Die Roboter-Illusion

Warum wir Roboter lieben, fürchten – und dennoch immer von ihnen enttäuscht bleiben

Sie ist eine Traumfrau, ganz ohne Zweifel. Die großen, glänzenden Augen mit den ungeheuren Wimpern. Die aufgeschwungenen Lippen im Idealmaß. Die ebenmäßige Haut, das LEUCHTEN der Datenleitungen und Biosensoren an ihrem schön geschwungenen Nacken. Kennen Sie »Ada«, die schöne Roboter-Frau aus dem Film »EX_MACHINA«? Natürlich kennen Sie sie. Denn Ada ist eine Ikone, ein UR-BILD, ein mächtiges ZUKUNFT-MEM. Sie verfolgt uns schon seit langem. Ihre Botschaft lautet:
WIR SIND WIE IHR! WIR WERDEN EUCH VERFÜHREN!

Die Geschichte geht so: Ein sehr erfolgreicher Nerd-Programmierer bekommt vom Boss einer weltumspannenden Computerfirma ein »besonderes Erlebnis« geschenkt. Er soll herausfinden, ob das neueste Experiment der mächtigen Firma tatsächlich INTELLIGENT ist. Das neueste Silikon-Wesen ist ein Prototyp. Natürlich verliebt sich der NERD-Held in die schöne Platinenfrau. Der Rest ist Hollywood-Routine.

Ein ähnliche Geschichte erleben wir in »HER«, dem zweiten großen Silikon-Liebesfilm der vergangenen Jahre. Ein langweiliger, geschiedener, leicht neurotischer Angestellter einer großen Computerfirma »leistet« sich eine künstliche Lebensassistentin, die seine Einsamkeit kompensieren soll. Zuerst nur eine Computerstimme, ein Stück Software, springt HER aus ihrer vertraglichen Rolle. Sie verliebt sich – so scheint es zumindest – in den einsamen Angestellten. Und schickt ihm sogar eine Prostituierte aus Fleisch und Blut. Sie kümmert sich in ungeheuer empathischer Weise um das Seelenleben des kleinen Angestellten – eine silikon-erotische Über-Mutter.

In der Psychologie nennen sich solche Konstruktionen »Anthropomorphe Projektion«. Wir denken uns Maschinen als Menschen, und zwar als solche, die wir uns radikal wünschen oder ebenso radikal fürchten. Dann tun wir so, als ob es sich tatsächlich nur um Maschinen handeln würde. In der Differenz beider Annahmen entsteht das, was man eine »Kognitive Sensation« nennt. Wir STAUNEN.

Und weil unser Hirn nicht auf Wahrheit, sondern auf Wirkung geprägt ist, halten wir den ganzen Quatsch nicht nur für möglich, sondern für »real«.

Im Katalog der unerfüllten Zukunftsträume hat der Roboter einen sicheren Stammplatz. Schon in meiner Kindheit bevölkerten die Blech- und Plastikkameraden die Wohnzimmer und Bürgersteige der Zukunft: Immer fröhlich und stets hilfsbereit, sollten sie die Komfortabilität der Industriegesellschaft in jeder Situation des Lebens garantieren. Nie muffig und übergriffig wie Eltern oder Hausmeister, würden sie uns als echte Freunde beiseitestehen. Roboter, die Haustiere der technischen Zivilisation. Wir stellten sie uns vor, wie Roboter eben auszusehen hatten: Ein bisschen klobig, mit »blecherner« Stimme. Der Roboter war nichts anderes als der Botschafter eines industriellen Zeitalters, in dem das »Prinzip Maschine« auf die gesamte Lebenswelt übergriff. Und mit der Vielleicht sogar mit Humor. Roboter, die uns fahren, pflegen, den Haushalt führen, die Post erledigen und unser Leben endgültig KOMFORTABEL machen. Roboter als FREUNDE, die weniger widersprechen.

