08 – Die Talkshow-Dämmerung

Wie deutsche Polit-Talkshows dem Populismus Tür und Tor öffneten

August 2017

If everyone could get past their social paranoia, we could get somewhere.
Art Graesser, Psychologe

Gustave Flaubert, Wikimedia Commons

Gustave Flaubert war ein charmant-arroganter Schriftsteller mit einem Riesenschnauzer und einem Ego doppelt so groß wie der Eiffelturm. Der französische Schriftsteller verstand sich als „unerbittlicher Realist”, der die Sitten und Gebräuche seiner Zeit exakt aufzeichnen wollte. Eines der größten Hindernisse für die Klugheit der Menschen stellten für Flaubert die Zeitungen dar, die Mitte des 19. Jahrhunderts das gesellschaftliche Leben in Paris zu dominieren begannen. Zeitungen, so Flaubert, führen zu einer Art „Hirnverbrennung”. Die „Modernen Neuigkeiten”, so Flaubert, „präferierten Idioten und machten aus vernünftigen Menschen Sklaven von bizarren Urteilen aller Art.” In seinem Werk „Wörterbuch der Gemeinplätze” beschrieb Flaubert die Zeitungs-Klischees seiner Zeit:

  • Staatsbudget: Niemals ausbalanciert
  • Obrigkeit: Versagt immer
  • Bankiers: Alle reich, Halsabschneider, Blutsauger
  • Mädchen: Sind immer „blass” und „zerbrechlich”
  • Matratze: Je härte, je gesünder
  • Ehrgeiz: Immer „blind”
  • Fortschritt: Immer „übereilt”
  • Körperübungen: Verhindern alle Krankheiten. Jederzeit zu empfehlen!
  • Fotographie: Wird leider die Malerei überflüssig machen
  • Verbrecher: Immer ein „übler”!

Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Oder gemein gefragt: Könnte man heute „Zeitungen” nicht einfach durch „Talkshow” ersetzen? Deutsche Talkshows, Sendezeit zwischen 9 Uhr und 11 Uhr abends. Seit Jahren schon erklären uns Talkshows die Welt und die Zukunft. Das ist – oder wäre – ihre Aufgabe in einem Mediensystem wie dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, für das wir alle Gebühren zahlen.

Fragen machen Zukunft

Schauen wir uns die typischen Frage-Teaser einiger Talkshows von Sandra Maischberger, Anne Will, Frank Plasberg oder Maybrit Illner an:

  • „Kann der Staat seine Bürger noch schützen?”
  • „Immer mehr Ausbeutung – Arbeitswelt vergiftet?”
  • „Gift in der Nahrung – werden wir alle krank?
  • „Gestresst und Abgebrannt – Volkskrankheit Burnout?”
  • „Notruf im Wahljahr – Wie sicher ist Deutschland?”
  • „Wenn Terror Alltag wird – Ist Mutig sein jetzt Bürgerpflicht?”
  • „Gewalt in Hamburg – Warum versagt der Staat?”

All diese Titel stellen eine Frage, die zugleich ihre negative Antwort beinhaltet: „Deutschland ist unsicher.” „ Der Staat hat versagt.” „Die Welt wird immer ungerechter.” „Wir werden alle krank.” „Der Terror ist Alltag.”

Das sind aber nichts anderes als die Argument-Plattformen des bösartigen Populismus, wie er sich seit einigen Jahren entwickelt hat.

Die Kognitionspsychologie sagt uns, dass in der Art und Weise, wie Fragen formuliert sind, unser Hirn bereits die Antwort erwartet. Wie man in die Welt hineinfragt, so schallt es heraus. Fragen „primen” – formen – unser Hirn in eine bestimmte Richtung, geben ihm eine prä-diktive Richtung. Die Voraussage all dieser Fragen lautet: Alles wird immer schlechter!

