23 – Meine Zukunftsfehler

Holzkopf

„Er musste erst mit dem Kopf gegen die Bäume rennen, ehe er merkte, dass er auf dem Holzweg war.”
Wilhelm Busch

Wenn sich das Jahr rundet, fassen viele Menschen gute Vorsätze. Man kann geteilter Meinung sein, ob das sinnvoll ist. Aber auch ich möchte am Ende dieses Jahres 2017 einen Vorsatz fassen:
Ich möchte in Zukunft BESSER IRREN!

Am Jahresende kommen viele Journalisten zu mir. Und wollen wissen, was denn das Jahr 2018 so „bringen wird“. Als handele es sich bei der Zukunft um eine Art Bescherung. Dabei wird mir als Erstes keine Frage häufiger gestellt als diese: Wie oft haben Sie mit ihren Prognosen danebengelegen?

Das ist einerseits eine sehr verständliche Frage. Gleichzeitig ein bisschen naiv. Ebenso könnte man einen Politiker fragen, wann er denn gerade geschwindelt hat, einen Richter, wann er ein Fehlurteil gesprochen hat, oder einen Journalisten, wo er gerade die Wahrheit verdreht hat. Wir sind alle “self-biased”: Wir können uns, selbst wenn wir es wollen, nur schwer selbst einschätzen. Vor allem, wenn es um die Wahrheit geht (frei nach Karl Valentin).

Das Seltsame ist, dass die Journalisten eigentlich nicht das geringste Interesse an der Antwort haben.

Ich weiß nicht, woran das liegt. Aber immer, wenn ich anfange zu antworten, wenden Sie sich schon rein körperlich ab. Der Stift, mit dem sie sich Notizen machten, senkt sich müde der Stuhllehne zu. Dann verschwindet er irgendwie in der Jackentasche. Sie wechseln das Thema.

Was ist denn nächstes Jahr denn so angesagt?
In diesem Moment ahne ich, dass es bei der Zukunft gar nicht um die Zukunft geht.
Und bei Prognosen eigentlich nicht um Prognosen.
Aber um was dann?

Vielleicht ist es die wahre Aufgabe des Futuristen, möglichst sinnvoll zu irren.

Hier also mein erster Irrtum:
Im Jahr 2005 habe ich auf einer öffentlichen Veranstaltung gesagt: Von Facebook wird in 5 Jahren niemand mehr reden!

Zu meiner Verteidigung kann ich nur die damalige Lage anführen: Der “Neue Markt” war 2001 mit dem ersten Digital-Crash zusammengebrochen. Die digitale Revolution fraß – einstweilen – ihre Kinder. Es herrschte eine Art Wildwest-Atmosphäre, in der sich schnell neue Startups gründeten, die rasch wieder verglühten. Internet-Giganten wie AOL, MySpace, Yahoo waren an einem Tag riesig, am nächsten Tag wurden sie schon aufgekauft oder gar eingestellt.

Ich ahnte damals, dass mit Facebook ein riesiges Problem auf uns zukommen würde. Es war klar, dass Facebook eine monopolitische Strategie verfolgen würde – ein riesiger Datenstaubsauger. Und dass der Algorithmus der Sozialen Netzwerke fatale Auswirkungen auf unsere kommunikativen Strukturen haben würde. Shitstorm und Cybermobbing, Hass-Speech und Verschwörungs-Blasen – Netz-Narzismus und digitale Dumpfheit – all das war schon am Horizont absehbar. Facebook basiert auf einem kommunikativen Feedback-Fehler. In der Herrschaft der Likes entsteht lediglich die ILLUSION von Beziehung. 1.000 Freunde sind keine Freunde mehr. Das aber muss früher oder später ins Unglück, in den Hass oder den Fake führen.

Ich war zornig, dass meine geliebte digitale Revolution erhebliche Neben­wirkungen zu zeigen begann. Ich unterschätzte völlig den Plattform-Effekt – jene Magnetwirkung, mit der unweigerlich alle Nutzer auf EINE Plattform gesogen werden. Ich ging davon aus, dass sich in der Dynamik der Startup-Kultur die “richtigen” Sozialen Netzwerke durchsetzen würde – Firmen, die von echtem, humanistischen Enthusiasmus getragen wurden. Die sich Gedanken über die Folgeschäden ihrer Geschäftsmodelle und Codes machen würden. Und sie korrigierten. Wishful Thinking.

Ein typischer blauäugiger Prognose-Fehler: Man wünscht sich etwas. Man hofft auf den Sieg des Guten. Man moralisiert. Man erklärt zur Zukunft, was man präferiert.

