06 – Next: Politik – Die Politik der Zukunft

Warum wir in eine neue Phase des Politischen eintreten

Dieser Text wurde für den Event DIE NÄCHSTE POLITIK am 19. Juli 2017 im Berliner SOHO-House geschrieben.

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Rechts gegen Links

Unser politisches Denken und Fühlen ist zutiefst geprägt von einer ideologischen Spaltung, die tief aus dem 19. Jahrhundert stammt und im industriellen Zeitalter unser Denken, unsere soziale Wirklichkeit, ja die ganze Gesellschaft geformt hat. LINKS gegen RECHTS. In dieser Formel konzentriert sich die Welt-Ordnung des Industriesystems. Einer Gesellschaft, in der Klassen und Schichten entlang industriegesellschaftlicher Verhältnisse geprägt waren: Lebenslange Arbeitsplätze als Ideal, die Kern-Kleinfamilie als vorherrschendes Lebensmodell, ein gesellschaftlicher Kooperatismus, der vor allem Parteien, Lobbys und Interessensgruppen bevorzugte, gesellschaftliche Selbstorganisation jedoch eher geringschätzte.

Selbst wenn die Gesellschaft heute kaum noch der alten Klassengesellschaft ähnelt, wenn Individualisierung, Alltags-Hedonismus und Toleranzkultur das Konservative längst erobert und (kluge) Linke heute längst wissen, dass Klassenkampf ein Verlustspiel ist – das alte Links-Rechts-Denkschema beherrscht zäh die Hirne, die Emotionen, die inneren Einstellungen und gesellschaftlichen Diskurse. Es okkupiert in fast totalitärer Weise die emotionalen Energien der Politik.

Aber weder „linke” noch „rechte” Politik kann in einer pluralen, globalisierten, vernetzten Gesellschaft sinnvolle Lösungsangebote machen. Die heutige Krise des Politischen lässt sich als eine chaotische Auflösung des überfälligen Rechts-Mitte-Links-Schemas aus der Gesellschaft heraus lesen. Die Empörungs- und Erregungs-Ströme, die durch die Medien und das Internet beschleunigt und verstärkt werden, führen zu massiven Turbulenzen im alten Parteien- und Politik-System.

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Dabei vertauschen sich zunehmend die Fronten. Rechte argumentieren und agieren plötzlich revolutionär und rebellisch, Konservative verteidigen vehement kulturelle Vielfalt und Toleranz, Linke wirken wie Privilegienbewahrer aus dem vergangenen Jahrhundert, oder aber sie greifen die Formeln der Neuen Rechten einfach auf. Populisten verhalten sich dagegen wie Kleinkinder in der lustvollen Volltrotzphase – Trump ist ein Sponti des 21. Jahrhunderts.

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Rekapitulieren wir noch einmal die alte Ordnung der politischen Lager: Linke begreifen den Staat als großen sozialen Gleichheitsgenerator, der den Markt reguliert und kontrolliert. Konservative präferieren einen Ordnungs- und Verwaltungsstaat, der auf Distanz zum Gesellschaftlichen geht, während Rechte den Staat eher als Macht-Instrument für autoritative Verhältnisse begreifen. Liberale plädieren meistens für eine simple SCHRUMPFUNG des Staates. All diese Konzepte sind in komplexen Gesellschaften, im Zeitalter der digitalen Globalisierung, unterkomplex, unzureichend. Das ist der eigentliche Grund für den Vormarsch des Populismus, der das Politische ins Reich der Emotionen verlagert. Im Populismus geht es, wie der Psychologe Wolfgang Schmidtbauer ausführt, darum, „differenzierte Gefühle zu leugnen und primitive Größenphantasien mit den „schnellen” Affekten von Angst und Wut zu verbinden.” Der Populismus formuliert lukrative Angebote eines hermetischen „WIR”, das eine revidierte Form von Gleichheit und Gerechtigkeit verspricht, die es – angeblich „früher” einmal gab. „Nation” oder „Volk” sollen den Widerspruch zwischen Staat und Gesellschaft, Individuum und Gemeinschaft, einfach auflösen.