Im Reich der Zukunftsängste ist es nicht viel anders: Auch dort bevölkern die humanoiden Roboter den Phantasieraum. Roboter ergreifen, kaum sind sie aus dem Labor freigelassen, die Weltherrschaft. Sie nutzen Menschen gnadenlos als Energiequellen (Matrix), versklaven und vernichten sie aus der Zukunft heraus (Terminator) oder tappen als auch mal nur als Pat und Patachon auf fremden Planeten umher (Krieg der Sterne). Sie dienen als Helden (Robocop) oder als düstere Engel der Vernichtung, die aus dem Weltall zurückkehren (Blade Runner). Wenn sie einmal tatsächlich als brave Hausassistenten konstruiert sind, geht die ganze Sache garantiert schief und endet mit apokalyptischen Materialschaden (IRobot).

Man fragt sich natürlich: Warum machen die Maschinen das? Was würde ein seelenloser Gegenstand mit MACHT anfangen können? Warum würde er TÖTEN wollen? Warum soll er sich VERLIEBEN?
Die Antwort ist im Grunde einfach: Weil wir ihm dabei zuschauen wollen – um etwas über uns selbst zu erfahren!

Dazwischen allerdings passiert recht wenig. Obwohl inzwischen auf jeder »Zukunftsmesse« ein Blechkamerad am Eingang steht und die Hände schüttelt, obwohl unter »Vermischtes« jeden Tag neue Modelle aus dem roboterfanatischen Japan vorgestellt werden („Kann schon lächeln!” – „Kann Trompete spielen und Treppe steigen!” – „Kann Lasten vom Gewicht eines Menschen heben!” – „Eignet sich als Pflegeroboter!”) – obwohl große Firmen gigantische Summen in den Nachbau menschlicher Hände und hypersensitiver Lichtsensoren für die »Augen« investieren, bleibt das Roboter-Wesen doch hartnäckig dort, wo es im Grunde immer war In der Spielzeug-Kiste.

Cynthia Breazeal heißt die Forscherin am MIT Media Lab, die sich wie keine andere mit der Frage der Mensch-Maschine-Schnittelle auseinandergesetzt hat. Roboter, so die Spezialistin für Maschinensprache, werden sich erst dann in den Haushalten durchsetzen, wenn sie auf MENSCHLICHE Weise mit uns kommunizieren können – durch Gesten, Töne, Bewegungen.

Cynthia Breazeal, on Alchetron / CC BY-SA 3.0

Um diese voranzubringen, schuf Breazeal – mit Hilfe von Crowdsourcing – den ersten Alltagsmarkt-Roboter für den Privathaushalt, der völlig nach dem anthropomorphen Prinzip gestaltet ist, JIBO, einen »Social Home Robot«. Jibo tut gar nicht erst so, als könnte er Kaffee servieren oder Bierkästen tragen – das alle wäre viel zu teuer, aufwendig und immer noch nicht genug, um reale Alltagshilfe zu leisten. Jibo kostet 750 Dollar, wiegt 2,6 Kilo, und ist ein Standgerät, das man in der Wohnung herumtragen kann. Gedacht ist Jibo als Kumpan für Einsame, oder als Amüsement für Familien. Sein »Auge« arbeitet als großes EMOTICON. Es blinkt, er zwinkert, es rollt und kann zornig oder ratlos gucken – ein erstaunlicher Kindchen-Effekt, der sofort emotional beeindruckt.

Jibo macht auf Sprachkommando Musik. liest den Terminkalender vor, organisiert Familien- Videokonferenzen oder macht Fotos, die er/es in der CLOUD ablegt. Jibo ist der emotionale Assistent für die ganze Familie.