Mein zweiter Zukunftsfehler, vom dem ich berichten möchte, fand auf politischem Feld statt. 2014 war ich zu einem Kamingespräch einer konservativen deutschen Partei eingeladen. Im kalten Januar saß ich mit etwa 100 Partei­mitgliedern, dabei einige Landtags-, Europa-, Bundestagsabgeordnete, vor einem Kamin, in dem allerdings kein Feuer brannte. Das Thema lautete “Die Zukunft der Politik”.

Vorsichtig tastete ich mich vor. Ich versuchte, die Möglichkeiten einer systemischen Politik anzusprechen. Das Zeitalter von Links und Rechts, so meine These, geht zu Ende. Die alten Spaltungen der politischen Lager, die das Industrie­zeitalter geprägt hatten, sind obsolet geworden. Das ist der Grund für die derzeitige politische Verwirrung: Die alten Achsensysteme des Politischen funktionieren nicht mehr, die Verantwortungs-Ebenen stimmen nicht mehr mit der globalen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts überein. Ich stellte den Begriff der GLOKALisierung vor. Nach der Parole “Global denken, lokal handeln”, würde sich in der Zukunft eine neue SYNTHESE zwischen dem Globalen und dem Lokalen, zwischen Heimat und Weltoffenheit, Lokalität und Universalität durchsetzen.

Dabei wird politische Macht einerseits an die höhere, europäische, andererseits an die lokale Ebene abgegeben. Im Lokalen ist Demokratie erfahrbar, konkret und praktisch, ein Bürgermeister als Ideologe ist immer fehl am Platz. Das Nationale hingegen ist den großen globalen Problemen nicht mehr gewachsen und muss deshalb an Wichtigkeit verlieren. Würde nicht auf Dauer ein Europa der Regionen mehr Sinn machen als der ewige Streit der Nationen? Und ist das nicht auch die Grund-Idee des wahrhaft Konservativen – Subsidiarität?

Ich biss auf Granit.

Im Publikum saßen eine Menge junge Männer mit Seitenscheitel und strammem Blick. Sie meldeten sich der Reihe nach zu Wort. Und insistierten mit scharfer Stimme, dass doch wohl eher das NATIONALE die Zukunft des Politischen ausmachen würde! Der Nationalstaat sei nun mal das originäre Gefäß, in dem Geschichte gestaltet wird! Europa – es war die Zeit der Griechenlandkrise – sei ein künstliches, bürokratisches Konstrukt!

Die feschen Jungs sollten recht behalten. Die Polarisierung zwischen den ideologischen Lagern ist in den letzten Jahren zurückgekehrt. Der Nationalstaat erlebt in einigen europäischen Ländern eine reaktionäre Renaissance, und Trump hat mit seinem „Amerika zuerst!“ eine Zeitenwende eingeleitet.

Wie man sich doch irren kann…
Oder doch nicht?

Der dritte Irrtum betrifft den Kern-Schauplatz des Futurologischen: die Technologie. Dazu muss ich – zum besseren Verständnis – sagen: Ich bin ein Digital Native der ersten Stunde. Meinen ersten Computer, einen C64, kaufte ich in den 80-er Jahren. Ich habe sogar ein bisschen Programmieren gelernt (heute nennt man das „coding“). Ich bin in keiner Weise technikfeindlich, war immer ein glühender Verfechter der digitalen Möglichkeiten.

Und gerade deshalb skeptisch, ob alle Versprechungen des Technologischen immer auch so eintreten, wie sie uns verkauft werden.

In meinem Buch “Technolution” von 2008 wurde diese Skepsis in Bezug auf das iPhone deutlich, das gerade auf den Markt gekommen war:

„In der Tat hat die Idee eines All-in-One-Gerätes etwas Plausibles. Trotzdem bleibt es, so meine These, eine Missgeburt der Innovationsgeschichte, eine Monstrosität… Komplexität hat Folgekosten, die in sinkendem Grenznutzen von Einzelfunktionen bestehen. In der Natur gibt es nur wenige überlebende Universalisten (zum Beispiel den Menschen). Wer im Baumarkt Werkzeuge kauft, denkt oft daran, die Vielzahl der benötigten Geräte zu reduzieren. Er erwirbt Kombigeräte, Zangen, die Schraubenzieher im Griff haben. Bohr­maschinen, mit denen man auch hämmern, schleifen kann. Die Erfahrung ist immer die Gleiche: Nach ein, zwei Jahren liegt das Kombigerät in der hintersten Ecke des Werkzeugschranks, während der alte Hammer mit dem abgesplitterten Griff immer noch benutzt wird.” (Technolution S. 59)

Tatsächlich ist das Smartphone DIE Universalmaschine unseres Lebens geworden – vom Kalenderführen bis zum Pulsmessen, vom Zahlmittel bis zur Meditations-Uhr, vom Bordkarten-Lesegerät bis zur Schlafhilfe… WO hatte ich falsch gedacht?

