Zukunfts-Irrtümer

Die 10 wichtigsten Zukunfts-Irrtümer

1. Wishful Thinking

Die Zukunft als Erlösungs-Wunschtraum

Screenshot: www.imdb.com

Wenn Ray Kurzweil, der Prophet der Singularität, eine Bühne betritt, wird es auf eine ganz besondere Weise still. Es entsteht die Erwartung einer Kirche, eines heiligen Ortes, eines Sanktums.

Das ist kein Zufall. Wie in der Kirche geht es bei manchen Zukunfts-Visionen um Erlösung. Ray Kurzweil prophezeit mit der SINGULARITÄT jenen Punkt, an dem Technologie mit der menschlichen Existenz konvergiert. Irgendwann in den nächsten 30, 40 Jahren, so Kurzweil, wird die technische Beschleunigung so gewaltig geworden sein, dass unser Sein in die Superintelligenz der Computer aufgenommen wird. Unser Bewusstsein wird dann auf Quantencomputern laufen – ob wir dann überhaupt noch einen Körper brauchen?

Treten wir einen Schritt zurück und betrachten Ray Kurzweil von der menschlichen Seite. Man spürt eine große Traurigkeit. Man spürt, dass es sich um einen sensiblen, unglaublich verletzlichen und verletzten Menschen handelt. Kurzweil hat mit 22 Jahren, seinen Vater verloren, den er sehr liebte. In einer Szene in einem Film von John Berman wischt sich Kurzweile eine Träne am Grab seines Vaters ab.
Siehe: Futurist Ray Kurzweil Says He Can Bring His Dead Father Back

Ray Kurzweils Vater Frederic (Fritz Friedrich), geboren 1912 in Wien, war ein Multitalent – Autor, Komponist, Dirigent und Humanist. Und wahrscheinlich ebenfalls ein charismatischer, tief sensibler Mensch. Ray hat in seinem Haus in Newton-Massachusetts Kisten von Briefen, Dokumenten und Fotos von seinem Vater gesammelt. Er ist sich sicher, dass die Technik demnächst in der Lage ist, aus diesem Material einen authentischen Avatar zu formen. „Ich werde in der Lage sein, mit seiner Re-Kreation zu sprechen”, sagt Kurzweil. „Am Ende würde diese Repräsentation vielleicht sogar realistischer sein als mein Vater selbst, wäre er noch am Leben.”

Die Zukunft ist eine Wunderkiste, die mit unseren tiefsten und existentiellsten Illusionen, Hoffnungen, Verzweiflung und Sehnsüchten gefüllt ist. Wir werden unsterblich, Krebs wird geheilt, Roboter werden uns in ewige Bequemlichkeit entlassen – all diese Hoffnungen sind zutiefst eschatologische Wunsch-Phantasien. Selbst Dystopien sind in gewisser Weise Wunschprodukte: Wir sind enttäuscht vom Gang der Dinge, zornig auf „die Menschheit”, so dass wir den großen Untergang als gerechte Strafe herbeiwünschen.

Kurzform: Zukunfts-Visionen entstammen immer auch inneren Sehnsüchten und transzendentalen Spannungen. Sie haben mit unverarbeiteten Ängsten oder persönlichen Traumata zu tun. Wir neigen dazu, aus unseren existentiellen Gefühlen ein Zukunftsbild zu formen, das uns trösten und halten kann.

2. Die Gegenwarts-Eitelkeit

Die Idee, in einer einmaligen, turbulenten, sensationellen Zeit zu leben.

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Nie war die Lage so auf der Kippe! Nie gab es so viele Verunsicherungen, Gefahren, chaotische Veränderungen, Krisen, rasende Wandlungsprozesse! Nie war alles so gefährlich, dramatisch und existentiell! Es sind die entscheidenden Jahre der Menschheit! Wir haben noch 50 Jahre Zeit bis zum Weltuntergang – vielleicht! Das sagt zum Beispiel Stephen Hawking, das Genie mit der schrecklichen Krankheit, die ihn an den Rollstuhl fesselt, aber gerade da seine Autorität über viele Jahre nur noch erhöht hat.