In den Werbefilmen wirkt Jibo wie ein aufgedrehter Teekessel auf Crystal Meth. Ständig muss er um Aufmerksamkeit kämpfen – ein ADSH-Gerät in Form einer eleganten Teekanne. Wenn der einsame Single in sein Appartement heimkommt, spielt er die Ansagen von schmachtenden Damen auf dem Anrufbeantworter ab. Er liest den Kindern Gruselgeschichten vor und zieht dabei Grimassen. Er piepst und räuspert sich und will der ALLERBESTE Freund der Familie sein. Er ist, wie alle Kinder stets beim Auspacken sagen, „OH SO CUTE!”. Jibo kann sogar Gedanken lesen, er speichert die Gewohnheiten der Familienmitglieder und weiß genau, dass der ältere Sohn immer Pizza ist, die Mutter aber Sushi. WIRED, die Kulturzeitung aller Digital-Nerds, veranlasste das zu folgendem Kommentar:

„Jibo poses a fundamentally existential problem: Is a life lived with a robot servant the kind of life we should want to live? Things begin to get complicated when robots go beyond basic manual, bureaucratic, and cognitive labor and become tools for us to outsource intimate experiences and functions to. Part of Jibo’s appeal is that it will let you to stop thinking. That is a disconcerting change, one which over time, can profoundly impact who we are. The issue concerns predictive technology, a feature that’s come to be an essential ingredient in the design of all kinds of digital assistance technology.

But preeminent philosopher of technology Albert Borgmann asks us to consider what this advance will do to our capacity for reasoning. Will we be as inclined to ask ourselves questions like: What do I really want, and why should I want it? And what will happen to our inclination to develop virtues associated with willpower when technology increasingly does our thinking for us and preemptively satisfies our desires? Such an environment, Borgmann warns, initiates the “slide from housekeeping to being kept by our house.”

In der Tat berichten Jibo-USER von von einer seltsamen Irritation, die sie nach einigen Tagen befällt (ähnlich wie bei Siri, die aber nicht so niedlich ist und keine Gestalt hat): Es ist ihnen plötzlich schrecklich unangenehm, eine Beziehung zu »jemandem« aufzubauen, der nicht existiert. Das ist die »Uncanny Ebene«: Man braucht offenbar noch nicht einmal einen menschenähnlichen Robot. um seelisch zutiefst irritiert zu sein, WOMIT WIR ES ZU TUN HABEN.

Das aber ist ein tiefer evolutionärer Instinkt des Menschen: ZU WISSEN, MIT WEM WIR ES ZU TUN HABEN. Wenn es uns egal wird, ob unsere Kommunikation mit einem anderen Menschen oder einem »Ding« verläuft, werden wir SELBER psychotisch…

Siehe: www.wired.com

Keiner kann diesen antropomorph-paranoiden Affekt, an dem wir mental kleben wie eine Fliege am Leim, treffender auf den Punkt bringen wie Phillip K. Dick, der Großmeister der dystopischen Zukünfte:

„Wir und unsere unentwegt evolutionierenden Computer werden uns irgendwann auf halber Strecke treffen. Eines Tages wird ein menschliches Wesen, vielleicht mit dem Namen Fred White, einen Roboter mit dem Namen Pete Soundso erschießen, der aus einer General-Electric-Fabrik entsprungen ist, und ihn zu seiner Überraschung weinen und bluten sehen. Und der sterbende Roboter würde zurückschießen und verblüfft den grauen Rauch registrieren, der aus der elektrischen Pumpe steigt, die eigentlich Mr. Whites blutendes Herz sein sollte. Es wäre ein großer Moment der Wahrheit für beide Parteien.”
(A Life of Philip K. Dick, Anthony Peake, S. 14)

Von Dick stammt auch der gute Ratschlag, dass „wir anstatt das Verhalten von Maschinen zu studieren, um menschliches Verhalten zu verstehen, lieber Menschen studieren sollten, um Maschinen-Verhalten zu begreifen”. (Peake, S. 97).

Das ist klug gedacht aber in Wahrheit zynisch. Philip K. Dick, von dem alle wesentlichen verfilmten KI – und Androiden-Science-Fiction-Stories stammen, war ein sehr unglücklicher, leidender Mensch – siehe seine ehrlichste Biographie von Anthony Peake: A Life of Philip K. Dick – The Man who Remembered the Future. Erhältlich bei Amazon: www.amazon.de

Der »Turing-Tamagotchi-Effekt«: Wann also IST der Moment gekommen, an dem tatsächlich ein HUMANOIDER ROBOTER die Bühne betritt?