Oder hatte ich gar nicht SO falsch gedacht?

In seinem aktuellen TED-Vortrag „Why our screens make us less happy” schlägt Adam Alter vor, EINZELNE Funktionen des iPhones abzuschalten. “Am Wochen­ende nur auf Flight Mode. Dann kann man noch die Kamera verwenden, aber sonst nichts.”
Frenetischer Beifall. Ich kenne in meinem Bekanntenkreis bereits -zig Leute, die sich demnächst ein einfacheres Smartphone, ja sogar wieder ein „Handy“ kaufen wollen, oder nur noch bestimmte Funktionen benutzen. Keiner, den die endlosen Code-Eingebungen und Störungen, die das universelle Smartphone mit sich gebracht haben, nicht zutiefst nerven würden.

Was derzeit boomt, sind Füllfederhalter. Büttenpapier. Polaroid-Filme kommen wieder. Vinyl-Platten. Bibliotheken. „Die Rückkehr des Analogen“ haben wir diesen Trend genannt.

Könnte es sein, dass man eine Prognose nur hartnäckig so lange aufrechterhalten muss, bis sie dann irgendwann DOCH NOCH eintritt?

So einfach ist es sicher nicht. Aber hinter einer Prognose steckt immer ein System – ein weiterreichender Zusammenhang. Eine Prognose ist ohne System wertlos. Und vice versa.

Facebook, revisited.
Mehr als ein Jahrzehnt nach meiner blauäugigen Fehlprognose mehren sich die Anzeichen für einen Tipping Point. Viele Nutzer sind so genervt von den Zumutungen der sozialen Medienwelt, von den Nervositäten und Verheerungen, die das ständige „Ich bin da!“ in unserem Alltag anrichten, dass sie sich wieder verabschieden. Dass viele Accounts veröden, schlägt sich in der Statistik noch kaum nieder. Aber man kann spüren, dass der Hype seinen Zenit überschritten hat.

Nach der russischen Beeinflussung der US-Wahl kann Facebook den Hass und die Desorientierung, die sein Algorithmus hervorruft, nicht mehr leugnen. Das Konstrukt „Wir sind für die Inhalte nicht verantwortlich!“, mit dem Facebook jahrelang operierte, neigt sich dem Ende zu.

In diesem Jahr, 2017, meldeten sich ehemalige Facebook-Manager zu Wort, wie Chamath Palihapitiya, der öffentlich bekundete, dass Facebook „die Gesellschaft auseinanderreißt“. Sean Parker, einer der Gründer, sagte in einem vielbeachteten Interview, „den Facebook-Gründern sei von Anfang an bewusst gewesen, dass das soziale Internet die Psyche von Menschen manipuliere. Aber wir haben es trotzdem gemacht!“ (siehe: www.faz.net)

„Soziale Medien nutzen eine Schwäche in der menschlichen Psyche aus. Sie ändern unseren Umgang mit der Gesellschaft und untereinander. Der Dopamin-Kick durch die unmittelbare soziale Bestätigung wirkt toxisch auf unsere Seelen. Gott allein weiß, was das mit den Gehirnen unserer Kinder macht.“

Sudan Wu, einer der Ur-Investoren von Silicon Valley, äußerte sich kürzlich in einem flammenden Aufruf im digitalen Zentralorgan WIRED:

It’s crystal clear that Silicon Valley’s chief executives are no longer merely startup founders… They’re societal leaders too, oligarchs shaping the very nature of our identities, communications, and relationships. In a world where software and algorithms run almost every part of our lives – where Google and Facebook control close to 70 percent of all digital advertising, and smartphone penetration is nearing 80 percent – creating innovative software and launching indispensable apps is no longer enough. Racking up a stratospheric market valuation without significant consideration of the product or company’s broader societal impact is reckless and irresponsible.

Es ist kristallklar, dass die Chefs von Silicon Valley nicht mehr nur einfach Startup-Gründer sind… Es sind gesellschaftliche Führer, Oligarchen, die die Natur unserer Identitäten, Kommunikationen und Beziehungen formen… In einer Welt, in der Software-Algorithmen bald jedenTeil unseres Lebens formen, Google und Facebook 70 Prozent des digitalen Anzeigengeschäfts dominieren und Smartphones eine Abdeckung von 80 Prozent erreichen, ist es nicht mehr genug, innovative Software und unverzichtbare APPS zu produzieren. Eine übermächtige Marktmacht anzuhäufen ohne den breiteren sozialen Impact des Unternehmens zu berücksichtigen, ist rücksichtslos und unverantwortlich!

