Meine Trendwörter

Im Laufe meiner Trend- und Zukunftsforscher-Zeit habe ich einige Trends – ja was? Gefunden? Erfunden? Diagnostiziert?

Damit fängt es schon an. Was ist eigentlich ein Trend? Seien wir ehrlich: Trends haben nicht selten einen Pippi- Langstrumpf-Effekt: mit ihnen „macht man sich wie Welt, wie sie uns gefällt”. Sie sind verbales Wünsch-dir-was. Sie können klein (Mikrotrends) oder sehr groß (Megatrends) oder komplex (Metatrends) sein.

Das Marketing stürzt sich gerne auf wohlklingende Trendwörter, die dann ziemlich schnell hohl klingen. Deshalb habe ich mich schon vor vielen Jahren innerlich vom »Trend-Naming« distanziert.

Trotzdem hat es mir immer Spaß gemacht. Dem Unbekannten, den »semantischen Leerstellen« unserer Wahrnehmung, einen Namen zu verleihen – das macht schon Sinn. Es befreit den Kopf in Richtung Neues Denken. Hier einige solcher Worte, die ich vielleicht nicht immer direkt »erfunden« habe, aber die ich auf meinem Mist gedüngt habe….

Blaue Ökologie

Wenn »das Grüne« so viel mit Schuld und Angst besetzt ist – wie könnte sich der Ökologie-Begriff in die Zukunft entwickeln? Aus dieser Fragestellung entstand 2014 der Begriff der blauen – im Gegensatz zur grünen Ökologie. Die Annahme ist, dass wir in eine neue Epoche eintreten, in der die beiden Faktoren ROHSTOFFE und ENERGIE nicht mehr die endlichen Knappheiten definieren, sondern IN FÜLLE zur Verfügung stehen.

Alte »grüne« Ökologie Neue »blaue« Ökologie
Ressourcen und Energie sind existentiell knapp Ressourcen und Energie sind prinzipiell unendlich
Die Natur ist empfindlich Die Natur ist ein resilientes System
Der Mensch stört die heilige, empfindliche und harmonische Natur (Gaia-These) Der Mensch ist Teil der Natur
Es gibt zu viele Menschen Menschen sind wunderbar
Die Erde ist ein geschlossenes System (Raumschiff) Der Die Erde ist ein offenes System (adaptive Selbstorganisation)
Wandel entsteht durch Schuld Wandel ensteht durch Möglichkeiten
Krisen sind Zeichen des Untergangs Krisen sind Selbst-Korrekturen von Systemen

Die NEUE ALCHEMIE ermöglicht es, immer mehr Moleküle aus immer mehr Molekülen zu »designen«, womit auch das Müll- und Recycling-„Problem“ völlig anders aussieht. Aller Müll ist Rohstoff, und Rohstoffe werden nie wirklich knapp. Erneuerbare Energie steht in wenigen Jahren in Hülle und Fülle zur Verfügung, weil die Kosten für Solar und Wind (und alles Erneuerbare, was noch kommen wird) ständig fallen (schon heute stellt man kaum noch das Licht ab, weil LED Licht um den Faktor zehn Energieintensiver gemacht haben). Damit verändert sich das Knappheitsparadigma des Ökologischen.

Faktivismus

Kombination von Fakten und Aktivismus. Man kann mit gut kontextuell aufbereiteten Daten die Wahrheit aus der Welt herauskitzeln und das Bewusstsein in Richtung Zukunft verändern. Siehe das wunderbare Buch FACTFULNESS, des verstorbenen Hans Rosling und seiner Familie (ich habe ein bisschen zum Entstehen dieses Titels beigetragen).

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Glokalisierung

Der wohlklingende Synthese-Begriff ist ein bisschen älter, aber ich versuche, ihn in seinen verschiedenen Dimensionen zu erschließen. Ökonomisch bedeutet er, dass globale Produktionsprozesse und Produkte mehr und mehr an das Regionale angepasst werden. Sprengkraft bekommt das Wort im Kontext der neuen Heimat-Debatte. Sind wir nicht ALLE immer BEIDES?