Der Dritte Weg – revisited

Es ist schon fast zwanzig Jahre her, als in der deutschen Öffentlichkeit über den DRITTEN WEG debattiert wurde. Über die Vision einer Politik, die sich jenseits des alten Rechts-Links-Achsensystems entfalten sollte: „New Labour” in Großbritannien, das Rotgrüne Projekt unter Gerhard Schröder in Deutschland – überall in Europa suchte man nach einer politischen Alternative für das polarisierte Links-Rechts-Denken, das die alte Industriegesellschaft geprägt hatte. Die Gesellschaft, so spürte man, war längst viel weiter. Die Lebenswelten hatten sich differenziert und individualisiert, Minderheiten waren akzeptiert, die Mittelschichten teilten sich nicht mehr in Bürgertum und Proletariat auf, die Arbeitswelt veränderte sich weg vom Klassenkampf hin zu einem eher kooperatistisch-humanistischen Modell. Wirtschaftspolitik, formulierte damals Gerhard Schröder, ist nicht links oder rechts, sondern modern oder unmodern.

Im Zentrum der Idee des Dritten Weges stand die so genannte Inklusions-Politik, eine fundamentale Reform des Sozialstaats. Soziale Benachteiligung, so wiesen die zahlreichen politischen Think-Tanks und Vordenker nach, entsteht im Wissenszeitalter nicht mehr durch Mangel an Geld, sondern durch Mangel an ZUGANG: zu Bildung, Kultur, Eigen-Kompetenzen, Sozialtechniken. Der Staat kann deshalb in der sozialen Frage nicht einfach mit der Steigerung geldlicher Transfers reagieren. Das pure (Um-)Verteilen von Geld schafft neue Abhängigkeiten, erzeugt unerwünschte Nebenwirkungen, es nimmt Menschen im Grunde die Würde. Anstatt ganze Bevölkerungsgruppen durch Transferzahlungen vor dem Fernseher ruhigzustellen, muss eine kluge Inklusionspolitik Menschen aktivieren – mit vielfältigen Hilfestellungen bei Selbstveränderungs-Prozessen helfen.

Das Projekt des Dritten Weges und der Neuen Mitte scheiterte auch deshalb, weil der Schwenk in Richtung einer sozialliberalen Politik von der traditionellen Basis der Sozialdemokraten nicht mitvollzogen wurde. Von Anfang an wurde die Idee von den Traditionalisten aller Lager, aber auch von vielen Intellektuellen und Journalisten aus dem 68er-Milieu bitter bekämpft. Die Hartz-Reformen wurden in der medialen Öffentlichkeit als unsoziale Kürzungen denunziert. Im Boom der Nuller-Jahre, der in der Finanzkrise von 2009 endete, kamen die alten Denk-Polarisierungen dann endgültig zurück. Heute scheint politisches Denken mehr denn je in der Rechts-Links-Achse festgezurrt. In den Talkshows von heute werden politische Debatten immer starrer, ideologischer, moralischer und unversöhnlicher geführt. Das Publikum wendet sich ab mit Grausen, auch wenn der Hickhack zunächst die Einschaltquoten erhöht.

Awfulizing-Politik: Politischer Pessimismus regiert

Politik basiert heute weitgehend auf AWFULIZING – aus permanentem Schlechtmachen, Schlechtreden, Dramatisieren. Übertreiben. Anders als vor zwanzig, dreißig Jahren, als Parteien und ihre Programme noch für bessere ZUKÜNFTE standen – für die Hoffnung auf gesellschaftliche Emanzipation – geht die heutige politische Rhetorik nur noch von Katastrophen aus, die dringend verhindert werden müssen. Trump muss das verkommene Amerika retten. Frau May muss den englischen Stolz im Brexit retten. Die CSU muss den deutschen Autofahrer vor holländischen Autobahnnutzern retten. In jedem Fall muss ständig etwas „gerettet” werden. Rentenkatastrophe, Soziale Spaltung, Infrastruktur-Zerfall – Politik spricht heute in der Sprache des Notstands. Sie „verkauft” letztlich Untergänge. In Frankreich hatte man – vor Macron – ein Wort für diese politische Grundstimmung: Declinismé – Niedergangs-Kult.

    li>Die Grünen verkaufen den Untergang des Planeten – allerdings mit zunehmender Ratlosigkeit in der lokalen Wirklichkeit.