Aber war es jemals anders? Seit mindestens 200.000 Jahren zogen unsere Sapiens-Vorfahren in kleinen, verstreuten bands and tribes durch die Savannengebiete der Erde. Sie wurden gejagt von Tieren und versuchten selbst welche zu jagen. Als die ersten Bauernkulturen entstanden – als die Jäger und Sammler sesshaft wurden – wurde die Lage nicht besser, sondern dramatischer. Die ersten Städte zerfielen schnell zu Ruinen, weil sich die Bewohner in andauernd inneren Kriegen befanden.

In der Zeit der &bdqo;großen Reiche” – Ägypten, Rom, Inkas, Maya – lebten Abermillionen Menschen als Sklaven ein kurzes, prekäres Leben. Menschliches Leben war eigentlich immer &bdauo;nasty, brutish and short”, wie Thomas Hobbes formulierte. Wohlstand kannte nur eine winzige Überschicht, und selbst deren Kinder starben mit 14 an Diphtherie oder Schwindsucht. Auch der Beginn der Industriegesellschaft änderte das nicht wesentlich. Bis ins 20. Jahrhundert erlebte praktisch jede europäische Generation einen mörderischen Krieg.

Das Zeitalter der Globalisierung bringt notwendigerweise Turbulenzen mit sich, aber viele dieser Turbulenzen führen auch zu neuen Lösungen und Stabilisierungen. Allerdings bringt uns heute das mediale System heute jede Spannung, jeden Konflikt, jede Abweichung vom Erwarteten, vom Normalen, das wir als „Friede, Wohlstand, Wachstum” definieren, so nahe wie möglich. Die Aufmerksamkeits-Ökonomie erzeugt einen Zwang zur Dramatisierung, Zuspitzung, Übertreibung.

Vielleicht hat die Idee einer extraordinären Schlüsselzeit, der finalen Entscheidungs-Epoche, auch etwas mit einem narzisstisch gefärbten Individualismus zu tun. Eine Art Grandiositäts-Sehnsucht: Alles wirklich Wichtige soll in meiner Lebenszeit passiert sein! Dass sich unsere Epoche im Nachhinein auch wieder nur als eine Zeit wie viele anderen erweist – turbulent, gefährlich, schwierig, aber auch über weite Strecken ganz normal – halten wir nicht gerne aus.

Kurzform: Gegenwarts-Eitelkeit macht aus der unübersichtlichen Gegenwart etwas ganz Besonderes – das schmeichelt uns. Durch die Definition einer „Ausnahmesituation” wird unser Bedürfnis nach Besonderheit und Drama befriedigt. Aber die Zukunft wird vielleicht viel „normaler” als wir denken.

3. Akzeleratismus

Das Beschleunigungs-Gerücht

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Die Idee, dass alles immer schneller wird, so dass „niemand mehr mithalten” kann, ist so alt wie städtische Gesellschaften. Schon die Athener beklagten die Hektik der Zeit, und die reichen Bürger aus der Millionenstadt Rom zogen sich gerne in die Provinz zurück – aufs Weingut oder ins beschauliche, entschleunigte Pompeij. Zwei Jahrtausende später brachte die Industrialisierung das „Rasende Getrieben Sein” in eine Art Dauerdiskurs. Der Heidelberger Neurologe Wilhelm Erb sprach in einer Rede in den 1890er Jahren Klagen vom »Hetzen und Jagen« und dem aufreibenden »Kampf ums Dasein«, der die Deutschen in immer höhere nervliche Verwirrung stieß. 1880 wurde das Krankheitsbild der Neurasthenie, der »nervösen Schwäche«, erstmals beschrieben – von George M. Beard, einem New Yorker Neurologen. Die Symptome reichten von allgemeinen Angstzuständen bis zu Impotenz und depressiven Verstimmungen – ganz ähnlich wie der heutige »Burnout«. 1910 war Neurasthenie die meistgestellte Krankheitsdiagnose im Deutschen Reich. „Die Entwicklung der Technik ist bei der Wehrlosigkeit vor der Technik angelangt“, schrieb Karl Kraus 1910.

