64 – Die Kassandra-Revision

Eine 2020-Regnose oder
Wie man dieses dramatische Jahr aus der Zukunft heraus besser verstehen kann.

Evelyn de Morgan: Die verzweifelte Cassandra vor der brennenden Stadt Troja, © Wikimedia

Das tragische Schicksal der antiken Seherin Kassandra ist bekannt. Sie wusste das Schreckliche immer schon im Voraus, konnte sich jedoch nie Gehör verschaffen. Verzweifelt versuchte sie, vor dem kommenden Unheil zu warnen. Aber ein göttlicher Fluch versagte ihr jede Wirksamkeit.

Dargestellt wird Kassandra in Illustrationen aus dem 19. Jahrhundert als eine Art Hexe mit starrem Blick, die sich die (natürlich roten) Haare vor den Trümmern einer Stadt rauft. Oder als Heilige vor antiken Tempeln, die mahnend die Hände hebt.
Es wird immer schlimmer!
Es wird übel enden!
Ihr werdet schon sehen!

War 2020 ein Kassandra-Jahr? In dem sich alle schlimmen Befürchtungen, die wir schon lange über die Zukunft hegten, bestätigten?
Hätten wir nicht viel besser auf Kassandra hören müssen?
Und sollten wir das nicht in Zukunft umso besser tun?
Kassandra ist heute überall. Sie sitzt in den Talkshows, sie diktiert die Kommentarspalten, sie durchdringt den gesamten Zukunfts-Diskurs. Überall mahnt und droht es von Untergängen: Der Staat geht pleite. Die Gesellschaft zerfällt. Die Freiheit verschwindet. Europa zerbricht. Die Demokratie wird zerstört. Die Umwelt, die Natur der ganze Planet – alles ist auf dem Weg in den Abgrund. Das mediale Rund-um-die-Uhr-Starren auf den Untergang hat inzwischen sogar einen Trendnamen: Doomscrolling.

Kassandra ist, nicht zuletzt, auch ein Geschäftsmodell. Mit ihrer Botschaft kann man gute Geschäfte machen. Wer vor dem Crash warnt, hat immer etwas zu verkaufen. Wer das Schlimmste an die Wand malt, vertritt meistens einen Machtanspruch. Dunkle Prophezeiungen haben die Angewohnheit, eine eigene Realität zu schaffen. Das ist der »Kassandrische Kreislauf«: Eine Unheilsvermutung, die sich aus ihrer eigenen Erwartung heraus speist. Und irgendwann auf unheimliche Weise das verstärkt, was sie zu verhindern trachtet.

Wie aber könnten wir ANDERS in die Zukunft schauen als mit dem kassandrischen Blick?
Versuchen wir es mit einer Regnose. Betrachten wir das »annus horribilis« 2020 einmal von der Warte der Zukunft aus.
Welche Türen taten sich auf?
Welche Möglichkeiten wurden sichtbar?
Wie fanden wir Wege aus der Angst?

Abschied vom Weiter-so

Ich erinnere mich an einen endlosen dunklen Gang im Züricher Flughafen. Rechts und links sind die Gitter vor den Boutiquen heruntergelassen, dahinter lagern im Halbdunkel unendliche Mengen von teuren Abendkleidern, Uhren, Schmuck. Im Neonlicht des Duty-Free-Shops türmen sich gewaltige Stapel von nun völlig sinnlosen Waren: Zigaretten, Schnaps, Golfschläger, Parfüms, Schokolade in unfassbaren Mengen. Absurde Relikte einer plötzlich sinnlosen Welt. Nur drei Flüge gehen an diesem Abend; meiner ist nur halbvoll, alle sitzen geduckt in ihren Masken.

2020 begann mit einem Bruch, der gleichzeitig eine tiefe Enttäuschung beinhaltete: Eine beschleunigte, hochglobalisierte, hypervernetzte Gesellschaft wurde mitten im Lauf gestoppt. Alles, was wir als normal voraussetzten, als »immerzu« wahrgenommen hatten, war plötzlich in Frage gestellt.
Damit wurde es aber auch verdeutlicht. Plötzlich sichtbar gemacht. Man könnte auch sagen: offenbart.
Ent-Täuschungen, mit Bindestrich geschrieben, können uns von Illusionen befreien, die uns am Leben hindern. Dazu gehört die fixe Idee, dass alles immer so weitergehen MUSS, weil es gar nicht anders KANN.

