den knappsten Mitteln den höchsten Vorteil, den größtmöglichsten Fortschritt zu erzeugen.
Später half er mit seinen Kenntnissen, die Ebola-Epidemie in Sierra Leone zu stoppen. Er lehrte seinen evidenzbasierten und ganzheitlichen Ansatz in einer medizinischen Universität in Schweden. Dabei machte er seltsame Erfahrungen. Er wurde mit einem Phänomen konfrontiert, das man als moralistische Ignoranz bezeichnen kann.
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„Viele Studenten konnten nicht akzeptieren, dass Zahlen unentbehrlich sind, um ethisch richtig handeln zu können. Sie klebten an der Vorstellung, dass es ethisch richtig sei, nur den Patienten, die ins Krankenhaus kommen, die bestmögliche Behandlung angedeihen zu lassen. Es war schwierig, sie davon zu überzeugen, dass sie für eine bessere Gesundheitsversorgung mehr taten, wenn sie denjenigen an der Peripherie die elementarste Hilfe zur Verfügung stellten, wie Impfstoffe und Eisentabletten für Schwangere.” (Hans Rosling, „Wie ich lernte, die Welt zu verstehen”, S. 168)
Hans Rosling fand in seiner Arbeit viel über die positiven Rückkopplungen heraus, die in der Entwicklung des Wohlstands wirken. Etwa zwischen Einkommensentwicklung und Geburtenrate, Lebenserwartung und Bildung. Er begriff Wohlstand als System, das gestaltbar ist, und durch intelligente Systeme wächst. Gleichzeitig hatte er eine ausgeprägte Abneigung gegen den ideologisierten Wohlstands-Moralismus, der sich über die Ungerechtigkeiten der Welt empört, sich aber nicht die Bohne darum kümmert, wie etwas tatsächlich BESSER werden kann. „Most people are not interested in reality, they are interested in their own feelings and prejudices”, sagte er einmal in einem Radiointerview.
2012 veröffentlichte Hans Rosling seinen berühmten „Schimpansen-Test“, mit dem er das Weltwissen seines Publikums auf die Probe stellte. In insgesamt zwanzig Fragen zeigte er, wie sehr wir die globalen Trends, die großen Entwicklungen, NEGATIV ÜBERSCHÄTZEN. (Eine Gruppe von Schimpansen, die Bananen nach dem Zufallsprinzip auf die drei möglichen Antworten wirft, würde dabei immer auf 33/33/33 Prozent kommen.) www.ted.com
Ola Rosling, Hans Roslings Sohn und Erbe, arbeitet heute für die Global-Goals-Initiative der Vereinten Nationen. Er hat jetzt neue Fragen hinzugefügt. Hier einige davon:
Im Jahr 1980 lebten 40 Prozent der Weltbevölkerung unter einem Einkommen von 2 Dollar am Tag, Wie hoch ist der Anteil heute (3 Prozent Abweichung durch Covid eingerechnet)?
a) 13 Prozent
b) 33 Prozent
c) 53 Prozent
(79 % der Teilnehmer hatten eine falsche Schätzung)
Wie viele Länder (von 184) haben ein soziales Sicherheitssystem für Behinderte?
a) 43
b) 113
c) 183
(95 % lagen falsch)
Wie viele Rentner (65+) in den Wohlstandsländern leben unter der Armutsgrenze?
a) 14 Prozent
b) 24 Prozent
c) 44 Prozent
(80 % lagen falsch)
Wie hat sich die Selbstmordrate der Welt in den letzten 20 Jahren entwickelt?
a) 25 Prozent Rückgang
b) gleichgeblieben
c) 25 Prozent Zunahme
(50 % lagen falsch)
Wie viele Menschen weltweit haben Zugang zu sicherem Trinkwasser zu Hause?
a) 30 Prozent
b) 50 Prozent
c) 70 Prozent
(82 % lagen falsch)
Wie viel Anteil der Weltökonomie kommt aus Landwirtschaft, Forst und Fischen?
a) 4 Prozent
b) 24 Prozent
c) 44 Prozent
(84 % lagen falsch)
Wie viele Länder der Erde haben Gesetze gegen sexuelle Belästigung?
a) 35 Prozent
b) 55 Prozent
c) 75 Prozent
(92 % lagen falsch)
Wie viele Menschen der Weltpopulation leben in Megacities (mehr als 10 Mio. Einwohner)?
a) 8 Prozent
b) 28 Prozent
c) 48 Prozent
(77 % lagen falsch)
Wie hoch ist der Anteil des produzierten Plastik, der in den Weltmeeren landet?
a) Weniger als 6 Prozent
b) 36 Prozent
c) 66 Prozent
(86% lagen falsch)
Wie viele Unternehmen weltweit haben ChefINNEN?
a) 2 Prozent
b) 10 Prozent
c) 18 Prozent
(89 % lagen falsch)
Biologen haben den ökologischen Status von 120.000 Pflanzen und Tieren evaluiert. Wie viele sind bedroht?
a) 30 Prozent
b) 60 Prozent
c) 90 Prozent
(62 % lagen falsch)
Welcher Anteil der Welt-Population sind Flüchtende?
a) 0,4 Prozent
b) 4,4 Prozent
c) 14,4 Prozent
(89 % lagen daneben)
Ergebnisse:
1) a
2) b
3) a
4) a
5) c
6) a
7) c
8) a
9) a
10) c
11) a
12) a
Den vollständigen Test mit rund 50 Fragen finden Sie unter gapminder.org
Dieser GLOBAL FACTFULNESS-TEST zeigt uns Erhellendes über unsere Konstruktionen von Wirklichkeit. Unser Hirn nimmt negative Informationen ungefähr um den Faktor 4 intensiver wahr als neutrale oder positive Fakten – bei ängstlichen Menschen sogar im Verhältnis 1:10. Das, was im Alltäglichen zwischen Menschen, in Gesellschaften, in der Entwicklung von Fortschritt und Wohlstand GELINGT, bleibt unsichtbar, weil es keinen Signalreiz im Hirn auslöst.
Dass 1 Milliarde mehr Menschen als vor zehn, zwanzig Jahren Anschluss zu Elektrizität oder einer Toilette haben – ist das eine Meldung, die in ihrem Hirn eine Spur hinterlässt?
Die hohen Irrtums-Quoten des Tests erzählen auch etwas über unsere Pessimistische Arroganz: Als Bewohner der westlichen wohlhabenden Welt glauben wir, wir wären die einzigen, die Wohlstand und zivilisierte Verhältnisse leben «können». Überall sonst auf der Welt geht es arm, brutal und chaotisch zu. Gleichzeitig legen wir die Latte dafür, was Fortschritt, oder Erfolge sein könnten, immer höher. Das ist der so genannte Fahrstuhl-Effekt: Je besser es uns geht, je mehr wir in Wohlstand und Sicherheit leben, desto schlimmer werden Abweichungen von unseren Erwartungsmustern.
Am Schlimmsten ist Armut in der Schweiz. Dort, wo alle reich sind, ist das Weniger ein gigantischer Skandal. In Lesotho ist Armut hingegen ganz normal, da fällt sie nicht auf.
Dabei wäre es doch unglaublich spannend, zu verstehen, auf welche Weise auch in Lesotho langsam Wohlstand entstehen kann.
Aber dazu müssten wir über unseren Schatten springen. Über den Schatten unserer egoistischen Ängste. Und den Schlagschatten unserer Vorurteile.
Es wäre heilsam, zu verstehen, dass die Welt nicht «kaputt» ist. Dass es zwar immer viel Leiden gibt in einer sich wandelnden Welt. Auch Rückschläge Aber auch viel Schönes, Besseres, Gelungenes.
Wandel eben.
Auf diese Weise könnten wir in der Realität ankommen.
Aber wollen wir das überhaupt?
Halten wir das aus?
Oder spinnen wir uns lieber in unsere Welt-Konstrukte ein? In unsere Meinungen und Vor-Urteile, in die wir uns irgendwann einmal heillos verstrickt haben?
Meditatione Pro Bonum: Das Staunen des Positiven
Eine der wichtigsten Merkmale des intelligenten Optimismus ist die Fähigkeit zum Staunen.
Ich möchte Sie bitten, die folgenden Meldungen einfach nur zu lesen. Und darüber nachzufühlen, was das mit Ihnen macht:
China hat sich 2020 verpflichtet, seine weltweite Fischereiflotte in die Gesetze der Wildlife Protection Laws einzubinden. Die Schiffe dürfen sich nicht mehr tarnen oder in geschützten Gebieten aufhalten. Bei Verstößen verlieren die Fang-Firmen für 5 Jahre ihre Lizenz.
Quelle: www.earth.org
In den ersten drei Monaten des Jahre 2021 wurden 2,5 Hoover-Damm-Kraftwerke erneuerbarer Energie zur Energieproduktion der USA dazugeschaltet. Das sind 46 Prozent mehr als letztes Jahr. Solar und Wind trugen 99 Prozent bei. Die ersten US-Bundesstaaten, wie Maine, verabschieden sich völlig vom Ausbau fossiler Energieproduktionen.
In Island stellte sich in einem großen Arbeits-Experiment heraus, dass die Produktivität steigt, wenn man weniger arbeitet. Bei Kürzungen auf 30 Stunden pro Woche waren die meisten Mitarbeiter PRODUKTIVER, entspannter und konnten ihr Leben besser gestalten. 86% der Beschäftigten arbeiten laut dem Bericht des Think Tanks Autonomy inzwischen weniger Stunden für das gleiche Geld oder haben die Option dazu.
Quele: https://alda.is
1.800 Schulen im indischen West-Bengalen haben solare Kleinkraftwerke installiert, jedes Jahr sollen 1.000 dazukommen, bis zu einer Kapazität von 25.000. Den eingesparten Strom nutzen die Schulen für Bäume pflanzen, mehr Lehrer, Sanitärverbesserungen und Computerklassen.
Quelle: www.reuters.com
In Oslo/Norwegen entstand die erste Großbaustelle nahezu OHNE jede CO2-Freisetzung. Alle Maschinen, Bagger, Raupen, etc. sind elektrisch betrieben, die allermeisten Materialen werden aus on-site-recycling gewonnen.
Quelle: BBC
33 Städte in Europa haben sich in der International Alliance of Safe Harbors dazu verpflichtet, mehr Flüchtlinge vor allem aus See-Rettungsaktionen aufzunehmen.
Quelle: DIE ZEIT 2021-06/26/33
Bangladesch, 160 Millionen Einwohner, gilt als „Entwicklungswunder“. Seit 1991 hat sich das BSP versiebenfacht, 24 Millionen Menschen sind der extremen Armut entkommen, die Lebenserwartung stieg auf 73 Jahre, Kindersterblichkeit ist um den Faktor 5 gefallen, und die Alphabetisierung stieg von 35 auf 74 Prozent.
Quelle: Daily Star
In der letzten Dekade (2011-21) wurde ein Gebiet größer als Russland zu den Naturschutzgebieten der Erde hinzugefügt. Das sind 42 Prozent aller jemals unter Schutz gestellten Landflächen – in nur 10 Jahren. Fast 20% der gesamten Landoberfläche unterliegt heute Schutzgesetzen, das entspricht ungefähr der Ziel-Zahl der UNO.
Glauben Sie auch, dass Alzheimer „immer weiter steigt weil wir immer älter werden“? Das Risiko, Alzheimer/Demenz zu entwickeln, ist heute in Europa und den USA um 13 Prozent geringer als 2010. Man führt dies auf Veränderungen im Rauchverhalten, Bildungszuwächse sowie bessere kardiovaskuläre Gesundheit zurück.
Quelle: NYT
Rechtsextreme Einstellungen nehmen laut Studien ab. Weniger Menschen stimmen nach Angaben der Friedrich-Ebert-Stiftung rechtsextremen Aussagen zu. Gleichzeitig lasse die eindeutige Ächtung von Antisemitismus nach.
Quelle: ZEIT ONLINE, AFP
Ein Konsortium von Siemens Energy und Enel baut in Patagonien Chile die weltweit erste Produktionsanlage für BLAUEN Treibstoff. Mithilfe von üppig verfügbarer Windenergie wird aus Wasser Wasserstoff hergestellt und aus dem CO&sub2; in der Luft Kohlenstoff herausgefiltert. In zehn Jahren sollen 1,2 Millionen Tonnen jährlich hergestellt werden, die für Flugzeuge, Schiffe und Fahrzeuge verwendet werden können – Literpreis um die 1,20 Euro.
Quelle: www.wiwo.de
Über drei Milliarden Dosen Anti-Corona-Impfstoff wurden in einem halben Jahr in der ganzen Welt ausgeliefert. Zu langsam? Zu wenig gerecht? Vielleicht. Aber es ist der schnellste Impferfolg in der Geschichte der Menschheit….
Norwegens staatlicher Wohlstands-Fond, der größte staatlich gesteuerte der Welt, hat sein gesamtes Portfolio an Oil-Exploration und -Produktion verkauft. 6 Milliarden Dollar wurden nachhaltigen Investments zugewiesen.
Quelle: World Oil
Zum ersten Mal stieg der Stromanteil der Erneuerbaren Energien 2020 in der EU auf dauerhaft über 50 Prozent. Dies führte auch zu deutlichen Reduktionen von Versauerungen von Böden, Luftverschmutzung und Steigerungen der Wasserqualität an ehemaligen Kraftwerk-Standorten.
Quelle: Reuters
Die chinesische Regierung startet derzeit große Kampagnen zur Reduzierung des chinesischen Fleischkonsums. Das liegt an Corona und katastrophalen Ausbrüchen der Schweinepest, aber auch an gesundheitlichen Motiven. Chinas Markt für pflanzenbasierte Fleischersatz-Nahrungsmittel wird auf 910 Millionen Dollar/Jahr geschätzt und wird jährlich um 25 Prozent wachsen. Nach einer Fleisch-Welle scheint sich jetzt in China eine Vegetarismus-Gegenwelle zu entwickeln
Quelle: https://time.com
Das individuelle Wohlbefinden der Amerikaner ist im Jahr 2020 angestiegen – nach der größten Umfrage unter 50.000 US-Bürgern stieg der Zufriedenheitswert mit dem eigenen Leben trotz Lockdowns und politischer Turbulenzen.
Quelle: www.economist.com
Staunen Sie?
Oder wehren Sie nur ab?
Welche dieser Meldungen ist in Ihrer Wahrnehmungs-Matrix bedeutend?
Was steuert eigentlich das, was sie als bedeutend (salient) empfinden?
Zunächst ist bemerkenswert, dass Sie die meisten dieser Meldungen wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen haben (ich habe noch tausend andere davon, aber es geht hier nicht um Quantität).
Weiterhin ist es interessant, wie sehr wir bei positiven Meldungen ganz anders reagieren als bei negativen. Hier wirkt der affektive Charakter unseres Hirns: Während wir allem Bedrohlichen sofort GLAUBEN, antworten wir auf positive Anzeichen meistens mit einem Stakkato des Zweifels.
Die chinesische Regierung lügt ja sowieso…
Siemens will ja nur Profit und Imagegewinn in Patagonien…
Was sind denn das für zusammengeschriebene Studien…?!?!?!
Alles doch nur Augenwischerei…
Sind das Ausnahmen, die die Regel bestätigen?
Oder Regeln, die in unserer Wahrnehmung durch überdeutliche Ausnahmen entwertet werden?
Wann erschlagen wir mit dem ABER das Mögliche?
Wie leichtgläubig sind wir gegenüber dem Negativen?
Warum ist alles Bessere nie genug?
Wann WÄRE es denn genug?
Wenn alles perfekt ist?
Aber welchen Preis hätte das Perfekte?
Im «Intelligenten Optimismus» orientieren wir uns an einer Zukunft, die nicht PERFEKT ist, sondern besser werden kann. Und in der wir für einen keineswegs unbedeutenden Teil verantwortlich sind.
Statt zu klagen, zu fürchten und unentwegt zu meinen, entwickeln wir einen «Future Mind» – ein Bewusstsein, dass sich in Richtung auf den Möglichkeitsraum orientiert.
Hans Rosling nannte das auch den Possibilismus.
Es ist die einzige Welthaltung, mit der man sich auf Dauer nicht in einen dumpfen, muffigen oder kindlich-angstgetriebenen Zeitgenossen verwandelt.
Konstruktiver Journalismus – Medien für positiven Wandel
In der rasenden Aufmerksamkeits-Ökonomie wird Angst, Übertreibung, Skandal und Negativität zu einem geldwerten Vorteil. Und immer mehr zum zentralen Geschäftsmodell für Information. Dadurch wird auf Dauer unser affektives System zerstört – die Art und Weise, wie wir uns als Individuen und Gruppen emotional gegenüber der Umwelt ausbalancieren. Seit einigen Jahren gibt es deshalb die Gegenbewegung des «Konstruktiven Journalismus».
„Medien” sind eigentlich, wie der Name sagt, Vermittler zwischen inneren und äußeren Wirklichkeiten. Nicht Produzenten von Erregungen. Und das könnte auch wieder ihre Funktion werden. Interessant ist, wie sich in der Trump-Ära die amerikanischen Deutungsmedien «geläutert» haben. Heute liest man in der New York Times und der Washington Post kaum noch übertriebene, alarmistische Angst-Artikel. Trotzdem wird nichts beschönigt oder glattgeredet. Der SPIEGEL, das Kampfblatt des intellektuellen Schlechterismus, hatte immerhin sogar eine Zeitlang eine Kolumne über positive Trends („Früher war alles schlechter“), siehe auch die gleichlautende Buchreihe von Guido Mingels.
Hier einige Spezialmedien für diejenigen, die das tägliche Doomscrolling satthaben und nach einer gesunden Mediendiät suchen:
Die australische Website Future-Crunch.com – monatlicher Letter! – sehr lesenswert (in Englisch).
Der amerikanische Publizist Matt Ridley veröffentlicht regelmäßig Bücher und Informationen zur positiven Entwicklung des Wohlstands: www.rationaloptimist.com
TED.com ist nach wie vor eine der großen konstruktiven globalen Ideen-Netzwerke – allerdings mit manchmal etwas sektenhaften Zügen.
Perspective Daily ist seit fünf Jahren Deutschlands führendes konstruktives Web-Journal.
Beispiel: https://perspective-daily.de
brand eins: Hartnäckiger Anti-Sensationistischer Wirtschaftsjournalismus brand eins
Und natürlich gibt es noch weitere Medien im deutschsprachigen Raum, die nicht den Weg des katastrophischen Alarmismus gegangen sind. Oder sich endlich um Konstruktivität bemühen. Wenn man seinen Medienkonsum ent-ängstigen will, dann findet man dazu Mittel und Wege. Auch in der Wüste Internet…
Lesenswert:
Maren Urner: „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang” Droemer 2019
Maren Urner: „Raus aus der ewigen Dauerkrise”, Droemer 2021
Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.
Immanuel Kant
Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Die UFOS sind wieder da! Dabei waren spektakuläre Besuche der Außerirdischen nach der ET-Welle in den 80ern lange Zeit nahezu verschwunden.
Keine UFO-Meldungen. Null. Nirgends.
Hatten uns die Außerirdischen vergessen? Nein, nur die Wahrnehmungsform, die SALIENZ für bestimmte außerirdische Themen, hatte sich verändert.
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Salienz, die
Vom Lateinischen salire = hüpfen, springen. Die Salienz bestimmt, worauf wir unserer AUFMERKSAMKEIT richten. Salienz beginnt bei bestimmten Signalen, etwa wenn ein rotes Alarm-Licht blinkt. Vier Faktoren „steuern“ die Salienz: Intensität, Neuigkeit, Bedürfnisrelevanz und ökologische Validität (ein Reiz, der grundlegende Informationen über die Umwelt liefert, von der wir biologisch abhängig sind).
Salienz weist auf den Kern unserer kollektiven Aufmerksamkeit; früher hätte man gesagt: den Zeitgeist. Trendforschung ist in ihrem Kern nichts anderes als »Salienzforschung«. Man muss sich mit der Frage auseinandersetzen, warum und in welchem Kontext ein bestimmtes Thema, ein MEM, an Bedeutung gewinnt.
Wieso also wollen jetzt alle wieder „Auf ins All?”
Die Amerikaner wollen auf den Mond zurück. Ziemlich ernsthaft. China baut eine Weltraumstation. Sogar Israel plant irgendetwas Richtung Space – militärisch?
Auf dem Mars rumpeln mehrere Roboter herum.
Und jetzt fliegen gleich zwei Multimillionäre Richtung Orbit, allerdings nur halbe Strecke.
Was braut sich hier zusammen? Ein neues militärisches Wettrennen?
Persönliche Eitelkeit? Space-Narzissmus? Kommerzieller Wahn? Geldverschwendung?
Brechen wir endlich auf?
Wurde aber auch Zeit!
Die Große Ent-Täuschung
In meiner Jugend war Weltraumfahrt ein magisches Ereignis mit nahezu religiösem (Erlösungs-)Charakter. 1969, als die erste Mondlandung über die Schwarzweiß-Bildschirme flimmerten, waren wir in einer Art Fieber-Trance. Ich war damals 14 Jahre alt. Die Perspektive war überdeutlich: Aus all dem menschlichen Elend, den Kriegen (Vietnam), der Enge des Elternhauses, den Pubertätswirren, gab es nur einen Weg: Nach oben, über die letzte Grenze hinweg. In unendliche Weiten und fremde Galaxien.
Nach sechs Apollo-Missionen zum Mond, bei denen man mitfiebern, mithoffen (Apollo 13, der Katastrophenflug) und immer wieder mitzählen konnte (der Countdown als Code für die Zukunft) war Schluss. Leere. Der Mond blieb eine staubige Wüste, nicht mehr. Kein Sprungbrett zu anderen Welten.
Astronauten waren damals wortkarge Typen. Kampfpiloten, denen man in endlosen Training-Schindereien ein Stück der Seele wegtrainiert hatte. Selbst der Astronaut David Bowman in Kubricks „2001: A Space Odyssey” verkörperte diesen heroischen Narzissmus, in dem einsame, wortkarge Helden im All verlorengehen. Das passte zur Nachkriegszeit mit ihren vielen verlorenen Männern. Stanislaw Lem, der dunkel-geniale Sci-Fi-Autor des Ostens, sollte in seinen Romanen das Scheitern all dieser grenzdepressiven Charaktere in der Fremdheit des Alls beschreiben.
Es gibt in der Netflix-Serie „The Crown” eine wunderbare Szene, in der Prinz Philip, der Queen-Gatte, die drei Apollo-11-Astronauten nach ihrer Rückkehr vom Mond empfängt. Er ist furchtbar aufgeregt, wie ein kleiner Junge. „Was habt Ihr da oben erfahren? Was habt ihr gedacht, gefühlt, so ganz allein auf einem fremden Himmelskörper, im Angesicht des Universums!!???”, fragt der Prinz die Astronauten Armstrong, Aldrin und Collins, die drei Superhelden der Menschheit.
Die drei kauen Kaugummi und sehen ziemlich fertig aus. Jetlag vom Atlantikflug. Außerdem eine Grippe. „We didn‘t have so much time to think.” sagt Armstrong dann mit seinem grauenhaften Knödel-Akzent. „Zu viel Routine, you know, Listen und Pläne und Protokoll schreiben und so …”
Die orbitale Perspektive
In den 70ern erkannten wir jungen Rebellen – ohne Rebellion war damals ein Leben zwar möglich, aber sinnlos, um Loriot zu zitieren – dass das Weltraum-Programm eine Art Schwindel gewesen war. Der »Aufbruch der Menschheit« war nichts anderes als ein Teil des US-Rüstungsprogramms. Ausdruck des Kalten Krieges. Auswuchs des militärisch-industriellen Komplexes.
Die Alternativ- und Ökologiebewegung begann. Von heroischer Technik zurück zur Natur. In die Probleme der Erde. In den Space-Sci-Fi-Filmen verbreitete sich die Düsternis. Ausrottungs-Aliens. Kampfroboter. Klonarmeen, die ganze Palette. Abwehrkämpfe gegen die Bösen aus dem All. Einer der das am besten beherrschte, war der Regisseur Roland Emmerich, ein Deutscher, der in Hollywood die patriotischsten Alien-Weltuntergangsfilme drehen sollte.
Aber Weltraum wurde auch lustig. Aus dem Kosmischen erwuchs das Komische. Per Anhalter durch die Galaxis. Raumschiff-Orion-Slapsticks, Weltraumprinzessinnen oder Futurama, echter Zukunfts-Blödsinn.
In den wenigen verbleibenden Weltraum-Missionen wurde eher gefrickelt und gebastelt, mit Erbsensamen experimentiert und Flüssigkeiten in ZeroG getestet, die angeblich die nächsten Teflon-Pfannen oder sensationelle Medikamente aus dem Orbit mitbringen sollten.
Aber so richtig erschloss sich das nie. Warum man dazu in die Kälte des Weltraums hinausreisen sollte. Wo war das Abenteuer, der Große Aufstieg? Zu teuer, zu gefährlich. Und gegenüber den Breitbild-Raumschlachten in den Kinos einfach nur langweilig…
Und doch ist etwas Kostbares geblieben. Eine Sehnsucht. Eine Sichtweise. In den 80er Jahren bekam das Phänomen den Namen »Overview-Effekt«. Den Perspektivwechsel, der entsteht, wenn man etwas, dessen Teil man ist VON AUSSEN sieht. Und plötzlich die Zusammenhänge versteht
Das Große Ganze.
Das All-Eins.
Auch Corona hat etwas mit dem neuen Space-Age zu tun. Solche Krisenzeiten sehnen sich nach Öffnung in andere Dimensionen. Nach Übersicht und Überschreitung.
Und es liegt eine Vor-Ahnung darin. Anders als die vorherigen Epochen-Übergänge – vom Mittelalter in die Neuzeit, vom Agrarkultur in die Industriemoderne – kann der Wandel, der nun unmittelbar vor uns steht, nicht mehr lokal begrenzt bleiben, beschränkt auf einen bestimmten Kulturkreis. Pathos und Ethos können sich nicht mehr an eine bestimmte »Nation« binden, wenn es um die ökologische Zukunft des ganzen Planeten geht. Das wissen sogar die Chinesen, die derzeit konsequentesten Nationalisten.