Das ist das erste signifikante Merkmal der deutschen Talkshows: In den Fragestellungen kommt die Zukunft im Sinne von Lösungen kaum vor. Wer die drastischste Formulierung wählt, die dramatischste Schuldzuweisung, der wird mit Sicherheit immer wieder eingeladen. Daraus besteht die Selbst-Selektion der Talkshow-Teilnehmer. Sarah Wagenknecht, die sehr genau weiß, wie sie ihre immer gleichen Neoliberalismus-Schuldzuweisungen kontrapunktisch setzt, um alle anderen am Tisch zur Weißglut zu reizen, ist die Königin. Thilo Sarrazin und Frauke Petry waren eine Zeitlang Dauergäste, deren Anwesenheit schon reichte, um die Quote hochzuhalten. Werner Sinn, der Alarmist aus dem Ökonomenlager, war die Daueraufregungswaffe der frühen Zehner-Jahre. Eine dauer­schlecht­gelaunte Ideologin wie Jutta Dithfurth musste logischerweise irgendwann den sensiblen Dauergast Wolfgang Bosbach aus dem Studio räumen. Und schon hat die Talkshow-Welt hat wieder eine kleine Sensation. Politische Talkshows sind längst Teil der allgemeinen Erregungskultur geworden, in der es immer weniger um Erkenntnis geht, aber immer mehr um Emotionen und Klischees.

Screenshot, Twitter, ARD

Populismus

Wie entfaltet der rechte Populismus unserer Tage seine Wirkung? Klar: Durch Spaltungs-Polemik und den Vormarsch in die Parlamente (die in der zweiten Phase entmachtet oder abgeschafft werden sollen). Aber das ist nur ein kleiner Teil der populistischen Wirksamkeiten. Die wahrhafte „Arbeit” des Populismus besteht in der Erzeugung von aggressiven Memen. Meme sind Wort-Muster, oder auch Denk-„Frames”, die sich rasend schnell ausbreiten können – von Kopf zu Kopf, von Hirn zu Hirn, von Seele zu Seele – siehe auch Johannes Hillje, „Propaganda 4.0” – Wie rechte Populisten Politik machen.”
Erhältlich bei Amazon: www.amazon.de

Gefahr für das Volk, Lügenpresse, Ungerechtigkeit, Volkskörper, Ausmisten, Terrorgefahr, Grünlinks versifft, Eliten…
Populismus nutzt immer Verschwörungs- und Feindbilder, kombiniert mit Hygienevisionen und Krankheitsängsten. Zwar gebrauchen die Polit-Talkshows nicht direkt das rechtsradikale Vokabular. Aber populistische Vokabeln infiltrieren als Verdachtsstellung den ganzen Diskurs. Haben wir nicht doch eine Lügenpresse? Müssen wir uns nicht wirklich Sorgen um das Volk machen? Manchmal werden auch populistische Vokabeln direkt übernommen: Flüchtlingsflut, Flüchtlingswelle…

Populismus arbeitet mit Angst, und darauf zielen praktisch auch alle Moderatoren-Fragen. „Müssen wir nicht Angst haben?” ist die meistgestellte Frage von Anne Will bis Frank Plasberg. Auch der vergiftete ironische Tonfall des Populismus ist manchen Moderatoren nicht fremd – im Zweifel fällt die Balance zwischen Härte und Fairness zugunsten schlampig-zynischer Härte aus.

In deutschen Talkshows geht es, wie im populistischen Furor, häufig um Opferkonstruktionen. Der Bürger, der vom Rand des Publikums aus sein Opfer-Plädoyer hält, ist immer im Recht: „Die Politiker haben versagt…!”. Der Zornbürger ist der Legitimierte, der Empowerte unserer Zeit. Genau hier liegt der Schulterschluss der Talkshows mit dem Glutkern des Populismus – des linken wie des rechten.