Hundert Jahre zuvor schon hatte Goethe formuliert:
„Alles aber, mein Theuerster, ist jetzt ultra, alles transcendiert unaufhaltsam, im Denken wie im Thun. Niemand kennt sich mehr. Niemand versteht den Stoff, den er bearbeitet… Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert, und wonach jeder strebt.“

Heute ist der Satz von der „ständig zunehmenden Beschleunigung” ein täglich gemurmeltes Mantra auf jeder Business-Veranstaltung, jeder Dinner-Party, jeder Podiumsdiskussion. Aber STIMMT er auch? Nach den Gesetzen der „sublinearen Skalierung” die der Systemwissenschaftler Geoffrey West in seinem Buch »Scale« schildert, gibt es auch einen BREMS-Effekt durch die steigende Vernetzung.

Die KONNEKTIVITÄT der Welt ENTSCHLEUNIGT viele Prozesse. Jeder kennt das, wenn sein Unternehmen – oder seine Familie – immer mehr Vernetzungen einführt.
Der Autoverkehr in fast allen Ballungsgebieten der Welt ist heute deutlich verlangsamt. Zwischen Berlin und Hamburg verkehrte bereits 1925 ein Schienenzeppelin mit 220 Stundenkilometer. Die Concorde wurde Im Jahr 2011 außer Dienst gestellt. (OK, es gibt demnächst vielleicht wieder kleinere Überschall-Passagierflugzeuge…).

  • Viele Innovationen und Veränderungen scheitern heute an Vorschriften, Gesetzen, Einschränkungen, Protesten.
  • Menschen warten länger in Schlangen vor Check-ins, in Staus, beim Warten auf den Servicemann oder Briefträger.
  • Vor gut 100 Jahren, als Telefon, Funk, Auto, Flugzeug, Elektrisches Licht gleichzeitig erfunden wurden, war die Geschwindigkeit der WELTVERÄNDERUNG womöglich höher als heute – allerdings wurden nur wenige Menschen weltweit davon erreicht.

Der Philosoph Rüdiger Safranski formulierte in einem Interview des EUROPEAN:
„Heute erleben wir das, was sich kein früheres Jahrhundert erträumen konnte: das Erlebnis von Gleichzeitigkeit. Unsere Handlungs- und Wahrnehmungswelt gehen dramatisch auseinander. Das erzeugt unterschwellig eine unglaubliche Hysteriebereitschaft.”

Kurzform: Akzeleratismus – die Behauptung, dass „alles immer schneller wird” – ist eine Sinnestäuschung. Wir verwechseln Beschleunigung mit GLEICHZEITIGKEIT. Steigende Verdichtungen und Verknüpfungen können Prozesse wieder ENT-schleunigen.

4. Immerschlimmerismus

Die Übertreibungssucht ins Negative

Wir leben in einem Universum der totalen Medialisierung. Medien kämpfen, egal ob digital oder analog, gnadenlos um die wahrhaft knappe Ressource unserer Aufmerksamkeit. Journalismus hat sich deshalb im Laufe der Jahre, mit zunehmender Mediendichte, immer mehr zum Erregungshandwerk entwickelt. Panik, Angst und Übertreibung, Skandalisierung und »Panifizierung« wirken und einer hypervernetzen Welt wie Epidemien. Das Problem ist, dass wir diesen Lärm mit der Wirklichkeit &nash; und der Zukunft – verwechseln.

Die Welt ist nicht schlechter als früher, im Gegenteil: Die großen Datenlinien, die Megatrends, weisen auf graduelle Verbesserungen auf lange Sicht hin – siehe www.gapminder.org und viele andere „Faktivisten“-Plattformen). Durch den medialen Overkill wird das Normale katastrophiert und dämonisiert, jede Abweichung zum Weltende stilisiert und jedes Problem zum Menetekel aufgerüstet.

Familien sind Horte düsterer Vernachlässigung, Städte Brutstätten von Einsamkeit und Mieterhöhungen. Unternehmen beuten ihre Mitarbeiter schlimmer aus, als es Günter Wallraff je aufdecken konnte. In jedem Krankenhaus lauert der Tod, in jedem Schwimmbad der Übergriff islamischer Männer; Elternschaft ist lediglich narzisstische Selbstverwirklichung mit schrecklichen Folgeschäden oder gleich #regrettingmotherhood – siehe auch www.zeit.de.