Die ökologische Wende, die Verhinderung der Erderhitzung, zwingt uns auf eine neue Ebene. Der kommende Wandel wird – das ist sein Wesen – von Anfang an planetar sein.
War es nicht immer der große Vorteil der Aliens, dass sie die Menschheit einten? In dem Moment, in dem in den Hollywood-Filmen die ersten riesigen Raumschiffe geortet werden, werden alle menschlichen Kampfhandlungen prompt eingestellt. Alle Sender schalteten auf EIN Programm: die Rettung der Menschheit!
549 Menschen haben bislang den Planeten von oben gesehen, als blaue Kugel in der gewaltigen Schwärze. Dieses Erleben hat bei vielleicht 100 von ihnen ein spirituelles Erkennen bewirkt.
Auf vielfache Weise hat Weltraumfahrt etwas mit dem Begriff der EHRFURCHT zu tun. Ehrfurcht, englisch AWE, ist heute ein eher an den Rand gedrängter Begriff, der mit religiöser Unterwürfigkeit assoziiert wird. Aber es geht um etwas ganz anderes. Wir werden mit etwas konfrontiert, was großartig ist, und was wir nicht kontrollieren und manipulieren können. Ehrfurcht ermöglicht uns eine Beziehung zu etwas Größerem unter der Perspektive des LASSENS.
Ehrfurcht bedeutet eigentlich eher das Gegenteil von Furcht.
„Religio” heißt im Wortstamm Bedenken, Bedeutung, Verpflichtung, Zusammenhang.
Der Astronaut Ronald J. Garan, der um die Jahrtausendwende mehrmals auf die ISS flog, hat aus dieser perspektivischen Erfahrung ein Buch gemacht: „The Orbital Perspective”. „Für mich war das eine Offenbarung in Zeitlupe. Eine tiefe Erfahrung von Empathie, ein Erleben von Gemeinsamkeit und ein Wille, auf sofortige Belohnung zu verzichten und einen mehr multi-generativen Ausblick auf den Fortschritt vorzunehmen.”
“For me it was an epiphany in slow motion” said Ron Garan, a former Nasa astronaut who is not involved in the trial. “It’s a profound sense of empathy, a profound sense of community, and a willingness to forgo immediate gratification and take a more multi-generational outlook on progress.”
“From space, the planet is a constantly changing masterpiece and the sheer beauty is absolutely breathtaking. It looks like a shining jewel and you realise that it’s home to everyone who ever lived and everyone who ever will be,” he said. “But another thing that hit me was a sobering contradiction between the beauty of our planet and the unfortunate realities of life on our planet. It filled me with a sense of injustice. It infuriated me.” The Guardian
Dieses Gefühl des »Meta-Sehens« kehrt in zahlreichen neuen Kulturproduktionen zurück. Etwa in „Wer wir waren”, der Verfilmung von Roger Willemsens letztem Buch, das im Stil einer Regnose geschrieben ist (der Sicht aus der Zukunft in die Gegenwart). Darin spricht Alexander Gerst, der Pop-Astronaut auf, sehr eindringliche Weise von der Ergriffenheit des Orbits, die auch rationale Menschen empfinden können.
Hätte alles auch anders kommen können? In der APPLE-TV Serie „For All Mankind” wird ein anderer Pfad der Weltraumfahrt in den 70er Jahren beschrieben – alternate history. Nein, kein Hitler auf dem Mond. In diesem Plot sind die »Sowjetrussen« als erste auf dem Mond gelandet, und so wird das Space-Race ein echtes Rennen bis in die Neunziger. Die NASA ist gezwungen, Frauen mit an Bord zu nehmen, die gute Kommandantinnen werden. Das Phallische des Weltraumprogramms wird dekonstruiert. Am Ende geht der Kalte Krieg zu Ende, indem mutige Frauen ihn beenden. Wäre das nicht schön gewesen?
Weltraumfahrt ist elitär, wahnsinnig teuer, umweltverschmutzend – und sinnlos? Die Frage, was wir auf dem Mars wollen, wenn »wir« einmal da sind, lässt sich einfach nicht beantworten. Außer der Erkenntnis, dass wir womöglich dort nichts zu suchen haben. Wo alles lebensfeindlich ist, werden wir schnell an uns selbst scheitern.
Das zeigen auch die endlosen Serien rund um die erste Mars-Expedition – von der semidokumentarischen Serie „Mars” über „Away”, „Red Planet”, „Der Marsianer” bis zur abgedrehten französischen Serie „Missions”. Es geht eigentlich gar nicht um andere Planeten. Sondern immer um Selbstbeobachtungen und Psychokrisen, Gruppendynamik und Sinnfragen. Um die Frage, wer der Mensch eigentlich ist. Vor allem zueinander.
In Interstellar versuchen Astronauten, einen Ersatzplaneten zu finden, weil die Erde austrocknet. Und finden am Ende die Liebe als Quantenkraft.
In „Expanse”, der Groß-Weltraum-Serie auf »Amazon prime«, nimmt die Menschheit sich selbst, so roh und vital wie sie ist, mit ins Sonnensystem. Humaner Futurismus mit allem, was das Herz begehrt: Liebeskummer, Machtspiele, Gewalt, Heldentum, Schwäche…
Vielleicht kommen wir gar nicht weg. Wir nehmen uns immer nur mit ins Große Irgendwo.
In der sogenannten Wirklichkeit hüpfen derweil Amazon-Ex-Chef Bezos und sein Pop-Business-Rivale Branson an den Rand der dünnen Schicht, die die Erde vor der Kälte des Alls schützt. Ob sie dort eine innere Wandlung erfahren werden? „Wir können uns ohne Frage sehr glücklich schätzen, dass wir alle auf diesem Planeten leben.” sagte Branson nach seinem Hüpfer. Das klang noch etwas steif.
Gönnen wir es ihnen.
Klatschen wir Applaus.
Geben wir Zukunfts-Kredit.
Nichts ist umsonst. Sinnlos muss es aber deshalb auch nicht sein.
„Jenseits des verwirrenden Getöses der Gegenwart kann man, wie von mittelalterlichen Minnesängern, die einen fernen Hügel besteigen, eine neue Pastorale vernehmen. Die Melodie verheißt eine zweite Natur, wenn Technologie und Leben gemeinsam die Keime der vielfältigen Arten der Erde zu anderen Planeten und in ferne Sonnensysteme tragen werden. Aus einer grünen Perspektive ist es durchaus sinnvoll, sich für High-Tech und die veränderte globale Umwelt zu interessieren. Die Menschheit steht vor einer Wende. Die Erde wird Samen aussäen.” Lynn Margulis, Evolutionsforscherin
Momentan befrage ich gerne Menschen über ihre persönliche Bilanz der Corona-Krise.
Wie ist es Ihnen/Euch ergangen in dieser schwierigen Zeit?
Gibt es etwas, das für die Zukunft bleibt?
Womöglich etwas Besseres?
Die meisten sprudeln sofort los: „Ich habe mitten im Lockdown gemerkt, dass vieles schief lief in meinem Leben. Ich werde in Zukunft meinen Job ganz anders angehen. Meine Beziehung hat sich total verändert!”
„Ich bin aufgewacht.”
„Die Vögel haben morgens ganz anders geklungen, das vergesse ich nie.”
„Ich habe gemerkt, wie unwichtig vieles ist, was ich früher für TOTAL wichtig gehalten halte.”
„Welche Zeit ich verschwendet habe, bei der Vorstellung, keine Zeit zu haben!”
„Jetzt beginnt etwas Neues, in das ich mich erst hineintasten muss. Aber es wird passieren.”
Ich frage dann nach: „Und hat sich in der Welt etwas dauerhaft verändert?”
Kurzes Innehalten. Dann Kopfschütteln. Niemals. Nein. Die Leute ändern sich ja nicht. Alles wird genau wie vorher.
Die Staus.
Die Partyfeierei.
Billigflieger.
Kreuzfahrtschiffe.
Dumme Politiker.
Grölende Populisten.
Plastikmüll.
Artensterben.
Die ganze Litanei.
Diese seltsame, ja geradezu unheimliche Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Weltdeutung nenne ich den Wandel-Autismus. Man trennt dabei sein inneres Universum vollkommen von der Welt ab. In diesem Selbst-Kokon ist man fest davon überzeugt, nur man selbst würde sich ständig wandeln. Während sich »die Welt« durch störrische Verweigerung jeder Veränderung auf dem Weg in den Abgrund befindet.
Dabei verändert sich die Welt ja.
Wie kommt diese Konstruktion zustande? Es ist vielleicht auch ein bisschen psychologisch: Wenn man unsicher ist, wertet man sich selbst auf, indem man alles andere abwertet. Das ist sozusagen der innere Populist, der hier in uns arbeitet.
Aber es hängt natürlich auch mit der überwältigenden Macht der Medien zusammen, die uns rund um die Uhr am Draht von Negativ-Vermutungen und Angstbeschwörungen zappeln lassen.
Lasst alle Hoffnung fahren!
Eine andere Reaktion auf die Krisenerfahrung ist das, was man als Normalitäts-Zynismus bezeichnen könnte. Im Feuilleton und den Deutungsmedien treten jetzt reihenweise die Rückwärtsdeuter auf. Mit regelrecht drohender Stimme wird auch nur die kleinste Idee, ETWAS könnte sich durch Corona verändert haben, oder anders werden, als dumme Naivität denunziert. Jede vom Alten Normal abweichende Vor-Stellung wird in Grund und Boden gestampft.
Diesen reaktionären Zynismus könnte man auch das »Scheuer-Syndrom« nennen; nach dem deutschen Verkehrsminister.
Nicht weniger reaktionär ist das „linke“ Argument, nur reiche Menschen hätten in der Corona-Zeit Wandel-Erfahrungen machen können. Ich kenne Taxifahrer, Kneipenwirte, Künstler und Krankenschwestern, die das Gegenteil beweisen. Eine Tiefenkrise wie die Corona-Pandemie berührt ALLE auf die eine oder andere Weise. Aber egal, Hauptsache, die alte Klassenkampf-Logik wird wieder hergestellt.
Erschütterungs-Krisen wie Corona erzeugen offenbar einen Zwang, die eigenen inneren Konstrukte – früher nannte man sie Ideologien – umso hartnäckiger verteidigen zu wollen, je größer und deutlicher der Wandel an die Tür klopft.
Dabei könnte man auch staunen, was alles passiert ist. Oder NICHT passiert ist. Die Weltwirtschaft ist nicht zusammengebrochen. Europa ist nicht auseinandergefallen. Die Aluhüte haben nicht die Macht ergriffen, obwohl das im Fernsehen immer so aussah. In einem halben Jahr wurden fast 4 Milliarden Impfdosen produziert und ausgeliefert. Weltweit.
Das ist natürlich nicht genug. Unsere Ansprüche an eine Krise und ihre Lösung sind viel höher.
Wir könnten, statt uns dauernd zu beklagen, hineinhorchen in den Klang der Zeit.
In den USA, aber auch bei uns in Europa, kommen plötzlich Millionen Menschen nicht mehr zurück zur Arbeit. In den USA redet man vom „labor crunch“, besonders in den schlechtbezahlten Branchen sind plötzlich viele Mitarbeiter verschwunden. In Europa fehlen Arbeitskräfte überall. Handwerker sind so begehrt, dass man ihnen rote Teppiche ausrollt (und sie nie ans Telefon bekommt). Könnte das der Beginn einer dauerhaften Veränderung der Arbeitswelt in Richtung auf mehr Eigenbestimmung und Würde sein, ein work shift?
Der Populismus, dieses andauernde Schreckgespenst, wandelt seinen Aggregatzustand schneller, als man schauen (und sich fürchten) kann. Trump, der Guru der Bösartigkeit, wurde durch die Pandemie vom Angsthelden zum Hanswurst. Marine Le Pen bekam selbst in der Regionalwahl in Frankreich keinen Fuß auf den Boden. Die AfD zerlegt sich längst in den rechten Wahn. Aber wir fürchten uns immer noch, das haben wir so gelernt. Aber längst bilden sich neue politische Bewegungen, Proteste wie in Brasilien, Integrationsprojekte wie in Polen und Ungarn oder Italien, BürgermeisterInnen-Triumphe in Großstädten, die auf eine neue politische Landschaft jenseits der alten Links-Rechts-Logik hinweisen.
20 Prozent aller Großkonzerne in den USA und Europa haben in den vergangenen Monaten ehrgeizige Dekarbonisierungs-Ziele beschlossen. Plötzlich bekennen sich Riesenkonzerne wie IKEA oder Microsoft oder Apple zu „carbon free“-Strategien bis 2030 oder 2035. Nun kann man das alles wieder als »greenwashing« denunzieren. Aber es könnte ebenso gut sein, dass wir es mit einem echten »green shift« zu tun haben (in meiner Diktion: einer blauen Wende). Corona markiert einen Tipping Point in Richtung auf eine ökologischere Welt.
In der Digitalisierungsfrage gibt es einen Klarstellungseffekt. Einerseits hat die Pandemie digitale Möglichkeiten erweitert. Andererseits wurde deutlich, dass Technologie alleine immer in die Irre führt. Was Gesellschaften zusammenhält und durch Krisen führt, sind letzendes Vertrauens- und Kooperations-Systeme. Sozio-Techniken statt reine Technologien.
Anstatt uns an der eitlen Frage abzuarbeiten, „warum sich niemals etwas ändern kann”, könnten wir mit einem neuen, offenen Blick auf die Welt schauen. So wie wir ja auch uns selbst neu betrachten.
Venedig-Regnose, Zweiter Teil
Es lohnt sich, in dieser Situation wieder nach Venedig zu fahren. Nicht nur weil die Gondoliere bessere Laune haben (und es jetzt die ersten GondolierInnen gibt, eine Revolution!).
Venedig steckte vor der Pandemie in einer doppelten Krise fest. Sozusagen in einer symbolischen Gesamtkrise für uns alle. Erstens durch das große ZUVIEL: den ÜBERtourismus, vor allem durch den massenhaften Ansturm von Tagesgästen von riesigen Kreuzfahrtschiffen.
Gleichzeitig wurde die schöne Stadt im Wasser durch die Globale Erwärmung bedroht wie keine andere Stadt – schließlich liegt sie genau auf dem Wasserspiegel. Sie bildet sozusagen den Vorposten der Menschheit in der kommenden Auseinandersetzung mit uns selbst.
2019, ein halbes Jahr vor Corona, kam es zu Rekordzahlen beim Tourismus – 30 Millionen Besucher in einem Jahr! Und zu einem Rekordhochwasser im November, das praktisch die ganze Stadt tief unter den Meeresspiegel absenkte.
Wer zwischen April 2020 und 2021 auf dem Markusplatz saß, erlebte eine völlig gewandelte Stadt. Eine leere Stadt, wie eingefroren in einer Zeitblase, in der sich die Möwen statt der Tauben vermehrten und die Menschen wieder miteinander ins Gespräch kamen. Die Flugzeuglinien am Himmel waren seltene weiße Zeichnungen geworden, exotische Codes einer vergangenen Zeit. Und kein dickes Kreuzfahrtschiff überragte den Markusplatz.
Und nun geschah etwas Seltsames. Die Venezianer setzten sich wieder in Beziehung.
Etwa 50.000 Menschen leben noch dauerhaft in Venedig. Viele verlassen über Monate die Stadt, vermieten ihre Wohnung, und ziehen zu Verwandten auf dem Festland. Bürgerinitiativen zur touristischen und ökologischen Krise Venedigs hatte es schon vorher gegeben. Aber nun erstarkten diese Initiativen. In der leeren Stadt gab es im Sommer 2020 große Demonstrationen und Debatten über die Zukunft der Stadt, organisiert von Initiativen wie „No Grande Navi” – keine großen Schiffe, und „We are here Venice”.
Im Februar 2021 beschloss die italienische Regierung, die Groß-Kreuzfahrtschiffe nicht mehr am Markusplatz anlegen zu lassen: Zubeißen und abhauen (Süddeutsche Zeitung)
Seitdem geht es hin und her. Natürlich ist ein Teil der Bewohner für die Rückkehr des Alten Normal. Aber das Wesen einer echten Krise ist es, dass sie das aus dem Ruder gelaufene Normale zum UNNORMAL macht.
Es ist auch nicht unbedingt ein Zufall, dass die Architektur-Biennale 2020/21 in Form einer REGNOSE stattfindet.
Ein Architektur-Festival, das aus der Zukunft auf uns zukommt.
Wir befinden uns im Jahr 2038. Ein gutes Jahrzehnt nach dem »Großen Zusammenbruch«, der sich Ende der zwanziger Jahre ereignete.
Heute, im Jahr 2038, haben wir die großen Krisen gemeistert. Es war knapp, aber wir haben es geschafft. Die globalen, ökonomischen und ökologischen Katastrophen der 2020er Jahre brachten Menschen, Staaten, Institutionen und Unternehmen zusammen. Gemeinsam verpflichteten sie sich auf Grundrechte und schufen selbsttragende Systeme auf universeller Basis, die dezentralen lokalen Strukturen den Raum geben, individuelle Lebensweisen zu erhalten.
(Aus dem Text des Deutschen Pavillion Programms)
Die Rück-Zeitreise beginnt mit dem Film The New Serenity.
Billie und Vincent, zwei Jugendliche des Jahres 2038, reisen mit ihren KI-Begleitern zurück in das menschenleere Venedig der Pandemie. Das Datum: 9.April 2021, mitten im Dritten Lockdown. Sie wundern sich. Sie staunen, über das, was damals üblich war.
Dass sie Menschen klobige Smartphones benutzten, statt schwirrender KI-Emanationen.
Dass viele Menschen so unruhig und verzweifelt waren.
“
The New Serenity, invites you to discover a story between fact and fiction. In a series of films, it tells the history of a better world in which everything, though imperfect, is better in some pretty profound and radical ways. Venedig Biennale Text 2021
Hier einige Dialogzeilen aus dem Film:
„My Mum thinks the early twenties were a totally broken time.“
„The rich were superrich and yet totally unhappy because there was no direction at all.“
„And everybody else was just complaining…“
„And everything else was really messed up.“
„Why aren’t you named Greta? If I was a girl, my parents would have called me Greta.“
„I was born on the very day Greta turned 18.“
„I think I the old times they separated virtual and not virtual quite a lot….“
Venedig ist ein Symbol für alles, was wir in der Corona-Zeit so deutlich spüren konnten. Wie nahe wir »am Wasser gebaut« sind. An den Schnittstellen zwischen Himmel und Erde. Wie verletzlich wir sind, aber auch wie fähig, die Welt neu zu gestalten.
Venedig war eine kriegsführende Sklavenrepublik. Ein Kraftwerk der Kunst. Ein Zentrum dekadenter Feste. Eine Erfindungsschmiede von Schifffahrts-Techniken. Ein frühes Zentrum der Globalisierung. Der Schauplatz von Mord und politischer Intrige. Eine Schmiede der Bürger-Demokratie.
Und durch alle Krisen hindurch entstand immer mehr Schönheit.
Wird sich etwas ändern, in der schönen Stadt Venedig? Die Zyniker sagen: Niemals! Die Hoffenden sagen: Hoffentlich! Die Zukunfts-Wissenden sagen: Natürlich. Denn wenn ich wieder nach Venedig reise, werde ich selbst ein anderer geworden sein.
Dabei verändert sich die Welt ja. Ständig. Unsere innere und unsere äußere Welt.
Mehr zu alledem in „DIE HOFFNUNG NACH DER KRISE“, Erscheinungstermin: August 2021.
Wie wir uns mit der Krise versöhnen können.
Ein Denk-Experiment.
Darf ich Sie im Abklang der Corona-Krise noch einmal auf eine kleine Regnose-Reise mitnehmen?
Springen wir zunächst in die Vergangenheit der letzten 15 Monate. Wie haben wir eigentlich die Corona-Krise bewältigt (oder werden sie demnächst, in Form eines pandemischen Gleichgewichts, bewältigt haben)?
Stellen Sie sich einmal vor, folgender Satz wäre wahr: Wir haben es eigentlich ganz gut gemacht!
Wie bitte?
Ist nicht alles vollkommen schiefgegangen? Ein einziges Desaster? Die Impfkatastrophe! Das Bund-Länder Chaos! Die unfähige Bürokratie! Die Wegschließ-Mentalität! Das Versagen der Schulen! Die mangelnde Digitalität! Ganz zu schweigen von den vergessenen Pflegekräfte und Ärzten. Die vielen, vielen Toten. Das einsame Sterben.
Wenn wir fertig sind mit dieser Litanei, wäre es Zeit, ein wenig innezuhalten. Fragen wir einmal von der anderen Seite her: Was hätte denn anders sein können, in diesem überlangen Corona-Jahr?
Wir hätten es wie die Neuseeländer machen müssen – eine erfolgreiche NO COVID-Strategie mit wenig Toten und geringen Infektionen!
Aber wir waren eben nicht Neuseeland. Wir leben nicht auf einer Insel am Ende der Welt. Wir hatten auch keine Premierministerin Jacinda Ardern, die mit ihrer empathischen Art eine kleine, junge Nation integrieren konnte (Eine interessante Frage: Was wäre in der öffentlichen Meinung los gewesen, wenn in Deutschland jemand so etwas versucht hätte?).
Der größte gemeinsame Nenner der Empörung besteht in der »Impfkatastrophe«. Wenn wir rasend schnell geimpft hätten, wie Großbritannien, wie die USA dann, ja dann, wäre alles Schlimme nicht passiert.
Wir vergessen dabei, dass es in den USA und Großbritannien VOR der großen Impfkampagne eine schreckliche Überzahl an Todesopfern gab. Das Schlimme war schon passiert. Das war der Hintergrund jenes Impf-Patriotismus, bei dem man sich die ersten Kontingente verfügbarer Impfstoffe unter den Nagel riss, indem man sie vom Markt wegkaufte.
Wir, die Europäer, hätten das eben auch machen sollen!
Dann hätten eben andere das Nachsehen gehabt.
Das hätte uns egal sein können!
Wirklich?
Aus der Rückwärts-Distanz der Pandemieverläufe relativieren sich die manche Unterschiede, die wir noch als Kurzem als Beweis für das »Totale Versagen« der Politik herangezogen haben. Es zeigt sich, dass jedes Land einem anderen Pfad von Irrtum, Versagen und Lernen folgte. Gerade die Länder, in denen es in der zweiten oder dritten Welle besonders schlimm kam, mit Inzidenzen bis an die 1000, drückten danach die Zahlen besonders gründlich (mit Ausnahme von Brasilien und einigen anderen populistisch regierten Ländern).
Für den Weg durch die Krise gab es offenbar viele verschlungene Pfade. Es gab den schweizerischen Weg, der auf eine verantwortliche Bürgergesellschaft setzte. Und in der Schweiz tatsächlich gelang. Es gab den österreichischen Weg mit vielen, vielen Tests. Es gab den schwedischen Weg, der gründlich kritisiert wurde, aber auch seine Vorteile hatte. In Holland verfolgte man einen holländischen Wuselweg, der, wie sagt man so schön, suboptimal war.
Aber am ENDE waren die Unterschiede nicht so groß.
Aber immer war es schmerzhaft.
Alle haben Fehler gemacht, Irrtümer begangen, sich verirrt.
Die meisten haben daraus gelernt.
Unter Streit, Leid und Tränen.
Ähnliches galt für Städte. Für Familien. Für jeden Einzelnen von uns. Wir wurstelten uns durch die Krise. Durch Langeweile. Angst. Verzweiflung. Hoffnung. Wir haben es gar nicht so schlecht gemacht.
Das anzuerkennen könnte heilend sein. Aber warum gelingt uns das so schwer?
Der Empörismus
Ich nenne die Gefühlslage, in der wir im Modus der anklagenden Beschwerde verharren, den Empörismus. Das ist ein Zustand, in dem unser Hirn – unser »mind« – in eine Art Negativitäts-Trance verfällt. Wir scannen unsere Umwelt dann unentwegt im Raster eines Abwärtsvergleiches. Wenn andere Misserfolge haben, stärkt uns das in unserem Gefühl, überlegen zu sein. Wenn andere einen Vorteil haben, sind wir empört über die Ungerechtigkeit. Wir suchen fanatisch nach dem Negativen, um daraus einen inneren Mehrwert zu generieren.
Empörismus ist eine erprobte Methode, von den eigenen Gefühlen abzulenken. Man hält die eigenen Ängste besser aus, wenn man sie anderen in die Schuhe schiebt. Man transformiert Angst in Wut und Abwertung, und das fühlt sich einfach besser an als die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein.
So entsteht der Corona-Schwurbel – in seinen vielfältigen Varianten.
In den Medien wird dieser Schwurbel bereitwillig aufgenommen und verstärkt. Was wäre besser für Clickraten und Einschaltquoten als permanente wütende Empörung?
Dasselbe gilt auch für den bösartigen Populismus. Der freut sich ganz besonders über jede geistige und emotionale Verwirrung.
Im Kern hat der Schwurbel mit unserem Anspruchssystem zu tun. Wir erwarten viel von der Welt. Wir erwarten vom Staat, dass er sich nicht einmischt. Uns nicht behelligt, belästigt, die Freiheit nimmt. Wir verlangen gleichzeitig perfekte Autobahnen. Ohne Geschwindigkeitsbeschränkung.
Im Ernstfall, in der Krise, erwarten wir allerdings Perfektion.
Wir erwarten von Technologie, dass sie die schnellen Lösungen bereitstellt. Aber wir blenden die Fehlerhaftigkeit von Technik aus. Und dass das menschliche Verhalten immer die zentrale Rolle spielt.
Im Zustand des Empörismus verliert man den Überblick über die Zusammenhänge. Man beißt sich an Teilaspekten fest, die man dann ins Absolute aufbläst. Diese Ochsenfrosch-Strategie ist besonders bei der Debatte um das berühmte Bundesnotbremsengesetz sichtbar geworden. Nichts wurde auf dem Empörungskarussell tiefer verachtet, verhöhnt, niedergemacht als dieses „wirre Machwerk, das den Bürger an der Nase herumführt” (eine große deutsche Tageszeitung).