Den Kern der Corona-Erfahrung machte die Erkenntnis aus, dass wir schon lange in einer Steigerungs- und Aufmerksamkeits-Krise lebten. In einem Immer-Mehr, Immer-Schneller, Immer-Zugleich, das uns schon im ALTEN NORMAL in eine verzweifelte Hysterie trieb. In ein Rennen, das niemand mehr gewinnen konnte.
Alles stoppte, aber es ging doch weiter. Irgendwie.

Wir starben nicht, als wir nicht mehr nach Kuala Lumpur fliegen konnten. Wir hörten nicht auf zu existieren, als das mit den Partys und der Glühwein-Sause nicht mehr so ging. Wir wurden zwar manchmal verrückt, wenn wir Kinder zu Hause betreuen oder ständig in Zoom-Bildschirme hineinstarren mussten.
Alles war plötzlich sehr schwierig. Und bisweilen auch schrecklich. Aber viele wunderten sich auch, dass es ihnen manchmal sogar besser ging.
Diese Erfahrung könnte einen Denk-Pfad in die Zukunft bilden.

Die neue Welt-(Un)Ordnung

Corona war ein GLOKALES Ereignis – lokal und global zugleich. Das Geschehnis der Seuche rekonstruierte Grenzen. Obwohl viele Grenzen geschlossen wurden und das nationale Territorium letztlich das Feld der Seuchenbekämpfung bliebt, entstand gleichzeitig ein supranationaler Gegentrend. Pandemien lassen sich nur lokal bekämpfen. Aber nur in globaler Kooperation bewältigen.

GloKAL heißt, dass ein neues Verhältnis zwischen dem Lokalen, dem unmittelbar Erfahrenen, und dem größeren Ganzen entsteht. Alles erfährt plötzlich einen neuen Bedeutungszusammenhang. Die Globalisierung, diese abstrakte Macht, offenbarte plötzlich ihre zwiespältige Macht, in dem wir unsere Abhängigkeiten erkannten.

Der Virus kam aus dem globalen Raum. Aber wir konnten ihn nur in der realen, lokalen Gemeinschaft besiegen.

Man muss eingestehen: wir waren nicht allzu erfolgreich darin. Aber in diesem Sinnzusammenhang erschien auch ein neuer sozialer Kontrakt. Die Wirtschaft herunterzufahren, um vor allem alte, vorerkrankte, schwache Menschen zu retten – in der Hongkong-Grippe im Jahr 1968-70 wäre niemand auch nur auf eine solche Idee gekommen. Auf eine fast magische Weise setzte das Virus das Primat des Ökonomischen außer Kraft – jedenfalls in den meisten Ländern. Corona schuf einen neuen ethischen Global-Standard, einen zivilisatorischen Fortschritt, hinter den man in Zukunft nur schwer zurückfallen kann.

Im Jahr 2020 ging die alte, westliche Ordnung endgültig zu Ende. Es zeichneten sich die Konturen einer neuen, globalen Multipolarität ab. Aus den vielen Leerstellen, die die westliche Dominanz zurückgelassen hatte, formten sich neue Muster internationaler Kooperationen. Kleine Staaten bildeten erstaunliche Allianzen. Mittelmächte wurden zu Integratoren. Kooperationen und Selbstorganisationen entwickelten sich aus der Not der Pandemie. Überraschende Bündnisse traten auf den Plan, für die vorher auf der Landkarte der Welt kein Platz gewesen war.
Europa fand zu sich selbst, zu einem Selbstbewusstsein, das sich in der Krise formte.

Afrikas Karte wurde neu gezeichnet.
Asien erlebte einen Boom. Aber auch eine eigene innere Wandlung.

Aus der Zukunft heraus erwies sich das Jahr 2020 gleichzeitig als ein Neustart eines kooperativen Internationalismus. Die großen Menschheits-Institutionen, die in den letzten Jahren zunehmend ignoriert oder verachtetet wurden – von der WHO, UNO, UNESCO und FAO bis zu den NGOs -, erlebten eine Renaissance. Wir wussten plötzlich, was wir an ihnen hatten. Wie dringend wir sie wirklich brauchten. 2021 war der Beginn eines Neustarts dessen, was man später planetary governance nennen sollte – Weltregierung-Organisationen der neuen Art.