  • Der Kamera-Effekt:
    Es stimmt, dass Jugendliche auf Bahnhöfen brutal Menschen zusammenschlagen. Man kann das auf Überwachungskameras sehen. Aber ist das das Symptom einer allgemeinen Verrohung? Des Spätkapitalismus? Nein, es stehen nur mehr Kameras auf Bahnhöfen, früher wurde man gnadenlos verprügelt, ohne dass das jemals ans Licht kam.
  • Komfortabilitätserwartung:
    Alles schwankt, alles ist im Fluss. Währungen schwanken, ebenso die Konjunktur, die nicht immer „auf Hochtouren” laufen kann. Mal geht es gut mit dem Beruf, mal muss man kämpfen. Auch die Liebe ist ein ordentliches Stück Schwankung. Im panischen Fühlen. werden aus allen Schwankungen jedoch immer angstreiche Kränkungen. „Europa ist am Ende!”, „Der Euro zerstört unsere Wirtschaft!” – „Die Wohlstandslüge” – „Das Ende der Arbeit!”. Hinter diesem Alarmismus steckt ein uneingestandener Verwöhnungsanspruch: Alle Gefahren wollen wir durch Sicherheit ersetzen, alle Kontinuitäten sollen auf ewig garantiert sein.
  • Apokalyptische Schadenfreude: Die Historikerin Eva Horn beschreibt in ihrem Buch „Zukunft als Katastrophe“ die psychologischen Mechanismen von Untergangs-Phantasien. Die Idee der finalen Katastrophe erzeugt ein Gleichheits- und Gerechtigkeitsgefühl. In der Apokalypse sind wir alle gleich. Alle Ungerechtigkeit wird ausgeglichen, wenn die Bombe fällt oder die Zombies kommen. Wenn die Welt untergeht, gibt es auch keine anderen, jüngeren, die ungerechterweise weiterleben…

Kurzversion:
Das Schlechtmachen der Welt dient oft der eigenen seelischen Kohärenz: Man möchte seine innere Unruhe mit der Welt in Einklang bringen. Negative Zukünfte haben großen Aufmerksamkeitswert und versprechen unbedingte Deutungsmacht.

5. Der Knappheits-Irrtum

Der Mangel als angstbesetztes Zukunftsprinzip

Technologie ist die Organisation von Überflüssen – heute wie in der Urzeit.
José Ortega y Gasset

In einem legendären Science-Fiction-Film aus den 70er Jahren, einem Klassiker der Dystopien, wird ein alter Mann in einem „Euthanasie-Raum” zum Tode gebracht. Im Sterben darf er die schönsten Natur-Bilder des Planeten Erde auf Rundumbildschirmen ansehen: üppige Korallenriffe, tiefe Wälder, grazile Gazellen im Buschland – alles was Mutter Erde an verschwenderischer Vielfalt und Schönheit zu bieten hat. Dazu ertönt Vivaldis Vierjahreszeiten. Im Plot des Films ist die Erde ist von der „Überbevölkerung” in eine Hunger-Hölle verwandelt worden. Auf den Straßen der Großstädte fallen die Menschen auf der Suche nach Nahrung übereinander her. Grundnahrungsmittel ist ein in staatlichen Fabriken massenhaft produziertes Protein, „Soylent Green”, das man in Keks- oder Breiform zu sich nimmt. Unvergessen ist der verstörte Schrei, als der Hauptdarsteller Charlton Heston am Ende des Films das Geheimnis herausbekommen hat: SOYLENT GREEN IST AUS MENSCHENFLEISCH !!!

Wenn wir in die Archive der Futurologie eintauchen, finden wir einen typischen Dauer-Prognose-Fehler: Die Behauptung der katastrophalen Knappheit „der Ressourcen”. In den Szenarien des Club of Rome ist das einundzwanzigste Jahrhundert, unsere Jetztzeit, immer die Zeit des großen Gemetzels. Eine Milliarde Hungertote, mindestens, Energieknappheiten, Nahrungsmangel etc. Das Öl etwa wäre nach ALLEN Club-of-Rome-Modellen um 2000 endgültig ausgegangen. Und ein gigantischer Wirtschaftszusammenbruch hätte Millionen und Abermillionen verelenden lassen. Doch was ist heute das größte weltweite Gesundheitsproblem, an dem Millionen Menschen frühzeitig sterben? Überernährung!