Dabei war es ziemlich klug konstruiert. Es beinhaltet Elemente notwendiger Selbstorganisation, Rückkoppelungen, die die Verantwortung auf die lokale Ebene legten, und dadurch einen Motivationseffekt hatten. Es war adaptiv und dezentral und gleichzeitig verbindlich genug.
Perfekt war es nicht. Wie könnte es auch?
Es war genau richtig. Und es wirkte. Ziemlich gut sogar.
Krisen bedeuten immer eine existentielle Paradoxie, in der wir uns in einem moralischen Dilemma befinden. Alles ist in irgendeinem Sinne falsch: Alles schließen, alles öffnen, Schulen schließen, Läden dichthalten, nächtliche Ausgangssperren, vorsichtige Öffnungen – was IMMER wir auch tun, es hat immer fatale Auswirkungen WOANDERS.
Auch der Kompromiss ist falsch. Sogar ganz besonders falsch. Denn er enttäuscht zugleich mehrere Ansprüche an Perfektion. Deshalb wird der Kompromiss am härtesten verurteilt, von allen Seiten. Echte Krisen etablieren das Gesetz des unentscheidbaren Entscheidungszwangs: Gerade das, was UNENTSCHEIDBAR IST, muss entschieden werden.
In einer Liebeskrise ist es genauso falsch, jemanden zu verlassen, wie bei ihm zu bleiben. Man wird dennoch eine Entscheidung treffen müssen. Daraus entwickelt sich ein neuer Weg. In einer Berufskrise verliert man entweder Sicherheit oder Freiheit. Aber man gewinnt gerade dadurch eine neue Dimension, einen Bewegungsspielraum, der ins Neue führt.
Laurence J. Peter, der Erfinder des Peter-Prinzips, sagte es so : „Manche Probleme sind so komplex, dass man hochintelligent und gut informiert sein muss, um bei ihnen unentschieden zu sein. “
Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn hat am Anfang der Krise diesen wunderbaren Satz gesagt: „Wir werden uns gegenseitig vieles verzeihen müssen.” Vielleicht hätte er noch hinzufügen sollen: Auch uns selbst.
Eine Krise ist immer auch mit Trauer verbunden. Und mit Scham. Rückwärts blickend entdecken wir womöglich, dass wir im Zustand des Empörismus dazu neigten, „uns in Binsenweisheiten zu marinieren” (der amerikanische Essayist William Deresiewicz in „Solitude and Leadership“).
Wir könnten Spahns Satz etwas weiterführen. Wir werden die Krise bewältigt haben, wenn wir uns selbst verzeihen – unsere Dummheiten, Eitelkeiten, Aufregungen, Hysterien. Dann können wir der Krise irgendwann sogar dankbar sein.
Dankbar? Das geht jetzt vielleicht doch ein bisschen zu weit. Wäre das nicht zynisch?
Zynisch wäre nur, wenn wir die andere Seite verleugnen: Den Mut und die Größe, die Menschen in Millionen alltäglicher Situationen gezeigt haben. Die Geduld, das Durchhaltevermögen. Das Über-Sich-Hinauswachsen, das in unendlich vielen kleinen Geschichten auftauchte.
Alles, was wir gelernt und verstanden haben. Über uns selbst und die Welt. Über das, was kostbar ist. Und das, auf was wir verzichten können.
Eine Krise ist furchtbar. Aber sie beinhaltet die Möglichkeit, dass wir uns verwandeln. Diese Möglichkeit auszuschließen heißt, die Zukunft zu leugnen.
Das soziale Biom
In Krisen wie der Coronakrise wird überdeutlich, wie existentiell das SOZIALE BIOM ist, in dem wir alle existieren. Dieser Begriff stammt von Jeffrey Hall, einem Professor für Kommunikation an der Universität von Kansas, der damit die Idee eines organischen Modells auf die soziale Welt überträgt.
Hall definiert das Sozial-Biom es als individuelles Öko-System der Beziehungen und Interaktionen. Es wirkt als eine Art Nährboden, die uns in Krisenzeiten stark und resilient halten kann. „Wir brauchen verschiedene soziale Nährstoffe, verschiedene Formen von Kommunikation (freundschaftliche, intime, spirituelle) um gesund zu bleiben und resilient zu werden.” Das Sozialbiom ist der beste Prognostiker unserer generellen Gesundheit. The social biome: how to build nourishing friendships – and banish loneliness (The Guardian)
Etwa so sieht das soziale Biom aus – wenn es „gesund“ ist:
Jetzt, im Ausklang der Krise, wird deutlich, dass die Corona-Krise die Linien und Kreise dieses Bioms verschoben hat – tendenziell in den Bereich der höheren Bezüge, zu Natur, Menschheit und darüber hinaus. Das gilt besonders für das Ökologische. In der Auseinandersetzung um die die Klimakrise herrscht plötzlich ein ganz anderer Tonfall, über den man sich tatsächlich wundern kann. Eine neue Entschiedenheit, eine neue Konstruktivität.
Zum ersten Mal gibt es in Deutschland eine klare Mehrheit für eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf der Autobahn.
Wir stellen uns Wandel gerne als einen heroischen Akt vor. Als »Große Läuterung«, aus der wir wie Phönix aus der Asche zu neuen moralischen Ufern streben. Aber die Wahrheit der Krise zeigt uns: Wandel besteht aus vielen kleinen Erkenntnissen, Einsichten, Wahrnehmungen, die uns befähigen, eine neue Wirklichkeit zu erzeugen. Wandel entsteht, indem wir in ihn hineinwachsen. Wir leben, wie der israelische Philosoph Gershom Scholem einmal sagte, in „Plastischen Zeiten“. Wenn wir jetzt handeln, wird alles anders. Die Vergangenheit können wir nicht ändern. Gegenwart und Zukunft schon. Die Zukunft entsteht aus ÜBERstandenen, aber auch VERstandenen Krisen.
Vielleicht ist es einfach nur dieses Wort. MEGATRENDS! Es wirkt direkt hinein ins Stammhirn. Man kann es in flammenden Lettern an die Wand nageln. In den Himmel projizieren. In jede Broschüre drucken. Es hat eine hypnotische Kraft.
Megatrends sind das was die Welt verändert!
Megatrends sind mächtig!
Wir müssen unbedingt dabei sein!
Wer die Megatrends kennt, kennt das Weltgeheimnis!
Ich kenne John Naisbitt aus zwei Dimensionen, einer publizistischen und einer privaten. Seine Bücher haben mein Schaffen als Trend- und Zukunftsforscher stark beeinflusst. Die 1982 erschienener Weltbestseller »Megatrends« und der in den 90er Jahren erschienene Nachfolgeband »Megatrends 2000« sind sozusagen die Keimzelle meiner Zukunfts-Bibliothek. Nicht umsonst hieß meine erste Firma »Trendbüro« und nicht per Zufall sind die Megatrends bis heute ein Kerninstrument des Zukunftsinstituts.
Ich kenne John Naisbitt auch aus dem Privaten. Ein freundlicher Hüne (rothaarig, irisch-dänischer Abstimmung, ein echter Wikingerkönig), mit dem man stundenlang humorvoll fachsimpeln konnte. Um die Jahrtausendwende saßen wir auf seiner Dachterrasse im 9. Wiener Bezirk, mit Blick auf Stephansdom und Wienerwald und redeten über – ja was? Die Zukunft? Nein, eigentlich nicht so sehr. Die Welt und ihre Zusammenhänge. Politik, Ökonomie. Globalität. China, immer wieder China. Wir tickten ähnlich, aber da war dieses ur-amerikanische an ihm, seine seltsam paradoxe Haltung zu Europa, das er einerseits als weich und nutzlos betrachtete, andererseits bewunderte (ist es bei uns Europäern umgekehrt nicht ähnlich?). Seine Wohnung hing voller moderner Kunstwerke, in die er einen großen Teil seiner fantastischen Honorare umsetzte.
Später war ich bei seiner Hochzeit dabei, in der Wachau, der Toskana Österreichs, an der Donau, wo er seine Doris heiratete, seine Lektorin und (deutschsprachige) Verlagschefin. Ich erinnere mich an einen leuchtenden Blütenfrühling im damals noch goldenen Millennium-Jahr (vor 9/11 und der Finanzkrise). Alles stimmte. Die bessere Zukunft lag vor uns. Die Megatrend-Zukunft.
Wie man sie erkennt
Ich bin in meinem Leben hunderttausendmal gefragt worden, wie man eigentlich Megatrends erkennt. Dabei stand dem Fragenden manchmal ein merkwürdiges Glitzern in den Augen. Ich habe diese Frage lange nicht verstanden. Aber sie hatte ihren Grund.
Wie »findet« man Megatrends? Darauf hatte John eine Antwort: „They grow to you.“
Sie wachsen sozusagen auf Dich zu.
Ich stelle mir John als Megatrend-Magier ein bisschen so vor wie den genialen Spieltheoretiker John Nash in dem Film „The Beautiful Mind“. In einer Schlüsselszene steht Nash in seinem Arbeitszimmer vor einem Chaos von Bildausrissen, Zeitungsartikeln, Kurven, Statistiken. Überall leuchten in seinem beautiful mind Wörter auf, Zahlen, Zusammenhänge. Er sieht Verbindungen in all diesen Elementen und Informationen, die das Puzzle zu einem Ganzen zusammenfügen (Allerdings war Nash schizophren; er »sah« wahnhafte Verschwörungskonstruktionen wie in Illustrierten verborgene Codes für die Kontrolle von sowjetischen Atomraketen in den USA).
Die Trance, in der man die Zusammenhänge der Welt zu verstehen beginnt, ähnelt dem Wahn. Das Hirn arbeitet dann auf einer anderen Stufe der Wahrnehmung, die man »holistisch« oder »integral« nennen kann.
„Betrachten Sie die Welt als Puzzle” lautet eines von Johns Kapiteln in seinem Buch MINDSET.
„Kreativität besteht schlicht darin, die Dinge neu zu verbinden.” sagte Steve Jobs.
In meiner ersten Firma »Trendbüro« hatten wir unzählige Papp-Zettelkasten, in denen wir Bildausrisse, Zeitungsartikel, Statistiken zu allen möglichen Themen sammelten. Genauso primitiv – aber womöglich auch effektiv – arbeitete John Naisbitt bei der Identifikation seiner Megatrends. Es begann mit Kleber und Schere. In den 70ern gründete er (nachdem er stellvertretender Bildungsminister der USA und Manager bei IBM gewesen war), das »Urban Research Institute«, eine Agentur, die Information zum »Urban Decay« sammelte, dem Niedergang der amerikanischen Städte durch Gewalt, Verarmung und Segregation (kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor?). Lange vor dem Internet stellte er Studenten ein, die aus den regionalen Zeitungen Amerikas Meldungen zu diesen Themen herausrissen. Aus diesem Material kompilierte die Agentur Trendletter für städtische Behörden, Institutionen und Organisationen. Im Lauf der Zeit wurden immer mehr Themen und Bereiche bearbeitet.
So begann das »Große Ganze« mit einer regionalen Zettelkiste.
Der versteckte Humanist
War John Naisbitt ein Neoliberalist? Das warfen ihm viele vor, die nicht direkt aus dem Business-Umfeld stammten. In der Tat war sein Weltbild klassisch-ökonomistisch geprägt. Niedrige Steuern, Marktkonkurrenz, wenig Staat. Als Amerikaner durch und durch sah er das amerikanisch-westliche Wachstums-Modell als unausweichlich und überlegen. Schon deshalb war er auf jeder großen Business-Konferenz sehr begehrt. Seine Funktion war oft die eines Motivators für die unaufhaltsame Dynamik des westlichen Fortschritts. MEGATRENDS! GO FOR IT!
Weniger bekannt waren seine reflexiven Seiten. Diese Dimensionen fanden sich eher in seinen »stillen«, Büchern, die sich nie so gut verkauften wie die Megatrend-Bücher. Wahrscheinlich, weil er darin nichts verkündete. Etwa in „MINDSET – wie wir die Zukunft entschlüsseln“ (2006), einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir die Zusammenhänge des Wandels verstehen können. Darin sammelt er 10 kluge Regeln, wie man mit Trends umgehen oder NICHT umgehen sollte. Beispiele: Mindset 1: Während vieles sich verändert, bleibt das Meiste bestehen.
Mindset 2: Die Zukunft ist Teil der Gegenwart.
Mindset 5: Betrachen Sie die Welt als Puzzle.
Mindset 7: Der Widerstand gegen Wandel fällt, sobald seine Vorteile ersichtlich sind.
Mindset 8: Dinge, die wir erwarten, geschehen stets langsamer, als wir denken.
Mindset 9: Resultate erzielen Sie nicht, indem Sie Probleme lösen, sondern indem Sie Chancen wahrnehmen.
Das ist ziemlich klug. Sogar weise. Eine Anleitung in komplexem, NICHT-linearen Denken, die das Phänomen der Megatrends auf einer höheren Ebene reflektierte.
Die Megatrend-Gier
Megatrends haben einen korrumpierenden Charakter. Das habe ich in meiner langen Dienstzeit als Trend- und Zukunftsforscher immer wieder erlebt.
Megatrends suggerieren – erstens – eine radikale Einfachheit. Im Chaos der Welt stehen sie für eine simple A-nach-B- Logik. Alles geht einfach immer nur in EINE Richtung. In ein exponentielles IMMER MEHR. Megatrends versetzen denjenigen, der eine Sehnsucht nach einem einfachen Weltbild hat, in eine fantastische Trance. Man muss dann nicht weiter nachdenken.
Zweitens haben Megatrends immer etwas Präpotentes. Eine Deutungsmacht, die problematisch ist. Wer die Megatrends »beherrscht«, der gewinnt. Wer sie nutzt, macht das größte Business. Das erzeugt einen Hammelherden-Effekt, einen Opportunismus. Alles wollen dabei sein! Alle wollen profitieren.
Das Glitzern in den Augen meiner Kunden beruhte auf der Annahme, mit ein bisschen Cash könnte man einen schönen Megatrend erfinden, der die Absätze kräftig nach oben trieb.
Megatrend Wasserstoff!
Megatrend Naturheilsalbe!!!!
Megatrend integrierter Küchen-Rauchabzug!!!!!!!
Im Börsensektor werden seit vielen Jahren Megatrend-Portfolios verkauft, die meist nicht viel mehr sind als Worthülsen als Verkaufsargumente. »Megatrend Nachhaltigkeit« klingt einfach viel profitabler als Nachhaltigkeit, oder? Aber durch diese Etikettierung erstarrt gleichzeitig der Begriff der Nachhaltigkeit. Er verliert seine Lebendigkeit. Er wird zu einer Marketing-Phrase.
In Wirklichkeit sind Megatrends, wenn wir sie richtig verstehen, wie ein großer Fluss. Ein vielschichtiges Netzwerk von Wirkungen und Phänomenen, von Konnektomen (das versuchen wir, in unserer Megatrend-Map auszudrücken). Sie haben Seitenarme, Untiefen und Turbulenzen, können austrocknen oder anschwellen. Und manchmal ändern sie tatsächlich ihre Richtung.
Jeder Trend hat einen Gegentrend. John Naisbitt hat das immer schon gewusst. Gleich sein zweiter Megatrend aus dem Jahr 1982 lautete:
Forcierte Technologie führt zu der Formel: Je höher die Technologie, desto höher das Kontaktbedürfnis.
Interessant ist sein Verhältnis zur Technologie. Anders als die üblichen amerikanischen »Futuristen« wie etwa Michio Kaku, der uns immerzu die grosse Nano-Cyber-Hyper-Brain-Revolution vom Himmel verspricht, hielt John die Vorstellung, Technologie könne alles lösen, für eine Illusion. Spiel, Kultur, Kunst, Sinnlichkeit war für ihn von herausragender Wichtigkeit. Die Ambivalenz des Technischen beschreibt er in seinem Buch „High Tech High Touch”.
“
„Die aufregendsten Durchbrüche des 21. Jahrhunderts werden nicht aufgrund von Technologie stattfinden, sondern durch ein erweitertes Verständnis dessen, was es bedeutet, menschlich zu sein.“ John Naisbitt, High Tech High Touch
John war ein humanistischer Traditionalist, ein Suchender. Um 2000, er war bereits 70, begann Johns letzte große Expedition. Von Europa weiter Richtung China. In Tianjin lehrte er Megatrends, gründete ein ganzes Institut, und von dort aus erforschte er das aufstrebende China. Damals waren die Verhältnisse zwischen den USA und China noch entspannter. Seine Bücher, die er nun zusammen mit Doris, seiner Frau schrieb, bekamen einen anderen Tonfall. Sie waren kultureller, mentaler, fast spirituell. Er vertiefte sich in chinesische Geschichte, schieb in der Weichheit des Verständnisses für eine große Nation und ihren Versuch, ihren eigenen Schnellweg in die Zukunft zu finden. Die Kapitel in seinem „Megatrends-China”-Buch hießen so:
Die Emanzipation des Denkens
Der Balanceakt zwischen Spitze und Basis
Den Wald Grenzen setzen, doch die Bäume wachsen lassen.
Von Stein zu Stein ertasten wir uns den Weg durch den Fluss.
Freiheit und Fairness.
Vom olympischen Gold zu Nobelpreisen.
Ein Versuch, den Konfuzianismus als Gesellschaftsexperiment zu verstehen. In „Megatrends China” finden sich Abschnitte wie dieser (deutsche Ausgabe S. 56): Chinas vertikale Demokratie
„Denkt der Westen an eine freie, demokratische Gesellschaft, so denkt er an eine horizontale Struktur, in der Einzelne mit gleichen Rechten und in immer wiederkehrenden Zyklen ihre Stimme einer bestimmten Person oder Partei geben. Doch wie wäre es, wenn es eine völlig andere Sichtweise von Freiheit und Demokratie gäbe? Eine, die sich aus einem unterschiedlichen kulturellen Erbe und einer anderen Perspektive auf die Gesellschaft und die Welt speist? Was, wenn es auch ein vertikales und nicht nur ein horizontales Modell gäbe?”
(Chinas Megatrends, Die 8 Säulen einer neuen Gesellschaft, S. 56)
Das ist mutig. Es ist geradezu radikal. Eine Selbsthinterfragung. Es sieht die Welt mit den Augen der anderen und riskiert damit alte Gewissheiten. Aber zugleich ist das natürlich Verrat. Verrat am westlichen Denken. Die Welt mit anderen Augen sehen. Dazu gehört Mut und Kraft. Und das Risiko, Brücken hinter sich zu verlieren.
John Naisbitt zu würdigen, heißt seine Arbeit, seinen »Code« der Neugier und der Zusammenhangdenkens weiterzuführen. Es ist deshalb auch nicht pietätlos, auf die blinden Flecken in John Naisbitts Werk hinzuweisen. Die Ökologie hat er immer ausgespart. Das Phänomen der Erderhitzung war ihm suspekt. Er leugnete es nicht direkt, aber er nahm es nicht ernst. Er konnte es in seinem Modell des Fortschritts nicht wirklich prozessieren.
Heute offenbaren sich die Gegentrends der Megatrends. Neo-Nationalismus gegen Globalisierung. Hysterischer Egoismus gegen die Individualisierung. Der Terror der Aufmerksamkeit gegen die Große Vernetzung. Jeder Trend hat eine innere Paradoxie. Jeder Trend hat einen »Tipping Point«. Auch jene Megatrends, die wir für ewig hielten, geraten in Turbulenzen.
Die Corona-Krise stellt die Frage nach neuen Synthesen, nach Entwicklungen in höherer Ordnung. Wir gehen in neue Konfrontationen einer multipolaren Weltordnung. Wir müssen uns mit dem zähen Erbe des fossilen Industrialismus auseinandersetzen. Eine Pandemie beschleunigt und disruptiert die Megatrends. Können wir dafür wieder eine Sprache finden, einen Code? Können wir unsere »Mindsets« an die neuen Turbulenzen anpassen, und wieder Erkenntnis-Schneisen in die kommende Komplexität schlagen, wie John es vor Jahrzehnten getan hat?
Ein bisschen hat John, glaube ich, daran gelitten, dass er immer als Prophet missverstanden wurde. John betonte, dass er die Gegenwart erforschte, nicht die Zukunft, die letztlich Ergebnis eines Evolutionsprozesses sein wird. „Wer den Blick nur in die Zukunft richtet, kann leicht über die Gegenwart stolpern.”, schrieb John in MINDSET. Man kann die Welt in ihrem Wandel verstehen, aber man sollte nicht in die Falle des PROGNOSTIZISMUS rennen. Sondern seinen Geist öffnen für das, was sich im Werden befindet. John starb am 8. April 2021 am Wörthersee im Kreise seiner Lieben. Geboren wurde er 1929, auf einer Zuckerrübenfarm bei Salt Lake City, in einer zutiefst frommen Mormonen-Bauernkultur, in der er Priester werden sollte. Was ein Weg durch die Welt, was für eine Spanne durch Raum und Zeit und durch das Leben, lieber John!
Die Megatrends der Großen Megatrend-Bücher (1982 und 1993) in der Übersicht:
Megatrends
Von der Industrie- zur Informationsgesellschaft
Je höher die Technologie, desto höher das Kontaktbedürfnis.
Von der Nationalökonomie zur Weltwirtschaft (Globalisierung).
Von kurzfristig zu langfristig.
Von der Zentralisation zur Dezentralisation.
Von der institutionalisierten Amtshilfe zur Selbsthilfe.
Von der repräsentativen zur partizipatorischen Demokratie
Von Hierarchien zu Verbundenheit, Verflechtung, und gegenseitiger Abhängigkeit.
Von Norden nach Süden.
Vom Entweder-Oder zur multiplen Option.
Megatrends 2000 (mit seiner ersten Frau Patricia Aburdene)
Der Globale Boom der 90er.
Renaissance der Künste.
Die Emergenz des Freier-Markt-Sozialismus.
Globale Lebensstile und Kultureller Nationalismus .
Die Privatisierung des Wohlfahrtsstaates.
Aufstieg des Pazifischen Raums.
Die 90er: Frauen in Leadership.
Das Zeitalter der Biologie.
Religiöses Revival des Dritten Millenniums.
Der Triumph des Individuums.
Über dem Klo in meiner ersten WG, es ist fast ein halbes Jahrhundert her, hing ein sepiafarbenes Plakat, auf dem ein Indianer – so nannte man damals die rechtmäßigen Ureinwohner Amerikas – in theatralischer Geste in den Himmel wies. Darunter der Satz „Nur Stämme werden überleben“. So hieß später auch ein Buch über den Kampf der »Indianer«, das mir mit seinem heiligen Tonfall in Erinnerung geblieben ist: „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen…”.
Stammeskulturen haben uns angeblich moderne Menschen immer schon rasend interessiert. Das war in meiner Kindheit so, als ich als Karl-May-Sozialisierter alles über Shoshonen, Apachen, Cheyenne, Komantschen und andere edle Wilde wusste. Die bösen, korrupten Cowboys des Wilden Westens sahen dagegen alt aus – obwohl sie beim Cowboy- und Indianerspiel meistens bevorzugt wurde (ich war immer der Medizinmann). Was ich nicht wusste, war, dass es sich um grenzenlose Romantisierungen handelte, mit denen auch die Nazis gut zurechtkamen. In der Hippiezeit gab es dann obskure »Stadtindianer« und eine Menge langhaariger Leute (zu denen zeitweise auch ich gehörte), die die gerne in Protest-Zeltstädten lebten und sich der Schafzucht, dem Sternenhimmel und der Friedenspfeife zugehörig fühlten. Später lasen wir einen gewissen Carlos Castaneda, der eine atemberaubende Geschichte von einem indianischen Zauberer erzählte, der mächtige Wesen beschwören konnte. Und lehrte, in eine andere Welt zu wechseln. Das erübrigte sich dann durch Harry Potter und die Erfindung abgefahrener Computerspiele mit tribalen Welten (man denke an das berühmte »World of Warcraft«).
Alles wiederholt sich. Der Indianerkult ist wieder da. Er speist sich aus unserer Sehnsucht nach einer eindeutigen Zugehörigkeit. Nach klaren Regeln, Ritualen, sozialen Formen, die unbezweifelbar sind. Und dem großen Manitou, der garantiert nichts mit Priestern oder Pfarrern zu tun hat, allenfalls mit Heilern und Medizinmännern. Es riecht nach Wildnis und klaren Verhältnissen. Und nach der Sehnsucht, aus den Wirren der individualisierten Gesellschaft auszusteigen in eine unbestreitbare IDENTITÄT.
Vor Kurzem erschien die Serie »Tribes of Europa« auf Netflix. In diesem dystopischen Szenario (es spielt 2074) haben sich die Zentrifugalkräfte, die die Gesellschaft auseinanderreißen, endgültig durchgesetzt. In einem malerisch zertrümmerten Europa – die Panoramen erinnern an Caspar David Friedrichs »Landschaft mit Ruine« – kämpfen verschiedene Stammeskulturen gegeneinander um Dominanz und Ressourcen. In Mecklenburg-Vorpommern (oder im bergischen Land) wohnen die Hippie-Stämme der ORIGINES in Baumhäusern. Berlin ist eine Ruinenstadt, in der die brutalen CROWS regieren, gegen die die Kiowa und Komantschen, die ihre Gegner bei lebendigem Leibe rösteten und folterten, wie Kindergarten-Onkel aussahen. Die Crows sind eine Fusion aus russischem Gang(ster)tum, dekadenten »Lords«, Peitschen- und Stiefel-Ladys, die sich Sexsklaven halten und einem drogenversessenen Pöbel, der begeistert blutige Gladiatorenspiele konsumiert. Sehr DARK, sehr Berghain. Die CROWS haben eine ehrenwerte Indianereigenschaft: Sie können niemals lügen oder ihr Versprechen nicht halten! Dann gibt es noch die FEMEN, feministische Reiterinnen, und hundert andere Stämme. Dazwischen versuchen Reste des Euro-Corps, eine militärische Truppe mit einem österreichelnden Top-Sergeant, die vom alten Europa übriggeblieben ist, wenigstens eine Grundordnung zu installieren.