Der Tipping Point des Populismus

Aus der Perspektive der Zukunft markiert das Jahr 2020 auch den Zenit des Hass-Populismus, der Vertrumpung der Welt.

Das lag nicht nur am unwürdigen Abgang von Donald Trump. Die Pandemie tauchte die Bösartigkeit populistischer Strategien plötzlich in gleißendes Licht. In einer Krise, in der es auf Selbstverantwortung und Gemeinschaft ankam, entlarvte sich das populistische »Freiheits«- und »Volks«-Grölen als das, was es war: Aggressive Strategie verunsicherte Männer in ihrem letzten Gefecht.

Natürlich verschwanden die Bolsonaros und Orbans und Lukaschenkos und Salvinis nicht über Nacht. Aber ihr Einfluss auf den »collective mind«, ihre hypnotisch- dämonische Macht, verblasste deutlich. Die autokratische Macht, die sich in manchen Ländern der Erde gebildet hatte, wurde brüchig.

2020 war auch der Auftakt einer neuen, globalen Revolte-Welle.
Black life matters, Chiles Verfassungs-Aufstand, Polens Protestbewegung – die schönste und stolzeste Rebellion von allen fand in Weißrussland statt. In diesen Rebellionen spielten starke, unbeirrbare Frauen die Schlüsselrolle. Später sollte man das »FEMO-LUTION« – die Ära der Frauen-Aufstände nennen.

Im Jahr 2030 werden fast die Hälfte aller Länder der Erde von Frauen regiert, darunter auch die USA, China und – Sie werden es nicht glauben – Russland.
Natürlich kann das auf keinen Fall passieren. Es ist von der Wahrscheinlichkeit her unmöglich.

Aber man sollte sich nie so sicher sein, dass etwas unmöglich ist.
Vielleicht kommt es gar nicht so sehr darauf an, dass alles, was man sich vorstellt, exakte Wirklichkeit wird. Aber manchmal kann unsere Vor-Stellung die Wirklichkeit verändern.
Kassandra, revisited.

Human_Digital oder das Ende des Digitalen Maoismus

2020 war gleichzeitig das Jahr, in dem ein falsch gewordener Mythos verblasste: der Digitalismus.

Mit »Digitalismus« meine ich nicht die sinnvolle Anwendung digitaler Technologien – die hat in der Krise tatsächlich dazugewonnen. Sondern die fanatische Überhöhung des Digitalen als Welterlösung. Ich erinnere mich an unfassbar viele Konferenzen im letzten Jahrzehnt an, auf denen das Digitale wie eine religiöse Monstranz präsentiert wurde: Künstliche Intelligenz würde uns »demnächst« von allen Übeln erlösen, vom Stau in den Städten über den Pflegenotstand bis zur Sterblichkeit des Menschen. Quantencomputer und ins Hirn eingeschraubte Schnittstellen würden uns erlauben, „schneller zu denken und tausendmal intelligenter zu werden”. Alles würde automatisch, rasend effektiv und supersmart funktionieren, wenn endlich, endlich alles durchdigitalisiert wäre…

Der Publizist Evgeny Morozov nennt das den »Technopopulismus«. Jaron Lanier, der Erfinder des Begriffs Cyberspace und Digitalfreak der ersten Stunde, sprach vom »Digitalen Maoismus«.
Hinter dem digitalen Propagandagetöse verschwand lange Zeit die Realität dessen, was digitale Medien in der menschlichen Kommunikation angerichtet haben. Wir leben heute in einer tiefen Kognitiven Krise, in der Kategorien wie Wahrheit und Wirklichkeit zerstört werden, die für menschliche Kulturen existentiell sind.

Die neueste Errungenschaft dieser Entwicklung konnten wir in der Corona-Krise in den Hassfluencern besichtigen, die ihre Fan-Basis mit toxischen Memen füttern – bis hin zu QAnon, einer Art mentales Ebola-Virus.