Der englische Mathematiker Alan Turing hat dafür den »Turing-Test« entwickelt: Verschiedene Versuchsteilnehmer kommunizieren über Tastatur mit einem Menschen oder einem Computer. Wenn es der Maschine immer wieder gelingt, die Testpersonen glauben zu lassen, dass sie ein Mensch sei, dann, so folgerte Turing, müsse sie auch genauso intelligent sein und vergleichbare Bewusstseinszustände haben.

Bislang wurde der Turing-Test noch von keinem Computer erfolgreich »bestanden«.

Sagt man. Stimmt aber nicht.
Man denke an das Tamagotchi-Fieber von 1996: Selbst erwachsene Menschen bebrüteten damals ein virtuelles Computerküken in einem hässlichen Plastikgehäuse und sorgten liebevoll für virtuellen Schlaf, Essen, Trinken und Zuwendung. Man denke an die Art und Weise, wie Jungs mit dem Bagger spielen oder Mädchen mit Puppen. Aber eigentlich sind schon die zahlreichen Roboter-erwacht-zum Leben-Filme Beweis genug, dass da etwas grundlegend durcheinandergeht.

Der Turing-Test geht von der falschen Voraussetzung aus: Dass unser Hirn stets in einem komplexen Selbstbewusstseins-Raum existiert, sozusagen in einem humanen Kontinuum. Dass wir das Menschliche in uns selbst als Komplexe Präsenz spüren können.

Doch das anthropomorphe Prinzip macht diese Illusion zunichte: Wir passen unsere Wahrnehmungs- und Kommunikationsformen den Algorithmen künstlicher Kommunikation an. Man nennt das auch den »Turing-Tamagotchi-Effekt«.

Wohin diese Fähigkeit zur Projektion des Geistes führt, sehen wir in Japan. In der roboter­vernarrtesten Gesellschaft der Welt spielt die Idee des Künstlichen eine ganz andere Rolle aus im »authentizistischen« Westen. Virtuelle Schulmädchen mit aufreizend durchsichtigen Nachthemdchen und Tatoos an allen möglichen Stellen begleiten dort selbst Erwachsene durch das Alltagsleben – Avatare auf den allgegenwärtigen Smartphones, denen man für REALES GELD Drinks und hochhackige goldene Schuhe kaufen muss, damit sie nicht SCHMOLLEN. Das Ziel: „Die Partnerin erobern und die Beziehung am Laufen halten” – was in der hyperindustriellen Realität Japans immer weniger gewinnt.

In Japan zeichnet sich auch eine völlig neue Generation von Sexrobotern ab. Während die schrecklichen Gummipuppen des Sexladens von nebenan alle Erotik verderben, kosten japanische erotische Puppen bis zu 20.000 Euro. Noch sind es eher Statuen aus Silikon, kunstvoll gefertigt. Aber im »Henn na Hotel«, dem Roboter- Hotel stehen »demnächst« bereits sprechende Frauen an der Rezeption, in deren Kreislauf kein Blut fließt. Das Ganze sieht gruselig aus, in den Bildern, die heute davon existieren.

Der Sexroboter.
Wo, wenn nicht im weiten, traurigen Feld der Erotomanie sollen wir die humanoiden Roboter der Zukunft verorten?
Wenn Prostitution demnächst verboten wird, vielleicht auch die menschenausbeutende Pornographie, wird es endlich zur Sache gehen. Ein Multimilliarden­dollar-Geschäft. Hunderte von Millionen Männer leben ohne Sex, ohne Zuneigung, ohne Tröstung. Sie werden sozial auffällig, sie veranstalten Kriege. Zu was eignet sich ein Roboter, weiblich, besser, als dem endlosen Sehnen des Geschlechtlichen zu dienen? Welchen gefallen könnten uns die kommenden Automaten mehr machen als DIE LIEBE zu simulieren?

Und sind wir eigentlich schon weit davon entfernt? Wenn man sich auf manchen Filmfestivals, auf Regatta-Häfen oder Opernbällen umsieht, hat man längst das Gefühl, manche Männer behandeln Frauen als Roboter. Wobei die Frauen auch sich selbst so behandeln. Sie nutzen sogar schon SILIKON, um ihren Marktwert zu erhöhen.