Knappheits-Paradigmen sind tief mit unseren „habits” unseren alltäglichen Gewohnheiten, Ritualen, unserer Moral verbunden (wir schalten immer noch das Licht aus, und viele „fassen sich kurz“ bei Ferntelefonaten). Das liegt daran, dass das Leben unserer Vorfahren TATSÄCHLICH von endlosen Knappheiten geprägt war. Unsere Vorfahren hatten vor allem eine Sorge: ES REICHT NICHT LANGE! In unserem unterbewussten seelischen Monitor haben wir immer noch das Gefühl, die Fülle, die man heute in einem Supermarkt erleben kann, sei nur eine Halluzination, ein Trick von Magiern, oder eine Verführung zynischer Götter. Die Tiere, die das viele Fleisch gebracht haben, kommen wahrscheinlich im nächsten Sommer nicht wieder. Und dann müssen wir alle verhungern…
Oder Soylent Green essen….

Kurzform:
Die menschliche Zukunfts-Wahrnehmung ist aus evolutionären Gründen auf die Antizipation existentieller Knappheiten ausgerichtet. Mit Perspektiven des Überflusses können wir mental nur schwer umgehen.

6. Der Wandelzwang oder die „Must-urbation”

Hysterische Belehrung als Selbsthypnose

© photocase.de

Wir müssen endlich zur Innovationsmetropole werden!
Alles muss sich ändern. Sofort!
Wer sich nicht radikal ändert, stirbt aus!
Wir müssen und auf die Welt der Künstlichen Intelligenz vorbereiten. Schnell!
Wir müssen gewappnet sind, wenn alle Arbeitsplätze von Robotern übernommen werden!
Wir müssen unseren Körper optimieren!
Wir müssen!
Wir müssen!
Wir müssen!

Menschen, die unsicher sind, schreien gerne ihre Botschaften heraus. Um das zu wissen, muss man nicht Herrn Trump studieren. Adrenalin spielt eine große Rolle bei vielen Zukunftsdiskussionen. Das Problem ist nur, dass diese „Müsseritis” meistens genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie intendiert. Sie demotiviert uns.

„Weite Teile der Wirtschaft haben noch nicht realisiert, dass der beschleunigte Wandel die Spielregeln, wie Wertschöpfung generiert wird, grundlegend verändern wird! Im Grunde genommen handelt es sich dabei um die von Schumpeter eingeführte „Schöpferische Zerstörung”… Wir werden uns anpassen müssen, oder…”

Der amerikanische Psychologe Albert Ellis hat diesen Wandelzwang listig als MUST-URBATION bezeichnet. Diese Figur des prophetischen Wandelzwangs hat eine große Tradition auch in der Religions- und Machtgeschichte. Wir wollen gerne jemandem folgen, der uns sagen kann, „wo es langgeht” – Motivationstrainer greifen auf dieses Bedürfnis zurück, Dikatoren, Sektenführer, aber auch charismatische Schlauköpfe. „Musturbierende” Zukunfts-Propheten kehren heute besonders in den technophilen Zukunftsvisionen zurück – Roboter, KI, alles wird hyperdigital und superkomfortabel, multidimensional und metavirtuell, ja das MUSS so sein! Vergiss alle Bedenken, alles wird radikal neu, alles wird großartig!

Unter uns gesagt: GAR NICHTS muss sich ändern!

© BCG

Kurzform:
Prognosen sind immer auch Narrative, in denen Deutungsmacht beansprucht wird. Dieser futuristische Machtanspruch schlägt in Form des Wandelwahns schnell um in normative, lautstarke Behauptungen, die mit „MÜSSEN”-Formulierungen unterlegt werden. Durch „Müssen-Müssen” entsteht jedoch niemals Wandel, sondern eher Resignation.

7. Futuristische Homogenität oder die Maya-Illusion

Die Illusion des durchgängig Neuen

Bisher wurde Zukunft immer als große Einheit dargestellt: Alle Menschen in gleichen Stretch-Uniformen. Aber ich glaube, die Zukunft wird erheblich variantenreicher sein als die Gegenwart. Alles ist ständig in Bewegung, es hängen viel lose Kabel aus den Wänden.
Matt Groening, Cartoonist, u.a. „Futurama“

© Utopia

Eine gängige Darstellung der Zukunft sieht ungefähr so aus: Wir sehen auf diesem Bild eine Zukunftsstadt, ohne Zweifel. In dieser Zukunftsstadt ist alles „neu”, was schon durch die blaue Farbe ausgewiesen wird. (Metall Glas Blau = Technik, neu). Menschen sind keine zu sehen, und das ist kein Zufall. Die Stadt, die hier zu sehen ist, ist nämlich keine Stadt für Menschen. Sondern eine BLAUPAUSE.