Heimatsuchende UND Bewohner des Planeten? Warum kann man nicht englisch sprechen und Dialekt, seine Heimat lieben (auch seine Wahlheimat), aber auch immer wieder in die Ferne schweifen? Wer die Heimat gegen »das Fremde« ausspielt, macht sie zur dumpfen Provinz. Denn Heimat macht nur SINN im Kontext eines größeren Welt-Zusammenhangs. Heimat unterscheidet sich von der »weiten Welt« dadurch, dass ich dort sofort erkannt und verstanden werde. Ich plädiere mit diesem Begriff für die »kosmopolitische Heimat«, die sich nicht durch Abgrenzung, sondern durch Unterscheidung definiert.

OMline

Die Balance zwischen ONline und OFFline. Immer mehr Menschen leiden an ihrer Vernetzungs-Sucht, am Terror der ständigen Verbundenheit, der unsere sozialen Bindungen beschädigen kann und in den „Sozialen Medien” bisweilen pathologische Formen angenommen hat. OMline ist jener Zustand, in dem ich mit mir und meinen Apps (und Mails und Siris oder was auch immer) im Reinen bin (ca. 2010).

Ökolozismus

Eine Verbindung aus Ökologie und Katholizismus. Mir fiel auf, dass es im ökologischen Mindset oft um Schuldgefühle geht, um Ablasshandlungen (»Trendbuch 1«).

Possibilismus

Den Begriff habe ich zwar nicht erfunden, sondern der Daten-Guru Hans Rosling, aber er ist großartig. Ich werde oft gefragt, WARUM ich denn so optimistisch bin, oder ob wir nicht pessimistisch sein MÜSSEN! Auf genau dieselbe reflexhafte Frage antwortete Hans immer: „Ich bin Possibilist! Ich halte einiges für möglich!”. Das ist die einzige Zukunftshaltung, mit der man wirklich weiterkommt.

Progressive Provinz oder Renaissance der Regionen

Der Megatrend Stadt und sein Gegentrend sind untrennbar miteinander verbunden: Immer, wenn eine neue Welle der Urbanisierung entsteht, haben viele Menschen das Stadtleben schnell satt und bewegen sich wieder in die andere Richtung. Deshalb beginnt jetzt eine neue Welle »Zurück aufs Land«. Der Begriff »Progressive Provinz« beschreibt Städte, Landschaften, Kleinstädte, in denen nicht Abschottung und Frustrationsdenken dominieren, sondern eine neue Lebendigkeit entsteht. Durch die Zusammenarbeit kluger Lokalpolitik, aktiver Bürger und innovativer »Glokalität« gelingt es, die Flucht in die Stadt aufzuhalten oder sogar umzudrehen.

Selfness

Um die Jahrtausendwende wurde die WELLNESS zum alles übergreifenden Marketing-Begriff. Er wanderte schnell aus dem Hotel- und Kosmetik-Sektor in andere Produktbereiche. Alles war plötzlich Wellness, es gab Wellness-Socken und Wellness-Salami und Wellness-Hundefutter.

Als trotzige Antwort formulierte ich die »SELFness«. Hier geht es nicht um Verwöhnung und Entspannung, sondern um den Versuch, sich selbst zu finden und besser zu spüren. Der Begriff hatte einen mittleren Erfolg (es gab sogar einige SELFNESS-Hotels). Heute hat sich die Selfness in die Achtsamkeits-Bewegung weiterentwickelt. (eine eigene Studie mit dem Wort erschien 2006).

Soft-Individualismus

Eine Form des moderaten und sozial rückgekoppelten Individualismus: Wir alle wollen uns selbst finden und verwirklichen und behaupten, aber genau DAS können wir ja nur im Kontext von Beziehungen, von Zugehörigkeiten. Den ersten Text dazu habe ich im »Trendbuch 2« geschrieben (1997): Vorspann: „Wie nach dem Höhepunkt der EGO-Ära unsere Kultur sich auf die Suche nach weichen Formen der Übereinkunft macht.” Das klingt immer noch ermüdend aktuell und dauert inzwischen ganz schön lange…