»Tribes of Europa« ist auf eine verstörende Art und Weise authentisch. Die Serie nimmt einen mit, im doppelten Sinne. Verhalten sich auf den Anti-Corona-Demos nicht schon viele wie durchgedrehte Stammesmitglieder, einschließlich Trommeln und Tanzen? Und stand nicht neulich schon ein Behörnter und in Tierhäute gekleideter Schamane im Auftrag von Donald Trump im Kapitol? Ähneln die Hickhacks um Politische Correctness nicht längst schon einem Kampf-Tam-Tam oder einem Potlatch?
Der Stammes-Trend verbindet sich mit den zahllosen Dystopien unserer Tage. In den Trümmern der Zivilisation, so geht die große Story, werden nur heldenhafte Krieger überleben, Rudel von Gleichgesinnten. Der Anthropologe John Gowdy sagt uns sogar eine komplette Dezivilisierung, eine Jäger- und Sammler-Zukunft voraus: www.sciencedirect.com
Der Klimawandel, so Gowdy, macht das Klima so unstabil, dass Landwirtschaft in Zukunft unmöglich wird. Unsere Vorfahren, vielmehr der ausgedünnte Rest von ihnen, wird allenfalls als Jäger- und Sammler überleben können. Ade, Du schöne Digitalisierungswelt. Da fällt der Künstlichen Intelligenz auch nicht mehr viel ein (vielleicht gibt es dann eine geile APP für die Stammeszugehörigkeit, »Tribal Tinder«).
Noch vielschichtiger und vor allem lustiger ist die Serie »Beforeigners« aus Norwegen. Fernsehen (HBO, lief auch schon in der ARD). Aus dem Meer tauchen in regelmäßigen Abständen mit Lichtblitzen FOREIGNERS auf; Fremde, aus der Vergangenheit (dem BEFORE). Entweder aus dem 18. Jahrhundert, der Wikingerzeit oder der Steinzeit – 10.000 Jahre B.C.
Norweger sind politisch korrekt, und deshalb integrieren sie brav die »Timigranten« unter erheblichem Aufwand von Sozialarbeitern und Rechtsanwälten. Und so werden im hypermodernen Oslo fröhlich Ziegen gegrillt, und in der düsteren Disco NivHel (siehe Anhang) wüste Wikinger-Riten gefeiert. Wobei das Ganze an eine Hells-Angels-Corona-Party erinnert…
Im Zentrum der Handlung steht ein abgerockter, selbstverständlich geschiedener nordischer Polizist, der von der Droge »Temproxat« abhängig ist, auch THE VEIL – der Schleier – genannt. Die Droge wird »Timigranten« verabreicht, wenn sie aus der Vergangenheit in der Gegenwart wechseln und von der Hektik der Moderne überwältigt sind. Eine echt gute Medizin gegen alle Fälle von nervöser Reizbarkeit, also für uns alle. An seiner Seite und im üblichen Krimi-Duett steht eine langmähnige, rothaarige Wikingerin, die erste Polizistin mit transtemporalem Hintergrund bei der Osloer Polizei. Sie ist, wie soll es anders sein in nordischen Krimis, leicht autistisch, und deshalb klärt sie alle Morde. Unfassbar lustig sind die Slapstick-Begegnungen, wenn es um Politische Korrektheit gegenüber Cro-Magnon-Menschen geht, die in Villen leben, nackt durch die Gegend laufen und selbstgefangenen Hasen roh verzehren. Dass die edlen Wilden und stolzen Wikinger sich schnell als Clan-Gangster und Zuhälter bewähren und dadurch stinkreich werden, versteht sich von selbst und erinnert irgendwie wieder an Berlin mit seiner Multi-Tribal-Gesellschaft.
Eigentlich geht es in »Beforeigners« um eine lustige Karikatur des real existierenden Tohuwabohus. In jedem von uns steckt ein Urmensch, ein Hau-Drauf-Krieger, eine schmachtende Squaw, und ein Pfeife schmauchender bigotter Landjunker mit steifem Kragen (oder eine bigotte fromme Helene im Spitzenkleid mit Häubchen). Ständig fallen wir zurück in die Regression in Horden- Herden- und Rudelverhalten. „Wir sind nie modern gewesen”, heißt ein Buch des Ethnologen Bruno Latour.
Aber heißt das auch, dass Zivilisation nur »eine dünne Kruste« ist? Unter der sich schnell die Grausamkeit und Bösartigkeit »des Menschen« offenbart? Gerade Corona zeigt auf paradoxe Weise, dass solche Deutung zwar zeitgemäß kulturpessimistisch klingt. Aber die gesellschaftliche Wirklichkeit ist eben doch komplexer. Weltweit hat sich die menschliche Kultur auf etwas Ungeheuerliches geeinigt: Die (universelle) Verteidigung von älteren und schwächeren Menschen gegen einen neuen Keim. Dafür hat man den Zusammenbruch der Wirtschaft riskiert und quält sich ewig mit Lockdowns und Selbstzweifel. Allen Trommeltänzen zum Trotz ist dieser Kampf keineswegs in eine Schlacht »Alle gegen Alle« gemündet (auch wenn es in den Medien immer so aussieht). Vielleicht ist unsere Faszination am Stammeswesen wieder nur so eine Mode, bevor wir entdecken, was wir an einer Gesellschaft haben, die geteilte Werte und einen rückgebundenen Individualismus vorzieht. Dass sich am Rande eines solchen Konsens immer ein paar Indianer herumtreiben, damit sollten wir gelassen leben. Ich glaube sowieso, dass die QAnons und Corona-Freaks und Brüllnazis aus einem Paralleluniversum herbeigebeamt wurden (sie glauben es ja selber).
Bis die Stimmung wieder kippt, in Richtung einer universalistischen Vernunft, nehmen wir noch ein paar Tropfen »Temproxat«. Die träufelt man übrigens in die Augen. Wirkt wie bekifft.
P.S.
Es gibt sogar ein eigenes Beforeigners-Lexikon, das zum Schreien komisch unsere PC-Kultur auf die Schippe nimmt: beforeigners.com/dictionary
Temporal-Diversity Party (org.)
Political party that fights for beforeigner rights and against timesism.
People’s Movement Against Timeigration (abb. PMAF)
Organization that is critical to timeigration. Main cause: That every beforeigner should be marked by GPS tracking devices.
Nivlhel (beforeigner-slang, from Old Norse Niflhel)
The name of the worst part of the underworld/hell in the Old Norse religion. The term is commonly used by beforeigners about the dentist’s office. Also, the name of a nightclub in Oslo.
«You got beef!»
Popular anti-vegetarian talkshow hosted by the British beforeigner-comedian Charles D’Arcy (b. 1869), which is a global success.
Was folgt „aus Corona”?
Heute können wir es besser erahnen.
Acht Vermutungen ein Jahr nach Beginn der Krise.
Manchmal muss zunächst etwas verdeckt werden, wenn etwas sichtbar werden soll.
Nur wenn der Kernschatten des Mondes die Sonne verdunkelt, wird an ihrem Rand die CORONA sichtbar. Die Atmosphäre glühender Gase, in der unser Zentralgestirn seine Energie an den Weltraum abgibt. Und letztlich an uns, an den Planeten Erde.
Es mag Zufall sein, dass dieser Strahlenkranz der Sonne wie eine ansteckende Krankheit heißt: CORONA. Aber vielleicht ist es auch eine als Metapher verkleidete Botschaft.
1. Wandel entscheidet sich in der »Dritten (Krisen-)Phase«
Jede große Expedition, jedes gefährliche Abenteuer, verläuft in vier Phasen, wovon die dritte die gefährlichste ist. Von dieser Regel erzählen Astronauten, die ein Jahr lang im Orbit zubrachten. Arktis-Forscher, die Monate im Dunklen auf einsamen Stationen aushalten, wenn der Wind heult. Selbst weltumfahrende Einhandsegler. Der Polarforscher Shackleton, der auf seinen Schiffen 625 Tage im Eis gefangen war, berichtete vom „dunklen Zorn“, der nach einem Jahr Expedition im Eismeer seine Mannschaft überfiel. Es häuften sich Streitigkeiten, Trunkenheit, Unfälle, Verluste von Armen, Beinen, Vorräten und Menschenleben. Die Disziplin versank in einem Sumpf aus Selbstmitleid und Meuterei-Bereitschaft.
Dieser »Dritte-Phase-Effekt« hat etwas mit unserem Dopamin-System zu tun. An der Startrampe zum Raumschiff, beim Auslaufen des Schiffes, sind wir euphorisiert angesichts der Herausforderung der Gefahr. In der »Zweiten Phase« bilden sich Routinen der Gewöhnung aus. Es entsteht der Eindruck, alles sei schon vorbei. Wie im Sommer 2020.
Die vier Phasen sind:
Anfangseuphorie: Ready to fight!
Gewöhnungsphase: Routinen setzen sich durch.
Erschöpfung und Bezichtigung: Die Nerven gehen verloren.
Heimkehr und Hoffnung: Entstehen des »NEUEN Normal«.
Zum Jahreswechsel 2021 kippte unser mediales System wieder in den Zustand des Competitive Complaining – jenes Beklagungs- und Bezichtigungs-Wettbewerbs, in dem nur noch das Negative zählt, das man sich gegenseitig um die Ohren haut. Die Abrechnungs- und Erregungskultur, die uns im »Alten Normal» schon zur Gewohnheit geworden war, kehrte zurück.
In diesem Zustand der Selbst- und Fremdabwertung verliert man den Respekt vor dem Erreichten, vor der gemeinsamen Leistung. War es nicht erstaunlich? Wie Unternehmen, Kreative/Künstler sich mitten im Lockdown neu erfanden? Wie Familien durchhielten, zusammenhielten, sich wiederfanden? Wie manche Städte als Bürger-Gemeinschaft zusammenfanden? Wie Schulen sich veränderten?
All das ist vergessen, nur das Negative wird vor die Kameras gezerrt. Ebenso verliert man aus dem Blick, welche Befürchtungen NICHT eintraten:
Es gab keinen Bürgerkrieg. Europa ist nicht auseinandergefallen. Die Pandemie wurde nicht – oder selten – ethnisch gedeutet, also Minderheiten in die Schuhe geschoben.
Die Weltwirtschaft ist nicht zusammengebrochen.
Der bösartige Populismus konnte in der Krise nicht triumphieren.
Trump wurde nicht wiedergewählt. Bolsonaro wird fallen.
Paradoxerweise ist es immer auch die »Dritte Phase«, in der sich die Lösungen abzeichnen. Die Expedition hat in schwierigen Zeiten viel gelernt. Jetzt fügen sich die einzelnen Erkenntnisse und Irrtümer langsam zu einem Wirkungs-System zusammen. Das Ende der Krise ist auf dem Weg, aber unser Hirn hat sich in Erschöpfung und Beleidigung verirrt.
In »Phase Vier« könnten wir glücklich aus dem All zur Erde zurückkehren. Oder mit unserem Schiff in den Hafen einlaufen, wo am Ufer Menschen warten, die begeistert klatschen. Allerdings kann man diesen Applaus nur erleben, wenn man sich unterwegs verwandelt hat.
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„Nach einem erschöpfenden Jahr ist es schwer für jeden – einschließlich Wissenschaftler, Journalisten und Gesundheitsexperten – ein Ende zu imaginieren, Hoffnung zu haben. Wir passen uns an neue Bedingungen ziemlich schnell an, auch an schreckliche Bedingungen. Während dieser Pandemie haben wir uns an Dinge gewöhnt, die wir nie für möglich gehalten hätten. Milliarden von Menschen haben dramatisch ihr Dasein geändert, haben kleinere, eingeschränktere Leben gelebt, mit geschlossenen Schulen, der Unmöglichkeit, die Liebsten zu treffen, dem Verlust der Arbeit, dazu immer auch die Bedrohung von Krankheit und Tod.”
Zeynep Tufekci, The Atlantic
2. Das »Alte Normal« war gar nicht normal
Wenn Sie mit einem Zauberstrich das »ALTE NORMAL« – den Zustand VOR Corona – exakt wiederherstellen könnten, würden Sie das tun?
Natürlich, werden die meisten spontan sagen: SOFORT! UNBEDINGT! Aber damit meinen wir womöglich weniger den alten Zustand selbst als die Unschuld des Gefühls. Die Sorglosigkeit vor der Krise. Das »Jederzeit-Alles-Können«.
Waren wir im »ALTEN NORMAL« wirklich sorglos? Und fühlte sich das »Alles-Können« wirklich gut an?
Können Sie sich noch an die verstopften Business-Lounges erinnern, voll von übernervösen Business-Männern? An die endlosen Staus um München? Den über-boomenden Tourismus? An die unendlichen Partys, Festivals, Messen, die von Jahr zu Jahr größer, bedeutender, schräger, schriller wurden? Und irgendwie – öder?
An das ungute Gefühl, dass es so irgendwie nicht weitergehen kann?
Corona hat uns drastisch darauf hingewiesen, dass wir uns längst in einer Wohlstandskrise befanden. Wir lebten im »ALTEN NORMAL« in einem ÜBER-NORMAL, das sich Stück für Stück in einen Mangel verwandelte.
ÜBER-Tourismus: Jedes Jahr mehr Flüge zu immer billigeren Preisen.
ÜBER-Meat: Jedes Jahr immer mehr Schweine in den Ställen und Schlachthöfen, unter fürchterlichen Bedingungen.
ÜBER-Vergnügen: Jedes Jahr fuhren mehr Menschen in die Saufparadiese Ballermann, Ischgl und so fort. Venedig war so voll von Menschen, dass es kurz vor der Versenkung stand.
ÜBER-Konnektivität: Immer mehr rasende Echtzeit-Informationen, fieberhaftes Anschreien, Erregungs-Spiralen und Untergangs-Hysterien.
Wir waren in die hedonistische Tretmühle geraten. Die Sättigungskrise eines Wohlstands, der keine Richtung mehr hatte als das ständige MEHR. Da jede Steigerung von Genuss einen abnehmenden Grenznutzen hat – jedes weitere Schnitzel und noch mehr Champagner wird irgendwann fad – macht sich eine tiefe innere Leere, eine rasende Unzufriedenheit breit.
Corona enthüllte die Abwesenheit einer plausiblen Zukunft.
Auf drastische Weise hat das Corona-Virus unsere Sättigungskrise in eine Sehnsuchtskrise verwandelt. Heute sehnen wir uns schrecklich nach allem, was wir früher im Überfluss hatten – Party, Urlaub, Lärm, Genuss, Sinnlichkeit, Verfügbarkeit. Sogar Stress. Aber gleichzeitig zwingt uns die Sehnsucht dazu, unsere eigenen Wünsche aus neuer Perspektive zu betrachten.
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„Freude ist eine Form des Widerstands.“
Alicia Keys
Sehnsucht enthüllt, was wir wirklich vermissen.
Wollen wir wirklich, was wir wollen?
Oder fehlt da noch etwas anderes?
3. Epidemien können Fortschritts-Schübe erzeugen
Um die Zukunft zu verstehen, lohnt es sich manchmal in die Vergangenheit zu reisen. Wie haben Pandemien, Seuchen, Epidemien in der Vergangenheit die menschliche Kultur verändert?
Die spanische Grippe vor 100 Jahren führte im kriegsgeschwächten Europa zur Vertiefung des Kriegselends, trug aber auch zu den modernistischen Aufbrüchen der 20er Jahre bei. Der Architekt Norman Foster schrieb: „Die letzte große Pandemie von 1918/20 erzeugte verlassene Stadtzentren, Gesichtsmasken, Lockdowns und Quarantänen. Aber sie verkündete auch die soziale und kulturelle Revolution der 1920iger und eine neue Architektur der Versammlungsräume, Warenhäuser, Kinos, großer Theater und Sportstadien.“
Aus den Cholera-Wellen des 19. Jahrhunderts erwuchs die mondäne Urbanität des Fin de Siècle: In den großen Städten wurden Slums abgerissen, Sanitärnetze und Krankenhäuser errichtet, Boulevards und Parks gestaltet. Trinkwasser wurde zu einem kontrollierten öffentlichen Gut.
Die Pest des Mittelalters hatte zunächst Pogrome und Hexenverbrennungen zur Folge. Aber an ihrem Ende stand die Renaissance. Der Historiker Frank Martin Snowden: „Die Beulenpest führte zur Erfindung der öffentlichen Gesundheit, zu enormen Transformationen in Kultur und Wirtschaft, sie trug dazu bei, dass sich ein zentralisiertes Staatswesen herausbildete. (…) Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass sie zur industriellen Revolution führte, aber sie war eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass die industrielle Revolution stattfinden konnte.“ („Dies ist eine Gelegenheit, die Welt sicherer und besser zu machen”, ZEIT ONLINE, Februar 2021)
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„Es ist eine viel schlimmere Art des Stolzes, andere zu verkleinern, als sich selbst zu erheben.“
Damit entstanden langfristige Strategien der Investition – in Künste, Architektur, aber auch scholastische Bildung. Die Gesellschaft wurde mobiler, weil überall Arbeitskräfte gesucht wurden. Sklavenähnliche Arbeit verminderte sich. Gilden kamen auf. Städte wie Brügge und Mailand, die koordiniert gegen die Seuche handelten und weitgehend von der Seuche verschont wurden, erlebten danach eine lange Blütezeit. Menschen entfernten sich von alten religiösen Dogmen, revolutionäre Denker wie Petrarca und Boccaccio stellten nun das menschliche Empfinden, die humanitas in den Mittelpunkt.
Wie all diese Faktoren exakt zusammenwirken, werden wir vielleicht nie völlig ergründen. Vieles ist vielleicht Zufall, Reflex, spontane Resilienz. Aber ist es nicht wahrscheinlich, dass auch die Corona-Epidemie solche Wandlungen erzeugt, wie wir sie aus der Geschichte des menschlichen Leidens kennen?
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„Es ist das Ende der Welt wie wir sie kennen, und alles fühlt sich zerbrechlich an – wie feines Porzellan, dünnes Glas, seidener Faden. Alles fühlt sich fragil an, und so schockierend rettungswert. Am Ende wird es keine Schlächterei sein. Stattdessen Bäckerei – weil jeder anscheinend entschieden hat, dass es das Beste ist, Brot backen zu lernen, wenn die Welt ins Schlingern gerät.”
Laurie Penny in WIRED
4. Pandemien erzeugen GloKALe Strukturen
Für manche Länder (Städte/Regionen) bedeutete die Corona-Krise die Wiederentdeckung eines erstaunlichen Wir-Gefühls, weil ihnen eine Erfahrung des Zusammenhalts gelang. Das gilt natürlich zuallererst für China, diese riesige, sich aber aus historischen Gründen auch verletzt fühlende Nation, die in der Pandemie ihren Stolz steigern konnte.
Es gilt aber auch für plurale Gesellschaften, die einen ganz eigenen Weg entwickeln konnten. Nehmen wir Neuseeland, diese ferne und leicht verspottete »Down Under-Märchen-Insel«. Dort führte die Premierministerin Jacinda Ardern das Land durch einen schrecklichen Terroranschlag UND die Epidemie in einen neuen Zusammenhalt. Oder der kleine, buddhistisch geprägte Staat Bhutan, Heimat des »Bruttonationalglücks«: Bhutan hatte nie mehr als 150 Infektionsfälle pro Tag und EINEN einzigen Todesfall in der gesamten Corona-Zeit. Wie konnte dies erreicht werden? Durch ein Gefüge von Eigenverantwortung und Fürsorge (auf lokaler Ebene: Das »System Rostock«). Taiwan und Island mit ihren »High-Test-High-Trust-Strategien«. Costa Rica mit seiner ökologischen Bürgerkultur. Der Senegal mit einer erstaunlich effizienten staatlichen Planung. Israel mit der Vitalität einer Dauerkrise.
Italien und Belgien, zwei innerlich gespaltene und verunsicherte Länder, erlebten durch Corona einen kathartischen Wandlungsprozess, der das politische System umkrempelte – in Richtung auf innere Versöhnung und Integration.
Die „Sieger“ in der Krisenbekämpfung waren kleine Länder mit starker Bürgerkultur, die von Frauen geführt wurden, die auf männlichen Heroismus verzichteten. Oder von Männern, die pragmatische Fürsorge verkörperten (Marcelo Rebelo de Sousa in Portugal).
Gegenbeispiele sind Tschechien und Brasilien, die zeigen, was passiert, wenn die Gesellschaft in männliche Deutungs- und Vertrauenskämpfe verstrickt ist. Der Populismus versagt dann im Moment seiner Anrufung.
Solche Resilienz-Erfahrungen erzeugen eine Art »Corona-Patriotismus«. Aber das ist eben kein Nationalismus. Man kann das Virus nur auf der LOKalen Ebene bewältigen – aber alles, was man dort tun, hat immer auch Resonanzen auf dem ganzen Planeten. Hier scheint das GloKALE Prinzip auf, das Zukunftsprinzip einer vernetzten Weltgesellschaft, die nur entstehen kann, wenn das Eigene und das Universelle neu verbunden werden.
Wenn wir voneinander lernen, über alle vorübergehend geschlossenen Grenzen hinweg.
Wenn wir die rasende Globalisierung durch das selbstbewusste Lokale zähmen.
5. Epidemien machen den Wahn sichtbar. Aber sie dämmen ihn auch
Was aber ist mit dem ganzen Wahn, dem Irrsinn der Verschwörungen und Verleugnungen? Den Attila Hildmanns, den eitlen Wunderdoktoren, die Scharen von Adepten um sich versammeln? Den »Corcells«, den Corona-Einzelgängern, die aus ihren Bildschirm-Kellern Hass und Verschwörungskonstrukte verbreiten? Den harmlosen Hippies, die auf Anti-Corona-Demos Geschichten von Neurochips in die Kameras erzählen, die Bill Gates in unsere Hirne pflanzen will?
Zunächst sollten wir uns eingestehen, dass in allen Gesellschaften der Wahn wohnt. Epidemien bilden einen gewaltigen Echoraum für das innerlich Unerlöste, eine Bühne für hysterische Narrative aller Art. Gleichzeitig war aber zu beobachten, dass der Wahn im Verlauf der Pandemie nie zu echter Bewegungsdynamik anwuchs. Die Anti-Corona-Demonstrationen hatten eher einen abstoßenden Effekt. Die schrille Allianz zwischen Neonazis, Reichsbürgern, Verschwörungs-Predigern und radikalisierten Esoterikern wirkte nie zukunftsfähig.
Das mentale Immunsystem der Gesellschaft funktionierte.
Deutlich sichtbar geworden ist durch Corona allerdings ein weit verbreiteter Zynismus, der tief in die Gesellschaft hineinreicht. Ein aggressives EGAL. Ich bin jung, was geht mich Corona an! Die Politik betrügt uns doch sowieso! Gerade weil diese Haltung überdeutlich sichtbar wurde, erzeugte sie jedoch eine Gegenreaktion des Zusammenhalts. Politik und Gesellschaft sind sich in der Krise näher gekommen.
Im Vergleich zum ersten Lockdown gehen die Corona-Einschränkungen den Deutschen im Frühjahr 2021 deutlich mehr auf die Nerven: 57 Prozent fühlen sich genervt, nur jeder Dritte hat sich auf die Situation gut eingestellt. Im Mai 2020 lag dieser Anteil noch bei 41 Prozent (Allensbach, März 2021). Trotzdem liegt die Zustimmung zu den grundlegenden Maßnahmen der Politik auch in der schwierigen dritten Phase noch erstaunlich hoch.
Um das wahr-zunehmen, muss man allerdings einmal alle Talkshows abstellen, die Hassforen ignorieren, das Geschrei auf allen Meinungs-Kanälen ausschalten. Es lohnt sich, damit aufzuhören, die Welt mit ihrer medialen Repräsentation zu verwechseln. Gerade jetzt.
6. Epidemien „enden“ nicht, sondern erzeugen irgendwann ein Gleichgewicht der Wahrnehmung
Nehmen wir ein anderes Szenario: Corona wird kein wirkliches Ende haben, sondern nahtlos in ein neues pandemisches Zeitalter übergehen. Vor uns läge dann eine Ära der immer neuen Mutationen, der ewigen Alarme und Lockdowns – ein Leben im Seuchenmodus.
Wird das so sein? Es könnte so kommen – aber womöglich würden wir es ganz anders erleben als wir es befürchten.
Krankheiten und Todesopfer transportieren immer eine gesellschaftliche Narration. Eine Story, die mit den MEMEN, den Wahrnehmungsmustern der Kultur zusammenhängen. Je nach Zeitgeist werden Todesfälle sehr unterschiedlich bewertet.
Nehmen wir Autounfälle. Anfang der 70er Jahre gab es allein in Deutschland (West) 23.000 Todesopfer durch Automobile. Das wären, auf die heutigen Verkehrsverhältnisse gerechnet, mehr als 100.000. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit an zahlreiche Fahrten mit dem Ford 17M meines Vaters, bei denen rechts und links der Straße die Autowracks lichterloh brannten. Das war normal, und es gab es dem Autofahren sogar eine bestimmte Würze, einen Kick der Gefahr. Autofahren war männlich und heroisch (und ist es teilweise bis heute geblieben). Das begründet auch den anhaltenden Widerstand gegen Lösungen: Als der Sicherheitsgurt 1974 verpflichtend eingeführt wurde, gab es Proteste wegen »Freiheitsberaubung«. Das Diskussionsniveau stand der Corona-Verschwörungs-Debatte in nichts nach. Ähnliche lobbyverseuchte Diskussionen folgten bei Airbag, Katalysator, E-Mobilität und Geschwindigkeitsbegrenzung.