Die Evolution hat unsere Fähigkeit, uns Zukunft vorzustellen, in einer bestimmten „energiesparenden” Form codiert. Wir stellen uns erst das völlig von der Gegenwart ABWEICHENDE vor (die kognitive Dissonanz), dann versuchen wir, diese Idee „durchzudeklinieren”. Dies entspricht einem Phänomen, das die alten Mystiker Indiens MAYA nennen. Maya ist gleichbedeutend mit dem Wort Illusion, und es meint, dass wir uns EINBILDEN, die Realität als GANZES zu erschaffen. Auf die Zukunft bezogen bedeutet MAYA die Vorstellung, dass die Zukunft VOR uns liegt. Wir erschaffen sie sozusagen durch unsere Phantasie selbst – sie erscheint uns als durchgängige Wirklichkeit.

Alles Neue bringt das Alte zum Verschwinden – diese Formel regiert im Hintergrund vieler Zukunfts-Bilder. Als Gegenargument empfehle ich eine Übung. Gehen Sie einmal durch ihre Wohnung und „scannen” sie einmal, welche Gegenstände tatsächlich NEU sind im Sinne einer Technologie oder einer Machart, die es vor zehn Jahren noch nicht gab. Ähnliche Erfahrungen machen sie auf der Straße, in der sie leben. Gehen Sie den Bürgersteig entlang. Und versuchen sie, mit allen Zeit-Sinnen zu erfassen, was sich in den letzten 10, 20, 30 Jahren verändert hat. Plötzlich spüren Sie: gar nicht so viel!

Das Wesen der Welt ist die UNGLEICHZEITIGKEIT. Das zeigt sich schon in den anthropogenen Strukturen auf der Erde: Noch immer gibt es rund tausend indigene Gesellschaften. Stämme, die so leben wie vor 50.000 Jahren. Aber wir nehmen das Alte im Neuen nicht wirklich wahr, denn wir sind neotonische Wesen, das heisst, das NEUE fixiert unseren Blick.

Kurzform:
Wir glauben, dass die Zukunft ein von der Gegenwart klar abgegrenzter Raum ist, in dem alles utopisch homogenisiert ist. Dies tun wir, weil wir Zukunft als einen Ort des STAUNENS codieren. Die Zukunft wird aber immer ein Ort der Ungleichzeitigkeiten, Hybrisierungen und kulturellen Kontraste sein.

8. Die Kausalitäts-Falle

Über die falsche Ableitung von Phänomenen

Es regnet, weil es nass ist.
Das ist natürlich Blödsinn. Oder?

Wir werden älter, weil wir Geburtstag haben.
Das denken kleine Kinder. Aber Erwachsene meistens auch!

Reinigungskräfte haben fast doppelt so viele Kinder wie Bäcker.
2,1 im Durchschnitt, gegen 0,9 bei den Bäckern. Na klar, das haben Sie sich schon irgendwie gedacht! Putzfrauen gehören einer sozialen Schicht an, die besonders viele Kinder bekommen. WEIL sie so wenig verdienen.

Süßigkeiten führen zu Angststörungen und Depressionen. Dies vermuten Forscher um Anika Knüppel vom University College London nach der Auswertung der Daten von 8.000 Freiwilligen, die in Großbritannien seit den 1980er Jahren Auskunft über ihre Gesundheit, ihren Lebensstil und ihre Ernährungsgewohnheiten gegeben hatten. Männer, die öfter angegeben hatten, Kuchen, Schokolade, Softdrinks oder andere Süßigkeiten zu naschen, litten insgesamt auch häufiger an Angststörungen oder leichten bis schwereren Depressionen.