  • Die Konservativen verkaufen den Untergang der Werte und der Familie, der Autorität und der Ordnung – in ihrer wirtschaftlichen Aufstellung plädieren sie aber gerade für die Auflösung solcher tradierter Ordnungen.
  • Die Rechten verkaufen den Untergang des Abendlandes, des Christentums und anderer nebulöser Vergangenheiten.
  • Die Linken verkaufen den Untergang der sozialen Gerechtigkeit. Sie schildern die Gesellschaft als eine Wüste der Ungerechtigkeit, der Ausbeutung und Chancenlosigkeit.
  • Die Liberalen verkaufen den Untergang der Freiheit. In einer Gesellschaft, in der man an jeder Ecke soviel Freiheit bekommt, dass einem manchmal regelrecht übel wird.

All diese Strategien verbindet eine defensive Hoffnungslosigkeit. Eine Traurigkeit, die spürbar ist auf Parteitagen und Delegiertenkonferenzen. Im Zeitalter der medialen Erregungskultur ist die ständige Produktion von Opfern, um die man sich dringend kümmern muss, Kern des Politischen geworden. Doch nun brechen die Wähler aus der Klientelpolitik aus. Sie glauben nicht mehr den Versprechen, „sich zu kümmern”. Sie wenden sich entweder dem Populismus zu, der den Opfer-Mythos auf die Spitze treibt und mit putschistischer Gewaltphantasie auflädt. Oder sie sehnen sich nach einer Politik, in der wieder etwas von der Lebendigkeit, Leichtigkeit und Hoffnungsfähigkeit zu spüren ist.

Dazu bedarf es zunächst einer neuen Sprache, einer neuen Melodie. Nancy Love hat in ihrem Buch „Musical Democracy „die MELODIEFORMEN des Politischen geschildert. In der Demokratie sind Musik-Metaphern weit verbreitet. Immer geht es um Stimmen. Um Harmonie und Dissonanz. Um Orchestrierung und konzertierte Aktion. Missklänge und Ab-stimmungen. Die Politik als resonantes Orchester, in der es gilt, die Vielfalt der Instrumente in Einklang zu bringen – dieses Bild könnte ein neues Narrativ bilden.

Die neue Synergie

In einer systemischen Zukunftspolitik geht es darum, die Instanzen, die das Politische formen, neu zueinander IN BEZIEHUNG zu setzen. Wenn ich mit jemandem „in Beziehung” bin, erkenne ich seine Andersartigkeit und seine Bedürfnisse an und betone Gemeinsamkeiten, ohne das Anders-Sein zu ignorieren.

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Dieser synergetische Ansatz des Politischen muss zunächst die vernachlässigten Player auf dem politischen Spielfeld benennen. Dazu gehören das Individuum und seine Fähigkeit, Eigen- und Selbstverantwortungen zu entwickeln – was jedoch nicht von alleine und nicht unter allen Bedingungen funktioniert. Dazu gehören die erweiterten Familienstrukturen der modernen Gesellschaft und die verschiedenen Instanzen der Zivilgesellschaft, einschließlich der neuen Formen virtualisierter Kooperation, die in der Netzwerkgesellschaft entstehen – NGOs, Vereine, Selbstorganisationen, digitale und analoge Initiativgruppen.

In der NEXTpolitik geht INKLUSION also weit über die Sozialpolitik hinaus. Es geht darum, einen konstruktiven gesellschaftlichen Dialog zu organisieren, in dem das Traditionelle und das Zukunftsgewandte, das Eigenverantwortliche und das Solidarische NEUE BEZÜGE ENTWICKELT. Emmanuel Macron, der neue Präsident Frankreichs, betont genau dies, wenn er formuliert: „Regieren heißt, den Radius der Politik zu erweitern!”. Aus dem Entweder-Oder wird Sowohl-als-auch. Aus „Ich gegen Wir” wird die Idee eines „progressiven Wir”. Damit hat er grundlegende Problem des neuen Populismus erkannt, für den weite Teile der Mitte der Gesellschaft empfänglich sind. Sein politisches Projekt heißt „Emanzipation„. Anfangen will Macron bei der Kultur. Finanzieren sollen es die globalen Internetmonopole Google, Amazon, Facebook und Apple.

Die Gerechtigkeitsfalle

Die Urbanistin Jane Jacobs formulierte: „Poverty has no causes. Only prosperity has causes.” (Armut hat keine Ursachen, nur Wohlstand hat Ursachen!). Dieser Satz klingt, wenn wir ihn rein emotional wahrnehmen, herzlos und falsch. Er widerspricht unserem inneren Bedürfnis, jemanden oder zumindest ETWAS für gesellschaftliche Missstände verantwortlich zu machen. Jemand oder etwas muss SCHULD sein, wenn es um Armut geht!