Krankheiten, die Jahrhunderte alltäglich waren, existieren heute immer noch – aber außerhalb unseres Wahrnehmungsfeldes. Die Tuberkulose, die als elegische »Schwindsucht« die Dichter des 19. Jahrhunderts faszinierte, bringt pro Jahr immer noch rund 10 Millionen Menschen um. Malaria verursacht jährlich 300 Millionen Erkrankungen und 1 Million Todesfälle. Siehe Heiner Fangerau/Alfons Labisch, „Pest und Corona. Pandemien in Gegenwart, Geschichte und Zukunft“, S. 40, Herder 2020
Diabetes und Adipositas, klassische Zivilisationskrankheiten, fordern schon ohne Corona zigtausende von Todesopfern – und erhöhen die Mortalität bei Corona massiv. Man hat noch kein Fast-Food-Restaurant deshalb geschlossen.
In Europa infizieren sich jährlich rund 9 Millionen Menschen mit gefährlichen Krankenhauskeimen. Zigtausende sterben daran. Offensichtlich haben wir uns daran gewöhnt. Es gibt versteckte und skandalisierte Krankheiten – wie Corona. Aber jede Krankheit erreicht irgendwann ein Wahrnehmungs-Gleichgewicht. Die vier Parameter dafür sind:
Aggressivität der Krankheit (Zahl der Todesopfer)
Akzeptanz von Opfern (Empathie-Stärke der Gesellschaft)
Adaptivität (Verhaltens-Möglichkeiten zur Vermeidung)
Effizienz der Gegenmittel (Impfungen, Medikamente etc.)
Es ist abzusehen, dass Corona in den nächsten Monaten in den Zustand des Pandemischen Equilibriums – der neuen Normalität – übertritt. Unsere Anpassungsmöglichkeiten haben sich weitgehend erschöpft – Lockdowns sind ausgereizt. Die Todesraten gehen zurück. Das Virus ist teilweise aggressiver geworden, aber die Gegenmittel wirken. Damit wird Corona von einer skandalisierten zu einer integrierten Krankheit. Gleichzeitig wird der alltägliche Umgang mit Keimen wieder normal, nachdem wir uns 50, 60 Jahre eingebildet haben, wir hätten mit der Natur, die uns umgibt und durchdringt, nichts mehr zu tun. Wir arrangieren uns neu mit der Mikrobiologie – aus einer nicht mehr ganz so aussichtslosen Position wie unsere Vorfahren.
7. Corona erzeugt den Durchbruch der ökologischen Wende
Das Verblüffendste an der Corona-Krise ist womöglich, dass sie uns der ökologische Wende viel nähergebracht hat. Noch nie haben Politik, Unternehmen und Gesellschaft die Erderhitzung so intensiv wahrgenommen wie jetzt. Noch nie haben sich so viele Manager und Führungskräfte, Konzerne und Institutionen, Regierungen und Politiker zu klaren CO2-Zielen bekannt. Plötzlich geht, was auch mit Greta Thunberg nicht funktionierte: Eine Richtungsänderung. Noch nie wurden mehr Entscheidungen in Richtung auf eine postfossile Welt gefällt. Nur einige Beispiele:
Amerika hat sich nach dem Trump-Abenteuer auf einen neuen CO2-Reduzierungs-Pfad begeben.
Viele große Finanzagenturen verändern ihre Portfolios gerade in Richtung Ausstieg aus den fossilen Rohstoffen.
Die größte Container-Schiffslinie Maersk hat angekündigt, ihre Schiffe bis 2030 mit neuen post-fossilen Antrieben zu betreiben.
China hat das ehrgeizigste Nachhaltige-Energie-Programm der Welt aufgesetzt und allein im Jahr 2020 so viel Windenergie installiert wie Deutschland in den letzten 20 Jahren.
Die Autobranche treibt inzwischen die Elektromobilität voran – ein Strategiewechsel. Viele Autokonzerne haben das Ende des Verbrenners bis 2030 oder 2035 angekündigt.
Industrieverbände fordern heute bisweilen STRENGERE CO2-Auflagen vom Staat.
Die Flugbranche gesteht inzwischen ein, dass sie in den nächsten Jahren nicht mehr dieselbe Dynamik erreichen wird – und dringend einen neuen Antriebsstoff jenseits des Kerosins braucht.
Der ewige Zyniker wird das alles wieder abwinken: es ist nie genug. Doch durch Corona ist in den Tiefenschichten der Gesellschaft, im Herzen der Kultur, etwas in Bewegung geraten. In der Krise tauchte plötzlich eine tiefe Sehnsucht nach Wald, Landschaft, Horizont auf, ein tiefer Hunger nach Moos und Sternen. Noch nie waren so viele Menschen bereit, auf neue Weise miteinander zu kooperieren, die Welt neu zu erfinden. Noch nie gab es so viele wunderbare Initiativen, Aktivisten, Netzwerke für eine bessere Welt.
Corona wirkte wie ein lautes Klopfen an der Tür. Ein Sinn-Fenster öffnete sich im Ökologischen, das vorher verschlossen blieb. Zum ersten Mal verbindet sich mit einer ökologischen Wende nicht nur Verzicht und Mangel, sondern eine Vision höherer Lebensqualität.
Die Kanäle von Venedig, in denen plötzlich wieder klarstes Wasser floss, erinnerten uns daran, wie schnell die Natur sich mit unserer Hilfe erholen könnte. Die »Blaue Revolution«, wie ich die große technische-öko-soziale Wende nenne, die nun vor uns liegt, ist möglicher und wahrscheinlicher geworden. Wenn wir das wahrnehmen und anerkennen, hätte die Krise ihren transformatorischen Sinn erfüllt.
8. Wandel entsteht nicht durch moralische Läuterung, sondern durch Adaption
AIDS war die letzte große weltweite Seuche. Ich kann mich erinnern, wie wir – die in den 80er Jahren noch jung waren – schaudernd und frierend aufwachten aus einem Traum von erotischer Selbstentfaltung. In der Zeitschrift TEMPO schrieb ich damals einen Artikel, in dem ich das Zeitalter des jugendlichen Aufbruchs für beendet erklärte. Schluss mit lustig, auch für uns Heteros: AIDS würde eine neue Ära der Prüderie erzeugen, die zaghaften Ansätze der Toleranz zerstören, die Homosexuellen in ein Ghetto stecken, wenn nicht Schlimmeres. Und ein neues erzkonservatives Biedermeier hervorbringen.
Was wirklich passierte, war eher das Gegenteil.
Heute können in vielen Ländern Homosexuelle heiraten. »Gay Culture« hat sich überall ausgebreitet und codiert unsere Kultur wie andere Lebensweisen auch. Wie entspannt wir heute in (fast) der gesamten Gesellschaft mit dem Schwulsein umgehen, kann einen bisweilen zum Staunen bringen. Selten hat sich eine kulturelle Codierung so radikal geändert (dass dieser Prozess nicht vollendet und immer wieder gefährdet ist, bleibt trotzdem wahr).
AIDS ist nicht mit Corona zu vergleichen, sagen jetzt viele. AIDS betraf ja nur ganz Wenige. Darf ich Sie fragen, wie viele Menschenleben AIDS bis heute gefordert hat? (Corona: 2,5 Millionen bis März 2021).
Die Antwort: 38 Millionen!
Viele Autoren und Soziologen haben sich inzwischen Gedanken darüber gemacht, wie es zu diesem »progressiven Paradox« kam. Es waren wahrscheinlich zwei Faktoren:
Das schwule Milieu musste zur Selbstverteidigung aus seinem Nischendasein herauskommen und sich organisieren. Dadurch wurde es sichtbar und wirkmächtig – auch weil es sich mit andern Emanzipations-Bewegungen verbündete.
Durch das schreckliche Sterben wurde der »Normalgesellschaft« vor Augen geführt, dass Schwulsein in jeder Familie, in jedem Unternehmen, überall im Kulturbereich existierte. Man konnte nun schlecht Menschen verdammen, die man bewunderte, oder mit denen man verwandt war. Es kam zu einer emotionalen Dissonanz. Letztlich siegte das Mitgefühl über die kulturelle Norm. Die Empathie über das Ressentiment.
Wir stellen uns Wandel gerne als einen heroischen Akt vor, als Läuterung zu einer höheren Moral. Das ist ein gefährliches Missverständnis. Menschen ändern sich nicht, vor allem dann nicht, wenn man sie anschreit. In gewisser Weise ändern sich Menschen tatsächlich nie – wir bleiben immer widersprüchliche, »egoistische« aber zugleich sozialbedürftige Wesen. Die moralische Panik, die heute viele Debatten durchtränkt – man denke an »political correctness« – hat toxische Wirkungen, weil sie das Toleranzprinzip durch moralischen Änderungszwang ersetzen will.
Und trotzdem können sich Menschen wandeln – indem sie ihr Verhalten an veränderte Bedingungen anpassen.
Wandel entsteht letztlich aus AKZEPTANZ: Wir realisieren, dass es in der alten Weise nicht mehr weitergeht. Wenn unser übergroßes neuroflexibles Hirn neue Muster entwickelt – durch Übung, Rückkopplung und ein bisschen Zwang – entstehen neue Wege des Miteinanders, des kreativen Umgangs mit Selbst und Welt. Krisen sind dabei Katalysatoren. Sie zeigen uns nicht direkt, wohin es geht. Aber deutlich, wo es nicht mehr weitergeht.
Heimkehr: Das unendliche Spiel
Wie werden wir uns in zehn oder zwanzig Jahren, 2030 oder 2040, an die Corona-Krise erinnern?
Als eine unbedeutende Unterbrechung – ein Jahr des Schreckens, dann ging alles wieder seinen gewohnten Gang?
Als Beginn einer pandemischen Ära?
Als clusterfuck, als Zusammentreffen aller Katastrophen und Wohlstandsverlust?
Oder als Beginn einer neuen Ära der Kooperation und Integration, die unsere Zivilisation in eine neue Richtung führte?
Ich vermute, dass alle diese Interpretationen nebeneinander existieren werden. Wenn wir in dieser Krise verzweifelt erstarrt sind, ist alles nur Verlust. Auch aus der Sicht der Zukunft. Wenn unsere Idee von »Wohlstand« auf dem Prinzip des ewigen MEHR basiert, dem ständigen »Gas geben«, dann bleibt die Corona-Zeit eine schreckliche Niederlage.
Wandel heißt, die innere Nostalgie zu überwinden, die uns an der Vergangenheit, am »Alten Normal« kleben lässt.
Wandel heißt, Erwartungen zu verändern – und dadurch zu einer neuen Zukunfts-Beziehung zu kommen. Das ist das, was ich die »Regnose« nenne.
Zukunft ist eine ENTSCHEIDUNG.
Die Entscheidung, dem unendlichen Spiel neu beizutreten.
In seinem Buch „The Infinite Game“ unterschiedet der Religionsprofessor James P. Carse zwischen zwei Arten von „Spielen“. Fußball, Wahlen und große Teile des Business sind »endliche« Spiele: Win/Lose-Spiele, in denen es immer Verlierer und Sieger geben muss. Familie, Gärtnern, Lachen (unzynisch), die Liebe, die Kunst und das Kochen, auch sinnhaftes (Purpose-)Business, sind unendliche Spiele. Wir spielen sie immer wieder neu, in immer weiteren Kreisen, mit ständigen Verbesserungen und ewigem Lernen.
Es ist sicher kein Zufall, dass in der Corona-Krise das Kochen, das Gärtnern, die Liebe, die Familie und sogar im Stillen die Kunst einen Boom erlebten. Auch Fußball wurde noch gespielt, aber irgendwie fade (es gibt auch ewiges Fußballspiel, davon bin ich überzeugt!).
Infinite Game (von Steward Brand):
Der Sinn ist es, das Spiel zu verbessern
Verbessern durch die Evolution des Spiels
Sieger lehren den Verlierern bessere Züge
Gewinnen wird geteilt
Ziele sind divers
Relative Komplexität
Regeln ändern sich nach Übereinkunft
Und nehmen den Tonfall höherer Aussagen an
Neue Märkte wachsen
Auf lange Sicht
Norman F. Cantor: In the Wake of the Plague – The Black Death and the World It Made. Simon & Schuster, London 2014
Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit – Die Krisis der Europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg, C.H.Beck, München, 1996
Cómo nuestra mente se desespera en el mundo de los medios modernos. Y cómo podemos salir de esta crisis cognitiva.
(Traducida del alemán por Dr. Laura R. Carro)
A menudo me preguntan en estos días cuál es la verdadera razón por la que el mundo se está volviendo cada vez más loco. Lo que se quiere decir con ello es un sentimiento mundial de desmoronarse, de irracionalidad, de locura, de volverse loco.
Una desintegración de verdades y realidades con las que podríamos estar de acuerdo, en el sentido de un futuro mejor.
Hay dos posibles respuestas a esta pregunta. Primero: es un problema de lujo de WEIRDs (occidentales, educados, industrializados, ricos, demócratas), residentes de culturas occidentales con problemas emocionales especiales. El mundo parece bastante normal para el resto de la humanidad. Tres cuartas partes de todas las personas de este planeta se preocupan por sus familias, su progreso social, quizás su existencia espiritual, y se llevan bastante bien con eso.
Véase a este respecto el maravilloso libro del Psicólogo de la evolución: Joseph Heinrich: The WEIRDest People in the World – How the west became psychologically peculiar and particularly prosperous. Macmillan USA, 2020.
La segunda respuesta, igualmente justificada, es: algo sale mal cuando nuestro cerebro humano se encuentra con un entorno nuevo, completamente desconocido y „loco“. A la sociedad de medios altamente globalizada, acelerada por estímulos e hiper-interconectada de nuestros días.
La mente humana, nuestra MENTE, ha sido moldeada por la evolución durante millones de años para percibir incluso pequeños cambios en nuestro entorno. Fue útil para nuestra supervivencia sentir cuando cambiaba el clima, cuando algo se estaba gestando en la tribu vecina o si los espíritus eran desfavorables.
Para nuestra superación en el sentido de „adaptación al mundo“ tenemos dos sistemas paralelos de percepción disponibles. El psicólogo Daniel Kahnemann describió estos dos modos en su bestseller mundial del mismo nombre como „Pensamiento rápido, pensamiento lento“. Un sistema reacciona de forma espontánea, instintiva y emocional. El otro lenta y analíticamente. Cuando ambos sistemas funcionan juntos, estamos preparados para el futuro. Podemos evaluar y clasificar peligros. Estamos en contacto con el mundo. Y así podemos moderar nuestros propios sentimientos y percepciones porque podemos observarnos a nosotros mismos mientras observamos.
En la sociedad hipermediática, sin embargo, nos bombardean las veinticuatro horas del día con información, estímulos, rumores, conjeturas, miedos, exageraciones. Estamos rodeados por una histerósfera en la que nada se puede comprobar y „realizar“ correctamente. Así es como FAKE NEWS se convierte en FALSA REALIDAD en algún momento. El dominio de la locura.
„Si dos percepciones en un individuo están en conflicto entre sí, entonces esto resulta en un estado de tensión interna, que el individuo trata de reducir cambiando uno de los dos estados internos en conflicto“ Douglas R. Hofstadter, Emmanuel Sander, „La analogía: el corazón del pensamiento“
Durante los últimos veinte años, la psicología del comportamiento ha investigado los SESGOS, las distorsiones de la percepción humana. El más conocido es el „sesgo de confirmación“: una vez que nos hemos comprometido con una determinada construcción de la realidad, solo buscamos confirmaciones y filtramos todo lo demás.
Ahora hay un mapa dedicado al sesgo en Internet: el Código de Sesgo Cognitivo, una verdadera obra de arte. Es un poco similar a nuestro mapa de megatendencias, solo que aquí la MENTE humana está mapeada en su potencial de error.
El esquema muestra los malentendidos humanos divididos en cuatro sectores:
A continuación, me gustaría concentrarme en un fenómeno único que es relevante en los cuatro sectores: el sesgo de conceptos (CONCEPT-CREEP), investigado por el psicólogo Nick Haslam, ofrece una buena explicación de lo que me gustaría llamar la „crisis cognitiva“: nuestra creciente incapacidad para habitar una realidad común que podamos moldear como un futuro mejor. www.theatlantic.com/politics
El corrimiento al rojo
Empecemos con un experimento.
Repartamos tarjetas con puntos ROJOS y AZULES a diez personas seleccionadas al azar. Los ROJOS, explicamos, son „los malos“. Los AZULES son „los buenos“. Las personas de prueba deben escribir en listas cuántos buenos y malos hay en las tarjetas.
Repetimos el reparto de tarjetas. Diez veces. Veinte veces. Se está volviendo aburrido. Luego pasamos de contrabando colores poco claros a las tarjetas. Con puntos teñidos de púrpura, azul pálido, azul-rojo. Después de un tiempo, hay un aumento de „malos“ en todos los grupos. Aunque los tonos de color son puramente aleatorios. El fenómeno también se llama “Perceptual and Judgment Creep” (sesgo de juicio y de percepción): science.sciencemag.org
Se puede hacer este ejercicio con caras amistosas y amenazantes. Si se reduce el número de rostros amenazantes, cada vez más rostros neutrales o completamente normales se califican como amenazantes. Esto es el SESGO DE CONCEPTOS: lo normal se vuelve anormal. Lo familiar se infiltra en lo siniestro.
¿Porqué es eso? En su libro „El poder de lo malo – Cómo nos gobierna el efecto de la negatividad y cómo podemos gobernarlo“, dos psicólogos cognitivos, John Thierney y Roy F. Baumeister, descifran el efecto de negatividad que sigue empeorando nuestro mundo.
„Para sobrevivir, la vida tiene que ganar todos los días. La muerte, por otro lado, sólo tiene que ganar una vez. Un pequeño error, un error de cálculo, puede acabar con todos nuestros éxitos. En la sabana donde vivieron nuestros grandes antepasados, tuvieron la ventaja de sobrevivir aquéllos que se preocuparon más por identificar las bayas venenosas que por disfrutar de las sabrosas“.
John Thierney, Roy F. Baumeister
Ahora, ¿puedo hacerle una pregunta simple?
¿Cuántos asesinatos hubo en Alemania (81,5 millones de habitantes) en 2019 ???
¡Calcule una vez!
La respuesta es:
245 245!
Los datos de la BKA / Statista se refieren a condenas por homicidio, en contraste con el homicidio con afecto u otras formas de homicidio. El número de casos no denunciados en esta área es bajo, pero la definición de intención y malicia siempre se aplica a la definición de asesinato, como en la mayoría de las novelas policiales.
(ver la gráfica al final)
¿Cuántos thrillers / series / escenas horripilantes has visto sólo en las últimas 4 semanas? El 60 por ciento de todas las producciones cinematográficas de hoy son novelas policiales. “Tatort” por sí solo ofrece una gama finamente variada de horror y muerte, con historias cada vez más estridentes, construcciones cada vez más extremas de crueldad, asesinato y homicidio. Tatort: Serie televisiva alemana de años de exhibición contínua a horas de mayor televidencia. (Nota del trad.)
¿Cómo sería una sociedad en la que el asesinato se llevara a cabo las veinticuatro horas del día como en las pantallas? ¿Qué HACE con nosotros? ¿Y por qué nos volvemos tan adictos a él?
Las siete dimensiones del Sesgo de Conceptos
Sesgo 1: Mezcla
¿Recuerdas cuando la publicidad era solo PUBLICIDAD? HB – Disfruta de buen humor.
Uno de los legendarios anuncios de cigarrillos de la década de los 60s. El macho HB siempre explotaba cuando estaba desesperado por la oposición del mundo. „Sostén a mi amigo, ¿quién va a explotar?“ Los niños podíamos reírnos de nuestros padres, que fumaban todos. La publicidad podía ser entretenida, un poco loca y, finalmente, en los 90, incluso arte. Siempre supiste dónde estabas: alguien quiere vendernos algo.
El hombre HB, el primer ícono del ciudadano enojado.
El hombre HB, el primer ícono del ciudadano enojado
Hoy la publicidad se llama „marketing“ e incluye „comunicación“. „Infoentretenimiento“.
„Contenido“. La publicidad debería „penetrar“ y tener „capacidad de cambio“, idealmente „volverse viral“ (una formulación desfavorable en tiempos de Corona). Bitkom, la asociación digital de Alemania, encontró en un estudio en 2018 que cada segundo usuario de las redes sociales ya no podía distinguir entre publicidad e información. Ver: Wolf Lotter, „Ir-al-grano“ (Was Sache ist), Brand Eins 2/2021
La comunicación humana se basa en una claridad fundamental de intenciones. Si uno no sabe lo que la otra persona „está tramando“, surge un vacío irritante. Entonces la desconfianza, la falsedad, las relaciones falsas comienzan a arrastrarse.
Sesgo 2: expansión hacia arriba
Según Nicholas Haslam, los conceptos pueden sesgarse tanto vertical como horizontalmente. En la variante vertical, un fenómeno más pequeño se „desliza debajo“ de uno poderoso. En mi juventud ya estaba de moda llamar a todo“fascismo” y a cualquiera que no nos gustara “nazi” (hoy abogo sólo por llamar claramente nazis a los nazis). Operaciones de superposición similares están en progreso hoy cuando la gente habla de la „dictadura de Corona“. O se declara uno a si mismo como „pueblo“ a pesar de que sólo se es un pequeño grupo de personas de mal humor.
El principio progresivo funciona aquí en el nivel de la exageración maliciosa, cuyo objetivo principal es perturbar a la contraparte. Eso funciona bastante bien la mayor parte del tiempo. Porque la mayoría de las personas se quedan atónitas cuando se enfrentan a comunicaciones maliciosas. Como seres genuinamente sociales, ni siquiera podemos imaginar que alguien se ponga en contacto con nosotros para insultarnos. Los miembros de Trump y AfD en el mundo lo saben muy bien; conscientemente utilizan este efecto para ponernos en estado de shock. AfD: Partido alemán de extrema derecha Alternativa Para Alemania (Nota del trad.)
Sesgo 3: el sesgo o deslizamiento horizontal
Con la variante de sesgo horizontal, se expande un marco de significado que solía estar definido de manera estricta. En el pasado, los adictos eran adictos a la heroína. Hoy en día se puede ser adicto a los juegos, adicto al sexo, adicto a la comida, adicto al paseo, adicto a las emociones, adicto al placer, adicto a netflix, adicto al pan…
La creciente expansión de los diagnósticos está particularmente extendida en el área de las enfermedades: los niños hippies siempre sufren de AHDS. Cualquiera que esté triste o afligido durante mucho tiempo tiene depresión. Cualquiera que no pueda hacer frente a algo tiene la garantía de haber sufrido un trauma.
Esta variante de delimitación del Sesgo de Conceptos (Concept Creep) también incluye el sesgo de reproches morales en el sentido de »corrección política«. En el proceso, el comportamiento que solía ser „normal“ se marca moralmente.
Se podría pensar que está bien: la sociedad parece estar cambiando en la dirección de una mayor sensibilidad. Sin embargo, al mismo tiempo hay un efecto de arrastre en la dirección opuesta.
Tan pronto como las RECLAMACIONES surgen de las diferencias culturales – por privilegios especiales o consideración – la tolerancia se arrastra en la dirección de una guerra cultural. Entonces surge una burda moralización, que se convierte en humillaciones e insultos. Por paradójico que parezca, la tolerancia requiere ciertas equivalencias. En una cultura de libertad, no me tiene que importar si alguien es gay, bi, trans o fauno. La sociedad compleja sólo puede funcionar separando la igualdad FORMAL de las desigualdades REALES. Todos tienen los mismos derechos, independientemente de su estilo de vida, sus características, su forma de pensar. Para eso necesitas cierta discreción. Una serenidad para soportar diferencias y diferentes puntos de vista. Y no explotar enseguida como el macho HB.
Sesgo 4: la desnormalización
Antes solía hacer calor, frío o lluvia, y a veces „llovía a cántaros“. Pero ahora el clima está saliendo de su condición climática:
– Nueva York: ¡Casi un metro de nieve en Blizzard!
– Clima extremo: ¡un frente de tormenta asesino se dirige hacia Europa!
– 40 litros de lluvia en una hora: ¿ya empieza la catástrofe climática?
He aquí una cita del periódico vienés „Die Presse“: “Falta el calor: un verano casi como lo era entonces …unos días cálidos, luego lluvia nuevamente, y casi ningún día realmente para achicharrarse; el verano de este año hasta ahora no ha cumplido con las expectativas y los temores. Más bien, el clima es como lo conocemos de antes, cuando los días con 30 grados eran la excepción y no la regla“.
Aquí, la normalidad se declara anormal de una manera retorcida. Por el contrario, siempre ha habido fuertes lluvias, huracanes, fuertes nevadas y marejadas ciclónicas, incluso en dimensiones catastróficas (el „Gran Mandränke“ destruyó todo Schleswig-Holstein en 1362 y creó el mundo insular de hoy). Cuando CADA tiempo se sesga fuera de la zona de normalidad, surge un mundo de estado de emergencia permanente en el que deambulamos sin hogar. Como todos los personajes de las numerosas series de Doom de Netflix, en las que hay una catástrofe incesante.
Sesgo 5: el sesgo de la desigualdad
Toda sociedad crea desigualdades todo el tiempo. Esta es la naturaleza de los procesos sociales complejos. Cuanta más justicia hay, más escandalosas se vuelven estas desigualdades. Aquí encontramos la paradoja de la „desigualdad desigual“: mientras que en las sociedades de clases reales las diferencias simplemente se aceptan, en las culturas permeables, los grupos, los individuos, las partes de la sociedad siempre están en desventaja con respecto a cualquier parámetro, cualquier medida de comparación.
En algún momento se desarrolla una histeria de injusticia social: „Sesgo social” (Social Creep) es la sospecha permanente de ser estafado mientras todos los demás disfrutan de privilegios. O vivir en una sociedad totalmente injusta que se ha marcado el objetivo de reprimir, explotar y hacer víctimas sistemáticamente.
La ley del punto de inflexión acumulativo también se aplica aquí: en algún momento, las tendencias se vuelven opuestas. Si la sociedad es tan descaradamente injusta, ¿por qué no elegir al hombre rico y fuerte de inmediato? Si todo está „corrupto“, ¡será mejor que elijamos al más corrupto! ¡Al menos lo logró! ¡Quizás obtengamos algo de eso! ¿Le es familiar este razonamiento?