Wann also kommt es auf den Markt, das Modell HEIDI von Beate Uhse („ordentlich was vor der Hütte”) oder IGIRL von Samsung? Warum nicht Module mit philosophischer Debattierfähigkeit buchen, oder ausgewählte Humorfähigkeiten als Extra? Wie wäre es, wenn man Größe und Proportion verändern könnte, die Sexpraktiken frei wählbar hätte, passiv, aktiv, hart oder weich? Ein Supermodell, dass immer dann stumm im Schrank verschwindet, wenn man keine Lust mehr auf Konversation hat? Wie unendlich viel Drama würde uns das ersparen, wenn auch Frauen ihren gut durchtrainierten Mann für gewisse Stunden zur Erfüllung haben.

Siehe: www.mirror.co.uk/news/uk-news/sex-robots-the-norm

Und schon wird deutlich, auf welchem Grat wir uns wirklich bewegen. Schon aus einem ganz banalen Grund würden sich Erotikroboter nicht durchsetzen: Weil sie ein Konkurrenz-Problem markieren. Kaum käme man mit seinem neuesten Modell, mit der besten Software, wahnsinnig sympathisch, irgendwie gar nicht künstlich, sogar fähig zu philosophischen Diskussionen an der Bar im Hotel, schon würde es heißen: „Er kann sich eben keine Echte leisten!”

Der »Uncanny-Valley-Effekt«

Wir sind umgeben von Robotern, die wir aber nicht als solche »markieren«. Kühlschränke. Waschmaschinen. Staubsauger. Spülmaschinen.
Mit diesen »Wesen« kommen wir gut aus. Und das wird wahrscheinlich so bleiben.

Humane Roboter werden sich schon deshalb nicht durchsetzen, weil es einen tiefsitzenden »Aversions-Effekt« gibt. Gegenüber künstlichen Wesen empfinden wir einen Ekel-Effekt, eine Art Würgereiz.

Das sogenannte »Uncanny Valley« liegt zwischen einer animierten 3-D-Comic-Figur oder einem ausgestopften Tier und einem ECHTEN Menschen. Wenn etwas wie ein Mensch aussieht, aber garantiert kein Mensch ist, dann erzeugt dies ein Gefühl von ANGST UND TOD.

Etwas in uns hat ein tiefes, ein UNABWEISBARES Bedürfnis, zu wissen, ob wir es bei einer »Entität« mit einem Toten oder einem Lebendigen zu tun haben, mit einem Menschen oder Nicht-Menschen, einem Toten ODER Untoten. Die Kulturgeschichte wimmelt nur so von Versuchen, das herauszufinden: Die Hexenverfolgung durch EXORZISTISCHEN BEWEIS (wenn eine Hexe ertrinkt, ist sie keine Hexe). Die Pfählung des Vampirs. Das ewige Elend mit den Untoten aus der Zombie-Fraktion: Wir quälen uns offensichtlich schrecklich mit der Frage, wer zu unserem menschlichen Universum gehört. Und wer nicht.

„Wir sind die Roboter”, sang die Gruppe Kraftwerk in den 80er Jahren. Der Gehirnforscher und Experimentalkünstler Valentino Braitenberg zeigt in seinem Werk „Vehicles“, wie wir Artefakten komplexes Verhalten wie Zuneigung, Liebe oder Hass in ganz einfachen Algorithmen “unterschieben”. Furcht, Attraktion, Aggression – all das sind ganz einfache sensorische Reaktionen, die auf humanes Grundverhalten rekurrieren. In sozialen Netzwerken, vor allem in Sex- und Partnerschafts-Sites, sind längst schon Sozio-Bots unterwegs, die von den menschlichen Teilnehmern als ECHT empfunden werden. Wer also macht den Turing Test mit wem? Die Roboter mit uns!