Im Netz tobt endlich eine riesige Debatte und auch die Politik reagiert. Oder WIRD reagieren. Facebook wird nicht verschwinden, aber dieses riesige „Menschenexperiment“ (Elke Schmitter) wird in eine neue Stufe übertreten. Allein in Berlin wurden 1.500 „Hass-Moderatoren“ eingestellt. Es scheint heute nicht mehr unmöglich, dass sich eine echte Alternative zu den Datenkraken entwickelt. Dass Staaten die digitalen Plattform-Konzerne einschränken oder gar zerschlagen.

Und der home-run des Nationalismus? Auch hier gibt es paradoxe Wirkungen. Der BREXIT hat die Zustimmung zu Europa eher erhöht; ausgerechnet im neonationalistischen Polen liegt die Zustimmung der Bevölkerung für das europäische Projekt bei 75 Prozent. Und die neuen Separatismus-Bewegungen? Nein, das muss nicht heißen, dass wir einen neuen europäischen Bürgerkrieg schlittern. Jakob Augstein schrieb in seiner SPIEGEL-Kolumne im Oktober 2017:

Die Katalanen zeigen eben nicht die hässliche Fratze des Nationalismus, sondern lassen ihre Nationalfahnen bei “Refugees Welcome”- Demonstrationen wehen. Von wegen dahrendorfsche Dystopie der Stammesgesellschaft. In Barcelona wird ein fröhlicher, moderner, pluralistischer Patriotismus gefeiert, der seine Heimat im Herzen Europas finden will!“

Produktives Zukunfts-Munkeln:
Man kann sich irren, auch wenn man recht hat.

Damit keine Missverständnisse auftreten: Ich will meine Fehler nicht kleinreden. Ich war blöd, blauäugig, ich lag daneben. Punkt.

Aber je mehr ich im Zukunftsgeschäft tätig bin, desto mehr denke ich aber darüber nach, was der wahre Sinn und Wert von „Prognosen“ ist. Im Rahmen von Management-Consultings habe ich allzu oft erlebt, welche fatalen Nebeneffekte der Glaube an eine einzige präzise End-Prognose haben kann. Nicht selten wünscht sich das Management eine sichere, deterministische Welt – die Konsequenz ist eine Art Planwirtschaft mit sehr kurzfristigen Horizonten.

Wie groß ist denn der Markt für Elektroautos in den nächsten zwei Jahren, Herr Horx? Bitte in genauen Zahlen! Sehen sie! (dann manipulieren wir halt die Abgaswerte…).

Gute Prognosen lassen uns stattdessen mit einer Zukunft in VERBINDUNG treten. Sie lassen uns die Gegenwart aus der Perspektive einer zukünftigen LÖSUNG sehen. Eine gute Prognose leitet Licht durch den Spalt des Wandels und zeigt, welche Prozesse darunterliegen. Gute Prognostik fällt nicht nur eine „Sachprognose“, sondern auch eine „Metaprognose“ – sie beleuchtet die Dualität von Trend und Gegentrend. Sie macht eine Evolutions-Diagnose.

Prognosen sind dann sinnvoll, wenn sie uns helfen, die Welt mit neuen, komplexeren Augen zu betrachten.

Mein Neujahrs-Vorsatz: Ich werde vorsichtiger mit kurzfristigen Zustands-Prognosen sein – und gleichzeitig hartnäckiger, was die systemischen KONTEXTE betrifft.

Ich werde noch besser zwischen (linearen) Trends und (komplexer) Zukunft unterscheiden.

Außerdem warte ich immer noch darauf, dass mich jemand fragt, wo ich denn RECHT hatte…

Aber das ist eigentlich nicht so wichtig. Es geht ja nicht ums Rechthaben. Es geht um besser irren! Schöner irren! Endlich RICHTIG irren!

Ich wünsche Ihnen von Herzen ein erleuchtetes 2018!

Buchtipp:

Großartig ist Jaron Laniers neues Buch „Dawn of the New Everything – über die Entstehung der Virtuellen Realität, die Fehlsteuerung des Internet und die KI-Illusion”. Jaron ist ein Prophet, der den Mut hatte, zu irren – und dabei Recht behielt. Einstweilen nur in Englisch erhältich auf www.amazon.de.

Alle bisher erschienenen Kolumnen sehen Sie auf der Seite: Kolumne.

Bei Nachdruck-Anfragen wenden Sie sich bitte an Mag. Michaela Németh: michaela.nemeth@horx.com