“Todo lo que ocurre en cualquier parte del mundo mueve, perturba, asusta, también puede llegar a alcanzanos y a perturbarnos. Es una época de indignación cibernética, en la que impulsos entrelazados que se disparan mutuamente crean un estado de constante irritación“. Bernhard Pörksen, La gran irritación.
Sesgo 6: el sesgo de la exigencia
Imagínese una sociedad cada vez más rica. Todos suben con el ascensor. Los pobres también tendrían cada vez más bienes. Cualquiera sería un consumidor poderoso. Se podría devolver un vestido que no le gustara a uno. Se podría demandar a empresas, quejarse de sus vecinos ante un tribunal de arbitraje en cualquier momento, iniciar todo tipo de demandas, insultar a los políticos tanto como se quisiera. Los políticos NUNCA entregan lo que uno demandó.
Este efecto de sesgo se llama la »tesis del mal residual« o la «penetración de los residuos negativos» (término creado por el filósofo Odo Marquard): en una sociedad de creciente prosperidad, los males restantes se vuelven aún más escandalosos. Surge una sociedad de la decepción que duda constantemente de sí misma y exige constantemente la perfección. Tal cultura de la exigencia se vuelve socialmente incómoda. A la más mínima irritación con el vecino, lo siguen indignación total, abogado y denuncia. ¡Esta planta de energía eólica está fuera de mi vista! ¡Este árbol no debe ser talado (o debe desaparecer)! ¡Esta tapa de alcantarilla perturba mi sensación estética!
“Antes todo iba mejor porque sabías lo mal que estaba todo. Hoy todo es peor porque crees que todo tiene que estar bien”.
Lisa Eckhart
Sesgo 7: polarización emocional
Hace unos diez años se inició en los medios de comunicación una tendencia que preparó el terreno retórico para el populismo. Fue el momento en que el Internet cobró velocidad y cada vez más canales mediáticos comenzaron a luchar por el escaso recurso de la atención humana.
Antes del boom de los turbo-medios, los medios de comunicación todavía eran en gran medida MEDIOS en el sentido de mediare = transmitir. Integraron entornos sociales o intereses moderados. Sin embargo, alrededor de 2010 el tono cambió de repente. El foco principal en los programas de entrevistas políticas era entonces la generación de „sagas“ que podían escandalizarse sin cesar en Twitter.
Los hitos en este escándalo progresivo fueron el „despido de los medios de comunicación“ del Presidente federal alemán Christian Wulff en 2012. Christian Wulff: A causa de un escándalo crediticio-financiero en diciembre de 2011 se le reclamó el impedir la información (escándalo mediático) que lo llevó a dimitir a la presidencia de Alemania en febrero de 2012. (Nota del trad.)
Y el ataque a Grecia en los años siguientes. Cada vez se formulaban más títulos de programas de entrevistas con un estilo de indignación y prejuicio polémico:
Grecia en quiebra. ¿salvarán los contribuyentes alemanes a los griegos perezosos?
La nueva ley bancaria: ¿fraude o delito capital?
Mujeres en el trabajo: ¿explotadas o exprimidas?
El final de la política: ¿puede la coalición salvarse a sí misma?
Ahora eran las posiciones más extremas las que literalmente se enfrentaban entre sí en los programas de entrevistas. Era preferible invitar a demagogos que representaran las tesis más estridentes posibles. Fue la gran hora de convertir el discurso racional en un rugido ideológico. Y fue el momento del triunfo de la AFD y la victoria electoral de Trump.
¿Gusta otro pequeño juego de adivinanzas? Algunos de ustedes probablemente estén familiarizados con el periódico COMPACT , un periódico de combate de la Nueva Derecha. Mi pregunta es: ¿Cuáles de los siguientes eran los títulos del periódico de derecha Compact? ¿Y cuáles eran los títulos de un programa alemán de entrevistas en 2015?
Caza libre a la mujer : ¡El final malo de la cultura de la acogida!
Potente, impotente: ¿cuán débil es Angela Merkel?
Aula de Zona de batalla: ¿Se pueden salvar aún nuestros hijos?
Califato República Federal Alemana: ¿toma hostil de RFA y CO?
Para comprender los efectos del sesgo, vale la pena profundizar en el papel del miedo. El psicólogo holístico Daniel Siegel llama a la autoridad evolutiva que busca los potenciales del miedo en nuestra psique, el VERIFICADOR.
“El verificador es el epítome neuronal de la predicción. No hay nada que iguale al sistema del verificador para lidiar con el peligro. El verificador inventa una estrategia de tres partes que yo llamo SAM (escanear, alertar, motivar): Primero, el inspector escanea la situación en busca de peligros y siempre está atento a cualquier cosa que pueda dañarnos. Después de eso, el verificador nos alerta cada vez y provoca miedo si parece ocurrir algo amenazante. Y finalmente, el verificador nos motiva a hacer algo para contrarrestar el peligro“.
Daniel J. Siegel, „Mindsight – Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation“, S. 362
Sin embargo, en la economía hipermedial de la emoción y la atención, el »verificador« tiende a estar constantemente hiperactivo. Para decirlo profanamente: muchas personas ya no pueden calmarse en absoluto porque constantemente se alimentan de miedos. Otra vez el sello: “EL VERIFICADOR” hiperactivo trabaja de acuerdo con la estrategia de que la mejor defensa es estar preparado para lo peor, entonces nunca te sorprenderás. Esto puede conducir a pensamientos y comportamientos obsesivo-compulsivos que son típicos de los trastornos obsesivo-compulsivos. Imagina que hubieras realizado un ritual obsesivo. Entonces, si no ha sucedido nada malo, ningún terremoto, ninguna conflagración y ningún ataque de tiburón, tu cerebro está convencido de que sobrevivió DEBIDO a tu comportamiento obsesivo-compulsivo. El verificador lo protegió con éxito, por lo que su estrategia se refuerza“.
Saliste a las calles y te manifestaste contra la „mentira del Corona“. No pasó nada. Entonces aumenta la dosis.
El oponente del VERIFICADOR es el EMBAUCADOR. La historia del cine le ha puesto monumentos: el Joker en Batman. De manera irónica: James Bond. En la forma benévola: Anthony Quinn en Alexis Sorbas. El tramposo se ocupa de construcciones e ilusiones que se supone que deben amortiguar nuestro miedo con narrativas que nos hacen parecer particularmente inteligentes y poderosos.
El concepto de sesgo es el resultado de un desbalanceo entre instancias hiperactivas Verificador y Embaucador. Los temores crecientes deben contrarrestarse con nuevas ilusiones. Construcciones cada vez más monstruosas, megalomanía cada vez más absurda. En algún momento se termina en QAnon. Los sistemas de paranoia se reproducen en este sistema de eco a sí mismos. QAnon: Teoría de la conspiración de la extrema derecha estadounidense que supone una trama secreta contra Trump y seguidores, basada en una publicación en 2017 de un grupo anónimo (Q) con supuesto acceso a información confidencial y de seguridad nacional. (Fte: https://es.wikipedia.org/wiki/QAnon, 25.2.2021, Nota de la Trad)
¿Ante nosotros la re-tribalización?
Debido al efecto de sesgo, ¿estamos condenados a experimentar repetidamente el colapso de civilizaciones complejas, porque tarde o temprano comienza la recaída en las estructuras tribales, en la polarización, el odio, la histeria y la guerra civil?
La serie TRIBUS OF EUROPA se lanzó recientemente en Netflix. Una serie de ciencia ficción perfectamente filmada sobre la desintegración de la sociedad en estructuras tribales.
En este escenario distópico (tiene lugar en 2074) las fuerzas “sesgantes” finalmente prevalecieron. En una Europa destrozada, diferentes culturas tribales luchan entre sí por el dominio y los recursos. Berlín es una ciudad finalmente en ruinas, en la que una tribu de guerreros fascistas-heroícistas reina sobre las ruinas del antiguo Berghain, o mejor dicho, aterroriza.
En Mecklemburgo-Pomerania Occidental las tribus hippies viven en casas en los árboles. En medio, los restos del Euro-Corps (los euroguardias) están tratando de establecer un orden básico. Todo está definido por la afiliación tribal: la “identidad“. El antiguo impulso tribal del hombre triunfa sobre la civilización compleja.
¿Qué tan plausible es tal escenario? ¿No se anunció ya desde hace mucho tiempo? Muchos creen eso, y no solo los PREPPERS que acumulan latas y armas en el sótano para el Día X, o los particularmente locos fanáticos de Donald Trump. Preppers: Movimiento social de preparacionistas o survivalistas activos ante emergencias locales y/o internacionales (Ibidem)
Sin embargo, subestimamos la resiliencia que reside en culturas complejas. La sociedad es una obra de construcción constante. Pero como todos los sistemas vivos, también tiene la capacidad de organizarse, de curar el futuro.
El posible cambio mental
Si es cierto que la CRISIS COGNITIVA es causada principalmente por la enorme inflación del sistema medial, sería necesario un cambio de conciencia en el que aprendamos a orientar y dominar nuestros sistemas atencionales – nuestros sistemas de atención.
¿Es eso siquiera posible? Eso es incluso probable. Y ya está en progreso.
No es una coincidencia que las técnicas de conciencia del Lejano Oriente se hayan filtrado profundamente en la sociedad mayoritaria en los últimos años. La meditación está muy extendida hoy en día. El movimiento de atención plena intenta responder a los diferentes SESGOS (CREEPS) con una mayor claridad mental. Al mismo tiempo, está surgiendo una nueva cultura de cooperación en medio de la sociedad.
La crisis de Corona nos ha mostrado drásticamente cuán existencialmente constructiva es la comunicación, la comunicación comprometida, para nuestras vidas.
¿Qué nos une?
¿Cómo cooperamos mejor?
¿Cómo moderamos nuestra relación con la naturaleza?
Alejarse del sesgo. Resistencia al mal.
Moderación de los medios de comunicación. Valor para ser bondadoso.
Como lo expresó tan bellamente el psiquiatra filosófico Viktor Frankl: “Hay un espacio entre el estímulo y la reacción. En este espacio tenemos la libertad y el poder de elegir nuestra respuesta. Nuestro crecimiento y nuestra libertad radican en nuestra reacción”.
Apéndice: Un nuevo espíritu en la comunicación (de red)
En los días pioneros de Internet existía la „etiqueta de la red“, que tenía buenas intenciones, pero lamentablemente impotente. Ha llegado el momento de un nuevo códice:
Evita las guerras de opinión
Cualquiera que lea los comentarios de los artículos en Internet sabe que se trata menos de contenido que de autorretrato, desahogo o simplemente sabelotodo (masculino). Las guerras de opinión son de naturaleza narcisista y deben evitarse por completo. Las preguntas realmente interesantes son demasiado complejas para las contiendas verbales. Requieren nuevas preguntas, no respuestas antiguas.
Nueva discreción
No es particularmente interesante (a excepción de su círculo más cercano) con quién estás admirando actualmente las estrellas y desde qué colina o si ayer te emborrachaste nuevamente. Las cosas privadas no pertenecen a lo público, especialmente cuando se trata de extralimitaciones.
Evite „compartir en exceso“
La web es una máquina de reconocimiento. Pero con cada intercambio, aumenta el riesgo de inflación: todo se vuelve cada vez menos importante, más superficial. Comparta sólo lo que sea de valor EN RELACIÓN con ciertas personas.
Control del tono
Sólo discute y formula en línea de la misma manera que hablarías / escribirías cara a cara en una conversación psicológica. Si no es así, no te sorprendas si te rechazan en todas partes.
Preguntar de nuevo
Conéctate sólo con personas a través de Internet a las que hayas preguntado de antemano y que muestren un interés genuino. Los „me gusta“ son básicamente una falta de respeto.
Sigue la ley
En los próximos años finalmente habrá leyes efectivas contra el odio, la violencia verbal y el discurso de acoso en línea. Se acabó el privilegio de la violencia anónima. Tampoco quisiera uno ser escupido, gritoneado o golpeado en espacios públicos. O algo peor. Así que ten cuidado. Si usas violencia verbal en línea, enviaremos tu dirección IP a la policía.
Número de víctimas de asesinato en Alemania desde 2000 hasta 2019
Die Daten des BKA/Statista beziehen sich auf Verurteilungen aufgrund von Mord, im Unterschied zu Totschlag im Affekt oder anderen Tötungsdelikt-Formen. Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist gering, allerdings gilt für die Definition von Mord immer die Definition des Vorsatzes und der Heimtücke – wie in den meisten Krimis.
Solución al Quiz:
1 Compact
2 Anne Will
3 Maischberger
4 Compact
5 Maybrit Illner
6 Compact
Wie unser Mind an der modernen Medienwelt verzweifelt.
Und wie wir aus dieser kognitiven Krise wieder herauskommen
Ich werde derzeit oft gefragt, was der eigentliche Grund dafür ist, dass die Welt immer verrückter wird. Gemeint ist ein Weltgefühl des Auseinanderfallens, der Irrationalität, des Wahns, des Durchdrehens.
Eines Zerfalls von Wahrheiten und Wirklichkeiten, auf die wir uns einigen könnten – im Sinne einer besseren Zukunft.
Es gibt zwei mögliche Antworten auf diese Frage. Erstens: Es handelt sich um ein Luxusproblem von WEIRDs (Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic), von Bewohnern westlicher Kulturen mit emotionalen Sonderproblemen. Für den Rest der Menschheit sieht die Welt ziemlich normal aus. Drei Viertel aller Menschen auf diesem Planeten sorgen sich um die Familie, ihr soziales Fortkommen, vielleicht ihr spirituelles Dasein – und kommen damit ganz gut zurecht.
Siehe dazu das wunderbare Buch des Evolutions-Psychologen Joseph Henrich: The WEIRDest People in the World – How the west became psychologically peculiar and particularly prosperous. Macmillan USA, 2020.
Die zweite, ebenso berechtigte Antwort aber lautet: Irgendetwas geht schief, wenn unser humanes Hirn auf eine neue, völlig ungewohnte und »verrückte« Umwelt trifft. Auf die hochglobalisierte, reizbeschleunigte, hypervernetzte Medien-Gesellschaft unserer Tage.
Der menschliche Geist, unser MIND, ist von der Evolution in Millionen Jahren dazu geformt worden, auch kleine Veränderungen in unserer Umwelt wahrzunehmen. Es war hilfreich für unser Überleben, zu spüren, wenn sich das Wetter änderte. Wenn sich beim Nachbarstamm etwas zusammenbraute. Oder die Geister ungünstig standen.
Für unsere »Beweltigung« (absichtlich mit e) haben wir zwei parallele Wahrnehmungs-Systeme zur Verfügung. Der Psychologe Daniel Kahnemann hat diese beiden Modi in seinem gleichnamigen Weltbestseller als „Schnelles Denken, Langsames Denken“ beschrieben.
Das eine System reagiert spontan, instinktiv, emotional. Das andere langsam und analytisch. Wenn beide Systeme zusammenarbeiten, sind wir zukunftskompetent. Wir können Gefahren abschätzen und einordnen. Wir stehen in Kontakt mit der Welt. Und dabei können wir unsere eigenen Gefühle und Wahrnehmungen moderieren, weil wir uns beim Beobachten selbst beobachten können.
In der Hyper-Medien-Gesellschaft werden wir jedoch rund und um die Uhr mit Informationen, Reizen, Gerüchten, Vermutungen, Befürchtungen, Übertreibungen bombardiert. Wir sind von einer Hysterosphäre umgeben, in der sich nichts mehr richtig überprüfen und »realisieren« lässt.
So wird aus FAKE NEWS irgendwann FAKE REALITY.
Die Herrschaft des Wahns.
„Wenn zwei Erkenntnisse in einem Individuum miteinander in Widerstreit liegen, dann hat das einen Zustand innerer Spannung zur Folge, die das Individuum zu reduzieren versucht, indem es einen der beiden konfligierenden inneren Zustände verändert.“ Douglas R. Hofstadter, Emmanuel Sander, „Die Analogie – Das Herz des Denkens“
Die Verhaltenspsychologie hat in den letzten zwanzig Jahren die BIASES erforscht – die menschlichen Wahrnehmungs-Verzerrungen. Am bekanntesten ist die „Confirmation Bias“: Wenn wir uns einmal auf ein bestimmtes Konstrukt von Wirklichkeit festgelegt haben, suchen wir nur noch nach Bestätigungen – und filtern alles andere aus.
Es gibt inzwischen eine eigene BIAS-Landkarte im Internet – der Cognitive Bias Codex , ein echtes Kunstwerk. Sie ähnelt ein bisschen unserer Megatrend-Map, nur dass hier der menschliche MIND in seinen Irrtumsmöglichkeiten kartographiert wird.
Auf dieser Karte sind menschlichen Missverständnisse in vier Sektoren aufgeteilt:
Ich möchte mich im Folgenden auf ein einziges Phänomen konzentrieren, das in allen vier Sektoren Bedeutung hat: CONCEPT-CREEP , erforscht vom Psychologen Nick Haslam, bietet eine gute Erklärung für das, was ich die »Kognitive Krise« nennen möchte: Unsere wachsende Unfähigkeit, eine gemeinsame Realität zu bewohnen, die wir als bessere Zukunft gestalten können. www.theatlantic.com/politics
Die Rotverschiebung
Machen wir zu Beginn ein Experiment.
Verteilen wir an zehn zufällig ausgewählte Menschen Kärtchen mit ROTEN und BLAUEN Punkten. Die ROTEN, so erklären wir, sind »die Bösen«. Die BLAUEN sind »die Guten«. Die Probanden sollen in Listen schreiben, wie viele Gute und Böse es auf den Karten gibt.
Wir wiederholen die Kartenausgabe. Zehnmal. Zwanzigmal. Es wird langweilig. Dann schmuggeln wir unklare Farbtöne in die Karten. Mit violettstichigen, blassblauen, blauroten Punkten. Nach einer Weile zeigt sich in allen Gruppen eine Zunahme der »Bösen«. Obwohl die Farbtönungen rein zufällig sind.
Das Phänomen nennt sich auch “Perceptual and Judgement Creep”: science.sciencemag.org
Man kann diese Übung auch mit freundlichen und bedrohlichen Gesichtern machen. Wenn die Anzahl der bedrohlichen Gesichter reduziert wird, werden immer mehr neutrale oder ganz normale Gesichter als bedrohlich bewertet.
Das ist CONCEPT CREEP – das Normale wird unnormal. Das Vertraute kriecht ins Unheimliche.
Woran liegt das? In ihrem Buch „The Power of Bad – How the negativity effect rules us and how we can rule it” dechiffrieren zwei Kognitionspsychologen, John Thierney und Roy F. Baumeister, den Negativitäts-Effekt, der uns die Welt ständig schlechter macht.
„Um zu überleben muss das Leben jeden Tag gewinnen. Der Tod hingegen muss nur einmal gewinnen. Ein winziger Fehler, eine Fehlkalkulation, kann alle unsere Erfolge auslöschen. In der Savanne, wo unsere Ur-Vorfahren lebten, waren diejenigen im Überlebensvorteil, die mehr Sorgfalt darauf verwandten, giftige Beeren zu identifizieren, als die leckeren zu genießen.”
John Thierney, Roy F. Baumeister
Darf ich Ihnen jetzt eine simple Frage stellen?
Wie viele Morde gab es in Deutschland (81,5 Millionen Einwohner) im Jahr 2019 ???
Schätzen Sie einmal!
Die Antwort lautet:
245 245! Die Daten des BKA/Statista beziehen sich auf Verurteilungen aufgrund von Mord, im Unterschied zu Totschlag im Affekt oder anderen Tötungsdelikt-Formen. Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist gering, allerdings gilt für die Definition von Mord immer die Definition des Vorsatzes und der Heimtücke – wie in den meisten Krimis.
(siehe Grafik ganz unten)
Wie viele Krimis/Serien/grauenhafte Szenen haben Sie allein in den letzten 4 Wochen gesehen? 60 Prozent aller Filmproduktionen sind heute Krimis. Allein der TATORT bietet ein fein sortiertes Sortiment an Grauen und Tod, mit immer schrilleren Stories, immer extremeren Konstruktionen von Grausamkeit, Mord und Totschlag.
Wie würde eine Gesellschaft aussehen, in der tatsächlich rund um die Uhr so gemordet wird wie auf den Bildschirmen? Was MACHT das mit uns? Und warum werden wir so süchtig danach?
Die sieben Dimensionen des Concept Creep
Creep 1: Vermischung
Können Sie sich noch erinnern, als Werbung einfach WERBUNG war? HB – Gut gelaunt genießen.
Eine der legendären Zigarettenreklamen der 60er Jahre. Das HB-Männchen explodierte immer, wenn es an den Widerständen der Welt verzweifelte. „Halt mein Freund, wer wird denn gleich in die Luft gehen?” Wir Kinder konnten dabei über unsere Väter lachen, die allesamt rauchten. Werbung konnte unterhaltsam sein, ein bisschen verrückt und schließlich in den 90ern sogar Kunst. Man wusste immer, woran man war: Jemand will uns etwas verkaufen.
Heute heißt Werbung »Marketing« und beinhaltet »Kommunikation«. »Infotainment«. »Content«. Werbung soll »penetrieren« und »change ability« haben, am besten »viral gehen« (in Corona-Zeiten eine ungünstige Formulierung). Bitkom, der Digitalverband Deutschlands, fand in einer Studie im Jahr 2018 heraus, dass jeder zweite Nutzer von Sozialen Medien keinen Unterschied mehr zwischen Werbung und Information erkennen konnte. Siehe: Wolf Lotter, „Was Sache ist“, Brand Eins 2/2021
Humane Kommunikation ist darauf angewiesen, dass eine grundlegende Klarheit der Intentionen herrscht. Wenn man nicht weiß, was das Gegenüber „im Schilde führt“, entsteht eine irritierende Leerstelle. Dann wuchert das Misstrauen, die Falschheit, der fake ̶̶ die Beziehungen beginnen zu kriechen.
Creep 2: Aufwärts-Erweiterung
Nach Nicholas Haslam können Konzepte in vertikaler wie in horizontaler Richtung kriechen. In der vertikalen Variante wird ein kleineres Phänomen einem mächtigen „untergeschoben“. In meiner Jugend war es schon einmal in Mode, alles »Faschismus« und jeden »Nazi« zu nennen, der einem nicht passte (heute plädiere ich dafür, nur Nazis auch Nazis zu nennen, dann allerdings deutlich). Ähnliche Operationen der Überstülpung sind heute im Gang, wenn von der »Corona-Diktatur« geredet wird. Oder man sich als »Volk« deklariert, obwohl man nur eine kleine Gruppe Schlechtgelaunter ist.
Das Creeping-Prinzip funktioniert hier auf der Ebene der bösartigen Übertreibung, die das Gegenüber vor allem verunsichern soll. Das funktioniert meistens ziemlich gut. Denn die meisten Menschen werden fassungslos, wenn sie mit bösartiger Kommunikation konfrontiert werden. Als genuin soziale Wesen können wir uns gar nicht vorstellen, dass jemand nur Kontakt mit uns aufnimmt, um uns zu beleidigen. Das wissen die Trumps und AFDler dieser Welt genau; sie nutzen diesen Effekt ganz bewusst, um uns in Schockstarre zu versetzen.
Creep 3: Horizontale Steigerung
Bei der horizontalen Creep-Variante bläht man einen Bedeutungsrahmen auf, der früher eng begrenzt war. Früher waren Süchtige Heroin-Drogenabhängige. Heute kann man spielsüchtig sein, sexsüchtig, esssüchtig, spaziersüchtig, emotionssüchtig, vergnügungssüchtig, netflixsüchtig, brotbacksüchtig…
Besonders im Bereich von Krankheiten ist die kriechende Ausweitung von Diagnosen verbreitet: Hippelige Kinder leiden immer unter AHDS. Wer traurig ist oder lange trauert, hat eine Depression. Wer nicht mit etwas zurechtkommt, dem ist garantiert ein Trauma passiert.
Zu dieser Entgrenzungs-Variante des Concept-Creep gehört auch das Kriechen moralischer Vorwürfe im Sinne der »Political Correctness«. Dabei wird ein früher »normales« Verhalten moralisch gebrandmarkt.
Gut so, könnte man meinen: Hier scheint sich die Gesellschaft in Richtung auf mehr Sensibilität zu verändern. Allerdings entsteht gleichzeitig ein kriechender Effekt in die Gegenrichtung.
Sobald aus kulturellen Differenzen ANSPRÜCHE werden – auf besondere Privilegien, oder Beachtungen – kriecht die Toleranz in Richtung eines Kulturkampfes. Es entsteht dann eine Grobe Moralisierung, die sich an Kränkungen und Beleidigungen eskaliert. Toleranz erfordert, so paradox das klingt, gewisse Gleich-Gültigkeiten. In einer freiheitlichen Kultur muss mir in gewisser Weise egal sein, ob jemand schwul, bi, trans oder ein Faun ist. Komplexe Gesellschaft kann nur funktionieren, indem sie FORMALE Gleichheiten von REALEN Ungleichheiten trennt. Alle haben die gleichen Rechte, unabhängig von ihrem Lebensstil, ihren Eigenschaften, ihren Denkweisen.
Dafür braucht man eine bestimmte Diskretion. Eine Gelassenheit, Unterschiede, auch unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten. Und nicht gleich in die Luft zu gehen wie das HB-Männchen.
Creep 4: Entnormalisierung
Früher war es heiß oder kalt oder regnerisch, und immer auch mal »verregnet«. Jetzt aber kriecht das Wetter aus seinem Wettersein heraus:
– New York: Fast ein Meter Schnee bei Blizzard!
– Extremwetter: Mörderische Sturmfront rast auf Europa zu!
– 40 Liter Regen in einer Stunde: Beginnt bereits die Klimakatastrophe?