Viele Menschen reden mit ihren Smartphones. Oder Autos. Manche unterhalten sich mit ihren Staubsaug-Robotern, denen sie Namen geben. Wir sind in einem tiefen Glauben gefangen, in einer ANIMIERTEN Welt zu leben, die dazu »da« ist, uns Botschaften zu geben. Will uns dieser BAUM nicht etwas sagen, mit seinen »verrenkten« Ästen? Wollen die Stern-Konstellationen am Himmel nicht Auskunft geben sagen über unser Schicksal, unsere Zukunft? Der menschliche Geist bildet die Welt als RESONANZRAUM, in dem er selbst im Mittelpunkt steht.

Der Roboter kann so blöd, so kalt, so dumm bleiben, wie er will – wir machen immer etwas Lebendiges draus. Koste es, was es wolle.

In Heinrich Kleists »Über das Marionettentheater« (oder »Die Seele der Marionette«) diskutieren ein Tänzer, Vestris und ein Marionettenspieler über die Frage, wie kunstvoll, »artifiziell«, der Tanz eine Marionette wäre:

„Er lächelte, und sagte, er getraue sich zu behaupten, dass wenn ihm ein Mechanikus, nach den Forderungen, die er an ihn zu machen dächte, eine Marionette bauen wollte, er vermittelst derselben einen Tanz darstellen würde, den weder er, noch irgend ein anderer geschickter Tänzer seiner Zeit, Vestris selbst nicht ausgenommen, zu erreichen imstande wäre…”

….

„Nun, mein vortrefflicher Freund, sagte Herr C…, so sind Sie im Besitz von allem, was nötig ist, um mich zu begreifen. Wir sehen, dass in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt. Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche, plötzlich wieder auf der andern Seite einfindet, oder das Bild des Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt: So findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.”

„Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müssten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.”

Was den Menschen als Spezies von allen anderen Spezies unterscheidet, ist die »Theory of Mind«: Die Fähigkeit, eine Annahme über Bewusstseinsvorgänge in anderen Personen vorzunehmen und diese in der eigenen Person zu erkennen, also Gefühle, Bedürfnisse, Ideen, Absichten, Erwartungen und Meinungen zu vermuten.

Es ist derselbe Effekt, der uns vor Leichen zurückschrecken und vor Zombies fürchten lässt. Wir wollen als von der Evolution gestaltete Bio-Wesen wissen, was tot ist und was lebt. Das brauchen wir für unsere innere Integrität. Und deshalb werden die meisten »echten« Roboter auch in Zukunft so aussehen wie Kühlschränke, Waschmaschinen oder Staubsauger.

In Wirklichkeit werden sie nicht die Herrschaft über uns errichten – warum sollten sie auch, was wäre ihr verdammtes Motiv? Aber sie kitzeln unsere Sehnsüchte aus uns heraus. In Wirklichkeit sind die Roboter virtuelle Wesen in unserem EIGENEN INNEREN, mit denen wir das MASCHINELLE unserer Existenz ausloten. Wir suchen nach der Menschmaschine. Um uns zu gruseln. Um uns abzugrenzen. Um uns selbst zu verstehen.
»Sie« sind nichts anderes als ein Spiegel, in dem wir uns selbst betrachten.
Immer nur uns selbst!

So bleibt Paro, die Robbe, womöglich der einzige Real-Roboter, der im Menschenraum tatsächlich funktioniert. In Demenz-Heimen kommt dieses Flauschtier mit den großen Kulleraugen (noch größer als die von ADA) und der erstaunlichen Reaktionsfähigkeit aufgrund einer eingebauten Reaktions-Hydraulik immer häufiger zum Einsatz. Allerdings weisen die Erfahrungsberichte nach, dass selbst Paro, die auf Berührung und Laute reagieren kann, nach einer Zeit bei den Alzheimer-Patienten an Aufmerksamkeit einbüßt. „Es ist ja nicht ganz echt!”, sagen die Dementen dann. Und wenden sich wieder wunderbar sinnlosen Kartenspielen zu.

Ich freue mich über Nachdrucke oder Links zu meinen Texten - bitte kontaktieren Sie Mag. Michaela Németh: michaela.nemeth@horx.com.