Immer, wenn wir zwei unterschiedliche Phänomenen konfrontiert werden, versuchen wir, dazwischen eine eindeutig kausale Verbindung herzustellen. Das hat sich im Großen und Ganzen bewährt. Es war nämlich für unser Ur-Vorfahren für das Überleben hilfreich, das Rascheln im Busch auf den bevorstehenden Angriff eines Säbelzahntigers zurückzuführen. Oder das spontane Rollen großer Steine von einem Felsvorsprung auf einen Angriff der Idioten vom Nachbarstamm „vorzudenken”. Für unsere Vorfahren war es vor allem wichtig, Operatibilität – Handlungsfähigkeit – zu erhöhen. Deshalb neigen wir zur Über-Kausalisierung.

Aber viele existentielle Phänomene auf der Welt sind komplex. Übergewicht zum Beispiel hat keine einzelne Ursache. Genau das aber suggerieren uns die Diäten und zahlreichen „Wundermittel“. Beim Krebs entsteht im Körper mit seinen über Millionen Jahre evolutionierten zellularen Arbeitsteilungen ein zweite, „wilde” Evolution. Wir rücken dieser Evolution mit „kausalen“ Mitteln zu Leibe – Chemie-Strahlen, Gifte – die sich aber nicht wirklich als hilfreich erweisen.

Putzkräfte sind übrigens meistens Frauen, und für Alleinerziehende ist die Berufswahl oft sehr eingeschränkt. Einen Putzjob liegt da auch wegen seiner relativen Flexibilität nahe. Bäcker sind meistens Männer und finden keine Frau, auch wegen der Arbeitszeiten, aber auch wegen der Zukunftsaussichten des Bäckergewerbes. Und Menschen, die in ihrem Leben schwere Zeiten hatten, die Traumata oder Traurigkeit leiden, essen zur Kompensation öfter Süßigkeiten. Und werden dicker.

Nur das mit dem Regen ist doch noch anders anders: Wenn man einmal in einem englischen Cottage an der walisischen Küste zwei Wochen im Regen feststeckte, weiß man, dass es, oh Wunder, tatsächlich SO SEIN KANN!
Es regnet, weil es nass ist!

Kurzform:
Wir konstruieren Zukunft als Aneinanderreihung starker Kausalketten, Dabei präferieren wir eindeutige Ursächlichkeit gegenüber schwachen Wechselwirkungen und ignorieren den Zufall.

9. Trend-Naivität

Haben sie schon einmal vom PUSSY SLAPPING-Trend gehört?

Im Sommer 2017 ging er durch viele Medien. Mädchen auf Schulhöfen haben die Angewohnheit entwickelt, sich gegenseitig auf die Pussy zu schlagen. „Bedenklicher Trend auf den Schulhöfen!!!”
Was sagt es uns über die Gesellschaft, in der wir leben? Unglaublich! Ein wahnsinnig sensationeller Trend!

Die armen Hospitantinnen, die im Frühjahr 2017 von zahlreichen Boulevard-Medien in Schulen geschickt wurden, um den Trend zu verifizieren, fanden keinerlei Anzeichen für massenhaftes Pussyschlagen. Ein Fake. Ein peinlicher, obszöner Blödsinn. Wieder mal „so ein Trend”. Aber was sagt uns das über „die Trends”?

Eine Trendbehauptung wirkt mit drei Effekten auf unser Hirn. Erstens ist ein Trend immer eine willkommene und entlastende VEREINFACHUNG: Aus dem Meer der Möglichkeiten wird ein isoliertes Phänomen herausgehoben und zum ICON gemacht. Zweitens erzeugt ein Trend durch sein „Naming”, (»Cocooning«, »PussySlapping«, etc.) einen neuronalen Staun-Effekt. Als Sprach-Wesen sind wir fasziniert, wenn wir mit neuen Worten konfrontiert werden. Vor allem wenn es sanft und irgendwie GUT klingt.

Drittens SCHMEICHELN Trends oft unseren Bedürfnissen oder Interessen. Wenn wir zum Beispiel Investmentbroker sind, geben wir gerne den Prognose-Trend-Kurven einen Drall nach oben. Wir behaupten einen Trend, wenn er uns nützt. Wir nutzten Trends im Sinne einer EXPECTATION BIAS: Wir ERWARTEN etwas und nehmen Trends als Beweis, dass es so kommen soll…