Jaron Lanier sagte neulich in einer WIRED-Konferenz:

„Ich weiß nicht, ob wir das überleben werden … alle unsere internen Kapazitäten für Paranoia, Irritabilität, Xenophobie, Ärger und Angst werden heute mehr aufgewühlt als in anderen Epochen. Auch wenn die Technologie der Algorithmen noch ziemlich roh ist, ist sie doch so durchdringend und aufdringlich, dass sie die Temperatur der unangenehmsten und unproduktivsten Eigenschaften der Menschen ständig ansteigen lässt.”
www.fastcompany.com

Lanier hat mitten in der Pandemie eine neue soziale Software geschrieben, die symbolisch für das neue Human_Digital steht.
(Siehe Sarah Spiekermann, Digitale Ethik – ein Wertsystem für das 21 Jahrhundert. Oder Julian Nida-Rümelin; Digitaler Humanismus. Auch sehr lesenswert: Sinan Aral, The Hype Machine – How Social Media Disrupts Our Elections, Our Economy and Our Health – and how we must adapt.)

TOGETHER MODE funktioniert als Add On im Videokonferenz-Programm TEAMS. Das Programm setzt die Abbilder der Teilnehmer in einen gemeinsamen Raum. Einen Hörsaal, einen Garten oder eine schöne Bibliothek. Man kann sich zuwinken und direkt kommunizieren. Statt der aufgereihten Mäuseboxen, in die wir in der Zoom-Welt starren, entsteht hier ein Raum der »Zusammenheit«.

Microsoft Teams – Together Mode – alle im sozialen Raum

Natürlich ist das nur ein winziges Beispiel. Aber es zeigt, worum es wirklich geht in der nächsten Phase des Digitalen. Nicht den Menschen an das Digitale anpassen – so wird »Digitalisierung« ja meistens verstanden. Sondern die digitalen Möglichkeiten endlich an die humanen Bedingungen und Grenzen zu adaptieren.

Einer von 10 Amerikanern hat in der Corona-Zeit seine Sozialen-Medien-Accounts gelöscht.
Zum ersten Mal mussten Twitter und Facebook ernsthaft auf das reagieren, was sie mit ihren Algorithmen im Diskurs der Gesellschaft angerichtet hatten. Sogar die Androhung von Zerschlagung der Digital-Monopolisten stand im Raum.
Von nun an nahm die digitale Evolution eine andere Richtung.

Der Blaue Wandel

Wie kam es, so fragen wir uns verwundert von der Zukunft aus, dass ausgerechnet das »annus horribilis« 2020 den Möglichkeitsraum des Ökologischen soweit öffnete?

In keinem anderen Jahr haben sich so viele Regierungen und Institutionen zu realistischen, das heißt dringlichen Klimazielen bekannt wie 2020. Niemals haben sich so viele Regierungen und große Unternehmen, ja ganze Wirtschaftskreise, auf ehrgeizige CO2-Ziele festgelegt. Ganze Marken und Konzerne überprüften ihre Geschäftsmodelle und Zielsetzungen auf ökologische Kompetenz. Mächtige Investoren zogen sich endgültig aus dem fossilen Sektor zurück. Der globale »GREEN DEAL« wurde plötzlich zu einer Realität der Kapitalmärkte – Ökologie wandelte sich von einem nervigen Streitthema zu einem gigantischen Investitionssektor.
www.faz.net

Man kann das alles wieder – kassandralike – als Tarnmanöver abtun. Als »niemals genug« und »Greenwashing« abwerten. Aber ab einem gewissen Punkt bekommen Entwicklungen eine Eigendynamik. Ziele, die auf diese Weise öffentlich gesetzt werden, lassen sich nicht mehr so einfach zurücknehmen.

War es die Anthropause – die seltsame Zeit, in der der Himmel nur von einem einzigen Flugzeug gezeichnet war? In der die Strände und Pisten leer waren, die Luft reiner und frischer wurde, und die Kanäle in Venedig plötzlich kristallklares Wasser führten?