In einer komplexen Wohlstandsgesellschaft ist es jedoch selten, dass Armut dadurch verursacht wird, dass jemand dem Anderen etwas wegnimmt (auch wenn es immer noch Enklaven ausbeuterischer Verhältnisse geben mag). In komplexen Gesellschaften entsteht soziale Differenz durch ein Zurückbleiben, während sich alle Anderen bewegen. Die plurale Gesellschaft bietet auch heute schon eine enorme Menge von Chancen, Hilfen, Unterstützungen; nicht nur staatlich organisierte. Aber soziale Verelendung findet oft auf ganz anderen Ebenen statt als auf denen, die der Sozial-Politik leicht zugänglich sind. Auf psychosozialen, mentalen, ja sogar spirituellen Ebenen.

Nehmen wir die Obdachlosigkeit als Beispiel. Nach Jahrzehnten des Rückgangs steigt die Zahl der Menschen, die auf der Straße leben, in vielen Großstädten wieder an. Das mag zum Teil an steigenden Mieten liegen, aber die Erfahrungen von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen weisen noch auf etwas anderes hin: Der „Grund” für die höhere Präsenz von Obdachlosigkeit liegt womöglich im subtilen Wandel der Öffentlichkeits-Strukturen. Wie im Internet heute manche Menschen Hass und Wut öffentlich zur Schau stellen, so wie viele Fernsehshows Raum für narzistische Inszenierungen bieten, bietet „die Straße” einer bestimmten Gruppe von Obdachlosen eine Art Bühne. Dieser Typus von Obdachlosen will GESEHEN werden. Er ist auf der Suche nach Kontakt, nach Anerkennung jenseits aller sozialen Rollen. Aus dieser existentiellen Suche bezieht er eine bestimmte Form von Identität, Antrieb und Selbstwert-Gefühl. Von – ja doch – Würde.

Im moralistischen Sozial-Denken, das nur Opfer und „Schuldige” kennt, sind solche Überlegungen entweder überflüssig oder skandalös. Ein Sozialsystem im Rahmen von NEXTPolitik muss solche Feinheiten jedoch verstehen und berücksichtigen. Komplexe Lebenswirklichkeiten und Kommunikationsweisen wirken heute tief in die sozialen Systeme hinein, und erfordern differenzierte Antworten. Systemische Sozialpolitik muss den Unterschied zwischen MITLEID und MITGEFÜHL kennen. Beim Mitleid werten wir den anderen als Opfer ab – wir bieten ihm Almosen primär um unser eigenes schlechtes Gewissen zu beruhigen und uns überlegen zu fühlen. Mitleid motiviert nicht unbedingt zum Handeln. Mitgefühl hingegen lässt nicht locker, weil wir uns selbst IN BEZIEHUNG befinden.

Traditionelle Umverteilungs-Strategien eröffnen eine Büchse der Pandora, in der immer neue Forderungen und Defizite entstehen. Weil der Begriff Gerechtigkeit so unglaublich variabel ist, entstehen immer neue Notlagen, Defizite, Ungleichgewichte. Alles läuft auf ein eskalierendes Löcherstopfen hinaus, bei dem unendlich viele Lobbys, Interessensgruppen, Stellvertreter in einen endlosen Verteilungskampf geraten, ohne dass es den Armen wirklich hilft. Am Ende ist niemand befriedigt und das Gefühl der Ungerechtigkeit steigt ins Unendliche. Vielleicht ist daran der Gerechtigkeits-Wahlkampf der Schulz-SPD schon vor seinem Beginn gescheitert.

Politik der Gelassenheit

Auf einer Veranstaltung mit dem Bürgermeister von Hamburg, Olaf Scholz wurde dieser neulich zu seiner Meinung zur Gerechtigkeits-Politik gefragt. Scholz dachte eine Weile nach, setzte dann sein verschmitztes Lächeln auf, und sagte: „Wissen Sie, ich möchte, dass alle Bürger in meiner Stadt KLARKOMMEN können.”