Hier ein Zitat aus der Wiener Zeitung „Die Presse“: „Die Hitze fehlt: Ein Sommer fast wie damals… Ein paar warme Tage, dann wieder Regen – und so gut wie keine echten Hitzetage: Der heurige Sommer hat bisher die Erwartungen und Befürchtungen so gar nicht erfüllt. Vielmehr zeigt sich das Wetter so, wie wir es von früher kennen – als Tage mit 30 Grad die Ausnahme und nicht die Regel waren.”
Hier wird Normalität auf verdrehte Weise als abnormal deklariert. Umgekehrt gab es Starkregen, Wirbelstürme, heftige Schneefälle und Sturmfluten immer schon, auch in katastrophaler Dimension (Die „Große Mandränke“ zerstörte 1362 ganz Schleswig-Holstein und erzeugte dort die heutige Inselwelt). Wenn JEDES Wetter aus der Zone der Normalität herauskriecht, entsteht eine Welt des permanenten Ausnahmezustands, in der wir heimatlos herumirren. Wie all die Gestalten in den zahlreichen Untergangsserien von Netflix, in denen unentwegt Katastrophe ist.
Creep 5: Ungleichheits-Creep
Jede Gesellschaft erzeugt immerzu Ungleichheiten. Das liegt im Wesen komplexer sozialer Prozesse. Je mehr Gerechtigkeitssinn herrscht, desto skandalöser werden diese Ungleichheiten. Hier stoßen wir auf das Paradox der »ungleichen Ungleichheit«: Während in echten Klassen- Gesellschaften Differenzen einfach hingenommen werden, sind in durchlässigen Kulturen, immerzu Gruppen, Individuen, Teile der Gesellschaft in Bezug auf irgendeinen Parameter, irgendeinen Vergleichsmaßstab, benachteiligt.
Irgendwann entwickelt sich eine soziale Ungerechtigkeits-Hysterie: »Social Creep« ist der permanente Verdacht, übers Ohr gehauen zu werden, während alle anderen Privilegien genießen. Oder in einer total ungerechten Gesellschaft zu leben, die sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen zu unterdrücken, auszubeuten, systematisch zum Opfer zu machen.
Auch hier gilt das Gesetz des akkumulativen Kipp-Punkts: Irgendwann kippen Trends in ihr Gegenteil um. Wenn die Gesellschaft schon so schreiend ungerecht ist – warum dann nicht gleich den starken, reichen Mann wählen? Wenn schon alles »korrupt« ist, dann nehmen wir lieber gleich den Korruptesten! Der hat es wenigstens geschafft! Vielleicht kriegen wir noch etwas davon ab!
Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?
„Alles was geschieht, was an irgendeinem Ort der Welt erreicht, bewegt, verstört, ängstigt, vermag auch uns zu erreichen und zu verstören. Es ist eine Zeit der Empörungskybernetik, in der miteinander verschlungene, sich wechselseitig befeuernde Impulse einen Zustand der Dauerirritation erzeugen.“ Bernhard Pörksen, Die Große Gereiztheit
Creep 6: Anspruchs-Creep
Stellen Sie sich vor, eine Gesellschaft würde immer wohlhabender. Alle fahren mit dem Fahrstuhl nach oben. Auch die Ärmeren verfügten über immer mehr Güter. Jeder wäre ein mächtiger Konsument. Man könnte ein Kleid, das einem nicht gefällt, einfach zurückschicken. Man könnte Firmen verklagen, sich jederzeit bei einem Schiedsgericht über den Nachbarn beschweren, alle möglichen Prozesse führen, Politiker beschimpfen so viel man will. Politiker liefern ja NIE das, was man bestellt hat…
Dieser Creep-Effekt nennt sich die »Restübelthese« oder die „Penetranz der negativen Reste” (eine Wortschöpfung des Philosophen Odo Marquard): In einer Gesellschaft der steigenden Prosperität werden die verbleibenden Übel umso skandalöser. Es entsteht eine Enttäuschungsgesellschaft, die unentwegt an sich selbst zweifelt und ständig Perfektion einfordert. Eine solche Anspruchskultur wird sozial ungemütlich. Schon bei der geringsten Irritation mit dem Nachbarn folgen Shitstorm, Anwalt und Anzeige. Dieses Windkraftwerk kommt mir nicht in meine Sichtweite! Dieser Baum darf nicht gefällt werden (oder muss verschwinden)! Dieser Kanaldeckel stört mein ästhetisches Empfinden!
Es geht nicht mehr um Lösungen, sondern um Beklagungen. Und irgendwann verwechselt man seine eigenen Ansprüche mit der Wirklichkeit.
„Früher war alles besser, weil man wusste, wie schlecht alles war. Heute ist alles schlechter, weil man glaubt, dass unbedingt alles gut sein muss.“
Lisa Eckhart
Creep 7: Emotionale Polarisierung
Vor gut zehn Jahren begann in den Massenmedien ein Trend, der dem Populismus den rhetorischen Boden bereitete. Es war die Zeit, in der das Internet an Fahrt aufnahm und immer mehr mediale Kanäle um die rare Ressource menschlicher Aufmerksamkeit zu kämpfen begannen.
Vor dem Turbo-Medienboom waren Medien noch zu einem großen Teil MEDIEN im Sinne von mediare = vermitteln. Sie integrierten Milieus oder moderierten Interessen. Um 2010 änderte sich jedoch plötzlich die Tonlage. Es ging jetzt in den politischen Talkshows vor allem um die Erzeugung von »Sagern«, die man auf Twitter unendlich skandalisieren konnte.
Meilensteine dieses Skandal-Creeping waren die »mediale Entlassung« des Bundespräsidenten Christian Wulff 2012. Und das Griechenland-Bashing in den Jahren danach. Immer mehr Titel der Talkshows wurden jetzt in einem Duktus der polemischen Empörung und Vor-Urteilung formuliert:
Hellas pleite: Rettet der deutsche Steuerzahler faule Griechen?
Das neue Bankengesetz: Betrug oder Kapitalverbrechen?
Frauen in der Arbeit: Ausgebeutet oder ausgepresst?
Politik am Ende: Kann sich die Koalition noch retten?
Es waren nun die extremsten Positionen, die in den Talkshows regelrecht aufeinandergehetzt wurden. Man lud bevorzugt Demagogen ein, die möglichst schrille Thesen vertraten. Es war die große Stunde der Verschiebung rationaler Diskurse in ideologisches Gebrüll. Und es war die Zeit des triumphalen Aufstiegs der AFD und des Wahlsiegs von Trump.
Mögen Sie noch ein kleines Ratespiel? Einige von Ihnen kennen sicher die Zeitung COMPACT, ein Kampfblatt der Neuen Rechten. Meine Frage lautet: Welche der folgenden Titel waren Titel der rechtsradikalen Zeitung Compact? Und welche waren Titel einer deutschen Talkshow in den Jahren um 2015?
Freiwild Frau: Das böse Ende der Willkommenskultur!
Mächtig ohnmächtig: Wie geschwächt ist Angela Merkel?
Kampfzone Klassenzimmer: Sind unsere Kinder noch zu retten?
Kalifat BRD: feindliche Übernahme durch BRD und CO?
Um die Creep-Effekte zu verstehen, lohnt es sich, sich tiefer mit der Rolle der Angst zu beschäftigen. Der ganzheitliche Psychologe Daniel Siegel nennt die evolutionäre Instanz, die in unserer Psyche nach Angstpotentialen sucht, den CHECKER.
„Der Checker ist der neuronale Inbegriff der Vorhersage. Es gibt nichts, das im Umgang mit Gefahren dem System des Checkers gleicht. Der Checker erfindet eine dreiteilige Strategie, die ich SAM nenne (Scannen, Alarmieren, Motivieren). Erstens scannt der Checker die Situation nach Gefahren ab, und ist stets vor allem auf der Hut, was uns verletzen könnte. Danach alarmiert uns der Checker jedes Mal und löst Angst aus, wenn etwas Bedrohliches einzutreten scheint. Und schließlich motiviert uns der Checker, etwas zu tun, um der Gefahr zu begegnen.”
Daniel J. Siegel, „Mindsight – Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation“, S. 362
In der hypermedialen Erregungs- und Aufmerksamkeits-Ökonomie neigt der »Checker« jedoch zu ständiger Überaktivität. Profan gesagt: Viele Menschen können sich überhaupt nicht mehr beruhigen, weil sie unentwegt mit Ängsten gefüttert werden. Noch einmal Siegel: „Der überaktive CHECKER geht nach der Strategie vor, die beste Verteidigung sei die, auf das Schlimmste gefasst zu sein, dann werde man nie überrascht. Das kann zwanghafte Gedankengänge und Verhaltensweisen hervorrufen, die für Zwangsneurosen typisch sind. Stellen Sie sich vor, sie hätten ein Zwangsritual durchgeführt. Wenn dann nichts Schlimmes passiert ist – kein Erbeben, keine Feuersbrunst, und kein Angriff von einem Hai, ist Ihr Hirn davon überzeugt, dass Sie WEGEN Ihres Zwangsverhaltens überlebt haben. Der Checker hat Sie erfolgreich geschützt, also wird seine Strategie verstärkt.“
Sie sind auf die Straße gegangen und haben gegen die »Corona-Lüge« demonstriert. Nichts ist passiert. Also erhöhen Sie die Dosis.
Der Gegenspieler zum CHECKER ist der TRICKSTER. Die Filmgeschichte hat ihm Denkmäler gesetzt: der Joker bei Batman. In ironischer Weise: James Bond. In der gütigen Form: Anthony Quinn in Alexis Sorbas. Der Trickster handelt mit Konstrukten und Illusionen, die unsere Angst dämpfen sollen. Mit Narrationen, die uns selbst besonders schlau und mächtig erscheinen lassen.
Concept-Creep ist das Ergebnis eines Hochschaukelns zwischen überaktiven Checker- und Trickster-Instanzen. Den anschwellenden Ängsten müssen immer neue Illusionen entgegengesetzt werden. Immer monströsere Konstrukte, immer absurderer Größenwahn. Irgendwann landet man bei QAnon. Paranoia-Systeme züchten sich in diesem Echosystem selber.
Vor uns die Re-Tribalisierung?
Sind wir aufgrund des Creep-Effekts dazu verurteilt, immer wieder den Zusammenbruch komplexer Zivilisationen zu erleben – weil früher oder später der Rückfall in tribale Strukturen, in Polarisierung, Hass, Hysterisierung und Bürgerkrieg einsetzt?
Vor Kurzem erschien die Serie TRIBES OF EUROPA auf Netflix. Eine perfekt gefilmte Science-Fiction-Serie über den Zerfall der Gesellschaft in Stammes-Strukturen.
In diesem dystopischen Szenario (es spielt 2074) haben sich die Creeping-Kräfte endgültig durchgesetzt. In einem zertrümmerten Europa kämpfen verschiedene Stammeskulturen gegeneinander um Dominanz und Ressourcen. Berlin ist eine endgültig kaputte Stadt, in der ein faschistisch-heroistischer Krieger-Stamm aus den Ruinen des ehemaligen Berghain heraus regiert, oder besser: terrorisiert. In Mecklenburg-Vorpommern wohnen Hippie-Stämme in Baumhäusern. Dazwischen versuchen Reste des Euro-Corps, eine Grundordnung zu installieren. Alles definiert sich über die Stammeszugehörigkeit. Die »Identität«. Der alte Stammes-Impuls des Menschen siegt über die komplexe Zivilisation.
Wie plausibel ist ein solches Szenario? Kündigt es sich nicht längst schon an? Viele glauben das, und nicht nur die PREPPERS, die im Keller Konservendosen und Waffen für den Tag X horten, oder die besonders durchgeknallten Fans von Donald Trump.
Wir unterschätzen allerdings die Resilienz, die gerade in komplexen Kulturen steckt. Die Gesellschaft ist eine ständige Baustelle. Aber sie hat, wie alle lebendigen Systeme, auch die Fähigkeit zur Selbst-Organisation, zur Zukunfts-Heilung.
Der mögliche Mindshift
Wenn es stimmt, dass die die KOGNITIVE KRISE hauptsächlich durch die ungeheure Aufblähung des medialen Systems verursacht ist, wäre eine Bewusstseinsveränderung nötig, in der wir unsere attentional systems – unsere Aufmerksamkeits-Systeme – neu ausrichten und beherrschen lernen.
Ist so etwas überhaupt möglich? Es ist sogar wahrscheinlich. Und es ist längst im Gang.
Es ist kein Zufall, dass fernöstliche Bewusstseins-Techniken in den letzten Jahren tief in die Mehrheitsgesellschaft eingesickert sind. Meditation ist heute weit verbreitet. Die Achtsamkeitsbewegung versucht, die verschiedenen CREEPS mit einer höheren Klarheit des Geistes zu beantworten. Gleichzeitig bildet sich inmitten der Gesellschaft eine neue Kooperations-Kultur. Diese Bewegung reicht inzwischen bis ins hohe Management hinein. Sie umfasst nicht nur »urbane Eliten«, sondern auch provinzielle Humanisten. Sie speist sich aus den Milieus der heute altgewordenen 68er ebenso wie aus der neuen zornigen Jugend. Sie umfasst Teile der Kirchen und verläuft inzwischen, mit Ausnahme der AFD, durch ALLE Parteien, bis tief ins Konservative.
Ich nenne es das Konstruktive Zukunfts-Milieu.
Die Corona-Krise hat uns drastisch vor Augen geführt, wie existentiell konstruktive Kommunikation – Committed Communication – für unser Leben ist.
Was bringt uns zusammen?
Wie kooperieren wir besser?
Wie moderieren wir unser Verhältnis zur Natur?
Abstand vom Kriechen gewinnen.
Resistenz gegen die Bösartigkeit.
Moderation des Medialen.
Mut zur Güte.
Wie sagte der philosophische Psychiater Viktor Frankl so schön? „Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum.
In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen.
In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“
Anhang: Ein neues Ethos der (Netz-)Kommunikation
In den Pioniertagen des Netzes gab es die „Netiquette“, das war gut gemeint, aber leider hilflos. Es ist jetzt Zeit für einen neuen Codex:
Meinungskriege meiden
Wer die Kommentare unter Artikeln im Internet liest, weiß, dass es weniger um Inhalte geht als um Selbstdarstellungen, Dampfablassen oder einfach (männliche) Besserwisserei. Meinungskriege sind in ihrem Wesen narzisstisch, man sollte sie völlig meiden. Die wirklich interessanten Fragen sind zu komplex für verbale Streitereien. Sie erfordern neue Fragen, keine alten Antworten.
Neue Diskretion
Es ist (außer für Deinen engsten Kreis) nicht besonders interessant, mit wem Du gerade auf welchem Hügel die Sterne bewunderst oder ob Du gestern wieder besoffen warst. Private Dinge gehören nicht in die Öffentlichkeit, vor allem wenn sie von Entgrenzungen handeln.
»Oversharing« vermeiden
Das Netz ist eine Maschine für Anerkennungen. Aber mit jedem sharing erhöht sich auch die Inflationsgefahr – alles wird immer unwichtiger, beliebiger. Teile nur das, was wertvoll ist IN BEZIEHUNG zu bestimmten Menschen.
Tonfall kontrollieren
Argumentiere und formuliere im Netz nur so, wie die auch in einer psychischen Konversation von Angesicht zu Angesicht sprechen/schreiben würdest. Wenn nicht, wundere Dich nicht, wenn du überall gemieden wirst.
Frage zurück
Tritt nur mit Menschen über das Netz in Verbindung, die Du vorher gefragt hast und die ein ehrliches Interesse bekunden. »Likes« sind im Grunde respektlos.
Follow the Law
Es wird in den nächsten Jahren endlich wirksame Gesetze gegen Hass, Verbalgewalt und Hetze im Netz geben. Das Anonyme-Gewalt-Privileg ist vorbei. Man möchte ja auch im öffentlichen Raum weder bespuckt noch angeschrien noch geschlagen werden. Oder Schlimmeres. Also hüte Dich. Wir werden, wenn Du verbale Gewalt im Netz ausübst, Deine IP-Adresse an die Polizei weiterleiten.
Anzahl der Mordopfer in Deutschland von 2000 bis 2019
Die Daten des BKA/Statista beziehen sich auf Verurteilungen aufgrund von Mord, im Unterschied zu Totschlag im Affekt oder anderen Tötungsdelikt-Formen. Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist gering, allerdings gilt für die Definition von Mord immer die Definition des Vorsatzes und der Heimtücke – wie in den meisten Krimis.
Auflösung des Titel-Quiz:
1 Compact
2 Anne Will
3 Maischberger
4 Compact
5 Maybrit Illner
6 Compact
Das Genre »Science-Fiction« ist vor lauter Corona und Trump ins Abseits geraten. Schade eigentlich. Gute SciFi ist anders als Zukunftsforschung eine Fiktion mit Freiheitsgraden. Sie schildert das Morgen als Möglichkeitsraum, nicht im Rahmen einer Prognose, die ja immer um ihr verengtes »Eintreffen« kämpfen muss.
Es geht in dieser Literaturform um die Poesie der Zukunft. Ohne das Poetische sind wir verloren.
Einige meiner persönlichen Sichtungen über die Neujahrstage möchte ich hier mit Ihnen teilen.
Zu Weihnachten kam »Midnight Sky« von und mit George Clooney zu Netflix, weil es im Kino nicht gezeigt werden konnte. Clooney spielt in dieser Dystopie selbst die Hauptrolle als unendlich trauriger Endzeit-Mann auf einer Südpolstation. Er halluziniert ein Mädchen, dass er retten muss, und das eigentlich seine verlorene Tochter ist. In diesem Film ist alles schon vorbei, bevor es angefangen hat. Die Erde stirbt durch eine Art radioaktiven Pockenpilz, Corona hoch drei. Astronauten finden einen bewohnbaren Mond beim Jupiter (auf dem Kornfelder wachsen können; in astronomischer Wirklichkeit würde ein solcher Planet von Gravitation und Strahlung zerrissen). Die Astronauten sind die letzten Überlebenden, Schiffbruch der Menschheit, total. Alles wirkt gekünstelt, konstruiert, verdrehbucht. Ein abgekartetes Spiel mit apokalyptischen Ängsten. So haben wir, neben der Zukunft, gleich die Poesie verloren.
Ich muss weinen, wenn ich das mit den Meisterwerken meiner Jugend vergleiche. In Stanley Kubricks »2001 – Odyssee im Weltraum« ging es auch zum Jupiter – mitten hinein in die Geheimnisse, die ungeheure Coolness des Weltalls, die Ehrfurcht vor dem Unbekannten. SciFi ist dann gut, wenn sie eine Verbindung mit den ewigen Mysterien herstellt. Insofern ähnelt sie der Religion.
Eine Spur des Mysteriums findet sich immer wieder in meiner Stammserie StarTrek. Dieses Dauerepos trägt den guten alten kosmopolitischen Idealismus der Jahrtausendwende; einen Glauben an das Bessere, Gerechte und Humanere – an die Kraft der Weisheit, der Komplexität. In »Star Trek: Picard« hat sich mein Enterprise-Lieblingskommandant Jean-Luc-Picard (optische Ähnlichkeiten sind rein zufällig) auf sein Weingut in Frankreich in die Rente zurückgezogen. Das kann nicht lange gutgehen: Eine romulanische Hippiesekte droht, das ganze Universum zu zerstören – um es vor Künstlichen Intelligenzen zu retten. Kommt uns diese Umdrehung irgendwie bekannt vor?
Aber allein Patrick Steward noch einmal in Starfleet-Uniform zu sehen, streichelt die Seele…
Trashig und dabei richtig großartig ist »Star Trek Discovery«: Enterprise goes LGBTQ+. Hauptfigur ist Michael, eine Super-Powerfrau des 25. Jahrhunderts; in der Welt der Zukunft haben Frauen eben auch Männernamen. Ein schwules Turtelpaar spielt eine weitere Hauptrolle (echte Männerküsse in Space!), und Transgender-Menschen sind auch an Bord. Die Enterprise warpt mit kosmischer Sporen-Energie – der erste Bio-Überlicht-Antrieb im All!
Auch hier wird man Good-Old-America-nostalgisch, sehnt sich zurück nach einer Zeit ohne das geistige Gangstertum unserer Tage. Ein echtes Anti-Trump-Spektakel mit den bislang am perfektesten gestylten Raumschiffen und SuperCamp Uniformen. Ein Kostümfilm. Sowas können wir heute gut gebrauchen – als schriller Trost in schweren Zeiten.
Die vielen verfilmten Mars-WG-Expeditionen, in denen immer alles gründlich schiefgeht, will ich hier gar nicht mehr erwähnen. (Ausnahme: die halbdokumentarische »Mars«-Serie von National Geographic/Netflix; eine bewundernswerte chinesische Kommandantin). Man fragt sich, warum Elon Musk immer noch so dringend zum Roten Planeten will. Wohnen wir nicht schon längst da – in einer Art Dauer-Dschungel-Mars-Camp mit wechselnden Besatzungen und Kalamitäten? Und ahnen wir nicht langsam, dass »da oben« gar kein Oben ist. Sondern reichlich viel roter Staub?
– Kleine Kosmische Pause –
Die einzig wahre SciFi-Innovation von heute ist »The Expanse« (Amazon Prime). Ein Epos mit inzwischen 56 (!) Folgen in 5 Episoden. Eine Kultserie, die erst bei Netflix erschien, dann aber wegen mangelnder Zuschauermassen durch Fangruppen zu Amazon Prime wanderte. (Am 15. Mai 2018 ließen Fans für mehrere Stunden ein Flugzeug mit einem „Save-the-Expanse“-Banner über dem Amazon-Hauptquartier in Los Angeles kreisen).
Die EXPANSE-Serie ist deshalb so bedeutsam, weil sie sich bemüht, die menschliche Geschichte realistisch weiter zu zeichnen- nach den Gesetzen der evolutionären Systemik. Hier gibt es eine dicke Schnittmenge zur Zukunftsforschung, wie ich sie meine. Expanse handelt von Wechselwirkungen – zwischen Umwelt, Psyche, Technologie, Politik. Schon der wunderbare Trailer zeigt, wie alles verbunden und verknüpft, aber auch tragisch verstrickt ist.
Während in der klassischen SciFi ENTWEDER die Handlung und ihr Tempo, ODER das Szenario die Hauptrolle spielt, bietet »The Expanse« beides: Im 24. Jahrhundert hat die Menschheit das Sonnensystem besiedelt, bis zu den Jupitermonden. Drei unterschiedliche Human-Kulturen haben sich in dieser der Phase der Erweiterung des menschlichen Siedlungsraums – »Expanse« eben – entwickelt. Auf der von einer wunderbar sarkastisch-menschlichen UN-Generalsekretärin regierten Erde (warmherzig gespielt von der iranischen Schauspielerin Shohreh Aghdashloo, der man ihr ungeheures Dilemma der Macht jede Sekunde anmerkt) gibt es Wohlstand, Slums, planetares Grundeinkommen (!) und Überbevölkerung. Und eine drei Grad zu warme Atmosphäre. Auf dem unwirtlichen Mars führen zwei Millionen Menschen ein hartes, diszipliniertes, aber auch egalitär-solidarisches High-Tech-Leben. Und dann sind da die BELTERS, das Rohstoff-Proletariat im Asteroidengürtel. Die Freaks und Rebellen der neuen solaren Ordnung. Sie leben auf ausgeleierten Raumschiffen, in ausgehöhlten Felsbrocken, auf schrottigen Stationen, neigen zum »Spacing«, zum Herauswerfen von Feinden oder Verrätern durch die Druckschleuse in den Weltraum. Sie bauen Rohstoffe und Substanzen ab, die sie an die »Inners«, die Bewohner der inneren Planeten verdealen. Tätowierte, strahlenresistente Haudegen, die schließlich eine fanatische Guerilla bilden, die der irischen IRA oder gar dem IS ähnelt.
Was »The Expanse« von all den anderen Serien unterscheidet, ist der gnadenlose Realismus. Die radikale humanistische Botschaft, die aber zugleich völlig illusionslos ist. Die Bösen sind nie nur die Bösen, der Raum ist nicht das verheißene Land, sondern eine Wüste aus Kälte und Leere. Raumfahrt im Sonnensystem hat in »The Expanse« wenig Romantik. Geflogen wird in zusammengeschweißten, manchmal schrottreifen Büchsen, die trotzdem genug Tech und Reaktorpower enthalten, um zum Saturn zu kommen. Für die irrwitzigen Distanzen braucht man Wochen oder Monate, und einen endlos langen BURN – Reaktorschub-Zeit, um tagelang zu beschleunigen und abzubremsen. Besonders Hardcore sind die Injektionsnadeln, die Stabilisator-Flüssigkeit in den menschlichen Körper jagen, wenn mit mehr als 6 G beschleunigt wird….
Was würde wirklich mit der menschlichen Kultur geschehen, wenn wir auf kalte Felsbrocken oder andere Planeten auswandern – und dabei unsere gewohnte Biosphäre überschreiten? Das ist der eigentliche rote Frage-Faden von »The Expanse« – wie würden wir uns fühlen und verändern? Transportiert wird der Faden durch die Beziehungen von Menschen, die einem sofort ans Herz wachsen. Die Protagonisten der »Rosinante« (so heißt das Abenteuer-Raumschiff leicht ironisch) sind Helden, aber keine Heroen. Frauen mit unfassbarer Power. Menschen mit Traumata, Ängsten und inneren Konflikten, mit Schicksalen und Identitätsproblemen. Und vor allem mit ständigem Heimweh. Aber die Heimaten der Erde sind verlorengegangen. Der Raum, mit den irrwitzigen Distanzen, zwingt dem Leben eine eigene Logik auf, formt die Seele, die Biographien, als existentialistische Wanderung. Der Körper spielt trotz allem Digitalen eine wichtige Rolle, gerade weil er sich den neuen Habitaten anpassen muss. In der schwachen Schwerkraft der Asteroiden haben die Menschen dünne Knochen und zähe Sehnen entwickelt. Marsianer trainieren sich als Kampfmaschinen. Die »Inners« von der Erde lieben ganz earthlike Bodybuilding und Verstärkungs-Implantate.