„Die Corona-Krise wirkt als Klimawandel der Ideen”, wie es Hartmut Rosa, der Autor von »Resonanz«, formulierte.
www.zeit.de

Schon 2030 erklärten sich 100 europäische Großstädte, 20 Länder weltweit und zahlreiche Welt-Konzerne für »Carbon-free«. Bereits 2027 wurde der globale CARBON OUTPUT PEAK erreicht – der Höhepunkt des CO2-Ausstoßes. Bei etwas unter 40 Gigatonnen (Gt) pro Jahr knickte die Kurve, die unsere globale Zukunft wie keine andere beeinflusst, plötzlich ab.
Flattening the curve …

Im Jahr 2020 entstand ein semantic shift von der GRÜNEN zur BLAUEN Ökologie. Die Klimabewegung schuf neue Anschlüsse, Verbündete, Integrationen. Der Parteitag der deutschen Grünen im November 2020 zeigte deutlich in diese Richtung.

Der Begriff »Klimawandel« bekam plötzlich eine neue Bedeutung. Aus einer kassandrischen Katastrophenvorstellung wurde die Idee eines ganzheitlichen Wandels, in dem Technologie, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik eine neue Zukunfts-Synthese bilden können. In dieser Vision ging es nicht mehr darum, wer schuld war. Wer auf was verzichten muss. Ob Windräder gut oder schlecht sind. Sondern wie wir ALLE die menschliche Zivilisation auf einen neuen Pfad bringen, in der die Wunden des fossilen Industrialismus geheilt werden können.

Was wäre die Alternative zum Kassandrismus, zur andauernden Drohung mit dem Untergang, durch die wir uns selbst lähmen? Lernen wir Pollyanna kennen. Pollyanna ist die Hauptfigur in einer Erzählung der amerikanischen Kinderbuch-Autorin Eleanor Hodgman Porter von 1913. Das Buch wurde mehrfach verfilmt, unter anderem von Disney. Natürlich geht es hier auch um jenen Waisenkitsch, der im Übergang zur industriellen Welt weit verbreitet war. Damals verloren Kinder sehr häufig ihre Eltern, meistens an Infektionskrankheiten.

Pollyanna lebt nach dem Tod ihrer Eltern bei ihrer reichen Tante, die innerlich verbittert ist und ständig an Verrat und Intrigen glaubt. Pollyanna lässt sich aber davon nicht kleinkriegen. Sie spielt jeden Tag das »Such-die-Freude«-Spiel. Damit steckt sie ihre Tante und die mürrischen Bewohner der konservativen Kleinstadt langsam an – eine positive Infektion, die niemand für möglich gehalten hätte.

Das Polyanna-Prinzip wurde oft als eine rührende Naivität verstanden. Aber es geht um viel mehr.
(In einer in den 1980er Jahren veröffentlichten Studie der Psychologen Matlin und Stang kam heraus, dass Menschen mit einer deutlichen Vorliebe für Positivismus, sich viel länger Zeit nehmen, um unangenehme, gefährliche Reize oder negativen Ereignisse um sie herum zu identifizieren. Wer dem Pollyanna-Prinzip folgt, ist sich vollkommen darüber bewusst, dass es im Leben negative Fakten und Realitäten gibt, konzentriert sich aber bewusst auf das Positive. Selbst wenn diese Menschen in ein negatives Ereignis verwickelt sind, werden sie versuchen, ihre Situation auf eine optimistischere Weise zu sehen.)

Pollyannas Haltung ist die des konstruktiven Possibilismus. Sie hat sich entschieden, ihr eigenes Unglück nicht zum Maßstab ihres Lebens zu machen. Das hat viel mit Verantwortung zu tun. Mit einer genuinen Idee von Erwachsensein. Und mit wahrer Zukunft.

Liebe Kassandra, so möchten wir sagen, beruhige Dich. Wir hören Dir zu! Deine heutigen Vertreterinnen, Greta Thunberg und Sahra Wagenknecht und wie sie alle heißen, haben gute Arbeit geleistet. Wir fürchten uns. Es kann schlimm kommen, das ist wahr. Aber es könnte auch ganz anders werden. Gesellschaften lernen. Menschen lernen. Sie lernen durch Scheitern, manchmal aus Trümmern heraus, und immer in Krisen. Sie wachsen in Ent-Täuschungen, die schmerzhaft, aber notwendig sind.

Wir hören Dir zu, Kassandra! Aber wir folgen Dir nicht mehr in die Düsternis. Wir brechen neu auf, im Innen und im Außen. Komm einfach mit, damit Dein Fluch sich löst. Damit jener Wandel möglich wird, den wir uns alle wünschen.