Nein, Talkshows erzeugen keine populistischen Gesinnungen – nicht auf direktem Weg. Aber sie bilden ein Resonanzfeld, sie verstärken eine Sicht der Welt als eine Art Problemmaschine, in der sich immer größere Ungeheuerlichkeiten türmen. Heraus kommt eine Art Schuldzuweisungs-Slotmaschine, in der beliebig alles mit allem verknüpft werden kann. Das ist der banale, der billige Populismus, in dem keine differenzierte Diskussion mehr möglich ist. Etwa so:
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Brauchen wir überhaupt noch Talkshows?

Natürlich ist das jetzt alles furchtbar ungerecht. Natürlich gibt es auch vernünftige Diskussionen in deutschen Talkshows. Und manche gekonnte Moderation. Bisweilen gelangen auch nachdenkliche Menschen und kluge Gedanken ins Studio. Und schaffen es, zumindest kurz zu Wort zu kommen.

Screenshot: YouTube

Niemand möchte zurück zu den rauchigen Werner-Höfer-Runden, in denen die Teilnehmer weinselig einen bundesrepublikanischen Cognak-Konsens zusammenstrickten. Aber vielleicht haben politische Talkshows im Erregungs-Zeitalter schlichtweg ein generelles Format-Problem. Leben gute Talkshows nicht eher von der lustvollen Spannung zwischen dem Persönlichen und dem Öffentlichen? In den Personality-Talkshows der 90er Jahre wurde das durchaus charmant inszeniert, damals entstanden begnadete Momente des Authentischen, gerade weil es noch um Spontaneität statt Polemik ging, um Nähe statt Polarisierung, um das Erzählen von Geschichten statt Schuldzuweisungen.

Trotzdem brauchen wir auch in Zukunft politische Talkshows, denn der öffentliche politische Diskurs hat auch im Internet kein anderes Gefäß gefunden. Aber können spannende Diskurse nicht auch aus Zu-Wendung und „Mitverstehen” entstehen? Muss unsere öffentliche politische Debatte den amerikanischen Weg nachvollziehen, sich an den Hass- und Polarisierungsdebatten im Internet messen? Der Kern aller Gesellschaft ist Vertrauen, und je komplexer eine Gesellschaft wird, desto wichtiger ist diese geheimnisvolle Ressource. Der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann, formulierte: „Vertrauen ist ein Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität”.

Man könnte die Talkshow-Fragen auch ganz anders stellen – von einer möglichen (guten) Zukunft her:

  • Wie können wir Menschen anders als mit Verteilungs-Bürokratien am Wohlstand beteiligen?
  • Wie können wir Arbeit erfolgreich flexibilisieren?

    Wie entwickeln wir Demokratie weiter?

    Wie kann Digitalisierung gelingen – gesellschaftlich, für Unternehmen, für jeden Einzelnen?

    Was ist die Bedeutung der Emotionen in einer Daten- und Informationsgesellschaft?

  • Wie gelingt gutes Leben?

Wer so fragt, der lässt in seinem Hirn Platz für das Dopamin der Erkenntnis. So etwas hätte keine Einschaltquote? Emmanuel Macron findet mit seiner konsequenten Verweigerung von Entweder-Oder-Positionen hohe Aufmerksamkeit. Das „Deutschland Spricht”-Experiment der Hamburger ZEIT, in dem 600 Menschen mit konträren politischen Ansichten an einen Tisch gebracht wurden, war ein großartiger Versuch. Im dänischen Fernsehen gibt es inzwischen Talkshows mit „Lösungszwang”. Alle an einem gesellschaftlichen Problem Beteiligten sitzen solange um einen runden Tisch, bis eine Konsens-Lösung gefunden ist.

Eine solche Regel kehrt die Spielregeln um: Nicht wer die größten Standardformeln bringt, wird beklatscht, sondern der/diejenige mit dem klügsten Kooperations-Vorschlag. Leben ist Beziehung. Zukunft basiert letztendlich auf dem Vertrauen, für alles eine Lösung zu finden, auch für das, was schwierig erscheint.

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