»The Expanse« bietet neben viel Action ein plausibles sozio-evolutionäres Zukunfts-Modell, in dem die Gesetze DYNAMISCHER ADAPTION gelten. So wie unsere Vorfahren sich beim Vordringen auf der Erde immer wieder neu an neue Umwelten und Verhältnisse anpassten, und dabei neue kulturelle, politische soziale Systeme »erfanden«, erzeugen Wanderungsbewegungen immer neue Systeme, Technologien – und eben auch Konflikte. Die menschliche Psyche, geschmiedet in Millionen Jahren als Jäger und Sammler, ändert sich. Und bleibt sich doch irgendwie gleich. Zivilisation ist ein ständiges Tasten, ein Balancieren am Abgrund.
Technologie in »The Expanse« ist auf urvertraute Weise clonky – hart, metallisch, industriell. Stiefel plus Eisengitter.
Gleichzeitig verzichtet die Serie weitgehend auf die Wundermittel aus der Zeit der »kindlichen« SciFi:
Kein Warp-Drive
Keine Aliens (jedenfalls nicht in der üblichen Form)
Keine niedlichen Roboter (wie klug: menschenähnliche Roboter werden sich in einer realen menschlichen Gesellschaft nicht durchsetzen; sie stören das Soziale)
Kein „Beam-me-up”
Keine Laserpistolen.
Ein halbes Jahrhundert nach Kubricks semi-religiösem Erlösungs-Mythos „2001“, der die Menschheit zu abstrakten, fürsorglichen Gottheiten führte, kehrt der Existentialismus in die SciFi zurück. Aber »The Expanse« ist nicht (nur) dystopisch, sondern auch wundervoll, rätselhaft, verwirrend, zum Staunen zwingend. Statt großzügiger oder mörderischer Aliens gibt es (ausgerechnet) infektiöse Mikroorganismen aus dem All (das so genannte Protomolekül). Dies ist das Produkt eines gnostischen Kampfes zweier eigentlich schon ausgestorbenen Kosmos-Kulturen – so viel zu den »Göttern im Universum«. In diesem Universum bleiben wir fremd, unerlöst, aber gerade dadurch wird die Menschlichkeit sichtbar, die uns als Humanoide verbindet. Die Serie feiert vor Allem den „Jubel des Möglichen”, wie der Philosoph Andreas Weber die bedingungslose Bejahung der menschlichen Vitalität nennt.
(A. Weber: Enlivenment. Eine Kultur des Lebens – Versuch einer Poetik für das Anthropozän, Matthes und Seitz).
Mark Fergus und Hawk Ostby, die norwegisch-indisch-amerikanischen Drehbuchschreiber, haben hier womöglich ein neues Genre aufgestoßen: Ich nenne es den META-HUMANISMUS. Die Anerkennung des human beings in all seinen Facetten, Schönheiten, Hoffnungen, Abgründen, aber ohne bullshit. Das Feiern der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst als unzerstörbare Utopie (es gibt auch Filme solcher Art im Nicht-SciFi-Genre (etwa »You are my Friend« von Tom Hanks). Und natürlich sind viele Klassiker, die wir heute noch lieben, genau aus diesem feinen Stoff gewebt.
Diesem Stoff, der das Universum zusammenhält.
Es ist tröstlich (und auch ein bisschen zum Weinen) wie selbst in einer Zeit, in der alle Bilder, Visionen und Hoffnungen verbraucht zu sein scheinen, als hätte sie ein Protomolekül befallen, immer noch das Menschliche das mit uns in die Zukunft reist. Und dass Realität, im Sinne von Wahrheit, dabei eine wunderbare Rolle spielen kann.
Warum wir im Zeitalter der Hypermedialität unseren Mediensinn verändern sollten
In meiner Jahresanfangs-Kolumne möchte ich mit Ihnen ein Wahrnehmungs-Experiment wagen.
Es geht um die Frage: Kann die Welt überhaupt besser werden?
Oder ist die Zukunft längst verloren?
Medien sind, das meint der ursprüngliche Name – VERMITTLER. Sie verbinden uns mit den Kontexten der Welt, sie erzeugen eine Kommunikation, in der wir uns als Kultur, als Gesellschaft, über uns selbst verständigen. Man nennt das auch »Öffentlichkeit«. Das Mediale hält also die Gesellschaft zusammen, es konstruiert sie.
In der ungeheuren Verdichtung und Beschleunigung des Medialen, wie es in den letzten 20 Jahren geschah – vor allem durch das Internet – geht diese Vermittlungsfunktion zunehmend verloren: Das Medienspektrum verschiebt sich in Richtung einer rasenden Echtzeit-Erregung, in der es nur noch um Aufmerksamkeit geht. Dabei entsteht eine neue Kulturform: »Hypermedialität«.
Hypermedialität meint, dass das mediale System die Wirklichkeit radikal überformt. Die Phänomene aus dem medialen Raum SCHAFFEN die Wirklichkeit (statt sie abzubilden und einzuordnen). Die Wahrnehmung des Ganzen zerbricht in atomisierte Welten, in denen Wahn, Ängste überhandnehmen. Das Bösartige, das Zerstörerische und Negative bekommt in dieser Medienform eine besondere Attraktion.
Das liegt weniger daran, dass »der Mensch« böse ist und die Bösartigen in der Mehrheit. Es liegt an einer Wahrnehmungsverzerrung, die durch eine bestimmte digitale Architektur entsteht. Jaron Lanier, der Computerpionier, der den »Cyberspace« erfand, hat zu Recht darauf hingewiesen, dass das Geschäftsmodell der großen Internet-Plattformen darin besteht, möglichst viel Werbung zu verkaufen. Damit wird DER KLICK das entscheidende Asset. Um möglichst viele Klicks zu erzeugen, wird das, was am meisten Aufmerksamkeit erzeugt, ständig nach oben gerankt – und verstärkt sich unaufhörlich selbst. Das Schrille, das Angstmachende, das Bizarre, das Obszöne und das NEGATIVE gewinnt so ständig die Überhand. Weil Menschen Neugierwesen sind, weil unser Hirn auf eine bestimmte Reiz-Struktur eingestellt ist, hängen wir an diesem Angelhaken, diesem »Clickbaiting« der Erregungs- und Aufmerksamkeitsstürme.
Daraus ergibt sich eine zerstörende Dynamik, die ganze Gesellschaften – siehe Trump – aus den Angeln heben kann. Es entsteht zudem eine Selbst-Selektion der Akteure im Netz: Narzissmus, Hass und Irrsinn sind immer »Top Seller«.
Zwar versuchen die »Sozialen Medien« heute, die allzu negativen Effekte- auf äußeren Druck hin – etwas einzudämmen. Aber wie heißt es so schön? Es gibt kein richtiges Leben im falschen Kontext. Medien werden immer mehr zu PARASITEN unseres Aufmerksamkeitssystems. Und das gilt auch für die »alten«, die eher analogen Medien.
Wie viele grausame und skurrile Tatorts, Mörderplots, Killings, Schreckenskrimis wollen wir noch in unser Hirn einfüllen? Szenarien, in denen immer nur das Schreckliche, Dysfunktionale, im Zwischenmenschlichen gezeigt wird?
Haben Sie am Ende des letzten Jahres einmal darüber nachgedacht, wie all das auf ihr Hirn, ihr Leben, ihr Sozialverhalten – ihr ZUKUNFTSBILD einwirkt?
Ich möchte Ihnen nun 35 Meldungen aus dem Jahr 2020 präsentieren, die die Welt von einer anderen Seite zeigen:
Afrika deklarierte sich in diesem Jahr als vollkommen frei von Polio, einer Krankheit, die noch vor 25 Jahren mehr als 75.000 Kinder jährlich paralysierte. www.bbc.com
Die WHO meldete den geringsten Level der Malaria-Fälle aller Zeiten, ein Rückgang von 60 Prozent in zwei Dekaden. Zwischen 2000 und 2019 wurden 1,5 Milliarden Erkrankungen und 7.6 Millionen Tote vermieden. www.who.int
Es gab einen massiven Durchbruch im Kampf gegen AIDS. Ein neues Antiviral-Medikament, das sechsmal im Jahr injiziert wird, erweist sich 89 Prozent effektiver als die bisherigen Medikamente, die als tägliche Pille verabreicht werden. www.nytimes.com
Die Zahl der AIDS-Opfer fällt weiter. Mehr als zwei Drittel aller Aids-Kranken weltweit werden inzwischen antiviral versorgt. www.unaids.org
Mehr als eine Million Menschen in Großbritannien gaben das Rauchen in der Corona-Epidemie auf. Das waren mehr als doppelt so viele wie in jedem anderen Jahr. www.bbc.com
Eine neue Studie der Yale-Universität fand heraus, dass die Masse des elektronischen Mülls, die Amerikaner produzieren, schon seit 2015 zurückgeht. Der größte Beitrag hängt mit dem Verschwinden der großen Vakuum-Röhren-Bildschirme bei TV und Computermonitoren zusammen. Die absolute Zahl der elektronischen Geräte im Müll verringert sich auch, weil große Geräte-Innovationen ausbleiben, Konsumenten länger ihre Gadgets nutzen und Konvergenz-Effekte einsetzen: Das Smartphone ersetzt inzwischen weitgehend Fotoapparate. environment.yale.edu
Annual product wasteflow (in million metric tons) of the 20 most common product categories making up the electronic product ecosystem in the average electronic household. Source: Althaf, Babbit, Chen, 2020
2012 prognostizierte Angela Merkel, dass im Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen unterwegs sein sollte. Dies wurde oft hämisch als Beweis genommen, dass es mit der Elektromobilität eben »nichts werden« kann. In der letzten Zählung im Dezember 2020 waren 600.000 elektrisch angetriebene Autos auf Deutschlands Straßen registriert (allerdings mit Hybriden). Im nächsten Jahr wird sich die Zahl mehr als verdoppeln. 2022 ebenfalls. Mitte des Jahrzehnts werden knapp die Hälfte aller Neuwagen hybrid oder vollelektrisch sein. Könnte es mit anderen »grünen Prognosen« auch so gehen? Sie kommen zwar mit einer gewissen Verzögerung, aber dann mit Macht.
Vier Jahre, nachdem Chile die ersten Maßnahmen zur Bekämpfung von Fettleibigkeit vornahm (ein in diesem Land besonders starkes Problem) ist der Konsum gesüßter Getränke um 25 Prozent gefallen, Wasser und Fruchtsäfte nahmen 5 Prozent zu. www.nytimes.com
Wie oft haben wir schon gehört, dass die Verlängerung der Lebensspanne »immer mehr Alzheimer« unvermeidlich macht? Es ist aber nicht wahr. Neue Untersuchungen in diesem Jahr zeigten, dass das Risiko einer Person in den USA und Europa, Demenz zu entwickeln, heute 13 Prozent GERINGER ist als 2020 (Alzheimer minus 16 Prozent). Die Ursachen liegen bei weniger Rauchen, besserer kardiovaskulärer Fitness und besserer Bildung. www.nytimes.com
Das britische Eiland »Tristan da Cunha« rief den größten Meeres-Naturschutzbereich des Atlantik bzw. viertgrößten der Welt aus: 687,000 km² sind nun eine für alle Fischerei- und Rohstoff-Aktivitäten verbotene Zone. www.nationalgeographic.com
Belize vergrößerte sein Naturschutzgebiet Sapodilla Cayes auf 1.300 km², inklusive des Cayman Crown, eines der am besten präservierten Riffe der Welt. www.edf.org
Im Oktober verkündeten die Seychellen 410.000 km² Ozean-Schutzgebiet, grösser als Deutschland, und Samoa kündigte eine 36.000 km² Schutzzone für 2025 an. www.bbc.com
Die effektivste Umweltschutzgruppe der Welt, »Pristine Seas«, hat in der letzten Dekade 23 Meeresschutzgebiete initiiert, zusammen fünf Millionen Quadratkilometer. Die Fläche ALLER Naturschutzgebiete der Erde stieg auf fast 12 Prozent und wird sich in den nächsten Jahrzehnten womöglich verdoppeln – eine riesige Bioreserve für die Zukunft der Menschheit. www.nationalgeographic.com
Im November haben 14 Länder, verantwortlich für 40 Prozent der Welt-Küstenlinien, ein Abkommen gegen die Überfischung verabschiedet – mit dem Ziel, Fischbestände zu erhalten und die Plastikströme einzudämmen. Im Jahr 2025 wird ein Areal von der Größe Afrikas nachhaltig befischt sein.
Im Dezember veröffentlichte die FAO eine Studie, nach der die Fischbestände im Mittelmeer und im Schwarzen Meer sich stark verbessert haben. www.fao.org
Im Jahr 2000 war Staten Island vor den Toren New Yorks die größte Müllkippe der Welt, grösser als der Central Park, 20 Stockwerke hoch. Heute ist es eine grüne Oase und eine der spektakulärsten Öko-Restaurationen der Geschichte. www.nytimes.com
Neue Satellitendaten zeigen, dass Wälder in Großbritannien jetzt wieder das Ausmaß des Mittelalters – über 3 Millionen Hektar – erreicht haben – Resultate starker Wiederaufforstungen. Und es geht weiter: Die Fläche kann leicht verdoppelt werden, ohne Farmland oder Moore zu beeinträchtigen. www.thetimes.co.uk
In China, Vietnam und anderen Ländern hat sich die Praxis von Kleintierverzehr durch Corona radikal verändert. 90 Prozent der asiatischen Bevölkerung ist für strikte Verbote des Verkaufs wildlebender Tiere. China hat auch Hunde von der Liste essbarer Tiere gestrichen und radikale Verbote für »Wilde Märkte« erlassen, die drakonische Strafen vorsehen. Überall geht die Polizei streng gegen Verstöße vor.
Die globale Fleischproduktion fiel 2020 um 1 Prozent, seit einigen Jahren schon geht in vielen Ländern, auch den USA, Fleischkonsum zurück. Es könnte sein, dass wir bereits »Peak Meat« erreicht haben – Konsumstudien zeigen, dass in fast allen Ländern immer mehr Aversion gegen Fleisch entsteht. www.bloomberg.com
Kenya verkündete, dass seine Elefanten-Population sich in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt hat – von 16.000 auf 34.000. Wilderei wurde deutlich reduziert, Löwen vermehrten sich seit 2010 um 25 Prozent. www.dw.com
Blauwale kehren zurück an die Küsten von Südgeorgien im südlichen Altantik. Sichtungen des British Antarctic Survey im Jahr 2020 zählten 58 Sichtungen, ein Hinweis, dass sich die Population der fast ausgestorbenen »Großen Blauen« erholt. ISLAND verzichtet im zweiten Jahr völlig auf den Walfang – aus Mangel an Nachfrage wird der Fang wahrscheinlich völlig eingestellt. www.nationalgeographic.com
Die archaischen Grönland-Wale (buckelig!) erreichen heute Vor-Walfang-Zahlen vor der amerikanischen Küste – man schätzt etwa 16.800 Exemplare. „Einer der großen Konservierungs-Erfolge des letzten Jahrhunderts.” www.theguardian.com
Ein Report des Global Peace Index zeigt, dass seit 2007 die Mehrheit der Länder der Welt – 113 Länder – ihre Armeen reduziert haben. 100 Länder haben die Militärausgaben und die Waffenimporte reduziert – auf die geringsten Level seit 2009.
Der Global Terrorism Index 2020 stellte fest, dass die Anzahl der Terroropfer weltweit im fünften Jahr in Folge fällt – in 130 Ländern hat sich die Terrorismus-Lage definitiv entspannt. www.visionofhumanity.org
Kazakhstan trat einem internationalen Protokoll zum Verbot der Todesstrafe bei, die 88 Nation, die die Todesstrafe abschafft – mehrere andere Länder werden in den nächsten Jahren folgen. www.astanatimes.com
Saudi-Arabien und Palästina verboten Kinderhochzeiten im Jahr 2020. Iran erließ ein Gesetz gegen Kindesmissbrauch und Kindesvernachlässigung. Die Arabischen Emirate verabschiedeten sich 2020 von den meisten Scharia-Gesetzen, etwa der Peitschenstrafe, oder gingen in Gesetzesinitiativen. Sudan beendete offiziell 30 Jahre islamischer Gesetze und verbot unter anderem die Beschneidung, ein großer Erfolg für die Frauenrechte. www.nytimes.com
In der Verrücktheit der US-Wahl ging eine Zahl weitgehend unter: Zum ersten Mal seit dreißig Jahren stieg die Anzahl der Amerikaner, die FÜR mehr Immigration sind. www.cato.org
In Gabun stimmte die Bevölkerung für die Dekriminalisierung von Homosexualität. Die First Lady Gabuns, Sylvia Bongo Ondimba sprach von einer Wiederherstellung von fundamentalen Menschenrechten. news.trust.org
Im Oktober paradierten mehr als 130.000 Menschen in Taiwan’s Hautstadt Taipeh auf der LGBTQI+ Pride Parade, einen Tag nachdem Homosexuelle Hochzeitsrechte erhielten – mit einer Massenhochzeit, die vom Militär geschützt wurde. www.sbs.com.au
Im December legalisierte Bhutan als zweites asiatisches Land Same-Sex-Hochzeiten. news.trust.org
Demokratien, die von Frauen geführt wurden, kamen deutlich besser durch die Corona-Krise. Von links: Taiwans Präsidentin, Tsai Ing-wen; Neuseelands Premierminister Jacinda Ardern; Angela Merkel; Dänemarks Mette Frederiksen; Sanna Marin, finnische Ministerpräsidentin.
Nicht nur autoritäre Regimes waren erfolgreich gegen Corona. 10 der besten Verläufe kamen aus demokratischen Ländern. Norwegen, Thailand, Finnland, Australien etc. www.bloomberg.com
Chinas Geburtenrate fiel auf den niedrigsten Level seit 1949, obwohl Die »Ein-Kind-Politik« längst gelockert ist – sie liegt deutlich unter der europäischen von 1,7 Kindern pro gebärfähiger Frau. Die WELTGEBURTENRATE ist von 4,3 im Jahr 1950 auf 2,4 gefallen, in etwa 15-20 Jahren rechnet man mit einem Ausgleich von Geburten- und Sterberate, so dass die Weltbevölkerung ab 2060 wieder fallen dürfte. www.bbc.com
Hat sich die globale Ungleichheit in den letzten zwei Dekaden verbessert oder verschlechtert? Neue Erkenntnisse zeigen, dass der globale Gini-Koeffizient von 2000 bis 2020 um 15 Punkte gefallen ist. In Asien, Südamerika oder Afrika wächst die Wirtschaft auch in Krisen, und die Corona-Krise könnte sogar einen verstärkenden Effekt für die Aufholbewegungen der Schwellenländer bringen – auch wenn es derzeit in sehr armen Ländern zu teilweisen Versorgungsengpässen kommt. Der Social Progress Index 2020 zeigt, dass die Welt in 8 von 12 Belangen sozialen Fortschrittes im letzten Jahrzehnt Verbesserungen verzeichnete, 95 Prozent verbesserten sich einen Punkt oder mehr, nur 2 Prozent fielen zurück.
Die UNESCO gibt bekannt, dass seit 1995 der Anteil der Mädchen, die primäre und sekundäre Erziehung genießen, von 73 auf 89 Prozent weltweit gestiegen ist. Das sind 180 Millionen Mädchen mehr im Schulsystem und dreimal so viel junge Frauen an Universitäten. en.unesco.org
Die Anzahl der Menschen ohne Zugang zu Elektrizität fiel von 860 auf 770 Millionen, besonders in Afrika ging es voran: von 9 Millionen Elektrizitätsanschlüssen im Jahr 2013 auf 20 Millionen 2019. www.iea.org
Die »Imprisonment-Rate« der USA erreicht den niedrigsten Stand seit mehr als zehn Dekaden. Am meisten bei schwarzen Amerikanern (minus 35 Prozent). Langsam entwickelt sich auch in den USA eine Kultur der Rehabilitation statt der Überfüllung der Gefängnisse.
Eine neue Studie zeigt, dass die Luftqualität in Europa sich dramatisch verbessert hat – etwa 60.000 Menschen weniger starben frühzeitig durch Feinstaub und andere Luftbelastungen (2009-2018). www.eea.europa.eu
2020 hat die Menschheit zurück auf den Klimapfad gebracht. CO2-Emissionen fielen um 2,4 Millarden Tonnen. 7 Prozent. Am meisten in den USA (-12) Europa (-11) und Indien (-9). Diese Reduzierung basierte auf menschlichem Leid durch Corona, aber sie hat mehr Konsequenzen als nur ein kurzer »Dip«. Wind, Solar und Wasser bildeten gleichzeitig 90 Prozent der neu ans Netz gehenden Erzeuger, während selbst in einem Land wie Trump-USA 2020 zahlreiche Kohlekraftwerke stillgelegt wurden – vor allem aus Kostengründen. Onshore-Windenergie kostet weltweit heute rund 26 Dollar pro Megawattstunde, Solar 29 Dollar, viel billiger als Gas oder gar Atom. www.lazard.com
2020 hat eine massive Beschleunigung von Klima-Verpflichtungen mit sich gebracht. Viele Länder haben sich konsequent an 2050 als Null-Carbon-Ziel ausgerichtet: Süd-Korea, Japan, Argentinien, Finnland, Österreich, Schweden. China verpflichtete sich bis 2060. Großbritannien plant 68 Prozent Reduktion bereits bis 2030 (und ist dabei auf einem guten Pfad). Die EU einigte sich im selben Zeitraum auf 55 Prozent. 42 Prozent aller Länder der Erde haben sich klare Pfade gesetzt. www.globalcitizen.org
Die Anzahl der richtig großen Global-Unternehmen, die sich eigenständig zur Reduzierung ihres Umwelt-Impacts verpflichteten, steigerte sich um 46 Prozent in den letzten 12 Monaten. Der größte Zementhersteller LafargeHolcim will ab 20250 nur noch CO2-freie Baustoffe ausliefern. Der Computergigant Apple will in seiner gesamten Wertschöpfungs-Kette schon 2030 neutral werden, und Walmart, der größte Handelskonzern der Welt, zielt auf 2040. Kalifornien wird den Verkauf von Verbrennungsmotoren bereits 2035 verbieten, und einige andere Länder stehen kurz vor ähnlichen Beschlüssen.
BP, einer der größten Ölkonzerne, deklarierte »PEAK OIL« und will sich schrittweise von Fossilenergien verabschieden – die Firma geht von einem Rückgang von 50 Prozent über die nächsten 20 Jahre aus. Die größte erneuerbare-Energie-Firm NextEra überschritt die Marktkapitalisierung von Exxon im Oktober 2020 zu ersten Mal.
Zum ersten Mal wurden mehr Kohle-Kraftwerke stillgelegt als neue gebaut. Schweden und Österreich werden demnächst ganz aussteigen, Indien wird in den nächsten Jahren mit Kohleimporten aufhören, Pakistan und die Philippinen werden keine neuen Kraftwerke mehr genehmigen und Bangladesch legte Kraftwerke mit 28 Gigawatt still. Die USA, ausgerechnet unter Trump, legten 2020 145 Kohlekraftwerke still. 138 relevante globale Banken, Versicherungen und Renten-Fonds haben ihren Ausstieg aus allen Kohle-Investitionen verkündet, 46 davon im Jahr 2020 (eine Steigerung von 50 Prozent). ieefa.org/finance-exiting-coal www.nytimes.com
Klimaaktivisten und indigene Gruppen gewannen einige entscheidende Konflikte: Die kanadische Firma Teck Resources zog ihre Operationen in Ölsand-Abbau zurück. Im Juni 2020 wurden die Atlantic Coast Pipeline und die Keystone XL Pipeline nach Protesten stillgelegt. www.sierraclub.org
Wasserstoff, das verbreitetste Element des Universums, hatte 2020 ein großes Jahr. Die geplanten Projekte für Wasserstoff wuchsen von 3,5 auf 15 Gigawatt und Dutzende von Ländern deklarierten kräftige Investionsprogramme in Wasserstoff. www.woodmac.com
Wie fühlen Sie sich jetzt nach der Lektüre?
Natürlich kann man jetzt jede einzelne Meldung in der üblichen negativen Weise zerpflücken. „Das ist nicht genug, geschönte Zahlen – was soll das schon bringen.”
Aber wann wäre es denn genug?
Kann es jemals genug sein?
Die Meldungen zeigen auf eine sehr einfache Weise, dass es auch eine ganz andere Wirklichkeit gibt als unsere Erregungs-, Angst- und Scheindebatten-Welt. In einer Wahrnehmung, in der auch die Fortschritte und Heilungen auf unserem Planeren vorkommen, könnte sich unsere Welt-Haltung ändern. Wir könnten unsere Zukunftsangst verlieren. Wir könnten uns entscheiden. Uns engagieren, denn Engagement macht Sinn. Wir können uns verantwortlich erklären im Sinne von Eintreten für das Bessere.
Denn das Bessere ist möglich. Auch wenn Veränderungen schwierig und nicht ohne Rückschläge sind.
Wie sagte Carl Zuckmayer: „Die Welt mag nicht gut sein. Aber sie kann besser werden!”
Es ist an der Zeit, das Gefängnis der Hypermedialität zu verlassen. Wäre das nicht ein schöner Plan für 2021: den ganzen Aufregungs-Müll hinter und zu lassen – und uns auf eine Realität einzulassen, in der realer Wandel stattfindet? Die nie immer »gut«, aber immer auch differenziert, spannend und zukünftig ist?
Im anderen Worten: In VERBINDUNG mit der wahren Zukunft zu treten?
Die meisten Meldungen stammen von der australischen Konstruktiv- Website futurecrun.ch/99-good-news-2020.
Es gibt seit einigen Jahren eine Bewegung für konstruktiven Journalismus. Einige seriöse Zeitungen fühlen sich zumindest teilweise dieser Bewegung verpflichtet. Beispiele für konsequente Konstruktiv-Medien sind das Online-Magazin »Perspective Daily«. Und das gute alte »brand eins«.
Siehe auch Ulrik Haagerup, Constructive News – ein Standardwerk zum konstruktiven Journalismus des ehemaligen Chefs des dänischen Fernsehens.