Politiker verkaufen Trends, um gewählt zu werden – als Bedrohungen oder als Versprechungen. Journalisten verkaufen Trends, weil sie „interessante Inhalte” verkaufen müssen – und dafür jedes noch so kleine Phänomen, jede halbseidene Vermutung, ausschlachten. Trends suggerieren Differenzierungs-Wissen: Sie handeln von Phänomenen, von denen nur WENIGE wissen. „Exklusiv” eben. Das erzeugt ein Vorteils-Versprechen, das Gier erzeugt – und damit den Impuls, „mitzurennen”. Man möchte auf keinen Fall etwas verpassen! Man möchte an vorderster Front mitverdienen! Das Ergebnis ist ein riesiger Haufen ziemlich unnützer Innovationen und undurchdachter „Brand-Extentions”, die sich am Markt nicht bewährt haben. Zum Beispiel Wellness-Salami und Wellness-Filzlatschen und Wellness-Gummibärchen und Wellness-Wasser, Oder Hiphop-Socken und Einhorn-Eis und Cocooning-Sofas…

Kurzform:
Wir sind leichtgläubig in Bezug auf Trendbehauptungen, weil sie uns eine Deutungsmacht verheißen und für bestimmte Interessen nutzbar sind. Wir vergessen, dass jeder Trend irgendwann einen “Peak” erreicht und danach abflaut.

10. Linearismus

Die Zukunft liegt nie geradeaus

© Zukunftsinstitut Horx GmbH

Und hier die wahre Meisterin aller Zukunftsirrtümer. Sozusagen der Generalirrtum, der alle anderen verbindet: Das Geradeausdenken.

Die Welt, in der wir leben, ist komplex. Es gibt in ihr unglaubliche Schönheit, aber auch ein großes Durcheinander. Unser Hirn ist auch komplex. Aber es ist begrenzt in seinen Kapazitäten, in seinen Möglichkeiten, die Welt zu konstruieren. Wir sind nicht allzu gut im Parallel-Denken, im Multitasking und zusammenfügen verschiedener Abstraktionsebenen. Wir sind nicht wirklich motiviert, wenn es um das Verstehen von Systemen geht. Denn Systeme sind meistens “langsam”. Sie lassen wenig Wirksamkeit zu.

Weil das so ist, präferieren wir Trends, die eine eindeutige Verlaufslinie haben: Aufwärts oder abwärts!
Wenn wir einen Trend darstellen, tun wir das meistens mit einer Geraden. Manchmal auch mit einer akzelerativen Kurve, deren Annahmen entweder aus Angst entstehen – negative Übertreibung – oder aus Gier – positive Übertreibung. Fast immer vergleichen wir einen Vergangenheitswert A mit einem Gegenwartswert B und ziehen danach eine weitere Aufwärtsbewegung nach vorne, zu C. Je nachdem, wie begeistert wir sind, oder was wir gerade verkaufen wollen (Eine Geschäftsmöglichkeit oder eine Angst), machen wir noch einen Schwung nach oben.

Was wir dabei gerne ignorieren, sind die Prozesse, die im Verlauf einer solchen Prognose IMMER auftreten.

  1. Der Wert, den wir für die Vergangenheit annehmen, ist oft falsch, weil er in ganz anderen Kontexten stattfand. Wenn wir etwa über Misshandlung in der Ehe oder sexuellen Missbrauch eine Trendlinie zeichnen wollen, haben wir in der Vergangenheit meist gar kein Daten-Material, weil nichts von dem Unglück in die Öffentlichkeit drang.
  2. Wir vergessen den KONTEXTWANDEL, der auf dem Weg der Geraden (oder Kurve) von heute bis zum Zeitpunkt C stattfindet.
  3. Wir schneiden gerne „hinten ab” Im Netz kursieren zum Beispiel hunderte von Kurven zur Bevölkerungsexplosion, die allesamt an jenem Punkt abgeschnitten sind, an die die Kurve nicht mehr steil nach oben geht, sondern abflacht. So entsteht der Eindruck der „Explosion”. Wenn, dann müssten wir unsere Trendkurve immer als SIGNOID zeichnen – als erst aufsteigende, kulminierende und dann abflachende Kurve.

Kurzform:
Linearismus ist die kognitive Rückfall-Form unseres Hirns in eine einfache gerade Linien- oder Kurvenlogik. Dabei werden Veränderungsphänomene aus ihrem Kontext isoliert und systemische Zusammenhänge ignoriert. Wir starren auf einen Trendverlauf und ignorieren die Komplexität.

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