KLARKOMMEN – welch wunderbares Wort! Scholz illustrierte seinen politischen Ansatz mit Beispielen. Die Hansestadt Hamburg bietet jedem Hauptschul-Abschluss-Schüler ein kostenloses Berufscoaching. Aber diese Beratung wird nicht einfach nur „on demand” angeboten. Die Behörden suchen und finden jeden Jugendlichen, der in diese Kategorie fällt, und „nerven” ihn solange, bis er zu einem Beratungsgespräch kommt. Die Ausbildungs- und Job-Abschlussquoten sind höher, die Jugendarbeitslosgkeit sinkt. Eine solche „Politik der Anschlüsse” konzentriert sich auf heikle ÜBERGÄNGE im Leben der Bürger. Dort, wo Menschen in ihren Lebensphasen sozial verletzlich sind, gilt es, soziale Interventionen zu intensivieren. Ansonsten ist die Eigeninitiative gefragt, die der Staat nur begrenzt herstellen oder kontrollieren kann.

KLARKOMMEN hat viele Bedeutungen. In einer Liebesbeziehung geht es darum, die emotionalen Ebenen zu entwirren. In sozialen Systemen gilt es, Zuständigkeiten zu klären und wenn möglich zu verzahnen. In globalen Systemen geht es um die Klärung von Machtebenen: Wofür brauchen wir die UNO, wofür ist Europa zuständig, was kann der Nationalstaat, was kann eine Stadtpolitik leisten, der Bürgermeister, die Behörden? Klarkommen ist rekursiv: Wir müssen es immer mit uns selbst UND dem anderen, es basiert auf bewussten Entscheidungen. Das ist das Wesen wahrer Beziehung.

Im Klarkommen spiegelt sich auch das „coping”, jene Ur-Erfahrung, dem wir unsere Lebensenergie verdanken. Wenn wir schwierige Aufgaben bewältigen, alleine oder in der Gruppe, dann „leuchtet” unsere Neuronen auf. Das evolutionär in uns verankerte Belohnungssystem schickt uns jene Dopamine und Endorphine, die uns Zuversicht und Hoffnung geben. Seit Jahrmillionen funktioniert dieses menschliche Motivations-System, das uns nicht trotz, sondern WEGEN aller Widrigkeiten in die Zukunft bringt. In diesem neuronalen System liegt auch der Grund dafür, warum alle „-Ismen” scheitern – ob es sich um Kommunismus oder Populismus oder Nationalismus handelt. Solche Systeme machen die Bewältigungs-Erfahrung im Grunde unmöglich, weil sie von Außen der Gesellschaft eine Struktur aufzwingen, in der sich diese nicht mehr im Wechselspiel zwischen ICH und WIR entwickeln kann.

Wie Emmanuel Macron so schön formulierte: „Wir brauchen Leute, die unmögliche Dinge träumen, die vielleicht scheitern, aber in jedem Fall eine Ambition für die wahre Zukunft haben.”

Die Insel des progressiven Wir

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Wie lässt sich die Wahrnehmungs- und Werte-Spaltung in „Ichlinge” und „Wirlinge” überwinden? (Siehe die neue Studie des ZUKUNFTSINSTITUTS: NEXT Germany). Zunächst, indem wir anerkennen, dass jeder von uns BEIDE Charaktere in sich vereint. Es geht nicht darum, sich zu entscheiden. Sondern beide in ein neues VERHÄLTNIS zu bringen.

NEXTpolitik kann zwischen den Inseln Brücken bauen. Sie muss aber auch „Horizont-Inseln” definieren, in denen die Antagonismen aufgehoben und integriert werden können. Die Studie NextGermany formuliert in ihrem letzten Teil deshalb eine logische Utopie, in der die ICHlinge und die WIRlinge wieder zusammenfinden können.

In der „Spiral Dynamics”-Theorie, des amerikanischen Psycholegen Clare W. Graves, wird die menschliche Geistes- und Zivilisationsgeschichte als eine endlose Spirale definiert, eine mentale Matrix, in der unser Sein vom Ich zum Wir und wieder zurückpendelt – und dabei immer komplexere Integrationen entstehen. Das „progressive Wir” vereint Gemeinschaft und Individualität auf einer höheren Ebene. Freiheit und Gebundenheit, Bewegung und Sicherheit, Verantwortung und Gemeinschaft, gehören zusammen. Auf der „Insel des progressiven Wir” sind wir nicht einsam, aber wir haben das recht, EIGEN zu sein.

Politik der Zuversicht

Die Bürger wollen heute mehr Verantwortung übernehmen. Die Selbstermächtigung der Bürgergesellschaft in der Flüchtlingskrise des Jahres 2015, auf welche die Politik nicht vorbereitet war, verhinderte eine soziale Katastrophe. Der Wunsch nach Beteiligung an politischen Entscheidungen und nach gemeinsamer Bewältigung von gesellschaftlichen Krisen gehen einher. Selbstorganisation ist die neue Form der Teilhabe.

Hoffnungspolitik dreht die Betrachtung von den Problemlagen zu den Möglichkeiten um. Sie ist „possibilistische” Politik: Sie „fragt aus der Zukunft” heraus: Was müsste geschehen, damit sich bestimmte Konflikte lösen, bestimmte Entwicklungen geschehen können? Sie versucht Bedingungen zur Selbstorganisation zu entwickeln.

Hoffnungspolitik ist Bewegungs-Politik. Sie nutzt gesellschaftliche Strömungen, latente Bedürfnisse, Zeitgeist-Phänomene, um Schwung und Energie zu gewinnen. Hier knüpft sie an die sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre des 20sten Jahrhunderts an. Aber sie vermeidet das pur Utopische. Sie sieht Politik nicht als Erreichung fester Ziele, sondern der Organisation ständiger VERBINDUNGEN zwischen Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, zivilgesellschaftlichen Initiativen, Digital-Gesellschaft.

Hoffnungspolitik weiß nicht alle Antworten im voraus. Kandidaten für den französischen Kandidaten Macron trauen sich wieder, einen Satz zusagen, der im politischen Geschäft sonst Tabu ist. ICH WEISS ES NICHT – aber ich will eine Lösung finden! Es geht um eine Ehrlichkeit, eine Authentizität, die die Komplexität, in der wir leben, anerkennt. Ein komplexes Problem erfordert differenzierte Antworten.

Die beiden großen Themen in Zukunft heißen Sicherheit und Identität. Zwischen beiden besteht ein Zusammenhang. Physische und psychische Sicherheit ist die Voraussetzung für das Entstehen einer robusten Identität. Im Fokus steht nicht mehr die alte Frage „Wie wollen wir in Zukunft leben?„, sondern „Wie wollen wir alle als Bürger zusammenleben, trotz unterschiedlicher Meinungen und Absichten?„ Statt um feindsinnige Ausgrenzung geht es um eine kooperative Abgrenzung, die auch unterschiedliche Werte toleriert. Nicht allein die Herstellung von Konsens, sondern der Umgang mit Dissens macht eine Demokratie stark und resilient gegenüber Krisen.

Welche Freiheiten und Bindungen können ein neues Wir zwischen den unterschiedlichen Wertewelten befördern? Welche gemeinschaftsstiftenden Institutionen braucht eine zunehmend heterogene Gesellschaft? Diese Fragen spielen bislang im Wahlkampf keine Rolle.

Die Zukunft gehört intelligente(re)n Systemen. Das gilt für die Wirtschaft, für die Liebe, wie für die Politik. NextPolitik bedeutet auch eine Selbst-Beschränkung der Politik, die nicht alles lösen kann. Der systemische Soziologe Armin Nassehi schreibt im KURSBUCH: „Veränderungen müssen listig angegangen werden, listig in dem Sinne, dass man ihnen eine Chance geben muss, sich von den Intentionen der Beteiligten unabhängig zu machen. Wenn sich die Dinge bewähren, kommen die Intentionen schon hinterher.” Man könnte hinzufügen: Wahre Veränderungen beginnen immer im Bewusstsein, im Denken – im Gefühl der Menschen für die lebenswerte Zukunft. Und in der Vereinbarung darüber, dass es sich lohnt, dafür gemeinsam auf die Reise zu gehen.

Literaturliste:

  • Ralf Fücks: Freiheit verteidigen. Wie wir den Kampf um die offene Gesellschaft gewinnen, Carl Hanser 2017. Erhältlich bei Amazon:
  • David Goodhart: The Road to Somewhere. The Populist Revolt and the Future of Politics, C Hurst & Co 2017. Erhältlich bei Amazon:
  • Olaf Scholz: Hoffnungsland. Eine neue deutsche Wirklichkeit, Hoffmann und Campe, 2017. Erhältlich bei Amazon:
  • Armin Nassehi: Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Murmann Verlag 2015. Erhältlich bei Amazon:
  • Jürgen Wiebicke: Zehn Regeln für Demokratie-Retter, KiWi 2017. Erhältlich bei Amazon:
  • Zukunftsinstitut: NextGermany: Aufbruch in die neue Wir-Gesellschaft, 2017

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